S.
[1]
Hemmung, Symptom und Angst.
von
Sigm. FreudI
Unser Sprachgebrauch läßt uns in der Beschreib-
ung pathologischer Phänomene Symptome
und Hemmungen unterscheiden, aber er legt
dieserm Unterschied nicht viel Wert bei. Kämen
uns nicht Krankheitsfälle vor, von denen
wir aussagen müßen, daß sie nur Hem̄ungen
und keine Symptome zeigen, und wollten wir nicht wissen, was dafür
die Bedingung ist, so brächten
wir kaum das Interesse auf,
die Begriffe Hemmung und Symptom gegen
einander abzugrenzen.Die beiden sind nicht auf dem nämlichen Boden
erwachsen. Hemmung hat eine besondere Beziehung
zur Funktion und bedeutet nicht notwendig
etwas Pathologisches, man kann auch eine normale
Einschränkung einer Funktion eine Hemmung
derselbenheißennennen. Symptom hingegen heißt soviel
wieanAnzeichen eines krankhaften Vorgangs. Es
kann also auch eine Hemmung ein Symptom
sein. Der Sprachgebrauch verfährt dann so, daß
er von Hemmung spricht, wo eine einfache
Herabsetzung der Funktion vorliegt, von
Symptom, wo es sich um eine ungewöhnliche
Abänderung derselben oder um eine neue
Leistung handelt. In vielen Fällen scheint es der
Willkür überlassen, ob man die positive
oder die negative Seite des pathologischen
Vorgangs betonen, seinen Erfolg als
Symptom oder als Hemmung bezeichnen
will. Das alles ist wirklich nicht interessant
und die Fragestellung, von der wir aus-
gingen, erweist sich als wenig fruchtbar.Da die Hemmung begrifflich so innig an die
Funktion geknüpft ist, kann man auf die Idee
kommen, die verschiedenen Ichfunktionen
daraufhin zu untersuchen, in welchen Formen
sich deren Störung bei den einzelnen neur-
otischen Affektionen äußert. Wir wählen für
diese vergleichende Studie: die Sexualfunktion,
das Eßen, die Lokomotion und die Berufs-
arbeit.a) Die Sexualfunktion unterliegt sehr mannig-
faltigen Störungen, von denen die meisten
den Charakter einfacher Hem̄ungen zeigen.
Diese werden als psychische Impotenz zusam̄en-
gefaßt. Das Zustandekom̄en der normalen
Sexualleistung setzt einen sehr komplizirten
Ablauf voraus, die Störung kann an jeder
Stelle desselben eingreifen. Die Hauptstat-
ionen der Hem̄ung sind beim Manne: die Ab-
wendung der Libido zur Einleitung des Vorgangs,S.
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(psychische Unlust), das Ausbleiben der physischen Vorbereit-
ung (Erektionslosigkeit), die Abkürzung des Aktes
(Ejaculatio praecox, die ebensowol als positives
Symptom beschrieben werden kann), die Auf-
haltung desselben vor dem natürlichen Ausgang
(Ejakulationsmangel), das Nichtzustandekom̄en
des psychischen Effekts (derLustempfindungBe
des Orgasmus). Andere Störungen erfolgen
durch die Verknüpfung der Funktion mit
besonderen Bedingungen, perverser oder
fetischistischer Natur.Eine Beziehung der Hemmung zur Angst kann
uns nicht lange entgehen. Manche Hem̄ungen
sind offenbar Verzichte auf Funktion, weil
bei deren Ausübung Angst entwickelt
werden würde. Direkte Angst vor der
Sexualfunktion ist beim Weibe häufig; wir ordnen
sie der Hysterie zu, ebenso das Abwehrsymptom
des Ekels, das sich ursprünglich als nachträgliche
Reaktion auf den passiv erlebten Sexual-akt einstellt, später bei der Vor-eint¿
stellung desselben auftritt. Auch eine große
Anzal von Zwangshandlungen erweisen
sich als Vorsichten und Versicherungen
gegen sexuelles Erleben, sind also phobischer
Natur.Man kommt da im Verständnis nicht sehrb).
weit; man merkt nur,die Sexualfunktion
daß sehr verschiedene Verfahren verwendet
werden, um die Funktion zu stören: 1) die
bloße Abwendung der Libido, die am ehesten
zu ergeben scheint, was wir eine reine Hem̄ung
heißen, 2) die Verschlechterung in der Ausführung
der Funktion, 3) die Erschwerung derselben
durch besondere Bedingungen und ihre Modifik-
ation durch Ablenkung auf andere Ziele, 4) ihre
Vorbeugungdurch Angstentwicklung oder
durch Sicherungsmaßregeln, 5) ihre Unterbrechung
durch Angstentwicklung, sowie sich ihr Ansatz
nicht mehr verhindern läßt, endlich 6) eine
nachträgliche Reaktion, die dagegenprotestirt¿¿
und das Geschehene rückgängig machen will,
wenn die Funktion doch durchgeführt wurde.b) Die häufigste Störung der Nahrungsfunktion ist
die Eßunlust durch Abziehung der Libido. Auch Steiger-
ungen der Eßlust sind nicht selten; ein Eßzwang
motivirt sich durch Angst vor dem Verhungern,
ist wenig untersucht. Als hysterische Abwehr des
Eßens kennen wir das Symptom des Erbrechens.
Die Nahrungsverweigerung infolge von Angst
gehört psychotischen Zuständen an (Vergiftungswahn).c) Die Lokomotion wird bei manchen neurotischen
Zuständen durch Gehunlust und Gehschwäche gehem̄t,
die hysterische Behinderung bedient sich der
motorischen Lähmung des BewegungsapparatesS.
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oder schafft eine spezialisierte Aufhebung dieser einen
Funktion desselben (Abasie). Besonders charakter-
istisch sind die Erschwerungen der Lokomotion
durch Einschaltung bestim̄ter Bedingungen, bei
deren Nichterfüllung Angst auftritt (Phobie).d)
Die Arbeitshem̄ung, die so oft als isolirtesArb
Symptom Gegenstand der Behandlung wird,
zeigt uns verminderte Lust oder schlechtere Aus-
führung oder Reaktionserscheinungen wie
Müdigkeit (Schwindel, Erbrechen), wenn die Fort-
setzung der Arbeit erzwungen :9 wird. Die Hysterie
erzwingt die Einstellung der Arbeit durch
Erzeugung von Organ‑ und Funktionslähm-
ungen, deren Bestand mit der Ausführung
der Arbeit unvereinbar ist. Die Zwangs-
neurose stört die Arbeit durch fortgesetzte
Ablenkung und durch den Zeitverlust bei
eingeschobenen Verweilungen und Wieder-
holungen.Wir könnten diese Übersicht noch auf andere
Funktionen ausdehnen, aber wir dürfen nicht
erwarten, dabei mehr zu erreichen. Wir kämen
nicht über die Oberfläche der Erscheinungen
hinaus. Entschließen wir uns darum zu einer
Auffassung, die dem Begriff der Hemmung
nicht mehr viel Rätselhaftes beläßt. Die Hem̄-
ung ist der Ausdruck einer Funktionseinschränk-
ung des Ichs, die selbst sehr verschiedene Ursachen
haben kann. Manche der Mechanismen dieses
Verzichts auf Funktion und eine allgemeine
Tendenz desselben sind uns wolbekannt.An den spezialisirten Hemmungen ist die
Tendenz leichter zu erkennen. Wenn das
Klavierspielen, Schreiben und selbst das Gehen
neurotischen Hem̄ungen unterliegen, so zeigt
uns die Analyse den Grund hiefür in einer
überstarken Erotisierung der bei diesen
Funktionen in Anspruch genom̄enen Organe
der Finger und der Füße. Wir haben ganz
allgemein die Einsicht gewonnen, daß die
Ichfunktion eines Organs geschädigt wird,
wenn seine Erogenität, seine sexuelle Bedeut-
ung, zunim̄t. Es benim̄t sich dann, wenn man
den einigermaßen skurrilen Vergleich wagen
darf, wie eine Köchin, die nicht mehr am Herd
arbeiten will, weil der Herr des Hauses
Liebesbeziehungen zu ihr angeknüpft hat. Wenn
das Schreiben, das darin besteht, aus einem Rohr
Flüssigkeit auf ein Stück weißes Papier fließen
zu lassen, die symbolische Bedeutung des
Koitus angenom̄en hat, oder wenn das Gehen
zum symbolischen Ersatz des Stampfens auf
dem Leib der Mutter Erde geworden ist,
dann wird beides Schreiben und Gehen unter-
lassen, weil es so ist, als ob man die verboteneS.
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sexuelle Handlung ausführen würde. Das Ich verzichtet
auf diese ihm zustehenden Funktionen, um nicht
eine neuerliche Verdrängung vornehmen zu müßen,
um einem Konflikt mit dem Es auszuweichen.Andere Hem̄ungen erfolgen offenbar im
Dienste der Selbstbestrafung, wie nicht selten die
der beruflichen Tätigkeiten. Das Ich darf diese
Dinge nicht thun, weil sie ihm Nutzen und Erfolg
bringen würden, was das gestrenge Überich
versagt hat. Dann verzichtet das Ich auch auf
diese Leistungen, um nicht in Konflikt mit
dem Überich zu geraten.Die allgemeineren Hem̄ungen des Ichs folgen einem
einfachen anderen Mechanismus. Wenn das
Ich durch eine psychische Aufgabe von besonderer
Schwere in Anspruch genom̄en ist wie zB
durch eine Trauer, eine großartige
Affektunterdrückung, durch die Nötigung
beständig aufsteigende sexuelle Phantasien
niederzuhalten, dann verarmt es so sehr
an der ihm verfügbaren Energie, daß
es seinenLeistungAufwand an vielen Stellen zugleich ein-
schränken muß wie ein Spekulant, der
seine Gelder in seinen Unternehmungen
immobilisirt hat. Ein lehrreiches Beispiel einer
solchen intensiven Allgemeinhem̄ung von
kurzer Dauer konnte ich an einem
Zwangskranken beobachten, der in eine
lähmende Müdigkeit von ein‑ bis mehr-
tägiger Dauer bei Anlässen verfiel, die
offenbar einen Wutausbruch hätten herbei-
führen sollen. Von hier aus muß auch ein
Weg zum Verständnis der Allgemeinhem-
mung zu finden sein, durch die sich die
Depressionszustände und der schwerste derselben,
die Melancholie, kennzeichnen.Man kann also abschließend über die Hem̄ungen
sagen, sie seien Einschränkungen der
Ichfunktionen, entweder aus Vorsicht
oder infolge von Energieverarmung. Es
ist nun leicht zu erkennen, worin sich die Hem-
mung vom Symbolptom unterscheidet. Das Symptom
kann nicht mehr als ein Vorgang in oder
am Ich beschrieben werden.II
Die Grundzüge der Symptombildung sind
längst studiert und in hoffentlich unanfecht-
barer Weise ausgesprochen worden. Das
Symptom sei Anzeichen und Ersatz einer
unterbliebenen Triebbefriedigung, ein Erfolg
des Verdrängungsvorganges. Die Verdräng-
ung geht vom Ich aus, das, eventuell im
Auftrage des Überichs, eine im Es angeregte
Triebbesetzung nicht mitmachen will. Das IchS.
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erreicht durch die Verdrängung, daß die Vorstellung,
welche der Träger der unliebsamen Regung war,
vom Bewußtwerden abgehalten wird. Die
Analyse weist nach daß sie als unbewußte Formation
erhalten geblieben ist. So weit wäre es klar,
aber bald beginnen die unerledigten Schwierig-
keiten.Unsere bisherigen Beschreibungen des Vorgangs
bei der Verdrängung haben den Erfolg
der Abhaltung vom Bewußtsein nachdrück-
lich betont, aber in anderen Punkten
Zweifel offen gelassen. Es entsteht die Frage,
was ist das Schicksal der im Es aktivirten
Triebregung, dienachauf Befriedigung abzielt?
Die Antwort war eine indirekte, sie lautete,
durch den Vorgang der Verdrängung werde die
zu erwartende Befriedigungslust in Unlust
verwandelt, und dann stand man vor dem
Problem, wie Unlust das Ergebnis einer Trieb-
befriedigung sein könne. Wir hoffen den
Sachverhalt zu klären, wenn wir die bestim̄te
Aussage machen, der im Es beabsichtigte Erreg-
ungsablauf komme infolge der Verdrängung
überhaupt nicht zustande, es gelingt dem Ich,
ihn zu inhibiren oder abzulenken. Dann
entfällt das Rätsel der „Affektverwandlung“
bei der Verdrängung. Wir haben aber
damit dem Ich das Zugeständnis gemacht, daß
es einen so weitgehenden Einfluß auf
die Vorgänge im Es äußern kann und
sollen verstehen lernen, auf welchem Wege
ihm diese überraschende Machtentfaltung
möglich wird.Ich glaube, dieser Einfluß fällt dem Ich zu infolge
seinerderinnigen Beziehungen zum Wahrnehmungs-
system, die ja sein Wesen ausmachen und der
Grund seiner Differenzierung vom Es geworden
sind. Die Funktion dieses Systems, das wir W‑Bw
genannt haben, ist mit dem Phänomen des Be-
wußtseins verbunden; es empfängt Erregungen
nicht nur von außen, sondern auch von in̄en
her und mittels der Lust‑Unlustempfindungen,
die es von daher erreichen,lenktversucht es, alle
Abläufe des seelischen Geschehens im Sinne des
Lustprinzips zu lenken. Wir stellen uns das
Ich so gerne als ohnmächtig gegen das Es vor,
aber wenn es sich gegen einen Triebvor-
gang im Es sträubt, so braucht es blos
ein Unlustsignal zu geben, um seine
Absicht durch die Hilfe der beinahe all-
mächtigen Instanz des Lustprinzips zu
erreichen. Wenn wir diese Situation für
einen Augenblick isolirt betrachten, können
wir sie durch ein Beispiel aus einer anderenS.
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Sphäre
isolirillustriren. In einem Staate wehre
sich eine gewisse Clique gegen eine Maß-
regel, deren Beschluß den Neigungen der Maße
entsprechen würde. Diese Minderzal bemächtigt
sich dann der Presse bearbeitet durch sie
die souvereine „öffentliche Meinung“ und
setzt es so durch, daß der geplante Beschluß
unterbleibt.An die eine Beantwortung knüpfen weitere
Fragestellungen an. Woher rührt die Energie,
die zur Erzeugung des Unlustsignals ver-
wendet wird? Hier weist uns die Idee den
Weg, daß die Abwehr eines unerwünschten
Vorganges im Inneren nach dem Muster
der Abwehr gegen einen äußeren Reiz
geschehen durfte, daß das Ich den gleichen Weg
der Verteidigung gegen die innere wie
gegen die äußere Gefahr einschlägt. Bei äußerer
Gefahr unternim̄t das organische Wesen
einen Fluchtversuch, es zieht zunächst die
Besetzung von der Wahrnehmung des
Gefährlichen ab; später erkennt es als das
wirksamere Mittel, solche Muskelaktionen
vorzunehmen, daß die Wahrnehmung der
Gefahr, auch wenn man sie nicht verhindertweigert,
unmöglich wird, also sich dem Wirkungsbe-
reich der Gefahr zu entziehen. Einem solchen
Fluchtversuch gleichwertig ist auch die Verdräng-
ung. Das Ich zieht die (vorbewußte) Besetzung
von der zu verdrängenden Triebreprae-
sentanz ab und verwendet sie für die
Unlust‑(Angst‑)Entbindung. Das Problem, wie bei der
Verdrängung die Angst entsteht, mag kein
einfaches sein; im̄erhin hat man das Recht
an der Idee festzuhalten, daß das Ich die
eigentliche Angststätte ist, und die frühere
Auffassung zurückzuweisen, die Besetzungs-
energie der verdrängten Regung werdein
automatisch in Angst verwandelt. Wenn ich mich früher
einmal so geäußert habe, so gab ich eine phänom-
enologische Beschreibung, nicht eine metapsycholog-
ische Darstellung.Aus dem Gesagten leitet sich die neue Frage ab,
wie es ökonomisch möglich ist, daß ein bloßer
Abziehungs‑ und Abfuhrvorgang wie beimZurRückzug der vorbewußten Ichbesetzung
Unlust oder Angst erzeugen könne, die nach
unseren Voraussetzungen nur Folge gesteig-
erter Besetzung sein kann. Ich antworte,
diese Verursachung soll nichtoekonomisch
erklärt werden, die Angst wird bei der
Verdrängung nicht neu erzeugt, sondern
als Affektzustand nach einem vorhandenenS.
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Erinnerungsbild reproduzirt. Mit der weiteren Frage
nach der Herkunft dieser Angst – wie der Affekte
überhaupt – verlassen wir aber den unbestritten
psychologischen Boden und betreten das Grenzgebiet
der Physiologie. Die Affektzustände sind dem Seel-
enleben als Niederschläge uralter traumatischer
Erlebniße einverleibt und werden in ähnlichen
Situationen wie Erinnerungssymbole wachgerufen.
Ich meine, ich hatte nicht Unrecht, sie den spät und
individuell erworbenen hysterischen Anfällen
gleichzusetzen und als deren Normalvorbilder
zu betrachten. Beim Menschen und ihm verwandten
Geschöpfen scheint der Geburtsakt als das erste indiv-
uelle Angsterlebnis dem Ausdruck des Angstaffekts
charakteristische Züge geliehen zu haben. Wir sollen
aber diesen Zusam̄enhang nicht überschätzen
und in seiner Anerken̄ung nicht übersehen,
daß ein Affektsymbol für die Situation der
Gefahr eine biologische Notwendigkeit ist und
auf jeden Fall geschaffen worden wäre. Ich
halte es auch für unberechtigt anzunehmen
daß bei jedem Angstausbruch etwas im Seelen-
leben vor sich geht, was einer Reproduktion
der Geburtssituation gleichkom̄t. Es ist nicht einmal
sicher, ob die hysterischen Anfälle, die ursprüng-
lich solche traumatische Reproduktionen sind, diesen Charakter
dauernd bewahren.Ich habe an anderer Stelle ausgeführt, daß die meisten
Verdrängungen, mit denen wir bei der therapeut-
ischen Arbeit zu thun bekom̄en, Fälle von Nach-
drängen sind. Sie setzen früher erfolgte Urverdräng-
ungen voraus, die auf die neuere Situation ihren
anziehenden Einfluß ausüben. Von diesen Hinter-
gründen und Vorstufen der Verdrängung ist
noch viel zu wenig bekannt. Man kommt
leicht in Gefahr, die Rolle des Überichs bei
der Verdrängung zu überschätzen. Man kann es
derzeit nicht beurteilen, ob etwa das Auftreten
des Überichs die Abgrenzung zwischen Urver-
drängung und Nachdrängen schafft. Die ersten
– sehr intensiven – Angstausbrüche erfolgen jeden-
falls vor der Differenzierung des Überichs.
Es ist durchaus plausibel, daß quantitative Momente
wie die übergroße Stärke der Erregung
und der Durchbruch des Reizschutzes die nächsten
Anläße der Urverdrängungen sind.Die Erwähnung des Reizschutzes mahnt uns wie ein
Stichwort, daß die Verdrängungen in zwei
unterschiedenen Situationen auftreten, näm-
lich wenn eine unliebsame Triebregung
durch eine äußere Wahrnehmung wachgerufen
wird, und wenn sie ohne solche Provokation
im Inneren auftaucht. Wir werden später
auf diese Verschiedenheit zurückkommen.S.
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Reizschutz gibt es aber nur gegen äußere Reize, nicht
gegen innere Triebansprüche.Solange wir den Fluchtversuch des Ichs studiren,
bleiben wir der Symptombildung ferne. Das
Symptom entsteht aus der durch die Verdräng-
ung beeinträchtigten Triebregung. Wennderdas Ich durch die Inanspruchnahme des Unlust-
signals seine Absicht erreicht, die Trieb-
regung völlig zu unterdrücken, erfahren
wir nichts darüber, wie das geschieht. Wir
lernen nur aus den Fällen, die als mehr
oder minder misglückte Verdrängungen zu
bezeichnen sind.Dann stellt es sich im Allgemeinen so dar, daß
die Triebregung zwar trotz der Verdrängung
einen Ersatz gefunden hat, aber einen
stark verküm̄erten, verschobenen, gehem̄ten.
Er ist auch als Befriedigung nicht mehr kenntlich.
Wenn er vollzogen wird, kom̄t keine Lust-
empfindung zu Stande, dafür hat dieser
Vollzug den Charakter des Zwanges an-
genom̄en. Aber bei dieser Erniedrigung ders
Befriedigungshandlungablaufes zum Symptom zeigt
die Verdrängung ihre Macht noch in
einem anderen Punkte. Der Ersatzvor-
gang wird wo möglich, vomn der Abfuhr durch
die Motilität ferngehalten; auch wo
dies nicht gelingt, muß er sich in der Ver-
änderung des eigenen Körpers erschöpfen
und darf nicht auf die Außenwelt
übergreifen; es wird ihm verwehrt, sich
in Handlung umzusetzen. Wir verstehen,
bei der Verdrängung arbeitet das
Ich unter dem Einfluß der äußeren
Realität und schließt darum den Erfolg
des Ersatzvorganges von dieser Realität
ab.Das Ich beherrscht den Zugang zum Be-
wußtsein wie den Übergang zur Handlung
gegen die Außenwelt; in der Verdräng-
ung betätigt es seine Macht nach beiden
Richtungen; die Triebrepraesentanz be-
kom̄t die eine, die Triebregung selbst
die andere Seite seiner Kraftäußer-
ung zu spüren. Da ist es denn am
Platze, sich zu fragen, wie diese Aner-
kennung der Mächtigkeit des Ichs
mit der Beschreibung zusam̄enkovt, die
wir in der Studie „Das Ich und das
Es“ von der Stellung desselben
Ichs entworfen haben. Wir haben dort
die Abhängigkeit des Ichs vom Es wie
vom Übericch geschildert, seine OhnmachtS.
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und Angstbereitschaft gegen beide, seine
mühsam aufrecht erhaltene Überheblichkeit
entlarvt. DiesesBildUrteil hat seither einen starken
Widerhall in der psychoanalytischen Literatur
gefunden. Zalreiche Stimmen betonen ein-
dringlich die Schwäche des Ichs gegen das Es,
des Rationellen gegen das Daemonische in
uns und schicken sich an, diesen Satz zu einem
Grundpfeiler einer psychoanalytischen „Welt-
anschauung“ zu machen. Sollte nicht die Ein-
sicht in die Wirkungsweise der Verdräng-
ung gerade den Analytiker von so
extremer Parteinahme zurückhalten?Ich bin überhaupt nicht für die Fabrik-
ation von „Weltanschauungen“. Die über-
lasse mangestrostden Philosophen, die
eingestandener Maßen die Lebensreise
ohne einen solchen Baedeker, der über
alles Auskunft giebt, nicht ausführbar finden.
Nehmen wir demütig die Verachtung auf uns,
mit der die Philosophen vom Standpunkt
ihrer höheren Bedürftigkeit auf uns herab-
schauen. Da auch wir unseren narzißtischen
Stolz nicht verleugnen können, wollen
wir unseren Trost in der Erwägungfindensuchen,
daß alle diese „Lebensführer“ rasch veralten,
daß es gerade unsere kurzsichtig beschränkte
Kleinarbeit ist, welche deren Neuauflagen
notwendig macht, und daß selbst die modern-
sten dieser Baedeker Versuche sind, den
alten, so bequemen und so vollständigen
Katechismus zu ersetzen. Wir wissen genau,
wie wenig Licht die Wissenschaft bisher
überaufdie Rätsel dieser Welt verbreiten
konnte; alles Poltern der Philosophen
kann daran nichts ändern, nur geduldige
Fortsetzung der Arbeit, die alles der einen
Forderungdernach Gewißheit unterordnet,
kann langsam Wandel schaffen. Wenn
der Wanderer in der Dunkelheit singt,
verleugnet er seine Ängstlichkeit, aber
er sieht darum um nichts heller.III
Um zum Problem des Ichs zurückzu-
kehren: Der Anschein des Widerspruches kom̄t
daher, daß wir Abstraktionen zu starr
nehmen und aus einem komplizirten
Sachverhalt bald die eine, bald die andere
Seite allein herausgreifen. Die Scheidung
des Ichs vom Es scheint gerechtfertigt, sie wird
uns durch bestim̄te Verhältniße aufgedrängt.S.
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Aber anderseits ist das Ich mit dem Es identisch, nur
ein besonders differenzirter Anteil desselben.
Stellen wir dieses Stück in Gedanken dem
Ganzen gegenüber, oder hat sich ein wirklicher
Zwiespalt zwischen den beiden ergeben,
so wird uns die Schwäche dieses Ichs offenbar.
Bleibt das Ich aber mit dem Es verbunden, von
ihm nicht unterscheidbar, so zeigt sich seine
Stärke.Ähnlich ist dasFür den Fall der
Verhältnis des Ichs zum Überichs. Für viele
Situationen fließen uns die beiden zu-
sammen; meistens können wir sie nur
unterscheiden, wenn sich eine Spannung,
ein Konflikt zwischen ihn hergestellt hat.
Für den Fall der Verdrängung wird die Tat-
sache entscheidend, daß das Ich eine Organisation
ist, das Es aber keine; das Ich ist eben der
organisirte Anteil des Es. Es wäre ganz
ungerechtfertigt, wenn man sich vorstellte, Ich
und Es seien wie zwei verschiedene Heerlager;
durch die Verdrängung suche das Ich ein
Stück des Es zu unterdrücken, nun kom̄e
das übrige Es dem Angegriffenen zu Hilfe
und messe seine Stärke mit der des Ichs.
Das magoft genug zustande kom̄en, aber esauch einmal
ist gewiß nicht die Eingangssituation der Ver-
drängung;in der Regel bleibt dieist de
zu verdrängende Triebregung isolirt.
