29. Vortragsabend am 8. Juni 1910. Schluß der Diskussion über die Schädlichkeit der Masturbation 1910-520/1910.01

Rank, Otto (1910-520/1910.01): 29. Vortragsabend am 8. Juni 1910. Schluß der Diskussion über die Schädlichkeit der Masturbation

Zurück zum Werk
  • S.

    28/111

         111




     

    29. Vortragsabend

    am 8. Juni 1910.








     

    Schluss der Diskussion über die Schädlichkeit d. Masturbation.

  • S.

    1


     

    Der Obmann bringt eine ihm zugekommene Anregung zur Kenntnis.
    Da die Hoffnung auf gemeinsame Publikation der Onanie-Diskussion heuer
    kaum mehr in Erfüllung gehen dürfte, so werden die einzelnen Herren,
    die ihr Thema separat publizieren wollen, gebeten, dies in der von
    ihnen vertretenen Weise zu tun, weil andere auch selbständige Pub-
    likationen vorhaben.

         Stekel wirft die Frage auf, was mit dem Superhonorar von K 100.- gescheh-
    hen habe, das Bergmann für die Redaktion der „Diskussionen“ zahle.
         Adler möchte die Entscheidung darüber dem Redaktionskomité über-
    lassen, jedoch vorschlagen, dass die Diskussion „unter der Redaktion
    des Wiener Ps. A. V.“ erscheinen.

         Stekel schlägt vor, das Honorar dem Verein zu überlassen. –


     

    Diskussion:

    Adler hat nicht vor eine ausführliche Bearbeitung des Themas in seinem
         Sinne zu geben; er habe sich schon öfter über diese Frage geäußert, zuletzt
         in seiner Arbeit über den psychischen Hermaphroditismus, wo die
         Onanie als eine d. Formen des männlichen Protestes erscheine.
         Das wird schon am Ausgangspunkt der Masturbation deutlich durch den
         Mechanismus der Sexualerregung: durch Gestaltung der Erektion und durch
         die Ejakulation.

         Ref. geht nun daran zu untersuchen, wie dieser Gesichtspunkt mit
         den gehörten Schädigungen in Einklang steht. Es geht nicht an,
         zu fragen, welche Schädigungen die Onanie mit sich bringt, da
         sie 1. in jedem Falle auf eine andere Disposition trifft und 2. da
         man immer mit einer Menge von Gegenbedingungen zu rechnen
         hat.

         Alles was durch die Onanie vom Neurotiker ausgedrückt wird, wird von
         ihm auch in anderer Weise ausgedrückt. Und alle Schäden, die man
         in der Onanie auf Masturbation zurückführen könnte, kann man auch
         auf frühere Bedingungen zurückführen.

         Ref. versucht nun bes. das Letztere an einigen Fällen darzutun,

  • S.

    2


     

    wo andere Kollegen Schädigungen der Onanie erblickt haben. So ist z. B.
    auch bei der Neurasthenie, wo die Bedingungen schon vor der Mas-
    turbation liegen. Was den Schrecken (Gewissen) betrifft, der den Masturban-
    ten krank machen soll, so lässt sich in jedem dieser Fälle nachweisen,
    dass es Personen sind, die auch durch andere Dinge – vorher und später
    sich in gleicher Weise erschrecken lassen. –

         Wenn es heißt, dass die Onanie unfähig macht die Abstinenz zu er-
    tragen, so gilt auch hierfür der Gesichtspunkt, dass diese Personen
    lange vor der Abstinenz schon sich zum Ertragen von Enthaltungen
    oder anderer Art unfähig gezeigt haben. Es sei dies auf organische Minder-
    wertigkeiten zurückzuführen, die mit dem Triebleben zusammenhängen.
    Auch für die Antisozialität sei das gleiche geltend zu machen, dass diese
    Personen schon früh auffallend schüchtern und zurückgezogen seien. Solche
    Menschen verlassen bei Täuschungen etc. den geraden Weg der Aggression
    und umgeben ihre Phantasie mit Sicherungen (Masturbation).

