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Grunewald, 1. 4. 23
Lieber Herr Professor,
Der Berliner Rundbrief ist gerade abgegangen; aber da er doch den persönlichen Kontakt mit Ihnen nicht ersetzen kann, so benutze ich die freie Zeit der Ostertage, um Ihnen wieder einmal ein direktes Lebenszeichen zu geben. Die ägyptischen Zeitungsausschnitte und Ihren Brief habe ich erhalten. Es will mir nicht in den Sinn, daß eine Reise nach Ägypten für Sie so ganz unmöglich sei. Sie ist natürlich kostspielig und nimmt viel Zeit, aber wenn Sie die Sommerferien um einen Monat verkürzen würden, könnten Sie gewiß im Anfang des nächsten Jahres ein paar Monate fort sein und Ägypten genießen. Ich finde es nicht recht, daß Sie da einfach resignieren. Ich hatte einen Onkel, der, 75 Jahre alt, zur Feier seiner goldenen Hochzeit mit seiner Frau nach Ägypten reiste und noch Kamelritte in die Wüste machte. Und da sollen Sie nicht den Nil befahren können?
Das Reise-Thema bringt mich auf den Sommer. Vor einiger Zeit schlugen Sie, lieber Herr Professor, vor, wir sechs sollten uns ohne Sie treffen. Ich machte damals den ergänzenden Vorschlag, ein Zusammensein mit Ihnen solle sich daranschließen. Wenn nun eine Zusammenkunft in dieser oder -
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jener Form stattfinden soll, so wäre es gut, die ungefähre Zeit schon jetzt zu bestimmen. Ich möchte Sie also bitten, im nächsten Rundbrief einen Vorschlag zu machen. Mir scheint ein Zusammentreffen in diesem Jahre dringend geboten, denn ich sehe aus allerlei Anzeichen, daß zwischen Jones und Rank noch eine Spannung besteht, die möglichst bald behoben werden sollte!
Eine weitere Frage betrifft Ihre Sommerpläne. Die meinigen sind stark determiniert durch die Einladung nach Oxford. Aber hernach (im August) würde ich eventuell gern einen Ort aufsu-chen, der von Ihrem Standquartier nicht allzuweit entfernt wäre, sodaß man sich einmal sehen könnte. Für einen gelegentlichen Wink wäre ich sehr dankbar.
Im Rundbrief erwähnte ich meinen kürzlich gehaltenen Vortrag über die Entwicklungsgeschichte der Objektliebe. Ich habe damit in unserm Kreise außergewöhnliche Anerkennung gefunden und glaube selbst, daß es sich um eine wichtige Ergänzung der Sexualtheorie handelt, zugleich um meine beste bisherige Arbeit. Ich versuche, sie bald zu Papier zu bringen; dabei habe ich das Gefühl, daß das Ganze Ihren Anschauungen entspricht und auch Ihren Beifall finden wird. Neben dem Hauptergebnis (Aufklärung des Entwicklungsprozesses vom Narzißmus zur Objekt- Liebe) liefert die Arbeit noch einen -
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nicht unwesentlichen Beitrag zum Verständnis der Paranoia und einiger bisher wenig ausgeschöpfter Neurosenformen (Pseudologie etc.)[.] Wären die Reiseverhältnisse nicht gar so schwierig, würde ich gern in nächster Zeit einmal nach Wien gekommen sein, um Ihre Ansicht zu hören.
Ich hoffe, Ihnen und den Ihrigen allen geht es gut. Von uns kann ich ebenfalls Gutes berichten. Unsre Kinder sind über Ostern an verschiedenen Orten bei Freunden, sodaß meine Frau und ich zum ersten Male die Feiertage allein verbringen.
Mit herzlichen Grüßen von uns beiden für Sie, lieber Herr Professor und die Ihrigen
Ihr Karl Abraham
Bismarckallee 14
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Wien 1090
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