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[Briefkopf Wien] 2. Dez. 18 Lieber Freund Ihren Brief vor Wochen habe ich erhalten, nicht sofort beantwortet, weil ich einiges vorher reif werden lassen wollte, und Ihnen unterdes das Statut zur Meinungsäußerung geschickt. Als diese dann so lange ausblieb, schob ich auch die anderen Mitteilungen auf. Aus dem Statut haben Sie ersehen, daß ich die Verwaltung der Barczy-Stiftung übernommen habe. Von den Zinsen derselben gedenke ich jährlich zwei Preise zu verteilen, natürlich zur Ehrung, nicht zur Bereicherung oder Entschädigung der Autoren. Ein Preis ist für eine hervorragende ärztliche Arbeit bestimmt, der andere für eine vom Imagotypus. Es ist auch vorgesehen, den Preis zu teilen, wenn zwei Arbeiten Hervorhebung verlangen. Der größere oder kleinere Geldbetrag soll aber nicht mit größerer (oder geringerer[)] Wertschätzung der Arbeiten zusammengebracht werden. Ein Preis beträgt 1000 Kr., was jetzt sehr wenig bedeutet. Als ersten Zeitraum, aus dem die Auswahl zu treffen ist, habe ich die Kriegszeit bis zum Budapester Kongreß angenommen. In der
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Folge sollen die Preise jährlich verteilt werden. Ich habe kein Preisrichterkolleg bestellt, um die Besten nicht von der Wahl ausschließen zu müssen. Es erübrigt also ein ungeschminkter Willkürakt von meiner Seite, der Revers zu dem Statut! Die ärztlichen Preise habe ich diesmal für zwei Arbeiten bestimmt: Ihre Unters.[uchungen] über die früheste prägenitale Entwicklungsstufe der Libido (1916) und Simmels bekannte Brochüre (je 500 Kr.). Den Imagopreis soll die Arbeit von Reik über die Pubertätsriten der Wilden erhalten. Sie merken schon, die Preise treffen nicht Autoren, sondern deren Arbeiten. Für die Geringfügigkeit der ganzen Veranstaltung erbitte ich Ihre Toleranz. Ich wollte den Fond nicht schwerer belasten, solange seine sonstige Leistungsfähigkeit und die Ansprüche an ihn nicht deutlicher geworden sind. Wirklich hat er auch infolge der Revolution bei 250m einen vorzeitigen Abschluß gefunden, und Freund arbeitet daran, ihn durch die Anlehnung an den größeren bereits bestehenden Fond, der für die Stadt Budapest bestimmt ist, zu kräftigen. Die Zinsen von 1 /4 Million betragen erst 10.000 Kr., und die Verlags-
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gründung wird das Kapital rasch verkleinern. Es ist sonderbar, wie viel Geld [da] sein muß, bis man etwas Ordentliches damit anfangen kann. Die Preise sind also nur Ehrungen, Aneiferungen für die Jüngeren, Anerkennungen für die Gereiften. Da ich nicht weiß, ob Simmel noch in Posen ist, werde ich Sie bitten, seine Adresse ausfindig zu machen, ihm die Nachricht vom Preis samt Kommentar zukommen zu lassen, und ihm die Hälfte des Betrages zuzuschicken, wenn Sie ihn von mir erhalten. Ich werde mich erkundigen, ob Geldüberweisungen jetzt von Wien nach Deutschland möglich sind. Im anderen Falle bitte ich Sie, die Eröffnung dieses Verkehrs abzuwarten. Ich antworte jetzt auf Ihre Anfragen. Sachs ist in Davos Platz Hotel Eisenlohr, schreibt häufig und befindet sich sehr wohl. Er will, daß ich nach der Schweiz auswandere!! Er hat Liebermann, den ich zu grüßen bitte, für seinen Rat sehr zu danken. Reik ist in Wien, Rank noch nicht ganz stabil, da er zwischen hier und Budapest zu reisen hat. Sein Schicksal wie das des Verlages soll
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sich in den nächsten zwei Wochen entscheiden. Er hat zu allerÜberraschung eine kleine Frau aus Krakau heimgebracht, die bisher bei keinem von den Freunden Anklang findet. Ob ein großes Malheur daraus wird, muß sich langsam zeigen. Von Jones war direkter Brief über Zürich mit der Anzeige, daß er seine junge Frau, wie es scheint, an einer Operation verloren hat. Mein Sohn Martin ist nicht heimgekehrt, alle Auskünfte deuten darauf hin, daß sein ganzer Truppenkörper kampflos gefangen genommen wurde, das wäre also nicht das Ärgste; über sein persönliches Schicksal seit 25. Oktober keine Nachricht. Ernst ist in München, Oli unberaubt zu Hause. Die Einschränkungen sind arg bei uns, die Unsicherheiten groß, Praxis natürlich geringfügig. Verein noch nicht zusammengetreten. Eitingon ist wieder in Berlin, Güntzelstraße 3; wissen Sie es? Indem ich Sie und die Ihrigen herzlich grüße Ihr getreuer Freud
Berggasse 19
Wien 1090
Austria
C15F1