• S.

    [64]

    VII

    Kehren wir zu den infantilen Tierphobien zurück, wir verstehen
    diese Fälle doch besser als alle anderen. Das Ich muß also hier gegen
    eine libidinöse Objektbesetzung des Es (die des positiven oder des
    negativen Ödipus‑Komplexes) einschreiten, weil es verstanden hat,
    ihr nachzugeben brächte die Gefahr der Kastration mit sich. Wir
    haben das schon erörtert und finden noch Anlaß, uns einen Zweifel
    klar zu machen, der von dieser ersten Diskussion erübrigt ist. Sollen
    wir beim kleinen Hans (also im Falle des positiven Ödipus‑Komplexes)
    annehmen, daß es die zärtliche Regung für die Mutter oder die
    aggressive gegen den Vater ist, welche die Abwehr des Ichs heraus-
    fordert? Praktisch schiene das gleichgültig, besonders da die beiden
    Regungen einander bedingen, aber ein theoretisches Interesse knüpft
    sich an die Frage, weil nur die zärtliche Strömung für die Mutter
    als eine rein erotische gelten kann. Die aggressive ist wesentlich vom
    Destruktionstrieb abhängig, und wir haben immer geglaubt, bei der
    Neurose wehre sich das Ich gegen Ansprüche der Libido, nicht der
    anderen Triebe. In der Tat sehen wir, daß nach der Bildung der
    Phobie die zärtliche Mutterbindung wie verschwunden ist, sie ist
    durch die Verdrängung gründlich erledigt worden, an der aggressiven
    Regung hat sich aber die Symptom‑ (Ersatz‑) Bildung vollzogen. Im
    Falle des Wolfsmannes liegt es einfacher, die verdrängte Regung ist
    wirklich eine erotische, die feminine Einstellung zum Vater, und
    an ihr vollzieht sich auch die Symptombildung.

  • S.

    65

    Es ist fast beschämend, daß wir nach so langer Arbeit noch
    immer Schwierigkeiten in der Auffassung der fundamentalsten Ver-
    hältnisse finden, aber wir haben uns vorgenommen, nichts zu ver-
    einfachen und nichts zu verheimlichen. Wenn wir nicht klar sehen
    können, wollen wir wenigstens die Unklarheiten scharf sehen.
    Was uns hier im Wege steht, ist offenbar eine Unebenheit in der
    Entwicklung unserer Trieblehre. Wir hatten zuerst die Organi-
    sationen der Libido von der oralen über die sadistisch‑anale zur
    genitalen Stufe verfolgt und dabei alle Komponenten des Sexual-
    triebs einander gleichgestellt. Später erschien uns der Sadismus
    als der Vertreter eines andern, dem Eros gegensätzlichen Triebes.
    Die neue Auffassung von den zwei Triebgruppen scheint die frühere
    Konstruktion von sukzessiven Phasen der Libidoorganisation zu
    sprengen. Die hilfreiche Auskunft aus dieser Schwierigkeit brauchen
    wir aber nicht neu zu erfinden. Sie hat sich uns längst geboten
    und lautet, daß wir es kaum jemals mit reinen Triebregungen
    zu tun haben, sondern durchweg mit Legierungen beider Triebe
    in verschiedenen Mengenverhältnissen. Die sadistische Objekt-
    besetzung hat also auch ein Anrecht, als eine libidinöse behandelt
    zu werden, die Organisationen der Libido brauchen nicht revidiert
    zu werden, die aggressive Regung gegen den Vater kann mit
    demselben Anrecht Objekt der Verdrängung werden wie die zärt-
    liche für die Mutter. Immerhin setzen wir als Stoff für spätere
    Überlegung die Möglichkeit beiseite, daß die Verdrängung ein
    Prozeß ist, der eine besondere Beziehung zur Genitalorganisation
    der Libido hat, daß das Ich zu anderen Methoden der Abwehr
    greift, wenn es sich der Libido auf anderen Stufen der Organisation
    zu erwehren hat, und setzen wir fort: Ein Fall wie der des kleinen
    Hans gestattet uns keine Entscheidung; hier wird zwar eine ag-
    gressive Regung durch Verdrängung erledigt, aber nachdem die
    Genitalorganisation bereits erreicht ist.

    Wir wollen diesmal die Beziehung zur Angst nicht aus den
    Augen lassen. Wir sagten, so wie das Ich die Kastrationsgefahr

  • S.

