[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Rank ›Zur Psychologie des Lügens‹ 1909-422/1909.01

Rank, Otto (1909-422/1909.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Rank ›Zur Psychologie des Lügens‹

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    22. Vortragsabend
    am 7. April 1909.






     

    Zur Psychologie des Lügens.

    Rank.

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    Nach einem kurzen Hinweis darauf, dass die folgenden Bemer-
    kungen vorwiegend auf der Beobachtung einiger Personen
    fussen, geht der Vortragende zum Thema über, das er in zwei
    Aufgaben zerlegen möchte.
        1. In eine Untersuchung über die Psychologie der Lüge (ihre Charak-
                  tere u. Mechanismen etc.) u.
        2. in eine Unters. über die Psychol. des Lügners (d. h. des lügenhaften
                                                                                Charakters).

    Von diesen zwei unabhängigen Aufgaben sei heute nur die erste
    Gegenstand der Besprechung. Die Behandlung des ersten Themas
    könne der Vortragende, mangels jeder einschlägigen Literatur-
    kenntnis, nur skizzieren.

        ad 1 Unser Standpunkt wird sich durch die streng deter-
            ministische Auffassung der Lüge von jedem anderen unter-
            scheiden. Daraus ergibt sich neben dem detektiven Kom-
            promiss-Charakter aller Lügen (sie enthalten ein Stückchen
            Wahrheit), ihr Wunscherfüllungstendenz etc., Charaktere,
            die man in jeder Lüge leicht ermitteln kann. – Auch die Be-
            ziehung der Lügengewebe zu den Phantasien ist sehr mannig-
            faltig u. lehrreich, wie der Vortragende in einer Parallelisierung
            dieser beiden psychischen Phänomene ausführt.

    ad 2. Mit der Determination der Lüge meine er natürlich
        nicht die objektive, sondern die psychische, eine Unterscheidung,
        die alle Arten von Notlüge (zwingende äussere Motivierung)
        eigentlich von unserer Untersuchung ausschliesst u.
        gerade die Lügen, die fast ohne äussere Motivierung auf-
        traten in Untersuchung zieht: die so zu benennenden
        „patholog. Lügen“. Diese haben ausser dem Mangel an
        äusserer Motivierung noch einige auffällige Charaktere.
        Sie gehen sozusagen um der Lüge selbst willen u. sind
        oft so plump, dass sie gar keinen äussern Zweck dienen können.

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    eine frühzeitige, exzessive u. lange fortgesetzte.

        Die zweite Bedingung ist die Verknüpfung mit der Lüge,
    die sich meist durch die Geheimhaltung der Mast. einstellt.
    Anderseits wird durch diese Verbindung der „normale“ Lügen-
    mechanismus sexuell verankert u. bekommt die Fähigkeit
    zu seiner späteren patholog. Verwendung. Unter der Mast. ist
    hier immer die bewusste Reizung u. Befriedigung der Genital-
    zone verstanden (nicht die erste zur unbewussten Erotik
    gehörige infantile Mast.), die auch die bewusste Verheimlichung
    dieses Tuns bewirkt.

        Die dritte Bedingung für das Zustandekommen des lügenh.
    Charakters ist der Erfolg dieser Verheimlichung, dass also das
    Kind nicht erwischt wird bei der Mast.

        Das alles sind aber immer noch Vorbedingungen. Das Ent-
    scheidende ist die Tatsache und die Art der Verdrängung
    des Masturbations-Komplexes.

        Unterliegt die patholog. Mast. unter dem Fortschreiten der
    psychosexuellen Entwicklung der normalen, automatisch sich
    vollziehenden Verdrängung (der Sexualverdrängung), so
    ein Vorgang, der wegen der Abnormität der Mast. nicht glatt
    vor sich geht sondern unter einem heftigen Kampf, so treten
    als psych. Erscheinung dieses Kampfes die sexuellen Schuldge-
    fühle auf, die wir ja gerade bei der Mast. so gut kennen (Glaube,
    dass man die Mast. anmerke etc.) Steigert sich dieser Abwehrkampf
    immer mehr, so resultiert daraus schliesslich die bewusste
    Verwerfung der Masturbation (ungesund, entwürdigend etc.)
    Diese bewusste Verwerfung, die wir etwa in die Formel kleiden
    können: du darfst nicht masturbieren, wird darin, da
    sie sich der Neigung gegenüber zu schwach erweist, ins
    Unbewusste verdrängt u. an die Stelle dieser Verbotsformel
    tritt dann im Bewusstsein die Ableugnung der Tatsache.

