S.
Falzeder:
Wien 21. 2. 1936
Lieber Meister Arnold
Ihr Brief hat mich sehr bewegt. Es ist nicht das erste Mal, dass ich von den Schwierigkeiten des Kulturmenschen höre, sich in Palaest. einzuleben. Die Geschichte hat dem Judenvolk keinen Anlass gegeben, seine Fähigkeit zur Bildung eines Staats und einer Gesellschaft zu entwickeln. Und natürlich bringt es alle Mängel und Laster der Kultur des verlassenen Vaterlands in die neue Wohnstätte mit. Sie fühlen sich unbehaglich, aber ich wusste nicht, dass Sie die Isolirung so schlecht vertragen. Fest auf Ihrer Künstlerschaft fussend, sollten Sie auch eine Weile allein sein können.
In Pal. haben Sie wenigstens persönliche Sicherheit und Ihre Menschenrechte. Wo wollen Sie hingehen? Amerika würden Sie nach all meinen Eindrücken, darf ich's sagen, vielmal unverträglicher finden. Überall sonst sind Sie ein kaum geduldeter Fremder. In Amerika müssten Sie auch Ihre Sprache abwerfen, nicht ein Kleidungsstück, sondern Ihre eigene Haut. Ich meine wirklich, Sie sollen zunächst bleiben, wo Sie sind. Die Aussicht, nach einigen Jahren Deutschland wieder zugänglich zu finden, ist wirklich vorhanden. Manchmal erwarte ich dergleichen noch selbst zu erleben, wobei ich nicht auf die Verlängerung meines Lebens, sondern auf die Verkürzung der Naziherrschaft hoffe. Freilich auch nach den Nazis wird Deutsch. nicht mehr das Frühere sein, nicht mehr Eichkamp [?] sozusagen. Aber man wird an der Aufräumungsarbeit theilnehmen dürfen.
Sie bei mir in Wien-Grinzing zu haben, wird ein hoher Genuss werden. Wir werden alles Elend und alle Kritik vergessen und über Moses phantasiren. Es muss nicht grade die Zeit um meinen Geburtstag sein, jede andere ist vielleicht besser. Wie ich mich den Strapazen entziehen werde, die man mir zumuten wird, weiss ich noch nicht, aber gewiss ich werde nich werde nicht mitthun. Und welch ein Unsinn, die Mishandlungen eines langen Lebens durch Feiern zu einem so bedenklichen Termin gutmachen zu wollen! Nein, wir bleiben lieber Feinde.
In der Erwartung, sehr bald wieder von Ihnen zu hören, herzlich
Ihr Freud
P.S. Ein junger Berliner Zahnarzt aus der Familie meiner Tochter wird Sie bald besucht haben.