Zur Aetiologie der Hysterie 1896-003/1896.1

Freud, Sigmund (1896-003/1896.1): Zur Aetiologie der Hysterie

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  • S.

    WIENER KLINISCHE RUNDSCHAU.

    Organ für die gesammte praktische Heilkunde

    sowie für die

    Interessen des ärztlichen Standes

    unter Mitwirkung der Professoren

    Baccelli (Rom), Bassini (Padua), Bernheim (Nancy). Buchanan (Glasgow), Crocq (Brüssel), Fraser (Edinburgh), de Giovanni (Padua), Heryng (Warschau),
    Docent Heymann (Berlin), Huchard (Paris). Ladame (Genf), Leichtenstern (Köln), Morselli (Genua), Murri (Bologna), Oertel (München),
    Rosenbach (Breslau), Thiry (Brüssel)

    redigirt von

    Privatdocent DR. HEINRICH PASCHKIS.

    Verlagseigenthum von ALFRED HÖLDER, k. u. k. Hof- und Universitäts-Buchhändler in Wien, I., Rothenthurmstrasse 15.


    Die „Wiener klinische Rundschau“ erscheint jeden Sonntag im durchschnittlichen Umfange
    von 2 bis 2½ Bogen. — Pränumerationspreis für Oesterreich-Ungarn ganzjährig 10 fl.,
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    die Verlagshandlung, an welche letztere auch die Insertionsaufträge zu senden sind. —
    Für die Redaction bestimmte Zusendungen (Manuscripte, Briefe, Drucksachen), sind an
    Dr. Heinrich Paschkis in Wien, I., Rudolfsplatz 12, zu richten.

    X. Jahrgang. Wien, 31. Mai 1896. Nr. 22.

    INHALT: Originalartikel, Berichte aus Kliniken und Spitälern.
    Zur Aetiologie der Hysterie. Von Dr. Sigm. Freud. — Die Prognose
    der Tuberculose des Auges. Von Prof. Dr. L. v. Wecker. — Ueber den
    Werth der Serumtherapie bei Diphtheritis. Von Dr. Sigmund v. Ger-
    lóczy. (Fortsetzung.) — Aus der k. k. böhmischen chirurgischen Klinik
    des Prof. Dr. Maydl in Prag. Casuistischer Beitrag zur Magen-
    chirurgie. Von Dr. O. Kukula. (Fortsetzung.)
    Verhandlungen wissenschaftlicher Vereine. Wiener medicinischer Club.
    — Königl. Verein der Aerzte in Budapest. — XIV. Congress für innere
    Medicin in Wiesbaden. — Oesterreichische otologische Gesellschaft.
    Kritische Besprechungen und literarische Anzeigen. Vossius: Samm-
    lung zwangloser Abhandlungen aus dem Gebiete der Augenheilkunde. —
    Albert und Kolisko: Beiträge zur Kenntniss der Osteomyelitis. —
    Urban: Lehrbuch der kleinen Chirurgie für Studirende und Aerzte. —
    Festschrift zur Feier des 80jährigen Stiftungsfestes des ärztlichen Ver-
    eines zu Hamburg. — Neisser: Stereoskopischer medicinischer Atlas.
    — Bollinger: Atlas und Grundriss der pathologischen Anatomie. —
    Jaruntowsky: Die geschlossenen Heilanstalten für Lungenkranke. —
    Avellis: Die Behandlung des Schluckwehs. — Ruedi: Klinische Bei-
    träge zur Flammentachographie.
    Zeitungsschau. Mathieu: Motorische Kraft des Magens. — Lang-
    guth: Milchsäure im Mageninhalte. — Maybaum: Oesophagusdilatation.
    — Marschner: Erkrankungen des Nervensystems. — Pichler:
    Pneumonie und Typhus. — Scherer: Zooid- und Oekoidbildung. —
    Chiari: Selbstverdauung des menschlichen Pankreas. — Maack:
    Schreibstörungen. — Ellis: Conträre Sexualempfindung. — Holst:
    Hämolum bromatum Koberti. — Sarbó: Tetanie. — Salomonsohn:
    Gesichtsfeldermüdung. — Thomsen: Paralyse. — Aievoli: Aristol.
    — Prevost: Coronillin. — Binet: Sulfo-methaemoglobinspectrum.
    Tagesnachrichten und Notizen.

    Originalartikel, Berichte aus Kliniken und Spitälern.


