"Ein Kind wird geschlagen"1919-002/1919.01
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    „Ein Kind wird geschlagen“ I.
    Die Phantasievorstellung: „ein Kind wird geschlagen“
    wird mit überraschender Häufigkeit von Personen
    eingestanden, die wegen einer Hysterie oder einer
    Zwangsneurose die analytische Behandlung aufge--
    sucht haben. Es ist recht wahrscheinlich daß sie noch
    öfter bei anderen vorkommt, die nicht durch
    manifeste Erkrankung zu diesem Entschluß genötigt
    worden sind.
        An diese Phantasie sind Lustgefühle geknüpft, wegen
    welcher sie ungezählte Male reproduziert worden
    ist oder noch immer reproduziert wird. Auf der
    Höhe der vorgestellten Situation setzt sich fast
    regelmäßig eine onanistische Befriedigung (an den
    Genitalien also) durch, anfangs mit Willen der
    Person, aber ebenso späterhin mit Zwangscharakter
    gegen ihr Widerstreben.
        Das Eingeständnis dieser Phantasie erfolgt nur zögernd,
    die Erinnerung an ihr erstes Auftreten ist unsicher,
    der analytischen Behandlung des Gegenstandes tritt
    ein unzweideutiger Widerstand entgegen, Schämen
    und Schuldbewußtsein regen sich hiebei vielleicht
    kräftiger als bei ähnlichen Mitteilungen über die
    erinnerten Anfänge des Sexuallebens.
        Es läßt sich endlich feststellen, daß die ersten Phan--
    tasien dieser Art sehr frühzeitig gepflegt worden
    sind, gewiß vor dem Schulbesuch schon im fünften
    und sechsten Jahr. Wenn das Kind in der Schule mitan--
    gesehen hat, wie andere Kinder vom Lehrer geschlagen
    wurden, so hat dies Erleben die Phantasien wieder
    hervorgerufen, wenn sie eingeschlafen waren, hat sie
    verstärkt, wenn sie noch bestanden und ihren Inhalt
    in merklicher Weise modifiziert. Es wurden von da an
    „unbestimmt viele“ Kinder geschlagen. Der Einfluß der
    Schule war so deutlich, daß die betreffenden Patienten
    zunächst versucht waren, ihre Schlagephantasien aus--
    schließlich auf diese Eindrücke der Schulzeit, nach
    dem 6ten Jahr zurückzuführen. Allein dies ließ
    sich niemals halten; sie waren schon vorher vorhan--
    den gewesen.
        Hörte das Schlagen der Kinder in höheren Schulklassen
    auf, so wurde dessen Einfluß durch die Einwirkung
    der bald zu Bedeutung kommenden Lektüre
    mehr als nur ersetzt. In dem Milieu meiner
    Patienten waren es fast immer die nämlichen,
    der Jugend zugänglichen Bücher, aus deren Inhalt

