• S.

    89

    übrigen Charaktere des Krankheitsbildes
    unabhängigen Zug darstellt.
    Ich sehe indess keine Schwierigkeit das
    Moment der periodischen Abstossung
    des Ichs gegen das Ideal für beide
    Arten der Melancholie, die psychogene
    wie die spontane, in Betracht kommen
    zu lassen. Bei den psychogenen würde
    das Ich durch die Misshandlung von Seiten
    jenes Ideals, die es im Fall der Iden-
    tifizierung mit einem verworfenen Liebes-
    objekt erfährt. Zur Abstossung gereizt
    Bei den spontanen kann man annehmen,
                                                    annehmen,
    dass das Ideal stets zur Entfaltung
    einer besonderen Strenge neigt, die
    dann automatisch seine zeitweilige Auf-
    hebung zur Folge hat. ↗

    XII

    Nachträgliches.

    Im Laufe der Untersuchung, die jetzt zu
    einem vorläufigen Abschluss gekommen
    ist, haben sich uns verschiedene Neben-
    wege eröffnet, die wir zuerst vermieden
    haben, auf denen uns aber manche nahe
    Einsicht winkte. Einiges von dem so zu-
    rückgestellten wollen wir nun nach-
    holen.

    A. Die Unterscheidung von Identifizie-
    rung und Idealsetzung durch das Ich-

        rung und Idealsetzung           durch das Ideal
    findet eine Handhabe macht in der Bedeutung
    an den zwei grossen künstlichen Massen, die
    wir eingangs studiert haben, dem Heer
    und der christlichen Kirche.

    Es ist evident, dass der Soldat seinen Vor-
    gesetzten also eigentlich den Armee-
    führer zum Ideal nimmt, während
    er sich mit seinesgleichen identifiziert
    und aus dieser Gemeinsamkeit die
    Verpflichtungen der Kameradschaft und
    zur gegenseitigen Hilfeleistung und

  • S.

    90

    Güterteilung ableitet. Aber es wird lächerlich
    wenn er sich mit dem Feldherrn identifizieren
    will. Der Jäger in Wallensteins Lager
    verspottet das den Wachtmeister:
          Wie er sich räuspert und wie er spuckt
          das habt Ihr ihm trefflich abgeguckt!
    Anders in der katholischen Kirche. Jeder
    Christ liebt Christus als sein Ideal und
    fühlt sich den anderen Christen durch
    Identifizierung verbunden. Aber die
    Kirche fordert mehr von ihm. Er soll
    überdies sich mit Christus identifizieren
    und die anderen Christen lieben wie
    Christus sie geliebt hat. Die Kirche
    fordert also an beiden Stellen die
    Ergänzung der durch die Massenbildung
    gegebenen Libidoposition. Die Identifi-
    zierung soll dort hinzukommen, wo die
    Objektwahl stattgefunden hat und die
    Objektliebe dort, wo die Identifizierung
    besteht. Dieses Mehr geht offenbar über
    die Konstitution der Masse hinaus. Man
    kann ein guter Christ sein und doch
    kaum daran denken, die Stelle Christi
    einzunehmen, sich mit ihm allzu
    menschlich zu              ihm umfassender zu machen
                              als durch das Ideal    zu identifizieren
    identifizieren. Man traut sich ja angesichts der
    Gnadengröße und Liebe Würde des Heilands
    kaum den Weg dieser Weiterentwick-
    lung der Libidoverteilung in der
    Masse ist wahrscheinlich das Moment
    auf welches das Christentum den An-
    spruch gründet eine höhere Sittlichkeit
    gewonnen zu haben.

    B. Wir sagten es wäre möglich die
    Stelle in der seelischen Entwicklung
    der Menschheit anzugeben an der sich
    auch für den Einzelnen der Fortschritt
    von der Massen- zur Individualpsycho-
    logie vollzog. *)

    *) das Folgende ist unter dem Einfluss
    eines Gedankenaustausches mit Otto
    Rank.

  • S.

