Rank, Otto (1908-412/1908.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Urbantschitsch ›Meine Entwicklungsjahre bis zur Ehe‹
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Der Vortragende schildert an der Hand von Tagebuchaufzeichnungen
seine sexuelle Entwicklung bis zur Ehe. |
Diskussion:
Stekel dankt zunächst dem V. für seine aufrichtigen Ausführungen,
die deshalb so wertvoll seien, weil sie uns das entgegenbringen, was
wir bei den Neurotikern mühevoll herausbringen müssen.
Auch hätten die Ausführungen seine Auffassung von der Unschäd-
lichkeit der Onanie bestätigt; schädlich sei nur derKampfgegen
die Onanie und die sich daran knüpfenden Wahnideen. Das
Schuldbewusstsein der Onanisten sei schuld an den meisten
Neurosen. Der V. sei durch die Onanie gesund geworden.—
Die Geschichte zeige auch wie weit die Verdrängung gehen könne. d. V.
habe, wie das auch oft bei jungen neurotischen Frauen vorkomme, seine
sexuellen Kenntnisse verdrängt; daher rühre seine solange
währende Unwissenheit in sexualibus.
V. sei von Anfang an eine hoch erotische Natur gewesen; diese Erotik
sei wahrscheinlich durch die stürmische Zärtlichkeit der Mutter
geweckt worden. — Weil er ein so ausgiebiger Lutscher gewesen sei,
habe er dann Sinn für die Fellatio gehabt.—Häutler hebt als charakteristisch für den Vortragenden die Leichtig-
keit hervor womit er einzelne seiner Lustquellen aufzugeben
(d. h. gegen andere einzutauschen) vermag; darin sei eigentlich seine
Gesundheit dokumentiert; und diese Fähigkeit weise auf eine
grosse latente Energie bei dem V. hin.
Als Lösung der ersten erinnerten Szene mit der Gouvernante und
dem Vater, der ihn zur Mutter bringen will, möchte Häutler vielleicht
Eifersucht gegen den Vater vermuten.
Das kulturelle Moment der Homosexualität habe V. wenig berück-
sichtigt; besonders die Einwirkung der erotischen Triebe auf die
künstlerische Betätigung wäre interessant. — Auch wäreS.
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es der Beachtung wert, ob die religiöse Stimmung aus Not, Mangel,
Depression entstanden, oder aus der Fülle hervorgegangen sei?Prof. Freud bemerkt, man könne den Wunsch des Vortragenden, als Gegen-
geschenk etwas neues über sich zu erfahren, nur in geringem
Maß entsprechen. – In einem Punkt, wo er sich anamnestisch
täusche, könne er ihn zunächst berichtigen: seine Mutter sei hysterisch
gewesen.
Man könne annehmen, der V. habe zu jenen Kindern gehört, die Vater
und Mutter in gleicher Weise geliebt haben: dieser Einfluss sei in
seinem späteren Leben nicht zu verkennen. Es sei von Anfang
an eine ziemlich gleichmäßige Besetzung des männl. u weibl. Sexual-
objekts vorhanden.
Eine Aufklärung der Kindheitserinnerungen sei ohne Analyse un-
möglich; denn diese Erinnerungen werden vom Individuum selbst falsch
zentriert.
An einer Stelle könnte man eine Aufklärung bringen: Bei
dem geschilderten Beginn des Pubertätsausbruches (im 11. Jahr) könnte
man allgemein etwa annehmen, diese neu einsetzende Sinn-
lichkeit besetze dieselben Wege wieder, die sie früher einge-
nommen habe. Ihr erstes Ziel sei nun die Exhibition vor
Frauen, dann erst vor Männern. – Das sei eine Wiederholung der
Entblössung vor Mutter und Gouvernante in früher Kindheit. Jede
spätere starke homosexuelle Regung beginnt mit einer Periode
sehr intensiver Neigung zum Weibe. Überhaupt allgemein: wenn ein
Mensch eine krankhafte Hinneigung zu einem Geschlecht zeigt, so
steckt dahinter eine starke frühere Überwindung der Neigung
zum andern Geschlecht.
In des V. erster Sexual-Entwicklungs-Periode sei ein Stück Ver-
drängung zu erkennen, das die Neigung zum Weib betroffen habe.
Die Geschichte zeige deutlich, welche Schäden ein Mangel an sexueller
Aufklärung mit sich bringen könne.S.
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Es sei auch bemerkenswert, dass in aristokratischen Kreisen, der
sexuellen Betätigung der Jugend viel mehr Spielraum gelassen
sei. Man entgehe dort einer Menge von Verdrängungsanlässen.
Entgegen der Meinung Stekels sei er von der Harmlosigkeit der Onanie
keineswegs überzeugt.
