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    [Briefkopf VI Berlin] 26. 12. 23

    Lieber Herr Professor,
    Das alte Jahr soll nicht zu Ende gehen, ohne daß Sie noch einmal ein direktes Lebenszeichen von mir erhalten. Denn bei solcher Gelegenheit empfindet man doch, daß unsre Rundbriefe die persönliche Korrespondenz nicht ganz überflüssig machen. Dieser Brief nimmt eine volle Fracht guter Wünsche mit sich, zugleich auch das ernste Anerbieten, Ihnen, lieber Herr Professor, für 1924 meinen ganzen, bewährten Optimismus zur Verfügung zu stellen! Es sind kaum noch vier Monate bis zum Kongreß. Wäre ich meinem Gefühl gefolgt, so wäre ich während dieser Ferientage gern zu kurzem Besuch nach Wien gekommen, um mich endlich
    einmal von Ihrem Ergehen selbst zu überzeugen. Daß ich es unterlassen habe, wird mir von Ihnen gewiß nicht als Gleichgültigkeit ausgelegt werden. Da ich weiß, daß Sie noch nicht beschwerdenfrei sind und daß in der Weihnachtszeit die Besucher zahlreich sein werden, so habe ich lieber davon abgesehen, und warte auf einen günstigeren Zeitpunkt.
    Eine kleine Reise mache ich am 5. Januar, nämlich

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    nach Hamburg, um dort einen Vortrag zu halten, der vor einiger Zeit wegen der politischen Lage nicht hatte stattfinden können. Das Interesse in H. mehrt sich; auch von dem kleinen Kreis in Leipzig höre ich Günstiges.
    Kürzlich hörte ich von Dr. Weiss in Triest, daß ein angesehener Psychologe, Prof. Benussi in Padua, der sich besonders mit Hypnose und Suggestion beschäftigt, uns näher zu treten wünscht. Er möchte zum Kongreß eingeladen werden. Ich schreibe ihm heute, um zunächst einmal Nervenanhang zu nehmen. Im Hintergrund habe ich ähnliche Pläne, wie ich sie im Rundbrief bezüglich Spaniens erwähnte.
    Nun noch eine Frage! Wir haben in unserm psychoanalytischen Kreise eine Kollegin, die an der Poliklinik mitarbeitet und sich allgemeiner Sympathien erfreut. Sie befindet sich mit ihrem Kinde in großer Notlage und hat sich nach langem Sträuben bereit erklärt, eine finanzielle Unterstützung anzunehmen. Da Sie früher einmal in einem solchen Falle aus einem Fonds uns Geldmittel gegeben haben, so habe ich der Betreffenden angeboten, ich wolle Ihnen dieserhalb schreiben . Das geschah nur, um ihr das Annehmen zu erleichtern. Tatsächlich werde ich ihr das zunächst Notwendige von mir aus zukommen lassen. Aber ich kann das nur innerhalb gewisser Grenzen, da ich in dieser Zeit auch sonst viele Verpflichtungen habe. Meine Frage ist nun, ob

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    ich nötigenfalls  im Laufe der nächsten Zeit um eine Zuwendung aus dem Fonds bitten könnte. Ich würde mich an Eitingon wenden, aber – diskret, wie er nun einmal ist – hat er sich wieder einmal verflüchtigt, ohne mir oder Sachs ein Sterbenswörtchen über Dauer und Ziel seiner Reise zu sagen. Da ich Sie, lieber Herr Professor, keinesfalls mit Korrespondenz belasten will, so bitte ich nur um ein Ja oder Nein auf einer Postkarte. Irgendeine weitere Antwort auf diesen Brief erwarte ich also nicht!
    nzwischen wird vermutlich meine »Entwicklungs-

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    geschichte der Libido« in Ihren Händen sein. Ich plane etwas Neues und werde es vielleicht beim Kongreß vorbringen, wenn es bis dahin reif ist.
    Und nun noch einmal alle guten Wünsche für Sie und die Ihrigen, und herzlichste Grüße Ihres
    Karl Abraham