    91

    Dazu müssen wir wieder kurz auf den
    wissenschaftlichen Mythus vom Vater der
    Urherde zurückgreifen. Er wurde später
    zum Weltschöpfer erhöht mit Recht denn
    er hatte alle die Söhne gezeugt welche
    die erste Masse zusammensetzten. Er war
    das Ideal eines jeden einzelnen von ihnen
    gleichzeitig gefürchtet und verehrt was
    für später den Begriff des Tabu ergab.
    Diese Mehrheit schloss sich einmal zusammen
    tötete und zerstückelte ihn. Keiner
    der Massensieger konnte sich an seine
    Stelle setzen oder wenn er es tat
    erneuerten sich die Kämpfe bis sie ein-
    sahen dass sie alle auf die Erbschaft
    des Vaters verzichten mussten. Sie
    bildeten dann die totemistische Bruder-
    gemeinschaft alle mit gleichen Rechten und
    durch die Totemverbote gebunden
    welche das Andenken der Mordtat erhielten
    und sühnen sollten. Aber die Sehnsucht
    mit dem Urzustand mit dem Ersehnten blieb und
    mittels die Quelle vieler Entwicklungen
    Allmählich näherten sie sich zur Wiederaufnahme
    der Wiederkehr des alten Zustandes als
    der Mann wurde wiederum das Oberhaupt
    einer Familie und brach die Vorrechte
    der Frauenherrschaft die sich in der
    vaterlosen Zeit festgesetzt hatte. Zur
    Entschädigung mag er damals die Mutter
    gottheiten anerkannt haben deren
    Priester Kastraten wurden zum Schutze
    der Mutter nach dem Muster der Kastration
    mag das das der Vater der Urherde
    an Söhnen vollzogen hatte. Doch war die neue
    Familie nur ein Schatten der alten
    der Väter waren viele und jeder
    durch die Rechte des anderen be-
    schränkt.

  • S.

    92

    Damals mag die sehnsüchtige Entbehrung
    einen Einzelnen beigetragen haben sich von
    der Masse loszulösen und sich in die
    Rolle des Vaters zu versetzen. Wer
    dies Tat war der erste epische Dichter,
    der Fortschritt wurde in der Phantasie
    vollzogen. Dieser Dichter log die Wirk-
                                    sein
    lichkeit um im Sinne seines Sehnsuchts-
    erfanden des heroischen Mythus. Er er-
    fand der vor allem den Vater erschlagen
    hatte, der im Mythus noch als Totemtier
    erschien. Ungeheuer erschien. Wie der
    Vater das erste Ideal der Knaben ge-
    wesen war, so schuf jetzt der Dichter im
    Heros, der den Vater ersetzen will
                              Vater ersetzen will
    das erste Ideal. Die Anknüpfung
    an den Heros bot wahrscheinlich den
    jüngsten Sohn der Mutter,
    den sie vor der väterlichen Eifersucht
    beschützt hatte, und der in Urhorden-
                         Nachfolger des Vaters
    zeiten der Nachfolger war. In der lügenhaften Um-
    dichtung der Vorzeit wurde das Weib
           Dichtung
    das als Kampfpreis war wahrschein-
    lich zur Verführerin und Anstifterin
    des Mordes geworden war.
    Der Heros will die Tat allein vollbracht
    haben, denn sich gewiss nur die ganze
    Horde getraut hatte. Doch hat nach einer
            (als Ganzes)
    Bemerkung von Rank das Märchen
    deutliche Spuren des verleugneten
    Sachverhalts bewahrt. Denn dort
    kommt es häufig vor, dass der Held,
    der eine schwierige Aufgabe zu lösen hat,
     — meist ein jüngster Sohn nicht selten einer
                               Muttersurrogat diente
    der sich vor Tieren  — — — — — — Diese
    Aufgabe doch nur mit Hilfe einer
    Schar von kleinen Tieren (Bienen,
    Ameisen) lösen kann. Dies wären
    die Brüder der Urhorde, wie ja auch

  • S.

    93

    in der Traumsymbolik Insekten Ungeziefer
    die Geschwister (verächtlich: als kleine Kinder)
    bedeuten. Jede der Aufgaben im Mythus
    und Märchen ist überdies leicht als Ersatz
    der heroischen Tat zu erkennen.
     

