S.
S.
378
Erledigtes zurückgreifen, wenn wir neue Beziehungen studieren
wollen.So haben wir wiederholt gesagt, daß das Ich sich zum
guten Teil aus Identifizierungen bildet, welche aufgelassene
Besetzungen des Es ablösen, daß die ersten dieser Iden-
tifizierungen sich regelmäßig als besondere Instanz im Ich
gebärden, sich als Über‑Ich dem Ich entgegenstellen, während
das erstarkte Ich sich späterhin gegen solche Identifizierungs-
einflüsse resistenter verhalten mag. Das Über‑Ich verdankt
seine besondere Stellung im Ich oder zum Ich einem Moment,
das von zwei Seiten her eingeschätzt werden soll, erstens,
daß es die erste Identifizierung ist, die vorfiel, solange das
Ich noch schwach war, und zweitens, daß es der Erbe des
Ödipuskomplexes ist, also die großartigsten Objekte ins Ich
einführte. Es verhält sich gewissermaßen zu den späteren Ich-
veränderungen wie die primäre Sexualphase der Kindheit
zum späteren Sexualleben nach der Pubertät. Obwohl allen
späteren Einflüssen zugänglich, behält es doch zeitlebens den
Charakter, der ihm durch seinen Ursprung aus dem Vater-
komplex verliehen ist, nämlich die Fähigkeit, sich dem Ich
entgegenzustellen und es zu meistern. Es ist das Denkmal
der einstigen Schwäche und Abhängigkeit des Ichs und setzt
seine Herrschaft auch über das reife Ich fort. Wie das Kind
unter dem Zwange stand, seinen Eltern zu gehorchen, so
unterwirft sich das Ich dem kategorischen Imperativ seines
Über‑Ichs.Die Abkunft von den ersten Objektbesetzungen des Es,
also vom Ödipuskomplex, bedeutet aber für das Über-Ich
noch mehr. Sie bringt es, wie wir bereits ausgeführt haben,
in Beziehung zu den phylogenetischen Erwerbungen des
Es und macht es zur Reinkarnation früherer Ichbildungen,
die ihre Niederschläge im Es hinterlassen haben. Somit steht
das Über-Ich dem Es dauernd nahe und kann dem IchS.
379
gegenüber dessen Vertretung führen. Es taucht tief ins Es
ein, ist dafür entfernter vom Bewußtsein als das Ich19.Diese Beziehungen würdigen wir am besten, wenn wir
uns gewissen klinischen Tatsachen zuwenden, die längst
keine Neuheit sind, aber ihrer theoretischen Verarbeitung
noch warten.Es gibt Personen, die sich in der analytischen Arbeit ganz
sonderbar benehmen. Wenn man ihnen Hoffnung gibt und
ihnen Zufriedenheit mit dem Stand der Behandlung zeigt,
scheinen sie unbefriedigt und verschlechtern regelmäßig ihr
Befinden. Man hält das anfangs für Trotz und Bemühen,
dem Arzt ihre Überlegenheit zu bezeugen. Später kommt
man zu einer tieferen und gerechteren Auffassung. Man über-
zeugt sich nicht nur, daß diese Personen kein Lob und keine
Anerkennung vertragen, sondern, daß sie auf die Fortschritte
der Kur in verkehrter Weise reagieren. Jede Partiallösung,
die eine Besserung oder zeitweiliges Aussetzen der Symptome
zur Folge haben sollte und bei anderen auch hat, ruft bei
ihnen eine momentane Verstärkung ihres Leidens hervor, sie
verschlimmern sich während der Behandlung, anstatt sich zu
bessern. Sie zeigen die sogenannte negative therapeutische
Reaktion.Kein Zweifel, daß sich bei ihnen etwas der Genesung
widersetzt, daß deren Annäherung wie eine Gefahr gefürchtet
wird. Man sagt, bei diesen Personen hat nicht der Genesungs-
wille, sondern das Krankheitsbedürfnis die Oberhand.
Analysiert man diesen Widerstand in gewohnter Weise, zieht
die Trotzeinstellung gegen den Arzt, die Fixierung an die
Formen des Krankheitsgewinnes von ihm ab, so bleibt doch
das meiste noch bestehen und dies erweist sich als das19)Man kann sagen: Auch das psychoanalytische oder meta-
psychologische Ich steht auf dem Kopf wie das anatomische, das
Gehirnmännchen.S.
