[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] VII. Onanie-Debatte 1912-061/1912.04

Rank, Otto (1912-061/1912.04): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] VII. Onanie-Debatte

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    P R O T O K O L L

    der

    20. S  i  t  z  u  n  g

    am 13. März 1912












     

    VII. O  N  A  N  I  E  -  D  E  B  A  T  T  E  (Dr. Sachs, Rosenstein).

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                versucht
    Dr. Sachs das noch restirende  Problem der verschiedenen Wirkungen
    der Onanie bei so gleichmässiger Ursache durch eine Zurechtlegung
    und Einteilung zu lösen. Er unterscheidet an der Onanie zwei Eigen-
    schaften: 1. eine allgemein disponierende Wirkung der Onanie und 2.
    eine solche, die unter bestimmten Voraussetzungen aus dieser laten-
    ten Disposition  eine wirkliche Schädigung zu erzeugen vermag.

          ad 1: Von Onaniefolgen allgemein disponierender Natur, die noch
    nicht besprochen wurden, werden zwei hervorgehoben:

          a) der Onanie mangelt die einer Reihe von seelischen Leistungen
    eigene Triebverdichtung, die es auch ermöglicht, dass im Koitus zahl-
    reiche Triebe zugleich befriedigt werden, von denen sich einige (bes/
    der Sadismus) bei der Onanie aussersexuelle Befriedigung suchen müs-
    sen (z/B. Zuchthausknall).

          b) das Verhältnis, in dem eine Phantasiebefriedigung zur realen
    Befriedigung stehen muss. Bei der normalen Befriedigung wird der Li-
    bido das Objekt dargeboten, bei der Onanie wird der Weg der Regres-
    sion eingeschlagen, indem zuerst das Objekt vorgestellt werden muss.

          ad 2: Die spezielle Aetiologie für das Auftreten und die beson-
    dere Artung der fassbaren Schäden wird variieren, dass so vielerlei
    unter dem Namen Onanie zusammengefasst werde. Die Phänomene lassen
    sich unter drei Gesichtspunkten einteilen, so zwar, dass jedes Phäno-
                   den
    men unter verschiedenen Gesichtspunkten zu betrachten sein wird.

          a) die Art der Manipulation, wobei 4 Punkte zu berücksichtigen
    sind: an welchem Glied, auf welche Weise, die Quantität und die Quali-
    tät (Intensität).

          b) der psychische Inhalt der Onanie, der wechseln wird, je nachdem
    ob die autosertisch ist oder nicht, d/h. mit oder ohne Phantasie ge-
    übt wird und ob diese Phantasie bewusst oder unbewusst ist. Ausser-
    dem ist die Tatsache zu beachten, dass gewisse Triebe in einer ihnen
    bequemen Befriedigungsform verharren, auch wenn das übrige psychische
    System sich schon weiter entwickelt hat. Was aber in einem gewissen
    Alter einen Fortschritt darstellt, das wird in einem späteren Alter
    ein Hindernis des Fortschritts und kann zu Schädlichkeiten führen.
    Man muss sich für die psychische Oekonomie jedes Individuums und je
    des Alters besondere psychische und physiologische Bedingungen vor-
    stellen, die wesentlich in einer richtigen Verteilung der Libido be-

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    stehen; in deren Verhinderung besteht der wichtigste Schaden der
    Onanie.

          c) die Stellung  des Onanisten zu seinem sozialen Milieu, die
    bereits von verschiedenen Rednern (namentlich Rank) behandelt wurde.
    Hier wird nur die Frage aufgeworfen, ob die für Mädchen behauptete
    geringere Schädlichkeit der Onanie vielleicht  darauf zurückzuführen
    wäre, dass für sie kein der Kastrationsdrohung entsprechendes Moment
    in Betracht kommt.

