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S.
Wengen, Hotel Victoria, 18. 7. 25
Lieber Herr Professor,
Im Liegestuhl meiner Erholung gewissenhaft obliegend, will ich Ihnen einen ersten Gruß aus Wengen senden. Ich habe die lange Fahrt gut überstanden und bin mit der Wahl des Ortes und des Hotels zufrieden. Die Lage von Wengen, unmittelbar gegenüber der Jungfrau, ist außergewöhnlich schön. Dazu eine für jetzige Verhältnisse einzigartige Ruhe. Man kann W. von Lauterbrunnen aus nur mit der Zahnradbahn oder auf einem Fußweg erreichen. Eine Straße existiert nicht, und so gibt es kein Auto, keinen Staub. Auch mit dem Wetter haben wir es recht gut getroffen. Also alle Vorbedingungen für meine Erholung sind gegeben. Aber vorläufig wird die egozentrische Gedankenrichtung des Patienten noch erhalten durch die mir ungewohnte Notwendigkeit, bei jedem Schritt an mich zu denken. Ich wußte bisher gar nicht, daß man so langsam gehen kann, oder daß der Lift zu einer der Vorbedingungen des Daseins werden könne. Mit andern Worten: meine Atmung ist noch nicht frei, aber ich hoffe zuversichtlich auf die Wirkung der Höhenluft.
Soviel von mir! Meine Frau, die mich gepflegt hat, bis es ohne eine fremde Pflegerin nicht mehr ging, ist auch ziemlich mitgenommen, und ich erhoffe auch für sie Gutes von unserm Aufenthalt. -
S.
Gern wüßte ich nun, was aus den Beschwerden geworden ist, von denen Sie im letzten Brief berichteten. Ich höre wohl bald einmal darüber; wenn Ihnen, lieber Herr Professor, das Schreiben lästig wird, bin ich gern mit ein paar Zeilen von Fräulein Anna zufrieden.
Noch vor meiner Abreise waren Verhandlungen in der Film- Angelegenheit. Ich will heute nur so viel sagen, daß Sachs und ich glauben, alle Garantien für eine durchaus seriöse Durchführung der Sache zu haben, vor allem aber, daß es uns im Prinzip gelungen ist, auch die abstraktesten Dinge »darstellbar zu machen«. Jeder von uns hatte eine darauf bezügliche Idee, die sich in glücklicher Weise ergänzen. Ein andermal mehr darüber!
Im übrigen bin ich wissenschaftlich ganz inaktiv und will es auch noch einige Zeit bleiben. Statt dessen lese ich, seit ich wieder lesen kann, mit Genuß meine alten Lieblinge, Aristophanes und Heine, habe als Halbinvalide auch das Patience-Spiel erst richtig schätzen gelernt.
Mit herzlichsten Grüßen von meiner Frau und mir an Sie und die Ihrigen alle
Ihr Karl Abraham -
S.
Lapsus linguae.
Im »Pfefferrösel« der Birch=Pfeiffer haben im fünften Akt bei dem Bankett des Kaisers »Adolph von Nassau« die Adelsrepräsentanten demselben ihre Glückwünsche darzubringen. Der erste Sprecher derselben (Herr P., Chorist und Darsteller kleiner Rollen) hat dies mit den Worten zu tun: »Gott erhalte Eure Majestät stets offenen Ohres und gesunden Leibes«. Unglücklicherweise dreht er jedoch den Satz um und spricht: »Gott erhalte Eure Majestät stets gesunden Ohres undoffenen Leibes«.
– Die darauf folgende Danksagung des Kaisers ging unter heiterem Gemurmel des überraschten Publikums vor sich. –
Hotel Viktoria
Wengen, Berner Oberland 3823
Switzerland
Berggasse 19
Wien 1090
Austria
C15F8
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