S.
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die Leidenssymptome zu unterdrücken, wie es bei der hypnotischen
Suggestion geschieht. Ferner, daß es irrig wäre zu glauben, dies
Moment sei durchaus der Träger und Förderer der Behandlung. Zu
Anfang wohl; aber später widersetzt es sich unseren analytischen
Absichten und nötigt uns zu den ausgiebigsten Gegenmaßnahmen.
Auch möchte ich Ihnen an einem Beispiel zeigen, wie ferne der
analytischen Technik das Ablenken und Ausreden liegt. Wenn unser
Patient an einem Schuldgefühl leidet, als ob er ein schweres Ver-
brechen begangen hätte, so raten wir ihm nicht, sich unter Be-
tonung seiner unzweifelhaften Schuldlosigkeit über diese Gewissens-
qual hinwegzusetzen; das hat er schon selbst erfolglos versucht.
Sondern wir mahnen ihn daran, daß eine so starke und anhaltende
Empfindung doch in etwas Wirklichem begründet sein muß, was
vielleicht aufgefunden werden kann.„Es sollte mich wundern,“ meint der Unparteiische, „wenn Sie
durch solches Zustimmen das Schuldgefühl Ihres Patienten be-
schwichtigen könnten. Aber was sind denn Ihre analytischen Ab-
sichten und was nehmen Sie mit dem Patienten vor?“II
Wenn ich Ihnen etwas Verständliches sagen soll, so muß ich
Ihnen wohl ein Stück einer psychologischen Lehre mitteilen, die
außerhalb der analytischen Kreise nicht bekannt ist oder nicht
gewürdigt wird. Aus dieser Theorie wird sich leicht ableiten lassen,
was wir von dem Kranken wollen und auf welche Art wir es
erreichen. Ich trage sie Ihnen dogmatisch vor, als ob sie ein fertiges
Lehrgebäude wäre. Glauben Sie aber nicht, daß sie gleich als solches
wie ein philosophisches System entstanden ist. Wir haben sie sehr
langsam entwickelt, um jedes Stückchen lange gerungen, sie in
stetem Kontakt mit der Beobachtung fortwährend modifiziert, bis
sie endlich eine Form gewonnen hat, in der sie uns für unsereS.
316
Zwecke zu genügen scheint. Noch vor einigen Jahren hätte ich
diese Lehre in andere Ausdrücke kleiden müssen. Ich kann Ihnen
natürlich nicht dafür einstehen, daß die heutige Ausdrucksform
die definitive bleiben wird. Sie wissen, Wissenschaft ist keine Offen-
barung, sie entbehrt, lange über ihre Anfänge hinaus, der Charaktere
der Bestimmtheit, Unwandelbarkeit, Unfehlbarkeit, nach denen sich
das menschliche Denken so sehr sehnt. Aber so wie sie ist, ist sie
alles, was wir haben können. Nehmen Sie hinzu, daß unsere Wissen-
schaft sehr jung ist, kaum so alt wie das Jahrhundert, und daß
sie sich ungefähr mit dem schwierigsten Stoff beschäftigt, der
menschlicher Forschung vorgelegt werden kann, so werden Sie
sich leicht in die richtige Einstellung zu meinem Vortrag versetzen
können. Unterbrechen Sie mich aber nach Ihrem Belieben jedes-
mal, wenn Sie mir nicht folgen können oder wenn Sie weitere
Aufklärungen wünschen.„Ich unterbreche Sie, noch ehe Sie beginnen. Sie sagen, Sie
wollen mir eine neue Psychologie vortragen, aber ich sollte meinen,
die Psychologie ist keine neue Wissenschaft. Es hat genug Psycho-
logie und Psychologen gegeben, und ich habe auf der Schule von
großen Leistungen auf diesem Gebiete gehört.“Die ich nicht zu bestreiten gedenke. Aber wenn Sie näher prüfen,
werden Sie diese großen Leistungen eher der Sinnesphysiologie
einordnen müssen. Die Lehre vom Seelenleben konnte sich nicht
entwickeln, weil sie durch eine einzige wesentliche Verkennung
gehemmt war. Was umfaßt sie heute, wie sie an den Schulen
gelehrt wird? Außer jenen wertvollen sinnesphysiologischen Ein-
sichten eine Anzahl von Einteilungen und Definitionen unserer
seelischen Vorgänge, die dank dem Sprachgebrauch Gemeingut
aller Gebildeten geworden sind. Das reicht offenbar für die Auf-
fassung unseres Seelenlebens nicht aus. Haben Sie nicht bemerkt,
daß jeder Philosoph, Dichter, Historiker und Biograph sich seine
eigene Psychologie zurecht macht, seine besonderen Voraussetzungen
über den Zusammenhang und die Zwecke der seelischen Akte vor-S.