    D  I  S  K  U  S  S  I  O  N

    Tausk findet dem in seiner Terminologie und Disposition klaren Vor-
    trag in allen Punkten richtig; das meiste wurde schon gesagt, aber
    nicht so deutlich und so gut. Dem Begriff der Triebverdichtung stehen
    die beiden bereits eingebürgerten Termini der Triebverschränkung
    und der  Mitarbeit der verschiedenen Komponenten des Sexualtriebs
    an der Befriedigung entgegen; die Triebüberdeterminierung kennen wir
    als Bemächtigung eines Organs durch einen Trieb. Der Ausdruck Trieb-
    verdichtung wäre vielleicht der allgemeine Ausdruck für alle diese
    Formen des Zusammenarbeitens von Trieben. Dass der Onanist das mit
    der Phantasie ersetzen muss, was ihm vom Objekt nicht geboten wird,
    kennen wir gleichfalls unter andern Namen: er reagiert nicht ganz und
    nicht adäquat ab. Der Zuchthausknall lässt sich nicht so allgemein
    erklären, es liegen ihm spezielle Formen von geistigen Konflikten
    zugrunde. Die Auffassung vom Ersparungsprinzip als aetiologische Schä-
    digung der Onanie müsste man fast umkehren. Auch normalerweise muss
    das Objekt erst erworben werden und im Koitus wird die gestaute Li-
    bido abreagiert. - Richtig und neu ist der Gesichtspunkt, dass es sich
    dabei um eine Regression handelt. Auch das Wort von der Verteilung
                                                           bekannte
    der Libido ist richtig, nur können darunter verschiedene Dinge sub-
    summiert werden. Bei jeder Neurose handelt es sich um Gleichgewichts-
    störungen, weil einiges infantil geblieben ist; die Onanie fixiert
    nicht nur die Infantilität, sondern auch die Perversion, sie ist über-
    haupt ein Mittel zur Fixierung des infantilen Zustandes.

    Steiner findet auch, dass der Vortrag in merito nichts Neues gebracht
    habe, insbesondere die Lösung schuldig geblieben sei, warum die Onanie
    beim einen Schade und beim andern nicht. Die geringere Schädlichkeit
    bei Mädchen könnte vielleicht damit zusammenhängen, dass beim weibli

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    chen Geschlecht die Phantasie besser entwickelt sei und daher kein
    so grossen Aufwände erfordert werden.

    Federn hebt hervor, dass die zunehmende Klarheit der einzelnen Vor-
    träge die Fruchtbarkeit der Debatten am besten zeige. Er korrigiert
    Tausks missverständliche Auffassung von der Triebverschränkung, die
    im Sinne Adlers nicht das Zusammenarbeiten eines Sexualtriebes und
    eines Triebes der Ichgruppe (Sadismus) bedeute, da seiner Auffassung
    nach der Sadismus bereits aus einer Triebverschränkung entsteht.
    Das von der pschischen Oekonomie Gesagte sei richtig, nur müsse man
    sich hüten das Problem von Lust und Unlust so nebenbei abzutun. Es
    gibt auch Lustgefühle, die für die psychische Oekonomie höchst schäd-
    lich sind. Auch das, was Sachs als permanentbleiben bezeichnete muss
    nicht immer schädlich sein; oft gelingt die Verdrängung schädlicher
    Triebe eher, wenn onaniert worden ist. Das Wesentliche ist an welcher
    Stelle der Verdrängungsdamm durchbrochen wird.

    Sadger  glaubt auf Grund seiner Erfahrungen sagen zu können, dass
    Mädchen genau so viel wie Knaben onanieren und dass bei ihnen neben
    völliger Unschädlichkeit auch die schwersten Formen von Schädigung
    zu beobachten sind. die allerschwersten habe er in solchen Fällen
    gesehen, wo die Onanie relativ wenig geübt wurde. Auch die Kastra-
    tionsdrohung hat bei Mädchen ihre Analoga.

    Reinhold  bemerkt zum Terminus Triebverdichtung, dass beim Koitus
    zwar eine Verdichtung stattfindet, aber nicht der Triebe, von denen
    jeder auf eigenen Wegen sein Ziel sucht, sondern im Endeffekt der
    Lust. Es findet auch keine Regression zur Wahrnehmung statt, sonst
    würde sich ja die Onanie von den wirklichen Verhältnissen nicht
    unterscheiden. Dass die Onanie einen entgegengesetzten Weg ein-
    schlägt, ist nur konstruiert; in beiden Fällen geht die Libido voraus
    und das Objekt folgt nach. Für die Lust ist nicht das Prinzip der
    Oekonomie, sondern das Abreagieren entscheidend.

