• S.

    PROF. DR. FREUD    WIEN IX., BERGGASSE 19
    Semmering

    22. 9. 27

    Liebe Ruth

    Sie segeln also früher ab, als ich 
    annehmen durfte und darum muß 
    ich den Inhalt des letzten Briefes 
    nach NY wiederholen. Er war nach der 
    Lektüre Ihrer Arbeit geschrieben und 
    drückte die vollste Anerkennung für sie 
    aus, die als Muster von Klarheit in 
    der Darstellung und als schönes Zeugnis 
    für das tadellose Verständnis des Autors 
    gerühmt wurde. Ich finde es ganz recht, 
    daß Sie noch Pankejeff schreiben und 
    beides in einem veröffentlichen wollen. 
    Natürlich wird viel darauf ankom̄en, 
    wie der theoretisch zusam̄enfassende 
    Abschnitt ausfällt.  Man kann aber 
    jetzt schon sagen, daß es keinen Anal-
    ytiker englischer Sprache giebt, der eine 
    solche Krankengeschichte schreiben kann 
    und wenige können unter den deutschen.

    Was Ihr letzter Brief über Mark 
    mitteilt, ist sehr interessant u ver-
    langt, daß man sich dazu äußere.  Es 
    sieht für den Moment nicht schön 
    aus, aber ich bin der sicheren Erwart-
    ung, daß sein starker, gesunder Ver-
    geßmus aus dieser Krise den Weg 
    zum guten Ende finden wird.  Ich 
    habe meine Ansicht über den Mechan-
    ismus der verzögerten Lösung nicht 
    geändert. Es hängt an Ihnen, liebe 
    Ruth. Sie haben xmal gesagt, daß 
    Sie ihn frei gelassen haben und 
    es war jedesmal eine Selbst-
    täuschung. Der weibliche Dämon 
    läßt ihn nicht los. Er weiß das und 
    zieht den Schluß daraus. Wenn 
    er Sie haben kann trotz Onanie 
    u Fetisch, warum sollte er die 
    aufgeben?  Damit konkurrirt 
    der Konflikt, in dem Sie ihn

  • S.

    durch Ihre Liebesgeschichte mit L. versetzen. 
    Somit weiß er nicht ob er besser 
    von Ihnen loskom̄en, sich Ihretwegen 
    ändern, oder so bleiben soll, wie er 
    war und er erschöpft sich in erfolg-
    losen Versuchen. Eine weitere 
    Analyse würde nichts Wesentliches 
    aus der Vergangenheit bringen, 
    könnte ihm aber das Verständnis 
    der gegenwärtigen Situation mit 
    Ihnen eröffnen. Kom̄t er jetzt nach 
    Wien, hängt weiter an Ihrem Schürzen-
    band, bleibt Zeuge Ihrer eigenen 
    vergeblichen Bemühungen, sich frei 
    zu machen, so bleibt bei ihm alles 
    beim Alten – aus allen möglichen 
    Gründen.  Ich bin darum fest dafür, 
    daß er nicht in Wien bleibt, halte 
    das für die conditio sine qua non 
    seiner Herstellung. Er soll nach Paris 
    gehen, dort arbeiten.  Wenn er meint, 
    daß er Analyse noch brauchen kann, 
    soll er sie bei Löwenstein machen, 
    der gescheit und korrekt in der Arbeit 
    ist, obwol sonst noch sehr jung und 
    nicht festen Charakters. Vom 
    väterlichen Druck befreit, wird er 
    bei ihm rasch weiter köm̄en, dh er 
    wird die Analyse im Wesen allein 
    machen, was er ja immer will. Ich 
    glaube, es ist Zeit, daß ich für ihn 
    gegen Sie Partei nehme, sonst 
    haben Sie beide nichts davon.

    Wirklich der letzte Brief. 
    Wir wollen am 29st nach Wien. 
    Auf Wiedersehen 
    Herzlich
    Freud