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bringt, alle mehr oder minder ansprechend und alle gleich un-
zuverlässig? Da fehlt offenbar ein gemeinsames Fundament. Und
daher kommt es auch, daß es auf psychologischem Boden sozusagen
keinen Respekt und keine Autorität gibt. Jedermann kann da nach
Belieben „wildern“. Wenn Sie eine physikalische oder chemische
Frage aufwerfen, wird ein jeder schweigen, der sich nicht im
Besitz von „Fachkenntnissen“ weiß. Aber wenn Sie eine psycho-
logische Behauptung wagen, müssen sie auf Urteil und Widerspruch
von jedermann gefaßt sein. Wahrscheinlich gibt es auf diesem
Gebiet keine „Fachkenntnisse“. Jedermann hat sein Seelenleben
und darum hält sich jedermann für einen Psychologen. Aber das
scheint mir kein genügender Rechtstitel zu sein. Man erzählt, daß
eine Person, die sich zur „Kinderfrau“ anbot, gefragt wurde, ob
sie auch mit kleinen Kindern umzugehen verstehe. Gewiß, gab
sie zur Antwort, ich war doch selbst einmal ein kleines Kind.
„Und dies von allen Psychologen übersehene ‚gemeinsame Fun-
dament‘ des Seelenlebens wollen Sie durch Beobachtungen an
Kranken entdeckt haben?“Ich glaube nicht, daß diese Herkunft unsere Befunde entwertet.
Die Embryologie z. B. verdiente kein Vertrauen, wenn sie nicht
die Entstehung der angeborenen Mißbildungen glatt aufklären
könnte. Aber ich habe Ihnen von Personen erzählt, deren Gedanken
ihre eigenen Wege gehen, so daß sie gezwungen sind, über Probleme
zu grübeln, die ihnen furchtbar gleichgültig sind. Glauben Sie, daß
die Schulpsychologie jemals den mindesten Beitrag zur Aufklärung
einer solchen Anomalie leisten konnte? Und endlich geschieht es
uns allen, daß nächtlicherweile unser Denken eigene Wege geht
und Dinge schafft, die wir dann nicht verstehen, die uns befremden
und in bedenklicher Weise an krankhafte Produkte erinnern. Ich
meine unsere Träume. Das Volk hat immer an dem Glauben fest-
gehalten, daß Träume einen Sinn, einen Wert haben, etwas be-
deuten. Diesen Sinn der Träume hat die Schulpsychologie nie
angeben können. Sie wußte mit dem Traum nichts anzufangen;S.
