• S.

    VII. Familiäre und hereditäre Formen.

    Ein besonderes Interesse hat sich in den letzten Jahren einer
    Anzahl von Beobachtungen zugewendet, welche die Auffassung der
    cerebralen Diplegien hauptsächlich dadurch beeinflussen, dass sie identi-
    sche oder ähnliche Krankheitsbilder als Familienerkrankungen zeigen,
    die entweder bei mehreren Gliedern einer Generation oder in mehreren
    Generationen nach einander gefunden werden. Um die Bedeutung solcher
    Fälle besser zu würdigen, thut man wahrscheinlich gut, eine Ueberschau
    über eine grössere Reihe von Formen anzustreben, wenn man auch dabei
    das Gebiet der Infantilen Cerebrallähmung nothwendig überschreitet.
    Geht man von dem Interesse der Kinderlähmung aus, so bietet sich uns
    nachstehende vorläufige Anordnung des bekanntgewordenen Materials,
    für die man eine anders begründete Berechtigung natürlich nicht bean-
    spruchen wird:

    a) Vorkommen verschiedener oder bloss ähnlicher Bilder von In-
    fantiler Cerebrallähmung in derselben Familie.
    b) Familiäres oder hereditäres Vorkommen typischer Diplegien.
    c) Familiäre (respective hereditäre) Krankheitsbilder, die den
    typischen Diplegien noch anzureihen sind.
    d) Familiäre Erkrankungen des Kindesalters, die sich merklich vom
    Charakter der Infantilen Cerebrallähmung entfernen.
    e) Familiäre (respective hereditäre) Erkrankungen des späteren Alters.

    a) Nicht identische Fälle von Infantiler Cerebrallähmung in
    derselben Familie.

    Beobachtungen dieser Art finden sich vielfach in der Literatur zer-
    streut, an sich unscheinbar; weil sie nicht mehr als zwei Geschwister
    betreffen, scheinen sie auch der Erklärung keine besonderen Schwierig-
    keiten zu bereiten, obwohl das gemeinsame ätiologische Moment der
    geschwisterlichen Affection keineswegs immer klar zu erkennen ist.

    So z. B.: Fall IX von Little, eine Frühgeburt, ist mit paraplegi-
    scher Starre behaftet, war früher ein Fall von Allgemeiner Starre.
    Ein älterer Bruder bekam mit 15 Monaten eine spastische Affection
    eines Beines nach zwei- bis dreitägigem fieberhaften Unwohlsein (?).

  • S.

    256

    Naef erwähnt von dem Patienten I seiner „complicirten spastischen
    Spinalparalysen“, dass er eine Schwester hat, „welche etwas schwach
    auf den Füssen und in der Sprache ist“. Nach Angabe der Eltern soll
    es sich um dieselbe Krankheit, nur in gelinder Form, handeln.

    Freud hat in seiner Sammlung von 53 Fällen zwei Schwestern
    (XIV und XLI), von denen die ältere das Bild einer Allgemeinen Chorea
    bietet, die sich nach normaler Geburt mit Fraisen in den ersten Lebens-
    tagen eingeführt hat. Die jüngere Schwester zeigt eine leichte Form von
    Allgemeiner Starre und als ätiologisches Moment protrahirte asphyktische
    Geburt. Beide Kinder sind schwachsinnig und haben Strabismus con-
    vergens; ein drittes unter Fraisen gestorben.

    Mehrere Autoren haben darauf aufmerksam gemacht, dass in
    manchen Familien neben der cerebralen Diplegie eine übergrosse Kinder-
    sterblichkeit zu constatiren ist, oder dass Frühgeburt, Kindersterblichkeit
    und Infantile Cerebrallähmung dort neben einander bestehen.

    b) Familiäres Vorkommen eines klinischen Typus von Diplegie.

    Feer beschreibt als Fälle XV und XVI seiner eigenen Beobach-
    tungen zwei Brüder, die beide schwere Allgemeine Starre zeigten. Der
    ältere, normal geborene war „Halbidiot“, der jüngere, ein Zwillingskind und
    Frühgeburt, von „sehr getrübter“ Intelligenz.

    Ganghofner hat ein Geschwisterpaar mit Allgemeiner Starre
    beobachtet (Fall XXXII und LI seiner Tabellen):

    Marie P., 3 Jahre alt, bis zu 1 Jahr gesund, zu welcher Zeit Schwäche
    und Zittern der Beine bemerkt wurden. Gang nur mit Unterstützung möglich.
    Begann mit 2 Jahren zu sprechen, spricht scandirend. Intelligenz gut. Be-
    wegungen der Arme ataktisch, an den – übrigen trophisch verkümmerten –
    Beinen Reflexsteigerung, leichte Spasmen. Mit 3 Jahren soll der Gang sich
    sehr gebessert haben, doch waren die Hände noch ungeschickt und die Sprache
    gestört.

    Ein jüngerer Bruder, mit 6 Jahren beobachtet, konnte erst mit 3 Jahren
    stehen, zu welcher Zeit auch die Sprachentwicklung begann. Er zeigt Strabis-
    mus convergens, geringe Intelligenz, ungeschickte Bewegungen der Hände,
    schwankenden Gang mit versteiften Knien, der nur bei Unterstützung möglich
    wird, Reflexsteigerung, Fussclonus.

    Ausser den beiden erkrankten Geschwistern noch vier Kinder, von denen
    zwei gesund sind, zwei früh verstorben; von den letzteren eines eine Frühgeburt.

    Der Werth solcher Beobachtungen liegt auch zum Theil darin, dass
    sie uns zu warnen vermögen, gewisse Aetiologien und einzelne Sym-
    ptome nicht in ihrer diagnostischen Bedeutung zu überschätzen. Man
    wird geneigt sein, derartige Affectionen bei Geschwistern für wesens-
    gleich zu erklären, und dabei zeigt der eine Fall Feer’s Frühgeburt, der
    andere nicht; bei einem der Kinder aus Ganghofner’s Sammlung findet
    sich Strabismus, der beim anderen fehlt.

  • S.

    257

    Wichtige Beobachtungen über das familiäre Auftreten einer aller-
    schwersten Form von Infantiler Cerebrallähmung, die sich regelmässig
    mit Blindheit zu verbinden und durch einen rapiden Ablauf auszuzeichnen
    scheint, finden sich in mehreren Arbeiten von Sachs, zuletzt zusammengefasst
    im New-York med. Journal, 30. Mai 1896. Die ersten Mittheilungen des
    Autors liessen die Häufigkeit und den exquisit familiären Charakter des
    Leidens vorerst nur ahnen:

    I. S., erstgeborenes Kind gesunder Eltern: Trauma der Mutter ohne
    Folgen im fünften Monat der Gravidität. Das Kind wird rechtzeitig geboren
    und scheint in jeder Hinsicht normal. Im Alter von 2–3 Monaten wird das
    Kind theilnahmslos, zeigt Nystagmus und bleibt von da in seiner Entwick-
    lung stehen. Es liegt bis zu seinem mit 2 Jahren erfolgenden Tode auf dem
    Rücken, ohne je eine willkürliche Bewegung zu versuchen, zeigt grosse Re-
    flexerregbarkeit gegen Geräusche und Berührungen, die Muskeln sind alle schlaff,
    nie Spannungen. Atrophia n. opt. mit besonderem ophthalmoskopischem Befund.
    Bei der Section fand sich grosse Vereinfachung der Windungen, grosse
    Tiefe der Furchen, Sklerose der Rinde, oberflächliche Einlagerung von Kalk-
    plättchen. Nach dem histologischen Befund schliesst Sachs auf einfache Ent-
    wicklungshemmung.

    In derselben Familie kam später ein analoger Fall vor. Auch hier
    normale Geburt, vortreffliche Entwicklung bis zum fünften Monate, dann aber
    wurde das Kind theilnahmslos, blind und schwerhörig und erlag unter dem
    Krankheitsbilde einer spastischen Diplegie mit 19 Monaten.

    II. 13 monatlicher Knabe, bis zu 6 Monaten normal entwickelt, dann
    aber plötzlicher Eintritt geistiger Verkümmerung, Erblindung, spastische Para-
    plegie und grosse Reflexerregbarkeit. Drei andere Kinder desselben Paares
    waren im sechsten Monate in gleicher Weise erkrankt und bis zum Ende des
    zweiten Lebensjahres zu Grunde gegangen.
    Bei all diesen Fällen hatten Convulsionen gefehlt.

    Späterhin erfuhr Sachs, dass ähnliche Fälle von infantiler Erkran-
    kung durch ihre Sehstörung und den dabei vorhandenen ophthalmoskopi-
    schen Befund das Interesse von Augenärzten wie Knapp und Koller
    erregt hatten. Er konnte sich von der vollen Uebereinstimmung des
    klinischen Bildes und Verlaufes dieser Fälle mit seinen eigenen Beob-
    achtungen überzeugen und konnte so Notizen über 19 Fälle sammeln,
    die sich auf 10 Familien vertheilten. Die nun als häufig erkannte Affec-
    tion benennt er „Amaurotic family Idiocy“ und charakterisirt sie durch
    folgende Symptome:

    1. Auftreten bei mehreren Kindern derselben Generation nach nor-
    maler Geburt und anfänglich normaler Entwicklung.

    2. Auftreten von psychischer Hemmung während der ersten Lebens-
    monate, die sich bis zu absoluter Idiotie steigert.

    3. Abnahme des Sehvermögens mit Ausgang in Blindheit (dabei
    nachweisbare Veränderungen des Augenhintergrundes und endliche
    Atrophie der Sehnerven).

    Freud, Cerebrale Kinderlähmung. 17

  • S.