Hat der Akt der Verdrängung uns die
Stärke des Ichs gezeigt, so legt er doch in einem
auch Zeugnis ab für dessen Ohnmacht und für
die Unbeeinflußbarkeit der einzelnen Trieb-
regung des Es. Denn der Vorgang, der durch
die Verdrängung zum Symptom geworden
ist, behauptet nun seine Existenz außerhalb
der Ichorganisation und unabhängig von ihr.
Und nicht er allein, auch alle seine Abköm̄-
linge genießen das selbe Vorrecht, man möchte
sagen: der Exterritorialität, und wo sie mit
Anteilen der Ichorganisation assoziativ zusam̄en
treffen,wird es fraglich, ob sie diese nichtbleibt
zu sich herüberziehen und sich mit diesem
Gewinn auf Kosten des Ichs ausbreiten
werden. Ein uns längst vertrauter Ver-
gleich betrachtet das Symptom als einen
Fremdkörper, der unaufhörlich Reiz‑ und
Reaktionserscheinungen in dem Gewebe
unterhält, in das er sich eingebettet hat.Der Abwehrkampf des Ichs gegen die unliebsameTriebregung ist darum durch denie Verdräng-ungsakt nicht zu Ende gebracht. zumeistschließt sich an diesen ersten AktS.
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einn langes und qualvolles Nachspiel.Es kommt zwar
vor, daß der Abwehrkampf gegen die unliebsame
Triebregung durch die Symptombildung abgeschloßen
wird; soweit wir sehen, ist dies am ehesten bei
der hysterischen Konversion möglich, aber in
der Regel ist der Verlauf ein anderer;
nach dem ersten Akt der Verdrängung
folgt ein langwieriges oder nie zu beenden-
des Nachspiel, der Kampf gegen die Triebregung
findet seine Fortsetzung in dem Kampf
gegen das Symptom.Dieser sekundäre Abwehrkampf zeigt uns zwei
Gesichter – mit widersprechendem Ausdruck. Einer-
seits wird das Ich durch seine Natur genötigt etwas
zu unternehmen, was wir als Herstellungs‑ oder
Versöhnungsversuch beurteilen müßen. Das Ich
ist eine Organisation, es beruht auf dem freien
Verkehr und der Möglichkeit gegenseitiger
Beeinflußung unter all seinen Bestandteilen,
seine desexualisirte Energie bekundet ihre
Herkunft in dem Streben nach Bindung und
Vereinheitlichung und dieser Zwang zur
Synthese nim̄t immer mehr zu, je kräftiger
sich das Ich entwickelt. So wird es verständlich,
daß das Ich auch versucht, die Fremdheit und
Isolirung des Symptoms aufzuheben, indem
es alle Möglichkeiten ausnützt, es irgendwie
an sich zu binden und durch solche Bande
seiner Organisation einzuverleiben. Wir
wissen, daß ein solches Bestreben bereits
den Akt der Symptombildung beeinflußt.
Ein klassisches Beispiel dafür sind jene hysterischen Symptome,
diederen Naturuns als Kompromiß zwischen
Befriedigungsersatz‑ und Strafbedürfnisvedurchsichtig geworden sind. Als Erfüllungen
einer Forderung des Überichs haben solche
Symptome von vorne herein Anteil am
Ich, während sie anderseits Positionen des
Verdrängten und Einbruchsstellen des-
selben in die Ichorganisation bedeuten;
sie sind sozusagen Grenzstationen mit
gemischter Besetzung. Ob alle primären
hysterischen Symptome so gebaut sind, ver-
diente eine sorgfältige Untersuchung.
Im weiteren Verlaufe benim̄t sich das Ich so,
als ob es von der Erwägung geleitet würde:
das Symptom ist einmal da und kann nicht
beseitigt werden; nun heißt es, sich mit
dieser Situation befreunden und den
größtmöglichen Vorteil aus ihr ziehen. Es
findet eine Anpassung an das ichfremde
Stück der Innenwelt statt, das durchS.
12
das Symptom repraesentirt wird, wie sie das Ich
sonst normaler Weise gegen die reale Außen-
weltzu Stande bringt. An Anläßen hiezu fehlt es nie.leistet
Die Existenz des Symptoms mag eine gewiße Behind-
erung der Leistung mit sich mitbringen, mit der man eine
Anforderung des Überichs beschwichtigen oder
einen Anspruch der Außenwelt zurückweisen
kann. So wird das Symptom allmälich mit
der Vertretung wichtiger Interessen betraut,
es erhält einen Wert für die Selbstbehaupt-
ung, verwächst im̄er inniger mit dem Ich
wirdimmmihm immer unentbehrlicher. Nur in
ganz seltenen Fällen kann der Prozeß der
Einheilung eines Fremdkörpers etwas
ähnliches wiederholen. Man kann die Bedeut-
ung dieser sekundären Anpassung an das
Symptom auch übertreiben, indem manbe-
aussagthauptet, das Ich habe sich das Symptom über-
haupt nur angeschafft, um dessen Vorteile
zu genießen. Das ist dann so richtig oder
so falsch, wie wenn man die Ansicht ver-
tritt, der Kriegsverletzte habe sich das
Bein nur abschießen lassen, um dann
arbeitsfrei von seiner Invalidenrente
zu leben.Andere Symptomgestaltungen, die der Zwangs-
neurose und der Paranoia, bekom̄en einen
hohen Wert für das Ich, nicht weil sie ihm
Vorteile, sondern weil sie ihm eine sonst
entbehrte narzißtische Befriedigung bringen.
Die Systembildungen der Zwangsneurotiker
schmeichelnderihrer Eigenliebe durch die Vorspiegel-
ung, sie seien als besonders reinliche
oder gewissenhafte Menschen besser als
andere; die Wahnbildungen der Paranoia
eröffnen dem Scharfsinn und der Phantasie
dieser Kranken eine GelegeFeld zur Be-
tätigung, das ihnen nicht leicht ersetzt werden
kann. Aus all den erwähnten Beziehungen
resultirt, was uns als der (sekundäre)
Krankheitsgewinn der Neurose bekannt
ist. Er kom̄t dem Bestreben des Ichs, sich das
Symptom einzuverleiben zu Hilfe und ver-
stärkt die Fixirung des letzteren. Wenn wir
dann den Versuch machen, dem Ich in seinem
Kampf gegen das Symptom analytischen Bei-
stand zu leisten, finden wir diese ver-
söhnlichen Bindungen zwischen Ich und
Symptom auf der Seite der Widerstände
wirksam. Es wird uns nicht leicht gemacht, sie
zu lösen. Die beiden Verfahren, die das Ich
gegen das Symptom anwendet, stehen wirk-
lich in Widerspruch zu einander.S.
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Das andere Verfahren hat weniger freund-
lichen Charakter, es setzt die Richtung der
Verdrängung fort. Aber es scheint, daß wir
das Ich nicht mit dem Vorwurf der Inkon-
sequenz belasten dürfen. Das Ich ist fried-
fertig und möchte sich das Symptom einver-
leiben, es in sein Ensemble aufnehmen,
die Störung geht vom Symptom aus, das als
richtiger Ersatz und Abköm̄ling der ver-
drängten Regung deren Rolle weiterspielt,
deren Befriedigungsanspruch immer wieder
erneuert und so das Ich nötigt, wiederum
das Unlustsignal zu geben und sich zur
Wehre zu setzen.Der sekundäre Abwehrkampf gegen das Symptom
ist vielgestaltig, spielt sich auf verschiedenen
Schauplätzen ab und bedient sich mannigfaltiger
Mittel. Wir werden nicht viel über ihn
aussagen können, wenn wir nicht die einzelnen
Fälle der Symptombildung zum Gegenstand
der Untersuchung nehmen. Dabei werden wir
Anlaß finden, auf das Problem der Angst
einzugehen, das wir längst wie im Hintergrunde
lauernd verspüren. Es empfiehlt sich von den
Symptomen, welche die hysterische Neurose
schafft, auszugehen; auf die Voraussetzungen
der Symptombildung bei der Zwangsneurose,
Paranoia und anderen Neurosen sind wir
noch nicht vorbereitet.IV
Der erste Fall, den wir betrachten, sei der einer
infantilen hysterischen Thierphobie, also zB der
gewiß in allen Hauptzügen typische Fall
der Pferdephobie des „Kleinen Hans“.x) Schon
der erste Blick läßt uns erkennen, daß die
Verhältnisse eines realen Falles von neur-
otischer Erkrankung weit komplizirter
sind als unsere Erwartung, solange wir mit
Abstraktionen arbeiten, sich vorstellt. Es
gehört einige Arbeit dazu, sich zu orientiren,
welches die verdrängte Regung, was ihr
Symptomsatz ist, wo das Motiv der Ver-
drängung kenntlich wird.Der kleine Hans weigert sich, auf die Straße
zu gehen, weil er Angst vor dem Pferd
hat. Dies ist der Rohstoff. Was ist nun daran
das Symptom: die Angstentwicklung, die
Wal des Angstobjekts, oder der Verzicht
auf die freie Beweglichkeit, oder mehreres
davon zugleich? Wo ist die Befriedigung,x)Siehe: Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. (Ges.
Schriften, Bd. VIII.)S.
14
die er sich versagt? Warum muß er
sich diese versagen?Es liegt nahe zu antworten, an dem Falle sei nicht
so viel rätselhaft. Die unverständliche Angst
vor dem Pferd ist das Symptom, die Unfähig-
keit, auf die Straße zu gehen ist eine Hem̄-
ungserscheinung, eine Einschränkung die sich
das Ich auferlegt, um nicht das Angstsymptom
zu wecken. Man sieht ohne weiteres die
Richtigkeit der Erklärung des letztenung
Punktes ein und wird nun diese Hem̄ung
bei der weiteren Diskussion außer Betracht
laßen. Aber die erste flüchtige Bekanntschaft
mit dem Falle lehrt uns nicht einmal
den wirklichen Ausdruck des vermeint-
lichen Symptoms kennen. Es handelt sich
wie wir bei genauerem Verhör erfahren,
gar nicht um eine unbestim̄te Angst
vor dem Pferd, sondern um die be-
stimmte ängstliche Erwartung: das Pferd
werde ihn beißen. Allerdings sucht sich
dieser Inhalt dem Bewußtsein zu ent-
ziehen und sich durch die unbestim̄te Phobie,
in der nur noch die Angst und ihr
Objekt vorkom̄en, zu ersetzen. Ist nun
etwa dieser Inhalt der Kern des Symptoms?Wir kommen keinen Schritt weiter,
so lange wir nicht die ganze psychische
Situation des Kleinen in Betracht ziehen,
wie sie uns während der analytischen
Arbeit enthüllt wird. Er befindet sich
in der eifersüchtigen und feindseligen
Oedipuseinstellung zu seinem Vater, den
er doch, so weit die Mutter nicht alsStörererinUrsache der Entzweiung in Betrachtin diese
kom̄t, herzlich liebt. Also ein Ambivalenz-
konflikt, gut begründete Liebe und nicht
minder berechtigter Haß, beide auf die-
selbe Person gerichtet. Seine Phobie muß
ein Versuch zur Lösung dieses Konflikts
sein. Solche Ambivalenzkonflikte sind
sehr häufig, wir kennen einen anderen
typischen Ausgang derselben. Bei dem
wird die eine der beiden mit einander
ringenden Regungen, in der Regel
die zärtliche, enorm verstärkt, die andere
verschwindet. Nur das Übermaß und das
Zwangsmäßige der Zärtlichkeit verrät¿¿
uns, daß diese Einstellung nicht die
einzig vorhandene ist, daß sie ständig
auf der Hut ist, ihr Gegenteil in Unter-
drückung zu halten und läßt uns einen
Hergang konstruiren, den wir als
Verdrängung durch Reaktionsbildung
(im Ich)beschreiben. Fälle wie derkonsS.
15
kleine Hans zeigen nichts von solcher Reaktionsbild-
ung; es giebt offenbar verschiedene Wege, die aus
einem Ambivalenzkonflikt herausführen.Etwas anderes haben wir unterdeß mit Sicherheit
erkannt. Die Triebregung, die der Verdrängung
unterliegt, ist ein feindseliger Impuls gegen den
Vater. Die Analyse lieferte uns den Beweis
hiefür während sie der Herkunft der Idee des
beißenden Pferdes nachspürte. Hans hat ein Pferd
fallen gesehen, einen Spielkameraden fallen
und sich verletzen, mit dem er „Pferdl“ gespielt
hatte. Sie hat uns das Recht gegeben, bei Hans
einenWunschregung zu konstruiren, die ge-
lautet hat, der Vater möge hinfallen, sich
beschädigen, wie das Pferd und der Kamerad.
Beziehungen zu einer beobachteten Abreise lassen
vermuten, daß der Wunsch nach der Beseitigung
des Vaters auch minder zaghaften Ausdruck
gefunden hat. Ein solcher Wunsch ist aber gleich-
wertig mit der Absicht, ihn selbst zu beseitigen,
mit der mörderischen Regung des Oedipus-
komplexes.Von dieser verdrängten Triebregung führt bis jetzt
kein Weg zu dem Ersatz für sie, den wir in
der Pferdephobie vermuten. Vereinfachen wir
nun die psychische Situation des kleinen Hans, indem
wir das infantile Moment und die Ambivalenz
wegräumen; er sei etwa ein jüngerer Diener
in einem Haushalt, der in die Herrin verliebt
ist und sich gewißer Gunstbezeugungen von
ihrer Seite erfreue. Erhalten bleibt, daß er
den stärkeren Hausherrn haßt und ihn beseitigt
wissen möchte; dann ist es die natürlichste Folge
dieser Situation, daß er die Rache dieses Herrn
fürchtet, daß sich bei ihm ein Zustand von Angst
vor diesem einstellt – ganz ähnlich wie die
Phobie des kleinen Hans vor dem Pferd.
Das heißt, wir können die Angst dieser Phobie
nicht als Symptom bezeichnen; wenn der
kleine Hans, der in seine Mutter verliebt
ist, Angst vor dem Vater¿¿zeigen würde,
hätten wir kein Recht, ihm eine Neurose,
eine Phobie, zuzuschreiben. Wir hätten
eine durchaus begreifliche affektive Reaktion
vor uns. Was diese zur Neurose macht,
ist einzig und allein ein anderer Zug,
die Ersetzung des Vaters durch das
Pferd. Diese Verschiebung stellt also das her,
was auf den Namen eines Symptoms
Anspruch hat. Sie ist jener andere Mechanis-
mus, der die Erledigung des Ambivalenz-
konflikts ohne die Hilfe der Reaktions-
bildung gestattet. Ermöglicht oder erleichtert
wird sie durch den Umstand, daß dieS.
16
mitgeborenen Spuren totemistischer Denkweise in
diesem zarten Alter noch leicht zu beleben
sind. Die Kluft zwischen Mensch und Thier ist noch
nicht anerkannt, gewiß nicht so überbetont
wie später. Der erwachsene bewunderte aber
auch gefürchtete Mann steht noch in einer
Reihe mit dem großen Thier, das man um
so vielerlei beneidet, vor dem man auch aber
gewarnt worden ist, weil es gefährlich werden
kann. Der Ambivalenzkonflikt wird also nichtsoweit dieser er
an derselben Person erledigt, sondern gleich-
sam umgangen, indem man einer seiner
Regungen eine andere Person als Ersatz-
mann unterschiebt.Soweit sehen wir ja klar, aber in einem
anderen Punkte hat uns die Analyse der
Phobie des kleinen Hans eine volle Ent-
täuschung gebracht. Die Entstellung, in der
die Symptombildung besteht, wird gar nicht
an der Repraesentanz (dem Vorstellungsinhalt)
der zu verdrängenden Triebregung vorge-
nom̄en, sondern an einer davon ganz verschiedenen,
die nur einer Reaktion auf das eigentlich
Unliebsame entspricht. Unsere Erwartung
fände eher Befriedigung, wenn der kleine
Hanseinean Stelle seiner Angst vor
dem Pferd eine Neigung entwickelt hätte,
Pferde zu mishandeln, sie zu schlagen, oder
deutlich seinen Wunsch kundgegeben hätte zu
sehen, wie sie hinfallen, zu Schaden kom̄en
eventuell unter Zuckungen verenden (das
Krawallmachen mit den Beinen). Etwas der
Art tritt auch wirklich während seiner Analyse
auf, aber es steht lange nicht voran in
der Neurose,und – sonderbar –, wenn er
wirklich solche Feindseligkeit, nur gegen das
Pferd, anstatt gegen den Vater gerichtet,
als Hauptsymptom entwickelt hätte, würden
wir gar nicht geurteilt haben, er befinde
sich in einer Neurose. Etwas ist also da
nicht in Ordnung, entweder an unserer
Auffassung der Verdrängung oder in
unserer Definition eines Symptoms. Eines
fällt uns natürlich sofort auf: Wenn der
kleine Hans wirklich ein solchesBVerhalten
gegen Pferde gezeigt hätte, so wäre ja der
Charakter der anstößigen, aggressiven
Triebregung durch die Verdrängung gar
nicht verändertworden, nur deren
Objekt gewandelt worden.Es ist ganz sicher, daß es Fälle von Verdrängung
giebt, die nicht mehr leisten als dies; bei der
Genese der Phobie des kleinen Hans ist aber
mehr geschehen. Um wieviel mehr, erraten
wir aus einem anderen StückderAnalyse.S.
17
Wir haben bereits gehört, daß der kleine
Hans als den Inhalt seiner Phobie die Vorstellung
angab, vom Pferd gebißen zu werden. Nun
haben wir später Einblick in die GeneseundBedeutungeines anderen Falles von Thier-
phobie bekommen, in der der Wolf das Angst-
tier war, aber gleichfalls die Bedeutung
eines Vaterersatzes hatte.x) Im Anschluß an
einen Traum, den die Analyse durchsichtig
machen konnte, entwickelte sich bei diesem
Knaben die Angst, vom Wolf gefreßen
zu werden wie eines der sieben Geislein
im Märchen. Daß der Vater des kleinen
Hans nachweisbar „Pferdl“ mit ihm gespielt
hatte, war gewiß bestimmend für die Wal
des Angsttieres geworden; ebenso ließ sich
wenigstens sehr wahrscheinlich machen, daß
der Vater meines erst im dritten Jahrzehnt
analysirten Russen in den Spielen mit dem
Kleinen den Wolf gemimt und scherzend mit
dem Auffressen gedroht hatte. Seither habe ich
als dritten Fall einen jungen Amerikaner
gefunden, bei dem sich zwar keine Thierphobie
ausbildete,beder aber gerade durch diesen Aus-
fall die anderen Fälle verstehen hilft. Seine
sexuelle Erregung hatte sich an einer phantastischen
Kindergeschichte entzündet, die man ihm vorlas,
von einem arabischen Häuptling, der einemr aus
eßbarer Substanz bestehenden Person, dem
Gingerbreadman nachjagt, um ihn zu verzehren.
Mit diesem eßbaren Menschen identifizirte er
sich selbst, der Häuptling war als Vaterersatz
leicht kenntlich und diese Phantasie wurde
die erste Unterlage seiner autoerotischen
Betätigung. Die Vorstellung, vom Vater gefressen
zu werden ist also typisches uraltes Kinder-
gut; die Analogien aus der Mythologie
(Kronos) und dem Thierleben sind allgemein
bekannt.Trotz solcher Erleichterungen ist dieser Vorstellungsinhalt
uns so fremdartig, daß wir ihn dem Kinde nur
ungläubig zugestehen können. Wir wissen auch
nicht, ob er wirklich das bedeutet, was er
auszusagen scheint, und verstehen nicht, wie
er Gegenstand einer Phobie werden kann.
Die analytische Erfahrung gibt uns allerdings die
erforderlichen Auskünfte. Sie lehrt uns, daß
die Vorstellung, vom Vater gefressen zu
werde der regressiv erniedrigte Ausdruck
für eine passive zärtliche Regung ist, die
vom Vater als Objekt im¿¿Sinne der Genitalerotik
geliebt zu werden begehrt. Die Verfolgungx)Aus der Geschichte einer infantilen Neurose.
(Ges. Schriften, Bd. VIII.)S.
18
der Geschichte des Falles läßt keinen Zweifel
an der Richtigkeit dieser Deutung aufkom̄en.
Die genitale Regung verrät freilich nichts mehr von
ihrer zärtlichen Absicht, wenn sie in der Sprache
der überwundenen Übergangsphase von der oralen
zur sadistischen Libidoorganisation ausgedrückt wird.
Handelt es sich übrigens nur um eine Ersetzung
der Repraesentanz durch einen regressiven Aus-
druck oder um eine wirkliche regressive
Erniedrigung der genitalgerichteten Regung im
Es? Das scheint gar nicht so leicht zu entscheiden.
Die Krankengeschichte des russischen „Wolfsman̄es“
spricht ganz entschieden für die letztere, ernstere
Möglichkeit, denn er benim̄t sich von dem
entscheidenden Traum an „schlim̄“, quälerisch,
sadistisch, und entwickelt bald darauf eine
richtige Zwangsneurose. Jedenfalls gewinnen
wir die Einsicht, daß die Verdrängung nicht
das einzige Mittel ist, das dem Ich zur
Abwehr einer unliebsamen Triebregung
zu Gebote steht. Wenn es ihm gelingt, den
Trieb zur Regression zu bringen, so hat es ihn
im Grunde energischer beeinträchtigt, als
durch die Verdrängung möglich wäre. Aller-
dings läßt es manchmal derzunachzuerst
erzwungenen Regression die Verdrängung
folgen.Der Sachverhalt beim Wolfsmann und der etwas
einfachere beim kleinen Hans regen noch manch-
erlei andere Überlegungen an, aber zwei
unerwartete Einsichten gewinnen wir schon jetzt.
Kein Zweifel, die bei diesen Phobien verdrängte
Triebregung ist eine feindselige gegen den Vater.
Man kann sagen, sie wird verdrängt durch den
Prozeß der Verwandlung ins Gegenteil; an
Stelle der Aggression gegen den Vater tritt
die Aggression – die Rache – des Vaters gegen
die eigene Person. Da eine solche Aggression
ohnedies in der sadistischen Libidophase wurzelt,
bedarf sie nur noch einer gewissen Erniedrigung
zur oralen Stufe, die bei Hans durch das Gebißen-
werden angedeutet, beim Russen aber im
Gefressenwerden grell ausgeführt ist. Aber
außerdem läßt ja die Analyse über jeden
Zweifel gesichert feststellen, daß gleichzeitig noch eine
andere Triebregung der Verdrängung erlegen
ist, die gegensinnige einer zärtlichen passiven
Regung für den Vater, die bereits das
Niveau genitalen (phallischen) Libidoorgan-
isation erreicht hatte. Die letztere scheint
sogar die für das Endergebnis des Verdräng-
ungsvorganges bedeutsamere zu sein, sieS.
19
erfährt die weitergehende Regression, sie erhält den
bestimmenden Einfluß auf den Inhalt der
Phobie. Wo wir also nur einer Triebverdrängung
nachgespürt haben, müßen wir das Zusam̄entreffen
von zwei solchen Vorgängen anerken̄en; die
beiden betroffenen Triebregungen – sadistische
Aggression gegen den Vater und zärtlich passive
Einstellung zu ihm – bilden ein Gegensatzpaar
ja, noch mehr: wenn wir die Geschichte des kleinen
Hans richtig würdigen, erkennen wir, daß durch
die Bildung seiner Phobie auch die zärtliche Objekt-
besetzung der Mutter aufgehoben worden ist,
wovon der Inhalt der Phobie nichts verrät.
Es handelt sich bei Hans – beim Russen ist das weit
weniger deutlich – um einen Verdrängungsvorgang,
der fast alle Komponenten des Oedipuskom-
plexes betrifft, die feindliche wie die zärtliche
Regung gegen den Vater und die zärtliche
für die Mutter.Das sind unerwünschte Komplikationen für uns, die
wir nur einfache Fälle von Symptombildung infolge
von Verdrängung studiren wollten und uns
in dieser Absicht an die frühesten und anschein-
end durchsichtigsten Neurosen der Kindheit
gewendet hatten. Anstatt einer einzigen Ver-
drängung fanden wir eine Häufung von solchen
vor und überdieß bekamen wir es mit der Re-
gression zu thun. Vielleicht haben wir aber die
Verwirrung dadurch gesteigert, daß wir die
beiden verfügbaren Analysen von Thierphobien
– die des kleinen Hans und des Wolfsmannes –
durchaus auf denselben Leisten schlagen wollten.
Nun fallen uns gewiße Unterschiede der beiden
auf. Nur vom kleinen Hans kann man mit
Bestim̄theit aussagen, daß er durch seine Phobie
die beiden Hauptregungen des Oedipuskom-
plexes, die aggressive gegen den Vater und
die überzärtliche gegen die Mutter, erledigt;
die zärtliche für den Vater ist gewiß auch
vorhanden, sie spielt ihre Rolle bei der
Verdrängung ihres Gegensatzes, aber es ist weder
nachweisbar, daß sie stark genug war, um eine
Verdrängung zu provoziren, noch daß sie
nachher aufgehoben ist. Hans scheint eben ein
normaler Junge mit sog. „positivem“ Oedip-
uskomplex gewesen zu sein. Möglich, daß die
Momente, die wir vermissen, auch bei ihm
mittätig waren, aber wir können sie nicht
aufzeigen, das Material selbst unserer
eingehendsten Analysen ist eben lückenhaft,
unsere Dokumentirung unvollständig.
Beim Russen ist der Defekt an anderer Stelle;
seine Beziehung zum weiblichen Objekt istS.
20
durch eine frühzeitige Verführung gestört worden,
die passive, feminine, Seite ist bei ihm stark
ausgebildet und die Analyse seines Wolfs-
traumes enthüllt wenig von beabsichtigter
Aggression gegen den Vater, erbringt
dafür die unzweideutigsten Beweise, daß
die Verdrängung die passive, zärtliche, Ein-
stellung zum Vater betrifft. Auch hier
mögen die anderen Faktoren beteiligt
gewesen sein, sie treten aber nicht vor.
