Über den Traum1901-001/1911
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    I.

    In Zeiten, die wir vorwissenschaftliche nennen dürfen, waren die
    Menschen um die Erklärung des Traumes nicht verlegen. Wenn sie
    ihn nach dem Erwachen erinnerten, galt er ihnen als eine entweder
    gnädige oder feindselige Kundgebung höherer, dämonischer und gött-
    licher, Mächte. Mit dem Aufblühen naturwissenschaftlicher Denkweisen
    hat sich all diese sinnreiche Mythologie in Psychologie umgesetzt, und
    heute bezweifelt nur mehr eine geringe Minderzahl unter den Gebildeten,
    dass der Traum die eigene psychische Leistung des Träumers ist.

    Seit der Verwerfung der mythologischen Hypothese ist der Traum
    aber erklärungsbedürftig geworden. Die Bedingungen seiner Entstehung,
    seine Beziehung zum Seelenleben des Wachens, seine Abhängigkeit von
    Reizen, die sich während des Schlafzustandes zur Wahrnehmung drängen,
    die vielen dem wachen Denken anstössigen Eigentümlichkeiten seines
    Inhaltes, die Inkongruenz zwischen seinen Vorstellungsbildern und den
    an sie geknüpften Affekten, endlich die Flüchtigkeit des Traumes, die
    Art, wie das wache Denken ihn als fremdartig bei Seite schiebt, in der
    Erinnerung verstümmelt oder auslöscht: — all diese und noch andere
    Probleme verlangen seit vielen hundert Jahren nach Lösungen, die
    bis heute nicht befriedigend gegeben werden konnten. Im Vordergrunde
    des Interesses steht aber die Frage nach der Bedeutung des Traumes,
    die einen zweifachen Sinn in sich schliesst. Sie fragt erstens nach der
    psychischen Bedeutung des Träumens, nach der Stellung des Traumes
    zu anderen seelischen Vorgängen und nach einer etwaigen biologischen
    Funktion desselben, und zweitens möchte sie wissen, ob der Traum
    deutbar ist, ob der einzelne Trauminhalt einen „Sinn“ hat, wie wir
    ihn in anderen psychischen Kompositionen zu finden gewöhnt sind.

    Drei Richtungen machen sich in der Würdigung des Traumes
    bemerkbar. Die eine derselben, die gleichsam den Nachklang der alten
    Überschätzung des Traumes bewahrt hat, findet ihren Ausdruck bei
    manchen Philosophen. Ihnen gilt als die Grundlage des Traumlebens
    ein besonderer Zustand der Seelentätigkeit, den sie sogar als eine Er-
    hebung zu einer höheren Stufe feiern. So urteilt z. B. Schubert:
    Der Traum sei eine Befreiung des Geistes von der Gewalt der äusseren
     

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    Natur, eine Loslösung der Seele von den Fesseln der Sinnlichkeit.
    Andere Denker gehen nicht so weit, halten aber daran fest, dass die
    Träume wesentlich seelischen Anregungen entspringen und Äusserungen
    seelischer Kräfte darstellen, die tagsüber an ihrer freien Entfaltung
    behindert sind (der Traumphantasie — Scherner, Volkelt). Eine
    Fähigkeit zur Überleistung wenigstens auf gewissen Gebieten (Gedächtnis)
    wird dem Traumleben von einer grossen Anzahl von Beobachtern
    zugesprochen.

    Im scharfen Gegensatz hierzu vertritt die Mehrzahl ärztlicher
    Autoren eine Auffassung, welche dem Traum kaum noch den Wert
    eines psychischen Phänomens belässt. Die Erreger des Traumes sind
    nach ihnen ausschliesslich die Sinnes- und Leibreize, die entweder von
    aussen den Schläfer treffen oder zufällig in seinen inneren Organen rege
    werden. Das Geträumte hat nicht mehr Anspruch auf Sinn und Be-
    deutung als etwa die Tonfolge, welche die zehn Finger eines der Musik
    ganz unkundigen Menschen hervorrufen, wenn sie über die Tasten des
    Instrumentes hinlaufen. Der Traum ist geradezu als „ein körperlicher,
    in allen Fällen unnützer, in vielen Fällen krankhafter Vorgang“ zu kenn-
    zeichnen (Binz). Alle Eigentümlichkeiten des Traumlebens erklären sich
    aus der zusammenhangslosen, durch physiologische Reize erzwungenen
    Arbeit einzelner Organe oder Zellgruppen des sonst in Schlaf versenkten
    Gehirns.

    Wenig beeinflusst durch dieses Urteil der Wissenschaft und un-
    bekümmert um die Quellen des Traumes scheint die Volksmeinung an
    dem Glauben festzuhalten, dass der Traum denn doch einen Sinn habe,
    der sich auf die Verkündigung der Zukunft bezieht, und der durch
    irgend ein Verfahren der Deutung aus seinem oft verworrenen und
    rätselhaften Inhalt gewonnen werden könne. Die in Anwendung ge-
    brachten Deutungsmethoden bestehen darin, dass man den erinnerten
    Trauminhalt durch einen anderen ersetzt, entweder Stück für Stück
    nach einem feststehenden Schlüssel, oder das Ganze des Traumes
    durch ein anderes Ganzes, zu dem es in der Beziehung eines Symbols
    steht. Ernsthafte Männer lächeln über diese Bemühungen. „Träume
    sind Schäume.“

    II.

    Zu meiner grossen Überraschung entdeckte ich eines Tages,
    dass nicht die ärztliche, sondern die laienhafte, halb noch im Aber-
    glauben befangene Auffassung des Traumes der Wahrheit nahe kommt.
    Ich gelangte nämlich zu neuen Aufschlüssen über den Traum, indem ich
    eine neue Methode der psychologischen Untersuchung auf ihn anwendete,
    die mir bei der Lösung der Phobien, Zwangsideen, Wahnideen u. dgl.