Rank, Otto (1909-519/1909.01): 29. Vortragsabend am 2. Juni 1909. Über die Einheit der Neurosen. Dr. Adler
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Nach ein paar einleitenden Bemerkungen, welche die Schwierigkeit
betonen heute schon über dieses Thema zu sprechen, anderseits aber die Hoff-
nung ausdrücken, den durch den Vortrag und die Besprechung dieses noch
sehr der Schonung bedürftigen Gedankenganges vielleicht ein kleiner Schritt
nach vorwärts im Verständnis und in der Therapie der Neurosen getan
werde, geht der Vortragende zum eigentlichen Thema über.Er müsse von älteren, längst bekannten Dingen beginnen, die
sich deutlich als eine der Grundlagen aufdrängen und bei der Be-
trachtung der Neurosen summarisch in Erwägung zu ziehen sind.
Es handelt sich um das, was er unter dem Begriff der Organminderwertig-
keit zusammengefaßt habe, er habe dies wiederholt schon auseinander-
gesetzt und möchte nur hinzufügen, den damit auch die Grundlage
gegeben erscheine für ein Verständnis des Trieblebens insofern als auch
der Trieb — wie er kürzlich in einem Vortrag auseinandergesetzt habe — nur
entwicklungsgeschichtlich zu verstehen sei. Mit der Org. M. ist verbunden
die Eigentümlichkeit eines stärkeren Triebs, einer späteren Einfügung in
die Norm und damit Alterationen, die mit den Kulturanforderungen
regelmäßig in Widerspruch geraten. Diese Eigentümlichkeiten re-
flektieren aufs Psychische, so den uns auch in der Psyche Entwicklung
hemmungen aber auch bedeutendere, über den Durchschnitt hinaus-
ragende Leistungen entgegentreten: so den de Satz eine Be-
rechtigung hat: die größeren Leistungen organischer und psy-
chischer Natur äußern sich auf der Grundlage dieser Org. M. insofern
sie nur eine gehörige Kompensation und Wachstum zu schuss erzwingt.
Oder vielleicht praktisch besser gesagt, den gewisse Gebrechen des
Kindes eine Disposition schaffen zu größeren Leistungen unter gün-
stigen Umständen.Ein zweiter Punkt, der im Triebleben — auch das ist nur eine Reka-
pitulation früher dargelegter Zusammenhänge — eine Bedeutung ge-
winnt, weil auch hier die psychischen Entwicklungshemmungen deut-
lich werden, ist auf dem Gebiet dessen zu suchen, was der Vortra.S.
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unter dem Namen Aggressionstrieb zusammengefaßt habe. Auch
der Umfang dieses Begriffes ist bekannt und es sei nur für die
heutigen Ausführungen kurz erwähnt, den es sich dabei um eine
Leistung des Haltes handelt, die für die Entwicklung der Mensch-
heit notwendiger, insofern als Vorausdenken u. Vorausfühlen
nur durch diesen Umweg über eine gehemmte Aggression zustande
kommen konnte, welche Hemmung ihrerseits wieder einem Voraus-
fürchten entsprang, wie wir es in der Neurose regelmäßig wiederfin-
den. Die Schwierigkeit einer Zusammenfassung aller Neurosen auf
diesem Gebiet liegt darin, den die Äußerungsformen so mannig-
fache sind, den man in vielen Fällen nur Spuren der einen Form
findet (z. B. Angst), in andern Fällen so deutliche Ausprägungen, das
alles andere darunter verschwindet; immer wird es aber gelingen, die
verschiedenen Formen auf den Aggressionstrieb zurückzuführen. Auch
hier also finden wir wieder die Gemeinsamkeit der Ätiologie u. so lässt
sich auch von dieser Seite her eine Zusammenfassung sämtlicher
Neurosen wagen.Ein dritter Punkt durch den sich sämtliche Neurosen, soweit
er sie einer Analyse unterziehen konnte, auszeichnen ist die
Überempfindlichkeit, die eine der hervorspringendsten Eigen-
schaften aller Neurotiker ist. In den Lehrbüchern wird ihrer kursorisch
Erwähnung getan. Von Analyse erscheint durchaus nicht als die
einfachste. Er habe eben auseinandergesetzt, den es sich dabei
handle um eine überraschende Ausbreitung der Empfindlich-
keitszone. Pat. ist an Stellen seiner Psyche empfindlich, bei denen
ein halbwegs normaler Mensch noch nicht auf den Gedanken kommt,
dass hier die Empfindlichkeit eine Rolle spiele. Der Zusammen-
hang mit dem Aggressionstrieb ist hier ziemlich klar, andere Zu-
sammenhänge sehen schwieriger durchzuschauen. Der Ausgang dieser
Empfindlichkeit stammt aus den Verwandlungen des Aggr. Triebes.
Ihre Kenntnis trage viel bei erstens zum Verständnis der Person undS.
