Über den Traum1901-001/1911
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    berichtet z. B., dass seine Mannschaft während der Überwinterung im
    Eise bei monotoner Kost und schmalen Rationen regelmäßig wie die
    Kinder von grossen Mahlzeiten träumten, von Bergen von Tabak und
    vom Zuhausesein.

    Gar nicht selten hebt sich aus einem längeren, komplizierten und
    im ganzen verworrenen Traum ein besonders klares Stück hervor, das
    eine unverkennbare Wunscherfüllung enthält, aber mit anderem unver-
    ständlichem Material verlötet ist. Versucht man häufiger, auch die an-
    scheinend undurchsichtigen Träume Erwachsener zu analysieren, so erfährt
    man zu seiner Verwunderung, dass diese selten so einfach sind wie die
    Kinderträume, und dass sie etwa hinter der einen Wunscherfüllung noch
    anderen Sinn verbergen.

    Es wäre nun gewiss eine einfache und befriedigende Lösung der
    Traumrätsel, wenn etwa die Analysenarbeit uns ermöglichen sollte, auch
    die sinnlosen und verworrenen Träume Erwachsener auf den infantilen
    Typus der Erfüllung eines intensiv empfundenen Wunsches vom Tage
    zurückzuführen. Der Anschein spricht gewiss nicht für diese Erwartung.
    Die Träume sind meist voll des gleichgültigsten und fremdartigsten
    Materials, und von Wunscherfüllung ist in ihrem Inhalt nichts zu merken.

    Ehe wir aber die infantilen Träume, die unverhüllte Wunsch-
    erfüllungen sind, verlassen, wollen wir nicht versäumen, einen längst
    bemerkten Hauptcharakter des Traumes zu erwähnen, der gerade in
    dieser Gruppe am reinsten hervortritt. Ich kann jeden dieser Träume
    durch einen Wunschsatz ersetzen: Oh, hätte die Fahrt auf dem See
    doch länger gedauert; — wäre ich doch schon gewaschen und angezogen;
    — hätte ich doch die Kirschen behalten dürfen, anstatt sie dem Onkel
    zu geben; aber der Traum gibt mehr als diesen Optativ. Er zeigt den
    Wunsch als bereits erfüllt, stellt diese Erfüllung als real und gegen-
    wärtig dar, und das Material der Traumdarstellung besteht vorwiegend
    — wenn auch nicht ausschliesslich — aus Situationen und meist visuellen
    Sinnesbildern. Auch in dieser Gruppe wird also eine Art Umwandlung
    — die man als Traumarbeit bezeichnen darf — nicht völlig vermisst:
    Ein im Optativ stehender Gedanke ist durch eine Anschau-
    ung im Präsens ersetzt.

    IV.

    Wir werden geneigt sein anzunehmen, dass eine solche Umsetzung
    in eine Situation auch bei den verworrenen Träumen stattgefunden
    hat, wiewohl wir nicht wissen können, ob sie auch hier einen Optativ
    betraf. Das eingangs mitgeteilte Traumbeispiel, in dessen Analyse
    wir ein Stück weit eingegangen sind, gibt uns allerdings an zwei Stellen

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    Anlass, etwas derartiges zu vermuten. Es kommt in der Analyse vor,
    dass meine Frau sich an der Tafel mit anderen beschäftigt, was ich als
    unangenehm empfinde; der Traum enthält davon das genaue Gegen-
    teil
    , dass die Person, die meine Frau ersetzt, sich ganz mir zuwendet.
    Zu welchem Wunsch kann aber ein unangenehmes Erlebnis besser
    Anlass geben, als zu dem, dass sich das Gegenteil davon ereignet haben
    sollte, wie es der Traum als vollzogen enthält? In ganz ähnlichem
    Verhältnis steht der bittere Gedanke in der Analyse, dass ich nichts
    umsonst gehabt habe, zu der Rede der Frau im Traum: Sie haben ja
    immer so schöne Augen gehabt. Ein Teil der Gegensätzlichkeiten
    zwischen manifestem und latentem Trauminhalt dürfte sich also auf
    Wunscherfüllung zurückführen lassen.