    66

    erkannt hat, gibt es das Angstsignal und inhibiert mittels der 
    Lust‑Unlust‑Instanz auf eine weiter nicht einsichtliche Weise den be-
    drohlichen Besetzungsvorgang im Es. Gleichzeitig vollzieht sich
    die Bildung der Phobie. Die Kastrationsangst erhält ein anderes
    Objekt und einen entstellten Ausdruck: vom Pferd gebissen (vom
    Wolf gefressen), anstatt vom Vater kastriert zu werden. Die Ersatz-
    bildung hat zwei offenkundige Vorteile, erstens, daß sie einem
    Ambivalenzkonflikt ausweicht, denn der Vater ist ein gleichzeitig
    geliebtes Objekt, und zweitens, daß sie dem Ich gestattet, die Angst-
    entwicklung einzustellen. Die Angst der Phobie ist nämlich eine
    fakultative, sie tritt nur auf, wenn ihr Objekt Gegenstand der
    Wahrnehmung wird. Das ist ganz korrekt; nur dann ist nämlich
    die Gefahrsituation vorhanden. Von einem abwesenden Vater braucht
    man auch die Kastration nicht zu befürchten. Nun kann man den
    Vater nicht wegschaffen, er zeigt sich immer, wann er will. Ist er
    aber durch das Tier ersetzt, so braucht man nur den Anblick, d. h.
    die Gegenwart des Tieres zu vermeiden, um frei von Gefahr und
    Angst zu sein. Der kleine Hans legt seinem Ich also eine Ein-
    schränkung auf, er produziert die Hemmung nicht auszugehen,
    um nicht mit Pferden zusammenzutreffen. Der kleine Russe hat
    es noch bequemer, es ist kaum ein Verzicht für ihn, daß er ein
    gewisses Bilderbuch nicht mehr zur Hand nimmt. Wenn die
    schlimme Schwester ihm nicht immer wieder das Bild des auf-
    rechtstehenden Wolfes in diesem Buch vor Augen halten würde,
    dürfte er sich vor seiner Angst gesichert fühlen.

    Ich habe früher einmal der Phobie den Charakter einer Pro-
    jektion zugeschrieben, indem sie eine innere Triebgefahr durch
    eine äußere Wahrnehmungsgefahr ersetzt. Das bringt den Vorteil,
    daß man sich gegen die äußere Gefahr durch Flucht und Ver-
    meidung der Wahrnehmung schützen kann, während gegen die
    Gefahr von innen keine Flucht nützt. Meine Bemerkung ist nicht
    unrichtig, aber sie bleibt an der Oberfläche. Der Triebanspruch
    ist ja nicht an sich eine Gefahr, sondern nur darum, weil er eine

  • S.

    67

    richtige äußere Gefahr, die der Kastration, mit sich bringt. So ist
    im Grunde bei der Phobie doch nur eine äußere Gefahr durch
    eine andere ersetzt. Daß das Ich sich bei der Phobie durch eine
    Vermeidung oder ein Hemmungssymptom der Angst entziehen
    kann, stimmt sehr gut zur Auffassung, diese Angst sei nur ein
    Affektsignal und an der ökonomischen Situation sei nichts geändert
    worden.

    Die Angst der Tierphobien ist also eine Affektreaktion des Ichs
    auf die Gefahr; die Gefahr, die hier signalisiert wird, die der Ka-
    stration. Kein anderer Unterschied von der Realangst, die das Ich
    normalerweise in Gefahrsituationen äußert, als daß der Inhalt der
    Angst unbewußt bleibt und nur in einer Entstellung bewußt wird.

    Dieselbe Auffassung wird sich uns, glaube ich, auch für die
    Phobien Erwachsener giltig erweisen, wenngleich das Material,
    das die Neurose verarbeitet, hier sehr viel reichhaltiger ist und einige
    Momente zur Symptombildung hinzukommen. Im Grunde ist es
    das nämliche. Der Agoraphobe legt seinem Ich eine Beschränkung
    auf, um einer Triebgefahr zu entgehen. Die Triebgefahr ist die
    Versuchung, seinen erotischen Gelüsten nachzugeben, wodurch er
    wieder wie in der Kindheit die Gefahr der Kastration, oder eine
    ihr analoge, heraufbeschwören würde. Als einfaches Beispiel führe
    ich den Fall eines jungen Mannes an, der agoraphob wurde, weil
    er befürchtete, den Lockungen von Prostituierten nachzugeben und
    sich zur Strafe Syphilis zu holen.