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des Charakters des Pat., zweitens sei sie unerlässlich bei der Analyse
der einzelnen Anfälle, die wir nur verstehen, wenn wir wissen,
an welcher Stelle seiner Psyche der Pat. empfindlich ist. Mit der Eru-
ierung dieser Stelle ist dann nicht nur der Weg für die Analyse son-
dern eine gewisse Entlastung des Pat. gegeben. Das Zutrauen zum
Arzt ist kolossal sobald Pat. merkt, den man seine Empfindlichkeit ver-
steht und schont wie anderseits die meisten Pat. welche die Kur abbrechen,
dies aus verletzter Empfindlichkeit tun.Der Vortragende geht nun daran, die Anfänge des Trieblebens u. den
daraus entwickelten Charakter ein wenig ins Auge zu fassen. Es sei
das ein Punkt, den er momentan schwer zu erörtern in der Lage sei.
Er handle sich dabei um das Kapitel, das Freud unter dem Namen Anal-
charakter zusammengefaßt habe. Er habe schon öfter erwähnt, den er
regelmäßig den Analcharakter bei seinen Analysen vorfinde, wenn
auch nicht immer in der scharfen Ausprägung wie Freud ihn uns
dargestellt habe u. vielleicht noch mit einigen andern Zügen, sicher
aber im Zusammenhang mit den früher genannten Punkten:
der Organminderwertigkeit, dem Aggressionstrieb und der ungemein
gesteigerten Empfindlichkeit. Besonders diese letzte stehe in einem
so innigen Zusammenhang mit dem Analcharakter, den sie
sich unmöglich davon trennen kann, ja den auch einzelne der dort
angeführten Charaktere auf der Basis dieser Empfindlichkeit bestehen,
z. B. der Trotz. Auch den Geiz habe er wiederholt darauf zurückführen
können. Anderseits wird diese Empfindlichkeit wieder gestärkt durch
die Ursachen des Analcharakters. Es geht im letzten Grunde zurück auf
eine Furcht vor Beschmutzung, die in den ersten Kinderjahren sicher-
lich eine Kulturerscheinung vorstellt und direkt auf den Anal-
charakter zurückgeht, der sich als ein regelmäßiger Bestandteil des
menschlichen Charakters entwickelt, so den wir uns auch von diesem
Gesichtspunkt nicht wundern können, ihn bei allen Neurotikern
zu finden. Er könne näher jetzt nicht darauf eingehen: aber wasS.
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wir
alsals Furcht vor Beschmutzungfindenfinden und was im übertragenen
Sinne Furcht vor Herabsetzung, Beleidigung, Verletzung, vor Ein-
buße der Kulturhöhe ist, das geht hervor aus einer Reaktion gegen
den Analcharakter und wird im allgemeinen zur Empfindlichkeit.Die gleiche Ausdehnung müsse man auch dem andern Punkt
zuteil werden lassen, von dem Freud in der letzten Zeit gesprochen
habe, nämlich dem Zusammenhang der Neurosen mit der
Beziehung zu den Eltern (zu Vater oder Mutter). Auch diese Be-
ziehung lässt sich in keinem Fall vermissen und wenn er auch
nicht in allen Fällen so deutlich hervortritt, so lässt er sich doch immer
in Andeutungen wieder finden. Auch beim normalen Menschen, ganz be-
sonders aber beim Neurotiker wird ja — und nunwärenwären die fünf
Punkte zusammenzufassen — unter dem Druck dieser verschie-
denen Regungen es zu innern Widersprüchen kommen, welche
die Psyche in irgendeiner Form auszugleichen bestrebt sein wird.Nun würde es sich noch — und das ist das schwierigste Kapitel —
darum handeln, aus diesen Grundlagen erstens die Gemeinsamkeit
der Neurosen wieder zu entwickeln. Die zweite, noch schwierigere Frage,
die auftaucht sei die, wie er sich dabei mit der Wahl der Neurose
verhalte. Auch darüber ließe sich — da das das Programm der Zu-
kunft sei — vorläufig nur ein bescheidener Beitrag liefern. Es zeigt
sich aus dem Material, den dabei die Verschränkung und das Zusammen-
stossen der Triebe von größtem Belang sind. Den dabei auch die Org. M.
ihre Rolle spielt, kann man regelmäßig aus der Analyse gewisser
funktioneller Symptome ersehen. Dieses Zusammentreffen und
der Widerstreit besonders ausgeprägter aber für die Kultur nicht
freier Triebe, ferner der Grad der Einschränkung der Aggression
spielen bei der Wahl der Neurosenform ihre Rolle aber es
kann unmöglich alles sein: oder wir müssten uns vorstellen, den
schon ein geringer Unterschied in der Triebstärke genügt. Das
wichtigste bei der Neurosenwahl ist aber sicherlich, auf welcher
Entwicklungsstufe des Kindes dieser Zusammenstoss erfolgt: derS.