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    die fortwährende Verheimlichung der Wahrheit, nämlich
    dass doch noch masturbiert wird.

        Der unbewusste Zwang zum Lügen (zur Verheimlichung
    der Wahrheit) stellt sich also ein als Reaktion auf die Tat-
    sache der – bereits unerträglich gewordenen – Masturbation,
    die die betreffende Person zu schwach ist zu überwinden.
    Damit ist auch eine Verschiebung vom sexuellen auf anderes
    Gebiet verbunden, die einer verhüllenden Erweiterung
    gleichkommt.

        Diese Reaktionserscheinung ist es insofern als die Person
    gleichsam immer wieder versichern muss: es ist nicht wahr
    (dass ich masturbiere), weil sie eben ihres Sieges über den
    Trieb nicht gewiss ist. Es hat sich also bei diesen Personen
    die beständige Ableugnung der Tatsache ihrer Masturbation
    als charakterologischer Ersatz derselben fixiert, mit einem
    ähnlichen Mechanismus, wie ihn Freud für den Analcharakter
    nachgewiesen hat.

        Die Sublimierung beim lügenhaften Charakter besteht
    darin, dass der Zwang zur Lüge sich ins Gegenteil verkehrt,
    sodass also eine auffällige Wahrheitsliebe, ein Hang zur
    Aufrichtigkeit resultiert (graden Michel). – Welcher Charakter
    entsteht, hängt davon ab, wie die Mast. geschieht, verborgener
    od. ent- u.
    bes. wie sie abgewöhnt wird. Wie ent-mit dem Unbewusst-
    werden der Abwehr des Mast.-Komplexes sich der lügnerische
    Zwang als Ersatz im Bewusstsein fixiert, so ist wahrschein-
    lich (eine positive u. 3 negative Beobachtungen sprechen
    dafür) mit der Bewusstwerdung der Abwehrgedanken
    u. mit der bewussten Unterdrückung der Mast. der wahrheits-
    liebende Charakter gegeben. Die Verbotsformel: „du darfst
    nicht masturbieren“ bleibt wirkt bewusst, aber ihr entspricht
    gleichsam ein unbewusstes: du darfst nicht lügen, also der
    Zwang zur Wahrheit. –

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    Der Vortragende hat sich im Verlaufe der Untersuchung von seinem
    Thema entfernt u. sich einer Psychologie des Masturbanten
    genähert. Dieser Masturbanten-Charakter, dessen hervorstehend-
    ste Eigenschaften unten folgen, stimmt nicht nur im Mechanis-
    mus sondern auch inhaltlich mit dem Analcharakter in vielen
    Punkten überein. So in folgenden

        1. Reinlichkeit, die Verehrung bevorzugt auch sein Heim,
           wie sie als Waschzwang masturbatorischen Ursprungs ist
           (vielleicht ist sie bei Männern eher analen bei Frauen genitalen
           Ursprungs). –

        2. Ebenso ist zum Festhalten u. hartnäckigen Beharren auf
           der Lüge eine grosse Portion Trotz erforderlich. –

        3. Hat der Geiz ein merkwürdiges Analogon im Masturbanten-
           Charakter, nämlich die Sparsamkeit, wozu auch die Sammel-
           wut etc. gehört. Ja, auch die Verbindung mit dem Geld ge-
           hört keineswegs der Analzone allein an u. der Vortr. hat
           einmal versucht, von der Verbindung des Geldes mit der Geni-
           talzone aus zu einer Psychologie der Prostitution zu gelangen.