Ein deutlich femininer Zug sei die Phantasie aus dem 17. Jahr ein Kind
von dem Kameraden zu bekommen. Das zeige, wie sehr der Mann im
Stande sei sich in das Weib und sein Empfinden hineinzuversetzen
und umgekehrt das Weib in das des Mannes. Eine Anzahl hysterischer
Symptome (bes. männl.) sei ohne Berücksichtigung dieser Momente
nicht aufzulösen: die Bisexualität der hysterischen Symptome
sei hochbedeutsam. – |Hitschmann hebt hervor: es sei interessant zu wissen, wie ein
solcher Mensch ausfalle, der so ein Vorleben gehabt habe.
Auffallend sei der Mangel an „philosophischen“ Fragestellungen
in der Geschichte des Patienten; ihm werde gar nichts zum
Problem. Vielleicht hängt damit auch sein Mangel an theoret.
Interesse zusammen. Bemerkenswert sei auch, dass die
Massenhaftigkeit der sexuellen Traumen keine neurotischen
Folgen gezeitigt habe.
Die Schäden der Onanie gelten hier nur fürs Somatische – die
Onanie sei ja immer durch andere erfolgt; der Mangel des
innern Objekts trete also hier sehr zurück. andere
Es zeige sich auch hier wieder, dass der Arier eineneueJugendentwicklung
habe als der Jude. –
Er habe seine erste romantische Liebe geheiratet, nicht
seine erste sexuelle Liebe.Schwerdtner bemerkt, wie interessant es sei, einmal die Krank-
geschichte eines Gesunden zu hören.
Das zeitweilige Dominieren der homosexuellen Komponente sei
vielleicht nur eine zufällige Erscheinung, hervorgerufen durchS.
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das häufige Beisammensein mit jungen Burschen.
Heller betont die Schädlichkeit der Onanie, die er in seiner eigenen
Entwicklungszeit an sich selbst gemerkt habe. Wo d. V. die Be-
merkung eingeflochten habe: „das ist asexuell gewesen“ habe er
eine starke erotisch betonte Neigung erkennen können.
Verwunderlich sei, dass V. so lange kein Bedürfnis gehabt habe sich
Aufklärung zu verschaffen.Sadger ist die Freiheit aller sexuellen Perversionen aufgefallen. –
Der kindliche Diebstahl der Schokolade habe eine sexuelle
Grundlage (Schokolade bedeute oft Kot).
Die Frömmigkeit sei aus homosexueller Liebe zu einem Priester
entstanden.
Fraglich sei ob der V. wirklich so gesund sei wiestets immer wieder
behauptet wurde.
Die andersartige Entwicklung der Semiten hängt mit der Überschätzung
des Familienlebens zusammen. –Graf scheinen einige Ergänzungen zu diesem Vortrag wünschens-
wert. So eine psychoanalytische Behandlung dieser Lebens-
geschichte.
Nach der Geschichte müsste man glauben, der V. sei schwer hysterisch.
Das grosse Maß von Verdrängung, die Flucht vor dem Weibe u. v. a.
weisen darauf hin.
[Heller wirft ein, dass die Verdrängung hier gelungen sei.
Prof. Freud bestätigt das und fügt hinzu: die Verdrängung stoße
hier auf keine Hindernisse, es seien keine Traumen da, und des-
wegen müsse er gesund bleiben: diese theoretische Forderung sei hier
in klassischer Weise erfüllt. ]Federn berichtet den Fall eines männlichen Voyeurs, der sein Leben
lang nur beim Ausziehen von Frauen Lust empfand, auf Grund
einer Fixierung auf die Mutter.
Wir haben heute einen Schulfall gesehen wie ein Mensch mit allenS.
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möglichen starken sexuellen Anlagen normal werden muss. –
Weil zwei Bedingungen zum Abnormalen fehlen. – Es hatte ein
starkes Schamgefühl, das genügte, um ihn so lange verdrängen
zu lassen. Dann hat er die sexuellen Triebe, die schädlich hätten
wirken können, durch anderweitige Beschäftigung beherrscht.
Sadger habe immer von Perversitäten gesprochen: das seien
Entwicklungshemmungen. |Steiner weist auf die Heredität hin, auf die gute Abstammung d. V.
Sein femininer Charakter zeige sich überall in der Freude an der
passiven Betätigung seine Sexualbetätigung sei seinem Charakter
angepasst normal.Rank drückt dem Vortragenden für seine aufrichtigen u. lehrreiche Bekenntnisse
seine Bewunderung aus. – Bemerkenswert sei die lange und
hartnäckige sexuelle Unwissenheit, die er aber im Gegensatz
zu Stekel nicht als Verdrängung des einmal Aufgenommenen,
sondern als gar nicht Aufnehmen-wollen des Gebotenen als
Abwehr (eine Art negativer Halluzination) auffassen möchte.Urbantschitsch wehrt sich gegen die Bemerkungen von einer
„Homosexualität“ und Perversität. Für einen unentwickelten
sexuellen Zustand sei es gleichgültig, ob sich einer mit einem
Mann oder mit einem Weib betätige.
Das Lutschen habe ihn nicht zur Fellatio gebracht, da er ja dabei
passiv gewesen sei. –
Er habe seine Mutter von jeher lieber gehabt als den Vater –
Er sei auch abwechselnd Sadist und Masochist. Er habe eine
Art psychischen Sadismus.
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