S.
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V
DIE ABHÄNGIGKEITEN DES ICHSDie Verschlungenheit des Stoffes mag entschuldigen,
daß sich keine der Überschriften ganz mit dem In-
halt der Kapitel deckt, und daß wir immer wieder auf
bereits Erledigtes zurückgreifen, wenn wir neue Be-
ziehungen studieren wollen.So haben wir wiederholt gesagt, daß das Ich sich
zum guten Teil aus Identifizierungen bildet, welche
aufgelassene Besetzungen des Es ablösen, daß die
ersten dieser Identifizierungen sich regelmäßig als be-
sondere Instanz im Ich gebärden, sich als Über‑Ich
dem Ich entgegenstellen, während das erstarkte Ich
sich späterhin gegen solche Identifizierungseinflüsse
resistenter verhalten mag. Das Über‑Ich verdankt seine
besondere Stellung im Ich oder zum Ich einem Moment,
das von zwei Seiten her eingeschätzt werden soll,
erstens, daß es die erste Identifizierung ist, die vor-
fiel, solange das Ich noch schwach war, und zweitens,
daß es der Erbe des Ödipuskomplexes ist, also die
großartigsten Objekte ins Ich einführte. Es verhältS.
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sich gewissermaßen zu den späteren Ichveränderungen
wie die primäre Sexualphase der Kindheit zum späteren
Sexualleben nach der Pubertät. Obwohl allen späteren
Einflüssen zugänglich, behält es doch zeitlebens den
Charakter, der ihm durch seinen Ursprung aus dem
Vaterkomplex verliehen ist, nämlich die Fähigkeit, sich
dem Ich entgegenzustellen und es zu meistern. Es
ist das Denkmal der einstigen Schwäche und Ab-
hängigkeit des Ichs und setzt seine Herrschaft auch
über das reife Ich fort. Wie das Kind unter dem
Zwange stand, seinen Eltern zu gehorchen, so unter-
wirft sich das Ich dem kategorischen Imperativ seines
Über‑Ichs.Die Abkunft von den ersten Objektbesetzungen
des Es, also vom Ödipuskomplex, bedeutet aber für
das Über-Ich noch mehr. Sie bringt es, wie wir bereits
ausgeführt haben, in Beziehung zu den phylogenetischen
Erwerbungen des Es und macht es zur Reinkarnation
früherer Ichbildungen, die ihre Niederschläge im Es
hinterlassen haben. Somit steht das Über-Ich dem Es
dauernd nahe und kann dem Ich gegenüber dessen
Vertretung führen. Es taucht tief ins Es ein, ist dafür
entfernter vom Bewußtsein als das Ich.1Diese Beziehungen würdigen wir am besten, wenn
wir uns gewissen klinischen Tatsachen zuwenden, die1)Man kann sagen: Auch das psychoanalytische oder meta-
psychologische Ich steht auf dem Kopf wie das anatomische, das
Gehirnmännchen.S.
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längst keine Neuheit sind, aber ihrer theoretischen
Verarbeitung noch warten.Es gibt Personen, die sich in der analytischen
Arbeit ganz sonderbar benehmen. Wenn man ihnen
Hoffnung gibt und ihnen Zufriedenheit mit dem Stand
der Behandlung zeigt, scheinen sie unbefriedigt und
verschlechtern regelmäßig ihr Befinden. Man hält das
anfangs für Trotz und Bemühen, dem Arzt ihre Über-
legenheit zu bezeugen. Später kommt man zu einer
tieferen und gerechteren Auffassung. Man überzeugt
sich nicht nur, daß diese Personen kein Lob und keine
Anerkennung vertragen, sondern, daß sie auf die
Fortschritte der Kur in verkehrter Weise reagieren.
Jede Partiallösung, die eine Besserung oder zeitweiliges
Aussetzen der Symptome zur Folge haben sollte und
bei anderen auch hat, ruft bei ihnen eine momentane
Verstärkung ihres Leidens hervor, sie verschlimmern
sich während der Behandlung anstatt sich zu bessern.
Sie zeigen die sogenannte negative therapeutische
Reaktion.Kein Zweifel, daß sich bei ihnen etwas der Genesung
widersetzt, daß deren Annäherung wie eine Gefahr
gefürchtet wird. Man sagt, bei diesen Personen hat
nicht der Genesungswille, sondern das Krankheits-
bedürfnis die Oberhand. Analysiert man diesen Wider-
stand in gewohnter Weise, zieht die Trotzeinstellung
gegen den Arzt, die Fixierung an die Formen des
Krankheitsgewinnes von ihm ab, so bleibt doch dasS.