    Reitler  findet bei Sachs eigentlich eigentlich die Auffassung ver-
    terten, dass die Onanie deshalb schade, weil die Phantasie zu sehr
    in Anspruch genommen werde, was für die mutuelle Onanie, die oft die
    gleichen Schädlichkeiten hervorbringt, nicht zutreffen könne. Das
    wichtigste Moment sei nicht berücksichtigt worden, nämlich die Zeit

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    frage, wann das Individuum onaniert. Es sei etwas total Verschiedenes
    ob ein genitalunreifes Individuum onaniere oder ein Erwachsener.

    | Prof. Freud findet mit Reinhold, dass beim Koitus keine Triebverdich-
    tung stattfinde, sondern ein verdichtetes Resultat sich ergebe? Der
    Ausdruck Triebverschränkung sei vorzuziehen.    |

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    Rosenstein  hebt drei wichtige Probleme aus der Debatte hervor:
    1. die durch die Onanie bewirkten Charakterveränderungen,
    2. den Onanie-Zwang (die Fixierung des Aktes und
    3. die Frage der Schädlichkeit der Onanie.

    ad 1 habe er keine Erfahrung.

    ad 2 stellt er einige allgemeine Sätze auf, die auch für den Neuroti-
    ker Geltung haben. Der Zwang zur Onanie (bei vorhandener Gelegenheit
    oder neben Ausübung des Koitus) beruht auf einer Unfähigkeit des Or-
    ganismus gegensätzliche Strömungen zu verarbeiten, welche Unfähigkeit
    zur Synthese auch der Hemmung des Neurotikers zugrunde liegt. Solche
    Gegensatzpaare, deren Vereinigung zu gemeinsamer einheitlicher Wirk-
    kung das neurotische Individuum nicht zustande bringt, sind: Liebe
    und Hass (Freuds Aufklärung der Zwangsneurose), Sadismus und Masochis-
    mus, noch allgemeiner Sexualtrieb und Ichtrieb, ganz allgemein Trieb
    und Verdrängung. Freud hat an Stelle der Disposition das Kräftespiel
    aufgezeigt; beim Neurotiker ist aber vielleicht die Ambivalenz stär-
    ker entwickelt. Diese durch die Unfähigkeit zur Synthese gestaute
    Libido macht eine andere zwangsmässige Abfuhr nötig. Diese Stauung
    kann auch trotz vollzogenem Koitus weiter bestehen, da er in das
                                               wirken
    psychische Getriebe nicht eindringen kann.

    ad 3 ist das Problem der Aktualneurosen und der Psychoneurosen in
    Bezug auf die Onanie nicht richtig gefasst worden. Die Aktualneuro-
    se ist eine Autointoxikation; die Psychoneurose hat psychische Ae-
    tiologie. Bei beiden kann man aber von einem Parallelismus der Aetio-
    logie sprechen. Die Verbindung zwischen diesen beiden Aetiologien
    lässt sich durch den Begriff der Hemmung, des Widerstandes herstel-
    len, der das wichtigste Moment in der Neurose sei. Sie sei aber auch
    das wesentliche bei der Stauung der Sekretion. Nicht der Aerger ("Gif

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    und Galle") hat die Sekretion zur Folge, sondern die Hemmung des Affek-
    tes. Statt der Innervation des motorischen Apparates findet eine Se-
    kretorische Innervation statt. Hier ist die Verbindung der Neurosen
    mit der Intoxikation gegeben. Eine unter Hemmungen ausgeführte Onanie
    muss andere Folgen haben als eine ohne solche. Eine wichtige Frage
    ist die nach der Natur dieser Hemmungen und ihrer Behebbarkeit. Sind
    diese Hemmungen mehr pathogen wenn die bewusst oder wenn sie unbew-
    usst sind? Es gibt Hemmungen, die bei einer blossen Aussprache und
    Belehrung schwinden und damit auch die daraus folgenden Schädlich-
    keiten. Schwerer sind die organischen Hemmungen, von denen Rank ge-
    sprochen hat, zu beseitigen. Und endlich gibt es noch biologische
    Hemmungen (teleologische).