    258

    4. Mehr oder minder deutlich spastische Lähmung der Extremitäten.
    5. Rascher Ablauf und Tod im Marasmus zu ungefähr 2 Jahren.
    Inconstant war das Auftreten von Strabismus und Nystagmus, ziem-
    lich veränderlich in der Reihe die Ausbildung der spastischen Symptome.
    Die anatomische Kenntniss dieser Affection beruht auf zwei Sectionen von
    Sachs (von den beiden ersterwähnten Fällen) und einer von Kingdon
    mit wesentlich identischem Ergebniss. Die erste Autopsie von Sachs
    zeigte vielfache Atypien der Windung und qualitative wie quantitative
    Abweichungen im histologischen Baue der Hirnrinde; die zweite Section
    desselben Autors wie die von Kingdon erwiesen die gleichen Befunde
    in der Hirnrinde, die sich somit als das Wesentliche erkennen liessen,
    bei normaler Windungsentwicklung. Sachs deutet demnach den Befund
    als reine Agenesia corticalis und Folge von Entwicklungshemmung,
    da Anzeichen von Gefässerkrankungen oder entzündlichen Vorgängen ver-
    misst wurden.

    Als Aetiologie der Erkrankung möchte Sachs Blutsverwandtschaft
    und hereditäre Belastung der Eltern gelten lassen; übrigens gehörten 15
    (vielleicht sogar sämmtliche) Fälle israelitischen Familien an. Die Ab-
    wesenheit der hereditären Syphilis (nach Anamnese und anatomischer
    Untersuchung) wird vom Autor nachdrücklich hervorgehoben.
    Sachs erhebt gelinden Einspruch dagegen, dass seine „Familiäre
    Idiotie mit Amaurose“ den cerebralen Diplegien zugerechnet werden
    solle. Indess halten wir uns für berechtigt, dies vorläufig zu thun, bis die
    Stellung der familiären Formen in der Gruppe der Infantilen Cerebral-
    lähmung näher erörtert worden ist.


    Besonders häufig ist das familiäre Vorkommen von Affectionen
    beobachtet worden, die dem Typus der Paraplegischen Starre oder
    spastischen Paraplegie gleichen, und gerade an diese Formen knüpfen
    sich derzeit die interessantesten principiellen Erörterungen.
    Osler erwähnt (bei Gee), dass er spastische Paraplegie bei zwei
    Brüdern gesehen habe.
    Fr. Schultze, Spastische Starre der Unterextremitäten bei drei
    Geschwistern:

    Von den vier Kindern eines im Wesentlichen gesunden, nicht blutsver-
    wandten Ehepaares sind drei erkrankt. Das älteste, nicht kranke Kind wurde
    leicht geboren. Die späteren Geburten waren rechtzeitig, aber langsam und
    schwer; Eingriffe waren zwar nicht erforderlich, aber die Entbindung dauerte
    jedesmal drei Tage. Das älteste Kind lernte im Alter von 9 Monaten laufen, bei den
    jüngeren wurde um die gleiche Zeit bemerkt, dass sie nicht gerade stehen
    konnten, sondern die Beine überkreuzten; sie lernten dann allmälig sich mit
    Hilfe eines Fussschemels fortbewegen. Die Innervation der oberen Extremi-
    täten, Sprache und Intelligenz entwickelten sich normal.

  • S.

    259

    Die beiden älteren Kranken (6 und 5 Jahre) zeigen Strabismus, wovon
    das jüngste frei ist. Das Krankheitsbild enthält nichts anderes als die Sym-
    ptome der paraplegischen Starre. Gang mit steifen und adducirten Beinen,
    Füsse dabei in Equinusstellung, stabile Spannungen in den grossen Gelenken
    der unteren Extremitäten, das Bestehen von Paresen in Folge der Starre
    schwer zu beurtheilen, doch gewiss nicht ausgeschlossen; Sehnenreflexe hoch-
    gradig gesteigert, Fussclonus, keine Sensibilitätsstörung, Blase und Mastdarm
    normal.

    Das jüngste, nun 2jährige Kind zeigt jetzt dieselben Symptome wie
    die beiden anderen Geschwister auf jener frühen Altersstufe: die Kniee sinken
    ein, die Beine kreuzen sich, Equinusstellung und Einwärtsdrehung der Füsse,
    Gehen ohne Stütze unmöglich. Bei ruhigem Liegen ist die Rigidität kaum
    ausgesprochen.

    Die Auffassung dieser drei Fälle wird durch die Thatsache er-
    leichtert, dass bei allen dreien die Geburt langsam und schwer ge-
    wesen war, angeblich drei Tage gedauert hatte, obwohl ärztliche Hilfe
    nicht erfordert wurde. Die Geburt des ältesten, nicht kranken Kindes
    war hingegen leicht vor sich gegangen. Dieses Moment und die Com-
    bination mit Strabismus veranlassen Schultze auch, in einer einwand-
    freien Erörterung die Zugehörigkeit seiner Fälle zu den Little’schen
    Lähmungen zu behaupten und sie durch corticale Läsionen „in den
    medialen Abschnitten des Hirnmantels“ zu erklären.

    Weniger sichergestellt erschien den Autoren die Deutung einer
    Beobachtung von v. Krafft-Ebing über spastische Starre der Beine bei
    drei Geschwistern. Hier fehlt das ätiologische Moment der protrahirten
    Geburt, fehlt die Complication mit Strabismus, welche für die para-
    plegische Starre so bezeichnend ist, und es erübrigt nur noch das viel-
    deutige Symptom einer „spastischen Paraplegie“, jedoch mit Ueber-
    wiegen des Spasmus über die Lähmung. Die Entwicklung der Krankheit
    war in den einzelnen Fällen eine verschiedene.

    Bei der 11jährigen Hermine, die mit 15 Monaten gehen lernte,
    wurde die zunehmende Steifigkeit nach den Masern im fünften Lebensjahre
    bemerkt; der 6jährige Rudolf (Frühgeburt) lernte mit 18 Monaten gehen,
    ging von 3 Jahren an ohne bekannte Ursache schlecht; der 15jährige
    Hermann endlich zeigte schon als kleines Kind die Neigung, die Beine
    übereinanderzuschlagen und lernte überhaupt erst mit 5 Jahren gehen.
    Man kann aus dieser lehrreichen Anamnese die Bestätigung dafür ent-
    nehmen, dass eine eigentlich congenitale Krankheit sich doch erst Jahre
    nachher – auf einen Anlass hin oder ohne einen solchen – zu äussern
    braucht, und dass dieser Charakter sich daher nicht zur Unterscheidung
    der klinischen Formen eignet.

    v. Krafft-Ebing selbst liess sich durch das Krankheitsbild seiner
    drei Fälle zur anatomischen Diagnose eines Hydromyelys bewegen, während
    Andere, wie Obersteiner und Freud, auf die Zugehörigkeit dieser

  • S.

    260

    Fälle zur Little’schen Krankheit hinwiesen, und noch spätere Beurtheiler,
    Souques u. A., durch ihre Parteinahme für die spinale Natur der
    Affection auf Krafft-Ebing’s Seite traten.

    Ziemlich ähnlich den Fällen von v. Krafft-Ebing sind die von
    Souques, vom Autor gleichfalls als Spinalerkrankung aufgefasst, die
    zwei Geschwister aus nicht hereditär belasteter Familie betreffen.

    1. 10jährig, normale Geburt; mit 3 Jahren wurde bemerkt, dass das
    Kind mit dem rechten Fuss falsch auftritt. Mit 31/2 Jahren Convulsionen vor
    Masern, mit 4 Jahren neuerliche Convulsionen vor Variola, seither die Gang-
    störung ausgebildet. Das rechte Bein ist im Stehen in Hüfte und Knie
    gebeugt, durch Sehnenverkürzung starr; im Sitzen beiderseits Pes varus, der
    rechte Fuss willkürlich gar nicht, links nur wenig zu bewegen. Reflex-
    steigerung, Fussclonus, der links nur angedeutet ist; spastischer Gang auf den
    Fussspitzen, die Beine übrigens etwas trophisch geschädigt.

    2. 7jährig, normale Geburt, mit 5 Jahren Fieber und Convulsionen, die
    seither nicht wiedergekehrt. Seitdem Ausbildung der schon vorher merklichen
    Gangstörung. Typische spastische Paraplegie.

    Souques hebt besonders nachdrücklich hervor, dass die Gang-
    störung bei beiden Kindern bereits vor der fieberhaften Erkrankung mit
    Convulsionen bestand, so dass die Auffassung einer erworbenen
    Affection verworfen werden muss.

    Einen grösseren Reichthum von werthvollen Beziehungen lässt eine
    Mittheilung von Newmark erkennen, die sich auf zwei Familien erstreckt
    und gleichzeitig familiäres wie hereditäres Vorkommen des Symptomcom-
    plexes „Spastische Paraplegie“ zum Inhalt hat. In der ersten Familie
    findet sich typische und uncomplicirte Starre der Beine bei zwei Kindern
    von 15 und 5 Jahren, deren erste Symptome bereits vor der Zeit der
    Gehentwicklung bemerkt wurden. Ein 15jähriger Vetter der beiden
    Kranken (Mutterschwesterssohn) leidet an bilateraler spastischer Hemi-
    plegie, gleichfalls congenitaler Natur, mit choreatischen Bewegungen.
    Bei diesem Kranken wie bei seinen sechs Geschwistern waren die Geburten
    sehr schwierig (drei Kinder am Geburtsact gestorben), während gerade die
    beiden erstgenannten Kranken normal und leicht geboren wurden.

    Newmark legt Werth darauf, dass sich Steigerung der Reflexe an
    den Extremitäten auch bei den beiden Müttern seiner Kranken (zwei
    Schwestern) und bei einem gesund gebliebenen älteren Kinde (Schwester
    der beiden ersten Kranken) nachweisen liess.

    In der zweiten Familie handelte es sich um acht, von gesunden,
    nicht blutsverwandten Eltern stammende Kinder. Drei derselben, Knaben
    von 16, 14 und 13 Jahren, zeigten das typische Bild der spastischen
    Paraplegie; ihre Erkrankung hatte erst mit 14, 71/2 und 9 Jahren be-
    gonnen. Ausserdem waren ähnliche Erscheinungen, nämlich Reflexsteige-
    rung und ungeschickter Gang, bei zwei anderen Geschwistern von 8 und

  • S.