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Zusammenstoss vereinzelter Triebe mit der Kultur, der Außenwelt,
kurz wann die innern Widersprüche laut werden. Der Vortragende zweifelt
fast, in abstrakter Form auseinandersetzen zu können, um was es sich
handle und erörtert darum die Verhältnisse an einem Beispiel.Es handelt sich um eine Pat., die als Kind deutliche Zeichen der Augen-
minderwertigkeit zeigte, die sich auch sonst in ihrer Familie findet. Früh-
reife Kindheit, sexuelle Regungen und Verführungen; bes. der Ehrgeiz
der Pat. hatte in den ersten Kindheitsjahren schon kolossale Dimensionen
angenommen. Dieses Mädchen kommt nun weiterhin, geleitet durch die
Liebe zu ihrem Vater zu einer Phantasie, worin der Vater der Bedeutendste
ist. Es zeigt sich weiterhin bei der Pat. eine überschwengliche Über-
schätzung des Vaters, von der sie bis heute nicht losgekommen ist.
Dieses Moment lässt sie oft in ihren sexuellen Verhältnissen die Be-
dingung stellen, den der Mann sehr hervorragend sein muss, ohne
dass ihr dieser Zusammenhang im Bewussten zugänglich wäre.
In der Analyse stellt sich heraus, den sie in ihrer Ehe unglücklich
geworden ist, weil ihr Mann diese Bedingung der Allerhervorragendsten
nicht erfüllt hat. Diesen kleinen Ausschnitt habe er nur ange-
führt um zu zeigen, bei welcher Entwicklungsstufe des Trieblebens
die Aggressionshemmung ihre Wirkung ausübt. Es ist klar, den für
die Pat. in der Beziehung zum Vater die Aggressionshemmung liegt;
und in der Phantasie bleibt als wichtigster Bestandteil der übrig, den
der Hervorragendste gewählt werden muss. Wie direkt die Empfindlich-
keit damit zusammenhängt, bes. in allen übertragenen Sexualbe-
ziehungen, ist leicht ersichtlich. Wir müssen annehmen die
Aggressionshemmung (d. i. die Phantasiebildung und ihre Ver-
drängung) erfolgt in der Zeit, wo das Kind sich verschiedener Be-
ziehungen des Vaters bewusst sind und es wird sich daraus die Be-
dingung entwickeln, den der geliebte Mann ein Verhältnis haben
muss, ein Lump sein muss etc. etc., auch wenn diese Bedingungen
ursprünglich nur in der Phantasie des Kindes (durch sein Misstrauen
etc. hervorgerufen) gegeben war.S.
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Wenn auch hier keine Neurosenwahl aufgezeigt werden kann, so
sind doch Verschiedenheiten in der Symptombildung gegeben. Es han-
delt sich dabei darum auf welcher Entwicklungsstufe dieser innere
Widerspruch beim Kind zutage tritt, in welcher Zeit seiner psychischen
Entwicklung die Verdrängung geschieht und bei welcher geistigen
Reife das Kind dabei betroffen wird. — Seine Bestimmungen habe
er absichtlich so weit gefasst u. möchte nur etwas Determiniere-
ndes anführen: den es sich dabei handelt um eine Anzahl von
psychischen Leistungen des Kindes, die betreffen: 1. seine Reaktions-
fähigkeit gegen die Außenwelt, d.h. die Fähigkeit d. Entwicklungs-
stärke seines Aggressionstriebes 2. d. den die Stärke seiner Reaktions-
fähigkeit gegen sich selbst, d.h. wie weit es in der Lage ist, unan-
genehme Gedankengänge zu überwinden, zu verdrängen od.
ins Gegenteil zu verwandeln.Ganz allgemein könne man also, bei Aufrechterhaltung des
Grundsatzes von der Einheit der Neurosen sagen, den die Neurosen-
wahl dadurch bedingt ist, wann und in welcher Verfassung der
Leitfaden dieser inneren Widersprüche das Individuum antrifft,
d.h. in welcher Verfassung er die Aggressionshemmung antrifft oder
allgemein verständlicher, in welcher geistigen Verfassung die
Verdrängung der Phantasien eintritt. Dabei spielt, wie schon betont,
die Stärke der Reaktion nach aussen und nach innen eine
Hauptrolle. Daraus ist ein Punkt ersichtlich auf den einiges
Gewicht gelegt werden muss: den die Zurückführung einer Neurose
bis in die Zeit vor die Verdrängung zu leisten ist, wie es auch
Freud regelmäßig getan hat u. wie aus der Betrachtung des
Analcharakters hervorgeht. Dieser betrifft die angeführte Ent-
wicklungsstufe, auf die das unheilvolle Ereignis einfällt. Damit ist
klar, das es sich tatsächlich um einen angeborenen Trieb handelt,
auf den im Hintergrund die Organminderwertigkeit steht, die
allerdings nicht die Neurosenwahl nicht ausmachen kann, nicht
allein zur Neurose führen kann, deren Betrachtung aber im —S.
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Diskussion:
Steiner hat in dem Gehaltenen viele Perlen gefunden, deren Erlangung
aber das Öffnen d. Austerfan [?] vieler Schalen bedingte. Allgemeine
u. neue Gesichtspunkte dürften wir dabei nicht gewonnen haben.
