Freud, Sigmund (1903-101/1903): Meine individuelle Traumcharakteristik (Typische Träume)
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Meine individuell Traumcharakteristik
(Typische Träume).
Freud
Ich möchte Sensationträumen u andere unterscheiden. Zur ersten
Gruppe gehören: Fliegen, Fallen, Schwim̄en, Lähmung, die
zweite ist bekannt. Tod Verwandter, Prüfung, Nacktheit, Oedipus-
traum, etwa noch Geldtraum, Reisetraum, durch Reihe von Zim̄ern
gehen.An Sensationsträumen bin ich arm. An‘s Fliegen kann ich mich nicht
erinnern ebensowenig an‘s Schwim̄en als besonders häufig.
Den Falltraum hatte ich oft, früher in cruder Form, jetzt in
der verfeinerten, daß ich vom Fenster aus über die Facade
des Hauses mit Benützung der Vorsprünge von Gesimsen etc
auf die Straße zu steigen habe, wobei mich ein peinliches Fall-
gefül beschleicht.– Der Lähmungstraum ist in letzten Jahren geradezu
selten geworden, in früheren häufig aber wenig prägnant gewesenDen Oedipustraum habe ich unverhüllt nie gehabt, einen verhüllten
Angsttraum dieses Sinnes habe ich in der Traumdeutung mitgetheilt.
VonTraum¿¿¿ lebender Verwandten erinnere ich nur ein einziges
Beispiel. Bald nach der Geburt meines jüngsten Mädchens träumte
die ihr vorhergehende Kleine todt aber rotwandig in der
Wiege liegend, ohne Angstaffekt. In der Analyse erin̄erte ich auch,
daß ich mich als 5j Knabe nach der Geburt der letzten Schwester (die
in der Reihe meiner jüngsten Tochter entspricht) zur Wiege der
vorhergehenden schlich,unddie damals 1 J alt rotbackig schlief
u dabei dachte: Jetzt bist du nicht mehr die Jüngste.Der Nacktheitstraum war bei mir sehr häufig u trat in vielerlei
interessanten Formen auf, auch in militärischer Einkleidung.
Auch er ist in den letzten Jahren verschwunden. Die ihm entsprechende
Exhibitionsneigung bestand bei mir noch in den Pubertätsjahren
als ihre Abköm̄linge sehe ich die Schwierigkeiten an, die sich
bei mir jeder Publikation zeitweise widersetzen, aber auch
den endlich durchbrechenden Zwang zur Publikation intimer
Dinge.Der vertrauteste unter den typischen Träumen ist mir der
Prüfungstraum, der den gewöhnlichen Fortschritt von der Matura
zum Rigorosem gemacht hat. In den letztvergangenen Jahren, die
mir soviel Kampf um Anerkennung u wahrscheinlich noch tief-
stehende Kränkungen über Kritik gebracht haben, hat dieser Traum
geradezu gewuchert u mir Gelegenheit gegeben, seine Deutung
zu versuchen. Ich halte im̄er noch daran fest, daß er vor
erwarteten u gefürchteten Blamagen auftritt, bin aber jetzt
durch Benützung einer unbekannten wo aufgefundenen Idee
dahin gekom̄en, ihn besser zu verstehen und als eine Tröstung
gegen die Erwartungsangst aufgefassen.S.
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Ich habe nämlich irgendwo die Bemerkung gelesen, daß in den
Prüfungsträumen doch nur solche Prüfungen vorkom̄en, die man
bestanden hat, nie solche,diein denen man durchgefallen ist. Dieß
stim̄t für mich. Ich bin vor dem dritten Rigorosem in Gerichtl
Medizin durchgefallen, habe aber nie von diesem Gegenstand
geträumt. Im Rigorosentraum handelt es sich meist um die
Vorprüfungen. Botanik u dgl. quälend Zoologie. In Botanik war
ich bei Wiesner weil ich keine Pflanze erkan̄te, in Gefahr; mein
gutes theoretisches Wissen hat mich dan̄ gerettet. Vor der Zoologie
wollte ich (aus gut begründeter Angst) durchgehen; Claus, den ich
auf der Gange traf, erfaßte mich aber beim Arm, nötigte
mich zu bleiben und gab mir die Fragen, die zu einer Aus-
zeichnung führen mußten. Ähnliche Rolle spielte beim Maturatraum
die Prüfung in Geschichte; durch einen kühnen Streich entging
ich der Gefahr u legte eine ausgezeichnete Prüfung ab. Der Traum
scheint also zu trösten, indem er die aktuelle Angst auf Gelegen-
heiten zurückbezieht, in denen sich die Angst als unberechtigt
erwiesen. Der Wortlaut dieses Trostes: Was fürchtest Du dich denn?
Du hast dich damals auch gefürchtet u bist heute schon doch Doktor oder
Professor! mißversteht der Bw u faßt ihn als Protest gegen den
Unsinn des Traumes.Den Traum Geld zu finden, kenne ich nicht. Reiseträume, in denen
sich die wunderbarsten Landschaften an einander reihten, hatte ich
in früheren Dezennien häufig; seitdem ich zu reisen begon̄en
habe (1895), sind sie selten geworden. Bekan̄te Landschaften oder
Städte sah ich nicht oft im Traum, einmal Rom ehe ich es noch
kannte nach einem Stich, und ein andermal Florenz genau so,
wie ich es bereits gesehen hatte.Das Wandern durch eine Flucht von Zim̄ern ist mir eher häufig
vorgekom̄en, hat sich aber der Deutung bisher entzogen.Anmerkungen:
Schwester: Pauline Freud (1864 – 1942)
Adolfine Freud (1862 – 1943)
Anna Freud (1895-1982)
Wiesner, Julius
Geboren am 20.1.1838 in Tschechen bei Wischau (Čechyně), Tschechische Republik
Gestorben am 9.10.1916 in Wien
Österreichischer Botaniker, 1873 bis 1909 ordentlicher Professor für Anatomie und Physiologie der Pflanzen an der Universität Wien. Prüfer von Sigmund Freud in Botanik (siehe 1903-191F:2, Meine individuelle Traumcharakteristik (Typische Träume).Claus, Carl Friedrich Wilhelm
Geboren am 2. 1. 1835 in Kassel, Hessen, Deutschland
Gestorben am 18. 1. 1899 in Wien
Zoologe, vergleichender Anatom, gilt als Schöpfer der wissenschaftlichen Zoologie Österreichs. Lehrte an der Universität Wien, war Prüfer von Sigmund Freud in Zoologie (siehe 1903-1010F:2) und Leiter der Österreichischen Station für Meeresbiologie in Triest, wo Freud als Student arbeitete und publizierte.
Editorsicher Hinweis:
Auf einer Fotokopie einer Transkription fand sich folgender Hinweis:
Dokument auctiones at Christie‘s, London, 1990. Copies
at Library of Congress, Sigmund Freud Copyrights and Freud Museum.
Draft Transcription: Freud Museum 1990 (Michale Molnar & Anthony Stadler).