    261

    6 Jahren nachzuweisen. Vier dieser Kinder, darunter der 14jährige Kranke,
    waren schwer geboren worden.

    Es macht einen grossen Eindruck, zu sehen, wie die Little’schen
    Momente in der Aetiologie dieser Formen entwerthet werden. Bei so
    zahlreichen Fällen von paraplegischer Starre findet sich nicht einmal
    Frühgeburt. Schwergeburt ist häufig, aber gerade bei den gesund geblie-
    benen Kindern der Generation, während die kranken zumeist normal ge-
    boren worden sind. Ausserdem ist bemerkenswerth das späte Einsetzen
    der Symptome bei den Fällen der zweiten Familie Newmark’s und die
    Inconstanz des Zeitpunktes der Erkrankung selbst (71/2–14 Jahre).

    Ein Gegenstück in gewisser Hinsicht bieten die Fälle Erb’s, die
    dem Autor mit den Anlass gaben, für die Existenz einer hereditären
    spastischen Spinalparalyse im Kindesalter einzutreten. Zwei Mädchen, 12 und
    6 Jahre alt, von gesunden Eltern stammend, die aber durch mehrfache
    Familienbeziehungen blutsverwandt sind; normal geboren und bis zum
    vierten Lebensjahr normal entwickelt, auch was die Leistung der Unter-
    extremitäten betraf. Von dieser Zeit an schleichende Entwicklung einer
    durch kein anderes Symptom complicirten typischen Paraplegie mit vor-
    wiegender Starre; spastischer Gang, Muskelspannungen und Contracturen,
    mässig starke Equinusstellung, Parese vorwiegend im Peroneusgebiet,
    Reflexsteigerung und Fussclonus. Wie ein Hohn auf die Little’sche
    Aetiologie findet sich hiebei die Anmerkung, dass protrahirte Geburt mit
    Asphyxie allerdings in der Geschichte dieser Familie vorkommt, aber
    nicht bei den beiden Kranken, sondern bei deren 17jährigem, normal
    gebliebenem Bruder.

    Es wurde bereits im vorigen Abschnitt (S. 245) erwähnt, dass die
    hier zuletzt zusammengestellten Beobachtungen von infantilen familiären
    Affectionen von mehreren Autoren als Spinalerkrankungen aufgefasst und
    mit der hereditären spastischen Spinalparalyse Strümpell’s der Er-
    wachsenen vereinigt werden. Wir werden weiter unten Gelegenheit haben,
    auf dieses Problem einzugehen; vorläufig darf man wohl mit Sachs die
    Frage aufwerfen, ob das Dilemma „Cerebral- oder Spinalerkrankung?“ bei
    der Erörterung dieser hereditären Formen überhaupt dem Sachbestand
    adäquat ist.

    Als gleichzeitig familiär und hereditär zeigt sich die spastische
    Paraplegie in einer Beobachtung von Melotti und Cantalamessa (Ref.:
    Revue neurol. 1896, Nr. 9), die uns ausserdem lehrt, dass wir die heredi-
    tären Affectionen der Kinder und der Erwachsenen nicht zu trennen
    brauchen, da das Alter beim Krankheitsbeginn kein wesentlicher Zug des
    Krankheitsbildes ist. Bei drei erwachsenen Geschwistern, deren Gross-
    mutter mütterlicherseits an derselben Affection gelitten hatte, war eine
    uncomplicirte, sehr hochgradige, spastische Paraplegie zu finden, die bei

  • S.

    262

    dem einen Kranken aus der frühesten Kind-
    heit datirte, beim jüngeren Bruder mit 20 Jahren und bei der Schwester erst mit 40 Jahren die
    ersten Erscheinungen gemacht hatte.

    Als familiäre Allgemeine und Paraplegische Starre muss ferner die
    Beobachtung von Koshewnikoff (Ref.: Revue neurol. 1895, Nr. 12) be-
    zeichnet werden. Sie bezieht sich auf zwei, 17 und 9 Jahre alte
    Schwestern, die von gesunden Eltern stammen und unter elf Kindern
    die einzig erkrankten sind. Bei beiden begann das Leiden ohne Veran-
    lassung und schleichend im siebenten Jahre; während aber die jüngere
    Schwester nichts als den spastischen Gang zeigte, befand sich die ältere
    seit Jahren in einem nahezu hilflosen Zustande. Bei dieser waren
    auch die Arme und seit dem 14. Jahre die Sprachaction ergriffen. Sie
    hatte Beugecontracturen an allen Gelenken der unteren Extremitäten
    (rechts stärker ausgebildet), durch welche die willkürliche Beweglichkeit
    derselben äusserst eingeschränkt war. Die Arme befanden sich in allen
    Abschnitten in Zwangsstellungen, waren muskelschwach, aber nicht ge-
    lähmt. Auch die Rumpfmuskulatur war starr. Die Starre steigerte sich
    ausserordentlich bei jedem Versuch einer willkürlichen Intention, beim
    Sprechen spannten sich alle Muskeln des Nackens, Thorax und Gesichts,
    die Phonation wurde hiedurch unterbrochen (analog der S. 114 erwähnten
    „anfallsweisen Starre“).

    Dass auch der choreatische Typus der Infan-
    tilen Cerebrallähmung
    als familiäre Affection zur Beobachtung kommt, beweisen interessante
    Fälle von Massalongo (mitgetheilt bei Audry). Die Erkrankung betraf
    in der von Massalongo beobachteten Familie drei Kinder unter den fünf
    eines gesunden und hereditär nicht belasteten Ehepaares; sie war bei
    einem 17jährigen Sohn bereits zur vollen Höhe entwickelt, bei einer
    9jährigen Tochter sehr deutlich ausgebildet, bei dem 7jährigen Sohne
    eben im Beginne. Die Erkrankung äusserte sich bei den drei Kindern in
    vollkommen identischer Weise. Der älteste Sohn begann, nach normaler
    Geburt und Kindheit, mit 7 Jahren plötzlich zu stottern und die Herr-
    schaft über die Zunge zu verlieren; dazu kamen dann Grimassen im Ge-
    sichte, unwillkürliche Bewegungen in den Händen und ein seltsam un-
    gleichmässiger, bald hüpfender, bald hinkender Gang. Als Massalongo
    den Kranken untersuchte, war derselbe der Sprache beraubt und unfähig
    zu irgend einer Leistung, seine Intelligenz aber war besser, als man nach
    dem stupiden Gesichtsausdruck und dem leeren Lachen, das sich so
    häufig wiederholte, hätte annehmen sollen. Der Mund war fast immer
    offen, die Zunge hypertrophisch, in beständiger Unruhe, meist vorge-
    streckt, der Speichel floss frei auf die Brust, das Gesicht zeigte die selt-
    samsten Grimassen, die Arme erhoben und verdrehten sich gewaltsam,
    die Hände zeigten Entstellungen und Subluxationen wie beim chronischen

  • S.

    263

    Gelenksrheumatismus und von Zeit zu Zeit athetotische Bewegungen,
    Oeffnung und Schliessung, Fingerspreizung und Fingerannäherung in
    regelmässiger Folge. Bei Aufregung wie beim Versuch, Intentionen aus-
    zuführen, steigerten sich diese Bewegungen ungemein. An den unteren
    Extremitäten überwogen die spastischen Zwangstellungen über die
    Spontanbewegungen, wie man es so häufig in Fällen von Athetose sieht.
    Die Beine waren gestreckt, adducirt, die Kniee aneinander gepresst, die
    Füsse in Equinovarusstellung; alle diese Stellungen konnten willkürlich
    verändert werden, kehrten aber rasch und unaufhaltsam wieder. Beim
    Liegen zeigte sich Athetose der Füsse und Zehen; beim Gang, der höchst
    unregelmässig war, erreichte die Unruhe des Körpers ihr Maximum. Die
    Muskeln waren alle wohlenwickelt, selbst hypertrophisch. Sensibilität,
    Sinnesorgane, Gedächtniss normal, die Stimmung des Kranken war eine
    heitere. – Bei der 9jährigen Schwester fand sich dasselbe Bild, minder
    arg ausgeprägt, gleichfalls seit dem siebenten Lebensjahre nach normaler
    Geburt, und bei dem 7jährigen jüngeren Bruder zeigten sich eben die
    ersten athetotischen Bewegungen der Hände und der Beginn von Sprach-
    und Zungenstörung.

    Als ganz vereinzelt dastehendes Beispiel von Uebertragung einer
    choreatischen Diplegie von der Mutter auf das Kind ist eine Beobachtung
    von Oppenheim anzuführen (mehrfach, S. 124, erwähnt). Die 31jährige
    Mutter litt an der so häufig vorkommenden typischen Combination einer
    bilateralen Athetose mit spastischer Paraplegie und hatte ihren Zustand
    in „photographischer Aehnlichkeit“ ihrer 10jährigen Tochter vererbt, bei
    welcher bloss der spastische Charakter des Ganges minder ausgebildet
    war. Beide Kranken zeigten jene vorwiegende Betheiligung der Bulbär-
    functionen, welche Oppenheim zur Aufstellung seiner „Infantilen Pseudo-
    bulbärparalyse“ veranlasst haben.

    c) Hereditäre Affectionen, die sich den Typen der Infantilen
    Cerebrallähmung noch annähern lassen.

    Unter der Diagnose „multiple Sklerose“ beschrieb Pelizaeus 1885
    die Affection zweier, derselben Familie angehöriger Kranken. Der erste
    dieser beiden Kranken, Ernst E., war bei der Untersuchung 8 Jahre
    alt. Er wurde schnell und leicht geboren, war zuerst dem Anscheine
    nach ganz normal. Im Alter von einem Vierteljahre trat zuerst der
    Nystagmus auf und entwickelte sich in kurzer Zeit bis zur damals beob-
    achteten Stärke. Im zweiten Halbjahre wurde bemerkt, dass das Kind in
    seinen Handbewegungen ungeschickt war und die Beine meist ruhig
    hielt. Als die ersten Gehversuche angestellt wurden, zeigte es sich, dass
    das Kind die Beinchen nicht in seiner Gewalt hatte, und allmälig, im
    Verlaufe des zweiten Jahres, nahmen sie spastische Dauerstellungen an.

  • S.

    264

    Das Sprechen erlernte der Knabe im Laufe des zweiten Jahres, sprach
    anfangs ganz natürlich, erst vom Ende des dritten Jahres an wurde die
    Sprache schlecht.