        Der Mythus ist also der Schritt mit dem
    der Einzelne aus der Massenpsychologie
    austritt. Der erste Mythus war sicherlich
    der psychologische, der GötterHeroenmythus; der
    erklärende Naturmythus mußte erst
    später aufgekommen sein. Der Dichter
    der diesen Schritt getan und sich so in
    der Phantasie von der Masse gelöst
    hatte, weiß nach einer weiteren Be-
    merkung von Rank doch in der Wirk-
    lichkeit den Rückweg zu ihr zu finden.
    Denn er geht hin und erzählt dieser Masse
    die Taten seines Helden, die er erfunden.
    Er Dieser Held ist im Grunde kein anderer
    als er selbst. Er senkt sich damit zur
    Realität herab und hebt seine Hörer
    in die Phantasie empor. Die Hörer aber
    verstehen den Dichter, sie können sich
    auf Grund der nämlichen sehnsüchtigen
    Beziehung zum Urvater mit dem Heros
    identifizieren.
     

        Die Lüge des heroischen Mythus gipfelt
    in der Vergötterung des Heros. Vielleicht
    war der heros vergötterte Heros früher
    als der Vatergott, der Vorläufer
    als der der Wiederkehr des Urvaters als
    Gottheit. Die Götterreihe hieße dann
    chronologisch so: Muttergöttin – Heros –
    Vatergott. Aber erst mit der Erhöhung
    des nie unvergessenen Urvaters erhielt
    die Gottheit die Züge die wir noch
    heute an ihr kennen. x)
     


    x) In dieser abgekürzten Darstellung ist auf
    alles Material aus Sage, Mythus,
    Märchen, Sittengeschichte usw Lehre zur Stütze
    der Konstruktion verzichtet worden.
     

  • S.

    94

    C. Wir haben in dieser Abhandlung viel
    von direkten und von zielgehemmten
    Sexualtrieben gesprochen und dürfen
    hoffen, dass diese Unterscheidung nicht
    auf grossen Widerstand stossen wird.


    Doch wird eine eingehende Erörterung
    darüber nicht überflüssig sein,
    selbst wenn sie uns wiederholt, was
    zum grossen Teil bereits an früherer
    Stelle gesagt worden ist.

    Das erste, aber auch beste Beispiel
    zielgehemmter Sexualtriebe hat uns
    die Libidoentwicklung des Kindes
    kennen gelehrt. Alle die Gefühle,
    welche das Kind für seine Eltern
    und Pflegergegenstände empfindet, setzen
    sich ohne Schranken in die Wünsche
    fort, welche den Sexualstreben des
    Kindes Ausdruck geben. Das Kind
    verlangt von diesen geliebten
    Personen alle Zärtlichkeiten, die
    ihm bekannt sind, will sie küssen,
    berühren, beschauen,

    D. Wir sind bereits durch die beiden
    letzten Bemerkungen darauf vorbereitet,
    zu finden, dass die direkten Sexual-
    strebungen der Massenbildung ungünstig
    sind. Es hat zwar auch in der Entwick-
    lungsgeschichte der Familie Massenbe-
    ziehungen der sexuellen Liebe gegeben
    (Vielweiberei, Gruppenehe), aber je bedeutungs-
    voller die Geschlechtsliebe für das
    Ich wurde, je mehr Verliebtheit sie
    entwickelte desto eindringlicher forderte
    sie die Einschränkung auf zwei Per-
    sonen — una cum uno —, wie durch
    die Natur des Genitalziels vorgezeichnet
    ist. Die polygamen Neigungen werden darauf
    angewiesen, sich in Nacheinander der
    Objektauswahl zu befriedigen. *)
  • S.

    95

    ist neugierig ihre Genitalien zu sehen und
    bei ihren intimen Sekretionsverricht-
    ungen anwesend zu sein es verspricht
    die Mutter oder Pflegerin zu heiraten
    was immer es sich darunter vorstellen
    mag, setzt sich vor dem Vater im Kind
    zu gebären usw. Direkte Beobachtung
    sowie die nachträgliche analytische
    Durchforschung der Kindheitreste lassen
    über das Zusammenfliessen
    zärtlicher und schutzbedürftiger Gefühle und
    sexueller Absichten keinen Zweifel
    und legen uns dar in wie gründlicher
    Weise das Kind die geliebte Person
    zum Objekt alles seines, noch nicht richtig
    zentrierten Sexualstrebungen macht
    (Sexualtheorie).