    Augenfälliger ist aber eine andere Leistung der Traumarbeit, durch
    welche die inkohärenten Träume zustande kommen. Vergleicht man
    an einem beliebigen Beispiel die Zahl der Vorstellungselemente oder
    den Umfang der Niederschrift beim Traum und bei den Traumgedanken,
    zu denen die Analyse führt, und von denen man eine Spur im Traume
    wiederfindet, so kann man nicht bezweifeln, dass die Traumarbeit hier
    eine grossartige Zusammendrängung oder Verdichtung zustande
    gebracht hat. Über das Ausmaß dieser Verdichtung kann man sich
    zunächst ein Urteil nicht bilden; sie imponiert aber um so mehr, je
    tiefer man in die Traumanalyse eingedrungen ist. Da findet man dann
    kein Element des Trauminhaltes, von dem die Assoziationsfäden nicht
    nach zwei oder mehr Richtungen auseinandergingen, keine Situation, die
    nicht aus zwei oder mehr Eindrücken und Erlebnissen zusammengestückelt
    wäre. Ich träumte z. B. einmal von einer Art Schwimmbassin, in dem
    die Badenden nach allen Richtungen auseinanderfuhren; an einer Stelle
    des Randes stand eine Person, die sich zu einer badenden Person neigte,
    wie um sie herauszuziehen. Die Situation war zusammengesetzt aus
    der Erinnerung an ein Erlebnis der Pubertätszeit und aus zwei Bildern,
    von denen ich eines kurz vor dem Traum gesehen hatte. Die zwei
    Bilder waren das der Überraschung im Bade aus dem Schwindschen
    Zyklus Melusine (siehe die auseinanderfahrenden Badenden) und ein
    Sintflutbild eines italienischen Meisters. Das kleine Erlebnis aber
    hatte darin bestanden, dass ich zusehen konnte, wie in der Schwimm-
    schule der Bademeister einer Dame aus dem Wasser half, die sich bis
    zum Eintritt der Herrenstunde verspätet hatte. — Die Situation in dem
    zur Analyse gewählten Beispiel leitet mich bei der Analyse auf eine
    kleine Reihe von Erinnerungen, von denen jede zum Trauminhalt etwas
    beigesteuert hat. Zunächst ist es die kleine Szene aus der Zeit meiner
    Werbung, von der ich bereits gesprochen; ein Händedruck unter dem
    Tisch, der damals vorfiel, hat für den Traum das Detail „unter dem
    Tisch“, das ich der Erinnerung nachträglich einfügen muss, geliefert.

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    Von „Zuwendung“ war natürlich damals keine Rede; ich weiss aus der
    Analyse, dass dieses Element die Wunscherfüllung durch Gegensatz ist,
    die zum Benehmen meiner Frau an der Table d’hôte gehört. Hinter
    dieser rezenten Erinnerung verbirgt sich aber eine ganz ähnliche und
    viel bedeutsamere Szene aus unserer Verlobungszeit, die uns für einen
    ganzen Tag entzweite. Die Vertraulichkeit, die Hand auf das Knie zu
    legen, gehört in einen ganz verschiedenen Zusammenhang und zu ganz
    anderen Personen. Dieses Traumelement wird selbst wieder zum Aus-
    gangspunkt zweier besonderer Erinnerungsreihen u. s. w.

    Das Material aus den Traumgedanken, welches zur Bildung der
    Traumsituation zusammengeschoben wird, muss natürlich für diese Ver-
    wendung von vorneherein brauchbar sein. Es bedarf hierzu eines — 
    oder mehrerer — in allen Komponenten vorhandenen Gemeinsamen.
    Die Traumarbeit verfährt dann wie Francis Galton bei der Her-
    stellung seiner Familienphotographien. Sie bringt die verschiedenen
    Komponenten wie übereinander gelegt zur Deckung; dann tritt das
    Gemeinsame im Gesamtbild deutlich hervor, die widersprechenden
    Details löschen einander nahezu aus. Dieser Herstellungsprozess erklärt
    auch zum Teil die schwankenden Bestimmungen eigentümlicher Ver-
    schwommenheit so vieler Elemente des Trauminhalts. Die Traumdeutung
    spricht auf dieser Einsicht fussend folgende Regel aus: Wo sich bei der
    Analyse eine Unbestimmtheit noch in ein entweder—oder auf-
    lösen lässt, da ersetze man dies für die Deutung durch ein „und“ und
    nehme jedes Glied der scheinbaren Alternative zum unabhängigen Aus-
    gang einer Reihe von Einfällen.