380
stärkste Hindernis der Wiederherstellung, stärker als die uns
bereits bekannten der narzißtischen Unzugänglichkeit, der
negativen Einstellung gegen den Arzt und des Haftens am
Krankheitsgewinne.Man kommt endlich zur Einsicht, daß es sich um einen
sozusagen „moralischen“ Faktor handelt, um ein Schuld-
gefühl, welches im Kranksein seine Befriedigung findet und
auf die Strafe des Leidens nicht verzichten will. An dieser
wenig tröstlichen Aufklärung darf man endgültig festhalten.
Aber dies Schuldgefühl ist für den Kranken stumm, es sagt
ihm nicht, daß er schuldig ist, er fühlt sich nicht schuldig,
sondern krank. Dies Schuldgefühl äußert sich nur als schwer
reduzierbarer Widerstand gegen die Herstellung. Es ist auch
besonders schwierig, den Kranken von diesem Motiv seines
Krankbleibens zu überzeugen, er wird sich an die näher
liegende Erklärung halten, daß die analytische Kur nicht
das richtige Mittel ist, ihm zu helfen20.20)Der Kampf gegen das Hindernis des unbewußten Schuld-
gefühls wird dem Analytiker nicht leicht gemacht. Man kann
direkt nichts dagegen tun, indirekt nichts anderes, als daß man
langsam seine unbewußt verdrängten Begründungen aufdeckt, wobei
es sich allmählich in bewußtes Schuldgefühl verwandelt. Eine
besondere Chance der Beeinflussung gewinnt man, wenn dies
ubw Schuldgefühl ein entlehntes ist, das heißt das Ergebnis
der Identifizierung mit einer anderen Person, die einmal Objekt
einer erotischen Besetzung war. Eine solche Übernahme des Schuld-
gefühls ist oft der einzige, schwer kenntliche Rest der aufge-
gebenen Liebesbeziehung. Die Ähnlichkeit mit dem Vorgang bei
Melancholie ist dabei unverkennbar. Kann man diese einstige
Objektbesetzung hinter dem ubw Schuldgefühl aufdecken, so ist
die therapeutische Aufgabe oft glänzend gelöst, sonst ist der
Ausgang der therapeutischen Bemühung keineswegs gesichert. Er
hängt in erster Linie von der Intensität des Schuldgefühls ab,
welcher die Therapie oft keine Gegenkraft von gleicher Größen-
ordnung entgegenstellen kann. Vielleicht auch davon, ob die
Person des Analytikers es zuläßt, daß sie vom Kranken an die
Stelle seines Ichideals gesetzt werde, womit die Versuchung verbundenS.
381
Was hier beschrieben wurde, entspricht den extremsten
Vorkommnissen, dürfte aber in geringerem Ausmaß für sehr
viele, vielleicht für alle schwereren Fälle von Neurose in
Betracht kommen. Ja, noch mehr, vielleicht ist es gerade
dieser Faktor, das Verhalten des Ichideals, der die Schwere
einer neurotischen Erkrankung maßgebend bestimmt. Wir
wollen darum einigen weiteren Bemerkungen über die
Äußerung des Schuldgefühls unter verschiedenen Bedingungen
nicht aus dem Wege gehen.Das normale, bewußte Schuldgefühl (Gewissen) bietet der
Deutung keine Schwierigkeiten, es beruht auf der Spannung
zwischen dem Ich und dem Ichideal, ist der Ausdruck einer
Verurteilung des Ichs durch seine kritische Instanz. Die be-
kannten Minderwertigkeitsgefühle der Neurotiker dürften
nicht weit davon abliegen. In zwei uns wohlvertrauten
Affektionen ist das Schuldgefühl überstark bewußt; das Ich-
ideal zeigt dann eine besondere Strenge und wütet gegen das
Ich oft in grausamer Weise. Neben dieser Übereinstimmung
ergeben sich bei den beiden Zuständen, Zwangsneurose und
Melancholie, Verschiedenheiten im Verhalten des Ichideals,
die nicht minder bedeutungsvoll sind.Bei der Zwangsneurose (gewissen Formen derselben) ist das
Schuldgefühl überlaut, kann sich aber vor dem Ich nicht
rechtfertigen. Das Ich des Kranken sträubt sich daher gegen
die Zumutung, schuldig zu sein, und verlangt vom Arzt, in
seiner Ablehnung dieser Schuldgefühle bestärkt zu werden.ist, gegen den Kranken die Rolle des Propheten, Seelenretters,
Heilands zu spielen. Da die Regeln der Analyse einer
solchen Verwendung der ärztlichen Persönlichkeit entschieden
widerstreben, ist ehrlich zuzugeben, daß hier eine neue Schranke
für die Wirkung der Analyse gegeben ist, die ja die krankhaften
Reaktionen nicht unmöglich machen, sondern dem Ich des
Kranken die Freiheit schaffen soll, sich so oder anders zu
entscheiden.S.