        So wenig uns dieser Parallelismus zwischen Anal- u. Mast.
    Charakter wundern kann – es handelt sich ja um die
    Verdrängung eines Stücks infantiler Erotik bei zwei zu-
    nächstst benachbarten erogenen Zonen, so ist es doch nicht
    unmöglich, dass diese Übereinstimmung aus einem
    allgemeineren autoerotischen Charakter fliessen.

    Selbständige Mast.-Charaktere sind dann:

        4. Die bei Neurotikern so häufige Pünktlichkeit (die
           vielleicht auch noch z. Ordnungsliebe des Analcharakters ge-
           hört u. ), die aufs innigste mit den Zwangsterminen, die
           sich die Masturbanten setzen, zusammenhängt (eine
           Art Überkompensation: „jetzt keinen Termin mehr zu
           versäumen“)

        5. Die Heimlichkeitskrämerei, die dazu führt, alles in der
           

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    lächerlichsten Weise geheim zu halten, alles allein zu tun,
    ohne Zeugen (Künstler, die nur allein arbeiten können; sowie
    in Brissvaugers Analyse, die nur allein essen kann u. später).

    6. die Schüchternheit u. ihr Gegenteil, die der Lügnerei u. dem
        Wahrheitsfanatismus entsprechen.

    7. ein bes. Zug: fast alle Selbstmordversuche im Pubertäts-
        alter hängen mit der Unfähigkeit zusammen, die Mast.
        zu überwinden, ihr durch Zwangstermine ein Ende zu setzen.
        Vielleicht ist es die Verdrängung dieser Zwangsterminvor-
        stellung, die dann den unbew. Zwang nach einem letzten,
        allerdings wirksamen Termin schafft. –

    8. der Stehl- od. Aneignungstrieb. Der patholog. Lüge
        entspricht in allen ihren Charakteren die „Kleptomanie“ (
        kein äusserer Grund, die Tatsache geht aus einer unbezwing-
        lichen Lust daran, wird häufig energisch bestritten u.
        unter Schamzugeständnissen etc.). –

        Auf die sexuelle Wurzel der Kleptomanie hat schon
    Stekel im Anschluss an Gross hingewiesen. Die Gross’sche
    Formel: es handle sich darum etwas Verbotenes, heimlich zu
    tun, ergänzt Stekel, dieses Verbotene sei die Untreue,
    der Ehebruch mit deren Verschleierung die in der Ehe unbe-
    friedigten Frauen kämpfen u. in deren Verlauf sie Raub-
    symbole an sich nehmen. Das ist gewiss richtig, aber nur
    die Oberfläche. Von Ehebruchsvermeidung, u. sei sie
    noch so stark, kann niemals ein solches pathol.
    Zwangssymptom wie die Kleptomanie schaffen; erst
    ein infantiler Sexualaffekt kann das Ganze pathologisch
    machen u. der ist in der Mast. u. ihrer Verdrängung
    gegeben. Das Verbotene heimlich zu tun bezog sich in
    erster Linie immer auf die Masturbation. Der Kampf
    gegen die Vermeidung der Untreue ist nur der auf höheres
    sexuellem Gebiet fortgesetzte Kampf gegen die Masturbation.

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    der Verbotenen (die Mast.) Und es sind ja gerade die in der Ehe unbe-
    friedigten Frauen, die in der Jugend exzessiv masturbiert haben.
    Das Suchen des Penis stimmt ausserdem weit besser zur Abwehr
    der Mast. als zum Ehebruch. Dass diese Kleptom.-Frauen meist
    auch pathol. Lügnerinnen sind, wird uns nicht nur nicht
    wundern, sondern als Bestätigung der hier vorgebrachten
    Auffassung willkommen sein. Wie die pathol. Lüge z. Verheim-
    lichung der Mast. dient (zur Abwehr), so verrät auf der andern
    Seite die Symptomhandlung der Kleptomanie, dass sie doch
    masturbiert, d. h. das Verbotene heimlich tue. Pathol. Lüge
    u. path. Stehltrieb sind also die unbewussten Äusserungen
    von Trieb u. seiner Abwehr; die verdrängte Abwehr äussert
    sich als Lüge, der verdrängte Trieb als Stehllust. –