Wenn trotz dieser Unterschiede der beiden
Fälle, die sich fast einer Gegensätzlichkeit
nähern, der Enderfolg der Phobie fast der
nämliche ist, so muß uns die Erklärung dafür
von anderer Seite kommen. s
Sie kom̄t von dem zweiten Ergebnis unserer
kleinen vergleichenden Untersuchung. Wir
glauben den Motor der Verdrängung
in beiden Fällen zu kennen und sehen
seine Rolle durch den Verlauf bestätigt,
den die Entwicklung derbeidenzwei Kinder
nim̄t. Er ist in beiden Fällen der nämliche,
die Angst vor einer drohenden Kastrations-.
Aus Kastrationsangst giebt der kleine
Hans die Aggression gegen den Vater auf;
seine Angst, das Pferd werde ihn beißen, kann
zwanglos vervollständigt werden, das Pferd
werde ihm das Genitale abbeißen, ihn
kastriren. Aber aus Kastrationsangst ver-
zichtet auch der kleine Russe auf den Wunsch,
vom Vater als Sexualobjekt geliebt
zu werden, denn er hat verstanden, eine
solche Beziehung hätte zur Voraussetzung,
daß er sein Genitale aufopfert, das, was ihn
vom Weib unterscheidet. Beide Gestalt-
ungen des Oedipuskomplexes, die normale,
aktive, wie die invertirte, scheitern ja
am Kastrationskomplex. Die Angstidee
des Russen, vom Wolf gefressen zu werden,
enthält zwar keine Andeutung der Kast-
ration, sie hat sich durch orale Regression
zu weit von der phallischen Phase ent-
fernt, aber die Analyse seines Traumes
macht jeden anderen Beweis überflüßig.
Es ist auch ein voller Triumph der Ver-
drängung, daß im Wortlaut der Phobie
nichts mehr auf die Kastration hindeutet.Hier nun das unerwartete Ergebnis:
In beiden Fällen ist der Motor der
Verdrängungder ¿die Kastrations-
angst; die Angstinhalte, vom Pferd gebißen
und vom Wolf gefressen zu werden, sind
Entstellungsersatz für den Inhalt, vomS.
21
Vater kastrirt zu werden. Dieser Inhalt ist es
eigentlich, der die Verdrängung an sich erfahren
hat. Beim Russen war er Ausdruck eines
Wunsches der gegen die Auflehnung der Männ-
lichkeit nicht bestehen konnte, bei Hans Aus-
druck einer Reaktion, welche die Aggression in
ihr Gegenteil umwandelte. Aber der Angst-
affekt der Phobie, der ihr Wesen ausmacht,
stammt nicht aus dem Verdrängungsvorgang,sondernnicht aus den libidinösen Besetzungen
der verdrängten Regungen, sondern aus
dem Verdrängenden selbst. Die Angst der
Thierphobie ist die unverwandelte Kastrat-
ionsangst, also eine Realangst, Angst vor einer
wirklich drohendenundoder¿¿¿¿als real
beurteilten Gefahr. Hier macht die Angst
die Verdrängung, nicht, wie ich früher
gemeint habe, die Verdrängung die Angst.Es ist nicht angenehm, daran zu denken,
aber es hilft nichts, es zu verleugnen, ich
habe oftmals den Satz vertreten, durch
die Verdrängung werde die Triebrepraesen-
tanz entstellt, verschoben udgl, die Libido
der Triebregung aber in Angst verwandelt.
Die Untersuchung der Phobien, die vor allem be-
rufen sein sollte, diesen Satz zu erweisen,
bestätigt ihn also nicht, sie scheint ihm vielmehr
direkt zu widersprechen. Die Angst der Thier-
phobien ist¿¿die Kastrationsangst des Ichs,
die der weniger gründlich studirten Agoraphobie
scheint Versuchungsangst zu sein, die ja genetisch
mit der Kastrationsangst zusam̄enhängen muß.
Die meisten Phobien gehen, so weit wir es
heute übersehen, auf eine solche Angst des
Ichs vor den Ansprüchen der Libido zu-
rück. Immer ist dabei die Angsteinstellung
des Ichs das Primäre und der Antrieb
zur Verdrängung. Niemals geht die Angst
aus der verdrängten Libido hervor. Wenn
ich mich früher begnügt hätte zu sagen, nach
der Verdrängung erscheint an Stelle der
zu erwartenden Äußerung von Libido ein
Maß von Angst, so hätte ich heute nichts
zurückzunehmen. Die Beschreibung ist richtig
und zwischen der Stärke der zu verdräng-
enden Regung und der Intensität der
resultirenden Angst besteht wol die be-
hauptete Entsprechung. Aber ich gestehe, ich
glaubte mehr als eine bloße Beschreibung
zu geben – ich nahm an, daß ich den meta-
psychologischen Vorgang einer direkten Um-
setzung der Libido in Angst erkannt
hatte; das kann ich also heute nicht mehr
festhalten. Ich konnte auch früher nichtS.
22
angeben, wie sich eine solche Umwandlung
vollzieht.Woher schöpfte ich überhaupt die Idee
einer solchen
dieser Umsetzung? Zur Zeit, als es uns noch sehr
ferne lag, zwischen Vorgängen im Ich und Vor-
gängen im Es zu unterscheiden, aus dem Studium
der Aktualneurosen. Ich fand, daß bestim̄te
sexuelle Praktiken, wie Coitus interruptus,
frustrane Erregung, erzwungene Abstinenz
Angstausbrüche und eine allgemeine Angstbereit-
schaft erzeugen, also immer wenn die Sexual-
erregung in ihrem Ablauf zur Befriedigung
gehemmt, aufgehalten oder abgelenkt wird.
Da die Sexualerregung der Ausdruck libidinöser
Triebregungen ist, schien es nicht gewagt, anzu-
nehmen, daß die Libido sich durch die Einwirkung
solcher Störungen in Angst verwandelt. Nun
istdiese Beobachtung auch heute noch giltig,auch
anderseits ist nicht abzuweisen, daß die Libido
der Es‑Vorgänge durch die Anregung der
Verdrängung eine Störung erfährt; es
kann also noch immer richtig sein, daß
sich bei der Verdrängung Angst aus
derLibidobesetzung der Triebregungen¿¿¿¿¿
bildet. Aber wie soll man dieses Ergebnis
mit dem anderen zusam̄enbringen, daß
die Angst der Phobien eine Ich‑Angst ist,
im Ich entsteht, nicht aus der Verdrängung
hervorgeht, sondern die Verdrängung hervor-
ruft? Das scheint ein Widerspruch und nicht
einfach zu lösen. Die Reduktion der beiden
Ursprünge der Angst auf einen einzigen läßt
sich nicht durchsetzen. Man kann es mit der An-
nahme versuchen, daß das Ich in der Situation
des gestörten Coitus, der unterbrochenen Erregung,
der Abstinenz,Gefahren wittert, auf dieeine
es mit Angst reagirt, aber es ist nichts damit
zu machen. Anderseits scheint die Analyse der
Phobien, die wir vorgenom̄en haben, eine
Berichtigung nicht zuzulassen. Non liquet!V
Wir wollten die Symptombildung und
den sekundären Kampf des Ichs gegen das Symptom
studiren, aber wir haben offenbar mit der
Wal der Phobien keinen glücklichen Griff
gethan. Die Angst, welche im Bild dieser
Affektionen vorherrscht, erscheint uns
nun als eine den Sachverhalt verhüllende
Komplikation. Es giebt reichlich Neurosen, bei
denen sich nichts von Angst zeigt. Die echte
Konversionshysterie ist von solcher Art,
deren schwerste Symptome ohne BeimischungS.
23
von Angst gefunden werden. Schon diese Tatsache
müßte uns warnen, die Beziehungen zwischen
Angst und Symptombildung nicht allzu fest zu
knüpfen. Den Konversionshysterien stehen
die Phobien sonst so nahe, daß ich mich
für berechtigt gehalten habe,sieihnen diese als
„Angsthysterie“ anzureihen. Aber niemand hat
noch die Bedingung angeben können, die darüber
entscheidet, ob ein Fall die Form einer
Konversionshysterie oder einer Phobie an-
nim̄t, niemand also die Bedingung der Angst-
entwicklung bei der Hysterie ergründet.Die häufigsten Symptome der Konversions-
hysterie, eine motorische Lähmung, Kontraktur
oder unwillkürliche Aktion oder Entladung,
ein Schmerz, eine Halluzination sind entweder
permanent festgehaltene oder intermittirende
Besetzungsvorgänge, was der Erklärung neue
Schwierigkeiten bereitet. Man weiß eigentlich
nicht viel über solche Symptome zu sagen. Durch
die Analyse kann man erfahren, welchen gestörten
Erregungsablauf sie ersetzen. Zumeist ergiebt sich,
daß sie selbst einen Anteil an diesem haben,
so als ob sich die gesamte Energie desselben
auf dies eine Stück konzentrirt hätte. Der
Schmerz war in der Situation, in welcher die
Verdrängung vorfiel, vorhanden; die Halluz-
ination war damals Wahrnehmung, die motor-
ische Lähmung ist die Abwehr einer Aktion, die
in jener Situation hätte ausgeführt werden
sollen, aber gehemmt wurde, die Kontraktur
gewöhnlich eine Verschiebung für eine damals
intendirte Muskelinnervation an anderer
Stelle, der Krampfanfall Ausdruck eines
Affektausbruchs, der sich der normalen Kontrolle
des Ichs entzogen hat. In ganz auffälligem Maße
wechselnd ist die Unlustempfindung, die das
Auftreten der Symptome begleitet. Bei den
permanenten, auf die Motilität verschobenen
Symptomen, wie Lähmungen und Kontrakturen,
fehlt sie meistens gänzlich das Ich¿¿ Ichverhält
sich gegen sie wie unbeteiligt; bei den
intermittirenden und den Symptomen der
sensorischen Sphäre werden in der Regel
deutliche Unlustempfindungen verspürt,
die sich im Falle des Schmerzsymptom zu
exzessiver Höhe steigern können. Es ist sehr
schwer, in dieser Mannigfaltigkeit das
Moment herauszufinden, das solche Differ-
enzen ermöglicht und sie doch einheitlich er-
klären läßt. Auch vom Kampf des Ichs gegen
das einmal gebildete Symptom ist bei der
Konversionshysterie wenig zu merken. Nur wennS.
24
die Schmerzempfindlichkeit einer Körperstelle zum
Symptom geworden ist, wird diese in den Stand
gesetzt, eine Doppelrolle zu spielen. Das Schmerz-
symptom tritt ebenso sicher auf, wenn diese
Stelle von außen berührt wird, wie wenn
die von ihr vertretene pathogeneESituation
von innen her assoziativ aktivirt wird, und
das Ich ergreift Vorsichtsmaßregeln, um
die Erweckung des Symptoms durch äußere
Wahrnehmung hintanzuhalten. Woher die
besondere Undurchsichtigkeit der Symptombild-
ung bei der Konversionshysterie rührt,
können wir nicht erraten, aber sie giebt
uns ein Motiv, das unfruchtbare Gebiet
bald zu verlassen.Wir wenden uns zur Zwangsneurose in der
Erwartung, hier mehr über die Symptom-
bildung zu erfahren. Die Symptome der
Zwangsneurose sind im Allgemeinen von
zweierlei Art und entgegengesetzter Tendenz.
Es sind entweder Verbote, Vorsichtsmaßregeln,
Bußen, also negativer Natur, oder im Gegenteil
Ersatzbefriedigungen, sehr häufig in symbolischer
Verkleidung. Von diesen zwei Gruppen ist
die negative, abwehrende, strafende die ältere;immit der Dauer des Krankseins nehmen
aber die aller Abwehr spottenden Befriedig-
ungen überhand. Es ist ein Triumph der Symptom-
bildung, wenn es gelingt, das Verbot mit
der Befriedigung zu verquicken, so daß das
ursprünglich abwehrende Gebot oder Verbot
auch die Bedeutung einer Befriedigung be-
kom̄t, wozu oft sehr künstliche Verbindungs-
wege in Anspruch genom̄en werden. In dieser
Leistung zeigt sich die Neigung zur Synthese,
die wir dem Ich bereits zuerkannt haben.Im rIn extremen Fällenhabringt es der
Kranke zustande, daß die meisten seiner
Symptome zu ihrer ursprünglichen Bedeutung
auch die des direkten Gegensatzes erworben
haben, ein Zeugnis für die Macht der
Ambivalenz, die, wir wissen nicht recht,
warum, in der Zwangsneurose eine so
große Rolle spielt. Im rohesten Fall
ist das Symptom zweizeitig, d.h auf die
Handlung, die eine gewiße Vorschrift aus-
führt, folgt unmittelbar eine zweite,
die sie aufhebt oder rückgängig macht,
wenngleich sie noch nicht wagt, ihr Gegenteil
auszuführen.Zwei Eindrücke ergeben sich sofort aus dieser
flüchtigen Überschau der Zwangssymptome.
Der erste, daß hier ein fortgesetzter Kampf
gegen das Verdrängte unterhalten wird,
der sich immer mehr zu ungunsten der ver-
drängenden Kräfte wendet, und zweitens
daß Ich und Überich hier einen besonders großenS.
25
Anteil an der Symptombildung nehmen.
Die Zwangsneurose ist wol das interessanteste und dank-
barste Objekt der analytischen Untersuchung, aber
noch immer als Problem unbezwungen. Wollen
wir in ihr Wesen tiefer eindringen, so müßen
wir eingestehen, daß unsichere Annahmen und
unbewiesene Vermutungen noch nicht entbehrt
werden können. Die Ausgangssituation der
Zwangsneurose ist wol keine andere als die
der Hysterie, die notwendige Abwehr der libidin-
ösen Ansprüche des Oedipuskomplexes. Auch
scheint sich bei jeder Zwangsneurose eine unterste
Schicht sehr früh gebildeter hysterischer Symptome
zu finden. Dann aber wirddie Situation
weitere Gestaltung durch einen konstitution-
ellen Faktor entscheidend verändert. Die
genitale Organisation der Libido erweist sich
als schwächlich und zu wenig resistent. Wenn
das Ich sein Abwehrstreben beginnt, so er-
zielt esdenals ersten Erfolg, daß die Genital-
organisation (der phallischen Phase) ganz oder
teilweise auf die frühere sadistisch‑anale
Stufe zurückgeworfen wird. Diese Tatsache der
Regression bleibt für alles folgende bestim-
mend.Man kann noch eine andere Möglichkeit in
Erwägung ziehen. Vielleicht ist die Regression
nicht die Folge eines konstitutionellen,
sondern eines zeitlichen Faktors. Sie wird
nicht darum ermöglicht werden, weil die Genitalorgan-
isation der Libido zu schwächlich geraten,
sondern weil das Sträuben des Ichs zu früh-
zeitig, noch während der Blüte der sadistischen
Phase eingesetzt hat. Einer sicheren Entscheid-
ung getraue ich mich auch in diesem
Punkte nicht, aber die analytische Beob-
achtung begünstigt diese Annahme nicht.
Sie zeigt eher, daß bei der Wendung zur
Zwangsneurose die phallische Stufe bereits
erreicht ist. Auch ist das Lebensalter für
den Ausbruch dieser Neurose ein späteres
als das der Hysterie (die zweite Kindheits-
periode, nach dem Termin der Latenzzeit)
und in einem Fall von sehr später Ent-
wicklung dieser Affektion, den ich studiren
konnte, ergab es sich klar, da߿eine reale
Entwertung des bis dahin intakten Genital-
lebens die Bedingung für die Regression
und die Entstehung der Zwangsneurose schuf.x)Die metapsychologische Erklärung der Regression
suche ich in einer „Triebentmischung“, in der
Absonderung der erotischen Komponenten,
die mit Beginn der genitalen Phase zu den
destruktiven Besetzungen der sadistischen
Phase hinzugetreten waren.x)S. Die Disposition zur Zwangsneurose. Ges. Schriften,
Bd. V.S.
26
Die Erzwingung der Regression bedeutet den
ersten Erfolg des Ichs im Abwehrkampf gegen
den Anspruch der Libido. Wir unterscheiden
hier zweckmäßig die allgemeinere Tendenz
der „Abwehr“ von der „Verdrängung“, die nur
einer der Mechanismen ist, deren sich die
Abwehr bedient. Vielleicht noch klarer als bei
normalen und hysterischen Fällen erkennt
man bei der Zwangsneurose als den Motor
der Abwehr den Kastrationskomplex, als
das Abgewehrte die Strebungen des Oedipus-
komplexes. Wir befinden uns nun zu Beginn
der Latenzzeit, die durch den Untergang des
Oedipuskomplexes, die Schöpfung oder Konsolid-
irung des Überichs und dieBildungAufrichtung der
ethischen und aesthetischen Schranken im Ich
gekennzeichnet ist. Diese Vorgänge gehen bei
der Zwangsneurose über das normale
Maß hinaus; zur Zerstörung des Oedipuskom-
plexes tritt die regressive Erniedrigung
der Libido hinzu, das Überich wird besonders
strenge und lieblos, das Ich entwickelt im
Gehorsam gegen das Überich hohe Reaktions-
bildungen von Gewissenhaftigkeit, Mitleid,
Reinlichkeit. Mit unerbittlicher, darum nicht im̄er
erfolgreicher, Strenge wird die Versuchung
zur Fortsetzung der frühinfantilen Onanie
verpönt, die sich nunalsan regressive (sadist-
isch‑anale) Vorstellungen anlehnt, aber doch
den unbezwungenen Anteil der phallischen
Organisation reprarsentirt. Es liegt ein innerer
Widerspruch darin, daß gerade im Interesse
der Erhaltung der Männlichkeit (Kastrat-
ionsangst) jede Betätigung dieser Männlichkeit
verhindert wird, aber auch dieser Widerspruch
wird bei der Zwangsneurose nur über-
trieben, er haftet bereits an der normalen
Art der Beseitigung des Oedipuskomplexes.
Wie jedes Übermaß den Keim zu seiner
Selbstaufhebung in sich trägt, wird sich auch
an der Zwangsneurose bewähren, indem
gerade die unterdrückte Onanie sich
in der Form der Zwangshandlungen eine
immer weiter gehende Annäherung an
die Befriedigung erzwingt.Die Reaktionsbildungen im Ich,
dider Zwangsneurot-
iker, die wir als Übertreibungen der normalen
Charakterbildung erkennen, dürfen wir als
einen neuen Mechanismus der Abwehr
neben die Regression und die Verdrängung
hinstellen. Sie scheinen bei der Hysterie zu
fehlen oder weit schwächer zu sein. Rück-
schauend gewinnen wir so eine Vermutung,
wodurch der Abwehrvorgang der Hysterie
ausgezeichnet ist. Es scheint, daß er sich auf
die Verdrängung einschränkt, indem dasS.
27
Ich sich von der unliebsamen Triebregung abwendet
sie dem Ablauf im Unbewußten überläßt und
an ihren Schicksalen keinen weiteren Anteil
nimmt. So ganz ausschließend richtig kann das zwar
nicht sein, denn wir kennen ja den Fall, daß
das hysterische Symptom gleichzeitig die Erfüllung
einer Strafanforderung des Überichs bedeutet,
aber es mag einen allgemeinen Charakter
im Verhalten des Ichs bei der Hysterie¿¿¿¿¿
beschreiben.Man kann es einfach als Tatsache hinnehmen, daß
sich bei der Zwangsneurose ein so strenges
Überich bildet, oder man kann daran denken, daß
der fundamentale Zug dieser Affektion die
Libidoregression ist, und versuchen, auch den Charakter
des Überichs mit ihr zu verknüpfen. In der Tat
kann ja das Überich, das aus dem Es stammt, sich der
dort eingetretenen Regression und Trieb-
entmischung nicht entziehen. ziehen. Es wäre nicht zu verwun-
dern, wenn es seinerseits härter, quälerischer, lieb-
loser würde als bei normaler Entwicklung.Während der Latenzzeit scheint die Abwehr
der Onanieversuchung als Hauptaufgabe behandelt
zu werden. Dieser Kampf erzeugt eine Reihe von
Symptomen, die bei den verschiedensten Personen
in typischer Weise wiederkehren und im allge-
meinen den Charakter des Zeremoniells tragen.
Es ist sehr zu bedauern, daß sie noch nicht gesam̄elt
und systematisch analysirt worden sind; als früheste¿¿Leistungen der Neurose würden sie über
den hier verwendeten Mechanismus der Symptombildung am
ehesten Licht verbreiten. Sie zeigen bereits die
Züge, welche in einer späteren schweren Er-
krankung so verhängnisvoll hervortreten
werden: die Unterbringung an den Verricht-
ungen, die später wie automatisch¿¿¿ausge-
führt werden sollen, am Schlafengehen
Waschen und Ankleiden, an der Lokomotion,
die Neigung zur Wiederholung und zum
Zeitaufwand. Warum das so geschieht, ist noch
keineswegs verständlich; die Sublimirung
analerotischer Komponenten spielt dabei eine
deutliche Rolle.Die Pubertät macht in der Entwicklung der
Zwangsneurose einen entscheidenden Abschnitt.
Die in der Kindheit abgebrochene Genitalorganis-
ation setzt nun mit großer Kraft wieder
ein. Wir wissen aber, daß die Sexualentwick-
lung der Kinderzeit auch für den Neubeginn
der Pubertätsjahre die Richtung vorschreibt.
Es werden also einerseits die aggressiven Reg-
ungen der Frühzeit wieder erwachen,
anderseits muß ein mehr oder minder
großer Anteil der neuen libidinösen
Regungen – in bösen Fällen deren Ganzes –S.
28
die durch die Regression vorgezeichneten Bahnen
einschlagen und als aggressive und destruktive
Absichten auftreten. Infolge dieser Verkleidung
der erotischen Strebungen und der starken
Reaktionsbildungen im Ich, wird nun der
Kampf gegen die Sexualität unter ethischer
Flagge weitergeführt. Das Ich sträubt sich
verwundert gegen grausame und gewalt-
tätige Zumutungen, die ihm vom Es her ins
Bewußtsein geschickt werden, und ahnt
nicht, daß es dabei erotische Wünsche be-
kämpft, darunter auch solche, die sonst
seinem Einspruch entgangen wären. Das
überstrenge Überoch besteht um so energischer
auf der Unterdrückung der Sexualität,
da sie so abstoßende Formen angenom̄en
hat. So zeigt sich der Konflikt bei der Zwangs-
neurose nach zwei Richtungen verschärft,
dasAbwehrende ist intoleranter, dasVerdrängende
zuAbzuwehrende unerträglicher geworden;Verdräng
beides durch den Einfluß des einen
Moments, der Libidoregression.Man könnte einen Widerspruch
gegen manche¿¿
unserer Voraussetzungen darin finden, daß
die unliebsame Zwangsvorstellung überhaupt
bewußt wird. Allein es ist kein Zweifel, daß
sie vorher den Prozeß der Verdrängung durch-
gemacht hat. In den meisten ist der eigent-
liche Wortlaut der aggressiven Triebreg-
ung dem Ich überhaupt nicht bekannt. Es gehört
ein gutes Stück analytischer Arbeit dazu,
um ihn bewußt zu machen. Was zum Be-
wußtsein durchdringt, ist in der Regel nur
ein entstellter Ersatz entweder von einer
verschwom̄enen, traumhaften Unbestim̄t-
heit, oder unken̄tlich gemacht durch eine
absurde Verkleidung. Wenn die Verdräng-
ung nicht den Inhalt der aggressiven Trieb-
regung angenagt hat, da hat sie doch gewiß
den sie begleitenden Affektcharakter
beseitigt. So erscheint die Aggression dem Ich nicht als
ein Impuls, sondern, wie die Kranken
sagen, als ein bloßer „Gedankeninhalt“,
der einen kalt lassen sollte. Das Merk-
würdige ist, daß dies doch nicht der Fall
ist.Der bei der Wahrnehmung der Zwangsvorstell-
ung ersparte Affekt kom̄t nämlich an
anderer Stelle zum Vorschein. Das Überich
benimmt sich so, als hätte keine Verdräng-
ung stattgefunden, als wäre ihm die aggress-
ive Regung in ihrem richtigen Wortlaut
und mit ihrem vollen Affektcharakter
bekannt, und behandelt das Ich auf Grund
dieser Voraussetzung. Das Ich, das sichS.
29
einerseits schuldlos weiß, muß anderseits ein
Schuldgefühl verspüren und eine Verantwortlich-
keit tragen, die es sich nicht zu erklären
weiß. Das Rätsel, das uns hiemit aufgegeben wird,
ist aber nicht so groß, als es zuerst erscheint. Das
Verhalten des Überichs ist durchaus verständlich,
der Widerspruch im Ich beweistesuns nur, daß es
sich mittels der Verdrängung gegen das Es ver-
schloßen hat, während es den Einflüßen aus
dem Überich voll zugänglich geblieben ist. Der
weiteren Frage, warum das Ich sich nicht auch der
peinigenden Kritik des Überichs zu entziehen
sucht, macht die Nachricht ein Ende, daß dies
wirklich in einer großen Reihe von Fällen
so geschieht. Es gibt auch Zwangsneurosen ganz
ohne Schuldbewußtsein; soweit wir es verstehen,
hat sich das Ich die Wahrnehmung desselben
durch eine neue Reihe von Symptomen, die
Bußhandlungen, Einschränkungen zur Selbstbe-
strafung, erspart. Diese Symptome bedeuten
aber gleichzeitig Befriedigungen masochistischer
Triebregungen, diegleichebenfalls aus der Regression
eine Verstärkung bezogen haben.Die Mannigfaltigkeit in den Erscheinungen
der Zwangsneurose ist eine so großartige, daß
es noch keiner Bemühung gelungen ist, eine
zusam̄enhängende Synthese aller ihrer Variationen
zu geben. Man ist bestrebt, typische Beziehungen
herauszuheben und dabei immer in Sorge,
andere, nicht minder wichtige, Regelmäßigkeiten
zu übersehen.Die allgemeine Tendenz der Symptombildung bei der
Zwangsneurose habe ich bereits beschrieben. Sie geht
dahin der Ersatzbefriedigung immer mehr Raum auf
Kosten der Versagung zu schaffen. Dieselben Symptome,
die ursprünglich Einschränkungen des Ichs bedeuteten,
nehmen dank der Neigung des Ichs zur Synthese,
später auch die von Befriedigungen an, und
es ist unverkennbar, daß die letztere Be-
deutung allmälich die wirksamere wird. Ein
äußerst eingeschränktes Ich, das darauf angewiesen
ist, seine Befriedigungen in den Symptomen
zu suchen, wird das Ergebnis dieses Prozesses,
der sich immer mehr dem völligen Fehlschlagen des
anfänglichen Abwehrstrebens nähert. Die Ver-
schiebung des Kräfteverhältnißes zu Gunsten
der Befriedigung kann zu dem gefürchteten
Endausgang der Willenslähmung des Ichs führen,
das für jede Entscheidung beinahe ebenso starke
Antriebe von der einen wie von der anderen
Seite findet. Der überscharfe Konflikt zwischen
Es und Überich, der die Affektion von An-
fang an beherrscht, kann sich so sehr ausbreiten,
daß keine der Verrichtungen des zur Ver-
mittlung unfähigen Ichs der Einbeziehung
in diesen Konflikt entziehengehen kann.S.
