• S.

    Falzeder:

    3 Okt 20.

    PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19

     

    Lieber Herr Doktor

     

    Ich war allerdings erstaunt, als Sie mir Dr Veneziani als Mitarbeiter an der Übersetzung ankündigten, nach allem, was ich von ihm wusste.

     

    Da Sie heute ein richtiges Gutachten über ihn von mir verlangen, will ich mit meiner Meinung nicht zurückhalten.  Ich glaube, er ist ein schlechter Fall, vor Allem für die freie Analyse nicht geeignet.  Es fehlt ihm zweierlei dazu, erstens der gewisse Leidenskonflikt zwischen seinem Ich und dem, was seine Triebe verlangen, denn er ist ja im Grunde mit sich sehr zufrieden u leidet nur an dem Widerstreben äusserer Verhältnisse, zweitens ein halbwegs normaler Charakter dieses Ichs, der mit dem Analytiker zusammen arbeiten könnte; er wird im Gegenteil stets danach streben, diesen irre zu führen, ihm etwas vorzuspiegeln u ihn bei Seite zu schieben.  Beide Mängel treffen im Grunde in Einem zusammen, in der Ausbildung eines ungeheuer narzisstischen selbstzufriedenen, der Beeinflussung unzugänglichen Ichs, das sich zum Unglück auf alle seine Talente und persönlichen Gaben berufen kann.

     

    Ich meine also, es hätte keinen Nutzen, wenn er zu mir oder einem anderen zur ψα Behandlung käme.  Seine Zukunft kann sein, dass er in seinen Ausschweifungen verkommt, es ist auch möglich, dass er wie Mirabeau, von dessen Typus er sein mag, sich von selbst noch aufrafft u unter Beibehaltg aller seiner Laster zu einer besonderen Leistung kommt.  Aber das ist wol nicht sehr wahrscheinlich.

     

    Ich sehe dabei ganz davon ab, dass er ein Homosex. ist.  Er könnte das bleiben u doch geordnet und verständig leben.

     

    Ich verstehe aber auch, dass die Mutter ihn nicht ohne weiteren Versuch aufgeben will.  Der Mechanismus ist ja auch bei ihm ein neurotischer, und die dynamischen Verhältnisse einer Änderung ungünstig.

     

    Ich schlage also vor, ihn zu einer überwältigenden u therapeutisch wirksamen Person in eine Anstalt zu schicken.  Als solche habe ich Dr Groddeck in Baden-Baden (Sanatorium) kennen gelernt.  Er müsste natürlich von der Eigenart des Pat. verständigt werden.  Will er ihn nicht nehmen, so käme noch Marcinowski in Heilbrunn bei Tölz (Baiern) in Betracht, aber der wird ihn wahrscheinlich von vorne herein abweisen.  Im ungünstigsten Fall schafft man solche Leute wie den Dr V. mit etwas Geld über den Ozean, sagen wir nach Südamerika u lässt sie dort ihr Schicksal suchen und finden.

     

    Wenn Frau O. [?] die Absicht hat, dies Gutachten zu honoriren, so lassen Sie sie Lire 100 an Frl Minna Bernays in Meran, Südtirol Pension Hohenwart schicken (Meine Schwägerin).

     

    Ich werde mich freuen, von Ihnen persönlich u von der Übersetzung zu hören.  Herzlich grüssend

     

    Ihr Freud