    Ich weiß wohl, daß viele Fälle eine kompliziertere Struktur
    zeigen, und daß viele andere verdrängte Triebregungen in die
    Phobie einmünden können, aber diese sind nur auxiliär und haben
    sich meist nachträglich mit dem Kern der Neurose in Verbindung
    gesetzt. Die Symptomatik der Agoraphobie wird dadurch kompli-
    ziert, daß das Ich sich nicht damit begnügt, auf etwas zu ver-
    zichten; es tut noch etwas hinzu, um der Situation ihre Gefahr
    zu benehmen. Diese Zutat ist gewöhnlich eine zeitliche Regression
    in die Kinderjahre (im extremen Fall bis in den Mutterleib, in

  • S.

    68

    Zeiten, in denen man gegen die heute drohenden Gefahren ge-
    schützt war) und tritt als die Bedingung auf, unter der der Ver-
    zicht unterbleiben kann. So kann der Agoraphobe auf die Straße
    gehen, wenn er wie ein kleines Kind von einer Person seines
    Vertrauens begleitet wird. Dieselbe Rücksicht mag ihm auch ge-
    statten, allein auszugehen, wenn er sich nur nicht über eine
    bestimmte Strecke von seinem Haus entfernt, nicht in Gegenden
    geht, die er nicht gut kennt und wo er den Leuten nicht bekannt
    ist. In der Auswahl dieser Bestimmungen zeigt sich der Einfluß
    der infantilen Momente, die ihn durch seine Neurose beherrschen.
    Ganz eindeutig, auch ohne solche infantile Regression, ist die Phobie
    vor dem Alleinsein, die im Grunde der Versuchung zur einsamen
    Onanie ausweichen will. Die Bedingung dieser infantilen Regression
    ist natürlich die zeitliche Entfernung von der Kindheit.

    Die Phobie stellt sich in der Regel her, nachdem unter gewissen
    Umständen – auf der Straße, auf der Eisenbahn, im Alleinsein –
    ein erster Angstanfall erlebt worden ist. Dann ist die Angst gebannt,
    tritt aber jedesmal wieder auf, wenn die schützende Bedingung
    nicht eingehalten werden kann. Der Mechanismus der Phobie tut
    als Abwehrmittel gute Dienste und zeigt eine große Neigung zur
    Stabilität. Eine Fortsetzung des Abwehrkampfes, der sich jetzt gegen
    das Symptom richtet, tritt häufig, aber nicht notwendig, ein.

    Was wir über die Angst bei den Phobien erfahren haben, bleibt
    noch für die Zwangsneurose verwertbar. Es ist nicht schwierig, die
    Situation der Zwangsneurose auf die der Phobie zu reduzieren. Der
    Motor aller späteren Symptombildung ist hier offenbar die Angst
    des Ichs vor seinem Über‑Ich. Die Feindseligkeit des Über‑Ichs
    ist die Gefahrsituation, der sich das Ich entziehen muß. Hier fehlt
    jeder Anschein einer Projektion, die Gefahr ist durchaus verinner-
    licht. Aber wenn wir uns fragen, was das Ich von seiten des
    Über‑Ichs befürchtet, so drängt sich die Auffassung auf, daß die
    Strafe des Über‑Ichs eine Fortbildung der Kastrationsstrafe ist. Wie
    das Über‑Ich der unpersönlich gewordene Vater ist, so hat sich die

  • S.

    69

    Angst vor der durch ihn drohenden Kastration zur unbestimmten
    sozialen oder Gewissensangst umgewandelt. Aber diese Angst ist
    gedeckt, das Ich entzieht sich ihr, indem es die ihm auferlegten
    Gebote, Vorschriften und Bußhandlungen gehorsam ausführt. Wenn
    es daran gehindert wird, dann tritt sofort ein äußerst peinliches
    Unbehagen auf, in dem wir das Äquivalent der Angst erblicken
    dürfen, das die Kranken selbst der Angst gleichstellen. Unser Er-
    gebnis lautet also: Die Angst ist die Reaktion auf die Gefahr-
    situation; sie wird dadurch erspart, daß das Ich etwas tut, um die
    Situation zu vermeiden oder sich ihr zu entziehen. Man könnte
    nun sagen, die Symptome werden geschaffen, um die Angstent-
    wicklung zu vermeiden, aber das läßt nicht tief blicken. Es ist
    richtiger zu sagen, die Symptome werden geschaffen, um die
    Gefahrsituation zu vermeiden, die durch die Angstentwicklung
    signalisiert wird. Diese Gefahr war aber in den bisher betrach-
    teten Fällen die Kastration oder etwas von ihr Abgeleitetes.