        So erklärt sich z. b. bei Spielmeyer, das Zusammensein
    von path. Lüge u. Stehldrang (Tagebücher) aus reinem Mast.-
    Charakter; u. es ist vielleicht kein Zufall, dass der Dichter, der
    am schwersten u. erfolglosesten gegen die Mast. gekämpft hat,
    Kleist, uns die Tragödie des überrechten Schaffens, mit einem
    peinlichen, fast uns patholog. Streifenden Rechtlichkeitsgefühl
    behafteten Menschen in der Erzählung von Michael Kohl-
    haas gegeben hat. – Doch das führt zu weit. –

        Es war nur die Absicht des Vortrags auf den Zusammenhang
    des lügenhaften Charakters mit der infantilen Masturbation
    hinzuweisen u. der Art ihrer Verdrängung; u. wenn der Nach-
    weis dafür auch nicht in allen Punkten geglückt, so scheint hat mich
    dennoch die Tatsache aus der Beobachtung einiger Personen
    aufgedrängt.

        Die Möglichkeit der vorgebrachten Auffassung des Vorgangs
    lässt sich an Brissvaugers Analyse sehr schön bestätigen,
    wo die Mast. eine viel grössere Rolle spielt, als ihr in der
    Krankengeschichte zukommt. – [Pat. hat den ganzen Mast.]

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    Komplex auf die Mundzone verlegt. Sie setzt sich Zwangstermine,
    andenen sie stirbt (Mast.!) Pat. büsste für ihre Lügen (! S. 188 u. 315). Lügen heisst
    hier Masturbation, was den unbew. Zusammenhang beweist. Ihre
    Hungerzustände büsst sie richtig als Entwallungen; ihr Fasten
    ist natürlich dann sexuelle Enthaltsamkeit (doch Abwehr-
    Kampf gegen die Mast. bes. S. 185). Dass Pat. abnorm masturb.
    geht schon allein aus ihrem Waschzwang hervor (S. 253). Dass Pat.
    (S. 303) die Auskunft gibt, sie habe nie etwas mit der Mast. zu tun
    gehabt, ist abgesehen vom Widerstand in der Kur, auf den es
    ein reines Licht fällt, aus ihrem lügenhaften Charakter zu
    erklären. Die Affektlosigkeit dieser Auskunft, die Brissvauger
    hervorhebt u. die ihn wahrscheinlich auch verleitete sich damit
    zu begnügen, deutet eben an, dass diese Auskunft aus dem
    lügenhaften Charakter fliesst; denn die Lügen treten ja mit
    dem Anspruch auf Wahrheit auf u. dürfen sich also nicht
    durch Affekt verraten.

    Eine zweite Bestätigung bietet das Märchen vom Marienkind (Grimm
    No 3), es bes. das hartnäckige Beharren auf der Lüge in seiner
    Verbindung mit der Übertretung des sexuellen Verbots (Sym-
    bolik der verbotenen Tür – Masturbation vgl. auch B. Z. 76) eine
    glänzende Darstellung der ätiologischen Verknüpfung ist. –


    Diskussion:

        Stekel ist noch nicht in der Lage über das Gehörte zu urteilen,
            jedenfalls könne man es nicht rundweg abweisen, ohne
            seine Richtigkeit überprüft zu haben.
            Er habe den Eindruck, den der Vortragende die Masturbation
            kolossal überschätze. – Aus 2 Fällen habe er ersehen, dass
            es sich für das Kind beim Lügen nur darum handle etwas
            Verbotenes zu tun, etwas von den Eltern als unstatthaft be-

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    zeichnetes zu tun. So verknüpft sich der Begriff der Lüge mit
    dem der Sünde. –

        Das Stottern sei nur eine besondere Ausdrucksform der Lüge.
    Auch leite das Kind beim Lügen der Reiz, ob die Eltern erraten, was
    er wisse oder nicht; es handle sich darum die Erwachsenen
    zu prüfen (Hans). – Das könne sich in vielen Fällen auf die Mast. beziehen
    und einer seiner Fälle habe später allerdings stark masturbiert.
    Was Rank von der bewussten Verwerfung sagte, möchte er vor-
    läufig nicht akzeptieren.