         Diese sekundäre Funktion könnte man als Nutzen für den Neu-
    rotiker ansehen, anderseits ist sie aber auch eine Schädigung. Sie
    verschafft ihm einerseits das Gleichgewicht wieder, ist aber anderseits
    zu leicht zu beschaffen. Aber weder Schaden noch Nutzen sind ernst zu
    nehmen weil beide auch andere Formen wählen können.

    Dr. Fr. S. Krauss möchte fragen, wie Ref. die Menschen einreihen will,
         die nicht aus nervöser Schwäche masturbieren, sondern etwa zu Zauberzwecken.

         Adler meint, dass diese Leute sich selbst als Mann imponieren wollen.
         Krauss meint, dass wenn die Masturbation wirklich den Schaden
         hätte, den man ihr nachsagt, müsste schon längst die ganze
         Menschheit neurotisch sein.

         Prof. Freud wünschte, dass Adler bei seiner Betrachtungsweise
         auch die Neurose der Frau in Rechnung ziehen sollte. –
         Er meint, dass die Verwendung der Masturbation (im Sinne Krauss’)
         nicht auf eine Überschätzung des sexuellen Aktes zurückgeht,
         sondern auf eine besondere archaische Schätzung der Symbole, der
         Wortwendungen, der Phantasiebildungen. Diesen Menschen

  • S.

    3


     

    des Wort als Zauber, ein Umstand, der ursprünglich wahrscheinlich der
    ganzen Kunst zugrunde liegt. Die Onanie ist ja nichts anderes als
    das Phantasiebild des Koitus. Dem primitiven Menschen garantiert
    die symbolische Handlung die reale.]

         Stekel findet, dass Adler in den Fehler verfällt, ein gewiss
         bedeutsames Prinzip auf alles anzuwenden. Gilt die Onanie
         für beide Geschlechter als männlicher Protest! Er kenne Fälle,
         wo das sicher nicht stimme, wo mit exquisit weiblichen
         Phantasien onaniert werde.

         Reitler möchte im Gegensatz zu Stekel Adler darin Recht geben,
         dass die Schädigungen häufig auf frühere Bedingungen zu-
         rückzuführen sind, in ähnlichem Sinne wie das neurotische Symptom
         sich auf frühere Erlebnisse stützt. – Die Neurasthenie allerdings
         könne vor der Masturbation nicht da sein. –

         Den männlichen Protest könne er als das Movens des Ganzen
    nicht anerkennen.

         Tausk möchte auf Stekels Gegenbemerkung erwidern, dass der
    Vorwurf gegen Adler so lange unberechtigt sei als nicht nachge-
    wiesen werde, dass Mann-Weib nicht das zentrale Problem
    der Neurose sei. Biologisch lasse sich die Sache allerdings nicht
    klar machen. Der Machtbezirk des Weibchen ist ja in der Natur
    ebenso scharf umschrieben wie der des Mannes, so dass es
    eines männlichen Protestes nicht bedarf.

         Die Antisozialität habe er in dem Sinne gemeint, dass das Weib
    einen Konkurrenzkampf um das Sperma führt; wir sind ganz
    heterosexuell eingestellt und die Entziehung dieses Tributs wird
    als Schmach angesehen.

         Krauss erwähnt im Anschluss an Tausk die Onanie als Kinderspiel
    in Bosnien.

         Adler meint auch darin einen männlichen Protest zu erkennen, da
    es sich dabei handle, wer rascher fertig sei und eine große Kraft
    im Ausschleudern des Spermes entwickle. Ähnlich die Urinspiele.

  • S.