    Diese erste Liebesgestaltung des Kindes, die
    typisch dem Ödipuskomplex zugeord-
    net ist, erliegt dann wie bekannt
    vom Beginn der Latenzzeit an einem
    Verdrängungsschub, was von ihr
    übrigbleibt zeigt sich uns als rein zärtliche
    Gefühlsbindung, die demselben Personen-
    kreis gilt, aber nicht mehr als "sexuell" be-
    zeichnet werden soll. Die Psychoanalyse,
    welche die Tiefen des Seelenlebens
    durchleuchtet hat es nicht schwer nachzuweisen
    dass auch die "sexuellen Bindungen"
    der ersten Kinderjahre noch fortbe-
    stehen, aber verdrängt und unbe-
    wusst. Sie giebt uns den Mut zu
    behaupten, dass überall, wo wir
    ein zärtliches Gefühl begegnen, dies
    der Nachfolger eines vollsinnlichen
    Objektbindung an die betreffende
    Person oder ihr Phantom (ihr Imago)
    ist. Sie kann uns freilich nicht ohne
    besondere Untersuchung verraten ob
    diese vorgängige sexuelle Strömung

  • S.

    96

    in einem gegebenen Fall noch im Unter-
    als verdrängt besteht oder ob sie bereits
    aufgezehrt ist. Um es noch schärfer zu sagen:
    es steht fest, dass sie als Form und
    Möglichkeit noch vorhanden ist und jeder-
          zeit wieder belebt, aktiviert werden
    kann (durch Regression). Es fragt sich
    nur und ist nicht immer zu entscheiden
    welche Besetzung und Wirksamkeit sie
    gegenwärtig noch hat. Man muss sich
    hier die Gleichmässig vor zwei Fehler-
    quellen in Acht nehmen vor der
    Scylla der Unterschätzung des verdrängten
    Unbewussten und vor der Charybdis
    der Neigung das Normale durchaus
             nur nach dem Mass des Pathologischen
    zu machen.

    Die Psychologie welche die Tiefe der Ver-
    drängten nicht durchdringen will oder
    kann, ist im Recht die zärtlichen
    Gefühlsbindungen jedenfalls als Aus-
    druck von        Regungen darzustellen,
    nicht nach dem   sexuellen Zielen waren,
    gleich sie auch so sehen, die danach gestrebt.


    *) Die feindseligen Gefühle, um ein Stück
    komplizierter aufgebaut nachher kommen kaum
                                    Ausnahme

    haben, hervorgegangen sind. Ihr Wir
    sind berechtigt zu sagen, sie sind von
    diesen sexuellen Zielen abgelenkt
    worden, wenngleich es seine Schwierig-
    keiten hat in der Vorstellung einer
    solchen Zielablenkung den An-
    forderungen der Metapsychologie
    zu entsprechen. Übrigens halten diese
    Züge jenes Triebe immer noch einige
    der ursprünglichen Kennzeichen fest
    auch der zärtlich Anhängliche sucht die
    körperliche Nähe und den Anblick
    des "im Paulinischen Sinne"
                 Geliebten

  • S.

    97

    geliebten Person wenn wir es wollen
    können wir in dieser Zielablenkung
    den Beginn von Sublimierung der
    Sexualtriebe anerkennen oder die
    Grenze für letztere noch ferner stecken.
    Die zielgehemmten Sexualtriebe haben vor
    den ungehemmten einen grossen funktion.
                                Vorteil,
    allen Vorteil, da sie nicht eigentlich
    voller Befriedigung fähig sind
    eignen sie sich besonders dazu dau-
              ernde Bindungen zu schaffen währ-
    end die direkt sexuellen jedesmal
    durch die Befriedigung ihre Energie
    einbüssen und auf Erneuerung
    durch Wiederanhäufung der sexuellen
    Libido warten müssen, wobei inzwischen
    das Objekt gewechselt werden
    kann. Die gehemmten Triebe sind zwar
    stets von Beimengung mit den
    ungehemmten fähig, können sich in sie rück-
                         wie sie aus ihnen hervor-
    verwandeln, es ist bekannt wie leicht
    gegangen sind. Gefühlsbeziehungen freundschaft-
    licher Art, auf Anerkennung und
    Bewunderung gegründet sich in
    erotische       willentlich entwickeln (das
        Molière'sche embrasser moi pour
    l'amour du grec) zwischen Meister
    und Schülerin Künstler und entzückte
    Zuhörerin, zumal bei Frauen. Ja die
    Entstehung solcher zuerst absichtloser
    Gefühlsbindungen giebt direkt einen
    viel begangenen Weg zur sexuellen
    Objektwahl. In der Frömmigkeit
    des Grafen von Zinzendorf hat
    Pfister ein unüberdeutliches gewiss
    nicht vereinzeltes Beispiel dafür
    aufgezeigt wie nahe es liegt dass
    auch intensive religiöse Bindung

  • S.