    Wo solche Gemeinsame zwischen den Traumgedanken nicht vor-
    handen sind, da bemüht sich die Traumarbeit solche zu schaffen, um
    die gemeinsame Darstellung im Traume zu ermöglichen. Der bequemste
    Weg, um zwei Traumgedanken, die noch nichts Gemeinsames haben,
    einander näher zu bringen, besteht in der Veränderung des sprachlichen
    Ausdrucks für den einen, wobei ihm etwa noch der andere durch eine
    entsprechende Umgiessung in einen andern Ausdruck entgegenkommt.
    Es ist das ein ähnlicher Vorgang wie beim Reime schmieden, wobei der
    Gleichklang das gesuchte Gemeinsame ersetzt. Ein gutes Stück der
    Traumarbeit besteht in der Schöpfung solcher häufig sehr witzig,
    oft aber gezwungen erscheinenden Zwischengedanken, welche von der
    gemeinsamen Darstellung im Trauminhalt bis zu den nach Form
    und Wesen verschiedenen, durch die Traumanlässe motivierten Traum-
    gedanken reichen. Auch in der Analyse unseres Traumbeispiels finde
    ich einen derartigen Fall von Umformung eines Gedankens zum
    Zwecke des Zusammentreffens mit einem anderen, ihm wesensfremden. 
    Bei der Fortsetzung der Analyse stosse ich nämlich auf den Ge-
    danken: Ich möchte auch einmal etwas umsonst haben;

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    aber diese Form ist für den Trauminhalt nicht brauchbar. Sie wird
    darum durch eine neue ersetzt: Ich möchte gerne etwas ge-
    niessen ohne „Kosten“ zu haben
    . Das Wort Kosten passt nun
    mit seiner zweiten Bedeutung in den Vorstellungskreis der Table d’hôte
    und kann seine Darstellung durch den im Traum aufgetischten Spinat
    finden. Wenn bei uns eine Speise zu Tische kommt, welche von den
    Kindern abgelehnt wird, so versucht es die Mutter wohl zuerst mit
    Milde und fordert von den Kindern: Nur ein bischen kosten.
    Dass die Traumarbeit die Zweideutigkeit der Worte so unbedenklich
    ausnützt, erscheint zwar sonderbar, stellt sich aber bei reicherer Er-
    fahrung als ein ganz gewöhnliches Vorkommnis heraus.

    Durch die Verdichtungsarbeit des Traumes erklären sich auch
    gewisse Bestandteile seines Inhaltes, die nur ihm eigentümlich sind und
    im wachen Vorstellen nicht gefunden werden. Es sind dies die Sammel-
    und Mischpersonen und die sonderbaren Mischgebilde, Schöpfungen,
    den Tierkompositionen orientalischer Völkerphantasie vergleichbar, die
    aber in unserem Denken bereits zu Einheiten erstarrt sind, während die
    Traumkompositionen in unerschöpflichem Reichtum immer neu gebildet
    werden. Jeder kennt solche Gebilde aus seinen eigenen Träumen; die
    Weisen ihrer Herstellung sind sehr mannigfaltig. Ich kann eine Person
    zusammensetzen, indem ich ihr Züge von der einen und von der anderen
    verleihe, oder indem ich ihr die Gestalt der einen gebe und dabei im
    Traum den Namen der anderen denke, oder ich kann die eine Person
    visuell vorstellen, sie aber in eine Situation versetzen, die sich mit der
    anderen ereignet hat. In all diesen Fällen ist die Zusammenziehung ver-
    schiedener Personen zu einem einzigen Vertreter im Trauminhalt sinnvoll,
    sie soll ein „und“, „gleichwie“, eine Gleichstellung der originalen Personen
    in einer gewissen Hinsicht bedeuten, die auch im Traum selbst erwähnt
    sein kann. In der Regel aber ist diese Gemeinsamkeit der verschmolzenen
    Personen erst durch die Analyse aufzusuchen und wird im Trauminhalt
    eben bloss durch die Bildung der Sammelperson angedeutet.

