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Allenstein, 16. 4. 18 Bahnhofstr. 82 (Briefe bitte »Reservelazarett Artillerie-Kasino«) Lieber Herr Professor, Wir haben eine unbehagliche Zeit hinter uns. Zuerst die Suche nach einer neuen Wohnung, dann der Umzug aus dem alten Hause in ein noch älteres. Wir haben unsre Ansprüche an Komfort immer mehr herabsetzen gelernt und so gelingt es uns, mit entsprechender Verdrängung aller Wünsche des Großstadt- menschen, uns in der neuen Behausung leidlich wohl zu fühlen. Ein großer Obstgarten ist allerdings dabei, sodaß die Kinder restlos glücklich sind. Trotz allem sind wir natürlich immer aufs Neue froh, hier zusammen leben zu können. Nur das Unabsehbare des Exils wirkt bedrückend. – Es freut mich sehr, daß Sie in letzter Zeit über Ihre beiden Söhne an der Front nicht beunruhigt zu sein brauchen. Dem daheim befindlichen fehlt hoffentlich nichts Ernstliches. Nun muß ich für Ihren Brief und die Korrektursendung danken. Zum Lesen der letzteren kam ich erst jetzt. Den ersten Ihrer beiden Aufsätze wollte ich allerdings erst zweimal lesen, bevor ich darauf reagierte. Er ist sehr schwierig, und ich mußte mich erst in die neuen Gedankengänge hineinleben. Ich bin damit, glaube ich, jetzt fertig und darf nun sagen, daß ich keinen ernstlichen Einwand zu machen wüßte. Ich will nun die ganze Serie dieser Artikel nochmals lesen und Ihnen danach nochmals über meine
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Eindrücke berichten. Die Melancholie-Arbeit kannte ich schon im Entwurf, sodaß sie mir weniger Überraschendes brachte. Daß sich meine »Einverleibungs-Phantasie« in den weiteren Rahmen Ihrer Theorie aufnehmen ließ, habe ich mit Freude konstatiert. Erhebliche Einwände habe ich auch gegen diese Arbeit nicht, bewundre nur, wie Sie in dieser Zeit das Gebäude immer weiter zu vollenden vermögen. Ein durchaus nebensächlicher Einwand ist folgender. Der sogenannte Kleinheitswahn der Melancholiker ist nur scheinbar ein solcher. Manchmal ist er eigentlich ein Größenwahn (z.B. wenn der Pat. alles Böse seit Erschaffung der Welt begangen haben will). Wenn die Selbstvorwürfe auch dem Liebesobjekt gelten, so haben sie doch gleichzeitig die Bedeutung einer narzißtischen Überschätzung der eignen kriminellen Fähigkeiten (ähnlich wie bei Zwangsneurotikern, die sich die ungeheuersten Verbrechen zutrauen). Nächste Woche fahre ich (offiziell) zum Psychiater-Kongreß nach Würzburg. Im Anschluß daran besuche ich meine Mutter und mache auch kurze Station in Berlin. Vielleicht, wenn Zeit bleibt, suche ich auf der Rückfahrt Simmel in Posen auf. Kollege Liebermann ist Vater eines Sohnes geworden. Von hier ist sonst nur zu melden, daß ich kürzlich eine neue, Erfolg versprechende Psychoanalyse begonnen habe, eine leichtere, in- struktive Zwangsneurose. Von Reik und Sachs hatte ich Nachricht und antworte beiden bald. Die experimentelle Traum-Arbeit von Pötzl liest sich sehr mühsam. Ich bin noch nicht fertig mit ihr, werde sie aber in einigen Wochen referieren. Herzlichste Grüße von Haus zu Haus! Ihr Karl Abraham P.S. Tausks Referat ist, wie alles was er schreibt, zu weitschweifig, enthält aber etwas Richtiges. Vielleicht reagiere ich darauf noch. – Sind Sie mit dem kleinen Beitrag Reiks zur Kinderpsychologie wirklich einverstanden?
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