     

    Zur Aetiologie der Hysterie.*)

    Von

    Dr. Sigm. Freud.

    Meine Herren! Wenn wir daran gehen, uns eine Meinung
    über die Verursachung eines krankhaften Zustandes wie die
    Hysterie zu bilden, betreten wir zunächst den Weg der
    anamnestischen Forschung, indem wir den Kranken oder
    dessen Umgebung in's Verhör darüber nehmen, auf welche
    schädlichen Einflüsse sie selbst die Erkrankung an jenen
    neurotischen Symptomen zurückführen. Was wir so in Er-
    fahrung bringen, ist selbstverständlich durch alle jene Momente
    verfälscht, die einem Kranken die Erkenntniss des eigenen
    Zustandes zu verhüllen pflegen, durch seinen Mangel an
    wissenschaftlichem Verständniss für ätiologische Wirkungen,
    durch den Fehlschluss des post hoc, ergo propter hoc,
    durch die Unlust, gewisser Noxen und Traumen zu gedenken oder
    ihrer Erwähnung zu thun. Wir halten darum bei solcher
    anamnestischer Forschung an dem Vorsatze fest, den Glauben
    der Kranken nicht ohne eingehende kritische Prüfung zu dem
    unserigen zu machen, nicht zuzulassen, dass die Patienten
    uns unsere wissenschaftliche Meinung über die Aetiologie der
    Neurose zurechtmachen. Wenn wir einerseits gewisse constant
    wiederkehrende Angaben anerkennen wie die, dass der hyste-
    rische Zustand eine lang andauernde Nachwirkung einer einmal
    erfolgten Gemüthsbewegung sei, so haben wir andererseits in
    die Aetiologie der Hysterie ein Moment eingeführt, welches
    der Kranke selbst niemals vorbringt und nur ungern gelten lässt,
    die hereditäre Veranlagung von Seiten der Erzeuger. Sie wissen,
    dass nach der Meinung der einflussreichen Schule Charcot's
    die Heredität allein als wirkliche Ursache der Hysterie An-
    erkennung verdient, während alle anderen Schädlichkeiten
    verschiedenartigster Natur und Intensität nur die Rolle von
    Gelegenheitsursachen, von «Agents provocateurs» spielen sollen.
    Sie werden mir ohne Weiteres zugeben, dass es wünschens-
    werth wäre, es gäbe einen zweiten Weg, zur Aetiologie der
    Hysterie zu gelangen, auf welchem man sich unabhängiger
    von den Angaben der Kranken wüsste. Der Dermatolog z. B.
    weiss ein Geschwür als luetisch zu erkennen nach der Be-
    schaffenheit der Ränder, des Belags, des Umrisses, ohne dass
    ihm der Einspruch des Patienten, der eine Infectionsquelle
    leugnet, daran irre machte. Der Gerichtsarzt versteht es, die
    Verursachung einer Verletzung aufzuklären, selbst wenn er
    auf die Mittheilungen des Verletzten verzichten muss. Es be-
    steht nun eine solche Möglichkeit, von den Symptomen aus
    zur Kenntniss der Ursachen vorzudringen, auch für die Hysterie.
    Das Verhältniss der Methode aber, deren man sich hierzu zu
    bedienen hat, zur älteren Methode der anamnestischen Er-
    hebung möchte ich Ihnen in einem Gleichnisse darstellen,
    welches einen auf anderem Arbeitsgebiete thatsächlich er-
    folgten Fortschritt zum Inhalt hat.
    Nehmen Sie an, ein reisender Forscher käme in eine
    wenig bekannte Gegend, in welcher ein Trümmerfeld mit
    Mauerresten, Bruchstücken von Säulen, von Tafeln mit ver-
    wischten und unlesbaren Schriftzeichen sein Interesse er-
    weckte. Er kann sich damit begnügen, zu beschauen, was
    frei zu Tage liegt, dann die in der Nähe hausenden, etwa
    halbbarbarischen Einwohner ausfragen, was ihnen die Tradition
    über die Geschichte und Bedeutung jener monumentalen Reste
    kund gegeben hat, ihre Auskünfte aufzeichnen und — weiter-
    reisen. Er kann aber auch anders vorgehen; er kann Hacken,
    Schaufeln und Spaten mitgebracht haben, die Anwohner für
    die Arbeit mit diesen Werkzeugen bestimmen, mit ihnen das
    Trümmerfeld in Angriff nehmen, den Schutt wegschaffen und
    von den sichtbaren Resten aus das Vergrabene aufdecken.