30
VI
Während dieser Kämpfe kann man zwei
symptombildende Tätigkeiten des Ichs beobachten,
die ein besonderes Interesse verdienen,
weil sie offenbare Surrogate der Verdrängung
sind und darum deren Tendenz und Technik schön
erläutern können. Vielleicht dürfen wir auch
das Hervortreten dieser Hilfs‑ und Ersatztechniken
als einen Beweis dafür auffassen, daß die
Durchführung der regelrechten Verdrängung
auf Schwierigkeiten stößt. Wenn wir er-
wägen, daß bei der Zwangsneurose das Ich
soviel mehr Schauplatz der Symptombildung
ist als bei der Hysterie, daß dieses Ich zähe an seiner
Beziehung zur Realität und zum Bewußtsein
festhält und dabei alle seine intellektuellen
Mittel aufbietet, ja, daß die Denktätigkeit
überbesetzt, erotisirt, erscheint, werden uns
solche Variationen der Verdrängung viel-
leicht näher gebracht.Die beiden angedeuteten Techniken sind das
Ungeschehenmachen und das Isoliren. Die erstere
hat ein großes Anwendungsgebiet und reicht
weit zurück. Sie ist sozusagen negative Magie,
sie will durch motorische Symbolik¿¿nicht die
Folgen eines Ereignißes ¿¿ (Eindruckes, Erleb-
nißes), sondern dieses selbst „wegblasen“.
Mit der Wal dieses letzten Ausdrucks ist
darauf hingewiesen, welche Rolle diese Technik
nicht nur in der Neurose, sondern auch
in den Zauberhandlungen, Volksgebräuchen
und im religiösen Zeremoniell spielt.
In der Zwangsneurose begegnet man dem
Ungeschehenmachen zuerst bei den zweizeitigen
Symptomen, wo der zweite Akt den ersten
aufhebt, so, als ob nichts geschehen wäre,
wo in Wirklichkeit beides geschehen ist.
Das zwangsneurotische Zeremoniell hat in der
Absicht des Ungeschehenmachens seine zweite
Wurzel. Die erste ist die Verhütung, die Vorsicht,
damit etwas Bestim̄tes nicht geschehe, sich nicht
wiederhole. Der Unterschied ist leicht zu fassen;
die Vorsichtsmaßregeln sind rationell,
die „Aufhebungen“ durch Ungeschehenmachen irrat-
ionell, magischer Natur. Natürlich muß
man vermuten, daß diese zweite Wurzel
die ältere, aus der animistischen Einstellung
zur Umwelt stammende, ist. Seine Abschatt-
ung zum Normalen findet das Streben zum
Ungeschehenmachen in dem Entschluß ein
Ereignis als „non arrivé“ zu behandeln,
aber dann unternim̄t man nichts dagegen,
küm̄ert sich weder um das Ereignis nochS.
31
seine Folgen, während man in der Neurose die
Vergangenheit selbst aufzuheben, motorisch zu
verdrängen sucht. Dieselbe Tendenz kann auch
die Erklärung des in der Neurose so häufigen
Zwanges zur Wiederholung geben, bei dessen
Ausführung sich dann mancherlei einander
widerstreitende Absichten zusam̄enfinden. Was
nicht in solcher Weise geschehen ist, wie es dem
Wunsch gemäß hätte geschehen sollen, wird durch
die Wiederholung in anderer Weise ungeschehen
gemacht, wozu nun alle die Motive hinzutreten,
bei diesen Wiederholungen zu verweilen. Im
weiteren Verlauf der Neurose enthüllt sich oft
die Tendenz, ein traumatisches Erlebnis unge-
schehen zu machen, als ein symptombildendes
Motiv vom ersten Range. Wir erhalten so
unerwarteten Einblick in eine neue, motorische
Technik der Abwehr oder, wie wir hier mit
geringerer Ungenauigkeit sagen können,
der Verdrängung.Die andere der neu zu beschreibenden Techniken
ist das der Zwangsneurose eigentümlich zu-
kommende Isoliren. Es bezieht sich gleichfallsung
auf die motorische Sphäre, besteht darin, daß
nach einem unliebsamen Ereignis, ebenso
nach einer im Sinne der Neurose bedeutsamen
eigenen Tätigkeit eine Pause eingeschoben
wird, in der sich nichts mehr ereignen darf,
keine Wahrnehmung gemacht und keine
Aktion ausgeführt wird. Dies zunächst sonderbare
Verhalten verrät uns bald seine Beziehung
zur Verdrängung. Wir wissen, bei Hysterie
ist es möglich, einen traumatischen Eindruck
der Amnesie verfallen zu laßen, bei der
Zwangsneurose ist dies oft nicht gelungen, das
Erlebnis ist nicht vergeßen, aber es ist von
seinem Affekt entblößt und seine assoziativen
Beziehungen sind unterdrückt oder unter-
brochen, so daß es wie isolirt dasteht und
auch nicht im Verlaufe der Denktätigkeit re-
produzirt wird. Der Effekt dieser Isolirung
ist dann der nämliche wie bei der Ver-
drängung mit Amnesie. Diese Technik wird
also in den Isolirungen der Zwangsneurose
reproduzirt, aber dabei auch in magischer
Absicht motorisch verstärkt. Was so auseinander-
gehalten wird, ist gerade das, was assoziativ
zusam̄engehört, die motorische Isolirung soll eine
Garantie für die Unterbrechung desaff
Zusam̄enhanges im Denken geben. Einen Vor-
wand für dies Verfahren der Neurose gibt
der normale Vorgang der Konzentration.
Was uns bedeutsam als Eindruck, als Aufgabe erscheint,
soll nicht durch die gleichzeitigen Ansprüche
anderer Denkverrichtungen oder Tätigkeiten
gestört werden. Aber schon im NormalenS.
32
wird die Konzentration dazu verwendet, nicht nur
das Gleichgiltige, nicht Dazugehörige, sondern vor allem
das unpassende Gegensätzliche fernzuhalten. Als das
Störendste wird empfunden, was ursprünglich
zusam̄engehört hat und durch den Fortschritt der
Entwicklung auseinander gerissen wurde, zB.
die Äußerungen der Ambivalenz des Vater-
komplexes in der Beziehung zu Gott oder
die Regungen der Exkretionsorgane in den
Liebeserregungen. So hat das Ich normaler Weise
eine große Isolirungsarbeit bei der Lenkung
des Gedankenablaufes zu leisten, und wir
wissen, in der Ausübung der analytischen Technik
müßen wir das Ich dazu erziehen, auf diese
sonst durchaus gerechtfertigte Funktion zeit-
weilig zu verzichten.Wir haben alle die Erfahrung gemacht, daß es dem
Zwangsneurotiker besonders schwer wird, die
psychoanalytische Grundregel zu befolgen. Wahrscheinlich
infolge der hohen Konfliktspan̄ung zwischen seinem
Überich und seinem Es ist sein Ich wachsamer,
dessen Isolirungen schärfer. Es hat während seiner
Denkarbeit zuviel abzuwehren, die Einmengung
unbewußter Phantasien, die Äußerung der
ambivalenten Strebungen. Es darf sich nicht gehen
lassen, befindet sich fortwährend in Kampfbe-
reitschaft. Diesen Zwang zur Konzentration und
Isolirung unterstützt es dann durch die magischen
Isolirungsaktionen, die als Symptome so auffällig
und praktisch so bedeutsam werden, an sich
natürlich nutzlos sind und den Charakter des
Zeremoniells haben.Indem es aber Assoziationen, Verbindung in
Gedanken, zu verhindern sucht, befolgt es eines
der ältesten und fundamentalsten Gebote
der Zwangsneurose, das Tabu der Berührung.
Wenn man sich die Frage vorlegt, warum die
Vermeidung von Berührung, Kontakt, Ansteck-
ung in der Neurose eine so große Rolle
spielt und zum Inhalt so komplizirter Systeme
gemacht wird, so findet man die Antwort,
daß die Berührung, der körperliche Kontakt,
das nächste Ziel sowol der aggressiven sowie
der zärtlichen Objektbesetzung ist. Der Eros
will die Berührung, denn er strebt nach
Vereinigung, Aufhebung der Raumgrenzen
zwischen Ich und geliebtem Objekt. Aber auch
die Destruktion, die vor der Erfindung der Fern-
waffe nur aus der Nähe erfolgen konnte,
muß die körperliche Berührung, das Handanlegen,
voraussetzen. Eine Frau berühren ist im Sprachge-
brauch ein Euphemismus für ihre Benützung
als Sexualobjekt geworden, das Glied nicht
berühren, ist der Wortlaut des Verbots
der autoerotischen Befriedigung. Da die Zwangs-
neurose zu Anfang die erotische Berührung,S.
33
dann nach der Regression die als Aggression maskirte
Berührung verfolgte, ist nichts anderes für sie in so
hohem Grade verpönt worden, nichts so geeignet,
zum Mittelpunkt eines Verbotsystems zu werden.
Die Isolierung ist aber Aufhebung der Kontaktmöglich-
keit, Mittel, ein Ding jeder Berührung zu ent-
ziehen, und wenn der Neurotiker auch einen Eindruck
oder eine Tätigkeit durch eine Pause isolirt gibt
er uns symbolisch zu verstehen, daß er die Gedanken
an sie nicht in assoziative Berührung mit
anderen kommen lassen will.So weit reichen unsere Untersuchungen über die
Symptombildung. Es verlohnt sich kaum, sie zu
resumiren, sie sind ergebnisarm und unvoll-
ständig geblieben, haben auch wenig gebracht, was
nicht schon früher bekannt gewesen wäre. Die
Symptombildung bei anderen Affektionen als bei
den Phobien, der Konversionshysterie und der
Zwangsneurose in Betracht zu ziehen, wäre aussichtslos;
es ist zu wenig darüber bekannt. Aber auch schon
aus der Zusam̄enstellung dieser drei Neurosen erhebt
sich ein schwerwiegendes, nicht mehr aufzuschiebendes
Problem. Für alle drei ist die Zerstörung des
Oedipuskomplexes der Ausgang, in allen, nehmen
wir an, die Kastrationsangst der Motor des
Ichsträubens. Aber nur in den Phobien kom̄t solche
Angst zum Vorschein, wird sie eingestanden.
Was ist bei den zwei anderen Formen aus ihr
geworden, wie hat das Ich sich solche Angst erspart?
Das Problem verschärft sich noch, wenn wir an die
vorhin erwähnte Möglichkeit denken, daß die
Angst durch eine Art Vergärung aus der im
Ablauf gestörten Libidobesetzung selbst hervor-
geht, und weiters: steht es fest, daß die Kastrations-
angst der einzige Motor der Verdrängung
(oder Abwehr) ist? Wenn man an die Neurosen
der Frauen denkt, muß man das bezweifeln,
denn so sicher sich der Kastrationskomplex bei
ihnen konstatiren läßt, von einer Kastrations-
angst im richtigen Sinne kann man bei bereits
vollzogener Kastration doch nicht sprechen.VII
Kehren wir zu den infantilen Thierphobien zurück,
wir verstehen diese Fülle doch besser als alle anderen.
Das Ich muß also hier gegen eine libidinöse Objekt-
besetzung des Es (die des positiven oder des
negativen Oedipuskomplexes) einschreiten, weil
es verstanden hat, ihr nachgeben brächte die
Gefahr der Kastration mit sich. Wir haben
das schon erörtert und finden noch Anlaß, uns
einen Zweifel klar zu machen, der von dieser
ersten Diskussion erübrigt ist. Sollen wir
beim kl. Hans (also im Falle des positiven
Oedipuskomplexes) annehmen, daß es die zärtliche
Regung für die Mutter oder die aggressiveS.
34
gegen den Vater ist, welche die Abwehr des Ichs
herausfordert? Praktisch schiene das gleichgiltig,
besonders da die beiden Regungen einander
bedingen, aber ein theoretisches Interesse knüpft
sich an die Frage, weil nur die zärtliche
Strömung für die Mutter als eine rein erotische
gelten kann. Die aggressive istwegwesentlich vom
Destruktionstrieb abhängig, und wir haben im̄er
geglaubt, bei der Neurose wehre sich das Ich
gegen Ansprüche der Libido, nicht der anderen
Triebe. In der Tat sehen wir, daß nach der Bildung
der Phobie die zärtliche Mutterbindung wie
verschwunden ist, sie ist durch die Verdrängung
gründlich erledigt worden, an der aggressiven
Regung hat sich aber die Symptom‑(Ersatz‑)Bildung
vollzogen. Im Falle des Wolfsman̄es
liegt es einfacher, die verdrängte Regung
ist wirklich eine erotische, die feminine
Einstellung zum Vater, und an ihr vollzieht
sich auch die Symptombildung.Es ist fast beschämend, daß wir nach so langer
Arbeit noch im̄er Schwierigkeiten in
der Auffassung der fundamentalsten
Verhältniße finden, aber wir haben uns
vorgenom̄en, nichts zu vereinfachen und
nichts zu verheimlichen. Wenn wir nicht
klar sehen können, wollen wir wenig-
stens die Unklarheiten schart sehen.
Was uns hier im Wege steht, ist offenbar
eine Unebenheit in der Entwicklung
unserer Trieblehre. Wir hatten zuerst
die Organisationen der Libido von der
oralen über die sadistisch‑anale zur
genitalen Stufe verfolgt und dabei alle
Komponenten des Sexualtriebs einander
gleichgestellt. Später erschien uns der Sadismus
als der Vertreter eines anderen, dem
Eros gegensätzlichen Triebes. Die neue Auf-
fassung von den zwei Triebgruppen scheint
die frühere Konstruktion von den
sukzessiven Phasen der Libidoorganisation
zu sprengen. Die hilfreiche Auskunft aus
dieser Schwierigkeit brauchen wir aber
nicht neu zu erfinden. Sie hat sich uns
längst geboten und lautet, daß wir es
kaum jemals mit reinen Triebregungen
zu thun haben, sondern durchwegs mit
Legierungen beider Triebe in verschied-
enen Mengenverhältnißen. Die sadistische
Objektbesetzung hat also auch ein Anrecht,
als eine libidinöse behandelt zu
werden, die Organisationen der Libido
brauchen nicht revidirt zu werden,S.
35
die aggressive Regung gegen den Vater kann
mit demselben Anrecht Objekt der Verdräng-
ung werden wie die zärtliche für die
Mutter. Immerhin setzen wir als Stoff für
spätere Überlegung die Möglichkeit bei Seite,
daß die Verdrängung ein Prozeß ist, der
eine besondere Beziehung zur Genital-
organisation der Libido hat, daß das Ich
zu anderen Methoden der Abwehr greift,
wenn es sich der Libido auf anderen Stufen
der Organisation zu erwehren hat, und
setzen wir fort. Ein Fall wie der des kl.
Hans gestattet uns keine Entscheidung; hier
wird zwar eine aggressive Regung durch
Verdrängung erledigt, aber nachdem die
Genitalorganisation bereits erreicht ist.Wir wollen diesmal die Beziehung
zur Angst nicht aus den Augen lassen.
Wir sagten, so wie das Ich die Kastrationsgefahr
erkannt hat, gibt es das Angstsignal und
inhibirt mittels der Lust‑Unlust‑Instanz
auf eine weiter nicht einsichtliche Weise
den bedrohlichen Besetzungsvorgang im Es.
Gleichzeitig vollzieht sich die Bildung der Phobie.
Die Kastrationsangst erhält ein anderes Objekt
und einen entstellten Ausdruck: vom Pferd
gebissen (vom Wolf gefreßen), anstatt vom
Vater kastrirt zu werden. Die Ersatz-
bildung hat zwei offenkundige Vorteile, erstens
daß siede¿einem Ambivalenzkonflikt
ausweicht, denn der Vater ist ein gleichzeitig
geliebtes Objekt und zweitens, daß sie
dem Ich gestattet die Angstentwicklung einzu-
stellen. Die Angst der Phobie ist nämlich
eine fakultative, sie tritt nur auf, wenn ihr Objekt
Gegenstand der Wahrnehmung wird. Das ist ganz
korrekt, nur dann ist nämlich die Gefahr-
situation vorhanden. Von einem abwesenden
Vater braucht man auch die Kastration
nicht zu befürchten. Nun kann man den
Vater nicht wegschaffen, er zeigt sich immer,
wannmaner will. Ist er aber durch das Thier
ersetzt, so braucht man nur den Anblick, d. h.
die Gegenwart des Thieres zu vermeiden, um
frei von Gefahr und Angst zu sein. Der kl. Hans
legt seinem Ich also eine Einschränkung auf, er
produzirt die Hem̄ung, nicht auszugehen, um
nicht mit Pferden zusam̄enzutreffen. Der kleine
Russe hat es noch bequemer, es ist kaum ein
Verzicht für ihn, daß er ein gewißes Bilder-
buch nicht mehr zur Hand nim̄t. Wenn die
schlim̄e Schwester ihm nicht immer wieder
das Bild des aufrechtstehenden Wolfes
in diesem Buch vor Augen halten würde,
dürfte er sich vor seiner Angst gesichert fühlen.S.
36
Ich habe früher einmal der Phobie den Charakter
einer Projektion zugeschrieben, indem sie eine
innere Triebgefahr durch eine äußere Wahrnehm-
ungsgefahr ersetzt. Das bringt den Vorteil daß
man sich gegen die äußere Gefahr durch
Flucht und Vermeidung der Wahrnehmung
schützen kann, während gegen die Gefahr
von innen keine Flucht nützen kann.
Meine Bemerkung ist nicht unrichtig, aber sie
bleibt an der Oberfläche. Der Triebanspruch
ist ja nicht an sich eine Gefahr, sondern
nur darum, weil er eine richtige äußere
Gefahr, die der Kastration, mit sich bringt.
So ist im Grunde bei der Phobie doch nur eine äußere
Gefahr durch eine andere ersetzt.
Daß das Ich sich bei der Phobie durch eine Ver-
meidung oder ein Hem̄ungssymptom der
Angst entziehen kann, stim̄t sehr gut zur
Auffassung, diese Angst sei nur ein Affekt-
signal und an der oekonomischen Situation
kann das Auftreten oder Ausblieben einer
Wahnehmung nichts geändert worden.Die Angst der Thierphobien ist also eine Affekt-
reaktion des Ichs auf die Gefahr; die Gefahr,
die hier signalisirt wird, die der Kastration.
Kein anderer Unterschied von der Realangst, die das
Ich normaler Weise in Gefahrsituationen äußert,
als daßder Inhalt der Angst unbewuft bleibtdas Motiv
und nur in einerEntstellung bewußt wird.¿Dieselbe Auffassung wird sich uns, glaube ich, auch
für die Phobien Erwachsener, giltig erweisen,
wenngleich das Material, das die Neurose verar-
beitet, sehr viel reichhaltiger ist und einige
Momente zur Symptombildung hinzukom̄en. Im
Grunde ist es das nämliche. Der Agoraphobe legt
seinem Ich eine Beschrinkung auf, um einer
Triebgefahr zu entgehen. Die Triebgefahr ist
die Versuchung, seinen erotischen Gelüsten
nachzugeben, wodurch er wieder wie in der
Kindheit die Gefahr der Kastration, oder eine
ihr analoge heraufbeschwören würde. Als Beispiel
führe ich den Fall eines jungen Mannes
an, der agoraphob wurde, weil er befürchtete,
den Lockungen von Prostituirten nachzugeben
und sich zur Strafe Syphilis zu holen. Ich weiß
wohl, daß viele Fälle eine komplizirtere
Struktur zeigen, und daß viele andere
verdrängte Triebregungen in die Phobie
einmünden können, aber diese sind nur
auxiliär und haben sich meist nachträglich mit
dem Fundament Kern der Neurose in Ver-
bindung gesetzt. Die Symptomatik der Agora-
phobie wird dadurch komplizirt, daß das Ich
sich nicht damit begnügt, auf etwas zu verzichten;S.
37
es thut noch etwas hinzu, um der Situation ihre Gefahr
zu benehmen. Diese Zutat ist gewöhnlich eine zeitliche
Regression in die Kinderjahre (im extremen Fall
bis in den Mutterleib) in Zeiten, in denen man
gegen die heute drohenden Gefahren geschützt war
undtritt als die Bedingung auf, unter derersehe
der Verzicht unterbleiben kann. So kann der
Agoraphobe auf die Straße gehen, wenn er wie
ein kleines Kind von einer Person seines
Vertrauens begleitet wird.Dieselbe RücksichtDas selbe
mag ihm auch gestatten, allein auszugehen, wenn
er sich nur nicht über eine bestim̄te Strecke
von seinem Haus entfernt, nicht in Gegenden
geht, die er nicht gut kennt und wo er den
Leuten nicht bekannt ist. In der Auswal
dieser Bestimmungen zeigt sich der Einfluß
der infantilen Momente, die ihn durch
seine Neurose beherrschen. Ganz eindeutig, auch
ohne solche infantile Regression ist die Phobie vor
dem Alleinsein, die im Grunde der Versuchung
zur einsamen Onanie ausweichen will. Die
Bedingung der infantilen Regression ist natürlich die
zeitliche Entfernung von der Kindheit.Die Phobie stellt sich in der Regel her nachdem unter ge-
wissen Umständen – auf der Strafte, auf der Eisenbahn,
im Alleinsein – ein erster Angstanfall erlebt
worden ist. Dann ist die Angst gebannt, tritt aber
jedesmal wieder auf, wenn die schützende Beding-
ung nicht eingehalten werden kann. Der Mechan-
ismus der Phobie thut als Abwehrmittel gute
Dienste und zeigt eine große Neigung zur Stabil-
ität. Eine Fortsetzung des Abwehrkampfes, der sich
jetzt gegen das Symptom richtet, tritt nicht not-
wendig, ein.VIIIWas wir über die Angst bei den Phobien erfahren
haben, bleibt noch für die Zwangsneurose verwert-
bar. Es ist nicht schwierig, die Situation der Zwangs-
neurose auf die der Phobie zu reduziren. Der
Motor aller späteren Symptombildung ist hier offenbar
die Angst des Ichs vor seinem Überich. Die Feind-
seligkeit des Überichs ist die Gefahrsituation, der
sich das Ich entziehen muß. Hier fehlt jeder
Anschein einer Projektion, die Gefahr ist
durchaus verinnerlicht. Aber wenn wir uns
fragen, was das Ich von seiten des Überichs
befürchtet, so drängt sich die Auffassung auf, daß die
Strafe des Überichs eine Fortbildung der Kastrat-
ionsstrafe ist. Wie das Überich der unpersönlich
gewordene Vater ist, so hat sich die Angst vor
der durch ihn drohenden Kastration zur unbestim̄-
ten sozialen oder Gewissensangst umgewandelt.
Aber diese Angst ist gedeckt, das Ich entzieht sich ihr,
indem es die ihm auferlegten Gebote, Vorsichten
und Bußhandlungen gehorsam ausführt. Wenn es
daran gehindert wird, dann tritt sofort ein
äußerst peinliches Unbehagen auf, in dem wirS.
38
das Aequivalent der Angst erblicken dürfen,
das die Kranken selbst der Angst gleichstellen.
Unser Ergebnis lautet also: Die Angst ist die Reaktion
auf die Gefahrsituation; sie wird dadurch erspart,
daß das Ich etwas thut, um die Situation zu
vermeiden oder sich ihr zu entziehen. Man
könnte nun sagen, die Symptome werden geschaffen,
um die Angstentwicklung zu vermeiden, aber
das läßt nicht tief blicken. Es ist richtiger zu
sagen, die Symptome werden geschaffen, um
die Gefahrsituation zu vermeiden, die durch
die Angstentwicklung signalisirt wird. Diese
Gefahr war aber in den bisher betrachteten
Fällen die Kastration oder etwas von ihr
Abgeleitetes.Wenn die Angst die Reaktion des Ichs auf die Gefahr
ist, so liegt es nahe, die traumatische Neurose
welche sich so häufig an überstandene Lebensge-
fahr anschließt, als direkte Folge der Lebens‑ oderTodesangst mit Beiseitesetzung der¿a¿es
Abhängigkeiten des Ichs und der Kastration aufzu-
fassen. Das ist auch von den meisten Beobachtern
der traumatischen Neurosen des letzten Krieges
geschehen, und es ist triumphierend verkündet
worden, nun sei der Beweis erbracht, daß eine
Gefährdung des Selbsterhaltungstriebes eine
Neurose erzeugen könne ohne jede Beteilig-
ung der Sexualität und ohne Rücksicht auf die die komplizirten
Annahmen der Psychoanalyse. Es ist in der Tat
außerordentlich zu bedauern, daß nicht eine
einzige verwertbare Analyse einer traum-
atischen Neurose vorliegt. Nicht wegen des
Widerspruches gegen die ätiologische Bedeut-
ung der Sexualität, denn dieser ist längst
durch die Einführung des Narzißmus aufge-
hoben worden, der die libidinöse Besetzung
des Ichs in eine Reihe mit den Objektbesetz-
ungen bringt und die libidinöse Natur des
Selbsterhaltungstriebes betont, sondern weil wir
durch den Ausfall dieser Analysen die kostbarste
Gelegenheit zu entscheidenden Aufschlüßen über
das Verhältnis zwischen Angst und Symptom-
bildung versäumt haben. Es ist nach allem, was
wir von der Struktur der simpleren Neurosen
des täglichen Lebens wissen, sehr unwahrscheinlich,
daß eine Neurose nur durch die objektive
Tatsache der Gefährdung ohne Beteiligung der
tieferen unbewußten Schichten des seelischen
Apparats zustande kom̄en sollte. Im Unbewußten
ist aber nichts vorhanden, was unserem Begriff
der Lebensvernichtung Inhalt geben kann.
