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„Ein Kind wird geschlagen“ I.
Die Phantasievorstellung: „ein Kind wird geschlagen“
wird mit überraschender Häufigkeit von Personen
eingestanden, die wegen einer Hysterie oder einer
Zwangsneurose die analytische Behandlung aufge--
sucht haben. Es ist recht wahrscheinlich daß sie noch
öfter bei anderen vorkommt, die nicht durch
manifeste Erkrankung zu diesem Entschluß genötigt
worden sind.
An diese Phantasie sind Lustgefühle geknüpft, wegen
welcher sie ungezählte Male reproduziert worden
ist oder noch immer reproduziert wird. Auf der
Höhe dervorgestelltenSituation setzt sich fast
regelmäßig eine onanistische Befriedigung (an den
Genitalien also) durch, anfangs mit Willen der
Person, aber ebenso späterhin mit Zwangscharakter
gegen ihr Widerstreben.
Das Eingeständnis dieser Phantasie erfolgt nur zögernd,
die Erinnerung an ihr erstes Auftreten ist unsicher,
der analytischen Behandlung des Gegenstandes tritt
ein unzweideutiger Widerstand entgegen, Schämen
und Schuldbewußtsein regen sich hiebei vielleicht
kräftiger als bei ähnlichen Mitteilungen über die
erinnerten Anfänge des Sexuallebens.
Es läßt sich endlich feststellen, daß die ersten Phan--
tasien dieser Art sehr frühzeitig gepflegt worden
sind, gewiß vor dem Schulbesuch schon im fünften
und sechsten Jahr. Wenn das Kind in der Schule mitan--
gesehen hat, wie andere Kinder vom Lehrer geschlagen
wurden, so hat dies Erleben die Phantasien wieder
hervorgerufen, wenn sie eingeschlafen waren, hat sie
verstärkt, wenn sie noch bestanden und ihren Inhalt
in merklicher Weise modifiziert. Es wurden von da an
„unbestimmt viele“ Kinder geschlagen. Der Einfluß der
Schule war so deutlich, daß die betreffenden Patienten
zunächst versucht waren, ihre Schlagephantasien aus--
schließlich auf diese Eindrücke der Schulzeit, nach
dem 6ten Jahr zurückzuführen. Allein dies ließ
sich niemals halten; sie waren schon vorher vorhan--
den gewesen.
Hörte das Schlagen der Kinder in höheren Schulklassen
auf, so wurde dessen Einfluß durch die Einwirkung
der bald zu Bedeutung kommenden Lektüre
mehr als nur ersetzt. In dem Milieu meiner
Patienten waren es fast immer die nämlichen,
der Jugend zugänglichen Bücher, aus deren InhaltS.
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sich die Schlagephantasie neue Anregungen holten: die
sogenannte Bibliothèque rose, Onkel Tom's Hütte
u dgl. Im Wetteifer mit diesen Dichtungen begann
die eigene Phantasietätigkeit des Kindes, einen
Reichtum von Situationen und Institutionen zu
erfinden, in denen Kinder wegen ihrer Schlimmheit
und ihrer Unarten geschlagen oder in anderer
Weise bestraft und gezüchtigt werden.
Da die Phantasievorstellung ein Kind wird geschlagen,
regelmäßig mit hoher Lust besetzt war und in einen
Akt lustvoller autoerotischer Befriedigung
auslief, könnte man erwarten, daß auch das
Zuschauen, wie ein anderes Kind in der Schule
geschlagen wurde, eine Quelle ähnliches Genusses
gewesen sei. Allein dies war nie der Fall.
Das Miterleben realer Schlageszenen in der
Schule rief beim zuschauenden Kinde ein
eigentümlich aufgeregtes, wahrscheinlich gemischtes
Gefühl hervor, an dem die Ablehnung einen
großen Anteil hatte. In einigen Fällen wurde
das reale Erleben der Schlageszenen als uner--
träglich empfunden. Übrigens wurde auch in den
raffinierten Phantasien späterer Jahre an der
Bedingung festgehalten, daß den gezüchtigten
Kindern nicht kein ernsthafter Schaden zuge--
fügt werde.