        Alle Dichter waren grosse Lügner; vielleicht haben auch alle
    masturbiert. Das Lügen sei die erste Regung der Schöpfer-
    kraft.

        Interessant sei das ihm bisher entgangene Suchen, der Reiz,
    der die erste Berührung mit dem sexuellen Problem Angst aus-
    löse.

    Prof. Freud wünscht nicht, dass der Vortrag der Öffentlichkeit
        übergeben würde, da das eine ungerechtfertigt ist da
        wissenschaftlichem Arbeiten sei das neben verschiedenen
        kleineren Fehlern grobe methodische Fehler involviert.

        Dieses schwierige Thema könne nur auf analytischem Wege be-
        handelt werden u. sei nur auf Grund sorgfältiger u. schwieriger
        Beobachtungen lösbar. Trotz aller Wahrscheinlichkeit, welche
        die Dinge für sich haben, wäre es direkt methodisch unrichtig
        sie anders aufzustellen.

        Denkmöglichkeiten wie die vorgebrachten, sind für uns wert-
        los. Für uns handelt es sich um weitgehende Sicherheitstests.
        Diese sind nur durch analytische Arbeit zu erzielen. Es sei kein
        Verdienst Einfälle zu haben, die man leicht haben könne.
        Was die Täglichkeitskritiken betrifft, so könne er mit anderen Täglich-
        keiten dienen, die das Problem verschieben würden.

        Der Vortrag war viel zu lang u. es ist dem Vortragenden nicht ge-

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    lungen uns den Sachverhalt klar zu machen. Die Lügen der
    Kinder würden einfach als reine Voraussetzung an die Mast.
    geknüpft. Von einer Beweisführung habe er nichts gehört.
    Was die Lügen der Kinder betreffe, so seien sie für das Kind keines-
    wegs selbstverständlich; fürs Kind sei es selbstverständlich die
    Wahrheit zu sagen. –

        Die Unterscheidung zwischen normaler u. pathol. Mast. sei
    nicht evident. Die Charakterwirkungen müssten von der Mast.
    in den ersten Lebensjahren ausgehen.

        Mit dem Lügen imitiert das Kind die Erwachsenen, die ihm
    die sexuellen Tatsachen verbergen u. ihm darüber lügnerische
    Auskünfte geben. Von da her nimmt sich das Kind das Recht
    zu lügen. Natürlich hängt das mit der Sexualität zusammen,
    aber ein direkter Zusammenhang mit der Mast. ist es nicht.
    Von der Phantasietätigkeit ist natürlich das Lügen streng zu
    trennen.

        Der Vergleich mit dem Analcharakter leidet an einem Verh.-
    fehler. Wenn vom Mast.-Charakter gesprochen wird, so bleibt
    es im Gegensatz zum Analcharakter zweifelhaft, ob der Charak-
    ter der Keuschen gemeint ist, der Masturbanten oder die Charakter-
    veränderungen infolge der Überwindung der Mast. –

        Die Arbeiten von Gross u. Stekel über Kleptomanie sollten
    nicht als etwas Definitives genommen werden.

        Der Waschzwang tritt, nach analyt. Untersuchungen, erst als Zwang
    auf, das Genitale zu waschen. Er tritt (meist bei Frauen) auch bei
    Personen, die beim Waschen der Genitalien u. der Kinder-
    pflege sexuelle Erregung hatten. Er hat also mit der Anomie
    nur indirekt zu tun.