382
Es wäre töricht, ihm nachzugeben, denn es bliebe erfolglos.
Die Analyse zeigt dann, daß das Über-Ich durch Vorgänge
beeinflußt wird, welche dem Ich unbekannt geblieben sind.
Es lassen sich wirklich die verdrängten Impulse auffinden,
welche das Schuldgefühl begründen. Das Über-Ich hat hier
mehr vom unbewußten Es gewußt als das Ich.Noch stärker ist der Eindruck, daß das Über-Ich das
Bewußtsein an sich gerissen hat, bei der Melancholie. Aber
hier wagt das Ich keinen Einspruch, es bekennt sich schuldig
und unterwirft sich den Strafen. Wir verstehen diesen Unter-
schied. Bei der Zwangsneurose handelte es sich um anstößige
Regungen, die außerhalb des Ichs geblieben sind; bei der
Melancholie aber ist das Objekt, dem der Zorn des Über-Ichs
gilt, durch Identifizierung ins Ich aufgenommen worden.Es ist gewiß nicht selbstverständlich, daß bei diesen beiden
neurotischen Affektionen das Schuldgefühl eine so außer-
ordentliche Stärke erreicht, aber das Hauptproblem der
Situation liegt doch an anderer Stelle. Wir schieben seine
Erörterung auf, bis wir die anderen Fälle behandelt haben,
in denen das Schuldgefühl unbewußt bleibt.Dies ist doch wesentlich bei Hysterie und Zuständen vom
hysterischen Typus zu finden. Der Mechanismus des Un-
bewußtbleibens ist hier leicht zu erraten. Das hysterische Ich
erwehrt sich der peinlichen Wahrnehmung, die ihm von
Seiten der Kritik seines Über-Ichs droht, in derselben Weise,
wie es sich sonst einer unerträglichen Objektbesetzung zu
erwehren pflegt, durch einen Akt der Verdrängung. Es liegt
also am Ich, wenn das Schuldgefühl unbewußt bleibt. Wir
wissen, daß sonst das Ich die Verdrängungen im Dienst und
Auftrag seines Über‑Ichs vornimmt; hier ist aber ein Fall,
wo es sich derselben Waffe gegen seinen gestrengen Herrn
bedient. Bei der Zwangsneurose überwiegen bekanntlich die
Phänomene der Reaktionsbildung; hier gelingt dem Ich nurS.
383
die Fernhaltung des Materials, auf welches sich das Schuld-
gefühl bezieht.Man kann weiter gehen und die Voraussetzung wagen, daß
ein großes Stück des Schuldgefühls normalerweise unbewußt
sein müsse, weil die Entstehung des Gewissens innig an den
Ödipuskomplex geknüpft ist, welcher dem Unbewußten an-
gehört. Würde jemand den paradoxen Satz vertreten wollen,
daß der normale Mensch nicht nur viel unmoralischer ist,
als er glaubt, sondern auch viel moralischer, als er weiß, so
hätte die Psychoanalyse, auf deren Befunden die erste Hälfte
der Behauptung ruht, auch gegen die zweite Hälfte nichts
einzuwenden21.Es war eine Überraschung, zu finden, daß eine Steigerung
dieses ubw Schuldgefühls den Menschen zum Verbrecher
machen kann. Aber es ist unzweifelhaft so. Es läßt sich bei
vielen, besonders jugendlichen Verbrechern, ein mächtiges
Schuldgefühl nachweisen, welches vor der Tat bestand, also
nicht deren Folge, sondern deren Motiv ist, als ob es als
Erleichterung empfunden würde, dies unbewußte Schuld-
gefühl an etwas Reales und Aktuelles knüpfen zu können.In all diesen Verhältnissen erweist das Über-Ich seine
Unabhängigkeit vom bewußten Ich und seine innigen Be-
ziehungen zum unbewußten Es. Nun erhebt sich mit Rück-
sicht auf die Bedeutung, die wir den vorbewußten Wort-
resten im Ich zugeschrieben haben, die Frage, ob das Über-Ich,
wenn es ubw ist, nicht aus solchen Wortvorstellungen,
oder aus was sonst es besteht. Die bescheidene Antwort wird
lauten, daß das ÜberIch auch seine Herkunft aus Gehörtem
unmöglich verleugnen kann, es ist ja ein Teil des Ichs und21)Dieser Satz ist nur scheinbar ein Paradoxon; er besagt
einfach, daß die Natur des Menschen im Guten wie im Bösen weit
über das hinausgeht, was er von sich glaubt, das heißt was seinem
Ich durch Bewußtseinswahrnehmung bekannt ist.S.