    98a

    in brünstige sexuelle Erregung zurückschlägt.
    Anderseits ist auch die Umwandlung direkter,
         an sich kurzlebiger sexueller Trieb-
      strebungen in dauernde bloß zärtliche
    Bindung etwas sehr gewöhnliches und
     die Konsolidierung einer aus ver-
      liebter Leidenschaft Zärtlichkeit geschlossenen Ehe Verhältnis beruht zu
      einem großen Teil auf diesem
        Vorgang.
    Es wird uns natürlich nicht verwundern
    zu hören, daß die zielgehemmten Sexual-
    strebungen sich aus den direkt sexuellen
     dann ergeben wenn sich der Erreichung
    der Sexualziele innere oder äußere Hinder-
    nisse entgegenstellen. Die Verdrängung
    der Latenzzeit ist ein solches inneres – oder
    besser innerlich gewordenes – Hindernis.
    Vom Vater der Urhorde haben wir ange-
      nommen, daß er durch seine sexuelle
    Intoleranz alle Söhne zur Abstinenz nötigt
    und sie so in zielgehemmte Bindungen
    drängt während er selbst sich freien
    Sexualgenuß vorbehält und somit un-
    gebunden bleibt. Alle Bindungen auf
    denen die Masse beruht sind von
    der Art der zielgehemmten Triebe.
    Damit aber haben wir uns der Erörte-
    rung eines neuen Themas genähert
    welches die Beziehung der direkten
      Sexualtriebe zur Massenbildung be-
      handelt.
    D. Es erhellt schon aus den beiden letzten
    Bemerkungen, daß die Massenbildung ungünstig
    sind. Es hat zwar auch in der
    Entwicklungsgeschichte der Familie
    auch Massenbeziehungen der sexuellen
    Liebe gegeben, wie (die Gruppenehe)

    94

  • S.

    99

    Die beiden zum Zweck der Sexualbefriedig-
    ung auf einander angewiesenen Personen
    demonstrieren gegen den Herdentrieb, das
    Massengefühl, indem sie die Einsamkeit
    aufsuchen. Je verliebter sie sind desto voll-
    kommener genügen sie einander. Die
    äußerst heftigen Gefühlsregungen der
    Eifersucht werden aufgeboten um die
    sexuelle Objektwahl gegen die Beeinträch-
    tigung durch eine Massenbindung zu schützen.
    Nur wenn der zärtliche, also persönliche Faktor
    der Liebesbeziehung völlig hinter dem
    sinnlichen zurücktritt, wird der Liebes-
    verkehr eines Paares in Gegenwart
    anderer oder der gleichzeitige Sexual-
    akte innerhalb einer Gruppe wie bei
    der Orgie möglich. Damit ist aber eine
    Regression zu einem früheren Zustand
    der Geschlechtsbeziehungen gegeben in
    dem die Verliebtheit noch keine
    Rolle spielte, die Sexualobjekte einander
    gleichwertig erachtet wurden, etwa im Sinne
    von dem bösen Wort Bernard Shaw’s: Ver-
    liebtheit heiße den Unterschied zwischen
    einem Weib und einem anderen ungebühr-
    lich überschätzen.

    Es sind reichlich Anzeichen dafür vorhanden
    daß die Verliebtheit erst spät in die Sexual-
    beziehungen zwischen Mann und Weib
    Eingang fand so daß auch die Gegnerschaft
    zwischen Geschlechtsliebe und Massenbindung
    eine spät entwickelte ist. Nun kann
    es den Anschein haben als ob diese An-
    nahme unverträglich mit unserem Mythos
    von der Urfamilie wäre. Die Brüder-
    schar soll doch durch die Liebe zu den
    Müttern und Schwestern zum Vatermord
    getrieben worden sein, und es ist schwer
    sich diese Liebe anders als eine un-
    gebrochene primitive d. h. eine innige
    Vereinigung von

  • S.