    *) Ausführung nach einem Vortrage im Verein für Psychiatrie und
    Neurologie in Wien am 2. Mai 1896.

  • S.
    380 Wiener klinische Rundschau 1896. Nr. 22.

    Lohnt der Erfolg seine Arbeit, so erläutern die Funde sich
    selbst; die Mauerreste gehören zur Umwallung eines Palastes
    oder Schatzhauses, aus den Säulentrümmern ergänzt sich ein
    Tempel, die zahlreich gefundenen, im glücklichen Fall bilinguen
    Inschriften enthüllen ein Alphabet und eine Sprache, und
    deren Entzifferung und Uebersetzung ergibt ungeahnte Auf-
    schlüsse über die Ereignisse der Vorzeit, zu deren Gedächtniss
    jene Monumente erbaut worden sind. Saxa loquuntur!
     

    Will man in annähernd ähnlicher Weise die Symptome
    einer Hysterie als Zeugen für die Entstehungsgeschichte der
    Krankheit laut werden lassen, so muss man an die bedeut-
    same Entdeckung J. Breuer's anknüpfen, dass die Sym-
    ptome der Hysterie (die Stigmata bei Seite) ihre De-
    terminirung von gewissen traumatisch wirk-
    samen Erlebnissen des Kranken herleiten, als
    deren Erinnerungssymbole sie im psychischen
    Leben desselben reproducirt werden. Man muss
    sein Verfahren — oder ein im Wesen gleichartiges — an-
    wenden, um die Aufmerksamkeit des Kranken vom Symptom
    aus auf die Scene zurückzuleiten, in welcher und durch welche
    das Symptom entstanden ist, und man beseitigt nach seiner
    Anweisung dieses Symptom, indem man bei der Reproduction
    der traumatischen Scene eine nachträgliche Correctur des
    damaligen psychischen Ablaufes durchsetzt.

    Es liegt heute meiner Absicht völlig ferne, die schwierige
    Technik dieses therapeutischen Verfahrens oder die dabei ge-
    wonnenen psychologischen Aufklärungen zu behandeln. Ich
    musste nur an dieser Stelle anknüpfen, weil die nach Breuer
    vorgenommenen Analysen gleichzeitig den Zugang zu den Ur-
    sachen der Hysterie zu eröffnen scheinen. Wenn wir eine
    grössere Reihe von Symptomen bei zahlreichen Personen
    dieser Analyse unterziehen, so werden wir ja zur Kenntniss
    einer entsprechend grossen Reihe von traumatisch wirksamen
    Scenen geleitet werden. In diesen Erlebnissen sind die wirk-
    samen Ursachen der Hysterie zur Geltung gekommen; wir
    dürfen also hoffen, aus dem Studium der traumatischen Scenen
    zu erfahren, welche Einflüsse hysterische Symptome erzeugen
    und auf welche Weise.

    Diese Erwartung trifft zu, nothwendigerweise, da ja die
    Sätze von Breuer sich bei der Prüfung an zahlreicheren
    Fällen als richtig erweisen. Aber der Weg von den Sym-
    ptomen der Hysterie zu deren Aetiologie ist langwieriger und
    führt über andere Verbindungen, als man sich vorgestellt hätte.

    Wir wollen uns nämlich klar machen, dass die Zurück-
    führung eines hysterischen Symptoms auf eine traumatische
    Scene nur dann einen Gewinn für unser Verständniss mit
    sich bringt, wenn diese Scene zwei Bedingungen genügt,
    wenn sie die betreffende determinirende Eignung be-
    sitzt, und wenn ihr die nöthige traumatische Kraft zu-
    erkannt werden muss. Ein Beispiel anstatt jeder Wort-
    erklärung! Es handle sich um das Symptom des hysterischen
    Erbrechens; dann glauben wir dessen Verursachung (bis auf
    einen gewissen Rest) durchschauen zu können, wenn die Ana-
    lyse das Symptom auf ein Erlebniss zurückführt, welches
    berechtigterweise ein hohes Maass von Ekel er-
    zeugt hat, wie etwa der Anblick eines verwesenden mensch-
    lichen Leichnams. Ergibt die Analyse anstatt dessen, dass
    das Erbrechen von einem grossen Schreck, z. B. bei einem
    Eisenbahnunfall, herrührt, so wird man sich unbefriedigt fragen
    müssen, wieso denn der Schreck gerade zum Erbrechen ge-
    führt hat. Es fehlt dieser Ableitung an der Eignung zur De-
    terminirung. Ein anderer Fall von ungenügender Aufklärung
    liegt vor, wenn das Erbrechen etwa von dem Genuss einer
    Frucht herrühren soll, die eine faule Stelle zeigte. Dann ist
    zwar das Erbrechen durch den Ekel gut determinirt, aber
    man versteht nicht, wie der Ekel in diesem Falle so mächtig
    werden konnte, sich durch ein hysterisches Symptom zu ver-
    ewigen; es mangelt diesem Erlebniss an traumatischer
    Kraft.