384
bleibt von diesen Wortvorstellungen (Begriffen, Abstraktionen)
her dem Bewußtsein zugänglich, aber die Besetzungsenergie
wird diesen Inhalten des Über-Ichs nicht von der Hörwahr-
nehmung, dem Unterricht, der Lektüre, sondern von den
Quellen im Es zugeführt.Die Frage, deren Beantwortung wir zurückgestellt hatten,
lautet: wie geht es zu, daß das Über-Ich sich wesentlich als
Schuldgefühl (besser: als Kritik; Schuldgefühl ist die dieser
Kritik entsprechende Wahrnehmung im Ich) äußert und dabei
eine so außerordentliche Härte und Strenge gegen das Ich
entfaltet. Wenden wir uns zunächst zur Melancholie, so
finden wir, daß das überstarke Über‑Ich, welches das Be-
wußtsein an sich gerissen hat, gegen das Ich mit schonungs-
loser Heftigkeit wütet, als ob es sich des ganzen im
Individuum verfügbaren Sadismus bemächtigt hätte. Nach
unserer Auffassung des Sadismus würden wir sagen, die
destruktive Komponente habe sich im Über-Ich abgelagert
und gegen das Ich gewendet. Was nun im Über-Ich herrscht,
ist wie eine Reinkultur des Todestriebes, und wirklich
gelingt es diesem oft genug, das Ich in den Tod zu treiben,
wenn das Ich sich nicht vorher durch den Umschlag in
Manie seines Tyrannen erwehrt.Ähnlich peinlich und quälerisch sind die Gewissensvor-
würfe bei bestimmten Formen der Zwangsneurose, aber die
Situation ist hier weniger durchsichtig. Es ist im Gegensatz
zur Melancholie bemerkenswert, daß der Zwangskranke
eigentlich niemals den Schritt der Selbsttötung macht, er ist
wie immun gegen die Selbstmordgefahr, weit besser dagegen
geschützt als der Hysteriker. Wir verstehen, es ist die Erhal-
tung des Objekts, die die Sicherheit des Ichs verbürgt. Bei
der Zwangsneurose ist es durch eine Regression zur prägeni-
talen Organisation möglich geworden, daß die Liebesimpulse
sich in Aggressionsimpulse gegen das Objekt umsetzen.S.
385
Wiederum ist der Destrukionsbetrieb frei geworden und
will das Objekt vernichten, oder es hat wenigstens den An-
schein, als bestünde solche Absicht. Das Ich hat diese Ten-
denzen nicht aufgenommen, es sträubt sich gegen sie mit
Reaktionsbildungen und Vorsichtsmaßregeln; sie verbleiben
im Es. Das Über‑Ich aber benimmt sich, als wäre das Ich für
sie verantwortlich, und zeigt uns gleichzeitig durch den Ernst,
mit dem es diese Vernichtungsabsichten verfolgt, daß es sich
nicht um einen durch die Regression hervorgerufenen An-
schein, sondern um wirklichen Ersatz von Liebe durch Haß
handelt. Nach beiden Seiten hilflos, wehrt sich das Ich ver-
geblich gegen die Zumutungen des mörderischen Es wie gegen
die Vorwürfe des strafenden Gewissens. Es gelingt ihm,
gerade die gröbsten Aktionen beider zu hemmen, das Er-
gebnis ist zunächst eine endlose Selbstqual und in der weiteren
Entwicklung eine systematische Quälerei des Objekts, wo
dies zugänglich ist.Die gefährlichen Todestriebe werden im Individuum auf
verschiedene Weise behandelt, teils durch Mischung mit
erotischen Komponenten unschädlich gemacht, teils als
Aggression nach außen abgelenkt, zum großen Teil setzen
sie gewiß unbehindert ihre innere Arbeit fort. Wie kommt
es nun, daß bei der Melancholie das Über-Ich zu einer Art
Sammelstätte der Todestriebe werden kann?Vom Standpunkt der Triebeinschränkung, der Moralität,
kann man sagen: Das Es ist ganz amoralisch, das Ich ist
bemüht, moralisch zu sein, das Über‑Ich kann hypermoralisch
und dann so grausam werden wie nur das Es. Es ist merk-
würdig, daß der Mensch, je mehr er seine Aggression nach
außen einschränkt, desto strenger, also aggressiver in seinem
Ichideal wird. Der gewöhnlichen Betrachtung erscheint dies
umgekehrt, sie sieht in der Forderung des Ichideals das
Motiv für die Unterdrückung der Aggression. Die TatsacheS.