    Dieselbe Mannigfaltigkeit der Herstellungsweise und die nämliche
    Regel bei der Auflösung gilt auch für die unermesslich reichhaltigen
    Mischgebilde des Trauminhaltes, von denen ich Beispiele wohl nicht
    anzuführen brauche. Ihre Sonderbarkeit verschwindet ganz, wenn wir
    uns entschliessen, sie nicht in eine Reihe mit den Objekten der Wahr-
    nehmung im Wachen zu stellen, sondern uns erinnern, dass sie eine
    Leistung der Traumverdichtung darstellen und in treffender Abkürzung
    einen gemeinsamen Charakter der so kombinierten Objekte hervorheben.
    Die Gemeinsamkeit ist auch hier meist aus der Analyse einzusetzen. Der
    Trauminhalt sagt gleichsam nur aus: Alle diese Dinge haben ein X
    gemeinsam
    . Die Zersetzung solcher Mischgebilde durch die Analyse führt
    oft auf dem kürzesten Weg zur Bedeutung des Traumes. So träumte

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    ich einmal, dass ich mit einem meiner früheren Universitätslehrer in
    einer Bank sitze, die mitten unter anderen Bänken eine rasch fort-
    schreitende Bewegung erfährt. Es war dies eine Kombination von Hörsaal
    und Trottoir roulant. Die weitere Verfolgung des Gedankens übergehe ich.
    — Ein andermal sitze ich im Waggon und halte auf dem Schoss einen
    Gegenstand von der Form eines Zylinderhutes, der aber aus durchsichtigem
    Glas besteht. Die Situation lässt mir sofort das Sprichwort einfallen: Mit
    dem Hute in der Hand kommt man durchs ganze Land. Der Glaszylinder
    erinnert auf kurzen Umwegen an das Auersche Licht, und ich weiss
    bald, dass ich eine Erfindung machen möchte, die mich so reich und
    unabhängig werden lässt wie meinen Landsmann, den Dr. Auer von
    Welsbach, die seinige, und dass ich dann Reisen machen will anstatt
    in Wien zu bleiben. Im Traume reise ich mit meiner Erfindung — dem
    allerdings noch nicht gebräuchlichen Hutzylinder aus Glas. — Ganz
    besonders liebt es die Traumarbeit zwei in gegensätzlicher Beziehung
    stehende Vorstellungen durch das nämliche Mischgebilde darzustellen,
    so z. B. wenn eine Frau sich im Traume einen hohen Blumenstengel
    tragend sieht, wie der Engel auf den Bildern von Mariä Verkündigung
    dargestellt wird (Unschuld — Marie ist ihr eigener Name), der Stengel
    aber mit dicken, weissen Blüten besetzt ist, die Kamelien gleichen
    (Gegensatz zu Unschuld: Kameliendame).

    Ein gutes Stück dessen, was wir über die Traumverdichtung
    erfahren haben, lässt sich in der Formel zusammenfassen: Jedes der
    Elemente des Trauminhaltes ist durch das Material der Traumgedanken
    überdeterminiert, führt seine Abstammung nicht auf ein einzelnes
    Element der Traumgedanken, sondern auf eine ganze Reihe von solchen
    zurück, die einander in den Traumgedanken keineswegs nahe stehen
    müssen, sondern den verschiedensten Bezirken des Gedankengewebes
    angehören können. Das Traumelement ist im richtigen Sinne die Ver-
    tretung
    im Trauminhalt für all dies disparate Material. Die
    Analyse deckt aber noch eine andere Seite der zusammengesetzten
    Beziehung zwischen Trauminhalt und Traumgedanken auf. So wie von
    jedem Traumelement Verbindungen zu mehreren Traumgedanken führen,
    so ist auch in der Regel ein Traumgedanke durch mehr als
    ein Traumelement vertreten
    ; die Assoziationsfäden konvergieren
    nicht einfach von den Traumgedanken bis zum Trauminhalt, sondern
    überkreuzen und durchweben sich vielfach unterwegs.

    Neben der Verwandlung eines Gedankens in eine Situation (der
    „Dramatisierung“) ist die Verdichtung der wichtigste und eigentümlichste
    Charakter der Traumarbeit. Von einem Motiv, welches zu solcher Zu-
    sammendrängung des Inhaltes nötigen würde, ist uns aber zunächst
    nichts enthüllt worden.