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    4. XI. 07
    PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19

    Geehrter Herr Doktor

    Ihr Buch befindet sich bei Deuticke der versprochen hat, es bald zu lesen.  Heller ist ein zaghafter Patron mit dem ich selbst sehr unzufrieden bin.  Ihre optimistischen Honorarerwartungen will ich nicht kränken, ehe ich von Deuticke Bescheid habe.

    Ihr Vorschlag, Ihren Charakter auf Grund Ihres Buches (u Ihrer Briefe) zu deuten, hat mich sehr amüsirt.  Ich gehe darauf hin [sic], obwol ich gar kein Zutrauen zur Verlässlichkeit dieser Analytik habe u mir keineswegs besondere Fertigkeit in Charakterkenntniss zuschreibe.  Also ich wills zum Scherz versuchen:

    Ich vermute einen aristokratisch gesinnten Sonderling von klarem unbestechlichem Verstand u auffälligem Mangel an Phantasie in seinen intellektuellen Leistungen.  Natürlich kann er dieser Grundeigenschaft nicht ganz entbehren; die Phantasie

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    muss irgendwo anders untergekommen sein, etwa ihr separates Reich haben.

    Aus Ihren Träumen hoffe ich mehr zu erfahren u bin bereit, diese erste Diagnose im ganzen Umfang nach besserer Information fallen zu lassen.

    Ihr Buch gefällt mir sehr u wird eben darum dem Publiko nicht gefallen.  Es gefällt mir dh ich finde in ihm eine grosse Ähnlichkeit mit der Art, wie ich selbst die Sache angefasst hätte, vor allem festzustellen, was psychologische Wirklichkeit ist, dabei ein paar Conventionen umzuwerfen, u dann das andere Stück der Wirklichkeit, eben diese Convention, seinerseits analytisch aufzuklären.  Hinter Ihrer Wegräumung vermisse ich die Ansätze zum Aufbau einer positiven Aesthetik, die Sie doch vor sich liegen haben.  Für die "gebildeten" Leser wird das Buch eine blosse Ketzerei sein, alle Gutgesinnten werden sich über Ihren Spott gegen die dem Deutschen heiligsten Güter entrüsten, u doch ist das Buch zu verständig, zu gemässigt, nicht thöricht oder fanatisch genug, um seinerseits eine Partei zu wecken.

    Ihr
    sehr ergebener
    Dr Freud