386
bleibt aber, wie wir sie ausgesprochen haben: Je mehr ein
Mensch seine Aggression meistert, desto mehr steigert sich
die Aggressionsneigung seines Ideals gegen sein Ich. Es ist
wie eine Verschiebung, eine Wendung gegen das eigene Ich.
Schon die gemeine, normale Moral hat den Charakter des
hart Einschränkenden, grausam Verbietenden. Daher stammt
ja die Konzeption des unerbittlich strafenden höheren
Wesens.Ich kann nun diese Verhältnisse nicht weiter erläutern,
ohne eine neue Annahme einzuführen. Das Über‑Ich ist ja
durch eine Identifizierung mit dem Vatervorbild entstanden.
Jede solche Identifizierung hat den Charakter einer De-
sexualisierung oder selbst Sublimierung. Es scheint nun, daß
bei einer solchen Umsetzung auch eine Triebentmischung
stattfindet. Die erotische Komponente hat nach der Subli-
mierung nicht mehr die Kraft, die ganze hinzugesetzte De-
struktion zu binden, und diese wird als Aggressions‑ und
Destruktionsneigung frei. Aus dieser Entmischung würde das
Ideal überhaupt den harten, grausamen Zug des gebieteri-
schen Sollens beziehen.Noch ein kurzes Verweilen bei der Zwangsneurose. Hier
liegen die Verhältnisse anders. Die Entmischung der Liebe
zur Aggression ist nicht durch eine Leistung des Ichs zu
stande gekommen, sondern die Folge einer Regression, die
sich im Es vollzogen hat. Aber dieser Vorgang hat vom Es
auf das Über‑Ich übergegriffen, welches nun seine Strenge
gegen das unschuldige Ich verschärft. In beiden Fällen würde
aber das Ich, welches die Libido durch Identifizierung be-
wältigt hat, dafür die Strafe durch die der Libido beige-
mengte Aggression vom Über‑Ich her erleiden.Unsere Vorstellungen vom Ich beginnen sich zu klären,
seine verschiedenen Beziehungen an Deutlichkeit zu gewin-
nen. Wir sehen das Ich jetzt in seiner Stärke und in seinenS.
387
Schwächen. Es ist mit wichtigen Funktionen betraut, kraft
seiner Beziehung zum Wahrnehmungssystem stellt es die
zeitliche Anordnung der seelischen Vorgänge her und unter-
zieht dieselben der Realitätsprüfung. Durch die Einschaltung
der Denkvorgänge erzielt es einen Aufschub der motorischen
Entladungen und beherrscht die Zugänge zur Motilität.
