• S.

    [Briefkopf V Berlin] 27. 6. 20

    Lieber Herr Professor,
    Sie verkennen doch ein wenig die Aufgaben des Komitees! Es soll Sie nicht außer Dienst setzen, sondern Ihnen Ihre Tätigkeit, besonders innerhalb des psychoanalytischen Kreises, erleichtern. Und wenn ich auch nicht ohne weiteres im Namen aller K.-Mitglieder sprechen darf, so weiß ich doch, daß keiner mit Ihrem Fernbleiben von unsrer Veranstaltung einverstanden sein wird. Sie ist dann überhaupt aussichtslos. Denn in hiesigen Ärztekreisen weiß von Jones, Ophuijsen, Ferenczi niemand etwas. Ihre Person dagegen steht im Mittelpunkt des positiven Interesses wie der Ablehnung. Ich schlage nun, um Ihnen die Sache annehmbar zu machen, folgende Abänderungen vor. Wir veranstalten die Vorträge, die übrigens nicht eine Woche, sondern nur zwei Abende (mit je drei Vorträgen) in Anspruch nehmen sollen, nicht nach dem Kongreß, sondern vorher. Dann ist Ihre Zeit vor dem Haag aufs beste eingeteilt. Also sagen Sie bitte zu! Wir werden dann sehen, die andern in Aussicht genommenen Vortragenden ebenfalls für den früheren Termin zu gewinnen. Ich hoffe auf Ihr Ja!
    Mein Standpunkt bezüglich der Heranziehung von Laien hat sich doch nicht geändert. Es handelt sich bei Sachs’ projektierten Vorträgen doch um das Nicht-Ärztliche, und mit der Verbreitung dieses Teiles unsrer Wissenschaft in Laienkreisen war ich stets einverstanden, habe sie ja auch durch eigne Schriften gefördert.

  • S.

    In der Reuss und Pollak-Sache schrieb Rank mir erschöpfend. Ich stimme ihm in allem zu und schreibe ihm heute darüber. Was die Frage der Professur betrifft, so rührt die Verlangsamung davon her, daß die Fakultät erst dem Ordinarius für Psychiatrie ein Gutachten in Auftrag gibt und dann in einer späteren Sitzung darüber beschließen muß. Ich sehe die Sache – ohne irgendwelchen Optimismus – für nicht aussichtslos an. Hieran schließe ich eine neue Nachricht, die – für sich allein ohne großen Belang – doch als Zeichen der Zeit erfreulich ist. Ich fahre Ende dieser Woche nach Halle, um vor den Ärzten der inneren Universitäts-Klinik einen Vortrag zu halten. Der Direktor der Klinik, Prof. Volhardt, hat mich durch einen mir bekannten Kollegen zu einem psychoanalytischen Vortrag auffordern lassen, und ich habe als Thema die neurotischen Störungen des Verdauungstractus gewählt. Die Ärzte der Nervenklinik sollen dazu eingeladen werden.
    In unsrer Gruppe haben wir einen neuen Gast, Dr. Zutt, der die Psychoanalyse erlernen will. Er wird von 1. Oktober ab zunächst auf ein halbes Jahr zu Bonhoeffer gehen, um allgemeine Diagnostik etc. zu lernen, dann auf einige Zeit zu Bleuler, dann an unsre Poliklinik. Wir machen zur Bedingung der Tätigkeit an letzterer
    1.) genügende neurologisch-psychiatrische Vorbildung,
    2.) genügende Kenntnis der psychoanalytischen Literatur,
    3.) Analysiertsein des Kandidaten, wofür Sachs als aktive Kraft gewonnen ist. Ich freue mich auf S. außerordentlich. Denn es ist nicht schön, daß ich immer andern Anregungen geben muß, ohne selbst genügend zu empfangen. – Von Urban und Schwarzenberg hörte ich noch nichts. Den Vortrag (weiblicher Kastrations-Komplex) habe ich angemeldet.
    Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus
    Ihr Karl Abraham