Bis auf weiteres könnten wir uns mit dem in der Sex. Th. gegebenen
bescheiden. — Erwartet hätte er wenigstens eine Definition d.
Begriffes. — Unter den erlaubten P. sei der Kuss, natürlich derer,
die sich damit begnügen, noch zu nennen.Stekel bemerkt es sei im Wesen über das Thema nichts neues ge-
sagt worden. Es sei der Hauptpunkt, den Adler u. Kraus vertreten,
den die Psych. als eine Kreation aufzufassen sei: —
A. habe sich dabei in gewissem Sinne reaktionär gezeigt u. einen
Hass gegen das Alter verraten in der Verwerfung der Ehe alter Männer
mit jungen Mädchen. — Eine Def. d. Pers. sei schwer zu geben: wir
würden sagen P. ist die Reaktion des Individuums auf seine
infantilen Erfahrungen. —
Unbegreiflich sei ihm die Behauptung: ein norm. Mensch werde
durch die Pers. nicht krank. An der Pers. erkrankt der, der mit
Hemmungsvorstellungen zu tun hat. Ebenso unbegreiflich sei ihm
die Auffassung des Weichlings, die Erweiterung des Begriffs der Anämie,
deren Gefahren A. übrigens stark übertreibe. — Die Schäden der
On. möchte er nicht f. die Neurasthenie verantwortlich machen.
Diese Leute onanieren zwar aber nicht das führt zur Neurose
sondern der psychische Konflikt.Man müsse aber A. dankbar sein für die Anschneidung des Themas,
das einer gründlichen Durchsprechung u. Behandlung bedürftige.
Der Masochismus sei ein kompliziertes Thema, so viel aber könne man
sagen, den diese Leute aus einer Art religiösen Schuld-
bewusstsein Strafe u. Lust miteinander verbinden (Volksepidemien).
Eine solche allgemeine Betrachtung hat keine Berechtigung wenn sie
nicht in persönlicher großer Erfahrung wurzle. Was uns A. geboten
habe war der interessante Extrakt seiner Weltanschauung, aber
neue Aufschlüsse hat er uns nicht geboten.S.
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Amnesie, ein Unterschied, der sicherlich bis in die ersten Jahre
zurückführt.Der Vortragende schliesst mit dem Hinweis, dass er in sofern Wort
gehalten habe, als er eine Skizze geben konnte, bei der es ihm hauptsäch-
lich darauf ankam, zu zeigen, dass wir schon heute in der Lage sind
aus unsern Analysen einen berechtigten Schluss zu ziehen, wie man
sich die Neurosenwahl vorzustellen habe und wie tatsächlich die Be-
dingungen gegeben seien, um sämtliche Neurosen unter einem
einheitlichen Gesichtspunkt zusammenzufassen.Diskussion:
Prof. Freud hat im speziellen an den ausnehmend klaren und konsequenten
Gedankengängen Adlers wenig auszusetzen, muss dagegen gestehen,
dass er im Allgemeinen einen verschiedenen Standpunkt einnehme.
Es sei interessant diese Standpunkte miteinander zu vergleichen u.
so von verschiedenen Seiten Licht auf die Probleme zu werfen. Den
Absichten Adlers um Klärung der noch nicht spruchreifen Gedanken
Rechnung tragend, bitte er um ein analoges Verhalten für seine Kritik.
Der allgemeinste Einwand sei, dass Adler, fast wie absichtlich, das Sexuelle
eliminiert habe, das man in einer Betrachtung der Neurosenwahl nicht
missen könne. – Adler beschäftige sich wesentlich mit der Bewusstseins-
psychologie und mit dem von ihm (Freud) vernachlässigten Stück Psycho-
logie, das man als Psychologie der Ich-Triebe bezeichnen möchte. Die
ganze Psychotherapie steht auf der Seite der anderen, der erotischen Triebe, um
den Menschen für die andern Interessen fähig zu machen. Die Ätiologie
der Neurosen ist durchwegs eine sexuelle. Als Ergänzung darin ist die Be-
zu
trachtung der Ich-triebe u. ihres Verhaltens gegen die auftretenden
Sexualtriebe etwas ausserordentlich Bedeutsames und Unentbehrliches.
Man müsse sich aber sträuben dagegen, dass die Schilderung dieses
Teils der Psychologie die Charakteristik der Neurosen ist; das ist die
Charakteristik des Ichs.S.
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Über die Organ-Minderwertigkeit u. seinen persönlichen Standpunkt dazu,
sei ja schon wiederholt die Rede gewesen (Punkt 1.)
Beim Aggressions trieb habe er Widerspruch erhoben gegen die Auffassung,
dass man den triebhaften Charakter aller Triebe hypostasiere als eigenen
Trieb u. den andern Triebe nur formalen Inhalt gebe (2)
Was nun seine Stellungnahme gegen Adlers 3. Punkt, die Über-
empfindlichkeit betreffe, so sei das ein exquisites Charakterzug
nicht des neurotischen Individuums sondern bestimmter Teil-triebe
des Individuums. In der Überempfindlichkeit des Individuums könne
man nur Verdrängungsanteile erblicken. Er bezeichnete uns die
Verdrängungsstellen, hinter denen die pathologischen Komplexe liegen.
