• S.

    99

    sind, desto eher werden sie einander Anlaß zu Entzweigungen bieten,
    deren Begründung jeder für seine eigene Person ebenso bestimmt
    leugnet, wie er sie für die Person des anderen als gesichert annimmt.
    Und dies ist wohl die Strafe für die innere Unaufrichtigkeit, daß die
    Menschen unter den Vorwänden des Vergessens, Vergreifens und der
    Unabsichtlichkeit Regungen den Ausdruck gestatten, die sie besser sich
    und anderen eingestehen würden, wenn sie sie schon nicht beherrschen
    können. Man kann in der Tat ganz allgemein behaupten, daß jeder
    mann fortwährend psychische Analyse an seinen Nebenmenschen
    betreibt und diese infolgedessen besser kennen lernt als jeder einzelne
    sich selbst. Der Weg zur Befolgung der Mahnung γνῶθι σεαυτόν führt
    durch das Studium seiner eigenen scheinbar zufälligen Handlungen
    und Unterlassungen.


    X.

    Irrtümer.

    Die Irrtümer des Gedächtnisses sind vom Vergessen mit Fehl
    erinnern nur durch den einen Zug unterschieden, daß der Irrtum
    (das Fehlerinnern) nicht als solcher erkannt wird, sondern Glauben
    findet. Der Gebrauch des Ausdruckes „Irrtum“ scheint aber noch an
    einer anderen Bedingung zu hängen. Wir sprechen von „Irren“ an
    statt von „falsch Erinnern“, wo in dem zu reproduzierenden psychischen
    Material der Charakter der objektiven Realität hervorgehoben werden
    soll, wo also etwas anderes erinnert werden soll als eine Tatsache meines
    eigenen psychischen Lebens, vielmehr etwas, was der Bestätigung
    oder Widerlegung durch die Erinnerung anderer zugänglich ist. Den
    Gegensatz zum Gedächtnisirrtum in diesem Sinn bildet die Un-
    wissenheit.

    In meinem Buche „Die Traumdeutung (1900)“ habe ich mich
    einer Reihe von Verfälschungen an geschichtlichem und überhaupt
    tatsächlichem Material schuldig gemacht, auf die ich nach dem Er-
    scheinen des Buches mit Verwunderung aufmerksam geworden bin.
    Ich habe bei näherer Prüfung derselben gefunden, daß sie nicht meiner
    Unwissenheit entsprungen sind, sondern sich auf Irrtümer des Gedächt-
    nisses zurückleiten, welche sich durch Analyse aufklären lassen.
    a) Auf S. 266 bezeichne ich als den Geburtsort Schiller s die
    Stadt Marburg, deren Name in der Steiermark wiederkehrt. Der

  • S.

    100

    Irrtum findet sich in der Analyse eines Traumes während einer Nacht
    reise, aus dem ich durch den vom Kondukteur ausgerufenen Stations-
    namen Marburg geweckt wurde. Im Trauminhalt wird nach einem
    Buch von Schiller gefragt. Nun ist Schiller nicht in der
    Universitätsstadt Marburg, sondern in dem schwäbischen Mar-
    bach geboren. Ich behaupte auch, daß ich dies immer gewußt habe.

    b) Auf S. 135 wird Hannibals Vater Hasdrubal ge-
    nannt. Dieser Irrtum war mir besonders ärgerlich, hat mich aber
    in der Auffassung solcher Irrtümer am meisten bestärkt. In der Ge-
    schichte der Barkiden dürften wenige der Leser des Buches besser
    Bescheid wissen als der Verfasser, der diesen Fehler niederschrieb
    und ihn bei drei Korrekturen übersah. Der Vater Hannibals
    hieß Hamilkar Barkas, Hasdrubal war der Name von
    Hannibals Bruder, übrigens auch der seines Schwagers und Vor-
    gängers im Kommando.

    c) Auf S. 177 und S. 370 behaupte ich, daß Zeus seinen Vater
    Kronos entmannt und ihn vom Throne stürzt. Diesen Greuel habe
    ich aber irrtümlich um eine Generation vorgeschoben; die griechische
    Mythologie läßt ihn von Kronos an seinem Vater Uranos ver-
    üben.

    Wie ist es nun zu erklären, daß mein Gedächtnis in diesen
    Punkten Ungetreues lieferte, während es mir sonst, wie sich Leser
    des Buches überzeugen können, das entlegenste und ungebräuchlichste
    Material zur Verfügung stellte? Und ferner, daß ich bei drei sorgfältig
    durchgeführten Korrekturen wie mit Blindheit geschlagen an diesen
    Irrtümern vorbeiging?