    Wir finden also hier den Verlauf einer allmäligen Enthüllung der
    congenitalen Affection mit zeitweiliger Progression und das resultirende
    Krankheitsbild von folgenden Zügen: horizontalen Nystagmus lateralis
    mit blasser Papille, verlangsamte Sprache (Bradylalie), spastische Inner-
    vationsstörung der Arme und spastische Lähmung der unteren Extremi-
    täten ohne Atrophie, ohne Sensibilitätsstörung, mit erhaltener elektrischer
    Erregbarkeit und gesteigerten Sehnenreflexen. Die Affection der Beine
    ist bei den Kranken von Pelizaeus hochgradig, die Intelligenz deutlich
    herabgesetzt.

    Die Affection ist in der Beobachtung von Pelizaeus familiär
    und hereditär; in der betreffenden Familie waren fünf Personen in der
    nämlichsten Weise erkrankt, nämlich (auf einen Stammvater bezogen):
    ein Sohn, drei Enkel und ein Urenkel, also sämmtlich männlichen Ge-
    schlechtes.

    Der 28jährige Kranke, den Pelizaeus noch selbst untersuchte,
    zeigte dieselben Symptome wie sein 8jähriger Neffe (keine Angabe über
    das ophthalmoskopische Bild); es scheint, dass der Zustand bei ihm
    längst stationär geworden war. Bei einem anderen, schwerer betroffenen
    Familienmitgliede (Carl) hatten Sprachstörung und Ungeschicklichkeit
    der Hände bis zum (zufällig verursachten) Tode allmälig zugenommen.

    Pelizaeus hebt selbst die Aehnlichkeit hervor, die zwischen seinen
    eigenen Beobachtungen und denen von Dreschfeld besteht. Die Kranken
    Dreschfeld’s waren Brüder; bei dem einen hatte die Affection im
    14. Lebensmonat mit Convulsionen und nachfolgender Schwäche und Zittern
    der Glieder eingesetzt. Von da an allmälige Verschlimmerung bis zum
    10. Jahre, wo sich folgender Befund ergibt: Kopfschütteln, Nystagmus,
    scandirende Sprache, Intentionstremor der Arme, Paresen ohne deutliche
    Atrophie; Spannungen, Paresen, Extensionsstellungen, erhöhte Sehnen-
    phänomene an den Beinen, Abnahme der psychischen Functionen. Beim
    anderen Bruder hatten sich die ersten Erscheinungen, Schwäche und
    Zittern in den Beinen erst mit 4 Jahren gezeigt. Allmälige Verschlim-
    merung mit 7 Jahren: Kopfschütteln, Nystagmus nur beim Fixiren,
    scandirende Sprache, Tremor der Arme, Muskelspannung, Extensions-
    contractur, deutliche Sensibilitätsstörung der Beine, Schwachsinn.

    In seiner Abhandlung über die cerebralen Diplegien theilt Freud
    die Krankengeschichte zweier Brüder mit, deren Affection er an die von
    Pelizaeus beschriebene annähert.

    Die beiden Knaben, 6½ und 5 Jahre alt, sind die Kinder bluts-
    verwandter, sonst nicht belasteter Eltern (Onkel und Nichte).

  • S.

    265

    Die Familiengeschichte lässt ferner erkennen, dass ein drittes Kind
    an einer ähnlichen Affection gelitten hat, und zeugt überdies für eine
    Neigung zur Leichterblichkeit in dieser Generationsreihe.

    Das erste und sechste Kind waren Frühgeburten und kurzlebig,
    ein fünftes starb mit 10 Monaten, wahrscheinlich an Marasmus; es war
    von Anfang an idiotisch und gelähmt; das vierte Kind der Reihe war
    mit 3 Jahren völlig normal und ist es bis jetzt (6 Jahre) geblieben.

    Der Aeltere der beiden Kranken normal geboren, von Anfang an als
    krank erkannt, reagirte nicht auf Licht in den ersten Monaten, litt nie
    an Convulsionen. Mit 3 Monaten wurde Nystagmus bemerkt, mit 1½-
    Jahren konnte er sitzen und kriechen. Die Sprachentwicklung begann mit
    1 Jahre. Bei dem zweiten Bruder war die Entwicklung der Krankheit
    etwas abweichend. Das Kind war bis zum Ende des zweiten Jahres
    normal, konnte gehen und laufen, sprach correct und reichlich. Erst um
    diese Zeit trat plötzlich Nystagmus auf, verschlechterte sich die Sprache
    und stellte sich der eigenthümliche Gang her. Alles in ziemlich rascher
    Aufeinanderfolge, bis ein dem des Bruders fast völlig analoger Zustand
    erreicht war.

    Die auffälligsten Züge des Krankheitsbildes waren in beiden Fällen:
    Nystagmus und Strabismus convergens alternans, dabei der Befund einer
    Atrophia nervi optici; eigenthümliche bradylalische Sprache, mit fast scan-
    direndem Charakter und erschwerter Articulation; leichte Spannung des
    Rumpfes und der Arme, früher Ungeschicklichkeit der Hände (beim
    jüngeren Bruder die Arme immer frei); spastische Paraplegie mit Parese
    der Beine, der Gang nur mit Unterstützung möglich, schleifend, Beine
    abgemagert (beim Jüngeren der Gang besser, aber mit breiter Basis).
    Der Jüngere zeigte im Allgemeinen eine mildere Ausprägung der Sym-
    ptome und denjenigen Vorzug vor seinem Bruder, welcher der paraplegi-
    schen Starre gegen die allgemeine Starre zukommt. Die Intelligenz beider
    Kranken war nicht nur ungeschädigt, sondern in ganz ungewöhnlichem
    Grade entwickelt. Die geschilderte Affection erwies in der Folge ihren
    progressiven Charakter: beide Kranke sind gegenwärtig (1896) völlig
    gelähmt.1)

    Freud hebt die Aehnlichkeit seiner Fälle mit denen von Pelizaeus
    hervor, möchte aber beide die Diagnose der „multiplen Sklerose“ ab-
    lehnen, da deren Annahme im Kindesalter auf Schwierigkeiten stosse. Da-

    1)Der jüngere der beiden Kranken zeigte Ende 1896 folgende, von dem früheren
    Befund abweichende Züge: Die Bewegungen der Arme in hohem Grade ataktisch, die
    Starre der Beine gegenwärtig excessiv, keine willkürliche Bewegung derselben mehr
    möglich. Aufgestellt überkreuzt er die Beine. Die Sprache, noch immer scandirend, ist
    unverständlich geworden. Sehvermögen gut, liest Zeitungsdruck. Intelligenz und Gemüths-
    leben bei beiden Kindern weit über ihre Jahre entwickelt.

  • S.

    266

    gegen meint er, dass die Symptomgruppe – Bradylalie, Intentionstremor,
    Nystagmus – welche in den bezeichneten Fällen die Aehnlichkeit mit
    der multiplen Sklerose herstellt, dem klinischen Bilde der cerebralen
    Diplegien nicht fremd sei, indem sich in zahlreichen, vereinzelt vor-
    kommenden Fällen unzweifelhafter Diplegie bald dies, bald jenes Stück
    des genannten Complexes vorfinde. Aus seinen, den Fällen von Peli-
    zaeus und Dreschfeld liesse sich vielleicht ein klinisches Individuum,
    ein „spastisches Seitenstück“ zur Friedreich’schen Krankheit,
    construiren.

    Eine ziemlich weitgehende Aehnlichkeit mit den Fällen von Freud
    und Pelizaeus zeigen vier Schwestern, deren Affection Higier kürzlich
    (1896) beschrieben hat. Die Kranken stammen von einem gesunden,
    hereditär nicht belasteten, aber blutsverwandten Elternpaar. Der Beginn
    des Leidens fiel in’s zwölfte, zehnte, neunte und siebente Lebensjahr nach
    normaler Geburt und Entwicklung. Das erste Krankheitssymptom war in
    allen Fällen Schwäche und Steifigkeit in den Beinen und Gangstörung;
    allmälig kam es dann zu einer ausgesprochenen spastischen Paraplegie
    mit Contracturen an den Unterschenkelbeugern und den Adductoren und
    Flexoren der Oberschenkel. Bei allen Fällen wiederholte sich überdies die
    Ausbildung eines eigenthümlichen Pes varo-equinus, Hyperextension der
    grossen und Plantarflexion der übrigen Zehen, Oedem, Cyanose und
    trophische Störungen der Haut an den Beinen. Das Gehen war bei drei
    der Schwestern ganz unmöglich geworden, der Gang war bei der vierten
    spastisch-paretisch und hatte vorher deutliche Ataxie gezeigt.

    Innerhalb des dritten bis vierten Krankheitsjahres traten Bewegungs-
    störungen an den oberen Extremitäten auf, die sich als Schwäche, Unge-
    schicklichkeit, bei zwei der Kranken auch als Intentionstremor äusserten,
    so dass feinere Handarbeiten ganz unmöglich wurden. Die Hände nahmen
    abnorme Zwangstellungen an. Die Sehnenreflexe zeigten sich zur Zeit
    der Untersuchung Higier’s an Armen und Beinen gesteigert.

    Bei der ältesten Kranken (24 Jahre) war überdies Muskelatrophie
    vorhanden, die, an den kleinen Handmuskeln am stärksten, gegen das
    Oberarm-Schultergebiet hin abnahm; an den Beinen waren alle Abschnitte
    in symmetrischer Weise atrophisch. Diese Muskelatrophie fehlte bei den
    drei anderen Geschwistern.

    Von bulbären Bewegungsstörungen fanden sich Schlingstörung,
    Bradylalie und monotone, näselnde Sprache, Strabismus, nystagmusartige
    Zuckungen der Bulbi, Neigung zur Subluxation des Unterkiefers, aber
    diese Symptome waren nicht constante Züge des Krankheitsbildes, sondern
    zwischen den vier Schwestern entweder vereinzelt oder zu mehreren vertheilt.

    Ein zweiter Hauptcharakter der Affection lag in der constant vor-
    handenen Opticusatrophie mit Abnahme der Sehschärfe, Achromatopsie

  • S.

    267

    und Einengung des Gesichtsfeldes; der dritte, praktisch bedeutsamste,
    war die in allen Fällen kenntliche, langsam, aber stetig fortschreitende
    Abnahme der intellectuellen Functionen.