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    sich die Schlagephantasie neue Anregungen holten: die
    sogenannte Bibliothèque rose, Onkel Tom's Hütte
    u dgl. Im Wetteifer mit diesen Dichtungen begann
    die eigene Phantasietätigkeit des Kindes, einen
    Reichtum von Situationen und Institutionen zu
    erfinden, in denen Kinder wegen ihrer Schlimmheit
    und ihrer Unarten geschlagen oder in anderer
    Weise bestraft und gezüchtigt werden.
        Da die Phantasievorstellung ein Kind wird geschlagen,
    regelmäßig mit hoher Lust besetzt war und in einen
    Akt lustvoller autoerotischer Befriedigung
    auslief, könnte man erwarten, daß auch das
    Zuschauen, wie ein anderes Kind in der Schule
    geschlagen wurde, eine Quelle ähnliches Genusses
    gewesen sei. Allein dies war nie der Fall.
    Das Miterleben realer Schlageszenen in der
    Schule rief beim zuschauenden Kinde ein
    eigentümlich aufgeregtes, wahrscheinlich gemischtes
    Gefühl hervor, an dem die Ablehnung einen
    großen Anteil hatte. In einigen Fällen wurde
    das reale Erleben der Schlageszenen als uner--
    träglich empfunden. Übrigens wurde auch in den
    raffinierten Phantasien späterer Jahre an der
    Bedingung festgehalten, daß den gezüchtigten
    Kindern nicht kein ernsthafter Schaden zuge--
    fügt werde.
        Man mußte die Frage aufwerfen, welche Beziehung
    zwischen der Rolle Bedeutung der Schlagephantasien und der
    Bedeutung Rolle bestehen möge, die körperliche Züchti--
    gungen in der häuslichen Erziehung des Kindes gespielt
    hätten. Die nächstliegende Vermutung es werde
    sich hiebei eine umgekehrte Relation ergeben,
    ließ sich infolge der Einseitigkeit des Materials
    nicht erweisen. Die Personen, die den St den
    Stoff für diese Analysen hergaben, waren in
    ihrer Kindheit sehr selten geschlagen worden
    jedenfalls nicht mit Hilfe von Prügeln erzogen
    worden. Jedes dieser Kinder hatte natürlich doch
    irgend einmal die überlegene Körperkraft und
    Erziehung oder Erzieher zu spüren bekommen, daß es
    an Schlägereien zwischen den Kindern selbst
    in keiner Kinderstube gefehlt, bedarf keiner
    ausdrücklichen Hervorhebung.

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        Bei jenen frühzeitigen und simplen Phantasien die nicht
    offenkundig auf den Einfluß von Schuleindrücken oder
    Szenen aus der Lektüre hinwiesen, wollte die
    Forschung gern mehr erfahren. Wer war das geschlagene
    Kind? Das phantasierende selbst oder ein fremdes?
    War es immer dasselbe Kind oder beliebig oft ein
    anderes? Wer war es, der das Kind schlug? Ein
    Erwachsener? Und wer dann? Oder phantasierte das
    Kind, daß es selbst ein anderes schlüge? Auf
    alle diese Fragen kam keine aufklärende Aus--
    kunft, immer nur die eine scheue Antwort: Ich weiß
    nichts mehr darüber: ein Kind wird geschlagen.
        Erkundigungen nach dem Geschlecht des geschlagenen Kindes
    hatten mehr Erfolg, brachten aber auch kein Verständnis.
    Manchmal wurde geantwortet: Immer nur Buben, oder:
    Nur Mädel; öfter hieß es: Das weiß ich nicht, oder: das
    ist gleichgiltig. Das, worauf es dem Fragenden ankam,
    eine konstante Beziehung zwischen dem Geschlecht
    des phantasierenden und dem des geschlagenen Kindes
    stellte sich niemals heraus. Gelegentlich einmal kam
    noch ein charakteristisches Detail aus dem Inhalt
    der Phantasie heraus: Das kleine Kind wird auf den
    nackten Popo geschlagen.
        Unter diesen Umständen konnte man vorerst
    nicht einmal entscheiden, ob die an der Schlage--
    phantasie haftende Lust als eine sadistische oder
    als eine masochistische zu bezeichnen sei.

    II.

        Die Auffassung einer solchen, im frühen Kindesalter
    vielleicht bei zufälligen Anlässen auftauchenden und
    zur autoerotischen Befriedigung festgehaltenen
    Phantasie kann nach unseren bisherigen Einsichten
    nur lauten, daß es sich hiebei um einen primären
    Zug von Perversion handle. Eine der Komponenten
    der Sexualfunktion sei den anderen in der Entwick--
    lung vorangeeilt, habe sich vorzeitig selbständig
    gemacht, sich fixiert und dadurch den späteren Ent--
    wicklungsvorgängen entzogen, damit aber ein
    Zeugnis für eine besondere, anomale Konstitution
    der Person gegeben. Wir wissen, daß eine solche
    infantile Perversion nicht fürs Leben zu ver--
    bleiben braucht; sie kann noch später der Ver--
    drängung verfallen, durch eine Reaktionsbildung
    ersetzt oder durch eine Sublimierung umgewandelt
    werden. (Vielleicht ist es aber so, daß die Sublimierung