    Sehen wir nun nach, inwieweit die durch die Analyse
    aufgedeckten traumatischen Scenen der Hysterie bei einer
    grösseren Anzahl von Symptomen und Fällen den beiden er-
    wähnten Ansprüchen genügen. Hier stossen wir auf die erste
    grosse Enttäuschung! Es trifft zwar einige Male zu, dass die
    traumatische Scene, in welcher das Symptom entstanden ist,
    wirklich Beides, die determinirende Eignung und die traumatische
    Kraft besitzt, deren wir zum Verständniss des Symptoms be-
    dürfen. Aber weit häufiger, unvergleichlich häufiger, finden
    wir eine der drei übrigen Möglichkeiten verwirklicht, die dem
    Verständniss so ungünstig sind: Die Scene, auf welche wir
    durch die Analyse geleitet werden, in welcher das Symptom
    zuerst aufgetreten ist, erscheint uns entweder ungeeignet zur
    Determinirung des Symptoms, indem ihr Inhalt zur Beschaffen-
    heit des Symptoms keine Beziehung zeigt; oder das angeblich
    traumatische Erlebniss, dem es an inhaltlicher Beziehung nicht
    fehlt, erweist sich als ein normalerweise harmloser, für ge-
    wöhnlich wirkungsunfähiger Eindruck; oder endlich die «trau-
    matische Scene» macht uns nach beiden Richtungen irre; sie
    erscheint ebenso harmlos wie ohne Beziehung zur Eigenart
    des hysterischen Symptoms.

    (Ich bemerke hier nebenbei, dass Breuer's Auffassung
    von der Entstehung hysterischer Symptome durch die Auf-
    findung traumatischer Scenen, die an sich bedeutungslosen
    Erlebnissen entsprechen, nicht gestört worden ist. Breuer
    nahm nämlich — im Anschlusse an Charcot — an, dass
    auch ein harmloses Erlebniss zum Trauma erhoben werden
    und determinirende Kraft entfalten kann, wenn es die Person
    in einer besonderen psychischen Verfassung, im sogenannten
    hypnoiden Zustand, betrifft. Allein ich finde, dass zur
    Voraussetzung solcher hypnoider Zustände oftmals jeder An-
    halt fehlt. Entscheidend bleibt, dass die Lehre von den
    hypnoiden Zuständen nichts zur Lösung der anderen Schwierig-
    keit leistet, dass nämlich den traumatischen Scenen so häufig
    die determinirende Eignung abgeht.)

    Fügen Sie hinzu, meine Herren, dass diese erste Ent-
    täuschung beim Verfolg der Breuer'schen Methode unmittel-
    bar durch eine andere eingeholt wird, die man besonders als
    Arzt schmerzlich empfinden muss. Zurückführungen solcher
    Art, wie wir sie geschildert haben, die unserem Verständniss
    betreffs der Determinirung und der traumatischen Wirk-
    samkeit nicht genügen, bringen auch keinen therapeutischen
    Gewinn; der Kranke hat seine Symptome ungeändert behalten
    trotz des ersten Ergebnisses, das uns die Analyse geliefert
    hat. Sie mögen verstehen, wie gross dann die Versuchung
    wird, auf eine Fortsetzung der ohnedies mühseligen Arbeit zu
    verzichten.