Die Kastration wird sozusagen vorstellbar durch
die tägliche Erfahrung der Trennung vom Darm-
inhalt und durch den bei der Entwöhnung
erlebten Verlust der mütterlichen Brust; etwas
dem Tod Ähnliches ist aber nie erlebt worden,S.
39
oder hat wie die Ohnmacht keine nachweisbare Spur
hinterlassen. Ich halte darum an der Vermutung
fest, daß die Todesangst als Analogon der Kastrat-
ionsangst aufzufassen ist, und daß die Situation
auf welche das Ich reagirt, das Verlassensein vom
schützenden Überich – den Schicksalsmächten – ist –,
womit die Sicherung gegen alle Gefahren ein
Ende hat. Außerdem kom̄t in Betracht, daß
bei den Erlebnißen, die zur traumatischen
Neurose führen, äußerer Reizschutz durchbrochen
wird und übergroße Erregungsmengen an den
seelischen Apparat herantreten, so daß hier
die zweite Möglichkeit vorliegt, daß Angst
nicht nur als Affekt signalisirt sondern auch aus den
oekonomischen Bedingungen der Situation
neu erzeugt wird.Durch die letzte Bemerkung, das Ich sei durch regel-
mäßig wiederholte Objektverluste auf die Kastrat-
ion vorbereitet worden, haben wir eine neue
Auffassung der Angst gewonnen. Betrachteten
wir sie bisher als Affektsignal der Gefahr, so
erscheint sie uns nun, da es sich so oft um die
Gefahr der Kastration handelt, als die Reaktion
auf einen Verlust, eine Tren̄ung. Mag auch
mancherlei, was sich sofort ergiebt, gegen diesen
Schluß sprechen, so muß uns doch eine sehr
merkwürdige Übereinstim̄ung auffallen.
Das erste Angsterlebnis des Menschen wenig-
stens ist die Geburt und diese bedeutet
objektiv die Trennung von der Mutter, kön̄te
einer Kastration der Mutter (nach der Gleichung
Kind = Penis) verglichen werden. Nun wäre es sehr
befriedigend, wenn die Angst als Symbol einer
Trennung bei jeder späteren Tren̄ung wieder-
holt würde, aber leider steht einer Verwert-
ung dieses Zusam̄enstim̄ens im Wege, daß ja
die Geburt subjektiv nicht als Tren̄ung
von der Mutter erlebt wird, da diese
als Objekt dem durchaus narzißtischen Foetus
völlig unbekannt ist. Ein anderes Bedenken
wird lauten, daß uns die Affektreaktionen
auf eine Tren̄ung bekannt sind und daß
wir sie als Schmerz und Trauer, nicht als
Angst empfinden. Allerdings erinnern wir
uns, wir haben bei der Diskussion der
Trauer auch nicht verstehen können, warum
sie so schmerzhaft ist.VIII
Es ist Zeit, sich zu besinnen. Wir suchen offenbar
nach einer Einsicht, die uns das Wesen der Angst
erschließt, nach einem Entweder‑Oder, das die
Wahrheit über sie vom Irrtum scheidet. Aber
das ist schwer zu haben, die Angst ist nicht einfach
zu erfassen. Bisher haben wir nichts erreichtS.
40
als Widersprüche, zwischen denen ohne Vorurteil
keine Wal möglich war. Ich schlage jetzt vor, es
anders zu machen; wir wollen unparteiisch
alles zusam̄entragen, was wir von der Angst
aussagen können, und dabei auf die Erwartung einer
nahen Synthese verzichten.Die Angst ist also in erster Linie etwas Empfundenes
Wir heißen sie einen Affektzustand, obwol wir
auch nicht wissen, was ein Affekt ist. Sie hat
als Empfindung offenbarsten Unlustcharakter
aber das erschöpft nicht ihre Qualität; nicht
jede Unlust können wir Angst heißen. Es
giebt andere Empfindungen mit Unlustcharakter
(Span̄ungen, Schmerz, Trauer) und die Angst
muß außer diesemr Unlustqualität andere
Besonderheiten haben. Eine Frage: werden
wir es dazu bringen, die Unterschiede zwischen
diesen verschiedenen Unlustaffekten zu
verstehen?Aus der Empfindung der Angst können wir
immerhin etwas entnehmen. Ihr Unlustchar-
akter scheint eine besondere Note zu haben,
das ist schwer zu beweisen, aber wahrscheinlich,
es wäre nichts Auffälliges. Aber außer diesem
schwer isolirbaren Eigencharakter nehmen
wir an der Angst bestim̄tere körperliche
Sensationen wahr, die wir auf bestim̄te
Organe beziehen. Da uns die Physiologie
der Angst hier nicht interessirt, genügt es
uns, einzelne Repräesentanten dieser Sensat-
ionen hervorzuheben, also die häufigsten
und deutlichsten, an den Atmungsorganen
und am Herzen. Sie sind uns Beweise dafür,
daß motorische Innervationen, also Abfuhr-
vorgänge an dem Ganzen der Angst Anteil
haben. Die Analyse des Angstzustandes
ergiebt also 1) einen spezifischen Unlust-
charakter, 2) Abfuhrreaktionen, 3) die Wahr-
nehmungen derselben.Die Punkte 2) und 3) ergeben uns bereits einen
Unterschied gegen die ähnlichen Zustände
zB der Trauer und des Schmerzes. Bei diesen
gehören die motorischen Äußerungen nicht
dazu; wo sie vorhanden sind, sondern sie
sich deutlich nicht als Bestandteile des
Ganzen, sondern als Konsequenzen oder
Reaktionen darauf. Die Angst ist also ein
besonderer Unlustzustand mit Abfuhrreaktionen
auf bestimmte Bahnen. Nach unseren allge-
meinen Anschauungen werden wir glauben,
daßbeider Angst eine Steigerung der Erreg-
ung zu Grunde liegt, die einerseits den
Unlustcharakter schafft, andererseits sich
durch die genannten Abfuhren erleichtert.S.
41
Diese rein physiologische Zusam̄enfassung wird uns
aber kaum genügen, wir sind versucht anzunehmen,
daß ein historisches Moment da ist welches die
Sensationen und Innervationen der Angst
fest an einander bindet. Mit anderen Worten,
daß der Angstzustand die Reproduktion
eines Erlebnißes ist, das die Bedingungen
einer solchen Reizsteigerung und der Abfuhr
auf bestimmte Bahnen enthielt, wodurch also
die Unlust der Angst ihren spezifischen Charakter
erhält. Als solches vorbildliches Erlebnis
bietet sich uns für den Menschen die Geburt
und darum sind wir geneigt, im Angstzu-
stand eine Reproduktion des Geburtstrau-
mas zu sehen.Wir haben damit nichts behauptet, was der
Angst eine Ausnahmestellung unter den
Affektzuständen einräumen würde. Wir
meinen, auch die anderen Affekte sind
Reproduktionen alter, lebenswichtiger
eventuell vorindividueller Ereigniße und
bringen sie als allgemeine, typische, mitge-
borene hysterische Anfälle in Vergleich
mit den spät und individuell erworbenen
Attaquen der hysterischen Neurose, deren
Genese und Bedeutung als Erinnerungssymbole
uns durch die Analyse deutlich geworden ist.
Natürlich wäre es sehr wünschenswert, diese Auf-
fassung für eine Reihe anderer Affekte
beweisend durchführen zu können, wovon
wir heute weit entfernt sind.Die Zurückführung der Angst auf das Geburts-
ereignis hat sich gegen naheliegende Einwände
zu verteidigen. Die Angst ist eine wahrscheinlich
allen Organismen, jedenfalls allen höheren
zukom̄ende Reaktion, die Geburt wird nur
von den Säugetieren erlebt, und es ist fraglich,
ob sie bei allen diesen die Bedeutung eines
Traumas hat. Es gibt also Angst ohne Geburts-
vorbild. Aber dieser Einwand setzt sich über die
Schranken zwischen Biologie und Psychologie
hinaus. Gerade weil die Angst eine biologisch
unentbehrliche Funktion zu erfüllen hat, als
Reaktion auf den Zustand der Gefahr, mag sie
bei verschiedenen Lebewesen auf verschiedene
Art eingerichtet worden sein. Wir wissen auch
nicht, ob sie bei dem Menschen ferner stehenden
Lebewesen denselben Inhalt an Sensationen
und Innervationen hat wie beim Menschen.
Das hindert also nicht, daß die Angst beim
Menschen den Geburtsvorgang zum Vorbild
nimmt.S.
42
Wenn dies die Struktur und die Herkunft der
Angst ist, so lautet die weitere Frage: Was ist ihre
Funktion? Bei welchen Gelegenheiten wird
sie reproduzirt? Die Antwort scheint nahe liegend
und zwingend zu sein. Die Angst entstand als
Reaktion auf einen Zustand der Gefahr, sie
wird nun regelmäßig reproduzirt, wenn sich
ein solcher Zustand wieder einstellt.Dazu ist aber einiges zu bemerken. Die Innervationen
des ursprünglichen Angstzustandes waren wahr-
scheinlich auch sinnvoll und zweckmäßig, ganz so
wie die Muskelaktionen des ersten hysterischen
Anfalls. Wenn man den hysterischen Anfall
erklären will, braucht man ja nurdiezu
Situation zu suchen, in der die betreffenden
Bewegungen Anteile einer berechtigten Hand-
lung waren. So hat wahrscheinlich während der
Geburt die Richtung der Innervation auf
die Atmungsorgane die Tätigkeit der Lungenvorbereitet, die Beschleunigung deswachge
Herzschlags gegen die Vergiftung des Blutes
arbeiten wollen. Diese Zweckmäßigkeit
entfällt natürlich bei der späteren Repro-
duktion des Angstzustandes als Affekt, wie
sie auch beim wiederholten hysterischen Anfall
vermißt wird. Wenn also das Individuum in
eine neue Gefahrsituation gerät, so kann es
leicht unzweckmäßig werden, daß es mit
dem Angstzustand, der Reaktion auf eine frühere
Gefahr antwortet, anstatt die der jetzigen adaeq-
uaten Reaktion einzuschlagen. Die Zweck-
mäßigkeit tritt aber wieder hervor, wenn die
Gefahrsituation als herannahend erkannt und
durch den Angstausbruch signalisirt wird. Die
Angst kann dann sofort durch geeignetere
Maßnahmen abgelöst werden. Es sondern sich
also sofort zwei Möglichkeiten des Auftretens
der Angst die eine, unzweckmäßige, in einer
neuen Gefahrsituation, die andere, zweckmäßige
zur Signalisierung und Verhütung einer solchen.Was aber ist eine „Gefahr“? Im Geburtsakt
besteht eine objektive Gefahr für die Erhaltung
des Lebens, wir wissen, was das in der Realität
bedeutet. Aber psychologisch sagt es uns gar nichts.
Die Gefahr der Geburt hat noch keinen psychischen
Inhalt. Sicherlich dürfen wir beim Foetus nichts
voraussetzen, was sich irgendwie einer Art
von Wissen um die Möglichkeit eines Ausgangs
in Lebensvernichtung annähert. Der Foetus kann
nichts anderes bemerken als eine großartige
Störung in der Oekonomie seiner narzißtischen
Libido. Große Erregungssum̄enkomdringen zu ihm,
erzeugenungneuartige Unlustempfindungen, manche
Organe erzwingen sich erhöhte Besetzungen, was wie
ein Vorspiel der bald beginnenden Objektbesetz-
ung ist; was davon wird als Merkzeichen einer
„Gefahrsituation“ Verwertung finden?S.
43
Wir wissen leider viel zu wenig von der seelischen
Verfassung des Neugeborenen, um diese Frage
direkt zu beantworten. Ich kann nicht einmal für
die Brauchbarkeit der eben gegebenen Schilderung
einstehen. Es ist leicht zu sagen, das Neugeborene werde
den Angstaffekt in allen Situationen wiederholen,durchdieanes an das Geburtsereignis erinnertewird. Der entscheidende Punkt bleibt aber, wodurch
und woran es erinnert wird.Es bleibt uns kaum etwas anderes übrig, als die
Anläße zu studiren, bei denen der Säugling
oder das ein wenig ältere Kind sich zur Angstent-
wicklung bereit zeigt. Rank hat in seinem
Buch „Das Trauma der Geburt“x) einen sehr energ-
ischen Versuch gemacht,die Beziehungen der
frühesten Phobien des Kindes zum Eindruck
des Geburtsereignißes zu erweisen, allein
ich kann ihn nicht für geglückt halten. Man
kann ihm zweierlei vorwerfen: Erstens, daß
er auf der Voraussetzung beruht, das Kind
habe bestim̄te Sinneseindrücke, insbesondere
visueller Natur, bei seiner Geburt empfangen
deren Erneuerung die Erinnerung an das
Geburtstrauma und somit die Angstreaktion
hervorrufen kann. Diese Annahme ist völlig
unbewiesen und sehr unwahrscheinlich; es ist
nicht glaubhaft, daß das Kind andere als taktile
und Allgemeinsensationen vom Geburtsvorgang
bewahrt hat. Wenn es also später Angst vor
kleinen Thieren zeigt, die in Löchern ver-
schwinden oder aus diesen herauskom̄en,so nehmen wir eine Analogie wahr derenKenntnis wirso erklärt Rank diese Reaktion
durch die Wahrnehmung einer Analogie, die
aber dem Kinde nicht auffällig werden
kann. Zweitens, daß Rank in der Würdigung
dieser späteren Angstsituationen je nach
Bedürfnis die Erinnerung an die glück-
liche intrauterine Existenz oder an deren
traumatische Störung wirksam werden
läßt, womit der Willkür in der Deutung
Thür und Thor geöffnet wird. Einzelne
Fälle dieser Kinderangst widersetzen sich direkt
der Anwendung des Rank’schen Prinzips. Wenn
das Kind in Dunkelheit und Einsamkeit gebracht
wird, so sollten wir erwarten, daß es diese
Wiederherstellung der intrauterinen Situation
mit Befriedigung aufnim̄t, und wenn die
Tatsache, daß es gerade dann mit Angst
reagirt, auf die Erinnerung an die Störung
dieses Glücks durch die Geburt zurückgeführt
wird, so kann man das Gezwungene
dieses Erklärungsversuches nicht länger
verkennen.Ich muß den Schluß ziehen, daß die frühesten
Kindheitsphobien eine direkte Rückführung
auf den Eindruck des Geburtsaktes nicht
zulassen und sich überhaupt bis jetzt der
Erklärung entzogen haben. Eine gewißeS.
44
Angstbereitschaft des Säuglings ist unverkennbar.
Sie ist nicht etwa unmittelbar nach der Geburt
am stärksten, um dann langsam abzunehmen,
sondern tritt erst später mit dem Fort-
schritt der seelischen Entwicklung hervor,
und hält über eine gewiße Periode der
Kinderzeit an. Wenn sich solche Frühphobien
über diese Zeit hinaus erstrecken, erwecken
sie den Verdacht einer neurotischen Störung,
wiewol uns ihre Beziehung zu den späteren
deutlichen Neurosen der Kindheit keineswegs
einsichtlich ist.Nur wenige Fälle der kindlichen Angstäußerung
sind uns verständlich; an diese werden
wir uns halten müßen. So, wenn das Kind
allein, in der Dunkelheit ist und wenn es eine
fremde Person an Stelle der ihm vertrauten
(der Mutter) findet. Diese drei Fälle reduziren
sich auf eine einzige Bedingung, das Vermissen
der geliebten (ersehnten) Person. Von da an
ist aber der Weg zum Verständnis der Angst
und zur Vereinigung der Widersprüche, die sich
an sie zu knüpfen scheinen, frei.Das Erinnerungsbild der ersehnten Person wird
gewiß intensiv, wahrscheinlich zunächst halluzinatorisch
besetzt. Aber das hat keinen Erfolg und nun hat es
den Anschein, als ob diese Sehnsucht in Angst
umschlüge. Es macht geradezu den Eindruck, als wäre
diese Angst ein Ausdruck der Ratlosigkeit,
als wüßte das noch sehr unentwickelte Wesen
mit dieser sehnsüchtigen Besetzung nichts Besseres
anzufangen. Die Angst erscheint so als Reaktion
auf das Vermissen des Objekts und es drängen
sich uns die Analogien auf daßdauch die
Kastrationsangst die Tren̄ung von einem
hochgeschätzten Objekt zum Inhalt hat und
daß die ursprünglichste Angst (die „Urangst“
der Geburt) bei der Trennung von der
Mutter entstand.Die nächste Überlegung führt über diese
Betonung des Objektverlustes hinaus.
Wenn der Säugling nach der Wahrnehmung der
Mutter verlangt, so doch nur darum, weil
er bereits aus Erfahrung weiß, daß sie
alle seine Bedürfniße ohne Verzug
befriedigt. Die Situation, die er als
„Gefahr" wertet, gegen die er versichert
sein will, ist also die der Unbefried-
igung, des Anwachsens der Bedürfnisspan-
nung, gegen die er ohnmächtig ist. Ich
meine, von diesem Gesichtspunkt aus ordnet
sich alles ein, die Situation der Unbefried-
igung, in der Reizgrößen eine unlustvolle
Höhe erreichen, ohne Bewältigung durchS.
45
psychische Verwendung und Abfuhr zu finden, muß
für den Säugling die Analogie mit dem Geburts-
erlebnis, die Wiederholung der Gefahrsituation
sein; das beiden Gemeinsame ist die oekonomische
Störung durch das Anwachsen der Erledigung
heischenden Reizgrößen, dieses Moment also
der eigentliche Kern der „Gefahr“. In beiden
Fällen tritt die Angstreaktion auf, die sich auch
noch beim Säugling als zweckmäßig er-
weist, indem die Richtung der Abfuhr auf
Atem‑ und Stim̄muskulatur nun die
Mutter herbeiruft, wie sie früher die
Lungentätigkeit zur Wegschaffung der inneren
Reize anregte. Mehr als diese Kennzeichnung
der Gefahr braucht das Kind von seiner
Geburt nicht bewahrt zu haben.Mit der Erfahrung, daß ein äußeres, durch
Wahrnehmung erfaßbares Objekt der an
die Geburt mahnenden gefährlichen Situation
ein Ende machen kann, verschiebt sich
nun der Inhalt der Gefahr von der oekonom-
ischen Situation auf seine Bedingung, den Objektverlust. Das
Vermissen der Mutter wird nun die Gefahr,
bei deren Eintritt der Säugling das Angst-
signal giebt, noch ehe die gefürchtete oekonom-
ische Situation eingetreten ist. Diese Wandlung
bedeutet einen ersten großen Fortschritt
in der Fürsorge für die Selbsterhaltung, sie
schließt gleichzeitig den Übergang von der
automatisch ungewollten Neuentstehung der Angst
zu ihrer beabsichtigten Reproduktion als
Signal der Gefahr ein.In beiden Hinsichten, sowol als automatisches
Phänomen wie als rettendes Signal,istzeigt
sich die Angsteinals Produkt der psychischen
Hilflosigkeit des Säuglings, welche das selbst-
verständliche Gegenstück seiner biologischen
Hilflosigkeit ist. Das auffällige Zusam̄entreffen,
daß sowol die Geburtsangst wie die Säuglings-
angst die Bedingung der Tren̄ung von
der Mutter anerkennt, bedarf keiner psycho-
logischen Deutung; es erklärt sich biologisch
einfach genugdaßaus der Tatsache, daß die
Mutter, die zuerst alle Bedürfnisse des
Foetus durch die Einrichtungen ihres Leibes
beschwichtigt hatte, dieselbe Funktion
zum Teil mit anderen Mitteln, auch nach
der Geburt fortsetzt. Intrauterinleben und
erste Kindheit sind weit mehr ein Kontinuum,
als uns die auffällige Zensur des Geburtsaktes
glauben läßt. Das psychische Mutterobjekt ersetzt dem
Kinde die biologische Foetalsituation. WirS.
46
dürfen darum nicht vergessen, daß im Intrauterin-
leben die Mutter kein Objekt war, und daß
es damals keine Objekte gab.Es ist leicht zu sehen, daß es in diesem Zusam̄enhange
keinen Raum für ein Abreagiren des
Geburtstraumas giebt, und daß eine andere
Funktion der Angst als die eines Signals
zur Vermeidung der Gefahrsituation nicht
aufzufinden ist. Die Angstbedingung des Objekt-
verlustes trägt nun noch ein ganzes Stück
weiter. Auch die nächste Wandlung der Angst,
die in der phallischen Phase auftretende
Kastrationsangst, ist eine Tren̄ungsangst
und an dieselbe Bedingung gebunden. Die
Gefahr ist hier die Tren̄ung von dem Genitale.
Ein vollberechtigt scheinender Gedankengang von
Ferenczi läßt uns hier die Linie des Zusam̄en-
hanges mit den früheren Inhalten der Gefahr-
situation deutlich erken̄en. Die hohe narzißt-
ische Einschätzung des Penis kann sich darauf be-
rufen, daß¿¿¿¿der Besitz dieses Organs
die Gewähr für eine Wiedervereinigung
mit der Mutter (dem Mutterersatz) im
Akt des Coitus enthält. Die Beraubung
dieses Gliedes ist soviel wie eine neuerliche
Trennung von der Mutter, bedeutet also
wiederum, einer unlustvollen Bedürfnis-
spannung (wie bei der Geburt) hilflos ausgeliefert
zu sein. Das Bedürfnis, dessen Ansteigen ge-
fürchtet wird, ist aber nun ein spezialisirtes,
das der genitalen Libido, nicht mehr ein
beliebiges wie in der Säuglingszeit. Ich
füge hier an, daß die Phantasie der Rückkehr
in den Mutterleib der Coitusersatz des
Impotenten (durch die Kastrationsdrohung Ge-
hem̄ten) ist. Im Sinne Ferenczi’s kann man
sagen, das Individuum, das sich zur Rückkehr
in den Mutterleib durch sein Genital-
organ vertreten lassen wollte, ersetzt
nun regressiv dies Organ durch seine ganze
Person.Die Fortschritte in der Entwicklung des Kindes,
die Zunahme seiner Unabhängigkeit, die
scharfe Sonderung seines seelischen Apparats
in mehrere Instanzen, das Auftreten neuer
Bedürfniße, können nicht ohne Einfluß
auf den Inhalt der Gefahrsituation bleiben.
Wir haben dessen Wandlung vom Verlust des
Mutterobjekts zur Kastration verfolgt und sehen
den nächsten Schritt durchdasdie Macht des
Überichserfolgenverursacht. Mit dem Un-
persönlichwerden der Elterninstanz, von der
man die Kastration befürchtete, wird
die Gefahr unbestim̄ter. Die Kastrations-
angst entwickelt sich zur Gewissensangst, zurS.
47
sozialen Angst. Es ist jetzt nicht mehr so leicht anzugeben,
was die Angst befürchtet. Die Formel: „Trevung,
Ausschluß aus der Horde“, trifft nur jenen
späteren Anteil des Überichs, der sich in An-
lehnung an soziale Vorbilder entwickelt
hat, nicht den Kern des Überichs, der der
introjizirten Elterninstanz entspricht.
Allgemeiner ausgedrückt, ist es der Zorn, die Strafe
des Überichs, der Liebesverlust von dessen
Seite, den das Ich als Gefahr wertet und mit
dem Angstsignal beantwortet. Als letzte Wand-
lung dieser Angst vor dem Überich ist mir
die Todes‑(Lebens‑)Angst, die Angst vor
der Projektion des Überichs in den Schicksals-
mächten erschienen.Ich habe früher einmal einen gewissen Wert auf
die Darstellung gelegt, daß es die bei der Ver-
drängung abgezogene Besetzung ist, welche die
Verwendung als Angstabfuhr erfährt. Das er-
scheint mir nun heute kaum wissenswert.
Der Unterschied liegt darin, daß ich vormals
die Angst in jedem Falle durch einen oekon-
omischen Vorgang automatisch entstanden glaubte,
während die jetzige Auffassung der Angst
als eines vom Ich beabsichtigtenFalleSignals
zum Zweck der Beeinflussung der Lust‑Unlustinstanz
uns von diesem oekonomischen Zwange
unabhängig macht. Es ist natürlich nichts gegen
die Annahme zu sagen, daß das Ich gerade
die durch die Abziehung bei der Verdräng-
ung frei gewordene Energie zur Erweckung
des Affekts verwendet, aber es ist bedeutungs-
los geworden, mit welchem Anteil Energie
dies geschieht.Ein anderer Satz, den ich einmal ausgesprochen,
verlangt nun nach Überprüfung im Lichte unserer
neuen Auffassung. Es ist die Behauptung, das Ich sei
die eigentliche Angststätte; ich meine, sie wird
sich als zutreffend erweisen. Wir haben nämlich
keinen Anlaß dem Überich irgendeine Angstäußer-
ung zuzuteilen.WasWenn aber von einer „Angst des Es“betrifftdie Rede ist, so hat man nicht zu wider-
sprechen, sondern einen ungeschickten Ausdruck
zu korrigiren. Die Angst ist ein Affektzustand,
der natürlich nur vom Ich verspürt werden kann.