    100

    zärtlicher und sinnlicher vorzustellen Regungen vorzustellen. Allein
    bei weiterer Überlegung löst sich dieser
    Einwand in eine Bestätigung auf. Ein
    der Folgen des Vatermords der Reaktion auf den Vatermord war doch
    die Einrichtung der totemistischen
    Exogamie das Verbot jeder sexuellen
    Beziehung mit den von Kindheit an
    zärtlich geliebten Frauen der Familie. Damit
    war der Keil zwischen die zärtlichen und
    sinnlichen Regungen des Mannes einge-
    trieben der heute noch in seinem
    Liebesleben festsitzt *. Infolge dieser
    Exogamie mußten sich die sinnlichen
    Bedürfnisse der Männer mit fremden und
    ungeliebten Frauen begnügen.


     In den großen künstlichen Massen
    Kirche und Heer ist für das Weib als
    Sexualobjekt kein Platz. Die Liebesbe-
    ziehung zwischen Mann und Weib bleibt
    außerhalb dieser Organisationen. Auch
    wo sich Massen bilden die aus Männern
    und Weibern gemischt sind
    spielt der Geschlechtsunterschied keine
    Rolle. Es hat kaum einen Sinn zu fragen
    ob die Libido welche die Massen zu-
    sammenhält homogenen oder hetero-
    sexueller Natur ist denn sie ist nicht
    nach den Geschlechtern differenziert
    und sieht insbesondere von den
    Zielen der Genitalorganisation der
    Libido völlig ab.

    Die direkten Sexualstrebungen erhalten
    auch für das sonst in der Masse
    aufgehende Einzelwesen ein Stück indivi-
    dueller Betätigung. Wo sie überstark
    werden zersetzen sie jede Massen-
    bildung. Die Katholische Kirche hatte
    die besten Motive ihren Gläubigen
    die Ehelosigkeit zu empfehlen und

  • S.

    101

    ihren Priestern das Zölibat aufzuerlegen,
    aber die Verliebtheit hat oft auch Geistliche
    zum Austritt aus der Kirche getrieben.
    In gleicher Weise durchbricht die Liebe zum
    Weibe die Massenbindungen der Rasse,
    der nationalen Absonderung und der sozialen
    Klassenordnung und vollbringt damit kul-
    turell wichtige Leistungen. Es scheint gesichert,
    daß sich die homosexuelle Liebe mit den
    Massenbindungen weit besser verträgt,
    auch wo sie als ungehemmte Sexual-
    strebung auftritt; eine merkwürdige
    Tatsache, deren Aufklärung weit führen
    dürfte.

    Die psychoanalytische Untersuchung der Psychoneu-
    rosen hat uns gelehrt, daß deren Symptome
    von verdrängten, aber aktiv gebliebenen
    direkten Sexualstrebungen abzuleiten
    sind. Man kann diese Formel vervoll-
    ständigen, wenn man hinzufügt: oder
    von solchen zielgehemmten, bei denen
    die Hemmung nicht durchgehends gelungen
    ist oder einer Rückkehr zum verdrängten
    Sexualziel den Platz geräumt hat. Diesem
    Verhältnis entspricht, daß die Neurose
    asozial macht, den von ihr Betroffenen
    aus den habituellen Massenbildungen
    heraushebt. Man kann sagen, die
    Neurose wirkt in ähnlicher Weise
    zersetzend auf die Masse wie die
    Verliebtheit. Dafür kann man sehen,
    daß dort, wo ein kräftiger Anstoß
    zur Massenbildung erfolgt ist, die
    Neurosen zurücktreten und wenig-
    stens für eine Zeit lang schwinden
    können. Man hat auch mit Recht diese
    (versucht) Widerstreit von Neurose und
    Massenbildung therapeutisch zu
    verwerten. Auch wer das Schwinden

  • S.

    102

    der religiösen Illusionen in der heutigen
    Kulturwelt nicht bedauert, wird zuge-
    stehen, daß sie den durch sie Gebundenen den
    stärksten Schutz gegen die Gefahr der
    Neurose boten, so lange sie selbst
    noch in Kraft waren. Es ist auch nicht
    schwer, in all den Bindungen an
    mystisch-religiöse oder philosophisch-mystische
    Sekten und Gemeinschaften den
    Ausdruck von Schiefheilungen man-
    nigfaltiger Neurosen zu erkennen.
    Das alles hängt mit dem Gegensatz der
    direkten und der zielgehemmten Sexu-
    alstrebungen zusammen.