        Trotz alledem sei unleugbar, den der Vortragende mit vieler
    Intelligenz eine Reihe der interessantesten Probleme be-
    rührt habe. So den die kindl. Mast. und die Schuldgefühle

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    ein großes Problem darstellen und wobei die furchtbare Schätzung
    der Mast. bei den Neurotikern stammt. Dieses Problem, was sich
    später aus der kindl. Mast. ergibt u. wieso das große Schuldge-
    fühl daraus hervorgeht wurden mit Recht gestreift. Es sei
    keine Frage, daß aus der Überwindung der kindl. Mast. etwas
    hervorgehe, daß der Charakter sich damit ändere. Da müsse
    man aber nachweisen was mit der Mast. geschehen sei. —
        Den festen Punkt in der Sache habe der Vortragende hervorge-
    hoben: die Bedingung nämlich, daß die Mast. erfolgreich ver-
    borgen werde; dann entstehen Wahrheitsfanatiker von der Art
    Zolas; das könne er bestätigen. Welche Komplikationen aber da
    möglich seien, das wisse er nicht. Auch seien die Voraussetzungen
    nicht so einfache; der Kastrationskomplex verrate uns, daß
    die Mast. ebenso häufig vielleicht entdeckt werde. Die Analyse
    führe immer so weit, daß man sagen könne, ob die Mast. ent-
    deckt worden sei od. nicht. In der Geschichte der letzteren ist immer
    ein großes „Geheimnis“ u. dieses ist die Mast.

    Adler hebt die Wichtigkeit des Problems auch hervor. Als Reminis-
      zenz erwähnt er, daß er als einer der Vortragenden in der Vereinigg.
      über die Psychologie der Lüge gesprochen habe, wobei es sich dem
      Herren handelte, die Beziehung von Lüge und Wahrheit festzu-
      stellen. Er habe auch ausgeführt, daß die Lüge notwendig sei zur Er-
      haltung eines gewissen psychischen Gleichgewichts u. er könne
      auch heute noch daran festhalten.
        Einige der Grundpfeiler von Ranks Vortrag möchte er in Zweifel
      ziehen; so die Ausführungen über die Bedeutung der organischen
      Verdrängung bei der Masturb. u. des nach der Erfahrung unbe-
      rechtigte Abgehen vom Triebleben. Gerade bei der Lüge könne
      man scharf nachweisen, daß ihr Ausgangspunkt mit dem
      Schautrieb zusammenhänge, der sich eine psych. Überkompen-
      sation schaffe, wenn er in seiner Passivität nicht befriedigt
      werde. Der weitere Fortgang wird charakterisiert durch eine

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    Feigheit, auf die er in seinen Ausführungen über den Aggressions-
    trieb verwiesen habe. Das Problem der Lüge sei überhaupt ohne
    den Aggressionstrieb unlösbar. — Ferner stehe die Lüge in Beziehung
    zur Empfindlichkeit. Daß man aus Empfindlichkeit ebenso wohl lügen
    als die Wahrheit sagen kann, tut nichts zur Sache. Es handle sich da immer
    um die momentane Konstellation. Aus theoretischen Erwägungen
    sei zu schließen, daß immer beides vorhanden sei: in allen
    Fällen von übertriebener Wahrheitsliebe finde man auch Lügen-
    haftigkeit u. umgekehrt.

        Wo Rank die Spezifitätjetzt des Analcharakters zu erschüttern
    versuche, sei ein ganzes Stück richtig gesehen. Er finde die Analogie
    ebenfalls nur von einem andern Standpunkt aus. Man finde
    keinen Neurotiker, bei dem der Analcharakter nicht aufzu-
    decken wäre. Freud habe ihn mit Unrecht auf einen bestimmten
    Typus eingeengt. Er komme eben auch in Mischformen vor.
    Die Ursache liege darin, daß vom Analen wie vom Sexualen
    Übertragungen stattfinden, die gegenseitig erfließen.
    Diese Behauptung Ranks möchte er also mit einigen Ände-
    rungen billigen.

    Federn meint, der Vortragende habe vom „normalen“ Lügen gesprochen,
      nicht vom pathologischen. Ranks „patholog. Lügner“ seien auch nicht
      gar so häufig. Gegen den Zusammenhang mit der Masturbat.
      spreche, daß die Neurotiker im allgemeinen nicht verlogener
      sind als andere Menschen, während doch die Onanie bei ihnen
      eine ungleich größere Rolle spiele. Die Menschen lügen eben
      am meisten, wenn sie ein Geheimnis zu verbergen haben. Das sei
      gewiß bei Onanisten häufig.
        Bei einem seiner Pat., einem schweren Onanisten u. großartigen
      Analcharakter habe sich der Waschzwang anal erklärt.
        Er meine, daß die Menschen, die unter einem Geheimnis leiden,
      den Wahrheitsdrang bekommen.

