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    [303]

    VII
    DIE IDENTIFIZIERUNG

    Die Identifizierung ist der Psychoanalyse als früheste Äußerung
    einer Gefühlsbindung an eine andere Person bekannt. Sie Spielt
    in der Vorgeschichte des Ödipuskomplexes eine Rolle. Der kleine
    Knabe legt ein besonderes Interesse für seinen Vater an den Tag,
    er möchte so werden und so sein wie er, in allen Stücken an
    seine Stelle treten. Sagen wir ruhig: er nimmt den Vater zu
    seinem Ideal. Dies Verhalten hat nichts mit einer passiven oder
    femininen Einstellung zum Vater (und zum Manne überhaupt)
    zu tun, es ist vielmehr exquisit männlich. Es verträgt sich sehr
    wohl mit dem Ödipuskomplex, den es vorbereiten hilft.

    Gleichzeitig mit dieser Identifizierung mit dem Vater, vielleicht
    sogar vorher, hat der Knabe begonnen, eine richtige Objekt-
    besetzung der Mutter nach dem Anlehnungstypus vorzunehmen.
    Er zeigt also dann zwei psychologisch verschiedene Bindungen,
    zur Mutter eine glatt sexuelle Objektbesetzung, zum Vater eine
    vorbildliche Identifizierung. Die beiden bestehen eine Weile neben-
    einander, ohne gegenseitige Beeinflussung oder Störung. Infolge
    der unaufhaltsam fortschreitenden Vereinheitlichung des Seelen-
    lebens trefl'en sie sich endlich und durch dies Zusammenströmen
    entsteht der normale Ödipuskomplex. Der Kleine merkt, daß
    ihm der Vater bei der Mutter im Wege steht, seine Identifizierung
    mit dem Vater nimmt jetzt eine feindselige Tönung an und
    wird mit dem Wunsch identisch, den Vater auch bei der Mutter

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    zu ersetzen. Die Identifizierung ist eben von Anfang an ambivalent,
    sie kann sich ebenso zum Ausdruck der Zärtlichkeit wie zum
    Wunsch der Beseitigung wenden. Sie benimmt sich wie ein
    Abkömmling der ersten oralen Phase der Libidoorganisation, in
    welcher man sich das begehrte und geschätzte Objekt durch
    Essen einverleibte und es dabei als solches vernichtete. Der
    Kannibale bleibt bekanntlich auf diesem Standpunkt stehen; er
    hat seine Feinde zum Fressen lieb, und er frißt die nicht, die
    er nicht irgendwie lieb haben kann.1

    Das Schicksal dieser Vateridentifizierung verliert man später leicht
    aus den Augen. Es kann dann geschehen, daß der Ödipuskomplex
    eine Umkehrung erfährt, daß der Vater in femininer Einstellung zum
    Objekte genommen wird, von dem die direkten Sexualtriebe ihre
    Befriedigung erwarten, und dann ist die Vateridentifizierung zum
    Vorläufer der Objektbindung an den Vater geworden. Dasselbe
    gilt mit den entsprechenden Ersetzungen auch für die kleine
    Tochter.

    Es ist leicht, den Unterschied einer solchen Vateridentifizierung
    von einer Vaterobjektwahl in einer Formel auszusprechen. Im
    ersten Falle ist der Vater das, was man sein, im zweiten das,
    was man haben möchte. Es ist also der Unterschied, ob die
    Bindung am Subjekt oder am Objekt des Ichs angreift. Die erstere
    ist. darum bereits vor jeder sexuellen Objektwahl möglich. Es ist
    weit schwieriger, diese Verschiedenheit metapsychologisch an-
    schaulich darzustellen. Man erkennt nur, die Identifizierung strebt
    danach, das eigene Ich ähnlich zu gestalten wie das andere zum
    „Vorbild“ genommene.

    Aus einem verwickelteren Zusammenhange lösen wir die
    Identifizierung bei einer neurotischen Symptombildung. Das kleine
    Mädchen, an das wir uns jetzt halten wollen, bekomme dasselbe

    1) S. „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ und Abraham: „Untersuchungen
    über die früheste prägenitale Entwicklungsstufe der Libido.“ Intern. Zeitschr. f. Psycho-
    analyse, IV, 1916, auch in dessen „Klinische Beiträge zur Psychoanalyse“. Intern.
    Psychoanalyt. Bibliothek, Bd. 10, 1921.