Das Es kann nicht Angst haben wie das Ich, es ist
keine Organisation, kann Gefahrsituationen
nicht beurteilen. Dagegen ist es ein überaus häufiges
Vorkommnis, daß sich im Es Vorgänge vorbereiten
oder vollziehen, die dem Ich Anlaß zur Angstent-
wicklung geben; in der That sind die wahrschein-
lich frühesten Verdrängungen, wie die Mehr-
zal aller späteren, durch solche Angst des Ichs
vor einzelnen Vorgängen im Es motivirt. WirS.
48
unterscheiden hier wiederum mit gutem Grund die
beiden Fälle, daß sich im Es etwas ereignet, was
eine der Gefahrsituationen für’s Ich aktivirt
und es somit bewegt, zurHem̄ungInhibition das Angstsignal
zu geben, und den anderen Fall, daß sich im
Es die dem Geburtstrauma analoge Situation
herstellt, in der es automatisch zur Angstreaktion
kom̄t. Man bringt die beiden Fälle einander
näher, wenn man hervorhebt, daß der zweite
der ersten und ursprünglichen Gefahrsituation
entspricht, der erste aber einer der später aus
ihr abgeleiteten Angstbedingungen. Oder auf
die wirklich vorkom̄enden Affektionen be-
zogen, daß der zweite Fall in der Aetiologie
der Aktualneurosen verwirklicht ist, der erste
für die die Psychoneurosen charakteristisch
bleibt.Wir sehen nun, daß wir frühere Ermittlungen
nicht zu bezweifeln, sondern blog mit den
neueren Einsichten in Verbindung zu bringen
brauchen. Es ist nicht abzuzuweisen, daß bei Abstinenz,
mißbräuchlicher Störung im Ablauf der Sexual-
erregung, Ablenkung derselben von ihrer
psychischen Verarbeitung, direkt Angst ausLibidoentsteht, d. h. jener Zustand von Hilflosig-
keit des Ichs gegen eine übergroße Be-
dürfnisspan̄ung hergestellt wird, der wie
bei der Geburt in Angstentwicklung ausgeht
wobei es wieder eine gleichgiltige, aber nahe
liegende Möglichkeit ist, daß gerade der
Überschuß an unverwendeter Libido seine
Abfuhr in der Angstentwicklung findet.
Wir sehen, daß sich auf dem Boden dieser Aktual-
neurosen besonders leicht Psychoneurosen ent-
wickeln, das heißt wol, daß das Ich Versuche
macht, die Angst, die es eine Weile suspendirt
zu erhalten gelernt hat, zu ersparen und
durch Symptombildung zu binden.Wahrscheinlich würde die Analyse der traumat-
ischen Kriegsneurosen, welcher Name allerdings
sehr verschiedenartige Affektionen umfaßt, ergeben
haben, daß eine Anzal von ihnen an den Char-
akteren der Aktualneurosen Anteil hat.Als wir die Entwicklung der verschiedenen Ge-
fahrsituationen aus dem ursprünglichen Geburts-
vorbild darstellten, lag es uns ferne zu behaupten,
daß jede spätere Angstbedingung die
frühere einfach außer Kraft setzt. Die
Fortschritte der Ichentwicklung tragen allerding
dazu bei, die frühere Gefahrsituation zu
entwerten und bei Seite zu schieben, so
daß man sagen kann, einem bestim̄ten
Entwicklungsalter sei eine gewiße Angst-
bedingung wie adaequat zugeteilt. Die
Gefahr der psychischen Hilflosigkeit paßt zur
Lebenszeit der Unreife des Ichs,
Gefahr des zur Unselbständigkeit der
ersten Kinderjahre, wie die Kast-
rationsgefahr zur phallischen Phase die
Überichangst zur Latenzzeit. Aber es kön̄enS.
49
doch alle diese Gefahrsituationen und Angstbedingungen
nebeneinander fortbestehen bleiben und das Ich
auch zu späteren als den adäquaten Zeiten
zur Angstreaktion veranlassen, oder es können
mehrere von ihnen gleichzeitig in Wirksamkeit
treten. Möglicherweise bestehen auch engere
Beziehungen zwischen der wirksamen Gefahrsit-
uation und der Form der auf sie folgenden Neurose.xx)Als wir in einem früheren Stück dieser Untersuch-
ungen auf die Bedeutung der Kastrationsgefahr
bei mehr als einer neurotischen Affektion
stießen, erteilten wir uns die Mahnung, dies
Moment doch nicht zu überschätzen, da es bei
dem gewiß mehr zur Neurose disponirten weib-
lichen Geschlecht doch nicht ausschlaggebend sein
könnte. Wir sehen jetzt, daß wir nicht in Gefahr
sind, die Kastrationsangst für den einzigen
Motor der zur¿¿¿Neurose führenden
Abwehrvorgänge zu erklären. Ich habe an anderer
Stelle auseinandergesetzt, wie die Entwicklung
des kleinen Mädchens durch den Kastrations-
komplex zur zärtlichen Objektbe-
setzung gelenktwezur zärtlichen Obehktbe-
beziehung wird. Gerade beim Weibe scheint dieGefahrsituationAngstbedingung des Objektverlustes die wirk-
samste geblieben zu sein. Wir dürfen ander
ihrer Angstbedingung die kleine Modifikation
anbringen, daß es sich nicht mehr um das Ver-
missen oder den realen Verlust des Objekts
handelt, sondern um den Liebesverlust von
Seiten des Objekts. Da es sicher steht, daß die
Hysterie eine größere Affinität zur Weiblichkeit
hat ebenso wie die Zwangsneurose zur Männlichkeit,
so liegt die Vermutung nahe, die Angstbedingung
des Liebesverlustesstehtspiele bei Hysterie eine ähnliche
Rolle wie die Kastrationsdrohung bei den
Phobien, die Überichangst bei der Zwangsneurose.√49 gehört in Manus S. 48
IX
Was jetzt erübrigt, ist die Behandlung der Be-
ziehungen zwischen Symptombildung und Angst-
entwicklung.Zwei Meinungen darüber scheinen weit verbreitet
zu sein. Die eine nennt die Angst selbst ein
Symptom der Neurose, die andere glaubt an
ein weit innigeres Verhältnis zwischen beiden.
Ihr zufolge würde alle Symptombildung nur
unternommen werden, um der Angst zu
entgehen; die Symptome binden die psychische
Energie, die sonst als Angst abgeführt würde,
so daß die Angst das Grundphänomen
und Hauptproblem der Neurose wäre.S.
49a
xx)Seit der Unterscheidung von Ich und Es mußte auch
unser Interesse an den Problemen der Verdrängung
eine neue Belebung erfahren. Bisher hatte es uns
genügt, die dem Ich zugewendeten Seiten des
Vorgangs, die Abhaltung vom Bewußtsein und
von der Motilität und die Ersatz‑(Symptom‑)Bildung
ins’ Auge zu fassen, von der verdrängten
Triebregung selbst nahmen wir an, sie bleibe
im Unbewußten unbestimmt lange unver-
ändert bestehen. Nun wendet sich das Inter-
esse den Schicksalen des Verdrängten zu,
und wir ahnen, daß ein solcher unveränderter
und unveränderlicher Fortbestand nicht selbst-
verständlich, vielleicht nicht einmal gewöhnlich
ist. Die ursprüngliche Triebregung ist jedenfalls
durch die Verdrängung gehem̄t und von
ihrem Ziel abgelenkt worden. Ist aber ihr
Ansatz im Unbewußten erhalten gebliebenerhalten gebliebenund hat er sich resistent
gegen die verändernden und entwertenden
Einflüße des Lebens erwiesen? Bestehen also
die alten Wünsche noch, von deren früherenm
Existenz uns die Analyse berichtet? Die Ant-
wort scheint naheliegend und gesichert: Die ver-
drängten alten Wünsche müßen im Unbewußten
noch fortbestehen, da wir ihre Abköm̄linge, die
Symptome, noch wirksam finden. Aber sie ist nicht
zureichend, sie läßtnicht zwischen den beidenfür
Möglichkeiten entscheiden, ob der alte Wunsch
jetzt nur durch seine Abköm̄linge wirkt, denen
er all seine Besetzungsenergie übertragen
hat oder ob er außerdem selbst erhalten
geblieben ist. Wenn es sein Schicksal war, sich in
der Besetzung seiner Abköm̄linge zu erschöpfen,
so bleibt noch die dritte Möglichkeit, daß
er im Verlauf der Neurose durch Regression
wiederbelebt wurde, so unzeitgemäß er gegen-
wärtig sein mag. Man braucht diese Erwägungen
nicht für müßig zu halten, vieles an den Erschein-
ungen des krankhaften wie des normalen
Seelenlebens scheintsolche Fragestellungendiese
zu erfordern. In meiner Studie über den
Untergang des Oedipuskomplexes bin ich
auf den Unterschied zwischeneinerder bloßen
Verdrängung undeinerder wirklichen
Aufhebung einer alten Wunschregung auf-
merksam geworden.S.
50
Die zumindest partielle Berechtigung der
zweiten Behauptung läßt sich durch schlagende
Beispiele erweisen. Wenn man einen Agora-
phoben, den man auf die Straße begleitet
hat, dort sich selbst überläßt, produzirt er
einen Angstanfall; wenn man einen Zwangs-
neurotiker daran hindern läßt, sich nach einer
Berührung die Hände zu waschen, wird er
die Beute einer fast unerträglichen Angst. Es ist
also klar, die Bedingung des Begleitetwerdens
und die Zwangshandlung des Waschens hatten
die Absicht und auch den Erfolg, solche Angst-
ausbrüche zu verhüten. In diesem Sinne
kann auch jede Hemmung, die sich das Ich aufer-
legt, Symptom genannt werden.Da wir die Angstentwicklung auf die Gefahrsituation
zurückgeführt haben, werden wir es vorziehen zu
sagen, die Symptome werden geschaffen, um das Ich
der Gefahrsituation zu entziehen. Wird die Symptom-
bildung verhindert, so tritt die Gefahr wirklich ein,
d. h. es stellt sich jene der Geburt analoge Situation
her, in der sich das Ich hilflos gegen den stetig
wachsenden Triebanspruch findet, also die erste
und ursprünglichsteGefahrsituationder Angstbeding-
ungen. Für unsere Anschauung erweisen sich die
Beziehungen zwischen Angst und Symptom weniger
eng als angenom̄en wurde, die Folge davon,
daß wir zwischen beide das Moment der Gefahr-
situation eingeschoben haben. Wir können auch
ergänzend sagen, die Angstentwicklung leite
die Symptombildung ein, ja sie sei eine not-
wendige Voraussetzung derselben, denn wenn
das Ich nicht durch die Angstentwicklung die
Lust‑UnlustInstanz wachrütteln würde, bekäme es
nicht die Macht, den im Es vorbereiteten,
gefahrdrohenden Vorgang aufzuhalten. Dabei
ist die Tendenz unverkennbar, sich auf ein Mindest-
maß von Angstentwicklung zu beschränken, die
Angst nur als Signal zu verwenden, denn sonst
bekäme man die Unlust, dieimdurch den Triebvor-
gang droht, nur an anderer Stelle zu spüren,
was kein Erfolg nach der Absicht des Lustprinzips
wäre, sich aber doch bei den Neurosen
häufig genug ereignet.Die Symptombildung hat also den wirklichen
Erfolg, die Gefahrsituation aufzuheben. Sie hat
zwei Seiten; die eine, die uns verborgen
bleibt, stellt im Es jene Abänderung her,
mittels derensichdasEsIch der Gefahr ent-
zogen wird, die andere uns zugewendete
zeigt, was sie an Stelle des beeinflußten
Triebvorganges geschaffen hat, die Ersatzbildung.S.
51
Wir sollten uns aber korrekter ausdrücken,
dem Abwehrvorgang zuschreiben, was wir eben
von der Symptombildung ausgesagt haben und
den Namen Symptombildung selbst als synonym
mitdem ¿Ersatzbildung gebrauchen. Eswirdscheint dann
klar, daß der Abwehrvorgang analog der Flucht
ist,durch¿¿¿¿die sich das Ich einer von außens¿
drohenden Gefahr entzieht, daßsieer eben einen
Fluchtversuch vor einer Triebgefahr darstellt. Die
Bedenken gegen diesen Vergleich werden uns
zu weiterer Klärung verhelfen. Erstens läßt
sich einwenden, daß der Objektverlust (der Verlust
der Liebe von Seiten des Objekts) und die
Kastrationsdrohung ebensowol Gefahren sind,
die von außen drohen, wie etwa ein reißendes
Thier, also nicht Triebgefahren. Aber es ist doch nicht
derselbe Fall. Der Wolf würde uns wahrschein-
lich anfallen, gleichgiltig, wie wir uns gegen ihn
benehmen; dasie geliebte Person würde uns
aber nicht ihre Liebe entziehen, die Kastration
uns nicht angedroht werden, wenn wir nicht
bestim̄te Gefühle und Absichten in unserem
Inneren nähren würden. So werden diese
Triebregungen zu Bedingungen der äußeren
Gefahr und damit selbst gefährlich, wir können
jetzt die äußere Gefahr durch Maßregeln
gegen innere Gefahren bekämpfen. Bei den
Thierphobien scheint die Gefahr noch durchaus als eine
äußerliche empfunden zu werden, wie sie auch
im Symptom eine äußerliche Verschiebung erfährt.
Bei der Zwangsneurose ist sie weit mehr verinner-
licht, der Anteil der Angst vor dem Überich,
der soziale Angst ist, repraesentirt noch den
innerlichen Ersatz einer äußeren Gefahr, der andere
Anteil, die Gewissensangst, ist durchaus endopsychisch.Ein zweiter Einwand sagt, beim Fluchtversuch
vor einer drohenden äußeren Gefahr thun wir
ja nichts anderes, als daß wir die Raumdistanz
zwischen uns und dem Drohenden vergrößern.
Wir setzen uns ja nicht gegen die Gefahr zur
Wehr, suchen nichts an ihr selbst zu ändern,
wie in dem anderen Falle, daß wir mit
einem Knüttel auf den Wolf losgehen oder
mit einem Gewehr auf ihn schießen. Der Ab-
wehrvorgang scheint aber mehr zu thun, als einem
Fluchtversuch entspricht. Er greift ja in den
drohenden Triebablauf ein, unterdrückt
ihn irgendwie, lenkt ihn von seinem Ziel ab,
macht ihn dadurch ungefährlich. Dieser Einwand
scheint unabweisbar, wir müßen ihm Rechnung
tragen. Wir meinen, es wird wol so sein, daß
es Abwehrvorgänge giebt, die man mit gutem
Recht einem Fluchtversuch vergleichen kann,
während sich das Ich bei anderen weit aktiver
zur Wehre setzt, energische GegenaktionenS.
52
vornimmt. Wenn der Vergleich der Abwehr mit
der Flucht nicht überhaupt durch den Umstand gestört
wird, daß das Ich und der Trieb im Es ja Teile derselben
Organisation sind, nicht getrennte Existenzen wie
der Wolf und das Kind, so daß jede Art Ver-
haltens des Ichs auch abändernd auf den Trieb-
vorgang einwirken muß.Durch das Studium der Angstbedingungen haben wir
das Verhalten des Ichs bei der Abwehr sozusagen
in rationeller Verklärung erblicken müßen.
Jede Gefahrsituation entspricht einer gewißen Lebenszeit oder Ent-
wicklungsphase des seelischen Ap-
parats und erscheint für diese berechtigt. Das früh-
kindliche Wesenschist wirklich nicht dafür ausgerüstet, große
Erregungssum̄en, die von außen oder innen
anlangen, psychisch zu bewältigen. Zu einer gewißen
Lebenszeit ist es wirklich das wichtigste Interesse, daß
die Personen, von denen man abhängt, ihre
zärtliche Sorge nicht zurückziehen. Wenn der Knabe
den mächtigen Vater als Rivalen bei der Mutter
empfindet, seiner aggressiven Neigungen gegen ihn
und seiner sexuellen Absichten auf die Mutter
inne wird, hat er ein Recht dazu, sich vor ihm
zu fürchten und die Angst vor seiner Strafe kann
durch phylogenetische Verstärkung sich als Kastrat-
ionsangst äußern. Mit dem Eintritt in soziale
Beziehungen wird die Angst vor dem Überich,
das Gewissen, zur Notwendigkeit, der Wegfall
dieses Moments die Quelle von schweren Kon-
flikten und Gefahren, usw. Aber gerade daran
knüpft sich ein neues Problem.Versuchen wir es, den Angstaffekt für eine Weile
durch einen anderen, zB den Schmerzaffekt zu er-
setzen. Wir halten es für durchaus normal, daß das
Mädchen von 4 Jahren schmerzlich weint, wenn
ihm eine Puppe zerbricht, mit sechs Jahren, wenn
ihm die Lehrerin einen Verweis giebt, mit
16 Jahren, wenn der Geliebte sich nicht um sie be-
küm̄ert, mit 25 Jahren vielleicht, wenn sie
ein Kind begräbt. Jede dieser Schmerzbedingungen
hat ihre Zeit und erlischt mit deren Ablauf,
die letzten, definitiven, erhalten sich dann
durchs Leben. Es würde uns aber auffallen, wenn
dies Mädchen als Frau und Mutter, über die
Beschädigung einer Nippsache weinen würde.
So benehmen sich aber die Neurotiker. In ihrem
seelischen Apparat sind längst alle Instanzen
zur Reizbewältigung innerhalb weiter Grenzen
ausgebildet, sie sind erwachsen genug, um die
meisten ihrer Bedürfniße selbst zu befriedigen,
sie wissen längst, daß die Kastration nicht mehr
als Strafe geübt wird, und doch benehmen sie
sich, als bestünden die alten Gefahrsituationen
noch, sie halten an allen früheren Angst-
bedingungen fest.S.
53
Die Antwort hierauf wird etwas weitläufig aus-
fallen. Sie wird vor allem den Tatbestand zu sichten
haben. In einer großen Anzal von Fällen werden
die alten Angstbedingungen wirklich fallen gelassen,
nachdem sie bereits neurotische Reaktionen erzeugt
haben. Die Phobien der kleinsten Kinder vor Allein-
sein, Dunkelheit und vor Fremden, die beinahe
normal zu nennen sind, vergehen zumeist in
etwas späteren Jahren, sie ,,wachsen sich aus", wie
man von manchen anderen Kindheitsstörungen
sagt. Die so häufigen Tierphobien haben das gleiche
Schicksal, viele der Konversionshysterien der
Kinderjahre finden später keine Fortsetzung. Zere-
moniell in der Latenzzeit ist ein ungemein
häufiges Vorkom̄nis, nur ein sehr geringer
Prozentsatz dieser Fälle entwickelt sich später
zur vollen Zwangsneurose. Die Kinderneurosen
sind überhaupt – soweit unsere Erfahrungen an
den höheren Kulturanforderungen unter-
worfenen Stadtkindern weißer Rasse reichen –
regelmäßige Episoden der Entwicklung, wen̄gleich
ihnen noch immer zu wenig Aufmerksamkeit
geschenkt wird. Man vermißt die Zeichen der Kindheitsneurose
auch nicht bei einem erwachsenen Neurotiker,
während lange nicht alle Kinder, die sie zeigen,
auch später Neurotiker werden. Es müßen also
im Verlaufe der Reifung Angstbedingungen
aufgegeben worden sein und Gefahrsituationen
ihre Bedeutung verloren haben. Dazu kom̄t,
daß einige dieser Gefahrsituationen sich dadurch
in späte Zeiten hinüberretten, daß sie ihre
Angstbedingung zeitgemäßmodifiziren. So erhält¿¿
sich zB die Kastrationsangstalsunter der Maske der Syphiloiphobie,
nachdem man erfahren
hat, daß zwar die Kastration nicht mehr als Strafe für
das Gewährenlassen der sexuellen Gelüste
üblich ist, aber daß dafür schwere Erkrankungen
der Triebfreiheit drohen. Andere der Angstbe-
dingungen sind überhaupt nicht zum Untergang
bestimmt, sondern sollen den Menschen durch’s
Leben begleiten, wie die der Angst vor dem
Überich. Der Neurotiker unterscheidet sich dann
vor den Normalen dadurch, daß er die
Reaktionen auf diese Gefahren übermäßig erhöht.
Gegen die Wiederkehr der ursprünglichen traumatischen
Angstsituation bietet endlich auch das Erwachsensein
keinen zureichenden Schutz; es dürfte für jedermann
eine Grenze geben, über die hinaus sein seel-
ischer Apparatdiein der Bewältigung der Erledig-
ung heischenden Erregungsmengen versagt.S.
54
Diese kleinen Berichtigungen können unmög-
lich die Bestimmung haben, an der Tatsache zu
rütteln, die hier erörtert wird, der Tatsache,
daß so viele Menschen in ihrem Verhalten zur
Gefahr infantil bleiben und verjährte Angst-
bedingungen nicht überwinden; dies bestreiten,
hieße die Tatsache der Neurose leugnen,
denn solche Personen heißt man eben Neurot-
iker. Wie ist das aber möglich? Warum sind
nicht alle Neurosen Episoden der Entwicklung,
die mit Erreichung der nächsten Phase abgeschloßen
werden? Woher das Dauermoment in diesen
Reaktionen auf die Gefahr? Woher der Vorzug,
den der Angstaffekt vor allen anderen Affekten
zu genießen scheint, daß er allein Reaktionen
hervorruft, die sich als abnorm von den anderen
sondern und sich als unzweckmäßig dem
Strom des Lebens entgegenstellen? Mit
anderen Worten, wir finden uns unver-
sehens wieder vor der so oft gestellten Vexir-
frage, woher kom̄t die Neurose, was ist
ihr letztes, das ihr besondere Motiv? Nach
jahrzehntelangen analytischen Bemühungen
erhebt sich dies Problem vor uns, unangetastet
wie zu Anfang.XI
Die Angst ist die Reaktion auf die Gefahr. Man kann
doch die Idee nicht abweisen, daß es mit dem
Wesen der Gefahr zusam̄enhängt, wenn sich
der Angstaffekt eine Ausnahmsstellung in
der seelischen Oekonomie erzwingen kann.
Aber die Gefahren sind allgemein menschliche, für
alle Individuen die nämlichen; was wir
brauchen und nicht zur Verfügung haben, ist ein
Moment, das uns die Auslese der Individuen
verständlich macht, die den Angstaffekt trotz
seiner Besonderheit dem normalen seelischen
Betrieb unterwerfen können, oder das be-
stimmt, wer an dieser Aufgabe scheitern muß.
Ich sehe zwei Versuche vor mir, ein solches
Moment aufzudecken; es ist begreiflich, daß
jeder solche Versuch eine sympathische Aufnahme
erwarten darf, da er einem quälenden
Bedürfnis Abhilfe verspricht. Die beiden
Versuche ergänzen einander, indem sie das
Problem an entgegengesetzten Enden an-
greifen. Der erste ist vor mehr als zehn
Jahren von Alfred Adler unternommen
worden; er behauptet, auf seinen innersten
Kern redizirt, daß diejenigen Menschen
an der Bewältigung der durch die Gefahr
gestellten Aufgaben scheitern, denen die
Minderwertigkeit ihrer Organe zu große
Schwierigkeiten bereitet. Bestünde der
Satz Simplex sigillum veri zurecht, so müßteS.
55
man eine solche Lösung wie eine Erlösung begrüßen.
Aber im Gegenteile, die Kritik des abgelaufenen
Jahrzehnts hat die volle Unzulänglichkeit dieser
Erklärung, die sich überdieß über die Mannig-
faltigkeit den ganzen Reichtum der von der Psychoanalyse aufge-
deckten Tatbestände hinaussetzt, beweisend dar-
getan.Den zweiten Versuch hat Otto Rank 1923 in seinem
Buch „Das Trauma der Geburt“ unternom̄en.Er steht uns näher, denn er ist auf dem Bodender Psychoanalyse erwachen und setzt derenGedankengänge fort.
In der gegebenen Relation
zwischen Individuum und Gefahr lenkt Rank
von der Organschwäche des Individuums ab und
auf die veränderliche Intensität der Gefahr hin.DieDer Geburtsvorgang ist die erste Gefahrsituation,
der von ihm produzirte oekonomische Aufruhr
wird das Vorbild der Angstreaktion; wir haben
vorhin die Entwicklungslinie verfolgt, welche
diese erste Gefahrsituation und Angstbedingung
mit allen späteren verbindet, und dabei
gesehen, daß sie alle etwas Gemeinsames bewahren,
indem sie alle in gewißem Sinne eine Trennung
von der Mutter bedeuten, zuerst nur in
biologischer Hinsicht, dann im Sinn eines direkten
Objektverlusts und später eines durch indir-
ekteZusam̄enhängeWege vermittelten. Die Auf-
deckung dieses großen Zusam̄enhanges ist ein
unbestrittenes Verdienst der Rank’schen
Konstruktion. Nun trifft das Trauma der
Geburt die einzelnen Individuen in verschiedener
Intensität, mit der Stärke des Traumas variirt
die Heftigkeit der Angstreaktion, und nun
soll es von dieser Anfangsgröße der Angst-
entwicklung abhängen, ob das Individuum
jemals ihre Beherrschung erlernen kann, ob
es neurotisch wird oder normal.Die Einzelkritik der Rank’schen Aufstellungen ist
nicht unsere Aufgabe, blos deren Prüfung,
ob sie zur Lösung unseres Problems brauchbar
sind. Die Formel Ranks, Neurotiker werde der,
dem es wegen der Stärke des Geburtstraumas
niemals gelinge, dieses völlig abzureagiren, ist
theoretisch höchst anfechtbar. Man weiß nicht
recht, was mit dem Abreagiren des Traumas
gemeint ist. Versteht man es wörtlich, so
kom̄t man zu dem unhaltbaren Schluß, daß
der Neurotiker sich umsomehr der Gesund-
ung nähert, je häufiger und intensiver
er den Angstaffekt reproduzirt. Wegen
dieses Widerspruchs mit der Wirklichkeit habe ich
ja seinerzeit die Theorie des Abreagierens,
aufgegeben, die in der Katharsis eine so
große Rolle spielte. Die Betonung der wech-
selnden Stärke des Geburtstraumas läßt
keinen Raum für den berechtigten aetiologischen
Anspruch der hereditären Konstitution.S.
