Rank, Otto (1909-419/1909.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Adler ›Zur Psychologie des Marxismus‹
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Da die Ausführungen des Vortragenden seinerzeit pub-
liziert werden sollen, so seien hier nur die Hauptgesichts-
punkte in Schlagworten fixiert:
Nach Schilderung und kurzer Charakterisierung der
Leistungen Marx’ weist der Vortr. auf die psychischen u.
intellektuellen Fähigkeiten hin, die dem großen Denker
ermöglichten, einen so tiefen Einblick in den Werdegang
der gesellschaftlichen Entwicklung zu gewinnen (analytische,
synthetische Kraft etc.). –
Seine Einsicht in das Natur- u. gesellschaftliche Geschehen
befähigten ihn, auch psychologisch sein Arbeitsgebiet so inten-
siv zu durchdringen, daß ihm klar vor Augen stand, was
uns immer deutlicher aus der analytischen Psychologie
zu dämmern beginnt: der Primat des Trieblebens. Er kam
von der Nationalökonomie, durch praktische Erwägungen
geleitet, zur Feststellung der oekonomischen Grundlagen,
die in seinem Sinne als Erscheinungsformen aufzufassen
sind, in denen Triebleben u. Befriedigungstendenzen
wie in einem Knotenpunkt zusammenstoßen. – Die
Befriedigung komme nur auf einem Aggressionsumweg zu-
stande, der die Produktionsbedingungen einschließe. –
Eine etwas höhere Kulturstufe zeige altruistische Ideen
(Mitleid, Wohltätigkeit, Milde, Schamgefühl etc.), die nun
die Welt regieren sollen. Die Psychoanalyse zeigte uns
aber, dass diese sog. „Ideen“ weder angeboren sind, noch
einem moralischen Sinn entstammen, sondern dass
sie sich aus gegensätzlichen Regungen aufbauen, die
direkt dem Triebleben entstammen. Es sind Reaktions-
erscheinungen, die eine Affektlage bewirken, welche
sich als Empfindlichkeit äußert (Empfindlichkeit gegenS.
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Herabsetzung, Degradierung, in letzter Linie Beschmutzung).
Das Maß der ursprünglichen Triebbefriedigung ist meist
übersättigt u. jede weitere Äußerung dieses Triebes, des
Geizes, der Grausamkeit, des Neides, der Schamlosigkeit,
wird mit einer Abwehrreaktion beantwortet, die Verwandt-
schaft zeigt mit dem Affekt des Ekels oder der Idiosynkrasie.
Diese Empfindlichkeit breitet sich über eine Anzahl
Beziehungen des Lebens aus. – Beim Proletariat besteht
sie gegen jede Art von Degradierung u. ist der Affekt, der
dem Klassenbewusstsein zugrunde liegt. Wegen dieser
Affektlage aber, die stets eine Degradierung hintanzuhalten
sucht, ist dem klassenbewußten Proletarier eine fata-
listische Ergebung unmöglich, an deren Möglichkeit man
nur solange glauben kann, als man hinter der „Idee“ nicht
die Affektlage sieht. –
Marx’ Leistung gipfelt nun darin, diese Empfindlich-
keit bewußt gemacht zu haben (die erste große Klassen-
analyse), u. sie dann auf einen Punkt konzentriert zu
haben. Dieses Bewußtmachen der Empfindlichkeit
bringt dann die Tendenz zur Nivellierung mit sich. –
Am Schluss spricht der Vortr. die Hoffnung aus, den aus
seinen Ausführungen der Einklang der Klassenkampf-
theorie mit den Ergebnissen der Trieblehre deutlich her-
vorgegangen sein dürfte. –
Diskussion:
Prof. Freud bemerkt einleitend, er könne sich gegen solche
Vorträge, mit ihrer Erweiterung unseres Gesichtskreises, nur
rezeptiv verhalten.
Zu Beginn des Vortrags fiel ihm eine Formel ein: dass man die
ganze Menschheitsentwicklung auch psychologisch unter eineS.
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Formel bringen könnte, in der zwei Elemente hervortreten
würden; einerseits handle es sich um eine Erweiterung
des Bewusstseins der Menschheit (analog dem Bewußtwerden
von bisher unbewußt wirkenden Trieben u. Mächten) u. auf der
andern Seite kann man den Fortschritt beschreiben als Ver-
drängung, wobei sich ein säkulares Fortschreiten der Ver-
drängung zeige. Unsere Kultur bestehe darin, dass immer
mehr von inneren Trieben der Verdrängung unterliegen,
wie besonders in poetischen Darstellungen sehr schön nach-
gewiesen sei (v. Rank: Inzest-Thema). –
Diese beiden Charaktere scheinen, nebeneinander ge-
stellt, einander vollkommen zu widersprechen. Denn
mit der fortschreitenden Verdrängung sollte immer mehr
unbewußt werden, nicht umgekehrt. Da kommt einem
aber der erlösende Gedanke, daß diese beiden Prozesse einander
bedingen: die Erweiterung des Bewußtseins ist das, womit
sich die Menschheit existenzfähig erhält bei dem beständigen
Fortschritt der Verdrängung. – Er glaube, dass Rank diesen
Gedanken in seinem „Künstler“ zum Ausdruck gebracht habe.