Als solche sind sie eine dankenswerte Vervollständigung. Im allgemeinen
könne man in 3. Punkt keinen Charakter der Neurose, eventuell einen
Charakter des Neurotikers sehen. Man könne die Empfindlichkeit mit
einer Art Libido der Ich-triebe vergleichen.
Bezüglich der Allgemeinheit des Analcharakters u. der Eltern-
beziehung (Punkt 4 u. 5) sei er mit Adler ganz einer Meinung.
Das wären also keine Charaktere der Neurosen sondern aller Menschen.
Es habe ihn übrigens überrascht auch bei Adler die Verwechslung zwischen
Analerotik u. Analcharakter zu finden. Er selbst habe nur nachweisen
wollen, dass gewisse Charakterzüge diesen erotischen Ursprung haben,
das hat aber mit den Neurosen direkt nichts zu tun. Ebensowenig gehöre
die Allgemeinheit der Elternbeziehung zur Neurose sondern zu den
allgemeinen Kindheitsbedingungen. Die letzten zwei Punkte seien also
besonders
zur Herstellung einer Einheit der Neurosen ganz ungeeignet.
Beim Problem der Neurosenwahl müsse er gestehen, dass er bei A.
einige von seinen Anschauungen gefunden habe. Adler findet
die Bedingungen: 1. in der Organ M., 2. in der Triebverschränkung und
3. in der psychischen Entwicklungsstufe, in welcher der Konflikt
das Kind trifft. – Zu diesen Punkten möchte er in folgender
Art Stellung nehmen: Seine eigenen Versuche, die Neurosenwahl
zu erklären, seien bis jetzt missglückt; es kämen dabei eineS.
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Anzahl von Momenten in Betracht. – Die Organ M. gilt als massgebend für
die Symptomen-Wahl, für die Lokalisation. Die Neurosenwahl aber
ist vom somatischen Entgegenkommen ganz unabhängig. – Dass
die Triebverschränkung dabei eine Rolle spiele halte er für nicht un-
wahrscheinlich. – Die Entwicklungsstufe habe in seinem Nachdenken
eine etwas andere Rolle gefunden, in der die Lebenszeit des Ent-
scheidens ist. Im allgemeinen entspreche aber die Lebenszeit ver-
schiedenen Entwicklungsstufen u. nicht der absolute Fall sondern
die darin erreichte Entwicklung sei das Wesentliche. Es scheine, dass
die Hysterie mit den frühesten, die Zwangsneurose mit den fortgeschrit-
tenden, die Paranoia mit den letzten Stufen zusammenhänge. Die
Zeit des Konflikts falle mit der Erkrankung zusammen, die Zeit des
Konflikts sei aber nicht die, in der die Neurosenwahl stattfinde.Die Neurosenwahl liege aber anders u. unter diesen drei Momenten
sei das entscheidende nicht. Er selbst habe nun die Idee der Lebenszeit
aufgegeben, was z. B. veranlasste die Art, wie sich die Neurosen ausein-
ander entwickeln u. einander ablösen. Der häufigste Fall ist der, dass
man bei der Analyse von Zwangsneurose auf perverse Formen von
Hysterie bei dem betreffenden Individuum kommt. Das würde auch
zur früheren Erwerbung der Hysterie stimmen. Was macht man aber
mit Fällen, wo z. B. ein Mädchen von 16/17 Jahren mit Zwangsneurosen
anfängt, um nach einem halben Jahr eine Hysterie zu entwickeln? Was
mit den so häufigen u. so wenig studierten Fällen, wo man etwas
lange für Hysterie hält u. allmählich die Demenz dahinter zum Vor-
schein kommt? Oder Personen, die nach jahrelanger Hysterie in
Paranoia umschlagen? Das sind Bedingungen, die sich aus diesen
drei Punkten unmöglich erklären lassen. Er habe den Eindruck,
dass hier die Abstraktionen Adlers wenig lebensvoll waren u. dass
der Versuch einer Lösung dieser Probleme nicht gelungen sei.Das Interessanteste aber sei, dass die Einheit der Neurosen nicht
erst gesucht zu werden braucht, weil sie längst existiert. Insofern
die Neurosen auf d. Ersatzbildungen für die VerdrängungS.