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    Sadger möchte zunächst den Vortragenden gegen die keineswegs
      gerechtfertigten Angriffe. Was dem Vortr. mangle, das sei die Gabe
      der volkstümlichen Darstellung. Inhaltlich habe er sehr schätz-
      werte Anregungen gegeben.
        Über die Pathologie der Lüge habe er zwar wenig Neues gesagt,
      dagegen habe er ein anderes Thema angeschlagen: nämlich welche
      die psychischen Züge seien, die dem Onanisten eignen, ein Thema,
      das ihm bei der Beschäftigung mit Kleist, diesem typischen
      Onanisten aufgefallen sei. In der Literatur habe er über dieses
      Thema gar nichts gefunden. Rank habe darüber einiges Treffende
      gesagt. Aus seiner eigenen Erfahrung möchte er hinzufügen,
      daß die sog. Flegeljahre auch hierher gehören, wo die in der Puber-
      tätsentwicklung befindlichen Personen einem Grobheiten ins
      Gesicht sagen unter dem Protest sie sagen die Wahrheit. Es
      scheine mit dem Wiederauftreten der Mast. ein exquisiter Wahr-
      heitsdrang sich einzustellen, offenbar als Reaktion gegen das
      allem verhehlte Geheimnis. Er selbst habe mit den Worten
      „wahr“ und „echt“ einen wahren Mißbrauch getrieben u. habe
      Ähnliches auch bei Kleist gefunden. Es scheine aber nicht,
      wie Rank meint, die Wahrheitsliebe sich erst mit der Unter-
      drückung der Mast. einzustellen.

        Von den übrigen Symptomen der Mast. habe R. eine ganze
      Reihe richtig angegeben.
        Die Formel des Ursprungs der pathol. Lüge wäre richtig gewesen
      wenn die Beschränkung auf die Mast. weggefallen wäre: denn
      daß es sich dabei um die Verheimlichung eines sexuellen
      Komplexes handle, sei sehr wahrscheinlich; nur müsse
      das nicht immer die Mast. sein. Vielleicht neigen übrigens
      die Menschen zum pathol. Lügen, die in der Kindheit ein reiches
      Phantasieleben haben, die vielleicht verlernt haben, schon Phantasien
      von der Wirklichkeit zu scheiden. Den Phantasie- u. Wunsch-
      erfüllungs-Charakter der Lügen habe R. ja richtig erkannt.
      Der Stehltrieb gehe in letzter Linie auf Verliebtheit in die Eltern zurück.

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    Hitschmann hat den Eindruck, daß man wirklich an diese
      Probleme nicht herangehen könne, ohne Kranke unter-
      sucht zu haben. —
        Daß die Lüge mit der Verdrängung zusammenhänge scheine
      ihm ja plausibel. —
        Es hätte nicht die pseudologia phantastica vernachlässigt
      werden dürfen.
        Er habe jetzt einen in das Gebiet passenden Fall gesehen, wo
      manches von Rank erwähnte hübsch stimme. —

    Rank bemerkt im Schlußwort, daß er eigentlich keine
      direkte sachliche Widerlegung erfahren habe; viel-
      mehr in der teilweise offenen, zum Teil hinter Mißverständnissen
      verborgenen Zustimmung einzelner Herren (Stekel, Sadger,
      Hitschmann), bes. aber in der Bestätigung eines Hauptpunkts
      (d. Wahrheitsfanatismus) durch den Herrn Professor in der
      Richtigkeit seiner Ergebnisse u. Annahmen bestärkt
      worden sei —
        Nachdem er noch einige Mißverständnisse geklärt u.
      einige kontroverse Punkte richtiggestellt hat, dankt er
      für die rege Teilnahme an Vortrag u. Diskussion. —

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