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meiste noch bestehen und dies erweist sich als das
stärkste Hindernis der Wiederherstellung, stärker als
die uns bereits bekannten der narzißtischen Unzugäng-
lichkeit, der negativen Einstellung gegen den Arzt und
des Haftens am Krankheitsgewinne.Man kommt endlich zur Einsicht, daß es sich um
einen sozusagen „moralischen“ Faktor handelt, um
ein Schuldgefühl, welches im Kranksein seine Be-
friedigung findet und auf die Strafe des Leidens nicht
verzichten will. An dieser wenig tröstlichen Aufklärung
darf man endgiltig festhalten. Aber dies Schuldgefühl
ist für den Kranken stumm, es sagt ihm nicht, daß
er schuldig ist, er fühlt sich nicht schuldig, sondern
krank. Dies Schuldgefühl äußert sich nur als schwer
reduzierbarer Widerstand gegen die Herstellung. Es
ist auch besonders schwierig, den Kranken von diesem
Motiv seines Krankbleibens zu überzeugen, er wird sich
an die näher liegende Erklärung halten, daß die ana-
lytische Kur nicht das richtige Mittel ist, ihm zu helfen.11)Der Kampf gegen das Hindernis des unbewußten Schuldgefühls
wird dem Analytiker nicht leicht gemacht. Man kann
direkt nichts dagegen tun, indirekt nichts anderes, als daß man
langsam seine unbewußt verdrängten Begründungen aufdeckt, wobei
es sich allmählich in bewußtes Schuldgefühl verwandelt. Eine
besondere Chance der Beeinflussung gewinnt man, wenn dies
ubw Schuldgefühl ein entlehntes ist, d. h. das Ergebnis der
Identifizierung mit einer anderen Person, die einmal Objekt einer
erotischen Besetzung war. Eine solche Übernahme des Schuldgefühls
ist oft der einzige, schwer kenntliche Rest der aufgegebenenS.
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Was hier beschrieben wurde, entspricht den ex-
tremsten Vorkommnissen, dürfte aber in geringerem
Ausmaß für sehr viele, vielleicht für alle schwereren
Fälle von Neurose in Betracht kommen. Ja noch mehr,
vielleicht ist es gerade dieser Faktor, das Verhalten
des Ichideals, der die Schwere einer neurotischen Er-
krankung maßgebend bestimmt. Wir wollen darum
einigen weiteren Bemerkungen über die Äußerung des
Schuldgefühls unter verschiedenen Bedingungen nicht
aus dem Wege gehen.Das normale, bewußte Schuldgefühl (Gewissen) bietet
der Deutung keine Schwierigkeiten, es beruht auf der
Spannung zwischen dem Ich und dem Ichideal, ist der
Ausdruck einer Verurteilung des Ichs durch seineLiebesbeziehung. Die Ähnlichkeit mit dem Vorgang bei Melancholie
ist dabei unverkennbar. Kann man diese einstige Objektbesetzung
hinter dem ubw Schuldgefühl aufdecken, so ist die
therapeutische Aufgabe oft glänzend gelöst, sonst ist der Ausgang
der therapeutischen Bemühung keineswegs gesichert. Er hängt in
erster Linie von der Intensität des Schuldgefühls ab, welcher die
Therapie oft keine Gegenkraft von gleicher Größenordnung entgegenstellen
kann. Vielleicht auch davon, ob die Person des Analytikers
es zuläßt, daß sie vom Kranken an die Stelle seines Ichideals
gesetzt werde, womit die Versuchung verbunden ist, gegen den
Kranken die Rolle des Propheten, Seelenretters, Heilands zu spielen.
Da die Regeln der Analyse einer solchen Verwendung der ärztlichen
Persönlichkeit entschieden widerstreben, ist ehrlich zuzugeben,
daß hier eine neue Schranke für die Wirkung der Analyse
gegeben ist, die ja die krankhaften Reaktionen nicht unmöglich
machen, sondern dem Ich des Kranken die Freiheit schaffen soll,
sich so oder anders zu entscheiden.S.