    Federn weist bezüglich der ganzen Auffassung der Hemmung auf Otto
    Gross hin, lässt es aber dahingestellt, ob dieser mit seiner Auffassung
    von der Wirkung der Hemmung auch im Rechte sei. Die Begriffe der
    Dissoziation und Synthese seien veraltet und von der psychoanalyti-
    schen Auffassung überholt. Der Zusammenhang von Drüsentätigkeit und
    psychischen Vorgängen, auf den er selbst in seinem Onanie Referat
    eingegangen sei, sei richtig und gut gesehen. |

    | Freud findet die Ausführungen über den Zusammenhang der psychischen
    und toxischen Erscheinungen sehr beachtenswert. Nicht überflüssig
    erscheine Rosensteins Betonung, dass die Symptome der Aktualneuro-
    sen als Intoxikationssymptome aufzufassen seien. Dagegen habe er
    missverständlicher Weise den Vergleich mit den Intoxikationen auch
    für die Psychoneurosen in Anspruch nehmen wollen. Wenn wir den Be-
    griff der Dissoziation und Synthese wieder einführen verzichten
    wir auf unsere Psychologie des Unbewussten, welche diese Erscheinun-
    gen auf eine Folge des lebendigen psychischen Kräftespiels zurück-
    geführt hat. Die Gegensätze vereinigen sich endlich doch und zw. im
    Symptom, das ursprünglich aus ihrer Trennung hervorgegangen ist.
    Diese entgegengesetzten Kräfte binden einander doch wieder.  |

    Tausk  bemerkt, dass nicht die Gehemmtheit von Strebungen das wich-
    tigste Moment der Neurose sei, sondern die Verwendung derselben.
    Auch lasse sich die ganze Neurose nicht auf der Ambivalenz aufbau-
    en, denn das Symptom zeigt sich dadurch bestimmt, dass verschiedene
    nicht bloss entgegengesetzte Strebungen darin arbeiten. Zwischen

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    zwei entgegengesetzten Strebungen eines Triebstockes gibt es keine
    Synthese, sondern nur ein entweder oder oder ein intermittieren.

    Reinhold ist mit Tausk darin einverstanden, dass nicht die Hemmung
    die Neurose hervorbringe; aber auch nicht die Verwendung der Hemmung,
    die ja auch zur Sublimierung führen kann; sondern es muss die Verdrän-
    gung vorangehen.

    Friedjung meint, dass der Widerspruch, ob die Aktualneurosen dadurch
    bedingt seien, dass die psychischen Momente die Drüsensekretion be-
    einflussen, oder wie Stekel meint die psychischen Begleiterscheinun-
    gen das Massgebende bleiben, durch die Beobachtung einer grossen An-
    zahl von Idioten zu entscheiden wäre, da bei diesen die Vorgänge
    sich unbeeinflusst von den Begleiterscheinungen der Kultur abspielen

    Rosenstein  bemerkt, dass er Gross zwar kenne, aber seine Erwähnung
    in Zusammenhang nicht für wichtig gehalten habe. Die Hemmung als letz-
    Ursache der Neurose sei bis jetzt nicht widerlegt worden. Unter der
    Sejunktion sei ja bloss eine Anlage verstanden.

    Spielrein verweist darauf, dass Bleuler in seiner Auffassung der Ambi-
    valenz den Mangel an Aktionsfähigkeit auf zwei einander entgegenwir-
    kende Kräfte zurückgeführt habe. Den Komplex nehmen wir normalerweise
    nur in der Differenz der beiden antagonistischen Kräfte wahr.

    Markus bemerkt dagegen, dass zwei entgegengesetzte Strebungen auf ein
    Objekt gerichtet nicht Gleichgültigkeit gegen dasselbe hervorrufen
    werden, sondern das Gegenteil.

    | Prof. Freud bemerkt, dass mit der Annahme der sejunktiven Disposition
    nichts gewonnen sei. Die Unfähigkeit zur Synthese sei allerdings tat-
    sächlich angeboren, da sie beim Kind in exquisiter Weise sich äussere
    Erst später empfinden wir es unerträglich in Bezug auf dasselbe Objekt
    zwei entgegengesetzte Arten des Verhaltens unvereinigt nebeneinan-
    der zu dulden wie es beim Kind der Fall ist. Auch in der Religions-
    geschichte lässt sich dies verfolgen, da oft (beispielsweise bei den
    Aegyptern) alle aufeinander folgenden Gestaltungen der Götter neben-
    einander erhalten bleiben.              |


     

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