Man mußte die Frage aufwerfen, welche Beziehung
zwischen derRolleBedeutung der Schlagephantasien und derBedeutungRolle bestehen möge, die körperliche Züchti--
gungen in der häuslichen Erziehung des Kindes gespielt
hätten. Die nächstliegende Vermutung es werde
sich hiebei eine umgekehrte Relation ergeben,
ließ sich infolge der Einseitigkeit des Materials
nicht erweisen. Die Personen, die denStden
Stoff für diese Analysen hergaben, waren in
ihrer Kindheit sehr selten geschlagen worden
jedenfalls nicht mit Hilfe von Prügeln erzogen
worden. Jedes dieser Kinder hatte natürlich doch
irgend einmal die überlegene Körperkraft undErziehung oderErzieher zu spüren bekommen, daß es
an Schlägereien zwischen den Kindern selbst
in keiner Kinderstube gefehlt, bedarf keiner
ausdrücklichen Hervorhebung.S.
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Bei jenen frühzeitigen und simplen Phantasien die nicht
offenkundig auf den Einfluß von Schuleindrücken oder
Szenen aus der Lektüre hinwiesen, wollte die
Forschung gern mehr erfahren. Wer war das geschlagene
Kind? Das phantasierende selbst oder ein fremdes?
War es immer dasselbe Kind oder beliebig oft ein
anderes? Wer war es, der das Kind schlug? Ein
Erwachsener? Und wer dann? Oder phantasierte das
Kind, daß es selbst ein anderes schlüge? Auf
alle diese Fragen kam keine aufklärende Aus--
kunft, immer nur die eine scheue Antwort: Ich weiß
nichts mehr darüber: ein Kind wird geschlagen.
Erkundigungen nach dem Geschlecht des geschlagenen Kindes
hatten mehr Erfolg, brachten aber auch kein Verständnis.
Manchmal wurde geantwortet: Immer nur Buben, oder:
Nur Mädel; öfter hieß es: Das weiß ich nicht, oder: das
ist gleichgiltig. Das, worauf es dem Fragenden ankam,
eine konstante Beziehung zwischen dem Geschlecht
des phantasierenden und dem des geschlagenen Kindes
stellte sich niemals heraus. Gelegentlich einmal kam
noch ein charakteristisches Detail aus dem Inhalt
der Phantasie heraus: Das kleine Kind wird auf den
nackten Popo geschlagen.
Unter diesen Umständen konnte man vorerst
nicht einmal entscheiden, ob die an der Schlage--
phantasie haftende Lust als eine sadistische oder
als eine masochistische zu bezeichnen sei.II.
Die Auffassung einer solchen, im frühen Kindesalter
vielleicht bei zufälligen Anlässen auftauchenden und
zur autoerotischen Befriedigung festgehaltenen
Phantasie kann nach unseren bisherigen Einsichten
nur lauten, daß es sich hiebei um einen primären
Zug von Perversion handle. Eine der Komponenten
der Sexualfunktion sei den anderen in der Entwick--
lung vorangeeilt, habe sich vorzeitig selbständig
gemacht, sich fixiert und dadurch den späteren Ent--
wicklungsvorgängen entzogen, damit aber ein
Zeugnis für eine besondere, anomale Konstitution
der Person gegeben. Wir wissen, daß eine solche
infantile Perversion nicht fürs Leben zu ver--
bleiben braucht; sie kann noch später der Ver--
drängung verfallen, durch eine Reaktionsbildung
ersetzt oder durch eine Sublimierung umgewandelt
werden. (Vielleicht ist es aber so, daß die Sublimierung
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"Ein Kind wird geschlagen"1919-002/1919.01