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der Libido zurückbleiben durch verschiedene Mechanismen der Verdrängung und der Wiederkehr
des Verdrängten. Die Disposition der Neurosenwahl liege nach
seiner Auffassung in den Schicksalen der Libido, von denen
wir einige kennen gelernt haben. Diese scheinen sich beim Neu-
rotiker in verschiedenen Entwicklungshemmungen zu voll-
ziehen. Das zeitliche Moment komme hierin gewissermassen mehr
zur Geltung. Der allgemeinste pathologische Gesichtspunkt ist
der, der Entwicklungshemmung als Disposition und der der
Rückbildung als Erkrankungsmechanismus; was aber den
Anstoss dazu gibt, das ist die Libido u. ihr Schicksal.Adler weist zunächst den Vorwurf der Eliminierung des Sexuellen mit dem
Hinweis zurück, dass er heute nicht über Ätiologie gesprochen habe
u. glaubte sich ersparen zu können, die Wichtigkeit des Sexuellen hervor-
zuheben. Übrigens dürfte aber durch den 5. Punkt auch diese Lücke als
gedeckt erscheinen. – Bezüglich der Überempfindlichkeit habe er eine
größere Arbeit Arbeit vor, die diesen Punkt ins Reine bringen dürfte. Es han-
delt sich dabei durchaus nicht nur um die Ich-Triebe, die gegen die
Sexualtriebe eine Schranke bilden, sondern um eine dauernde
Stimmungslage, die sofort mit allen Mitteln des Organismus ein-
schreitet, sobald ein wunder Punkt berührt wird u. es sei
klar, dass sie mehr bedeutet für das Verständnis der Neurose. –
Auf die Kritik des Trieblebens könne er nicht eingehen; es sei
jedoch leicht zu zeigen, dass der Trieb durchaus nicht formalen
Charakter hat, aber nur verständlich wird aus der Entwicklungs-
geschichte. – Er glaube nicht beim Analcharakter ein Missver-
ständnis begangen zu haben, u. freue sich zu sehen, dass Freud
auch die durchgängige Auffassung vom Analcharakter habe.
Punkt 4 u. 5 kommen gemeinsam insofern in Betracht, als sie
unter gewissen Bedingungen zu einem inneren Konflikt
führen. Dieser Konflikt wäre besser als Primärkonflikt zu
bezeichnen, denn der Konflikt, der zum Ausbruch der Krank-S.
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heit Anlass gebe, habe er dabei nicht im Auge gehabt.
Bei der Neurosenwahl sei ein gewisser Unterschied ob man sagt die
Zeit entscheidet oder die Entwicklungsstufe. Wenn Freud hervor-
hebt, dass die Entstehung der Neurosen abhängt von der Entwicklung
der Libido u. deren Störungen, so ist die Frage berechtigt, welches
die Ursachen dieser Entwicklungsstörung seien. Es sei ihm ein Fall
in Erinnerung, aus welchem ersichtlich sei, dass diese Entwicklungs-
störung nicht durchaus angeboren sein muss, sondern auch aus die-
ser Konstitution stammt. Man müsse keineswegs auf das An-
geborensein einer Libido rekurrieren. Das Entscheidende für die
Entstehung der Neurosen u. die Neurosenwahl ist dieser Primär-
konflikt, in welchem die Widersprüche zu Tage treten. – Aus seiner
Betrachtung gehe hervor, dass die Einheit der Neurosen eine viel tiefer
gehende sei als die Ätiologie der einzelnen Neurosen, die bisher
eine gesonderte Besprechung erfahren haben. Das Prinzip der Ein-
heit müsse absehen von der Neurosenwahl, es handelt sich dabei
um Differenzstörungen, die aus der betreffenden psychischen
Konstitution erwachsen u. denke eigentlich keinen grundlegen-
den Unterschied bilden ob einer Neurastheniker wird oder Hysteriker
oder Paranoiker. Was das Umschlagen einer Neurose in die andere
betreffe, so muss man vom Standpunkt der Bedeutung der Ent-
wicklungsstufe sagen, es kann eine Stufe geben, die von einem
inneren Widerspruch betroffen, ein Gemisch aller Neurosen zeigen
kann.Federn: Wie Goethe sich die Aufgabe stellte, zu zeigen, was für ein Mensch
Hamlet war bevor er das schreckliche Erlebnis mit dem Vater hatte, so
habe auch Adler sich gefragt, was für ein Mensch ist der Neurotiker
bevor er den Primärkonflikt erlebt, bevor er der Neurosenbildung
erliegt. Man könnte die zweite Seite angehen u. untersuchen, wie
die geheilten Neurotiker sind u. so sehen ob sie spezifisch kon-
stitutionelle Unterschiede zeigen. Adler sieht diese konstitutionellen
Unterschiede in einer latenten Überempfindlichkeit desS.