    4


     

    Bei den Frauen lassen sich diese Gesichtspunkte ebenso leicht anwen-
    den, sind aber schwerer auseinanderzusetzen. -- Die biologische Grundlage
    ist nicht zu berücksichtigen, man muss sich nur auf die kindliche
    (neurotische) Wertung einstellen. Übrigens finde man die biologische
    Grundlage in der Minderwertigkeitslehre.

         Was die Personen betreffe, die sich bei der Masturbation als Weib füh-
    len, so sei gerade dies ein deutlicher Ausdruck des psychischen
    Herm. – Was die TatsacheFrage der Zwangsonanie betreffe, so erkenne
    er eine solche mit Sadger (und gegen Stekel) an.

    Federn stellt die Frage in den Vordergrund ob die Neurasthenie durch
         die Onanie bedingt ist oder (wie Adler und Stekel meinen) ob sie
         auf Grund der Kulturwertung der Außenwelt, dem daraus entstehen-
    den Konflikt, entspringe. Er ist der Ansicht Freuds obwohl gewisse
    Beobachtungen dagegen zu sprechen scheinen. Es ist jedoch darauf
    hinzuweisen, dass wir die Onanie als nicht adäquate Beendigung
    der frustranen Erregung ansehen müssen und immer zu untersuchen
    haben, welche Menschen mehr oder weniger frustrane Erregungen
    haben und ob diese sich bis zur Onanie steigern vermögen oder
    nicht. Im ersteren Fall wird die Betätigung auch nicht schädlich sein
    weil sie eine Befriedigung setzt. Daran ist direkt zu erkennen, wann
    man die Onanie erlauben kann und wann nicht.

         Das Schuldgefühl hängt nicht ausschließlich von der kulturellen
    Wertung ab; es ist Ausdruck der Verstimmung, die von der un-
    befriedigenden Onanie herrührt, bei der ja der Aggressionstrieb
    verkürzt wird.

         Hitschmann erwähnt den Fall einer excessiven Onanistin, die
    im Koitus nicht recht zu befriedigen ist, Zeichen einer Angst
    Herz-)Neurose zeigt, aber von den typischen Symptomen der eigent-
    lichen Neurasthenie nichts hat.

         Adler hebt hervor, dass auch das Schuldgefühl schon lange vor
    der Masturbation da ist und nur neuen Inhalt bekommt.

  • S.

    5


     

    Tausk möchte im Sinne früherer Ausführungen das Schuldgefühl
    auf den eigentlichen Inhalt des Wortes reduziert wissen; es sei ohne
    Forderung undenkbar. Der Masturbant verletzt die Forderungen
    der heterosexuellen Kultur.

    Friedjung weist auf die Pubertäts-Herzdilatationen hin, die
    als Folge der Onanie gelten (zwischen 12-17 Jahr.)

    Prof. Freud kann Adlers Auffassung nur bestätigen, dass sich
    das Schuldgefühl mit der Onanie nachträglich verlötet. – Das
    Schuldgefühl ist die psychische Bindung der Angst (nach
    Art einer Phobie), welche durch die Entwicklung der moralischen
    Hemmungen entsteht; es ist dann abzuleiten aus einer nicht
    geglückten, quantitativ zu starken Triebunterdrückung, der
    muss keine Onanie vorangegangen sein.

    Furtmüller findet, dass Tausk den einen der Psychoanalyse
    entgegengesetzten Weg verfolge, indem er das Unbewusste intellek-
    tuell ausdeutet.

         Adler möchte er fragen wieso sich die Onanie so gut eignet das
    Symbol für alle diese Schädigungen zu werden.

         Adler hat nur die Tatsache konstatieren wollen, dass sie sich eignet.

         Hitschmann erwähnt auch die bekannte Masturbantenherz
    und weist auf die Magenschmerzen der Onanisten hin, die so-
    fort aufhören, sobald mit der Onanie ausgesetzt wird und die
    auch von der Nasenmuschel gut beeinflussbar sind.

