• S.

    PROF. DR. FREUD        WIEN IX., BERGGASSE 19

    Semmering

    28. 8. 24

    Liebe Ruth

    Ich bin natürlich bereit, Ihren Vater
    in Wien oder hier zu sprechen, u
    danke Ihnen daß Sie mich über die
    Situation orientirt haben. Von mir
    kann er nicht viel erfahren, was er
    für seine Auffassung verwerten
    kann. Ich glaube überhaupt, trotz
    meiner Absicht sehr liebenswürdig
    mit ihm umzugehen werden wir
    uns nicht sehr gut verständigen.
    Das Ende der Sache wird sein daß
    Sie durchsetzen, was Sie wollen.
    Es war ja immer so. Die Analyse
    soll Ihnen dazu verhelfen, daß
    es auch zu Ihrem Vorteil ausgeht.

    Gleichzeitig mit Ihrem Brief
    kam die Nachricht von Jeanne
    daß sie infolge der unerträglichen
    u beleidigenden Schwankungen
    im Benehmen ihres Verlobten die
    Beziehung zu ihm telegraphisch
    gelöst hat. Es ist gewiß so besser
    für sie, aber sie will noch in
    Stückchen Analyse, wird also wahr-
    scheinlich wieder in Wien sein, u da
    kann es zwischen ihnen wieder
    anfangen, diesmal aber ohne jede
    Unterstützung von meiner Seite.

    Sie haben richtig gehört daß sich mein
    Befinden hier sehr gehoben hat, das
    mit dem Termin, der nun über-
    schritten ist, war doch nur im Scherz.
    Ich weiß, daß es keine solchen
    Termine giebt u daß man die
    Unsicherheit nicht los wird aber
    ich begnüge mich mit der Gegenwart

  • S.

    u bin weit mehr als früher auf Weiterleben
    eingestellt. Die Prothese sitzt natürlich
    nicht mehr ordentlich u wird, wenn
    Pichler Mitte Sept zurückkom̄t, hoffent-
    lich in ihren Leistungen verbessert
    werden.

    Nicht zum Mindesten unter dem Einfluß
    Ihrer gelegentlichen Mitteilungen
    habe ich Deutsch als Arzt aufgegeben.
    Ich habe die Entdeckung gemacht,
    daß er im Grunde dumm ist,
    immer eine der schwierigsten Dia-
    gnosen, an die man zu oft ver-
    gißt.

    Von Rank kom̄en sonderbare u
    beunruhigende Nachrichten. Er scheint
    in NY großen Erfolg zu haben,
    schreibt selbst, daß er als Erlöser
    begrüßt wird. Als Erlöser wovon?
    Vom Oedipuskomplex also?  Von
    der Psychoanalyse? Ich bin auf böse
    Dinge gefaßt, die ich vor Kurzem
    noch für unmöglich gehalten
    hätte. Aber nichts geht mir so recht
    mehr nahe. Altsein ist doch ein besond-
    erer Zustand.

    Ich grüße Sie herzlich u hoffe Sie
    innerlich geklärt u gefestigt
    wiederzusehen.
    Ihr
    Freud