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kritische Instanz. Die bekannten Minderwertigkeits-
gefühle der Neurotiker dürften nicht weit davon ab-
liegen. In zwei uns wohlvertrauten Affektionen ist das
Schuldgefühl überstark bewußt; das Ichideal zeigt dann
eine besondere Strenge und wütet gegen das Ich oft
in grausamer Weise. Neben dieser Übereinstimmung
ergeben sich bei den beiden Zuständen, Zwangsneu-
rose und Melancholie, Verschiedenheiten im Verhalten
des Ichideals, die nicht minder bedeutungsvoll sind.Bei der Zwangsneurose (gewissen Formen der-
selben) ist das Schuldgefühl überlaut, kann sich aber
vor dem Ich nicht rechtfertigen. Das Ich des Kranken
sträubt sich daher gegen die Zumutung, schuldig zu
sein, und verlangt vom Arzt, in seiner Ablehnung dieser
Schuldgefühle bestärkt zu werden. Es wäre töricht,
ihm nachzugeben, denn es bliebe erfolglos. Die Analyse
zeigt dann, daß das Über-Ich durch Vorgänge beein-
flußt wird, welche dem Ich unbekannt geblieben sind.
Es lassen sich wirklich die verdrängten Impulse auf-
finden, welche das Schuldgefühl begründen. Das Über-Ich
hat hier mehr vom unbewußten Es gewußt als
das Ich.Noch stärker ist der Eindruck, daß das Über-Ich
das Bewußtsein an sich gerissen hat, bei der Melan-
cholie. Aber hier wagt das Ich keinen Einspruch, es
bekennt sich schuldig und unterwirft sich den Strafen.
Wir verstehen diesen Unterschied. Bei der Zwangs-
neurose handelte es sich um anstößige Regungen, dieS.
66
außerhalb des Ichs geblieben sind; bei der Melan-
cholie aber ist das Objekt, dem der Zorn des Über-Ichs
gilt, durch Identifizierung ins Ich aufgenommen
worden.Es ist gewiß nicht selbstverständlich, daß bei diesen
beiden neurotischen Affektionen das Schuldgefühl eine
so außerordentliche Stärke erreicht, aber das Haupt-
problem der Situation liegt doch an anderer Stelle.
Wir schieben seine Erörterung auf, bis wir die anderen
Fälle behandelt haben, in denen das Schuldgefühl un-
bewußt bleibt.Dies ist doch wesentlich bei Hysterie und Zu-
ständen vom hysterischen Typus zu finden. Der Mecha-
nismus des Unbewußtbleibens ist hier leicht zu erraten.
Das hysterische Ich erwehrt sich der peinlichen Wahr-
nehmung, die ihm von Seiten der Kritik seines Über-Ichs
droht, in derselben Weise, wie es sich sonst einer
unerträglichen Objektbesetzung zu erwehren pflegt,
durch einen Akt der Verdrängung. Es liegt also am
Ich, wenn das Schuldgefühl unbewußt bleibt. Wir
wissen, daß sonst das Ich die Verdrängungen im Dienst
und Auftrag seines Über‑Ichs vornimmt; hier ist
aber ein Fall, wo es sich derselben Waffe gegen
seinen gestrengen Herrn bedient. Bei der Zwangs-
neurose überwiegen bekanntlich die Phänomene der
Reaktionsbildung; hier gelingt dem Ich nur die Fern-
haltung des Materials, auf welches sich das Schuldgefühl
bezieht.S.
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Man kann weiter gehen und die Voraussetzung
wagen, daß ein großes Stück des Schuldgefühls nor-
maler Weise unbewußt sein müsse, weil die Ent-
stehung des Gewissens innig an den Ödipuskomplex
geknüpft ist, welcher dem Unbewußten angehört. Würde
jemand den paradoxen Satz vertreten wollen, daß der
normale Mensch nicht nur viel unmoralischer ist als
er glaubt, sondern auch viel moralischer als er weiß,
so hätte die Psychoanalyse, auf deren Befunden die
erste Hälfte der Behauptung ruht, auch gegen die
zweite Hälfte nichts einzuwenden.1Es war eine Überraschung, zu finden, daß eine
Steigerung dieses ubw Schuldgefühls den Menschen
zum Verbrecher machen kann. Aber es ist unzweifel-
haft so. Es läßt sich bei vielen, besonders jugendlichen
Verbrechern ein mächtiges Schuldgefühl nachweisen,
welches vor der Tat bestand, also nicht deren Folge,
sondern deren Motiv ist, als ob es als Erleichterung
empfunden würde, dies unbewußte Schuldgefühl an
etwas Reales und Aktuelles knüpfen zu können.In all diesen Verhältnissen erweist das Über-Ich
seine Unabhängigkeit vom bewußten Ich und seine
innigen Beziehungen zum unbewußten Es. Nun erhebt
sich mit Rücksicht auf die Bedeutung, die wir den1)Dieser Satz ist nur scheinbar ein Paradoxon; er besagt
einfach, daß die Natur des Menschen im Guten wie im Bösen
weit über das hinausgeht, was er von sich glaubt, d. h. was seinem
Ich durch Bewußtseinswahrnehmung bekannt ist.S.
