S.
[Briefkopf V Berlin] 1. IV. 22
Lieber Herr Professor,
die eine ausdrückliche Antwort, die Sie vermißten, schien mir in meinem ganzen Briefe zu liegen, wie sollte ich mir Liebstes und Selbstverständliches noch unterstreichen. Ich konnte nur wiederholen, daß das, was ich bisher hatte tun dürfen, mir nie auch nur im geringsten zu schwer geworden war, daß ich nie als Opfer empfinden konnte, was mir in solchem Maße Bedürfnis ist.
Es hatte mich anfangs erschreckt, daß Sie Angst um mich, Befürchtungen und Zweifel für mich hegen konnten, lieber Herr Professor; mit Erschütterung las ich dann weiter Ihren Vorschlag, unser für mich so im tiefsten entscheidendes Verhältnis aufrechtzuerhalten – das beruhigte mich wieder, machte mich wieder sicher, und daher die Zuversicht meines Briefes.
Nun bitte ich, lieber Herr Professor, herzlich und feierlich darum, unsere Beziehungen auch weiterhin solche sein zu lassen, wie sie im Laufe der letzten Jahre geworden waren, vor allem meiner sicher zu sein, sicher zu sein, daß ich darin zufriedener geworden bin, als ich es nur je und irgendwo sonst könnte. Und lassen Sie mir das Wissen darum, daß Sie nach wie vor wie auf einen Sohn auf mich rechnen, dem Ihnen und auch unserer Sache gegenüber nichts zu viel und nichts zu schwer werden kann. Das ist weniger ein erneutes Versprechen, dessen es wirklich nicht bedarf, als der Ausdruck einer festen alten Tatsache.
An einer ganz anderen Stelle in der Psychoanalyse hat mir die von Ihnen erwähnte Liebesbedingung Schwierigkeiten gemacht: ich kann es noch immer schlecht vertragen, in der Therapie keine entsprechenden oder gar zu geringe Erfolge zu haben, n[ota] b[ene] bei schweren Fällen. Aber das ist eine zirkumskripte Stelle und gut kompensiert, wenn sie auch der Aufmerksamkeit meiner Frau nicht entgangen ist. –
Aus dem 6. Mai wollte ich wirklich keine Institution machen, nur ein Vergnügen, das ich mir noch sehr oft wiederholen zu können wünsche und hoffe. Mirra möchte dieses Mal mitfahren,1 sie hat ein sehr deutliches Bedürfnis, gutzumachen, daß sie Sie bei Ihrem letzten Hiersein nicht empfangen konnte.2
Über den neuen Mann meiner Schwägerin wissen wir noch nicht viel; der Eindruck, den er zunächst macht, soll ein guter sein, die jüngeren zwei Kinder mögen ihn gern, wogegen die Älteste der Mutter den Vaterersatz übelnimmt.
Nach Moskau kommen die meisten Briefe an, nur selten geht auch ein einfacher Brief verloren. Dr. Wulff wird die Gelegenheit benutzt haben, seinen mit einem Reisenden zu senden. Wir könnten es von hier auch versuchen, doch ist, wie gesagt, die Post schon relativ zuverlässig. Gut ist auch, wenn man selten schreibt, den Brief in zwei Kopien zu senden.
Alles Gute, lieber Herr Professor, Ihnen und den Ihren,
es grüßt Sie in alter herzlicher Treue
Ihr Max Eitingon