    Diese Beobachtungen Higier’s, denen der Autor dieselbe Stellung
    anweist, die sie in unserer Anreihung einnehmen, sind in mehrfacher
    Hinsicht interessant. Die Combination der spastischen Paraplegie mit
    Bradylalie und Nystagmus und mit der Opticusatrophie enthält die wesent-
    liche Uebereinstimmung mit den Beobachtungen von Pelizaeus und
    Freud; die progressive Demenz nähert die Fälle Higier’s der nächsten
    Gruppe (Bouchard, Homén) an; die Einmengung der Muskelatrophie bei
    einer einzigen der vier Schwestern ist lehrreich, weil sie uns davor warnt,
    eine nosologische Scheidung auf das Fehlen oder Vorkommen dieses
    Symptoms aufzubauen.

    Als irgendwie analog der familiären Chorea und Athetose wird man
    vielleicht mit Möbius die familiäre Myoklonie anführen dürfen, von
    welcher Affection Unverricht zwei Beispiele, jedesmal bei mehreren
    Geschwistern ausführlich beschrieben hat. Der unterscheidene Charakter
    der Myoklonie liegt in der Art der unwillkürlichen Bewegungen, welche
    blitzähnlich sind und nicht synergische Muskelgruppen, sondern einzelne
    Muskeln oder selbst Bündel derselben in ganz regelloser Weise, meist
    symmetrisch, aber nicht synchronisch, betreffen. Diese Anreihung kann
    indess nicht von der Absicht getragen sein, von den Erörterungen über
    die Verursachung der Chorea etwas auf die Myoklonie zu übertragen.

    Zur familiären Myoklonie rechnet auch Sepilli die Affection, die
    er bei drei, sämmtlich epileptischen Mitgliedern einer Familie beobachten
    konnte. Sepilli beschreibt die unwillkürlichen Bewegungen seiner Fälle,
    als ob sie die Mitte hielten zwischen Paramyclonus, Tic convulsif und
    Chorea electrica. In allen Fällen war auch Sprachstörung zugegen.

    Eine Beobachtung von Gee erweckt ein besonderes Interesse dadurch,
    dass sie als Symptome einer familiären und hereditären Affection die
    Combination von spastischer Paraplegie und Muskelatrophie aufweist und
    somit ein Verbindungsglied zwischen den vorhin beschriebenen Formen
    und den gleichfalls hereditären Myopathien abgibt.

    Dieselbe betrifft einen 37jährigen Vater und zwei seiner Kinder. In
    der Familie des Patienten hatte sich eine pathologische Tendenz durch
    mannigfache Erkrankungen kundgegeben. Eine Schwester seiner Mutter
    war während 30 Jahren gelähmt, zwei Vettern mütterlicherseits waren
    taubstumm, einer ohne Finger geboren. Der Kranke selbst war von voll-
    kommener Intelligenz und erwerbsfähig; er hatte nie ordentlich gehen
    können. Er zeigte gute Muskelentwicklung an den Armen, hypertrophische
    Bildung der Deltoidei, sehr deutliche Atrophie der Interossei, Gross- und
    Kleinfingerballen an beiden Händen, mit Aufhebung der elektrischen

  • S.

    268

    Familiäre und hereditäre Formen.

    Erregbarkeit, dabei aber gute Function. Der Gang war nur mit Krücken
    möglich, beim Gehen wurden die Beine überkreuzt. In horizontaler Lage
    hielt er die Knie aneinander gepresst und leicht gebeugt, beide Füsse
    in Valgusstellung. Die Muskeln des Oberschenkels waren gut entwickelt,
    vom Knie abwärts aber nur dürftig; am linken Unterschenkel Atrophie
    der vorderen Tibialgruppe. Ausserordentliche Steigerung der Kniereflexe,
    kein Fussclonus.

    Seine 12jährige Tochter hatte erst zwischen 2 und 3 Jahren zu
    gehen begonnen, durch 5 Jahre Krücken gebraucht, die sie später ab
    legen konnte. Sie hatte die Beine früher immer überkreuzt gehalten,
    kreuzte sie aber nicht beim Gehen. Sie zeigte leichte Beugung im Knie,
    Valgusstellung der Füsse, Adduction der Oberschenkel, Reflexsteigerung,
    verfügte aber ziemlich gut über die Einzelbewegungen der unteren Ex-
    tremitäten. An den oberen Extremitäten geringer Schwund der kleinen
    Handmuskeln und Schwierigkeit, den in Adduction befindlichen Daumen
    abzuziehen.

    Ein 11jähriger Sohn hatte erst mit 2 Jahren zu gehen begonnen,
    ging aber dann gut bis zum dritten Jahre, wo sich nach einer Erkrankung
    an Keuchhusten fortschreitende Verschlechterung des Gehvermögens ein-
    stellte. Er geht mit Krücken, zeigt sehr starke Adductionscontractur der
    Oberschenkel, Beugecontractur der Kniee, deutlichen Pes valgus; Reflex-
    steigerung, keinen Fussclonus. Die Schultermuskeln sind kräftig, die der
    Unterarme nur mässig entwickelt, die Ellbogen ein wenig steif; die Hände
    werden in Krampfstellungen gehalten, die Daumen adducirt, nicht voll-
    kommen gut abzuziehen, die Finger extendirt, können aber willkürlich
    gebengt werden.

    Eine gewisse Aehnlichkeit dieser Affection mit der sonst vereinzelt
    vorkommenden amyotrophischen Lateralsklerose ist wohl unverkennbar.
    Diese Aehnlichkeit hat auch die Auffassung eines anderen Autors, Seelig-
    müller’s, beeinflusst, der 1876 folgende Beobachtung von (bloss familiärer)
    Erkrankung mittheilte:

    Von sieben Kindern eines gesunden Ehepaares erkrankten vier im
    Alter von etwa 9 Monaten; das Gehen wurde ungeschickt, die Beine klebten
    am Boden und wurden auf den Fussspitzen nachgezogen. Dabei bestanden
    hochgradige Contracturen der verschiedenen Gelenke des Körpers und bei
    erhaltenen Sehnenreflexen und unversehrter Sensibilität (wenigstens bei
    zweien der Kinder) eine Atrophie, verbreitet über sämmtliche Muskeln mit
    Ausnahme des Gesichts, bei Herabsetzung der elektrischen Erregbarkeit.
    Endlich kam es zum Verlust des schon entwickelten Sprachvermögens.

    Eine andersartige Beziehung zwischen spastischer Paraplegie und
    hereditärer Myopathie wird uns in der Beobachtung von Philip enthüllt.
    Die beiden Symptome sind in einer Familie auf verschiedene Personen

  • S.

    269

    vertheilt. Der 60jährige Vater leidet an einer schweren spastischen Para-
    plegie, am rechten Beine stärker ausgebildet, die sich spät im Leben, viel-
    leicht nicht ohne Beihilfe eines körperlichen Unfalles, entwickelt hat. Seine
    Affection weist übrigens einige nicht leicht zu deutende complicirende Züge
    auf. Ein 11jähriger Sohn begann mit 7 Jahren steif zu gehen und zeigt
    jetzt Schwäche der Beine, Reflexsteigerung, Gang auf den Fussspitzen.
    Ein älterer Bruder leidet an hochgradiger Pseudohypertrophie der Muskeln,
    an welcher Affection auch zwei andere Geschwister gestorben sind.

    Wieder in anderer Combination zeigt sich die familiäre spastische
    Paraplegie in den Fällen von Tooth, welche auch noch in anderen
    Beziehungen bedeutsam werden, weil sie psychische Symptome und eine
    lehrreiche Variabilität im Zeitpunkt des Auftretens bei im Wesen sicherlich
    identischen Affectionen erweisen. Es handelt sich um vier Brüder, sämmtlich
    mit spastischer Paraplegie. Der erste, 29 Jahre alt, war bis zum 15. Jahr
    gesund, klagte damals über Schwäche im Rücken, und dazu traten all-
    mälig klonische Spasmen im rechten Bein, Steifheit der Beine, Rigidität
    der Extensoren, Steigerung der Kniereflexe, geringe Incontinentia urinae.
    Eine 24jähriger Bruder dieses Kranken blieb gleichfalls bis zum
    15. Jahre gesund und entwickelte dann im Anschluss an einen Unfall
    stotternde Sprache, Schwäche und Steifheit der Beine mit Reflexsteigerung.
    Der dritte Bruder hatte erst mit 2 Jahren gehen gelernt, zeigte schon
    mit 91/2 Jahren spastischen Gang, Rigidität der Extensoren und Adductoren,
    Steigerung der Kniereflexe, Pes equino-varus, verlangsamte Sprache,
    Sphincterenschwäche, Speichelfluss, unwillkürliches Lachen.
    Der vierte Bruder endlich, 13 Jahre alt, zeigte spastischen Gang
    von einer Scharlacherkrankung an, die er mit 21/2 Jahren durchmachte,
    dann kamen Sprachhemmung, Sphincterenschwäche, Rigidität der Exten-
    soren am rechten Bein mit Fussclonus hinzu. – Ataxie, Sensibilitäts-
    störungen, Sehstörungen fehlten bei allen vier Geschwistern.
    Die Affection der vier Brüder zeigt genug gemeinsame Züge, um
    die Erkrankung trotz geringer Abweichungen als jedesmal die nämliche
    erkennen zu lassen. Charakteristisch ist wohl nebst den negativen Sym-
    ptomen die Combination von spastischer Paraplegie mit Sprachstörung und
    Sphincterenschwäche. Die Diagnose des Autors geht auf die Annahme
    einer primären Lateralsklerose, die hier familiär auftreten würde.

    Besondere Erwähnung verdient hier eine Mittheilung von Fried-
    mann über recidivirende spastische Spinalparalyse im Kindesalter, die
    der Autor wegen Abwesenheit aller cerebralen Symptome für eine spinale
    Affection erklärt. Bei zwei normal und rechtzeitig geborenen, zunächst
    normal entwickelten Kindern stellten sich im Alter von 11/4–11/2 Jahren
    allmälig spastische Lähmungen nur an den Extremitäten ein, die nach
    einem Jahr complet verschwanden, dann aber noch zweimal recidivirten.