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vorbewußten Wortresten im Ich zugeschrieben haben,
die Frage, ob das ÜberIch, wenn es ubw ist, nicht
aus solchen Wortvorstellungen, oder aus was sonst
es besteht. Die bescheidene Antwort wird lauten, daß
das Über-Ich auch seine Herkunft aus Gehörtem un-
möglich verleugnen kann, es ist ja ein Teil des Ichs
und bleibt von diesen Wortvorstellungen (Begriffen,
Abstraktionen) eher dem Bewußtsein zugänglich, aber
die Besetzungsenergie wird diesen Inhalten des Über-Ichs
nicht von der Hörwahrnehmung, dem Unterricht,
der Lektüre, sondern von den Quellen im Es zu-
geführt.Die Frage, deren Beantwortung wir zurückgestellt
hatten, lautet: wie geht es zu, daß das Über-Ich sich
wesentlich als Schuldgefühl (besser: als Kritik; Schuld-
gefühl ist die dieser Kritik entsprechende Wahrneh-
mung im Ich) äußert und dabei eine so außerordent-
liche Härte und Strenge gegen das Ich entfaltet. Wenden
wir uns zunächst zur Melancholie, so finden wir, daß
das überstarke Über‑Ich, welches das Bewußtsein an
sich gerissen hat, gegen das Ich mit schonungsloser
Heftigkeit wütet, als ob es sich des ganzen im Indi-
viduum verfügbaren Sadismus bemächtigt hätte. Nach
unserer Auffassung des Sadismus würden wir sagen,
die destruktive Komponente habe sich im Über-Ich
abgelagert und gegen das Ich gewendet. Was nun im
Über‑Ich herrscht, ist wie eine Reinkultur des Todes-
triebes, und wirklich gelingt es diesem oft genug, dasS.
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Ich in den Tod zu treiben, wenn das Ich sich nicht
vorher durch den Umschlag in Manie seines Tyrannen
erwehrt.Ähnlich peinlich und quälerisch sind die Gewissens-
vorwürfe bei bestimmten Formen der Zwangsneurose,
aber die Situation ist hier weniger durchsichtig. Es
ist im Gegensatz zur Melancholie bemerkenswert,
daß der Zwangskranke eigentlich niemals den Schritt
der Selbsttötung macht, er ist wie immun gegen
die Selbstmordgefahr, weit besser dagegen geschützt
als der Hysteriker. Wir verstehen, es ist die Erhal-
tung des Objekts, die die Sicherheit des Ichs ver-
bürgt. Bei der Zwangsneurose ist es durch eine
Regression zur prägenitalen Organisation möglich ge-
worden, daß die Liebesimpulse sich in Aggressions-
impulse gegen das Objekt umsetzen. Wiederum ist
der Destruktionstrieb frei geworden und will das Ob-
jekt vernichten, oder es hat wenigstens den Anschein,
als bestünde solche Absicht. Das Ich hat diese Ten-
denzen nicht aufgenommen, es sträubt sich gegen sie
mit Reaktionsbildungen und Vorsichtsmaßregeln, sie
verbleiben im Es. Das Über‑Ich aber benimmt sich,
als wäre das Ich für sie verantwortlich, und zeigt uns
gleichzeitig durch den Ernst, mit dem es diese Ver-
nichtungsabsichten verfolgt, daß es sich nicht um einen
durch die Regression hervorgerufenen Anschein, sondern
um wirklichen Ersatz von Liebe durch Haß handelt.
Nach beiden Seiten hilflos, wehrt sich das Ich vergeblichS.