    Wenn die Angst die Reaktion des Ichs auf die Gefahr ist, so
    liegt es nahe, die traumatische Neurose, welche sich so häufig an
    überstandene Lebensgefahr anschließt, als direkte Folge der Lebens‑
    oder Todesangst mit Beiseitesetzung der Abhängigkeiten des Ichs
    und der Kastration aufzufassen. Das ist auch von den meisten Be-
    obachtern der traumatischen Neurosen des letzten Krieges ge-
    schehen, und es ist triumphierend verkündet worden, nun sei der
    Beweis erbracht, daß eine Gefährdung des Selbsterhaltungstriebes
    eine Neurose erzeugen könne ohne jede Beteiligung der Sexualität
    und ohne Rücksicht auf die komplizierten Annahmen der Psycho-
    analyse. Es ist in der Tat außerordentlich zu bedauern, daß nicht
    eine einzige verwertbare Analyse einer traumatischen Neurose vor-
    liegt. Nicht wegen des Widerspruches gegen die ätiologische Be-
    deutung der Sexualität, denn dieser ist längst durch die Einführung
    des Narzißmus aufgehoben worden, der die libidinöse Besetzung des
    Ichs in eine Reihe mit den Objektbesetzungen bringt und die
    libidinöse Natur des Selbsterhaltungstriebes betont, sondern weil

  • S.

    70

    wir durch den Ausfall dieser Analysen die kostbarste Gelegenheit
    zu entscheidenden Aufschlüssen über das Verhältnis zwischen Angst
    und Symptombildung versäumt haben. Es ist nach allem, was wir
    von der Struktur der simpleren Neurosen des täglichen Lebens
    wissen, sehr unwahrscheinlich, daß eine Neurose nur durch die
    objektive Tatsache der Gefährdung ohne Beteiligung der tieferen
    unbewußten Schichten des seelischen Apparats zustande kommen
    sollte. Im Unbewußten ist aber nichts vorhanden, was unserem
    Begriff der Lebensvernichtung Inhalt geben kann. Die Kastration
    wird sozusagen vorstellbar durch die tägliche Erfahrung der
    Trennung vom Darminhalt und durch den bei der Entwöhnung
    erlebten Verlust der mütterlichen Brust; etwas dem Tod Ähn-
    liches ist aber nie erlebt worden oder hat wie die Ohnmacht keine
    nachweisbare Spur hinterlassen. Ich halte darum an der Vermutung
    fest, daß die Todesangst als Analogon der Kastrationsangst auf-
    zufassen ist, und daß die Situation, auf welche das Ich reagiert,
    das Verlassensein vom schützenden Über‑Ich – den Schicksals-
    mächten – ist, womit die Sicherung gegen alle Gefahren ein
    Ende hat. Außerdem kommt in Betracht, daß bei den Erlebnissen,
    die zur traumatischen Neurose führen, äußerer Reizschutz durch-
    brochen wird und übergroße Erregungsmengen an den seelischen
    Apparat herantreten, so daß hier die zweite Möglichkeit vorliegt,
    daß Angst nicht nur als Affekt signalisiert, sondern auch aus den
    ökonomischen Bedingungen der Situation neu erzeugt wird.

    Durch die letzte Bemerkung, das Ich sei durch regelmäßig
    wiederholte Objektverluste auf die Kastration vorbereitet worden,
    haben wir eine neue Auffassung der Angst gewonnen. Betrach-
    teten wir sie bisher als Affektsignal der Gefahr, so erscheint sie
    uns nun, da es sich so oft um die Gefahr der Kastration handelt,
    als die Reaktion auf einen Verlust, eine Trennung. Mag auch
    mancherlei, was sich sofort ergibt, gegen diesen Schluß sprechen,
    so muß uns doch eine sehr merkwürdige Übereinstimmung auf-
    fallen. Das erste Angsterlebnis des Menschen wenigstens ist die

  • S.

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    Geburt und diese bedeutet objektiv die Trennung von der Mutter,
    könnte einer Kastration der Mutter (nach der Gleichung Kind =
    Penis) verglichen werden. Nun wäre es sehr befriedigend, wenn
    die Angst als Symbol einer Trennung bei jeder späteren Trennung
    wiederholt würde, aber leider steht einer Verwertung dieses Zu-
    sammenstimmens im Wege, daß ja die Geburt subjektiv nicht als
    Trennung von der Mutter erlebt wird, da diese als Objekt dem
    durchaus narzißtischen Fötus völlig unbekannt ist. Ein anderes
    Bedenken wird lauten, daß uns die Affektreaktionen auf eine
    Trennung bekannt sind, und daß wir sie als Schmerz und Trauer,
    nicht als Angst empfinden. Allerdings erinnern wir uns, wir haben
    bei der Diskussion der Trauer auch nicht verstehen können,
    warum sie so schmerzhaft ist.