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    Leidenssymptom wie seine Mutter, zum Beispiel denselben quälenden
    Husten. Das kann nun auf verschiedenen Wegen zugeheu.
    Entweder ist die Identifizierung dieselbe aus dem Ödipuskomplex,
    die ein feindseliges Ersetzenwollen der Mutter bedeutet, und das
    Symptom drückt die Objektliebe zum Vater aus; es realisiert die
    Ersetzung der Mutter unter dem Einfluß des Schuldbewußtseins:
    Du hast die Mutter sein wollen, jetzt bist du's wenigstens im
    Leiden. Das ist dann der komplette Mechanismus der hysterischen
    Symptombildung. Oder aber das Symptom ist dasselbe wie das
    der geliebten Person (so wie zum Beispiel Dora im „Bruchstück
    einer Hysterieanalyse“ den Husten des Vaters imitiert); dann
    können wir den Sachverhalt nur so beschreiben, die Identi-
    fizierung sei an Stelle der Objektwahl getreten,
    die Objektwahl sei zur Identifizierung regrediert.

    Wir haben gehört, daß die Identifizierung die früheste und
    ursprünglichste Form der Gefühlsbindung ist; unter den Verhält-
    nissen der Symptomhildung, also der Verdrängung, und der
    Herrschaft der Mechanismen des Unbewußten kommt es oft vor,
    daß die Objektwahl wieder zur Identifizierung wird, also das Ich
    die Eigenschaften des Objektes an sich nimmt. Bemerkenswert
    ist es, daß das Ich bei diesen Identifizierungen das eine Mal die
    ungeliebte, das andere Mal aber die geliebte Person kopiert. Es
    muß uns auch auffallen, daß beide Male die Identifizierung eine
    partielle, höchst beschränkte ist, nur einen einzigen Zug von der
    Objektperson entlehnt.

    Es ist ein dritter, besonders häufiger und bedeutsamer Fall
    der Symptombildung, daß die Identifizierung vom Objektverhältnis
    zur kopierten Person ganz absieht. Wenn zum Beispiel eines der
    Mädchen im Pensionat einen Brief vom geheim Geliebten
    bekommen hat, der ihre Eifersucht erregt, und auf den sie mit
    einem hysterischen Anfall reagiert, so werden einige ihrer Freun-
    dinnen, die darum wissen, diesen Anfall übernehmen, wie wir
    sagen, auf dem Wege der psychischen Infektion. Der Mechanismus

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    ist der der Identifizierung auf Grund des sich in dieselbe Lage
    Versetzenkönnens oder Versetzenwollens. Die anderen möchten
    auch ein geheimes Liebesverhältnis haben und akzeptieren unter
    dem Einfluß des Schuldbewußtseins auch das damit verbundene
    Leid. Es wäre unrichtig zu behaupten, sie eignen sich das
    Symptom aus Mitgefühl an. Im Gegenteil, das Mitgefühl entsteht
    erst aus der Identifizierung, und der Beweis hiefür ist, daß sich
    solche Infektion oder Imitation auch unter Umständen herstellt,
    wo noch geringere vorgängige Sympathie zwischen beiden
    anzunehmen ist, als unter Pensionsfreundinnen zu bestehen pflegt.
    Das eine Ich hat am anderen eine bedeutsame Analogie in einem
    Punkte wahrgenommen, in unserem Beispiel in der gleichen
    Gefühlsbereitschaft, es bildet sich daraufhin eine Identifizierung
    in diesem Punkte, und unter dem Einfluß der pathogenen
    Situation verschiebt sich diese Identifizierung zum Symptom,
    welches das eine Ich produziert hat. Die Identifizierung durch
    das Symptom wird so zum Anzeichen für eine Deckungsstelle
    der beiden Ich, die verdrängt gehalten werden soll.

    Das aus diesen drei Quellen Gelernte können wir dahin
    zusammenfassen, daß erstens die Identifizierung die ursprünglichste
    Form der Gefühlsbindung an ein Objekt ist, zweitens daß sie auf
    regressivem Wege zum Ersatz für eine libidinöse Objektbinduug
    wird, gleichsam durch Introjektion des Objekts ins Ich, und daß
    sie drittens bei jeder neu wahrgenommenen Gemeinsamkeit mit
    einer Person, die nicht Objekt der Sexualtriebe ist, entstehen
    kann. Je bedeutsamer diese Gemeinsamkeit ist, desto erfolgreicher
    muß diese partielle Identifizierung werden können und so dem
    Anfang einer neuen Bindung entsprechen.