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gegen die Zumutungen des mörderischen Es wie
gegen die Vorwürfe des strafenden Gewissens. Es ge-
lingt ihm, gerade die gröbsten Aktionen beider zu
hemmen, das Ergebnis ist zunächst eine endlose Selbst-
qual und in der weiteren Entwicklung eine systema-
tische Quälerei des Objekts, wo dies zugänglich ist.Die gefährlichen Todestriebe werden im Individuum
auf verschiedene Weise behandelt, teils durch Mischung
mit erotischen Komponenten unschädlich gemacht, teils
als Aggression nach außen abgelenkt, zum großen Teil
setzen sie gewiß unbehindert ihre innere Arbeit fort.
Wie kommt es nun, daß bei der Melancholie das Über-Ich
zu einer Art Sammelstätte der Todestriebe werden
kann?Vom Standpunkt der Triebeinschränkung, der
Moralität, kann man sagen: Das Es ist ganz amoralisch,
das Ich ist bemüht moralisch zu sein, das Über‑Ich
kann hypermoralisch und dann so grausam werden wie
nur das Es. Es ist merkwürdig, daß der Mensch, je
mehr er seine Aggression nach außen einschränkt, desto
strenger, also aggressiver in seinem Ichideal wird. Der
gewöhnlichen Betrachtung erscheint dies umgekehrt, sie
sieht in der Forderung des Ichideals das Motiv für die
Unterdrückung der Aggression. Die Tatsache bleibt
aber, wie wir sie ausgesprochen haben: Je mehr ein
Mensch seine Aggression meistert, desto mehr steigert
sich die Aggressionsneigung seines Ideals gegen sein
Ich. Es ist wie eine Verschiebung, eine Wendung gegenS.
71
das eigene Ich. Schon die gemeine, normale Moral
hat den Charakter des hart Einschränkenden, grausam
Verbietenden. Daher stammt ja die Konzeption des
unerbittlich strafenden höheren Wesens.Ich kann nun diese Verhältnisse nicht weiter erläutern,
ohne eine neue Annahme einzuführen. Das Über‑Ich
ist ja durch eine Identifizierung mit dem Vatervorbild
entstanden. Jede solche Identifizierung hat den Charakter
einer Desexualisierung oder selbst Sublimierung. Es
scheint nun, daß bei einer solchen Umsetzung auch
eine Triebentmischung stattfindet. Die erotische Kom-
ponente hat nach der Sublimierung nicht mehr die Kraft,
die ganze hinzugesetzte Destruktion zu binden, und diese
wird als Aggressions‑ und Destruktionsneigung frei. Aus
dieser Entmischung würde das Ideal überhaupt den
harten, grausamen Zug des gebieterischen Sollens
beziehen.Noch ein kurzes Verweilen bei der Zwangsneurose.
Hier liegen die Verhältnisse anders. Die Entmischung der
Liebe zur Aggression ist nicht durch eine Leistung des
Ichs zu Stande gekommen, sondern die Folge einer
Regression, die sich im Es vollzogen hat. Aber dieser
Vorgang hat vom Es auf das Über‑Ich übergegriffen,
welches nun seine Strenge gegen das unschuldige Ich
verschärft. In beiden Fällen würde aber das Ich, welches
die Libido durch Identifizierung bewältigt hat, dafür
die Strafe durch die der Libido beigemengte Aggression
vom Über‑Ich her erleiden.S.
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Unsere Vorstellungen vom Ich beginnen sich zu
klären, seine verschiedenen Beziehungen an Deutlichkeit
zu gewinnen. Wir sehen das Ich jetzt in seiner Stärke und
in seinen Schwächen. Es ist mit wichtigen Funktionen
betraut, kraft seiner Beziehung zum Wahrnehmungs-
system stellt es die zeitliche Anordnung der seelischen
Vorgänge her und unterzieht dieselben der Realitäts-
prüfung. Durch die Einschaltung der Denkvorgänge
erzielt es einen Aufschub der motorischen Entladungen
und beherrscht die Zugänge zur Motilität. Letztere
Herrschaft ist allerdings mehr formal als faktisch, das
Ich hat in der Beziehung zur Handlung etwa die Stellung
eines konstitutionellen Monarchen, ohne dessen Sanktion
nichts Gesetz werden kann, der es sich aber sehr über-
legt, ehe er gegen einen Vorschlag des Parlaments
sein Veto einlegt. Das Ich bereichert sich bei allen
Lebenserfahrungen von außen; das Es aber ist seine
andere Außenwelt, die es sich zu unterwerfen strebt.