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wenn sie Erklärungen versucht hat, waren es unpsychologische,
wie Zurückführungen auf Sinnesreize, auf eine ungleiche Schlaf-
tiefe verschiedener Hirnpartien u. dgl. Man darf aber sagen, eine
Psychologie, die den Traum nicht erklären kann, ist auch für das
Verständnis des normalen Seelenlebens nicht brauchbar, hat keinen
Anspruch, eine Wissenschaft zu heißen.„Sie werden aggressiv, also haben Sie wohl eine empfindliche
Stelle berührt. Ich habe ja gehört, daß man in der Analyse großen
Wert auf Träume legt, sie deutet, Erinnerungen an wirkliche Be-
gebenheiten hinter ihnen sucht usw. Aber auch, daß die Deutung
der Träume der Willkür der Analytiker ausgeliefert ist, und daß
diese selbst mit den Streitigkeiten über die Art Träume zu deuten,
über die Berechtigung, aus ihnen Schlüsse zu ziehen, nicht fertig
geworden sind. Wenn das so ist, so dürfen Sie den Vorzug, den
die Analyse vor der Schulpsychologie gewonnen hat, nicht so dick
unterstreichen.“Sie haben da wirklich viel Richtiges gesagt. Es ist wahr, daß
die Traumdeutung für die Theorie wie für die Praxis der Analyse
eine unvergleichliche Wichtigkeit gewonnen hat. Wenn ich
aggressiv erscheine, so ist das für mich nur ein Weg der Ver-
teidigung. Wenn ich aber an all den Unfug denke, den manche
Analytiker mit der Deutung der Träume angestellt haben, könnte
ich verzagt werden und dem pessimistischen Ausspruch unseres
großen Satirikers Nestroy recht geben, der lautet: Ein jeder Fort-
schritt ist immer nur halb so groß als er zuerst ausschaut! Aber
haben Sie es je anders erfahren, als daß die Menschen alles ver-
wirren und verzerren, was in ihre Hände fällt? Mit etwas Vor-
sicht und Selbstzucht kann man die meisten der Gefahren der
Traumdeutung sicher vermeiden. Aber glauben Sie nicht, daß ich
nie zu meinem Vortrag kommen werde, wenn wir uns so ab-
lenken lassen?„Ja, Sie wollten von der fundamentalen Voraussetzung der neuen
Psychologie erzählen, wenn ich Sie recht verstanden habe.“S.
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Damit wollte ich nicht beginnen. Ich habe die Absicht, Sie
hören zu lassen, welche Vorstellung von der Struktur des seelischen
Apparats wir uns während der analytischen Studien gebildet haben.
„Was heißen Sie den seelischen Apparat und woraus ist er gebaut,
darf ich fragen?“Was der seelische Apparat ist, wird bald klar werden. Aus
welchem Material er gebaut ist, danach bitte ich nicht zu fragen.
Es ist kein psychologisches Interesse, kann der Psychologie ebenso
gleichgültig sein wie der Optik die Frage, ob die Wände des Fern-
rohrs aus Metall oder aus Pappendeckel gemacht sind. Wir werden
den stofflichen Gesichtspunkt überhaupt bei Seite lassen, den
räumlichen aber nicht. Wir stellen uns den unbekannten Apparat,
der den seelischen Verrichtungen dient, nämlich wirklich wie ein
Instrument vor, aus mehreren Teilen aufgebaut, – die wir In-
stanzen heißen, – die ein jeder eine besondere Funktion ver-
sehen, und die eine feste räumliche Beziehung zueinander haben,
d. h. die räumliche Beziehung, das „vor“ und „hinter“, „ober-
flächlich“ und „tief“ hat für uns zunächst nur den Sinn einer Dar-
stellung der regelmäßigen Aufeinanderfolge der Funktionen. Bin
ich noch verständlich?„Kaum, vielleicht verstehe ich es später, aber jedenfalls ist das
eine sonderbare Anatomie der Seele, die es bei den Naturforschern
doch gar nicht mehr gibt.“Was wollen Sie, es ist eine Hilfsvorstellung wie soviele in den
Wissenschaften. Die allerersten sind immer ziemlich roh gewesen.
Open to revision, kann man in solchen Fällen sagen. Ich halte es
für überflüssig, mich hier auf das populär gewordene „Als ob“ zu
berufen. Der Wert einer solchen – „Fiktion“ würde der Philosoph
Vaihinger sie nennen – hängt davon ab, wieviel man mit ihr
ausrichten kann.Also um fortzusetzen: Wir stellen uns auf den Boden der Alltags-
weisheit und anerkennen im Menschen eine seelische Organisation,
die zwischen seine Sinnesreize und die Wahrnehmung seinerS.
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Körperbedürfnisse einerseits, seine motorischen Akte anderseits ein
geschaltet ist und in bestimmter Absicht zwischen ihnen vermittelt.