    Sich selbst überlassen ist der Neurotiker
    genötigt, sich die großen Massen-
    bildungen, von denen er ausgeschlossen
    ist, durch seine Symptombildungen
    zu ersetzen. Er schafft sich seine eigene
    Phantasiewelt, seine Religion, sein
    Wahnsystem, und wiederholt so die
    Institutionen der Menschheit in
    einer Verzerrung, welche deutlich
    den übermächtigen Beitrag der
    direkten Sexualstrebungen be-
    zeugt. *)

    *) S. Totem und Tabu zu Ende des Abschnitts
        II: Das Tabu und die Ambivalenz.


    E. Fügen wir zum Schluß eine vergleichende
       Würdigung der Zustände, die uns be-
       schäftigt haben, vom Standpunkt der
       Libidotheorie an, der Verliebtheit,
       Hypnose, Massenbildung und der
       Neurose.

    Die Verliebtheit beruht auf dem
    gleichzeitigen Vorhandensein von
    direkten und von zielgehemmten
    Sexualstrebungen, wobei das Objekt
    einen Teil der narzißtischen Ichlibido

  • S.

    103

    auf sich zieht. Sie hat nur Raum für das Ich
    und das Objekt.

    Die Hypnose teilt mit der Verliebtheit die
    Einschränkung auf diese beiden Personen,
    aber sie beruht auf zielgehemmten Sexual-
    strebungen nur auf und setzt das Objekt an die
    Stelle des Ichideals.

    Die Masse vervielfältigt diesen Vor-
    gang, sie stimmt mit der Hypnose in der
    Natur der sie zusammenhaltenden Triebe
    und in der Ersetzung des Ichideals
    durch das Objekt überein, aber sie
    fügt die Identifizierung mit anderen
    Individuen hinzu, die vielleicht ursprüng-
    lich durch die gleiche Beziehung zum
    Objekt ermöglicht wurde.

    Beide Zustände, Hypnose wie Massenbild-
    ung, sind Erbniederschläge aus der Phylo-
    genese der menschlichen Libido, die
    Hypnose als Disposition, die Masse über-
    dies als direktes Überbleibsel. Die
    Ersetzung der direkten Sexualstrebungen
    durch die zielgehemmten befördert bei
    beiden die Sonderung von Ich und
    Ichideal, zu der bei der Verliebtheit
    schon ein Anfang gemacht ist.

    Die Neurose tritt aus dieser Reihe
    heraus. Auch sie beruht auf einer Eigen-
    tümlichkeit der menschlichen Libido-
    entwicklung, auf dem durch die
    Latenzzeit unterbrochenen doppelten Ansatz
    der direkten Sexualfunktion.
    (S. Sexualtheorie 4 Aufl. 1920, S. 96.)

    Insoferne teilt sie mit Hypnose und Massen-
    bildung den Charakter einer Regression,
    welcher der Verliebtheit abgeht.

    Sie tritt überall dort auf, wo der
    Fortschritt von direkten zu zielgehemmten
    Sexualtrieben nicht voll geglückt ist,

  • S.

    104

    und entspricht einem Konflikt zwischen den
     ins Ich aufgenommenen Trieben, welche eine
    solche Entwicklung durchgemacht haben
     und den Anteilen derselben Triebe,
    welche vom verdrängten Unbewußten
    her – ebenso wie andere völlig ver-
     drängte Triebregungen – nach ihrer
     direkten Befriedigung streben.

    Sie ist inhaltlich ungemein reichhaltig,
    da sie alle möglichen Beziehungen
    zwischen Ich und Objekt umfaßt,
    sowohl die, in denen das Objekt beibe-
    halten als auch andere, in denen es
    aufgegeben oder im Ich selbst aufge-
    richtet ist, aber ebenso die Konflikt-
    beziehungen zwischen Ich und seinem
        Ichideal. Die Verdrängung und
      das durch ihre Folgen für das Ich
      entstandene Unglück bleibt für
      sie bestimmend.

    —————