    Goethe hat von Lichtenberg gesagt: Wo er einen Spaß
    macht, liegt ein Problem verborgen. Ähnlich kann man über die
    hier angeführten Stellen meines Buches behaupten: wo ein Irrtum
    vorliegt, da steckt eine Verdrängung dahinter. Richtiger gesagt: eine
    Unaufrichtigkeit, eine Entstellung, die schließlich auf Verdrängtem
    fußt. Ich bin bei der Analyse der dort mitgeteilten Träume durch
    die bloße Natur der Themata, auf welche sich die Traumgedanken
    beziehen, genötigt gewesen, einerseits die Analyse irgendwo vor ihrer
    Abrundung abzubrechen, anderseits einer indiskreten Einzelheit
    durch leise Entstellung die Schärfe zu benehmen. Ich konnte nicht
    anders und hatte auch keine andere Wahl, wenn ich überhaupt Bei-
    spiele und Belege vorbringen wollte; meine Zwangslage leitete sich
    mit Notwendigkeit aus der Eigenschaft der Träume ab, Verdrängtem,

  • S.

    101

    d. h. Bewußtseinsunfähigem, Ausdruck zu geben. Es dürfte trotzdem
    genug übrig geblieben sein, woran empfindlichere Seelen Anstoß ge-
    nommen haben. Die Entstellung oder Verschweigung der mir selbst
    noch bekannten fortsetzenden Gedanken hat sich nun nicht spurlos
    durchführen lassen. Was ich unterdrücken wollte, hat sich oftmals
    wider meinen Willen den Zugang in das von mir Aufgenommene erkämpft
    und ist darin als von mir unbemerkter Irrtum zum Vorschein gekommen.
    In allen drei hervorgehobenen Beispielen liegt übrigens das nämliche
    Thema zu Grunde; die Irrtümer sind Abkömmlinge verdrängter
    Gedanken, die sich mit meinem verstorbenen Vater beschäftigen.

    ad. a) Wer den auf S. 266 analysierten Traum durchliest, wird
    teils unverhüllt erfahren, teils aus Andeutungen erraten können, daß
    ich bei Gedanken abgebrochen habe, die eine unfreundliche Kritik
    am Vater enthalten hätten. In der Fortsetzung dieses Zuges von
    Gedanken und Erinnerungen liegt nun eine ärgerliche Geschichte, in
    welcher Bücher eine Rolle spielen und ein Geschäftsfreund des Vaters,
    der den Namen Marburg führt, denselben Namen, durch dessen An-
    ruf in der gleichnamigen Südbahnstation ich aus dem Schlaf geweckt
    wurde. Diesen Herrn Marburg wollte ich bei der Analyse mir und
    den Lesern unterschlagen; er rächte sich dadurch, daß er sich dort
    einmengte, wo er nicht hingehört, und den Namen des Geburtsortes
    Schillers aus Marbach in Marburg veränderte.

    ad. b) Der Irrtum Hasdrubal anstatt Hamilkar, der
    Name des Bruders an Stelle des Namens des Vaters, ereignete sich
    gerade in einem Zusammenhange, der von den Hannibalphantasien
    meiner Gymnasialenjahre und von meiner Unzufriedenheit mit dem
    Benehmen des Vaters gegen die „Feinde unseres Volkes“ handelt.
    Ich hätte fortsetzen und erzählen können, wie mein Verhältnis zum
    Vater durch einen Besuch in England verändert wurde, der mich die
    Bekanntschaft meines dort lebenden Halbbruders aus früherer Ehe
    des Vaters machen ließ. Mein Bruder hat einen ältesten Sohn, der
    mir gleichalterig ist; die Phantasien, wie anders es geworden wäre,
    wenn ich nicht als Sohn des Vaters, sondern des Bruders zur Welt
    gekommen wäre, fanden also kein Hindernis an den Altersrelationen.
    Diese unterdrückten Phantasien fälschten nun an der Stelle, wo ich
    in der Analyse abbrach, den Text meines Buches, indem sie mich nötigten
    den Namen des Bruders für den des Vaters zu setzen.

    ad. c) Dem Einfluß der Erinnerung an diesen selben Bruder
    schreibe ich es zu, daß ich die mythologischen Greuel der griechischen
    Götterwelt um eine Generation vorgeschoben habe.

  • S.

    102

    des Bruders ist mir lange Zeit eine im Gedächtnis geblieben: „Vergiß
    nicht, in Bezug auf Lebensführung, eines“, hatte er mir gesagt, „daß Du
    nicht der zweiten, sondern eigentlich der dritten Generation vom Vater
    aus angehörst.“ Unser Vater hatte sich in späteren Jahren wieder ver-
    heiratet und war um so vieles älter als seine Kinder zweiter Ehe. Ich
    begehe den besprochenen Irrtum im Buche gerade, wo ich von der
    Pietät zwischen Eltern und Kindern handle.