Wir heißen diese Organisation sein Ich. Das ist nun keine Neuig
keit, jeder von uns macht diese Annahme, wenn er kein Philosoph
ist, und einige selbst, obwohl sie Philosophen sind. Aber wir glauben
nicht, damit die Beschreibung des seelischen Apparats erschöpft zu
haben. Außer diesem Ich erkennen wir ein anderes seelisches Gebiet,
umfangreicher, großartiger und dunkler als das Ich, und dies heißen
wir das Es. Das Verhältnis zwischen den beiden soll uns zunächst
beschäftigen.Sie werden es wahrscheinlich beanständen, daß wir zur Be
zeichnung unserer beiden seelischen Instanzen oder Provinzen ein
fache Fürwörter gewählt haben, anstatt vollautende griechische
Namen für sie einzuführen. Allein wir lieben es in der Psycho
analyse, im Kontakt mit der populären Denkweise zu bleiben und
ziehen es vor, deren Begriffe wissenschaftlich brauchbar zu machen,
anstatt sie zu verwerfen. Es ist kein Verdienst daran, wir müssen
so vorgehen, weil unsere Lehren von unseren Patienten verstanden
werden sollen, die oft sehr intelligent sind, aber nicht immer
gelehrt. Das unpersönliche Es schließt sich unmittelbar an gewisse
Ausdrucksweisen des normalen Menschen an. „Es hat mich durch-
zuckt,“ sagt man; „es war etwas in mir, was in diesem Augen-
blick stärker war als ich.“ „C’était plus fort que moi.“In der Psychologie können wir nur mit Hilfe von Vergleichen
beschreiben. Das ist nichts Besonderes, es ist auch anderwärts so.
Aber wir müssen diese Vergleiche auch immer wieder wechseln,
keiner hält uns lange genug aus. Wenn ich also das Verhältnis
zwischen Ich und Es deutlich machen will, so bitte ich Sie, sich
vorzustellen, das Ich sei eine Art Fassade des Es, ein Vordergrund,
gleichsam eine äußerliche, eine Rindenschicht desselben. Der letztere
Vergleich kann festgehalten werden. Wir wissen, Rindenschichten
verdanken ihre besonderen Eigenschaften dem modifizierenden
Einfluß des äußeren Mediums, an das sie anstoßen. So stellen wirS.
321
uns vor, das Ich sei die durch den Einfluß der Außenwelt (der Re-
alität) modifizierte Schichte des seelischen Apparats, des Es. Sie sehen
dabei, in welcher Weise wir in der Psychoanalyse mit räumlichen
Auffassungen Ernst machen. Das Ich ist uns wirklich das Oberfläch-
liche, das Es das Tiefere, von außen betrachtet natürlich. Das Ich
liegt zwischen der Realität und dem Es, dem eigentlich Seelischen.„Ich will Sie noch gar nicht fragen, woher man das alles wissen
kann. Sagen Sie mir zunächst, was haben Sie von dieser Trennung
eines Ich und eines Es, was nötig Sie dazu?“Ihre Frage weist mir den Weg zur richtigen Fortsetzung. Das
Wichtige und Wertvolle ist nämlich zu wissen, daß das Ich und das
Es in mehreren Punkten sehr voneinander abweichen; es gelten im
Ich andere Regeln für den Ablauf seelischer Akte als im Es, das Ich
verfolgt andere Absichten und mit anderen Mitteln. Darüber wäre
sehr viel zu sagen, aber wollen Sie sich mit einem neuen Vergleich
und einem Beispiel abfinden lassen? Denken Sie an den Unterschied
zwischen der Front und dem Hinterland, wie er sich während des
Krieges herausgebildet hatte. Wir haben uns damals nicht gewundert,
daß an der Front manches anders vorging als im Hinterland, und
daß im Hinterland vieles gestattet war, was an der Front verboten
werden mußte. Der bestimmende Einfluß war natürlich die Nähe
des Feindes, für das Seelenleben ist es die Nähe der Außenwelt.
Draußen – fremd – feindlich waren einmal identische Begriffe.