    Vielleicht aber bedarf es nur eines neuen Einfalles, um
    uns aus der Klemme zu helfen und zu werthvollen Resultaten
    zu führen! Der Einfall ist folgender: Wir wissen ja durch
    Breuer, dass die hysterischen Symptome zu lösen sind,
    wenn wir von ihnen aus den Weg zur Erinnerung eines
    traumatischen Erlebnisses finden können. Wenn nun die auf-
    gefundene Erinnerung unseren Erwartungen nicht entspricht,
    vielleicht ist derselbe Weg ein Stück weiter zu verfolgen,
    vielleicht verbirgt sich hinter der ersten traumatischen Scene
    die Erinnerung an eine zweite, die unseren Ansprüchen besser
    genügt, und deren Reproduction mehr therapeutische Wirkung
    entfaltet, so dass die erstgefundene Scene nur die Bedeutung
    eines Bindegliedes in der Associationsverkettung hat? Und
    vielleicht wiederholt sich dieses Verhältniss, die Einschiebung
    unwirksamer Scenen als nothwendiger Uebergänge bei der
    Reproduction mehrmals, bis man vom hysterischen Symptom
    aus endlich zur eigentlich traumatisch wirksamen, in jeder
    Hinsicht, therapeutisch wie analytisch, befriedigenden Scene
    gelangt? Nun, meine Herren, diese Vermuthung ist richtig.
    Wo die erstaufgefundene Scene unbefriedigend ist, sagen wir
    dem Kranken, dieses Erlebniss erkläre nichts, es müsse sich
    aber hinter ihm ein bedeutsameres, früheres, Erlebniss ver-
    bergen, und lenken seine Aufmerksamkeit nach derselben
    Technik auf den Associationsfaden, welcher beide Erinnerungen,

  • S.
    Nr. 22. Wiener klinische Rundschau 1896. 381

    die aufgefundene und die aufzufindende verknüpft.*) Die Fort-
    setzung der Analyse führt dann jedesmal zur Reproduction
    neuer Scenen von den erwarteten Charakteren. Wenn ich
    z. B. den vorhin ausgewählten Fall von hysterischem Erbrechen
    aufnehme, den die Analyse zunächst auf einen Schreck
    bei einem Eisenbahnunfall zurückgeführt hat, welcher der
    determinirenden Eignung entbehrt, so erfahre ich aus weiter-
    gehender Analyse, dass dieser Unfall die Erinnerung an einen
    früheren, früher vorgekommenen, geweckt hat, den der Kranke
    zwar nicht selbst erlebte, der ihm aber Gelegenheit zu dem
    Grauen und Ekel erregenden Anblick eines Leichnams bot. Es
    ist, als ob das Zusammenwirken beider Scenen die Erfüllung
    unserer Postulate ermöglichte, indem das eine Erlebniss durch
    den Schreck die traumatische Kraft, das andere durch seinen
    Inhalt die determinirende Wirkung beistellt. Der andere Fall,
    dass das Erbrechen auf den Genuss eines Apfels zurück-
    geführt wird, an dem sich eine faule Stelle findet, wird durch
    die Analyse etwa in folgender Weise ergänzt: Der faulende
    Apfel erinnert an ein früheres Erlebniss, an das Sammeln
    abgefallener Aepfel in einem Garten, wobei der Kranke
    zufällig auf einen ekelhaften Thiercadaver stiess.
     

    Ich will auf diese Beispiele nicht mehr zurückkommen,
    denn ich muss das Geständniss ablegen, dass sie keinem Fall
    meiner Erfahrung entstammen, dass sie von mir erfunden
    sind; höchstwahrscheinlich sind sie auch schlecht erfunden;
    derartige Auflösungen hysterischer Symptome halte ich selbst
    für unmöglich. Aber der Zwang, Beispiele zu fingiren, er-
    wächst mir aus mehreren Momenten, von denen ich eines
    unmittelbar anführen kann: Die wirklichen Beispiele sind
    alle unvergleichlich complicirter; eine einzige ausführliche Mit-
    theilung würde diese Vortragsstunde ausfüllen. Die Associations-
    kette besteht immer aus mehr als zwei Gliedern, die trau-
    matischen Scenen bilden nicht etwa einfache, perlschnurartige
    Reihen, sondern verzweigte, stammbaumartige Zusammenhänge,
    indem bei einem neuen Erlebniss zwei und mehr frühere als
    Erinnerungen zur Wirkung kommen; kurz, die Auflösung eines
    einzelnen Symptoms mittheilen, fällt eigentlich zusammen mit
    der Aufgabe, eine Krankengeschichte vollständig darzustellen.

    (Fortsetzung folgt.)