  • S.

    270

    Im ersten der beiden Fälle trat alle dreimal Heilung ein, die Beobachtung
    des zweiten Falles ist noch nicht abgeschlossen. Der erste Fall wieder-
    holte jedesmal die nämlichen Symptome, spastische Lähmung nur der
    unteren Extremitäten, beim anderen Kinde litten zuerst alle vier Extremi-
    täten, dann in einem abortiven Anfall nur ein Arm und endlich kam es
    auch hier zum typischen Bild der spastischen Paraplegie. Bei beiden
    Kindern lagen dringende Verdachtsmomente für hereditäre Syphilis vor
    (S. 217).

    Einem anderen Gemeinsamen nähern sich die nun anzuführenden
    familiären Affectionen, die von Homén, Bouchard und Hoffmann
    beobachtet worden sind. Eine auch hier vorhandene spastische Paraplegie
    oder allgemeine spastische Lähmung tritt zurück gegen eine Demenz
    schwerster Form, die dem Krankheitsbild ein ernstes Gepräge verleiht.

    Die Fälle von Homén sind durch Sectionsbefunde erläutert. Sie
    betreffen drei von den elf Kindern eines geistig beschränkten finnländischen
    Ehepaares, während drei andere gesund, die übrigen im zartesten Alter ver-
    storben waren. Die drei erkrankten Geschwister hatten eine fast identische
    Krankengeschichte. Normal geboren und bis zum 20. (in einem Falle 12.)
    Lebensjahre gesund, entwickelte sich um diese Zeit ohne nachweisbare
    Veranlassung das Leiden unter Allgemeinerscheinungen: Schwindel,
    Müdigkeitsgefühl, vagen Schmerzen, und äusserte sich zunächst in
    Schwächung der Intelligenz und Abnahme des Gedächtnisses. Bald nach
    her wurde der Gang unsicher und taumelnd, wie der eines Betrunkenen.
    Während sich diese Symptome allmälig steigerten, trat nach etwa zwei-
    jähriger Krankheitsdauer eine gewisse Langsamkeit und Schwerfälligkeit
    des Sprechens auf. Die Abnahme der Intelligenz machte stetige Fort-
    schritte, so dass die Kranken nach 3–7jähriger Krankheitsdauer voll-
    kommen dement waren, ohne dass psychische Reizerscheinungen sich
    unterdesss eingestellt hätten. Der Demenz war wohl auch zuzuschreiben,
    dass die Sprachäusserungen der Kranken immer spärlicher geworden
    waren.

    Etwas später als die Sprachstörungen trat bei allen drei Kranken
    eine gewisse Steifigkeit auf, die, an den Beinen am deutlichsten, doch den
    ganzen Körper betraf. Hiezu gesellten sich mehr oder minder beständige
    Contracturen, die sich durch vorsichtigen Zug bedeutend vermindern
    liessen. Die Contracturen fanden sich zuerst in den Knie- und Hüft-
    gelenken, später in den Hand- und Fingergelenken ein und führten
    eigenthümliche Zwangsstellungen herbei, in denen die Kranken schliess-
    lich verharrten. Die letzte Lebenszeit verbrachten die drei Geschwister in
    völliger Hilflosigkeit. Deutliche Gesichtsstörungen, eigentliche Lähmungen
    und Anästhesien fehlten während des ganzen Verlaufes. Unabhängig von
    den Krankheitssymptomen war hervorzuheben, dass die Geschwister einen

  • S.

    271

    hohen Grad von Infantilismus in Aussehen und allgemeiner Entwicklung
    erkennen liessen.

    Vollkommen identisch wie das Krankheitsbild war auch der ana-
    tomische Befund der drei Fälle. Das Cranium war besonders dick, die
    Pia mater stellenweise adhären-t. Das Gehirngewicht im Ganzen gering.
    Die Windungen schienen besonders in der vorderen Hälfte des Hirns
    etwas atrophisch. In allen drei Gehirnen wurden etwa in der Mitte der
    Linsenkerne symmetrisch Erweichungsherde aufgefunden, in einem Fall
    in besonders hochgradiger Ausbildung. In den Gehirngefässen fanden
    sich kleine sklerotische Flecke, vielleicht am meisten in der A. fossae Sylvii.
    Ferner zeigten alle drei Fälle diffuse Cirrhose der Leber, zwei Fälle noch
    deutliche Milzhyperplasie.

    Die mikroskopische Untersuchung des Gehirns ergab die deutlich-
    sten Veränderungen in den vorderen Hirnpartien. Dieselben bestanden in
    mässiger Verringerung der markhaltigen Tangentialfasern und des Faser-
    netzes, geringer Verdickung der Neurogliaschichten und wenig auffälligen
    Modificationen im Aussehen der grossen Rindenzellen. Deutlicher
    waren die Veränderungen der kleinen Gefässe: sklerotische und hyaline
    Verdickungen der Gefässwand, körnige Degeneration derselben, kleine
    Hämorrhagien, die Gefässe im allgemeinen erweitert, in den Scheiden
    hie und da Rundzellen, längs des Gefässlaufes Pigmentanhäufung.

    Der Befund der Endarteritis und der Lebercirrhose legt es nahe,
    die Aetiologie der Erkrankung in einer Lues hereditaria zu suchen, wie
    wohl die Anamnese weder aus dem Vorleben der Eltern, noch aus der
    Kindheit der Kranken Belege hiefür zu erbringen vermochte. Es lässt
    sich indess mit der Annahme der Lues von den Eltern her gut in Ein-
    klang bringen, dass die Generationsreihe mit einem Abortus im vierten
    Monat begann, dass fünf der nächsten Kinder in den ersten Lebens-
    wochen starben, und dass die Krankheit sich an den Aeltesten von den
    länger Lebenden zeigte.

    Angesichts dieser wahrscheinlich vollberechtigten ätiologischen
    Zurückführung könnte man versucht sein, den Fällen von Homén die
    Würdigung als besondere Affection zu verweigern und sie einfach als
    Lues hereditaria tardiva classificiren. Man darf aber nicht vergessen, dass
    der wesentliche Charakter eines Krankheitsbildes im constanten Gefüge
    der einzelnen Symptome besteht und dass dieser Bedingung die Fälle
    Homén’s vollauf genügen. Man braucht hier das Krankheitsbild nicht
    über der Aetiologie zu vernachlässigen. Die Lues kann dabei sehr wohl,
    wie Homén selbst meint, bloss die Rolle einer entfernten ätiologischen
    Bedingung spielen, so dass die Homén’sche Affection den parasyphi-
    litischen Erkrankungen im Sinne Fournier’s anzureihen wäre. Es ist
    keineswegs selbstverständlich, dass die exquisit polymorphe Syphilis des

  • S.

    272

    Nervensystem in drei Fällen derselben Familie genau die nämlichen
    Aeusserungen zu Stande bringt; vielmehr deutet die Gleichförmigkeit der
    Symptome auf die Einschiebung eines ätiologisch näher liegenden Momentes,
    welches das Krankheitsbild gestaltet. Ob übrigens dieses Krankheitsbild
    wie der Autor meint, durch die diffusen Gefässveränderungen vollauf
    gedeckt wird, darf billig in Zweifel gezogen werden.

    Ueber einen anderen familiären Symptomcomplex, im Wesen eine
    Combination von Schwachsinn mit progressiver Muskelatrophie, berichtet
    Hoffmann bei vier Geschwistern, in deren Seitenverwandtschaft noch zwei
    andere Erkrankungen an derselben Affection vorgefunden wurden. Die
    Kranken hatten schon in den Kinderjahren, beim ersten Schulbesuch,
    geistige Schwäche gezeigt und gleichzeitig eine gewisse motorische
    Ungeschicklichkeit verrathen. Im zweiten Decennium gesellte sich hiezu
    eine atrophische Parese mit Localisation an den Fingerspitzen und Aus-
    breitung von da aus gegen den Stamm; Gesichts-, Hals- und Rumpf-
    muskeln blieben von der Atrophie verschont. Mechanische und elektri-
    sche Muskelerregbarkeit herabgesetzt, Reflexe von wechselndem Verhalten,
    Kälte und Cyanose der Endabschnitte der unteren Extremitäten. Der
    Schwachsinn war entschieden progressiver Natur.

    Im Einzelnen wichen die Symptome der vier Geschwister vielfach
    von einander ab. Der älteste Bruder, 30 Jahre alt, zeigte stotternde
    Sprache und träge, unwillkürliche Bewegungen im Gesicht und an den
    Halsmuskeln, vollständige und hochgradigste atrophische Lähmung beider
    Hände und der Muskeln unterhalb des Knies. Er ging mit einem Stocke
    bei leichter Beugung der Knie- und Hüftgelenke. Die 29 jährige
    Schwester sprach verlangsamt, bot das Bild der spinalen progressiven
    Muskelatrophie an den Armen, eine vollständige Lähmung der Beine.
    Ein 21 jähriger Bruder war in allen Aeusserungen schwerfällig, sprach
    unbeholfen, stockend. Die atrophische Lähmung war bei ihm von geringerer
    Ausdehnung und Intensität, sein Gang nahezu spastisch-paretisch. Der
    jüngste, 15 jährige Bruder war der beschränkteste von allen; seine rechte
    Körperhälfte war im Ganzen weniger entwickelt als die linke, die Atrophie
    nur an den kleinen Handmuskeln rechts unzweifelhaft, die Function der
    Beine eine gute.

    Progressive Demenz in Verbindung mit Ataxie bildet den Haupt-
    inhalt einer anderen familiären Affection, die Bouchard an zwei Ge-
    schwistern beobachtet hat. Das Leiden äusserte sich bei dem Knaben
    mit 3 Jahren, bei dem Mädchen mit 7 Jahren, mit gleichzeitigen psychi-
    schen und motorischen Störungen. Letztere bestanden in ungeordneten,
    ataktischen Bewegungen, die jeden Willensimpuls durchkreuzten, und in
    einer Veränderung des Ganges, der mehr schwankenden als ataktischen
    Charakter annahm. Die Sprache wurde verlangsamt und scandirend. In

  • S.

