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Allenstein, 16. 12. 17. Lieber Herr Professor, Es sind in diesen Tagen genau zehn Jahre, daß ich Sie zum ersten Male, gleich nach meiner Niederlassung, in Wien aufsuchte! Ein wenig sind in letzter Zeit die Hoffnungen gestiegen, daß ich in absehbarer Zeit wieder in Berlin bin und dann auch wieder einmal nach Wien kommen kann. Damit fangen die Zukunftspläne an, etwas festere Gestalt zu gewinnen. Vor einer Woche hatte ich einen kranken Offizier von meinem Lazarett nach Bremen zu überführen, hatte dadurch Gelegenheit, zwei Tage bei meiner Mutter zuzubringen und benutzte einen kurzen Aufenthalt in Berlin, um Geh. Rat Bonhoeffer aufzusuchen und mit ihm über die Frage der Habilitation zu sprechen. Ich wußte, daß B.. eine durchaus konziliante Natur ist, sich auch von allen Ausfällen gegen uns ferngehalten hat. Er zeigte sich mir persönlich durchaus entgegenkommend, machte mich auf alle Hindernisse aufmerksam und obwohl er mir – in sehr ehrlicher Weise – keinerlei Versprechungen machte, so verhielt er sich doch auch nicht prinzipiell ablehnend. Er erklärte mir, sich u.a. bei Bleuler über meine wissenschaftliche Qualifikation erkundigen zu wollen, bat mich außerdem um ein Verzeichnis meiner Publikationen. Mir scheint die Sache also nicht ganz
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aussichtslos. Ein Punkt kam zwischen uns nicht zur Sprache, der aber von Bedeutung ist. Die Befürchtung liegt ja für B. allzu nahe, daß ein Anhänger einer »extremen« Richtung in seinen Vorlesungen gegen die herrschende Schule polemisieren werde. Es hätte nahe gelegen, B. im voraus in dieser Hinsicht zu beruhigen, ich habe es aber in der Unterredung und in einem heute abgesandten Briefe unterlassen, weil ich fürchtete, damit einen falschen Eindruck hervorzurufen. Nun kommt mir der Gedanke, ob vielleicht ein Brief von Ihnen, lieber Herr Professor, von Nutzen wäre, in dem Sie sich neben meinen wissenschaftlichen über meine persönlichen Eigenschaften in diesem Sinne auslassen würden. Ich bin mir aber nicht recht im klaren, ob dieser Weg richtig ist und möchte es Ihnen also ganz überlassen, ob Sie schreiben wollen oder nicht. Ich meine, eine Beruhigung darüber, daß unliebsame Vorkommnisse von meiner Seite nicht zu befürchten sind, wäre ganz angebracht. Vielleicht wissen Sie einen besseren Weg, um eine solche Besorgnis zu zerstreuen? – Die Arbeit an meiner Habilitations- Schrift schreitet inzwischen langsam vorwärts. Soeben fällt mir noch ein, daß vielleicht eine Mitteilung im obigen Sinne an Kraus günstiger wäre, mit dem Sie ja früher schon einmal in meinem Interesse korrespondiert hatten. Man könnte ihn etwa veranlassen, mit B. über jenen Punkt zu sprechen! Auf alle Fälle gebe ich beide Adressen: Geh. Rat Prof. Dr. Bonhoeffer, Direktor der Psychiatrischen Klinik der Königlichen Charité, Berlin NW. Geh. Rat Prof. Dr. Kraus, Direktor der II. Medizinischen Klinik der Königlichen Charité. Von uns nichts Neues! Hoffentlich ist auch bei Ihnen alles wohl, zu Hause und draußen. Mit herzlichem Dank im voraus und vielen Grüßen Ihr Karl Abraham
Berggasse 19
Wien 1090
Austria
C15F6