Letztere Herrschaft ist allerdings mehr formal als faktisch,
das Ich hat in der Beziehung zur Handlung etwa die Stel-
lung eines konstitutionellen Monarchen, ohne dessen Sank-
tion nichts Gesetz werden kann, der es sich aber sehr über-
legt, ehe er gegen einen Vorschlag des Parlaments sein Veto
einlegt. Das Ich bereichert sich bei allen Lebenserfahrungen
von außen; das Es aber ist seine andere Außenwelt, die es
sich zu unterwerfen strebt. Es entzieht dem Es Libido, bildet
die Objektbesetzungen des Es zu Ichgestaltungen um. Mit
Hilfe des Über-Ichs schöpft es in einer für uns noch dunklen
Weise aus den im Es angehäuften Erfahrungen der Vorzeit.Es gibt zwei Wege, auf denen der Inhalt des Es ins Ich
eindringen kann. Der eine ist der direkte, der andere führt
über das Ichideal, und es mag für manche seelische Tätig-
keiten entscheidend sein, auf welchem der beiden Wege sie
erfolgen. Das Ich entwickelt sich von der Triebwahr-
nehmung zur Triebbeherrschung, vom Triebgehorsam zur
Triebhemmung. An dieser Leistung hat das Ichideal, das ja
zum Teil eine Reaktionsbildung gegen die Triebvorgänge des
Es ist, seinen starken Anteil. Die Psychoanalyse ist ein Werk-
zeug, welches dem Ich die fortschreitende Eroberung des Es
ermöglichen soll.Aber anderseits sehen wir dasselbe Ich als armes Ding,
welches unter dreierlei Dienstbarkeiten steht und dem-
zufolge unter den Drohungen von dreierlei Gefahren leidet,
von der Außenwelt her, von der Libido des Es und von der
Strenge des Über‑Ichs. Dreierlei Arten von Angst entsprechenS.
388
diesen drei Gefahren, denn Angst ist der Ausdruck eines
Rückzuges vor der Gefahr. Als Grenzwesen will das Ich
zwischen der Welt und dem Es vermitteln, das Es der Welt
gefügig machen und die Welt mittels seiner Muskelaktionen
dem Es-Wunsch gerecht machen. Es benimmt sich eigentlich
wie der Arzt in einer analytischen Kur, indem es sich selbst
mit seiner Rücksichtnahme auf die reale Welt dem Es als
Libidoobjekt empfiehlt und dessen Libido auf sich lenken
will. Es ist nicht nur der Helfer des Es, auch sein unter-
würfiger Knecht, der um die Liebe seines Herrn wirbt. Es
sucht, wo möglich, im Einvernehmen mit dem Es zu bleiben,
überzieht dessen ubw Gebote mit seinen vbw Rationalisie-
rungen, spiegelt den Gehorsam des Es gegen die Mahnungen
der Realität vor, auch wo das Es starr und unnachgiebig
geblieben ist, vertuscht die Konflikte des Es mit der Realität
und wo möglich auch die mit dem Über‑Ich. In seiner Mittel-
stellung zwischen Es und Realität unterliegt es nur zu oft
der Versuchung, liebedienerisch, opportunistisch und lüg-
nerisch zu werden, etwa wie ein Staatsmann, der bei guter
Einsicht sich doch in der Gunst der öffentlichen Meinung
behaupten will.Zwischen beiden Triebarten hält es sich nicht unparteiisch.
Durch seine Identifizierungs‑ und Sublimierungsarbeit leistet
es den Todestrieben im Es Beistand zur Bewältigung der
Libido, gerät aber dabei in Gefahr, zum Objekt der Todes-
triebe zu werden und selbst umzukommen. Es hat sich zu
Zwecken der Hilfeleistung selbst mit Libido erfüllen müssen,
wird dadurch selbst Vertreter des Eros und will nun leben
und geliebt werden.Da aber seine Sublimierungsarbeit eine Triebentmischung
und Freiwerden der Aggressionstriebe im Über‑Ich zur Folge
hat, liefert es sich durch seinen Kampf gegen die Libido der
Gefahr der Mißhandlung und des Todes aus. Wenn das IchS.