S.
56
Sie ist ja ein organisches Moment, welches sich gegen
die Konstitution wie eine Zufälligkeit verhält
und selbst von vielen, zufällig zu nennenden Ein-
flüßen von zB von der rechtzeitigen Hilfeleistung
bei der Geburt abhängig ist. Die Rank’sche
Lehre hat konstitutionelle wie phylogenetische
Faktoren überhaupt außer Betracht gelassen.
Will man aber für die Bedeutung der
Konstitution Raum schaffen, etwa durch
die Modifikation, es käme viel mehr darauf
an, wiesausgiebig das Individuum auf die
variable Intensität des Geburtstraumas reagire,
so hat man der Theorie ihre Bedeutung ge-
raubt und den neu eingeführten Faktor
auf eine Nebenrolle eingeschränkt. Die
Entscheidung über den Ausgang in Neurose
liegt dann doch auf einem anderen, wiederum
auf einem unbekannten Gebiet.Die Tatsache, daß der Mensch den Geburtsvorgang
mit den anderen Säugetieren gemein hat,
während ihm eine besondere Disposition zur
Neurose als Vorrecht vor den Thieren zukom̄t,
wird kaum günstig für die Rank’sche Lehre
stimmen. Der Haupteinwand bleibt aber, daß
sie in der Luft schwebt, anstatt sich auf gesich-
erte Beobachtung zu stützen. Es giebt keine
Untersuchungen darüber, ob schwere und protrahirte
Geburt in unverken̄barer Weise mit Entwick-
lung von Neurose zusam̄en treffen, ja ob
so geborene Kinder nur die Phänomene
der frühinfantilen Ängstlichkeit länger oder
stärker zeigen als andere. Macht man geltend,
daß praezipitirte und für die Mutter leichte Ge-
burten doch für das Kind möglicher Weise die Bedeut-
ung von schweren Traumen haben, so bleibt doch
die Forderung aufrecht, daß Geburt, die zur
Asphyxie führen, die behaupteten Folgen
mit Sicherheit erkennen lassen müßten. Es
scheint ein Vorteil der Rankschen Aetiologie
daß sie ein Moment voranstellt, das
der Nachprüfung am Material der Erfahr-
ung zugänglich ist; solange man eine solche
Prüfung nicht wirklich vorgenom̄en hat,
ist es unmöglich, ihren Wert zu beurteilen.Dagegen kann ich mich der Meinung nicht
anschließen, daß die Rank’sche Lehre der bisher
in der Psychoanalyse anerkannten aetiologischen Bedeutung
der Sexualtriebe widerspricht, denn sie bezieht
sich nur auf das Verhältnis des Individuums
zur Gefahrsituation und läßt die gute Auskunft
offen, daß, wer die anfänglichen Gefahren
nicht bewältigen konnte, auch in den später
auftauchenden Situationen sexueller Gefahr
versagen muß und dadurch in die Neurose
gedrängt wird.S.
57
Ich glaube also nicht, daß der Rank‘sche Versuch uns die
Antwort auf die Frage nach der Begründung der
Neurose gebracht hat und ich meine, es läßt sich noch
nicht entscheiden, einen wie großen Beitrag
zur Lösung der Fragesieer doch enthilt. Wenn
die Untersuchungen über den Einfluß schwerer
Geburt auf die Disposition zu Neurosen negativ
ausfallen, ist dieser Beitrag gering einzuschätzen.
Es ist sehr zu besorgen, daß das Bedürfnis nach
einer greifbarenundeinheitlichen „letzten Ursache"
der Nervosität immer unbefriedigt bleiben
wird. Der ideale Fall, nach dem sich der Mediziner
wahrscheinlich noch heute sehnt, wäre der des Bazillus,
der sich isoliren und reinzüchten läßt, und dessen
Impfung bei jedem Individuum die nämliche
Affektion hervorruft. Oder etwas weniger phantast-
isch die Darstellung von chemischen Stoffen, deren
Verabreichung bestim̄te Neurosen produzirt und aufhebt.
Aber die Wahrscheinlichkeit spricht nicht für
solche Lósungen des Problems.Die Psychoanalyse führt zu weniger einfachen,
minder befriedigenden Auskünften. Ich habe
hier nur längst Bekanntes zu wiederholen, nichts
Neues hinzuzufügen. Wenn es dem Ich gelungen
ist, sich einer gefährlichen Triebregung zu erwehren,
zB durch den Vorgang der Verdrängung, so hat
es diesesnStückTeil des Es zwar gehemmt und geschädigt,
aber ihm gleichzeitig auch ein Stück Unabhängig-
keit gegeben und auf ein Stück seiner eigenen
Souveränität verzichtet. Das folgt aus der Natur
der Verdrängung, die im Grunde ein Fluchtversuch
ist. Das Verdrngte ist nun „vogelfrei“, ausgeschloßen
aus der großen Organisation des Ichs, nur den
Gesetzen unterworfen, die im Bereich des Unbe-
wußten herrschen. Ändert sich nun die Gefahr-
situation, so daß das Ich kein Motiv zur Abwehr
einer neuerlichen, der verdrängten analogen Trieb-
regung hat, so werden die Folgen der Ichein-
schränkung manifest. Der neuerliche Triebab-
lauf vollzieht sich unter dem Einfluß des Auto-
matismus – ich zöge vor zu sagen: des Wieder-
holungszwanges – er wandelt dieselben Wege
wie der früher verdrängte, als ob die über-
wundene Gefahrsituation noch bestiinde. Das
fixirende Moment an der Verdrängung ist also
der Wiederholungszwang des unbewußten Es,
der normaler Weise nur durch die frei beweg-
liche Funktion des Ichs aufgehoben wird. Nun
mag es dem Ich mitunter gelingen, die Schranken der Ver-
drängung, die es selbst aufgerichtet, wieder
einzureißen, seinen Einfluß auf die Trieb-
regung wiederzugewinnen und den neuerlichenS.
58
Triebablauf im Sinne der veränderten Gefahrsituation
zu lenken. Tatsache ist, daß es ihm so oft mislingt
und daß es seine Verdrängungen nicht rück-
gängig machen kann. Quantitative Relationen
mögen für den Ausgang dieses Kampfes maß-
gebend sein. In manchen Fällen haben wir den
Eindruck, daß die Entscheidung eine zwangsläufige
ist, die regressive Anziehung der verdrängten
Regung und die Stärke der Verdrängung
sind so groß, daß die neuerliche Regung
nur dem Wiederholungszwange folgen
kann. In anderen Fällen nehmen wir den
Beitrag eines anderen Kräftespiels wahr, die
Anziehung des verdrängten Vorbild wird ver-
stärkt durch die Abstoßung von Seiten der
realen Schwierigkeiten, die sich einem anderen Ab-
lauf der neuerlichen Triebregung entgegen-
setzen.Daß dies der Hergang der Fixierung an die Verdräng-
ungdund der Erhaltung der nicht mehr akt-
uellen Gefahrsituation ist, findet seinen Er-
weis in der an sich bescheidenen, aber theoret-
isch kaum überschätzbaren Tatsache der analyt-
ischen Therapie. Wenn wir dem Ich in der
Analyse die Hilfe leisten, die es in den Stand
setzen, seine Verdrängungen aufzuheben,
bekom̄t es seine Macht über das verdrängte
Es wieder und kann die Triebregungen so
ablaufen lassen, als ob die alten Gefahrsituat-
ionen nicht mehr bestünden. Was wir so er-
reichen, steht in gutem Einklang mit dem
sonstigen Machtbereich unserer ärztlichen Leistung.
In der Regel muß sich ja unsere Therapie damit
begnügen, den guten Ausgang rascher, verläßlicher,
mit weniger Aufwand herbeizuführen, der
sich unter günstigen Verhältnißen spontan
ergeben hätte.Die bisherigen Erwägungen lehren uns, es sind
quantitative Relationen, nicht direktfaßbaraufzuzeigen
nur auf dem Wege des Rückschlußes faßbar
die darüber entscheiden, ob die alten Gefahr-
situationen festgehalten werden, ob die Ver-
drängungen des Ichs erhalten bleiben, ob die
Kinderneurosen ihre Fortsetzung finden
oder nicht. Von den Faktoren, die an
der Verursachung der Neurosen beteiligt
sind, die die Bedingungen geschaffen haben,
unter denen sich die psychischen Kräfte mit
einander messen, heben sich für unser Ver-
ständnis drei hervor, ein biologischer, ein
phylogenetischer und ein rein psychologischer. Der
biologische ist die lang hingezogene Hilflosigkeit
und Abhängigkeit des kleinen Menschenkindes.
Die Intrauterinexistenz des Menschen erscheint
gegen die der meisten Thiere relativ verkürzt,
es wird unfertiger als diese in die Welt
geschickt. Dadurch wird der Einfluß der realen
Außenwelt verstärkt, die DifferenzierungS.
59
des Ichs vom Es frühzeitig gefördert, die Gefahren
der Außenwelt in ihrer Bedeutung erhöht und
der Wert des Objekts, das allein gegen diese
Gefahren schützen und das verlorene Intrauterin-
leben ersetzen kann, enorm gesteigert. Dies
biologische Moment stellt also die ersten Gefahr-
situationen her und schafft das Bedürfnis geliebt
zu werden, das den Menschen nicht mehr ver-
lassen wird.Der zweite, phylogenetische, Faktor ist von uns nur
erschloßen worden; eine sehr merkwürdige
Tatsache der Libidoentwicklung hat uns zu
seiner Annahme gedrängt. Wir finden, daß
das Sexualleben des Menschen sich nicht wie das
der meisten ihm nahestehenden¿¿¿¿Thiere vom
Anfang bis zur Reifung stetig weiter entwickelt,
sondern daßes nach einer ersten Früh-am
blüte bis zum fünften Jahr eine energische
Unterbrechung erfährt, worauf es dann mit
der Pubertät von neuem anhebt und an
die infantilen Ansätze anknüpft. Wir meinen,
es müßte in den Schicksalen der Menschenart
etwas Wichtiges vorgefallen sein, was diese
Unterbrechung der Sexualentwicklung als
historischen Niederschlag hinterlassen hat. Die pathogene
Bedeutung dieses Moments ergibt sich daraus,
daß die meisten Triebanspriiche dieser kindlichen
Sexualität vom Ich als Gefahren behandelt und
abgewehrt werden, so daß die späteren sexuellen
Regungen der Pubertät, die ichgerecht sein sollten,
in Gefahr sind, der Anziehung der infantilen
Vorbilder zu unterliegen und ihnen in die
Verdrängung zu folgen. Hier stoßen wir auf die
direkteste Aetiologie der Neurosen. Es ist merk-
würdig, daß der frühe Kontakt mit den Ansprüchen
der Sexualität auf das Ich ähnlich wirkt wie die
vorzeitige Berührung mit der Außenwelt.Der dritte oder psychologische Faktor ist in einer
Unvollkom̄enheit unseres seelischen Apparates zu
finden, die grade mit seiner Differenzirung in
ein Ich und ein Es zusam̄enhängt, also in letzter
Linie auchüberauf den Einfluß der Außen-
welt zurückgeht. Durch die Rücksicht auf die
Gefahren der Realität wird das Ich genötigt,
sich gegen gewiße Triebregungen des Es zur
Wehre zu setzen, sie als Gefahren zu behandeln.
Das Ich kann sich aber gegen innere Triebgefahren
nicht in so wirksamer Weise schützen wie gegen
ein Stück der ihm fremden Realität. Mit dem
Es selbst innig verbunden, kann es die Triebgefahr
nur abwehren, indem es seine eigene Organisation
einschränkt und sich die Symptombildung als
Ersatz für seine Beeinträchtigung des Triebes
gefallen läßt. Erneuert sich dann der Andrang
des abgewiesenen Triebes, so ergeben sich für
das Ich alle die Schwierigkeiten, die wir als das
neurotische Leiden kennen.S.
60
Weiter muß ich glauben, ist unsere Einsicht
in das Wesen und die Verursachung der
Neurosen vorläufig nicht gekommen.XII. Nachträge
Im Laufe dieser Erörterungen sind verschiedene
Themen berührt worden, die vorzeitig verlassen
werden mußten und die jetzt gesammelt werden
sollen, um den Anteil Aufmerksamkeit
zu erhalten, auf den sie Anspruch haben.A. Modifikationen früher geäußerter Ansichten.
a) Widerstand und Gegenbesetzung.
Es ist ein wichtiges Stück der Theorie der Ver-
drängung, daß sie nicht einen einmaligen
Vorgang darstellt, sondern einen dauernden
Aufwand erfordert. Wenn dieser entfiele,
würde der verdrängte Trieb, der kontinuir-
lich Zuflüße aus seinen Quellen erhält, ein
nächstes Mal denselben Weg einschlagen, von
dem er abgedrängt wurde, die Verdrängung
würde um ihren Erfolg gebracht oder sie
müßte unbestimmt oft wiederholt werden.
So folgt aus der kontinuirlichen Natur des
Triebes die Anforderung an das Ich, seine
Abwehraktion durch einen Daueraufwand
zu versichern. Diese Aktion zum Schutz der
Verdrängung ist es, die wir bei der therap-
eutischen Bemühung als Widerstand ver-
spüren. Widerstand setzt das voraus, was
ich als Gegenbesetzung bezeichnet habe.
Eine solche Gegenbesetzung wird bei der Zwangs-
neurose greifbar. Sie erscheint hier als Ichver-
änderung, als Reaktionsbildung im Ich durch
Verstärkung jener Einstellung, welche der
zu verdrängenden Triebrichtung gegen-
sätzlich ist (Mitleid, Gewissenhaftigkeit,
Reinlichkeit). Diese Reaktionsbildungen
der Zwangsneurose sind durchwegs
Übertreibungendernormaler, im Verlauf
der Latenzzeitentwickelter Charakterzüge.gebildeter
Es ist weit schwieriger, die Gegenbesetzung
bei der Hysterie aufzuweisen, wo sie nach
der theoretischen Erwartung ebenso un-
entbehrlich ist. Auch hier ist ein gewißes
Maß von Ichveränderung durch Reaktions-
bildung unverkennbar und wird in
manchenFällenVerhältnißen so auffällig, daß es sich der
Aufmerksamkeit als das Hauptsymptom
des Zustandes aufdrängt. In solcher Weise
wird zB. der Ambivalenzkonflikt der
Hysterie gelöst, der Haß gegen eine ge-
liebte Person wird durch ein Über-
maß von Zärtlichkeit für sie undS.
61
Ängstlichkeit um sie niedergehalten. Man muß
aber als Unterschiede gegen die Zwangsneurose
hervorheben, daß solche Reaktionsbildungen
nicht die allgemeine Natur von Charakter-
zügen zeigen, sondern sich auf ganz spezielle
Relationen einschränken. Die Hysterika
zB, die ihre im Grunde gehaßten Kinder
mit exzessiver Zärtlichkeit behandelt, wird
darum nicht im ganzen liebesbereiter als
andere Frauen, nicht einmal zärtlicher für
andere Kinder. Die Reaktionsbildung der
Hysterie hält an einem bestim̄ten Objekt
zähe fest und erhebt sich nicht zu einer allge-
meinen Disposition des Ichs. Für die Zwangs-
neurose ist gerade diese Verallgemein-
erung, die Lockerung der Objektbeziehungen,
die Erleichterung der Verschiebung in
der Objektwahl charakteristisch.Eine andere Art der Gegenbesetzung scheint der
Eigenart der Hysterie gemäßer zu sein. Die
verdrängte Triebregung kann von zwei Seiten
her aktivirt (neu besetzt) werden), erstens
von innen her durch eine Verstärkung des
Triebes aus seinen inneren Erregungsquellen,
zweitens von außen her durch die Wahrnehmung
eines Objekts, das dem Trieb erwünscht wäre.
Die hysterische Gegenbesetzung ist nun vorzugsweise
nach außen gegen die gefährliche Wahrnehmung
gerichtet, sie nim̄t die Form einer beson-
deren Wachsamkeit an, die durch Ichein-
schränkungen Situationen vermeidet, in denen
die Wahrnehmung auftreten müßte und
die es zustande bringt, dieser Wahrnehmung
die Aufmerksamkeit zu entziehen, wenn
sie doch aufgetaucht ist. Französische Autoren
(Laforgue) haben kürzlich diese Leistung der Hysterie
durch den besonderen Namen „Skotomisation“
ausgezeichnet. Noch auffälliger als bei Hysterie
ist diese Technik der Gegenbesetzung bei den
Phobien, deren Interesse sich darauf kon-
zentrirt, sich immer weiter von der
Möglichkeit der gefürchteten Wahrnehmung
zu entfernen. Der Gegensatz in der Richtung
der Gegenbesetzungbezwischen Hysterie und
Phobien einerseits und Zwangsneurose ander-
seits scheint bedeutsam, wenn er auch kein
absoluter ist. er legt uns nahe anzunehmen,
daß zwischen der Verdrängung und der
äußeren Gegenbesetzung, wie zwischen
der Regression und der inneren Gegen-
besetzung (Ichveränderung durch Reaktions-
bildung) ein innigerer Zusam̄enhang besteht.
Die Abwehr der gefährlichen Wahrnehmung
ist übrigens eine allgemeine Aufgabe der
Neurosen. verschiedene Gebote und Ver-
bote der Zwangsneurose sollenauf
der gleichendieserAbsicht dienen.S.
62
Wir haben uns früher einmal klargemacht,
daß der Widerstand, den wir in der Analyse
zu überwinden haben, vom Ich geleistet
wird, das an seinen Gegenbesetzungen festhält.
Das Ich hat es schwer, seine Aufmerksamkeit
Wahrnehmungen und Vorstellungen zuzu-
wenden, deren Vermeidung es sich bisher
zur Vorschrift gemacht hatte oder Regungen
als die seinigen anzuerkennen, die den
vollsten Gegensatz zu den ihm als eigen ver-
trauten bilden. Unsere Bekämpfung des
Widerstandes in der Analyse gründet
sich auf eine solche Auffassung desselben.
Wir machen den Widerstand bewußt,
wo er, wie so häufig, infolge des Zusam̄en-
hangs mit dem Verdringten selbst un-
bewußt ist; wir setzen ihm logische Argum-
ente entgegen, wenn oder nachdem er
bewußt geworden ist, versprechen dem Ich
Nutzen und Praemien, wenn es auf den
Widerstand verzichtet. An dem Widerstand
des Ichs ist also nichts zu bezweifeln oder zu
berichtigen. Dagegen fragt es sich, ob er allein
den Sachverhalt deckt, der uns in der
Analyse entgegentritt. Wir machen die Erfahr-
ung daß das Ich noch immer Schwierigkeiten
findet, die Verdrängungenanrückgängig
zu machen, auch nachdem es den Vorsatz
gefaßt hat, seine Widerstände aufzugeben,
und haben die Phasemühevoller Arb
anstrengender Bemühung, die nach solchem
löblichen Vorsatz folgt, als die des „Durch-
arbeitens“ bezeichnet. Es liegt nun nahe,
das dynamische Moment anzuerkennen, das
ein solches Durcharbeiten notwendig und
verständlich macht. Es kann kaum anders
sein, als daß nach Aufhebung des Ichwider-
standes noch die Macht des Wieder-
holungszwanges, die Anziehung der unbe-
wußten Vorbilder auf den verdrängten
Triebvorgang, zu überwinden ist, und es
ist nichts dagegen zu sagen, wenn man
dies Moment als den Widerstand
des Unbewußten bezeichnen will.
Lassen wir uns solche Korrekturen nicht
verdrießen; sie sind erwünscht, wenn
sie unser Verständnis um ein Stück
fördern, und keine Schande, wenn sie
das frühere nicht widerlegen, sondern
bereichern, eventuell eine Allgemeinheit
einschränken, eine zu enge Auffassung
erweitern.S.
62a
Es ist nicht anzunehmen, daß wir durch diese Korrektur
eine vollständige Übersicht über die Arten
der uns in der Analyse begegnenden Wider-
stände gewonnen haben. Bei weiterer Ver-
tiefung merken wir vielmehr, daß wir fünf
Arten des Widerstandes zu bekämpfen haben,
die von drei Seiten herstammen, nämlich vom Ich,
vom Es und vom Überich, wobei sich das Ich
als die Quelle von drei in ihrer Dynamik
unterschiedenen Formen erweist. Der erste
dieser drei Ichwiderstände ist der vorhin behandelte
Verdrängungswiderstand, über den am
wenigsten Neues zu sagen ist. Von ihm sondert
sich der Übertragungswiderstand, der von
der gleichen Natur ist, aberwährendin der
Analyse andere und weit deutlichere
Erscheinungen macht, da es ihm gelungen ist,
eine Beziehung zur analytischen Situation
oder zur Person des Analytikers herzu-
stellen und somit eine Verdrängung, die
blos erinnert werden sollte, wieder
wie frisch zu beleben. Auch ein Ichwider-
stand aber ganz anderer Natur, ist, der
vom Krankheitsgewinn ausgeht und sich
auf die Einbeziehung des Symptoms in’s
Ich gründet. Er entspricht dem Sträuben
gegen den Verzicht auf eine Befriedigung
oder Erleichterung. Die vierte Art des
Widerstandes – den des Es – haben wir eben
für die Notwendigkeit des Durcharbeit-
ens verantwortlich gemacht. Der fünfte
Widerstand, der des Überichs, der zuletzt
erkannte, dunkelste, aber nicht immmer
schwächste, scheint dem Schuldbewußtsein
oder Strafbedürfnis zu entstam̄en,
er widersetzt sich der Genesung über-
haupt, jedem Erfolg und demnach auch der
Genesung durch die Analyse.S.
63
b). Angst aus Umwandlung von Libido
Die in diesem Aufsatz vertretene Auffassung
der Angst entfernt sich ein Stück weit von
jener, die mir bisher berechtigt schien. Früher
betrachtete ich die Angst als eine allgemeine Reaktion
des Ichs unter den Bedingungen der Unlust
suchte ihr Auftreten jedesmal oekonomisch
zu rechtfertigen und nahm an,daßgestützt auf
die Untersuchung der Aktualneurosen, daß
Libido (sexuelle Erregung), die vom Ich abgelehnt
oder nicht verwendet wird, eine Abfuhr
in der Form der Angst findet. Man kann es
nicht übersehen, daß diese verschiedenen Bestim-
mungen nicht gut zusam̄engehen, zum mind-
esten nicht notwendig aus einander folgen.
Überdieß ergab sich der Anschein einer beson-
ders innigen Beziehung von Angst und Libido,
die wiederum mit dem Allgemeincharakter
der Angst als Unlustreaktion nicht harmon-
irte.Der Einspruch gegen diese Auffassung ging von
der Tendenz aus, das Ich zur alleinigen Angst-
stätte zu machen, war also eine der Folgen
der im „Ich und Еs“ versuchten Gliederung
des seelischen Apparats. Der früheren Auffass-
ung lag es nahe, die Libido der verdrängten
Triebregung als die Quelle der Angst zu
betrachten; nach der neueren hatte vielmehr
das Ich für diese Angst aufzukommen. Also
Ichangst oder Trieb‑(Es‑)Angst. Da das Ich mit
desexualisirter Energie arbeitet, wurde in
der Neuerung auch der intime Zusam̄en-
hang von Angst und Libido gelockert. Ich
hoffe es ist mir gelungen, wenigstens den
Widerspruch klar zu machen, die Umriße
der Unsicherheit scharf zu zeichnen.Die Rank’sche Mahnung, der Angstaffekt
sei, wie ich selbst zuerst behauptete, eine Folge
des Geburtsvorganges und eine Wiederholung
der damals durchlebten Situation, nötigte
zu einer neuerlichen Prüfung des Angstproblems.
Mit seiner eigenen Auffassung der Geburt
als Trauma, des Angstzustandes als Abfuhrreaktion
darauf, jedes neuerlichen Angstaffekts als
Versuch, das Trauma immer vollständiger
„abzureagiren“, konnte ich nicht weiter kom̄en.
Es ergab sich die Nötigung, von der Angstreaktion
auf die Gefahrsituation hinter ihr zurückzu-
gehen. Mit der Einführung dieses Moments
ergaben sich neue Gesichtspunkte für die
Betrachtung. Die Geburt wurde das VorbildS.
64
für alle späteren Gefahrsituationen, die sich unter
den neuen Bedingungen der veränderten
Existenzform und der fortschreitenden psychischen
Entwicklung ergaben. Ihre eigene Bedeutung
wurde aber auch auf diese vorbildliche Be-
ziehung zur Gefahr eingeschränkt. Die bei der
Geburt empfundene Angst wurdeabernun das
Vorbild eines Affektzustandes, der die
Schicksale anderer Affekte theilen mußte.
Er reproduzirte sich entweder automatisch
in Situationen, die seinen Ursprungssituat-
ionen analog waren, oder als unzweckmäßige
Reaktionsform, nachdem er in der ersten
Gefahrsituation zweckmäßig gewesen war. Oder
das Ich bekam Macht über diesen Affekt
und reproduzirte ihn selbst, bediente sich
seiner als Warnung vor der Gefahr und
als Mittel, das Eingreifen des Lustunlust-
mechanismus wachzurufen. Die biologische
Bedeutung des Angstaffekts kam zu ihrem
Recht, indem die Angst als die allgemeine
Reaktion auf die Situation der Gefahr
anerkannt wurde; die Rolle des Ichs als
Angststätte wurde bestätigt, indem dem
Ich die Funktion eingeräumt wurde, den
Angstaffekt nach seinen Bedürfnißen zu
produziren. Der Angst wurden so im späteren
Leben zweierlei Ursprungsweisen zuge-
wiesen, die eine ungewollt, automatisch, jedes-
mal oekonomisch gerechtfertigt, wenn sich eine
Gefahrsituation analog jener der Geburt
hergestellt hatte, die andere, vom Ich produz-
ierte, wenn eine solche Situation nur drohte,
um zu ihrer Vermeidung aufzufordern. In d
iesem zweiten Fall unterzog sich das Ich der
Angst gleichsam wie einer Impfung, um
durch einen abgeschwächten Krankheitsausbruch
einem ungeschwächten Anfall zu entgehen.