Das wäre die Einführung der Psychologie in die Geschichtsbe-
trachtung.
Auf das Thema des Vortrags selbst eingehend, müsse fest-
gestellt werden, daß Adler uns nicht den Nachweis unserer
Gedankengänge bei Marx gegeben habe. Sondern Adler habe
den psychologischen Unterbau für die Marxischen Aufstellungen
zu geben versucht. –
Es wäre wünschenswert, wenn Adler dieses Thema ausarbeiten
u. in den „Schriften z. angew. Seelenkunde“ publizieren
würde.
Sehr wertvoll scheine besonders Adlers Kritik der „Ideen“ zu sein,
die er psychol. in unserm Sinn bestimmt u. als Reaktionsbil-
dungen erkannt habe. – Nur möchte er einen Vor-S.
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schlag zur Nomenklatur machen. Zu sagen: das seien keine
Ideen sondern Affektlagen, scheine aus der psychol. Rede-
technik herauszufallen. Man müsste sagen: es sind Reaktionsbil-
dungen, u. aus denen gehen Affektlagen hervor. – Die Em-
pfindlichkeit möchte er nicht als Macht einführen. Alles was
sich unter diesem mehr philosophischen Terminus zusammen-
fassen lasse, seien auch Affektlagen, die von den Reaktions-
bildungen ausgehen.
Es sei zu verwundern, dass Adler die Analogien auf einem so
entfernten u. unverstandenen Gebiet wie dem der Idiosynkrasien
suche während doch die zutreffenden u. richtigen auf sexualem
Gebiet zu liegen scheinen (Scham, Ekel, Inzest-Schranke). –
Überhaupt sähe er gerade in der Betonung dieser Analogien
ein wesentliches Moment für das Verständnis. Die Erotik ist
durch das Studium der Neurosen zugänglich geworden. Was die
Schicksale der andern Triebe (des Ich-triebs etc.) betreffe, so seien
diese wahrscheinlich nur durch das Studium der Krank-
heitserscheinungen des sozialen Körpers möglich.
Federn weiß auf diesem Gebiet wenig Bescheid. – Er möchte nur
einen andern Punktberührenhervorheben, in dem Marx sich
mit Freud berühre. Marx sei der erste gewesen, der den unter-
drückten Klassen die Möglichkeit gab, sich vom Christentum
zu befreien, durch die neue Weltanschauung, die er ihnen
gab. War der Sadismus ins Christentum konvertiert worden
(Masochismus) so erläuterte Marx den Menschen ihren
Masochismus, wodurch er ihn unmöglich machte u. den
ursprünglichen Trieb der Selbsterhaltung wieder befreite.
Das sei ein Beispiel, wie man durch Bewußtmachung eine
Verdrängung aufheben kann. Auf diesem Wege sei der
Aggressionstrieb ins Klassenbewußtsein übergegangen.S.
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Joachim bemerkt, die Materie sei zu schwierig u. fremd als
dass man sich kritisch dazu äußern könne. –
Das vorgebrachte Prinzip scheine ihm auf alle Ideen an-
wendbar zu sein (auch auf religiöse, auf Gottesideen, die
Idee des Guten etc.) u. so sei es verständlich, dass solche Theorien
nie durch logische Ausführungen widerlegt werden können.
Die Richtigkeit dessen scheint darin zu liegen, dass im
Mechanismus der Zwangsvorstellungen ebenso wie auf relig.
Gebiet der Affekt diese Reaktionsbestrebungen zu über-
winden scheint (wenn bei sonst relig. Menschen z. b. plötzliche eine
Blasphemie zum Vorschein kommt).
Rank hebt hervor, was Adler an einem Punkt gestreift hat: dass
die ganze Geschichte der Ethik mit ihren fort wechselnden
gegensätzlichen Systemen (das letzte Beispiel der harte, grausame
Nietzsche u. der weiche mitleidige Tolstoi) den Eindruck fort-
gesetzter u. von einander abhängiger Manifestationen,
Ausdrucksformen des sadistischen Triebes seien. – Formuliert
könnte man also in Adlerschen Sinn sagen: alle ethischen
Ideen sind kulturelle Reaktionsbildungen gegen alle
Formen von Aggressionsregungen. –
Hitschmann? bemerkt, dass einem nach dem Vortrag das alles
selbstverständlich vorkomme; selbstverständlich auch, dass
Adler die Assimilation von sozialem Leben u. Triebleben ge-
lingen mußte. Nur der Begriff der Bewußtseinserweiterung
habe ihm Schwierigkeiten gemacht.