Es entzieht dem Es Libido, bildet die Objektbesetzungen
des Es zu Ichgestaltungen um. Mit Hilfe des Über-Ichs
schöpft es in einer für uns noch dunklen Weise aus
den im Es angehäuften Erfahrungen der Vorzeit.Es gibt zwei Wege, auf denen der Inhalt des Es
ins Ich eindringen kann. Der eine ist der direkte, der
andere führt über das Ichideal, und es mag für manche
seelische Tätigkeiten entscheidend sein, auf welchem der
beiden Wege sie erfolgen. Das Ich entwickelt sich von
der Triebwahrnehmung zur Triebbeherrschung, vomS.
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Triebgehorsam zur Triebhemmung. An dieser Leistung
hat das Ichideal, das ja zum Teil eine Reaktionsbildung
gegen die Triebvorgänge des Es ist, seinen starken
Anteil. Die Psychoanalyse ist ein Werkzeug, welches
dem Ich die fortschreitende Eroberung des Es ermög-
lichen soll.Aber anderseits sehen wir dasselbe Ich als armes
Ding, welches unter dreierlei Dienstbarkeiten steht und
demzufolge unter den Drohungen von dreierlei Ge-
fahren leidet, von der Außenwelt her, von der Libido
des Es und von der Strenge des Über‑Ichs. Dreierlei
Arten von Angst entsprechen diesen drei Gefahren,
denn Angst ist der Ausdruck eines Rückzugs vor der
Gefahr. Als Grenzwesen will das Ich zwischen der Welt
und dem Es vermitteln, das Es der Welt gefügig
machen und die Welt mittels seiner Muskelaktionen
dem Es-Wunsch gerecht machen. Es benimmt sich
eigentlich wie der Arzt in einer analytischen Kur, in-
dem es sich selbst mit seiner Rücksichtnahme auf die
reale Welt dem Es als Libidoobjekt empfiehlt und dessen
Libido auf sich lenken will. Es ist nicht nur der Helfer
des Es, auch sein unterwürfiger Knecht, der um die
Liebe seines Herrn wirbt. Es sucht, wo möglich, im
Einvernehmen mit dem Es zu bleiben, überzieht dessen
ubw Gebote mit seinen vbw Rationalisierungen, spiegelt
den Gehorsam des Es gegen die Mahnungen der Realität
vor, auch wo das Es starr und unnachgiebig geblieben
ist, vertuscht die Konflikte des Es mit der Realität undS.
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wo möglich auch die mit dem Über‑Ich. In seiner
Mittelstellung zwischen Es und Realität unterliegt es nur
zu oft der Versuchung, liebedienerisch, opportunistisch
und lügnerisch zu werden, etwa wie ein Staatsmann,
der bei guter Einsicht sich doch in der Gunst der
öffentlichen Meinung behaupten will.Zwischen beiden Triebarten hält es sich nicht un-
parteiisch. Durch seine Identifizierungs‑ und Sublimie-
rungsarbeit leistet es den Todestrieben im Es Beistand
zur Bewältigung der Libido, gerät aber dabei in Gefahr,
zum Objekt der Todestriebe zu werden und selbst um-
zukommen. Es hat sich zu Zwecken der Hilfeleistung
selbst mit Libido erfüllen müssen, wird dadurch selbst
Vertreter des Eros und will nun leben und geliebt
werden.Da aber seine Sublimierungsarbeit eine Triebent-
mischung und Freiwerden der Aggressionstriebe im
Über‑Ich zur Folge hat, liefert es sich durch seinen
Kampf gegen die Libido der Gefahr der Mißhandlung
und des Todes aus. Wenn das Ich unter der Aggres-
sion des Über-Ichs leidet oder selbst erliegt, so ist
sein Schicksal ein Gegenstück zu dem der Protisten,
die an den Zersetzungsprodukten zu Grunde gehen,
die sie selbst geschaffen haben. Als solches Zersetzungs-
produkt im ökonomischen Sinne erscheint uns die im
Über-Ich wirkende Moral.Unter den Abhängigkeiten des Ichs ist wohl die
vom Über‑Ich die interessanteste.S.