    273

    der Ruhe traten keine unwillkürlichen Bewegungen auf. Trotz der Rigidität
    der Beine, die bei Gehversuchen von Zittern ergriffen wurden, zeigte
    sich bedeutende Abschwächung der Patellar-
    reflexe. Die Demenz nahm
    allmälig zu und steigerte sich zur vollen Idiotie, an den Extremitäten
    entwickelten sich Contractur-
    stellungen, die willkürliche Beweglichkeit
    schwand, zuletzt trat Lähmung des Schlingens und Kauens ein. Das eine
    der Kinder starb unter Convulsionen, das andere nach hochgradiger Ab-
    magerung im Marasmus.

    Die Autopsie enthüllte im Nervensystem keine makroskopischen
    Läsionen. Der mikroskopischen-
    Untersuchung wurde leider nur das
    Rückenmark unterzogen, an welchem sich eine beiderseitige Seitenstrang-
    sklerose mit Ueberschreitung-
    des Gebietes der Pyramiden-
    bahn ergab.
    P. Marie erklärte diese Sklerose für eine wenigstens zum Theil durch
    Poliomyelitis bedingte.

    Zu ganz analogen Bemerkungen geben die Fälle von Bruns Anlass
    (vorgestellt zu Hannover, 1. Mai 1896, ref.: Neurol. Centralbl., 1896, Nr. 11).
    Auch hier die Combination von paraplegischer Starre mit Schwachsinn
    und scandirender Sprache bei zwei Schwestern, die Variation im Zeitpunkt
    des Krankheitsbeginnes und im Hinzutreten einer Muskel-
    atrophie. Die ältere
    Schwester, 26 Jahre alt, war erst seit ihrem 17. Jahre krank, sie zeigte
    ausgeprägte spastische Parese beider Beine, scandirende Sprache, Schwach-
    sinn und Zwangslachen. Die Arme waren frei. Die jüngere Schwester
    hatte niemals ordentlich laufen können, doch datirte auch bei ihr eine
    grosse Verschlimmerung des Zustandes aus den letzten Jahren. Ausser
    den Symptomen der Schwester zeigte sie eine progressive Muskelatrophie
    von typisch spinalem Charakter an den Händen. Bruns hebt die Aehn-
    lichkeit seiner Fälle mit denen von Hoffmann und von Seeligmüller
    (S. 268) hervor.

    In Combination mit Schwachsinn und Sprach-
    störung erscheint die
    familiäre spastische Paraplegie bei den zwei Brüdern, die Pribram 1895
    in der Prager Wander-
    versammlung des Wiener Vereins für Psychiatrie
    und Neurologie vorgestellt hat. Beim jüngeren, 22jährigen, seit dem
    10. Jahre leidenden Bruder Muskel-
    spannungen, gesteigerte Sehnen-
    reflexe,
    Gang am Boden haftend, mit einwärts gekehrten Füssen, steifen Beinen
    und rotirendem Becken; Lenden-
    lordose. Beim älteren Bruder die spasti-
    schen Symptome geringer, der Gang wie bei Peroneus-
    lähmung. Ausser
    dem ein gewisser Grad von Schwachsinn,-
    erschwertes Sprechen mit
    übermässigem Grimassiren,-
    langsam und mühselig, mit Anstossen der
    Zunge.

    Fügen wir anhangsweise hinzu, dass auch von der atrophischen Bulbär-
    paralyse das familiäre und hereditäre Vorkommen bekannt geworden ist.
    Freud, Cerebrale Kinderlähmung.

  • S.

    274

    Fazio beobachtete 1892 eine 22jährige Frau mit classischer Bulbär-
    paralyse, deren 4¼jähriger Sohn eine ähnliche Affection zeigte: voll-
    kommene Facialislähmung, Articulationsstörung, Aphonie, Athem-
    und
    Schlingbeschwerden, Unbeweglichkeit der Zunge. Londe beschrieb 1893/94
    zwei Knaben (Brüder) mit einem ähnlichen bulbären Leiden, in dessen
    Bild die hochgradige Lähmung des oberen Facialis einen auffälligen
    Unterschied von der typischen Bulbärparalyse herstellte.

    d) Familiäre und hereditäre infantile Affectionen, die nur eine
    entferntere Beziehung zur Infantilen Cerebrallähmung zeigen.

    In einer dritten Gruppe familiärer oder hereditärer Affectionen des
    Kindesalters möchte man zusammenstellen die Myopathien, die bekanntlich
    gegenwärtig in so zahlreiche Typen zerfallen sind, die Friedreich’sche
    Krankheit und die Marie’sche Hérédoataxie cérébelleuse. Nur die letztere
    bedarf an dieser Stelle als neuerkannte Affection einer eingehenderen
    Würdigung. Die Marie’sche Krankheit sollte zwar unter den hereditären
    Affectionen der Erwachsenen angeführt werden, da sie zumeist erst
    nach dem 20. Jahr, oft viel später einsetzt; wir wollen uns aber an die
    Thatsache halten, dass sie in einzelnen Fällen wirklich im Kindesalter
    Erscheinungen macht, und wir sind bereits vorbereitet darauf, dass sich
    der Zeitpunkt des Auftretens der ersten Krankheitssymptome als kein
    wesentlicher Charakter der familiären Nervenkrankheiten herausstellen wird.

    Bekanntlich hat P. Marie 1893 den Typus der Hérédoataxie
    cérébelleuse in der Weise geschaffen, dass er einzelne als Friedreich’sche
    Ataxie beschriebene Krankheitsfälle wegen wichtiger Abweichungen vom
    Bilde der letzteren und Uebereinstimmung unter einander zu einem neuen
    Krankheitsbild vereinte. Die Marie’sche Krankheit wird darum am besten
    durch eine fortlaufende Vergleichung mit der Friedreich’schen geschildert.
    Sie hat mit ihr gemein den Tremor, den eigenthümlich schwankenden
    Gang, auf den Augenverschluss keine oder geringe Wirkung übt, die
    zwischen Tremor und Ataxie stehende Bewegungsstörung an den oberen
    Extremitäten, die nystagmusartigen Zuckungen der Augenmuskeln und
    den Charakter der Sprache, die monoton, verlangsamt, etwas scandirend
    ist. Die eigenthümliche Missbildung des Fusses und die bei Friedreich so
    häufige Skoliose der Wirbelsäule fehlen bei der Heredoataxie Marie’s.
    Die Hauptunterschiede aber liegen in einem Gegensatz und einigen hin-
    zugefügten Symptomen. Während bei der Friedreich’schen Krankheit
    spastische Phänomene fehlen und die Patellarreflexe aufgehoben sind,
    zeigen sich bei der Marie’schen Ataxie diese Reflexe erhalten, zumeist
    gesteigert, auch Fussclonus kommt dabei vor; die Beine befinden sich in
    einem gewissen Zustande von Hypertonie; in einzelnen Fällen sind Contrac-
    turen beschrieben worden, welche mehr oder minder permanent waren. An

  • S.

    275

    Familiäre und hereditäre Formen.

    den Augen findet man ferner – außer dem beiden Affectionen gemein-
    samen Nystagmus – bei der Marie’schen Krankheit Augenmuskelstörun-
    gen verschiedener Art, Ptosis, Externuslähmung, Aufhebung der Pupillar-
    reflexe, Abnahme der Sehschärfe, Einschränkung des Gesichtsfeldes, Farben-
    sinnstörung und als ophthalmoskopische Veränderung weiße Atrophie.
    Endlich sollen auch Sensibilitätsstörungen hier constanter als bei
    Friedreich vorkommen.

    Londe, der 1895 der Heredoataxie eine Monographie gewidmet
    hat, schränkt den wesentlichen Unterschied beider Affectionen auf das
    gegensätzliche Verhalten der Reflexe ein und stellt so die Diagnose der
    Heredoataxie als unabhängig von den Augensymptomen hin.

    In anatomischer Hinsicht scheinen Friedreich’sche und Marie’sche
    Krankheit unvergleichbar zu sein. Der Befund bei der Friedreich’schen
    Ataxie besteht bekanntlich in Degeneration sämmtlicher langer Rücken-
    marksbahnen bei allgemeiner Kleinheit des Organs. In den zwei Au-
    topsien (Fraser und Nonne), auf welchen die pathologische Anatomie
    der Marie’schen Ataxie ruht, fand sich das Rückenmark allerdings von
    geringerem Volumen, aber frei von geweblicher Veränderung; der wesent-
    liche Befund war vielmehr eine hochgradige Verkümmerung des Klein-
    hirns ohne Sklerose und ohne Zeichen entzündlicher Vorgänge, – wie die
    Autoren meinen, einer Agenesia corticalis vergleichbar. Ein dritter Sections-
    befund (von Menzel) zeigte die Summation von beiderlei Befunden,
    Kleinhirnatrophie und Strangdegeneration im Rückenmark.

    Wenn die Marie’sche Ataxie eine unleugbare Verwandtschaft mit
    der Friedreich’schen klinisch bekundet, so stellt sie andererseits auch
    eine Annäherung zwischen dieser und solchen Fällen, wie die von Peli-
    zaeus, Higier und Freud, her – Fälle, die nicht mehr weitab von den
    gemeinen klinischen Formen der Infanitlen Cerebrallähmung liegen. Die
    Hérédoataxie cérébelleuse entspricht thatsächlich dem „spastischen Seiten-
    stück zur Friedreich’schen Krankheit“, welches Freud aufzustellen
    versucht war.

    e) Familiäre (hereditäre) Affectionen des späteren Alters.

    Es könnte unberechtigt scheinen, dass man die hereditären Nerven-
    krankheiten der Erwachsenen zur Anknüpfung an die Infantile Cerebral-
    lähmung heranziehen will; allein wir haben aus den vorstehenden Beob-
    achtungen entnehmen können, dass der Zeitpunkt, zu welchem die here-
    ditären Affectionen ihre ersten Symptome äußern, in derselben Familie
    sich um ein Decennium verschieben kann (Homén) oder (Heredoataxie)
    bei verschiedenen Fällen wohl auch über ein längeres Intervall variirt.
    Wir werden uns auch sagen, dass selbst eine constant festgehaltene Be-
    stimmung des scheinbaren Krankheitsbeginnes gegen die Erwägung zurück-
    18*

  • S.