    Hilferding kann nur vereinzelte Erfahrungen mitteilen, speziell
         über die Onanie beim weiblichen Geschlecht. Bei Mädchen sei ihr, kurz
    vor Eintritt d. Menstruation häufig ein Symptomenkomplex aufgefallen:
    1. vermehrter Harndrang, 2. erekter Ausfluss. Auch fand sich in sol-
    chen Fällen Vulvitis. Bei Nachfrage hat sich immer eine Art Mas-
    turbation herausgestellt. – In anderen Fällen entsteht die Masturbation aus
    dem Hin- und Herrutschen bei zu stark gefüllter Blase (Schule) oder
    durch die Reizung zu enger Kleidungsstücke. In diesen Fällen finde
    man auch kein Schuldbewusstsein.

  • S.

    6


     

    Ref. geht dann auf die Fälle über, wo die Masturbation direkt aus sexuellen
    Motiven ausgeübt wird, was sie nur für die Zeit nach der Masturbation ge-
    sehen habe. Auch in diesen Fällen konnte Ref. kein Schuldbewusstsein
    finden, konnte allerdings auch nicht tief genug eindringen. In anderen
    Fällen fand sich Schuldbewusstsein nach Lesen entsprechender Bücher.
    Ob die Masturbation zur Lösung einer sexuellen Spannung tatsächlich
    eine primäre ist, oder vielleicht auf eine kindliche Onanie zurückgeht,
    darüber hat Ref. bis jetzt keine Auskunft bekommen; zweifelt auch ob sie
    wegen der Amnesie zu erlangen sein werde.

         Ref. berichtet von der Masturbation zweier Schwestern, von denen die erste
    gut entwickelt war, Schüchternheit, Gefühl der Minderwertigkeit und Schuld-
    bewusstsein zeigte. Die zweite war schwächlicher und zeigte auch die anderen
    Züge nicht. Es erhebe sich hier die Frage, ob die Symptome wirklich
    auf die Onanie zurückzuführen seien oder einer neurotischen Veranlagung
    entspringen.

         Eine andere Schädigung der Masturbation ist die Frigidität bei Frauen; es
    wäre auch hier zu untersuchen inwieweit diese ursprüngliche Veran-
    lagung ist oder mit der frühen Masturbation zusammenhängt.

         Beim Weib fällt weg, dass sie durch die Masturbation eine Art sexueller
    Erlösung findet. Die Pollution bei Frauen lässt sich nicht genau in Analogie
    stellen mit der Ejakulation der Männer.

    Prof. Freud möchte im Schlusswort, ohne ein endgültiges Urteil abzugeben,
         seinem Eindruck Worte verleihen und zunächst raten, über die Frage der
         Onanie nichts publizieren sondern von neuem Beobachtungen zu
         sammeln. Dazu werde man vor allem die Onanie der Frauen studieren
         müssen, die bei weitem günstigere Bedingungen biete. Dann werde
         man die verschiedenen Formen ihren verschiedenen klinischen Be-
         dingungen und psychischen Konsequenzen nach zu sondern haben.

         Beim Weib gibt es zwei Arten der Onanie: eine analog der des Mannes
    mit der Hand, eine andere durch Schenkeldruck, diese ist sicher
    unwillkürlich entstanden. Speziell die Zurückhaltung des Urins gibt
    Veranlassung dazu (Hilferding).

         Beim Manne wird man die Fälle reiner Onanie sondern von denen,

  • S.

    7


     

    die wesentlich an Pollutionen leiden. – Was die Verursachung der
    Neurasthenie betrifft, so liegen die Verhältnisse bei der Frau so wie
    beim Mann.

    Stekel schließt die Diskussion mit dem Hinweis; dass wenn sie auch
         den Erwartungen nicht entsprochen habe, so hat sie doch fest-
         gestellt, dass eine einheitliche Meinung über dieses Thema nicht
         herrscht. Im großen und ganzen ist jedoch die Mehrzahl der Redner
         für die Harmlosigkeit der Onanie eingetreten.