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Das Ich ist ja die eigentliche Angststätte. Von den
dreierlei Gefahren bedroht, entwickelt das Ich den
Fluchtreflex, indem es seine eigene Besetzung von der
bedrohlichen Wahrnehmung oder dem ebenso einge-
schätzten Vorgang im Es zurückzieht und als Angst
ausgibt. Diese primitive Reaktion wird später durch
Aufführung von Schutzbesetzungen abgelöst (Mechanis-
mus der Phobien). Was das Ich von der äußeren und
von der Libidogefahr im Es befürchtet, läßt sich nicht
angeben; wir wissen, es ist Überwältigung oder Ver-
nichtung, aber es ist analytisch nicht zu fassen. Das
Ich folgt einfach der Warnung des Lustprinzips. Hin-
gegen läßt sich sagen, was sich hinter der Angst des
Ichs vor dem Über‑Ich, der Gewissensangst, verbirgt.
Vom höheren Wesen, welches zum Ichideal wurde,
drohte einst die Kastration und diese Kastrationsangst
ist wahrscheinlich der Kern, um den sich die spätere
Gewissensangst ablagert, sie ist es, die sich als Ge-
wissensangst fortsetzt.Der volltönende Satz: jede Angst sei eigentlich
Todesangst, schließt kaum einen Sinn ein, ist jeden-
falls nicht zu rechtfertigen. Es scheint mir vielmehr
durchaus richtig, die Todesangst von der
Objekt-(Real‑)Angst und von der neurotischen Libidoangst zu
sondern. Sie gibt der Psychoanalyse ein schweres
Problem auf, denn Tod ist ein abstrakter Begriff von
negativem Inhalt, für den eine unbewußte Entsprechung
nicht zu finden ist. Der Mechanismus der TodesangstS.
76
könnte nur sein, daß das Ich seine narzißtische Libido-
besetzung in reichlichem Ausmaß entläßt, also sich
selbst aufgibt, wie sonst im Angstfalle ein anderes
Objekt. Ich meine, daß die Todesangst sich zwischen
Ich und Über-Ich abspielt.Wir kennen das Auftreten von Todesangst unter
zwei Bedingungen, die übrigens denen der sonstigen
Angstentwicklung durchaus analog sind, als Reaktion
auf eine äußere Gefahr und als inneren Vorgang, z. B.
bei Melancholie. Der neurotische Fall mag uns wieder
einmal zum Verständnis des realen verhelfen.Die Todesangst der Melancholie läßt nur die eine
Erklärung zu, daß das Ich sich aufgibt, weil es sich
vom Über-Ich gehaßt und verfolgt anstatt geliebt fühlt.
Leben ist also für das Ich gleichbedeutend mit Ge-
liebtwerden, vom Über-Ich geliebt werden, das auch
hier als Vertreter des Es auftritt. Das ÜberIch ver-
tritt dieselbe schützende und rettende Funktion wie
früher der Vater, später die Vorsehung oder das Schick-
sal. Denselben Schluß muß das Ich aber auch ziehen,
wenn es sich in einer übergroßen realen Gefahr be-
findet, die es aus eigenen Kräften nicht glaubt über-
winden zu können. Es sieht sich von allen schützenden
Mächten verlassen und läßt sich sterben. Es ist übrigens
immer noch dieselbe Situation, die dem ersten großen
Angstzustand der Geburt und der infantilen Sehnsucht-Angst
zu Grunde lag, die der Trennung von der
schützenden Mutter.S.
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Auf Grund dieser Darlegungen kann also die Todes-
angst wie die Gewissensangst als Verarbeitung der
Kastrationsangst aufgefaßt werden. Bei der großen Be-
deutung des Schuldgefühls für die Neurosen ist es auch
nicht von der Hand zu weisen, daß die gemeine neu-
rotische Angst in schweren Fällen eine Verstärkung
durch die Angstentwicklung zwischen Ich und Über‑Ich
(Kastrations‑, Gewissens‑, Todesangst) erfährt.Das Es, zu dem wir am Ende zurückführen, hat
keine Mittel, dem Ich Liebe oder Haß zu bezeugen.
Es kann nicht sagen, was es will; es hat keinen ein-
heitlichen Willen zu Stande gebracht. Eros und Todes-
trieb kämpfen in ihm; wir haben gehört, mit welchen
Mitteln sich die einen Triebe gegen die anderen zur
Wehre setzen. Wir könnten es so darstellen, als ob
das Es unter der Herrschaft der stummen, aber mäch-
tigen Todestriebe stünde, die Ruhe haben und den
Störenfried Eros nach den Winken des Lustprinzips zur
Ruhe bringen wollen, aber wir besorgen, doch dabei
die Rolle des Eros zu unterschätzen.
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Das Ich und das Es1923-003/1923