389
unter der Aggression des Über-Ichs leidet oder selbst erliegt,
so ist sein Schicksal ein Gegenstück zu dem der Protisten, die
an den Zersetzungsprodukten zugrunde gehen, die sie selbst
geschaffen haben. Als solches Zersetzungsprodukt im ökono-
mischen Sinne erscheint uns die im Über-Ich wirkende
Moral.Unter den Abhängigkeiten des Ichs ist wohl die vom
Über‑Ich die interessanteste.Das Ich ist ja die eigentliche Angststätte. Von den dreierlei
Gefahren bedroht, entwickelt das Ich den Fluchtreflex, indem
es seine eigene Besetzung von der bedrohlichen Wahrneh-
mung oder dem ebenso eingeschätzten Vorgang im Es zu-
rückzieht und als Angst ausgibt. Diese primitive Reaktion
wird später durch Aufführung von Schutzbesetzungen abge-
löst (Mechanismus der Phobien). Was das Ich von der äußeren
und von der Libidogefahr im Es befürchtet, läßt sich nicht
angeben; wir wissen, es ist Überwältigung oder Vernichtung,
aber es ist analytisch nicht zu fassen. Das Ich folgt einfach
der Warnung des Lustprinzips. Hingegen läßt sich sagen,
was sich hinter der Angst des Ichs vor dem Über‑Ich, der
Gewissensangst, verbirgt. Vom höheren Wesen, welches zum
Ichideal wurde, drohte einst die Kastration und diese Kastra-
tionsangst ist wahrscheinlich der Kern, um den sich die
spätere Gewissensangst ablagert, sie ist es, die sich als Ge-
wissensangst fortsetzt.Der volltönende Satz: jede Angst sei eigentlich Todesangst,
schließt kaum einen Sinn ein, ist jedenfalls nicht zu recht-
fertigen. Es scheint mir vielmehr durchaus richtig, die Todes-
angst von der Objekt-(Real‑)Angst und von der neuroti-
schen Libidoangst zu sondern. Sie gibt der Psychoanalyse ein
schweres Problem auf, denn Tod ist ein abstrakter Begriff
von negativem Inhalt, für den eine unbewußte Entsprechung
nicht zu finden ist. Der Mechanismus der Todesangst könnteS.
390
nur sein, daß das Ich seine narzißtische Libidobesetzung in
reichlichem Ausmaß entläßt, also sich selbst aufgibt, wie
sonst im Angstfalle ein anderes Objekt. Ich meine, daß die
Todesangst sich zwischen Ich und Über-Ich abspielt.Wir kennen das Auftreten von Todesangst unter zwei
Bedingungen, die übrigens denen der sonstigen Angstentwick-
lung durchaus analog sind, als Reaktion auf eine äußere
Gefahr und als inneren Vorgang, zum Beispiel bei Melan-
cholie. Der neurotische Fall mag uns wieder einmal zum Ver-
ständnis des realen verhelfen.Die Todesangst der Melancholie läßt nur die eine Er-
klärung zu, daß das Ich sich aufgibt, weil es sich vom Über-Ich
gehaßt und verfolgt anstatt geliebt fühlt. Leben ist also
für das Ich gleichbedeutend mit Geliebtwerden, vom Über‑Ich
geliebt werden, das auch hier als Vertreter des Es auftritt.
Das Über‑Ich vertritt dieselbe schützende und rettende Funk-
tion wie früher der Vater, später die Vorsehung oder das
Schicksal. Denselben Schluß muß das Ich aber auch ziehen,
wenn es sich in einer übergroßen realen Gefahr befindet, die
es aus eigenen Kräften nicht glaubt überwinden zu können.
Es sieht sich von allen schützenden Mächten verlassen und
läßt sich sterben. Es ist übrigens immer noch dieselbe
Situation, die dem ersten großen Angstzustand der Geburt
und der infantilen Sehnsucht-Angst zugrunde lag, die der
Trennung von der schützenden Mutter.Auf Grund dieser Darlegungen kann also die Todesangst
wie die Gewissensangst als Verarbeitung der Kastrationsangst
aufgefaßt werden. Bei der großen Bedeutung des Schuld-
gefühls für die Neurosen ist es auch nicht von der Hand zu
weisen, daß die gemeine neurotische Angst in schweren Fällen
eine Verstärkung durch die Angstentwicklung zwischen Ich
und Über‑Ich (Kastrations‑, Gewissens‑, Todesangst) erfährt.Das Es, zu dem wir am Ende zurückführen, hat keine
S.
391
Mittel, dem Ich Liebe oder Haß zu bezeugen. Es kann nicht
sagen, was es will; es hat keinen einheitlichen Willen zu-
stande gebracht. Eros und Todestrieb kämpfen in ihm; wir
haben gehört, mit welchen Mitteln sich die einen Triebe
gegen die anderen zur Wehre setzen. Wir könnten es so dar-
stellen, als ob das Es unter der Herrschaft der stummen, aber
mächtigen Todestriebe stünde, die Ruhe haben und den
Störenfried Eros nach den Winken des Lustprinzips zur Ruhe
bringen wollen, aber wir besorgen, doch dabei die Rolle des
Eros zu unterschätzen.
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Das Ich und das Es1923-003/1931