Und nun das Beispiel: im Es gibt es keine Konflikte; Widersprüche,
Gegensätze bestehen unbeirrt nebeneinander und gleichen sich oft
durch Kompromißbildungen ab. Das Ich empfindet in solchen Fällen
einen Konflikt, der entschieden werden muß, und die Entscheidung
besteht darin, daß eine Streung zugunsten der anderen aufgegeben
wird. Das Ich ist eine Organisation, ausgezeichnet durch ein sehr
merkwürdiges Streben nach Vereinheitlichung, nach Synthese; dieser Charakter fehlt dem Es, es ist – sozusagen – zerfahren, seine
einzelnen Strebungen verfolgen ihre Absichten unabhängig von
und ohne Rücksicht aufeinander.S.
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„Und wenn ein so wichtiges seelisches Hinterland existiert, wie
können Sie mir begreiflich machen, daß es bis zur Zeit der Analyse
übersehen wurde?“Damit sind wir zu einer Ihrer früheren Fragen zurückgekehrt.
Die Psychologie hatte sich den Zugang zum Gebiet des Es ver-
sperrt, indem sie an einer Voraussetzung festhielt, die nahe genug
liegt, aber doch nicht haltbar ist. Nämlich, daß alle seelischen
Akte uns bewußt sind, daß Bewußtsein das Kennzeichen des See-
lischen ist, und daß, wenn es nichtbewußte Vorgänge in unserem
Gehirn gibt, diese nicht den Namen seelischer Akte verdienen
und die Psychologie nichts angehen.„Ich meine, das ist doch selbstverständlich.“
Ja, das meinen die Psychologen auch, aber es ist doch leicht zu
zeigen, daß es falsch, d. h. eine ganz unzweckmäßige Sonderung
ist. Die bequemste Selbstbeobachtung lehrt, daß man Einfälle haben
kann, die nicht ohne Vorbereitung zustande gekommen sein können.
Aber von diesen Vorstufen Ihres Gedankens, die doch wirklich auch
seelischer Natur gewesen sein müssen, erfahren Sie nichts, in Ihr
Bewußtsein tritt nur das fertige Resultat. Gelegentlich können Sie
sich nachträglich diese vorbereitenden Gedankenbildungen wie
in einer Rekonstruktion bewußt machen.„Wahrscheinlich war die Aufmerksamkeit abgelenkt, so daß man
diese Vorbereitungen nicht bemerkt hat.“Ausflüchte! Sie kommen so um die Tatsache nicht herum, daß
in Ihnen Akte seelischer Natur, oft sehr komplizierte, vorgehen
können, von denen Ihr Bewußtsein nichts erfährt, von denen Sie
nichts wissen. Oder sind Sie zu der Annahme bereit, daß etwas
mehr oder weniger von Ihrer „Aufmerksamkeit“ hinreicht, um
einen nicht seelischen Akt in einen seelischen zu verwandeln?
Übrigens wozu der Streit? Es gibt hypnotische Experimente, in
denen die Existenz solcher nicht bewußter Gedanken für jeder-
mann, der lernen will, unwiderleglich demonstriert wird.„Ich will nicht leugnen, aber ich glaube, ich verstehe Sie end-
S.
323
lich. Was Sie Ich heißen, ist das Bewußtsein und Ihr Es ist das
sogenannte Unterbewußtsein, von dem jetzt so viel die Rede ist.
Aber wozu die Maskerade durch die neuen Namen?“Es ist keine Maskerade, diese anderen Namen sind unbrauchbar.
Und versuchen Sie nicht, mir Literatur anstatt Wissenschaft zu
geben. Wenn jemand vom Unterbewußtsein spricht, weiß ich nicht,
meint er es topisch, etwas, was in der Seele unterhalb des Bewußt-
seins liegt, oder qualitativ, ein anderes Bewußtsein, ein unterirdi-
sches gleichsam. Wahrscheinlich macht er sich überhaupt nichts
klar. Der einzig zulässige Gegensatz ist der zwischen bewußt und
unbewußt. Aber es wäre ein folgenschwerer Irrtum zu glauben,
dieser Gegensatz fiele mit der Scheidung von Ich und Es zusammen.