    Wir ahnen bereits, daß die gegenseitige Bindung der Massen-
    individuen von der Natur einer solchen Identifizierung durch
    eine wichtige affektive Gemeinsamkeit ist, und können ver-
    muten, diese Gemeinsamkeit liege in der Art der Bindung an
    den Führer. Eine andere Ahnung kann uns sagen, daß wir weit

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    davon entfernt sind, das Problem der Identifizierung erschöpft zu
    haben, daß wir vor dem Vorgang stehen, den die Psychologie
    „Einfühlung“ heißt, und der den größten Anteil an unserem
    Verständnis für das Ichfremde anderer Personen hat. Aber wir
    wollen uns hier auf die nächsten effektiven Wirkungen der
    Identifizierung beschränken und auch ihre Bedeutung für unser
    intellektuelles Leben beiseite lassen.

    Die psychoanalytische Forschung, die gelegentlich auch schon
    die schwierigeren Probleme der Psychosen in Angriff genommen
    hat, konnte uns auch die Identifizierung in einigen anderen Fällen auf-
    zeigen, die unserem Verständnis nicht ohne weiteres zugänglich
    sind. Ich werde zwei dieser Fälle als Stoff für unsere weiteren
    Überlegungen ausführlich behandeln.

    Die Genese der männlichen Homosexualität ist in einer großen
    Reihe von Fällen die folgende: Der junge Mann ist ungewöhn-
    lich lange und intensiv im Sinne des Ödipuskomplexes an seine
    Mutter fixiert gewesen. Endlich kommt doch nach vollendeter
    Pubertät die Zeit, die Mutter gegen ein anderes Sexualobjekt zu
    vertauschen. Da geschieht eine plötzliche Wendung; der Jüngling
    verläßt nicht seine Mutter, sondern identifiziert sich mit ihr, er
    wandelt sich in sie um und sucht jetzt nach Objekten, die ihm
    sein Ich ersetzen können, die er so lieben und pflegen kann, wie
    er es von der Mutter erfahren hatte. Dies ist ein häufiger Vor-
    gang, der beliebig oft bestätigt werden kann und natürlich ganz
    unabhängig von jeder Annahme ist, die man über die organische
    Triebkraft und die Motive jener plötzlichen Wandlung macht.
    Auffällig an dieser Identifizierung ist ihre Ausgiebigkeit, sie wandelt
    das Ich in einem höchst wichtigen Stück, im Sexualcharakter,
    nach dem Vorbild des bisherigen Objekts um. Dabei wird das
    Objekt selbst aufgegeben; ob durchaus oder nur in dem Sinne,
    daß es im Unbewußten erhalten bleibt, steht hier außer Dis-
    kussion. Die Identifizierung mit dem aufgegebenen oder verlorenen
    Objekt zum Ersatz desselben, die Introjektion dieses Objekts ins

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    Ich, ist für uns allerdings keine Neuheit mehr. Ein solcher Vor-
    gang läßt sich gelegentlich am kleinen Kind unmittelbar
    beobachten. Kürzlich wurde in der Internationalen Zeitschrift für
    Psychoanalyse eine solche Beobachtung veröffentlicht, daß ein Kind,
    das unglücklich über den Verlust eines Kätzchens war, frischweg
    erklärte, es sei jetzt selbst das Kätzchen, dementsprechend auf
    allen Vieren kroch, nicht am Tische essen wollte usw.1

    Ein anderes Beispiel von solcher Introjektion des Objekts hat
    uns die Analyse der Melancholie gegeben, welche Affektion ja
    den realen oder aliektiven Verlust des geliebten Objekts unter
    ihre auffälligsten Veranlassungen zählt. Ein Hauptcharakter dieser
    Fälle ist die grausame Selbstherabsetzung des Ichs in Verbindung
    mit schonungsloser Selbstkritik und bitteren Selbstverwürfen.
    Analysen haben ergeben, daß diese Einschätzung und diese Vor-
    würfe im Grunde dem Objekt gelten und die Rache des Ichs an
    diesem darstellen. Der Schatten des Objekts ist auf das Ich
    gefallen, sagte ich an anderer Stelle.2 Die Introjektion des Objekts
    ist hier von unverkennbarer Deutlichkeit.