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des Ichtriebes. Er müsste die Überempfindlichkeit auch nach
der Heilung bestehen. Adler betrachte den fertigen Neurotiker,
der ihm unterkomme, und es ist klar, dass der uns immer die
verschiedenen Zeichen der lokalen Überempfindlichkeit
zeigen muss. Das liegt eben in den lustbetonten Em-
pfindungen des Neurotikers. – Die Empfindlichkeit als stärke
Reaktion auf einen kleinen Reiz kennen wir aber. – Die Frage
sei, ob diese Überempfindlichkeit darin liege, dass bei den Neu-
rotikern bestimmte Triebe verschoben, verdrängt werden oder ob es etwas
Konstitutionelles ist. Man findet oft bei normalen Menschen eine iso-
lierte Überempfindlichkeit u. sie kommen doch normal aus, weil sie
nicht durch abnorme Partialtriebe gestört sind. Die Empfindlichkeit
wird also, so weit sie nicht Folge der Verdrängung ist, nicht aufrecht-
bleiben können; sie ist ein zu allgemeiner Begriff, denn oft liege
eben in der Stärke der Empfindung die Überempfindlichkeit. Was die
zeitliche oder entwicklungsgeschichtl. Bedingtheit der Neurosen-
wahl betreffe, so glaube er, dass dieser Primärkonflikt jederzeit ein-
treten könne, wenn einer der Partialtriebe unerträglich werde.Stekel käme auf Adlers Ausführungen, die er nur zum Teil gehört hat, nicht
eingehen u. möchte daher seinen persönlichen Standpunkt in der
Frage der Neurosenwahl u. der Einheit der Neurosen betonen. Er
denke manchmal, es gebe nur eine Neurose, die durch Verdrängung ent-
steht und was wir als die verschiedenen Neurosen bezeichnen seien
nur verschiedene Formen, die wir uns zurecht gemacht haben. Es
gibt irgend etwas Gelöstes, aus dem sich die verschiedenen Bilder
herauskristallisieren. – Er glaube nur an eine Verdrängungsneurose,
die wir Hysterie nennen und die sich dann je nach der Konsti-
tution, wie Adler hingewiesen hat, äußern kann.
Bei der Zwangsneurose habe er kürzlich eine Fund gemacht: die Ent-
stehung des Zweifels gehe darauf zurück, dass diese Personen in
der Kindheit mit ihrer Liebe zwischen zwei Personen gestellt waren
(z. B. Vater u. Erzieherin, Vater u. Erzieher etc.)S.
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Charakteristisch sei für ihn bei der Entstehung der Neurose nur ein
Moment, das Adler hervorgehoben habe u. das auch Freud betont: die
Neurose entstehe nicht durch sexuelle Trauma, nicht durch frühe
sexuelle Erlebnisse, sondern durch das Verhältnis der Frühsexualität
zu den Eltern, von ihrer stärkeren od. schwächeren Fixierung an dieselben.
Das einfachste formal wäre also dies: die Ursache der Neurosen liegt im
Verhältnis der Kindersexualität zur Sexualität der Eltern. In diesem Sinne
sei er Anhänger der von Adler vorgetragenen Sache; er glaube auch an die
Einheit der Neurosen. Die Neurose sei eine Störung der Affektivität,
die daher komme, dass das Kind frühzeitig seine wahren Affekte gegen
die Eltern verdrängen musste, wodurch es zu einer Neuordnung im
Affektleben gekommen ist. – Der Begriff der Überempfindlichkeit
drücke das nicht genau aus. Der Neurotiker reagiert deswegen abnorm,
weil man mit kleinen Reizen auf einen stark affektiv betonten
Komplex kommen kann.Hitschmann möchte Adlers Standpunkt doch als einen oppositionell-
fruchtbaren bezeichnen. Er habe das Gefühl, dass Adler immerwiederjene Fragen aufwerfe, die man als die banalen leicht findet.
Darüber, dass diese sexuellen Ursachen doch immer einen bestimmten
Charakter treffen müssen, um pathogen zu werden, sind ja alle einig.
Und es sei der Versuch sehr berechtigt nachforschen, welcher Charakter
denn zur Entstehung der Neurose notwendig sei. – Er habe sich immer ge-
dacht, es komme darauf an, wie das Individuum die sexuelle Schädlichkeit
nehme und was es daraus mache, um eine bestimmte Neurose entstehen
zu lassen. Und dabei könne man die Bedeutung eines Art angeborenen
Charakters oder ererbter Eigenschaften nicht leugnen. Was Freud immer
als psychosexuelle Konstitution bezeichnet hat, das klingt selbstverständlich
in allen unsern Besprechungen immer mit. Der Versuch zu sehen, ob
etwas Einheitliches dahinter stecke, sei gewiss berechtigt.
Er habe nicht genügend Erfahrung um ein endgültiges Urteil
über das Vorgebrachte zu fällen. Im allgemeinen sei es peinlich unbefriedigt.
Namentlich die Überempfindlichkeit finde man bei Perversen im selben Grade.S.
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Dann auch bei den Psychopathen, die an der Neurose vorbeigeschlüpft sind.
Wenn bei der Neurose das Hauptcharakteristikon in der Verdrängung läge,
so müsse man einen Verdrängungstrieb, der bei andern nicht
vorhanden ist, konstruieren. Vielleicht komme die „Empfindlich-
keit“ etwas entspräche eher gar? —Reitler meint, dass Adler, wie er dem Sexualtrieb durch die Setzung des
Aggressionstriebs das Treibende nehme, so bestrebe er sich auch dem
Selbsterhaltungstrieb die treibende Kraft zu berauben, indem er
die Überempfindlichkeit als etwas besonderes, das lange mit einem
Missverständnis zusammenhänge, das sich vom Begriff der Partialtriebe
aus gebildet habe. Er könne den Anschein, als ob diese Partial-
triebe ein gesondertes Dasein führen könnten, welche kaum
durch eine andere Verzweigung (etwa Triebsegmente) hätte vermie-
den werden können. Auf diesem Wege aber ist es möglich gewor-
den, den ganzen Sexualtrieb seines Triebcharakters zu entkleiden,
was ein Nonsens sei. —
Analcharakter und Elternbeziehung seien allen Menschen, nicht bloss
den Neurotikern gemeinsam.