    Es ist auch einige Male vorgekommen, daß Freunde und Patienten,
    deren Träume ich berichtete, oder auf die ich in den Traumanalysen
    anspielte, mich aufmerksam machten, die Umstände der gemeinsam
    erlebten Begebenheit seien von mir ungenau erzählt worden. Das wären
    nun wiederum historische Irrtümer. Ich habe die einzelnen Fälle
    nach der Richtigstellung nachgeprüft und mich gleichfalls überzeugt,
    daß meine Erinnerung des Sachlichen nur dort ungetreu war, wo ich in
    der Analyse etwas mit Absicht entstellt oder verhehlt hatte. Auch
    hier wieder ein unbemerkter Irrtum als Ersatz für
    eine absichtliche Verschweigung oder Ver-
    drängung.

    Von diesen Irrtümern, die der Verdrängung entspringen, heben
    sich scharf andere ab, die auf wirklicher Unwissenheit beruhen. So
    war es z. B. Unwissenheit, wenn ich auf einem Ausflug in die Wachau
    den Aufenthalt des Revolutionärs Fischhof berührt zu haben
    glaubte. Die beiden Orte haben nur den Namen gemein; das Em-
    mersdorf Fischhofs liegt in Kärnthen. Ich wußte es aber
    nicht anders.

    Noch ein beschämender und lehrreicher Irrtum, ein Beispiel von
    temporärer Ignoranz, wenn man so sagen darf. Ein Patient mahnte
    mich eines Tages, ihm die zwei versprochenen Bücher über Venedig
    mitzuzugeben, aus denen er sich für seine Osterreise vorbereiten wolle.
    Ich habe sie bereit gelegt, erwiderte ich, und ging in das Bibliotheks-
    zimmer, um sie zu holen. In Wahrheit hatte ich aber vergessen, sie
    herauszusuchen, denn ich war mit der Reise meines Patienten, in der
    ich eine unnötige Störung der Behandlung und eine materielle Schädi-
    gung des Arztes erblickte, nicht recht einverstanden. Ich halte also
    in der Bibliothek rasche Umschau nach den beiden Büchern, die ich
    ins Auge gefaßt hatte. „Venedig als Kunststätte“ ist das eine; außer-
    dem aber muß ich noch ein historisches Werk in einer ähnlichen Samm-
    lung besitzen. Richtig, da ist es: „Die Mediceer,“ ich nehme es und
    bringe es dem Wartenden, um dann beschämt den Irrtum einzugestehen.
    Ich weiß doch wirklich, daß die Medici nichts mit Venedig zu tun

  • S.

    103

    haben, aber es erschien mir für eine kurze Weile gar nicht unrichtig.
    Nun muß ich Gerechtigkeit üben; da ich dem Patienten so häufig seine
    eigenen Symptomhandlungen vorgehalten habe, kann ich meine
    Autorität vor ihm nur retten, wenn ich ehrlich werde und ihm die
    geheim gehaltenen Motive meiner Abneigung gegen seine Reise kundgebe.
    Man darf ganz allgemein erstaunt sein, daß der Wahrheitsdrang
    der Menschen soviel stärker ist, als man ihn für gewöhnlich einschätzt.
    Vielleicht ist es übrigens eine Folge meiner Beschäftigung mit der
    Psychoanalyse, daß ich kaum mehr lügen kann. So oft ich eine Ent-
    stellung versuche, unterliege ich einer Irrung oder anderen Fehlleistung,
    durch die sich meine Unaufrichtigkeit wie in diesen und den vorstehenden
    Beispielen verrät.