    Diese Melancholien zeigen uns aber noch etwas anderes, was
    für unsere späteren Betrachtungen wichtig werden kann. Sie
    zeigen uns das Ich geteilt, in zwei Stücke zerfällt, von denen
    das eine gegen das andere wütet. Dies andere Stück ist das durch
    Introjektion veränderte, das das verlorene Objekt einschließt. Aber
    auch das Stück, das sich so grausam betätigt, ist uns nicht unbe-
    kannt. Es schließt das Gewissen ein, eine kritische Instanz im
    Ich, die sich auch in normalen Zeiten dem Ich kritisch gegen-
    übergestellt hat, nur niemals so unerbittlich und so ungerecht.
    Wir haben schon bei früheren Anlässen die Annahme machen
    müssen (Narzißmus, Trauer und Melancholie), daß sich in unserem
    Ich eine solche Instanz entwickelt, welche sich vom anderen Ich

    1) Markuszewicz, Beitrag zum autistischen Denken bei Kindern. Inter-
    nationale Zeitschrift für Psychoanalyse, VI., 1920.

    2) Trauer und Melancholie. Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre.
    IV. Folge. 1918. [Ges. Schriften Bd. V.]

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    absondern und in Konflikte mit ihm geraten kann. Wir nannten
    sie das „Ichideal“ und schrieben ihr an Funktionen die Selbst-
    beobachtung, das moralische Gewissen, die Traumzensur und den
    Haupteinfluß bei der Verdrängung zu. Wir sagten, sie sei der
    Erbe des ursprünglichen Narzißmus, in dem das kindliche Ich
    sich selbst genügte. Allmählich nehme sie aus den. Einflüssen der
    Umgebung die Anforderungen auf, die diese an das Ich stelle,
    denen das Ich nicht immer nachkomrnen könne, so daß der
    Mensch, wo er mit seinem Ich selbst nicht zufrieden sein kann,
    doch seine Befriedigung in dem aus dem Ich differenzierten Ich-
    ideal finden dürfe. Im Beobachtungswahn, stellten wir ferner fest,
    werde der Zerfall dieser Instanz offenkundig und dabei ihre Her-
    kunft aus den Einflüssen der Autoritäten, voran der Eltern, auf-
    gedeckt.1 Wir haben aber nicht vergessen anzuführen, daß das Maß
    der Entfernung dieses Ichideals vom aktuellen Ich für das einzelne
    Individuum sehr variabel ist, und daß bei vielen diese Differen-
    zierung innerhalb des Ichs nicht weiter reicht als beim Kinde.

    Ehe wir aber diesen Stoff zum Verständnis der libidinösen
    Organisation einer Masse verwenden können, müssen wir einige
    andere Wechselbeziehungen zwischen Objekt und Ich in Betracht
    ziehen.2

    1) Zur Einführung des Narzißmus, l. c.

    2) Wir wissen sehr gut, daß wir mit diesen der Pathologie entnommenen Bei-
    spielen das Wesen der Identifizierung nicht erschöpft haben und. somit am Rätsel
    der Massenhildung ein Stück unangeriihrt lassen. Hier müßte eine viel gründlichere
    und mehr umfassende psychologische Analyse eingreifen. Von der Identifizierung
    führt ein Weg über die Nachahmung zur Einfühlung, das heißt zum Verständnis des
    Mechanismus, durch den uns überhaupt eine Stellungnahme zu einem anderen Seelen-
    leben ermöglicht wird. Auch an den Äußerungen einer bestehenden Identifizierung
    ist noch vieles aufzuklären. Sie hat unter anderem die Folge, daß man die Aggres-
    sion gegen die Person, mit der man sich identifiziert hat, einschränkt, sie verschont
    und. ihr Hilfe leistet. Das Studium solcher Identifizierungen, wie sie zum Beispiel
    der Clangemeinschaft zugrunde liegen, ergab Robertson Smith das über-
    raschende Resultat, daß sie auf der Anerkennung einer gemeinsamen Substanz
    beruhen (Kinship and Marriege, 1885), daher auch durch eine gemeinsam genommene
    Mahlzeit geschaffen werden können. Dieser Zug gestattet es, eine solche Identifi-
    zierung mit der von mir in „Totem und Tabu“ konstruierten Urgeschichte der
    menschlichen Familie zu verknüpfen.