Allerdings, es wäre wunderschön, wenn es so einfach wäre, unsere
Theorie hätte dann ein leichtes Spiel, aber es ist nicht so einfach.
Richtig ist nur, daß alles, was im Es vorgeht, unbewußt ist und
bleibt, und daß die Vorgänge im Ich bewußt werden können, sie
allein. Aber sie sind es nicht alle, nicht immer, nicht notwendig
und große Anteile des Ichs können dauernd unbewußt bleiben.Mit dem Bewußtwerden eines seelischen Vorganges ist es eine
komplizierte Sache. Ich kann es mir nicht versagen, Ihnen –
wiederum dogmatisch – darzustellen, was wir darüber annehmen.
Sie erinnern sich, das Ich ist die äußere, peripherische Schicht des
Es. Nun glauben wir, an der äußersten Oberfläche dieses Ichs be-
finde sich eine besondere, der Außenwelt direkt zugewendete In-
stanz, ein System, ein Organ, durch dessen Erregung allein das
Phänomen, das wir Bewußtsein heißen, zustande kommt. Dies Organ
kann ebensowohl von außen erregt werden, nimmt also mit Hilfe
der Sinnesorgane die Reize der Außenwelt auf, wie auch von innen
her, wo es zuerst die Sensationen im Es und dann auch die Vor-
gänge im Ich zur Kenntnis nehmen kann.„Das wird immer ärger und entzieht sich immer mehr meinem
Verständnis. Sie haben mich doch zu einer Unterredung über die
Frage eingeladen, ob auch Laien = Nichtärzte analytische Behand-S.
324
lungen unternehmen sollen. Wozu dann diese Auseinandersetzungen
über gewagte, dunkle Theorien, von deren Berechtigung Sie mich
doch nicht überzeugen können?“Ich weiß, daß ich Sie nicht überzeugen kann. Es liegt außer-
halb jeder Möglichkeit und darum auch außerhalb meiner Absicht.
Wenn wir unseren Schülern theoretischen Unterricht in der Psycho-
analyse geben, so können wir beobachten, wie wenig Eindruck
wir ihnen zunächst machen. Sie nehmen die analytischen Lehren
mit derselben Kühle hin wie andere Abstraktionen, mit denen sie
genährt wurden. Einige wollen vielleicht überzeugt werden, aber
keine Spur davon, daß sie es sind. Nun verlangen wir auch, daß
jeder, der die Analyse an anderen ausüben will, sich vorher selbst
einer Analyse unterwerfe. Erst im Verlauf dieser „Selbstanalyse“
(wie sie mißverständlich genannt wird), wenn sie die von der
Analyse behaupteten Vorgänge am eigenen Leib – richtiger: an
der eigenen Seele – tatsächlich erleben, erwerben sie sich die
Überzeugungen, von denen sie später als Analytiker geleitet werden.
Wie darf ich also erwarten, Sie, den Unparteiischen, von der Richtig-
keit unserer Theorien zu überzeugen, dem ich nur eine unvoll-
ständige, verkürzte und darum undurchsichtige Darstellung der
selben ohne Bekräftigung durch Ihre eigenen Erfahrungen vorlegen
kann?Ich handle in anderer Absicht. Es ist zwischen uns gar nicht
die Frage, ob die Analyse klug oder unsinnig ist, ob sie in ihren
Aufstellungen recht hat oder in grobe Irrtümer verfällt. Ich rolle
unsere Theorien vor Ihnen auf, weil ich Ihnen so am besten klar-
machen kann, welchen Gedankeninhalt die Analyse hat, von welchen
Voraussetzungen sie beim einzelnen Kranken ausgeht, und was sie
mit ihm vornimmt. Dadurch wird dann ein ganz bestimmtes Licht
auf die Frage der Laienanalyse geworfen werden. Seien Sie übrigens
ruhig, Sie haben, wenn Sie mir soweit gefolgt sind, das Ärgste
überstanden, alles Folgende wird Ihnen leichter werden. Jetzt aber
lassen Sie mich eine Atempause machen.
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Die Frage der Laienanalyse1926-002/1928