• S.

    Aussee, 18.78.97

    Theurer Wilhelm

    Eben Dein Schreiben erhalten,
    das mir recht geben muß,: Wagen-
    fahrten, Migraine u Augusthitze.
    Ich freue mich, daß ich wenigstens
    Dir etwas Ungemach ersparen
    konnte; aber gerne ist es nicht geschehen

    Neurotische Gründe hat meine Absage
    sicherlich keine gehabt, aber etwas
    wie ein Aberglauben: Man soll
    nichts forciren wollen, hat mitge-
    wirkt, ein Vorsatz, dem Dein
    Banquier gleichfalls eine Stelle
    über seinem Pulte hätte gönnen
    dürfen. Ich sah, daß Du alle mög-
    lichen Opfer bringen willst, u daß 
    was zu Stande gekom̄en wäre,
    doch der lang gehegten Erwartg
    nicht entsprochen hätte. 

  • S.

    Ich schreibe Dir heute wesentlich,
    um Dich um Bestim̄ung Deiner 
    Örter in den nächsten Zeiten
    zu bitten. Zwei Stationen kenne
    ich also, Karersee bis 23/8 u dann
    Brühl. Wie lange Du also in
    Brühl zu finden bist usw. 
    Ich merke, daß ich in letzter
    Zeit den Briefwechsel mit
    Dir ziemlich zurückgesetzt habe 
    weil eben die Zusam̄enkunft
    bevorstand. Nun sie vorüber
    ist – für meine Gedanken – meine
    ich, will ich zur alten, mit Un-
    recht verschmähten Technik
    des Gedankenaustausches den 
    Weg frei haben. Meine Schrift
    ist auch wieder menschlicher,
    also meine Ermüdg im Rück-
    gang. Deine Schrift ist, wie 
    ich mit Vergnügen sehe, un-
    veränderlich.

  • S.

    Martha freut sich sehr auf die
    Reise, obwol die täglich berichteten 
    Eisenbahnunfälle einem Familien-
    vater u -mutterpaar nicht gerade 
    viel Lust dazu machen können.
    Du wirst lachen – u hast Recht – 
    aber ich muß neue Ängstlichkeiten
    eingestehen, die kom̄en u gehen. 
    aber dazwischen halbe Tage lang
    Bestand haben. Aus der Furcht 
    vor dem nächsten Eisenbahnunfall
    hat mich vor einer halben Stunde 
    die Erwägung gerissen: W. und
    I. sind ja auch unterwegs. Damit
    war der Narrentanz zu Ende.
    Das bleibt aber strenge unter 
    uns. Du hast mir übrigens einen Congreß 
    auf italischem Boden zugesagt, woran
    ich Dich zur Zeit mahnen werde.

  • S.

    Traurig ist es, wie schlecht wir den
    Raum zwischen uns überwunden
    haben. Ich weiß jetzt nichts von Dir,
    u Dein Vortheil liegt nur darin,
    daß ich seit Ostern Dir nicht viel 
    Neues zu erzählen hätte. 

    Ich hoffe für mich, dießmal etwas tiefer
    in die Kunst Italiens einzudringen. 
    Ich ahne Deinen Standpunkt, der nicht
    das Culturhistorisch-lnteressante,
    sondern das Absolutschöne in der
    Deckung von Gedanken und Formgebung
    u in den elementar angenehmen
    Raum- u Farbensensationen sucht.
    In Nürnberg war ich noch fern davon. 
    Hab' ich Dir übrigens schon einmal
    mitgetheilt, da  Neapel aufgegeben 
    ist u daß die Reise nach S. Gimignano
    - Siena - Perugia - Assisi - Ancona, kurz
    nach Toscana u Umbrien geht?

    Ich hoffe, sehr bald von Dir zu hören 
    wen̄ auch nur jedesmal wenig. Schreib
    zunächst hieher, vom 25 - 1/9 nach Venedig 
    Casa Kirsch.

    Herzlichste Wünsche
    für ungestört schönen Sommerrest. 
    Dein Sigm