Es stellte sich gleichsam die Gefahrsituation
lebhaft vor, bei unverkennbarer Tendenz,
dies peinliche Erleben auf eine Andeutung,
ein Signal, zu beschränken. Wie sich dabei
die verschiedenen Gefahrsituationen nach
einander entwickeln und doch genetisch
mit einander verknüpft bleiben, ist
bereits im einzelnen dargestellt worden.
Vielleicht gelingt es uns, ein Stück weiter ins
Verständnis der Angst einzudringen, wenn
wir das Problem des Verhältnißes zwischen
neurotischer Angst und Realangst angreifen.Die früher behauptete direkte Umsetzung
der Libido in Angst ist unserem Interesse
nun weniger bedeutsam geworden. Ziehen
wir sie doch in Erwägung, so haben wir mehrere
Fälle zu unterscheiden. Für die Angst, dieS.
65
das Ich als Signal provozirt, kommt sie nicht in Betracht;
also auch nicht in all den Gefahrsituationen, die das
Ich zur Einleitung einer Verdrängung bewegen.
Die libidinöse Besetzung der verdrängten Trieb-
regung erfährt, wie man es am deutlichsten
bei der Konversionshysterie sieht, eine
andere Verwendung als die Umsetzung in
und Abfuhr als Angst. Hingegen werden wir
bei der weiteren Diskussion der Gefahr-
situation aufdenjenen Fall der Angstentwicklung
stoßen, der vielleicht wahrscheinlich anders zu beurteilen
ist.c) Verdrängung und Abwehr
Im Zusammenhange der Erörterungen über das
Angstproblem habe ich einen Begriff – oder bescheid-
ener ausgedrückt: einen Terminus – wieder aufge-
nom̄en, dessen ich mich zu Anfang meiner Studien
vor dreißig Jahren ausschließend bedienthatteund den ich späterhin
fallen gelassen hatte. Ich meine den des Abwehr-
vorganges.x) Ich ersetzte ihn
in der Folge durch den der Verdrångung, das
Verhältnis zwischen beiden blieb aber unbe-
stimmt. Ich meine nun, es bringt einen sicheren
Vorteil, auf den alten Begriff der Abwehr
zurückzugreifen, wenn man dabei festsetzt, daß
er die allgemeine Bezeichnung für alle die
Techniken sein soll, deren sich das Ich in seinen
eventuell zur Neurose führenden Konflikten
bedient, während Verdrängung der Name
einer bestimmten solchen Abwehrmethode bleibt,
die uns infolge der Richtung unserer Untersuch-
ungen zuerst besser bekannt worden ist.Auch eine bloß terminologische Neuerung
will gerechtfertigt werden, soll der Ausdruck
einer neuen Betrachtungsweise oder einer
Erweiterung unserer Einsichten sein. Die Wieder-
aufnahme des Begriffes Abwehr und die Ein-
schränkung des Begriffes der Verdringung
trägt nun einer Tatsache Rechnung, die längst
bekannt ist, aber durch einige neuere Funde
an Bedeutung gewonnen hat. Unsere ersten
Erfahrungen über Verdrängung und Symptom-
bildung machten wir an der Hysterie; wir sahen,
daß der Wahrnehmungsinhalt erregender
Erlebniße, der Vorstellungsinhalt pathogener
Gedankenbildungen vergessen und von der
Reproduktion im Gedächtnis ausgeschloßen wird
und haben darum in der Abhaltung vom
Bewußtsein einen Hauptcharakter der hyster-
ischen Verdringung erkannt. Später habenx)Siehe: Die Abwehr‑Neuropsychosen, Ges, Schriften, Bd. I.
S.
66
wir die Zwangsneurose studirt und gefunden,
daß bei dieser Affektion die pathogenen
Vorfälle nicht vergessen werden. Sie bleiben
bewußt, werden aber auf eine noch nicht
vorstellbare Weise „isolirt“, so daß ungefähr
derselbe Erfolg erzielt wird wie durch
die hysterische Amnesie. Aber die Differenz
ist groß genug, um unsere Meinung zu be-
rechtigen, der Vorgang, mittels dessen die
Zwangsneurose einen Triebanspruch beseitigt,
könne nicht der nämliche sein wie bei
Hysterie. Weitere Untersuchungen haben uns
gelehrt, daß bei der Zwangsneurose unter
dem Einfluß des Ichsträubens eine Regression
der Triebregungen auf eine frühere
Libidophase erzielt wird, die zwar eine Ver-
drängung nicht überflüssiggemmacht, aber
offenbar in demselben Sinne wirkt wie
die Verdrängung. Wir haben ferner gesehen,
daß die auch bei Hysterie anzunehmende
Gegenbesetzung bei der Zwangsneurose als
reaktive Ichveränderung eine besonders große
Rolle beim Ichschutz spielt, wir sind auf ein
Verfahren der „Isolirung“ aufmerksam
worden, dessen Technik wir noch nicht angeben
können, das sich einen direkten symptom-
atischen Ausdruck schafft, und auf die
magisch zu nennende Prozedur des
„Ungeschehenmachens“, über deren abweisende
Tendenz kein Zweifel sein kann, die aber
mit dem Vorgang der „Verdrängung“
keine Ähnlichkeit mehr hat. Diese Erfahr-
ungen sind Grund genug den alten Begriff
der Abwehr wieder einzusetzen, der alle
diese Vorgänge mit gleicher Tendenz –
Schutz des Ichs gegen Triebansprüche – umfassen
kann, und ihm die Verdrängung als einen
Spezialfall zu subsum̄ieren. Die Bedeutung
einer solchen Namengebung wird erhöht, wenn
man die Möglichkeit erwägt, daß eine Vertief-
ung unserer Studien eine innige Zusam̄en-
gehörigkeit zwischen besonderen Formen der
Abwehr und bestimmten Affektionen er-
geben könnte, zB. zwischen Verdrängung und
Hysterie. Unsere Erwartung richtet sich ferner
auf die Möglichkeit einer anderen bedeut-
samen Abängigkeit. Es kann leicht sein,
daßsder seelische Apparat vor der scharfen Sonderung
von Ich und Es, vor der Ausbildung eines
Überichs, andere Methoden der Abwehr
übt als nach der Erreichung dieser Organis-
ationsstufen.S.
67
B. Ergänzung zur Angst.
Der Angstaffekt zeigt einige Züge, deren Unter-
suchung weitere Aufklårung verspricht. Die
Angst hat eine unverkennbare Beziehung
zur Erwartung; sie ist Angst vor etwas. Es
haftet ihr ein Charakter von Unbestim̄theit
und Objektlosigkeit an; der korrekte Sprach-
gebrauch ändert selbst ihren Namen, wenn sie
ein Objekt gefunden hat, und ersetzt ihn
dann durch Furcht. Die Angst hat ferner außeraußerihrer Beziehung zur Gefahr eine andere
zur Neurose, um deren Aufklärung wir
uns seit langem bemühen. Es entsteht die
Frage, warum nicht alle Angstreaktionen
neurotisch sind, warum wir so viele als normal
anerkennen; endlich verlangt der Unterschied
von Realangst und neurotischer Angst nach
gründlicher Würdigung.Gehen wir von der letzteren Aufgabe aus. Unser
Fortschritt bestand in dem Rückgreifen von der
Reaktion der Angst auf die Situation der
Gefahr. Nehmen wir dieselbe Veränderung an
dem Problem der Realangst vor, so wird
uns dessen Lösung leicht. Realgefahr ist eine
Gefahr, die wir kennen, Realangst die Angst
vor einer solchen bekannten Gefahr. Die
neurotische Angst ist Angst vor einer Gefahr,
die wir nicht kennen. Die neurotische
Gefahr muß also erst gesucht werden, die Analyse
hat uns gelehrt, sie ist eine Triebgefahr. Indem
wir diese dem Ich unbekannte Gefahr zum Be-
wußtsein bringen, verwischen wir den Unter-
schied zwischen Realangst und neurotischer Angst,
können wir die letztere wie die erstere
behandeln.In der Real
angstgefahr entwickeln wir zwei Reaktionen,
die affektive, den Angstausbruch, und die Schutz-
handlung. Voraussichtlich wird bei der Triebgefahr
dasselbe geschehen. Wir kennen den Fall des
zweckmäßigen Zusam̄enwirkens beider Reaktionen,
indem die eine das Signal für das Einsetzen
der anderen gibt, aber auch den unzweckmäßigen
Fall, den der Angstlähmung, daß die eine sich auf
Kosten der anderen ausbreitet.Es giebt Fälle, in denen sich die Charaktere von
Realangst und neurotischer Angst vermengt zeigen.
Die Gefahr ist bekannt und real, aber die Angst
vor ihr übermäßig groß, größer als sie nach
unserem Urteil sein dürfte. In diesem Mehr
verrät sich das neurotische Element. Aber diese
Fälle bringen nichts prinzipiell neues. Die
Analyse zeigt, daß an die bekannte Realgefahr
eine unerkannte Triebgefahr geknüpft ist.S.
68
Wir kommen weiter, wenn wir uns auch mit
der Zurückführung der Angst auf die Gefahr nicht
begnügen. Was ist der Kern, die Bedeutung der
Gefahrsituation? Offenbarimdie Einschätzung
unserer Stärke im Vergleich zu ihrer Größe, das
Zugeständnis unserer Hilflosigkeit gegen sie,
der materiellen Hilflosigkeit im Falle der
Realgefahr, der psychischen Hilflosigkeit im
Falle der Triebgefahr. Unser Urteil wird
dabei von wirklich gemachten Erfahrungen
geleitet werden; ob es sich in seiner Schätzung
irrt, ist für den Erfolg gleichgiltig. Heißen
wir eine solche erlebte Situation von
Hilflosigkeit eine traumatische; wir haben
dann guten Grund, die traumatische Situation
von der Gefahrsituation zu trennen.Es ist
dannnun ein wichtiger Fortschritt in unserer
Selbstbewahrung, wenn eine solche traumatische
Situation von Hilflosigkeit nicht abgewartet,
sondern vorhergesehen, erwartet wird. Die
Situation, in der die Bedingung für solche Er-
wartungenthalten ist, heiße die Gefahrsituation,gegeben
in ihr wird das Angstsignal gegeben. Dies will
besagen: ich erwarte, daß sich eine Situation
von Hilflosigkeit ergeben wird, oder die gegen-
wärtige Situation erinnert mich an eines der
frühererlebtenerfahrenen traumatischen Erlebniße.
Daher antizipire ich dieses Trauma, will mich be-
nehmen, als ob es schon da wäre, solange noch
Zeit ist es abzuwenden. Die Angst ist also
einerseits Erwartung des Traumas, anderseits eine gemild-
erte Wiederholung desselben. Die beiden Char-
aktere, die uns an der Angst aufgefallen sind,
haben also verschiedenen Ursprung. Ihre Bezieh-
ung zur Erwartung gehort zur Gefahrsituation,
ihre Unbestim̄theit und Objektlosigkeit zur
traumatischen Situation der Hilflosigkeit, die
in der Gefahrsituation antizipirt wird.Nach der Entwicklung der Reihe: Angst‑Gefahr‑Hilflosigkeit
(Trauma) können wir zusam̄en-
fassen: Die Gefahrsituation ist die erkannte, er-
innerte, erwartete Situation der Hilflosigkeit.
Die Angst ist die ursprüngliche Reaktion auf die
Hilflosigkeit im Trauma, die dann später in
der Gefahrsituation als Hilfssignal reproduzirt
wird. Das Ich, welches das Trauma passiv erlebt
hat, wiederholt nun aktiv eine abgeschwächte
Reproduktion desselben, in der Hoffnung, deren
Ablauf selbsttätig leiten zu können. Wir wissen,
das Kind beni‑t sich ebenso gegen alle ihm
peinlichen Eindrücke, indem es sie im Spiel
reproduzirt; durch diese Art von der Passivität
zur Aktivität überzugehen, sucht es seine Lebens-
eindrücke psychisch zu bewältigen. Wenn diesS.
69
der Sinn eines „Abreagirens des Traumas“ sein soll, so
kann man nichts mehr dagegen einwenden. Das
Entscheidende ist aber die erste Verschiebung der Angst-
reaktion von ihrem Ursprung in der Situation
der Hilflosigkeit auf deren Erwartung, die
Gefahrsituation. Dann folgen die weiteren Ver-
schiebungen von der Gefahr auf die Bedingung
der Gefahr, den Objektverlust, und dessen schon
erwähnte Modifikationen.Die „Verwöhnung“ des kleinen Kindes hat die uner-
wünschte Folge, daß die Gefahr des Objektverlustes
– das Objekt als Schutz gegen alleGefahrenSituationen der Hilf-
losigkeit – gegen alle anderen Gefahren über-
steigert wird. Sie begünstigt also die Zurückhalt-
ung in der Kindheit, der die motorische wie
die psychische Hilflosigkeit eigen ist.Wir haben bisher keinen Anlaß gehabt, die Realangst
anders zu betrachten als die neurotische Angst. Wir
kennen den Unterschied; die Realgefahr droht
von einem äußeren Objekt, die neurotische von
einem Triebanspruch. Insoferne dieser Triebanspruch
etwas Reales ist, kann auchdurchdie neurotische
Angst als real begründet anerkannt werden.
Wir haben verstanden, daß der Anschein einer
besonders intimen Beziehung zwischen Angst
und Neurose sich auf die Tatsache zurückführt,
daß das Ich sichmit Hilfe der Angstreaktiona¿
der Triebgefahr ebenso erwehrt wie der
äußeren Realgefahr, daß aber diese Richtung
der Abwehrtätigkeit infolge einer Unvoll-
kom̄enheit des seelischen Apparats in die
Neurose ausläuft. Wir haben auch die Über-
zeugung gewonnen, daß der Triebanspruch
oft nur darum zur (inneren) Gefahr wird, weil
seine Befriedigung eine äußere Gefahr herbei-
führen würde, also weil diese innere Gefahr
eine äußere repraesentirt.Anderseits muß auch die äußere (Real‑)Gefahr
eine Verinnerlichung gefunden haben, wenn
sie für das Ich bedeutsam werden soll; sie
muß in ihrer Beziehung zu einer erlebten
Situation von Hilflosigkeit erkannt werden.x)
Eine instinktive Erkenntnis von außen drohender
Gefahren scheint dem Menschen nicht oder
nur in sehr bescheidenem Ausmaß mitgegeben
worden zu sein. Kleine Kinder thun unauf-
hörlich Dinge, die sie in Lebensgefahr bringen
und können gerade darum das schützende
Objekt nicht entbehren. In der Beziehung
zur traumatischen Situation, gegen die man
hilflos ist, treffen äußere und innere Gefahr,S.
69a
x) Es mag auch oft genug vorkom̄en, daß in einer
Gefahrsituation, die als solche richtigerkanntgeschätzt
wird, zur Realangst ein Stück Triebangst
hinzukommt. Der Triebanspruch, vor dessen
Befriedigung das Ich zurückschreckt, wäre dann
der masochistische, der gegen die eigene Person
gewendete Destruktionstrieb. Vielleicht er-
klärt diese Zutat den Fall, daß die Angst-
reaktion übermäßig und unzweckmäßig,
lähmend, ausfällt. Die Höhenphobien (Fenster,
Turm, Abgrund) könnten diese Herkunft
haben; ihre geheime feminine Bedeutung
steht dem Masochismus nahe.S.
70
Realgefahr und Triebanspruch zusam̄en. Mag das
Ich in dem einen Falle einen Schmerz, der
nicht aufhören will, erleben, im anderen Falle
eine Bedürfnisstauung, die keine Befriedigung
finden kann, die oekonomische Situation
ist für beide Fälle die nämliche und die
motorische Hilflosigkeit findet in der psychischen
Hilflosigkeit ihren Ausdruck.Die rätselhaften Phobien der frühen Kinderzeit
verdienen an dieser Stelle nochmalige Erwähn-
ung. Die einen von ihnen – Alleinsein, Dunkelheit,
fremde Personen – konnten wir als Reaktionen
auf die Gefahr des Objektverlusts verstehen;
für andere – kleine Thiere, Gewitter udgl – bietet
sich vielleicht die Auskunft, sie seien die
verkümmerten Reste einer kongenitalen
Vorbereitung auf die Realgefahren, die bei
anderen Thieren so deutlich ausgebildet ist. Für
den Menschen zweckmäßig ist allein der Anteil
dieser archaischen Erbschaft, der sich auf den
Objektverlust bezieht. Wenn solche Kinderphobien
sich fixiren, stärker werden und bis in
späte Lebensjahre anhalten, weist die Analyse
nach, daß ihr Inhalt sich mit Triebansprüchen in
Verbindung gesetzt hat, zur Vertretung
auch innerer Gefahren geworden ist.С. Angst, Schmerz und Trauer.
Zur Psychologie der Gefühlsvorgänge liegt so
wenig vor, daß die nachstehenden schüchternen
Bemerkungen auf die nachsichtigste Beurteil-
ung Anspruch erheben dürfen.
An folgender Stelle erhebt sich für uns das
Problem. Wir mußten sagen, die Angst
werde zur Reaktion auf die Gefahr des
Objektverlustes. Nun kennen wir bereits
eine solche Reaktion auf den Objektver-
lust es ist die Trauer. Also wann kom̄t
es zur einen, wann zur anderen? An der
Trauer, mit der wir uns bereits früher beschäftigt
haben,x) blieb ein Zug völlig unverstanden,
ihre besondere Schmerzlichkeit. Daß die
Trennung vom Objekt schmerzlich ist, erscheint
uns trotzdem selbstverständlich. Also kom-
plizirt sich das Problem weiter: Wann
macht die Trennung vom Objekt Angst,
wann Trauer und wann vielleicht
nur Schmerz?x)S. Trauer und Melancholie Ges. Schriften, Bd. V.
S.
71
Sagen wir es gleich, es ist keine Aussicht vor-
handen, Antworten auf diese Fragen zu
geben. Wir werden uns dabei bescheiden,
einige Abgrenzungen und einige Andeut-
ungen zu finden.Unser Ausgangspunkt sei wiederum die eine Situation,
die wir zu verstehen glauben, die des Säuglings,
der anstatt seiner Mutter eine fremde Person
erblickt. Er zeigt dann die Angst, die wir auf
die Gefahr des Objektverlusts gedeutet haben.
Aber sie ist wol komplizirter und verdient
eine eingehendere Diskussion. An der Angst
des Säuglings ist wol kein Zweifel, aber Gesichts-
ausdruck und dieumReaktion des Weinens
lassen annehmen, daß er außerdem noch
Schmerz empfindet. Es scheint, daß bei ihm einiges
zusam̄enfließt, was später gesondert werden
wird. Er kann das zeitweilige Vermissen und
den dauernden Verlust noch nicht unter-
scheiden; wenn er die Mutter das eine Mal
nicht zu Gesicht bekom̄en hat, benim̄t er sich
so, als ob er sie nie wieder sehen sollte,
und es bedarf wiederholter tröstlicher Erfahr-
ungen, bis er gelernt hat, daß auf ein solches
Verschwinden der Mutter ihr Wiedererscheinen
zu folgen pflegt. Die Mutter reift diese
für ihn so wichtige Erkenntnis, indem sie
das bekannte Spiel mit ihm aufführt, sich
vor ihm das Gesicht zu verdecken und zu
seiner Freude wieder zu enthüllen. Er
kann dann sozusagen Sehnsucht empfinden,
die nicht von Verzweiflung begleitet
ist.Die Situation, in der er die Mutter vermißt, ist
infolge seines Mißverständnißes für ihn keine
Gefahrsituation, sondern eine traumatische, oder
richtiger, sie ist eine traumatische, wenn er
in diesem Moment ein Bedürfnis verspürt,
das die Mutter befriedigen soll; sie wandelt
sich zur Gefahrsituation, wenn dies Bedürf-
nis nicht aktuell ist. Die erste Angstbedingung,
die das Ich selbst einfihrt, ist also die des
Wahrnehmungsverlustes, die der des Objekt-
verlustes gleichgestellt wird. Ein Liebesverlust
kom̄t noch nicht in Betracht. Später lehrt
die Erfahrung, daß dasAnObjekt vorhanden
bleiben, aber auf das Kind böse geworden
sein kann, und nun wird der Verlust
der Liebe von seiten des Objekts zur
neuen, weit beständigeren, Gefahr und
Angstbedingung.Die traumatische Situation des Vermissens
der Mutter weicht in einem entscheidenden
Punkte von der traumatischen Situation
der Geburt ab. Damals war kein ObjektS.
72
vorhanden, das vermißt werden konnte. Die
Angst blieb die einzige Reaktion, die zu
Stande kam. Seither haben wiederholte Befried-
igungssituationen das Objekt der Mutter
geschaffen, das nun im Falle des Bedürf-
nisses eine intensive, sehnsüchtig zu nen̄-
ende Besetzung erfährt. Auf diese Neuer-
ung ist die Reaktion des Schmerzes zu
beziehen. Der Schmerz ist also die eigentliche
Reaktion auf den Objektverlust, die
Angst die auf die Gefahr, welche dieser
Verlust mit sich bringt, in weiterer Ver-
schiebung auf die Gefahr des Objektverlustes
selbst.Auch vom Schmerz wissen wir sehr wenig. Den
einzig sicheren Inhalt gibt die Tatsache, daß
der Schmerz – zunächst und in der Regel –
entsteht, wenn ein an der Peripherie
angreifender Reiz die Vorrichtungen
des Reizschutzes durchbricht und nun wie
ein kontinuirlicher Triebreiz wirkt,
gegen den die sonst wirksamen Muskel-
aktionen, welchedasdie gereizte Stelle dem
Reiz entziehen, ohnmächtig bleiben. Wenn
der Schmerz nicht von einer Hautstelle, sondern
von einem inneren Organ ausgeht, so ändert
das nichts an der Situation; es ist nur
ein Stück der inneren Peripherie
an die Stelle der äußeren getreten.
Das Kind hat
offenbar Gelegenheit, solche Schmerzerlebniße
zu machen, die unabhängig von seinen
Bedürfniserlebnißen sind.
Diese Entstehungsbedingung des Schmerzes scheint
aber sehr wenig Ähnlichkeit mit einem
Objektverlust zu haben, auch ist das für den
Schmerz wesentliche Moment der peripher-
ischen Reizung in der Sehnsuchtssituation des
Kindes völlig entfallen. Und doch kann
es nicht sinnlos sein, daß die Sprache den
Begriff des inneren, des seelischen Schmerzes
geschaffen hat und die Empfindungen des
Objektverlusts durchaus dem körperlichen
Schmerz gleichstellt.Beim körperlichen Schmerz entsteht eine
hohe, narzißtisch zu nennende Besetzung
der schmerzenden Körperstelle, die im̄er
mehr zunim̄t und sozusagen entleerend
auf das Ich wirkt. Es ist bekannt, daß
wir, bei Schmerzen in inneren Organen
räumliche und andere Vorstellungen von
solchen Körperteilen bekomm̄en, die sonst
im bewußten Vorstellen gar nicht ver-
treten sind. Auch die merkwürdige
Tatsache, daß die intensivsten KörperschmerzenS.
73
bei psychischer Ablenkung durch ein anders-
artiges Interesse nicht zustande kom̄en, (man
darf hier nicht sagen; unbewußt bleiben)
findet in der Tatsache der Konzentration
der Besetzung auf die psychische Repraesentanz
der schmerzenden Körperstelle ihre Erklärung.
Nun scheint in diesem Punkt die Analogie
zu liegen, die die Übertragung der Schmerz-
empfindung auf das seelische Gebiet gestattet
hat. Die intensive, infolge ihrer Unstillbarkeit
stets anwachsende Sehnsuchtsbesetzung des
vermißten (verlorenen) Objektes schafft die-
selben oekonomischen Bedingungen wie die
Schmerzbesetzung der verletzten
Körperstelle und macht es möglich, von der
peripherischen Bedingtheit des Körperschmerzes
abzusehen! Der Übergang vom Körperschmerz
zum Seelenschmerz entspricht dem Wandel
von narzißtischer zur Objektbesetzung. Diehochbesetztevom Bedürfnis hochbesetzte Ob-
jektvorstellung spielt die Rolle der von
dem Reizzuwachs besetzten Körperstelle. Die
Kontinuität und Unhem̄barkeit des Besetzungs-
vorganges bringen den gleichen Zustand der
psychischen Hilflosigkeit hervor. Wenn die
dann entstehende Unlustempfindung den
spezifischen, nicht näher zu beschreibenden
Charakter des Schmerzes träg, anstatt sich in
der Reaktionsform der Angst zu äußern,
so liegt es nahe, dafür ein Moment verant-
wortlich zu machen, das sonst von der Er-
klärung noch zu wenig in Anspruch ge-
nom̄en wurde, das hohe Niveau der Be-
setzungs‑ und Bindungsverhältniße, auf
dem sich diese zur Unlustempfindung
führenden Vorgänge vollziehen.Wir kennen noch eine andere Gefülsreaktion
auf den Objektvorsverlust, die Trauer. Ihre Er-
klärung bereitet aber keine Schwierigkeiten
mehr. Die Trauer entsteht unter dem Einfluß
der Realitätsprüfung, die kategorisch verlangt,
daß man sich von dem Objekt trennen
müße, weil es nicht mehr besteht. Sie hat nun
die Arbeit zu leisten, diesen Rückzug vom Ob-
jekt in all den Situationen durchzuführen,
in denen das Objekt Gegenstand hoher Be-
setzung war. Der schmerzliche Charakter dieser
Trennung fügt sich dann der eben gegebenen
Erklärung durch die hohe und unerfüllbare
Sehnsuchtsbesetzung des Objekts während
der Reproduktion der Situationen, in
denen die Bindung an das Objekt
gelöst werden soll.
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1926-001/1926.01