S.
Wiener medizinisches Doctoren-Collegium.
Sitzung vom 23. October 1895.
(Original-Bericht der „Wiener Medizinischen Blätter“.)
S. Freud (Fortsetzung und Schluss): Ueber Hysterie.
Der Vortragende recapitulirt kurz seine bisherigen Aus-
führungen, leitet daraus die Schlussfolgerung ab, dass alle Zwangs-
vorstellungen auf Verdrängung zurückgeführt werden können und
stellt dann die These auf, dass die Verdrängung bei den Zwangs-
vorstellungen zum Unterschiede von der Verdrängung bei Hysterie
zweizeitig sei. Hiebei gebe die Erinnerung ihre psychische In-
tensität ab, und die Schuld werde überstark, man möchte sagen
hypertrophisch. Man könne nun fragen, ob mit dem Gesagten eine
Erklärung der Zwangsvorstellungen gegeben sei. Die Antwort
hierauf ist: Im Allgemeinen nein; jedoch könne man durch dieRealität dieser Phänomene etwas bisher nicht Bekanntes an-
nehmen und dann auf dieser neuen Basis weiterschreiten. Einfach
und klar seien alle diese Dinge nicht; man wird sie sogar schwer
begreiflich finden; sind denn aber nicht alle, selbst die normalen,
gewöhnlichsten, psychischen Vorgänge unbegreiflich? Es gibt
Fälle, wo die passende Vorstellung durch eine unpassende ersetzt
wird; dies geschieht zum Beispiel häufig in unseren Träumen.
Hiezu führt der Vortragende ein Beispiel an und bemerkt dann,
dass wohl zugegeben werden müsse, dass der geschilderte Vor-
gang weit über das normale Leben hinausgehe; unser Beispiel
sei also als ein Excess, eine Uebertreibung aufzufassen. Eines sei
erwiesen: 1. Dass das verdrängte Ereigniss hauptsächlich in die
Periode vor der Pubertät falle und 2. dass dabei hereditäre Dis-
position die Hauptrolle spiele.Auf die Hysterie übergehend, betont Redner Folgendes zur
Differenzirung: Die Verdrängung sei hier nicht zweizeitig, sie ist
mit der Symptombildung gleichzeitig; bemerkenswerth ist hiebei
die Vorliebe einer Verschiebung längs einer äusseren Association:
die Patientin verspürt zum Beispiel einen Geruch und muss
weinen. Hier ist der Geruch gleichzeitig verknüpft mit dem Er-
eigniss, das verdrängt worden ist. Weiters sei für die hysterische
Verdrängung charakteristisch: eine Versetzung der Innervation
in’s Körperliche; Redner nannte dies Conversion. Im Uebrigen
seien die Bedingungen für die hysterischen Verdrängungen die-
selben wie für die bei Zwangsvorstellungen. Zu behalten sei also,
dass das verdrängte Ereigniss vor der Pubertät zu suchen sei
und dass es immer geschlechtlichen Hintergrund habe.Was die Therapie anbelange, falle die Untersuchungsmethode
mit der Therapie zusammen.Die Aufgabe des Arztes ist, die fehlenden verdrängten
Vorstellungen zu finden, aus Bruchstücken, aus Erinnerungsresten
ein Ganzes zu machen; dadurch heilt er den Patienten. Jede der
Verdrängungen sei nämlich rückgängig zu machen, und zwar, indem
man das Surrogat seiner Stärke entkleidet und dem Patienten
beweist, dass nur Schuldbewusstsein vorhanden sei. Diese Ent-
deckung habe vor ungefähr 15 Jahren Dr. Josef Breuer ge-
macht. Die theoretische Aufgabe der Therapie sei also, die ver-
drängten Mittelglieder in der Kette der Erinnerung zu finden.
Hiezu muss man den Patienten, als den einzigen Bewahrer dieser
Erinnerungen, abfragen. Breuer hypnotisirte den Patienten und
bat ihn, sich in die Situation zurückzuversetzen, in die der Ver-
drängung stattgefunden.In der Hypnose war nun der Patient im Stande, den Weg
von den stehengebliebenen Symptomen zu den verdrängten zu
finden. Redner wendet aus verschiedenen Gründen die Hypnose
nicht an, sondern bittet einfach den Patienten, sich in die Situation,
wo die Symptome bestanden, zurückzuversetzen und sucht kleine
Erinnerungsreste aufzufrischen. Bleibt der Patient stecken, so setzt
Redner voraus, dass die Fortsetzung wohl in der Erinnerung vor-
handen sei, nur habe der Patient seine Aufmerksamkeit nicht
darauf gerichtet. Redner legt ihm hierauf die Hand auf die Stirn,
drückt leise und bittet ihn, intensiv an das verdrängte Ereigniss
zu denken und momentan zu sagen, was ihm jetzt eingefallen.
Gewöhnlich sei es das Richtige. Das Verfahren könnte also
Hypnose ohne die Nebenerscheinungen genannt werden. Redner
nimmt an, dass der Patient nicht fähig sei, seine Aufmerksamkeit
willkürlich auf das Symptom zu lenken (und das ist das
Wesen der Verdrängung), dass also ein Widerstand des Willens
vorhanden sei; er könne nicht daran denken, weil er nicht will.
Beweis, dass der Patient, wenn sich der Arzt bemüht, die Auf-
merksamkeit des Patienten darauf zu lenken, derselbe Unlust-
gefühle verräth. Diese Unlust ist schuld, dass Patient spontan
niemals auf die verdrängte Vorstellung kommt. Der Unterschied
zwischen Verdrängungen bei normalen und bei hysterischen Personen
sei also der, dass die Ersteren wissen, dass sie sich nicht er-
innern wollen, während die Hysterischen können, aber nicht
wollen an die verdrängte Vorstellung denken. Bei diesen Letzteren
spricht man (nach Breuer) von einer Spaltung der Seelenthätig-
keit; der eine Theil der Psyche weiss, der andere nicht. Das
Bewusstsein gibt also den Hysterischen die eigenen inneren Vor-
gänge unrichtig wieder. Es muss also bei den hysterischen
Patienten immer eine psychische Kraft überwunden werden; man
sucht den Widerstand zu entlarven. Man hat hiebei den Eindruck,
als ob ein Dämon vorhanden wäre, der sich sträubt, dem Arzt
das Geheimniss preiszugeben, weil damit seine Existenz in Frage
gestellt ist.S.
Redner hält von dem therapeutischen Werth der Methode
sehr viel, er habe wenigstens noch in keinem Falle erfolglos
gearbeitet. Es sei wohl keine Frage, dass man dabei an die
Intelligenz des Patienten grosse Anforderungen stelle, sowie dass
der Patient grosses Vertrauen zum Arzte haben müsse.Der Vortheil, den diese Methode vor den chirurgischen Ein-
griffen habe, bestehe in dem Mangel an Gefahr; der Nachtheil in
der Langwierigkeit der Behandlung.Die Patienten leiden an den Folgen der Verdrängungen.
Nun bemerkt man, dass die Zahl der Verdrängungen eine sehr
beschränkte sei. Alle fallen in die Periode vor der Pubertät, alle
Symptome knüpfen sich an diese früheren an. Wenn man nun in
Betracht zieht, wie engbegrenzt die Bedingungen für die Ver-
drängung sind (sexuell), möchte man hoffen, dass, wenn es ge-
lungen, die primären Symptome zu verdrängen, eine gründliche
Heilung zu erzielen sei.
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S. Freud (Fortsetzung und Schluss): Ueber Hysterie
1895-411/1895.5