Was die Neurosenwahl betreffe, so sei die Organ M. bei der Symptom-
bildung u. event. für den Anfall entscheidend, ebenso wie es
mit der Triebverschränkung (die übrigens besser als Triebver-
lötung bezeichnet würde), für die Behauptung, dass die Entwicklungs-
stufe entscheidend sei, fehlen die Beweise.
Bezüglich der Einheit der Neurosen habe er schon lange seine
Neurosen
eignen Ideen. Wir haben bis jetzt diescharfvon einander getrennt,
jetzt werden wir Entwicklungsgeschichte treiben müssen. Er
sei überzeugt, dass die uns bekannten Neurosen sich eine aus
der andern entwickle, dass sie Entwicklungsstufen einer Reihe seien.
Die primärste sei die Angstneurose im Sinne Freuds, die 2. Stufe
sei das psychische Überbau über die Angstneurose, die Angsthysterie.
Die 3. Stufe, die Zwangsneurose sei nichts weiter als eine Angsthysterie,
bei der eine Anzahl von Reaktionen (Schutzmassregeln, Bussen etc.)S.
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gegen die unterdrückten, angstbezeugenden Vorstellungen auf-
trete. So dass die Zwangsneurose nur als eine weiter ausgebildete
Angsthysterie aufzufassen ist. Die Konversionshysterie ist parallel
zu rücken mit der Zwangsneurose. Bei der Konv. Hysterie sinddie
Zwangsschutzmaßregeln identisch mit den Zwangshandlungen der
Neurotiker. – Die Bestätigung dafür könne man darin sehen,
dass man bei jeder Zwangsneurose die Angsthysterie dahinter
nachweisen kann u. dass die Auflösung der Zwangsneurose tatsäch-
lich auch immer über die Angsthysterie geht. Der Übergang einer
Neurose in eineandereandere wäre kein „Umschlagen“ sondern ist
als Entwicklungsprozess zu deuten.Adler hat nur zu danken für die Aufmerksamkeit u. glaubt
sich der Pflicht enthoben auf das meiste eingehen zu wollen.
Nur einen Punkt möchte er klären. Hitschmann meint, dass
man die Überempfindlichkeit auch bei anderen finde. Dies Argu-
ment sei leicht zu entkräften; es gibt nämlich keinen Perversen,
der nicht neurotische Symptome zeigt. Dasselbe gilt für die Psycho-
pathen im grossen u. ganzen. Er halte also an der Überempfindlich-
keit im vollsten Ausmasse fest.| Prof. Freud bringt schließlich noch ein paar Bemerkungen vor,
die in der Diskussion rege gemacht worden sind.
Die Einheit der Neurosen hat nur einen Sinn, wenn man auch die
Verschiedenheiten der Neurosen berücksichtigt, u. diese be-
ruhe auf der Verschiedenheit der Verdrängungsbedingungen. Die
Formen seien nicht unwesentlich und konventionell wie Stekel
meine. Den Unterschieden des Verdrängungsmechanismus werden
auch Unterschiede in der Therapie, in der Beurteilung im Leben,
vielleicht auch in der Prophylaxe entsprechen.
Zu Stekels Äußerungen über den Zweifel und die Furchtgedanken jedes
Neurotikers möchte er folgendes bemerken. Die Erklärung desS.
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Zweifels aus einem akzidentellen Moment einer wichtigen Periode
des Lebens sei, wie er aus gut analysierten Fällen sagen könne,
zu seicht. – Was den Elternkomplex betrifft so ist bei aller
Anerkennung von Stekels Spürsinn doch ein Einwand zu
machen. Die Einheit der Neurosen ist gewiss auch akzidentell
begründet insofern als vieles von ihrer Uniformität vom glei-
chen Ursprung herrührt. BeimVaterkomplexElternkomplex
der Neurosen sei die Infestphantasie dabei, es ist aber auch noch
einiges andere dabei: Das Unbefriedigende an Stekels Erklärung
ist, dass es nur eine Wand ist, hinter der weitere Ausblicke
sich öffnen. Es wird sich weiter zerlegen lassen und die vorläu-
figen Auflösungen gehen ein ganzes Stück hinter den Kern-
komplex zurück.Wenn man sagt in der Ätiologie liege die Einheit der Neurosen,
so reiche auch das nicht aus, denn diese falle zusammen mit
der Ätiologie unserer sonstigen seelischen Entwicklung.
Die Frage warum man krank wird, hat sich uns während
unserer analytischen Bemühungen verflüchtigt; es gibt
einmal keinen solchen Grund, keine solche allgemeine Ätio-
logie. Darüber ob einer krank wird entscheiden allein quanti-
tative Verhältnisse.\
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