Das Individuum fühle ja nur die rein persönlichen Neigungen,
um sich an einer solchen Bewegungzuzu beteiligen u. in
diesem Sinne habe ihm der Begriff des Klassenbewusst-
seins, der ja nur eine von den Führern gegebene Lehre sei,
Schwierigkeiten bereitet. Es sei eben die Frage, ob es sich
dabei wirklich um ein metaphysisches (oder metapsycho-S.
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logisches) Bedürfnis handle oder um einen religiösen
Impfszwang. –
Interessant wäre auch gewesen zu hören, wie sich die Marxi-
schen Lehren aus seiner persönlichen Psychologie ergeben
haben.
Steiner macht gerade der von Federn hervorgehobene Charakter
des Sozialismus (Ersatz der Religion) mißtrauisch gegen
denselben. Er komme ihm auch – aber im schlechten
Sinne – wie eine Religion vor u. er möchte ihn darum
nicht mit der Analyse auf eine Stufe stellen. Wie wäre es
dann, wenn man auch den Sozialismus nur als eine „Neurose“
auffassen wollte?
Prof. Freud möchte noch auf den wahrscheinlichen Mechanis-
mus der Ess – Idiosynkrasien hinweisen, wie er ihn in
einem gelegentlichen Gespräch mit Jung fand. Es sind
negative Überkompensationen, denen die Verdrängung
des koprophilen Triebes zugrunde liege. Die Idiosynkrasie
bezieht sich meist auf Speisen, welche die Kinder an die
Exkremente erinnern (Suppe, Gemüse) (vgl. in der Sprache:
Alpenspinat, Kuhfladen etc.). – Statt dass nun das
Kind seine Verschmähung der Speise möglichst unauffällig
vollziehen sollte, macht es beim Anblick der Speise einen
riesigen Lärm u. versichert in einem fort: es wolle diese
Speise aber doch nicht essen etc. – Was heißt das? Das
Kind hat offenbar das Bewußtsein Anerkennung zu verdienen.
Es beteuert mit diesem Lärm – in der Form der Überkompen-
sation – die gelungene Überwindung der koprophilen
Neigungen. Das Kind hat aber notwendig diese so auf-
fällig zu betonen, weil es sich bei dieser Überkompensation
bei der Verdrängung um ein sehr unsicheres Gefühl handelt.
Das Kind ist sich immer noch einer leichten Versuchung
bewußt. –
Rank bemerkt, dass man bei Erwachsenen regelmäßig die Formel
finde: „ich esse das für mein Leben gern aber ich vertrage es
nicht“ was auf den Verdrängungscharakter hinweise.S.
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Adler dankt in seinem Schlußwort für die Aufnahme der
Ausführungen, deren er nicht ganz sicher war. –
Die Ideen habe er, in Einklang mit Freud, als Reaktions-
bildungen bezeichnet, die durch eine Affektlage be-
wirkt werden.
Es sei darauf hinzuweisen, dass sich die Idiosynkrasien
nicht durchwegs als koprophil hinstellen lassen. Die verbreitetste
I. sei die gegen Milch, wobei es sich offenbar um die früheste
Ernährung handle. –
Bezüglich der Bewußtseinserweiterung, die durch den
Klassenbegriff gegeben sei, habe Rank in Einklang mit ihm
hervorgehoben, dass es sich dabei, wie bei den ethischen Vor-
stellungen um die Wirkung des Sadismus (wie er sage:
des Aggressionstriebes) handle. Hier zeige es sich auch deutlich,
dass es sich beim Sozialismus nicht um eine Neurose handle
(Steiner): Beim Neurotiker sehen wir den Aggressionstrieb in
Hemmung, durch das Klassenbewußtsein wird er befreit u.
Marx zeigt, auf welche Weise er im kulturellen Sinn befriedigt
werden kann: nämlich durch das Erfassen der wahren Ur-
sachen der Unterdrückung u. Ausbeutung u. durch eine
zweckmäßige Organisation. –
Hitschmanns Frage nach den Lebensbedingungen u.
Schicksalen eines solchen Genies sei sehr berechtigt. Aber
man müsse dabei mit grosser Toleranz zu Werke gehen u. vor allem
Abschied nehmen von der ethischen Idee. Der wichtigste äußere
Impuls war anscheinend die Unmöglichkeit für Marx, sich zu
habilitieren zu können. Daneben hat er natürlich noch etwas
anderes mitgebracht: seinen Kopf.
Zum Schluß sei noch hervorgehoben, dass die ganze
Arbeit von Marx in der Forderung gipfelt bewußt Ge-
schichte zu machen. –