    Der Mechanismus des Irrtums scheint der lockerste unter allen
    Fehlleistungen, d. h. das Vorkommen des Irrtums zeigt ganz allgemein
    an, daß die betreffende seelische Tätigkeit mit irgend einem störenden
    Einfluß zu kämpfen hatte, ohne daß die Art des Irrtums durch die
    Qualität der im dunkeln gebliebenen störenden Idee determiniert wäre.
    Wir tragen indeß an dieser Stelle nach, daß bei vielen einfachen Fällen
    von Versprechen und Verschreiben derselbe Tatbestand anzunehmen
    ist. Jedesmal, wenn wir uns versprechen oder verschreiben, dürfen
    wir eine Störung durch seelische Vorgänge außerhalb der Intention
    erschließen, aber es ist zuzugeben, daß das Versprechen und Ver-
    schreiben oftmals den Gesetzen der Ähnlichkeit, der Bequemlichkeit
    oder der Neigung zur Beschleunigung folgt, ohne daß es dem Störenden
    gelungen wäre, ein Stück seines eigenen Charakters in dem beim Ver-
    sprechen oder Verschreiben resultierenden Fehler durchzusetzen.
    Das Entgegenkommen des sprachlichen Materiales ermöglicht erst
    die Determinierung des Fehlers und setzt derselben auch die Grenze.
    Um nicht ausschließlich eigene Irrtümer anzuführen, will ich
    noch zwei Beispiele mitteilen, die allerdings ebensowohl beim Ver-
    sprechen und Vergreifen hätten eingereiht werden können, was aber
    bei der Gleichwertigkeit all dieser Weisen von Fehlleistung bedeutungslos
    zu nennen ist.

    a) Ich habe einem Patienten untersagt, die Geliebte, mit der er
    selbst brechen möchte, telephonisch anzurufen, da jedes Gespräch
    den Abgewöhnungskampf von neuem entfacht. Er soll ihr seine letzte
    Meinung schreiben, wiewohl es Schwierigkeiten hat, ihr Briefe zuzu-
    stellen. Er besucht mich nun um 1 Uhr, um mir zu sagen, daß er
    einen Weg gefunden hat, der diese Schwierigkeiten umgeht, fragt auch
    unter anderem, ob er sich auf meine ärztliche Autorität berufen darf.

  • S.

    104

    Um 2 Uhr ist er mit der Abfassung des Absagebriefes beschäftigt,
    unterbricht sich plötzlich, sagt der dabei anwesenden Mutter: Jetzt
    habe ich vergessen, den Professor zu fragen, ob ich in dem Brief seinen
    Namen nennen darf, eilt zum Telephon, läßt sich verbinden und ruft
    die Frage ins Rohr: Bitte, ist der Herr Professor schon nach dem
    Speisen zu sprechen? Als Antwort tönt ihm ein erstauntes „Adolf,
    bist Du verrückt geworden?“ entgegen und zwar von der nämlichen
    Stimme, die er nach meinem Gebote nicht mehr hätte hören sollen.
    Er hatte sich bloß „geirrt“ und anstatt der Nummer des Arztes die
    der Geliebten angegeben.

    b) In einer Sommerfrische hat der Schullehrer, ein ganz armer,
    aber stattlicher junger Mann, der Tochter eines Villenbesitzers aus
    der Großstadt so lange den Hof gemacht, bis das Mädchen sich leiden
    schaftlich in ihn verliebt und auch ihre Familie bewogen hat, die
    Heirat trotz der bestehenden Standes- und Rassenunterschiede gut
    zuheißen. Da schreibt der Lehrer eines Tages seinem Bruder einen
    Brief, in dem es heißt: Schön ist das Dirndl ja gar nicht, aber recht
    lieb, und soweit wär’s gut. Ob ich mich aber werd’ entschließen können,
    eine Jüdin zu heiraten, das kann ich Dir noch nicht sagen. Dieser
    Brief gerät in die Hände der Braut und macht dem Verlöbnis ein Ende,
    während der Bruder sich gleichzeitig über die an ihn gerichteten Liebes-
    beteuerungen zu verwundern hat. Mein Gewährsmann versicherte
    mir, daß hier Irrtum und nicht eine schlaue Veranstaltung vorlag.
    Mir ist auch ein anderer Fall bekannt geworden, in dem eine Dame,
    die, mit ihrem alten Arzt unzufrieden, ihm doch nicht offen absagen
    wollte, diesen Zweck mittelst einer Briefverwechslung erreichte, und
    wenigstens hier kann ich dafür einstehen, daß der Irrtum und nicht
    die bewußte List sich des bekannten Lustspielmotivs bedient hat.

    Man wird vielleicht nicht geneigt sein, die Klasse von Irrthümern,
    für die ich hier die Aufklärung gebe, für sehr zahlreich oder besonders
    bedeutungsvoll zu halten. Ich gebe aber zu bedenken, ob man nicht
    Grund hat, die gleichen Gesichtspunkte auch auf die Beurteilung der
    ungleich wichtigeren Urteilsirrtümer der Menschen im Leben
    und in der Wissenschaft auszudehnen. Nur den auserlesensten und
    ausgeglichensten Geistern scheint es möglich zu sein, das Bild der
    wahrgenommenen äußeren Realität vor der Verzerrung zu bewahren,
    die es sonst beim Durchgang durch die psychische Individualität des
    Wahrnehmenden erfährt.