    276

    tritt, dass die hereditäre oder familiäre Affection der Erwachsenen noth-
    wendiger Weise ebenso auf congenitaler Bedingtheit ruht wie irgend eine
    hereditäre Nervenkrankheit des Kindesalters.

    Diejenige familiäre Affection der Erwachsenen, welche der Infantilen
    Cerebrallähmung klinisch am nächsten steht, die „hereditäre (familiäre)
    spastische Spinalparalyse“ Strümpell’s, musste bereits in anderem Zu-
    sammenhange erwähnt werden (S. 244). Ihre Aufstellung ruht wesentlich
    auf den Beobachtungen Strümpell’s an zwei Brüdern Gaum (mit einem
    Sectionsbefund), an einem Patienten namens Polster, dessen Grossvater,
    Vater, zwei Vatersbrüder und ein Bruder das gleiche Leiden gezeigt
    hatten, und auf einer Beobachtungsreihe Bernhardt’s, in welcher von
    6 Geschwistern 4 (sämmtlich Brüder) an der in Rede stehenden Affection
    erkrankt waren. Das Leiden entwickelte sich schleichend, von den Dreissiger-
    jahren an, machte sehr langsame Fortschritte und äusserte sich die längste
    Zeit in reiner spastischer Paraplegie oder richtiger in paraplegischer
    Starre mit Reflexsteigerung, denn die motorische Kraft der Beine blieb,
    wie Strümpell ausdrücklich hervorhebt, zunächst voll erhalten, so dass
    die Kranken trotz ihres beschwerlichen Ganges stundenlange Märsche
    leisten konnten. Erst in der späteren Zeit der Krankheit trat auch der
    Charakter der Muskelschwäche, Parese, deutlich hervor, und den Anamnesen
    zufolge muss der endliche Ausgang in Lähmung nicht ausgeschlossen
    sein. Nicht in allen Fällen blieb das klinische Bild bis zum Ende der
    Beobachtung rein; bei einem der von Bernhardt beschriebenen Brüder
    kamen am Ende Sprach-, Schlingstörungen und Störungen der Augen-
    bewegungen hinzu; bei dem Kranken Polster fand sich später eine deut-
    liche partielle Sensibilitätsstörung an den Unterschenkeln.

    Die Bedeutung, welche dieser hereditären spastischen Spinalparalyse
    der Erwachsenen auch hinsichtlich der Auffassung der cerebralen Diple-
    gien zukommt, liegt in dem durch Strümpell bekannt gewordenen Sec-
    tionsbefunde von einem der Brüder Gaum, der eine combinirte Degene-
    ration mehrerer langer Bahnen im Rückenmarke (Pyramiden-, Kleinhirn-
    seitenstrangbahn, Goll’sche Stränge und Randzone) enthüllte. Strümpell
    erkannte diese Degeneration als primäre und schloss aus der wechselnden
    Intensität der Veränderungen in verschiedenen Rückenmarkshöhen, dass
    die Degenerationsrichtung der Bahnen hier sich anders verhalte als in
    den sonst bekannt gewordenen Fällen von secundärer Degeneration. Während
    bei letzterer die Pyramidenbahn absteigend degenerirt, fanden sich im
    Falle Gaum die intensivsten geweblichen Veränderungen im Lenden-
    marke; in der Oblongata verhielten sich die Pyramiden völlig normal.

    Wenn man eine ganze Reihe anderer, familiär und hereditär auf-
    tretender Affectionen des reiferen Alters, die mit Fug und Recht hier
    anzuführen wären, wegen geringer symptomatischer Aehnlichkeit mit den

  • S.

    277

    Bildern der Infantilen Cerebrallähmung übergeht, so trifft man dafür in
    der Huntingdon’schen Chorea chronica auf eine Erkrankung, die sich
    an einzelne der erwähnten infantilen Symptom-
    complex geradezu wie
    an Vorbilder anlehnt. Ein bis zum Aeussersten fortschreitender Schwach-
    sinn und eine stetig zunehmende Ueberwältigung-
    der willkürlichen mo-
    torischen Innervation durch Nebenimpulse von echt choreatischem Charakter
    machen bekanntlich den Hauptinhalt des Krankheits-
    bildes aus, das durch
    die bisher aufgedeckten,-
    wechselnden, anatomischen Befunde nach dem
    Urtheile aller Autoren nicht gedeckt wird. (Vgl. S. 252.)

    Es ist offenbar richtiger klinischer Tact, der die ersten Beschreiber
    einer derartigen hereditären Affection dazu veranlasst hat, auf die Ein-
    reihung des Krankheits-
    bildes unter die bekannten einfachen Kategorien
    zu verzichten und dafür den hereditären (familiären) Charakter in den
    Vordergrund zu rücken.

    Diese Gruppe von Affectionen zeigt eine Reihe ganz besonderer
    klinischer Eigenthümlich-
    keiten und soll, wie es scheint, von ganz anderen
    nosologischen Gesichtspunkten aus beurtheilt werden. Die Zahl der hieher
    gehörigen Beobachtungen ist rasch angewachsen und wird offenbar in
    nächster Zeit weiter vermehrt werden; fast jede Familien-
    beobachtung
    zeigt ein besonderes Gepräge, eine neue Combination der Symptome; die
    einfachen Krankheits-
    bilder sind in den hereditären Affectionen wie zu
    höheren Einheiten gruppirt enthalten.

    Es frägt sich vor Allem, ob die topische Deutungs-
    manier, welche
    wir bei den accidentellen Krankheiten des Nerven-
    systems in Anwendung
    ziehen, auch bei den hereditären berechtigt ist. Machen wir hierauf die
    Probe bei den wenigen Affectionen letzterer Art, deren anatomischer-
    Befund bekannt scheint.

    Die Friedreich’sche Ataxie wird allgemein unter den Spinal-
    erkrankungen abgehandelt; als ihre Grundlage gelten spinale Verände-
    rungen,-
    und zwar (abgesehen von der Kleinheit des ganzen Organs)
    Degeneration der Goll’schen-
    Stränge (und Partien der Burdach’schen),
    der Kleinhirnseiten-
    stränge und der Pyramiden-
    bahnen (auch der Clarke-
    schen Säulen). Wer nur diesen Bericht von der pathologischen-
    Anatomie
    des Friedreich kennt, muss daran erinnert werden, dass ganz ähnliche
    Veränderungen,-
    Degenerationen derselben langen Bahnen für die heredi-
    täre spastische Spinalparalyse der Erwachsenen und ihr ähnliche Einzel-
    erkrankungen angegeben werden, und dies bei der weitestgehenden Un-
    ähnlich-
    keit der klinischen Bilder. Erst die Berufung auf intimere Ver-
    schieden-
    heiten der anatomischen-
    Befunde hier und dort, auf unsere
    wahrscheinlich unvollständige-
    Kenntniss der Veränderungen im Nerven-
    system bei Friedreich’scher-
    Ataxie, die Zweifel, ob die Natur des

  • S.

    278

    Degenerationsprocesses in beiden Fällen die näm-
    Schlüsse ab, zu denen die anatomische Aehnlichkeit bei klinischer Ver-
    schiedenheit sonst Anlass gäbe. Etwas Anderes bleibt aber ungestört;
    es ist unmöglich, die klinischen Zeichen der Friedreich’schen Ataxie
    allein aus irgend einem Rückenmarksbefund abzuleiten; Nystagmus und
    Sprachstörung, vielleicht auch die Chorea, trotzen einer spinalen Locali-
    sation. Es ist aber auch gar keine Rede davon, dass wir die Symptome
    der Friedreich’schen Krankheit gerade aus dem anatomischen Befund
    im Rückenmark ableiten könnten, den wir in den Sectionen erfahren
    haben. Bei der gemeinen Tabes ist dies anders; bei ihr ergibt jede be-
    fallene Region des Nervensystems ihr Localsymptom, und aus den im
    einzelnen Falle vorhandenen Symptomen erschliessen wir der Reihe nach
    die vom Krankheitsprocess ergriffenen Stellen. Die Friedreich’sche
    Ataxie aber ist nicht einfach die „combinirte Strangsklerose des Rücken-
    markes“ oder des im Ganzen verkleinerten Rückenmarkes, sondern eine
    Affection mit diesen und jenen Symptomen und mit einem solchen
    Sectionsbefund, und zwischen Symptomen und Befund klafft für unser
    Verständniss vorläufig eine Lücke, deren Ausfüllung wir kaum ahnen,
    keinesfalls in anatomischen Thatsachen erwarten dürfen.

    Ebenso lehrreich ist das Beispiel der Marie’schen Ataxie, des spasti-
    schen Seitenstückes zur Friedreich’schen Krankheit. Es ist offenbar ein
    ungerechtfertigtes Wagestück, die Marie’sche Krankheit hinzustellen als
    den klinischen Ausdruck der „congenitalen Kleinhirnatrophie“. Wir hätten
    nie geahnt, dass Nystagmus und Sprachstörung besonderer Art zu diesem
    Bilde gehören; weder physiologische Experimente, noch Beobachtungen
    von accidenteller, erworbener Kleinhirnaffection geben uns ein Recht dazu,
    wenn nicht etwa neuere Untersuchungen über die Symptomatologie der
    accidentellen Kleinhirnaffectionen diesen Satz modificiren sollten. (Vgl.
    Arndt, Zur Pathologie des Kleinhirns, Archiv für Psych., XXVI, 1894.)

    Dass aber die Coordinationsstörung keineswegs nothwendige Folge
    einer congenitalen Verkümmerung des Kleinhirns ist, beweist z. B. ein
    neuerer Fall von König:

    Mädchen mit typischer cerebraler Diparese congenitalen Ursprungs, das
    nie sprechen gelernt hatte, erst mit 6 Jahren zu sehen begann. Der Gang
    war spastisch-paretisch, an allen Extremitäten bestanden leichte Spannungen;
    während mehrjähriger Beobachtung niemals eine Coordinationsstörung. Tod im
    zehnten Lebensjahr.

    Die Autopsie zeigte eine auffällige Verkleinerung des Kleinhirns, das
    nur ein Drittel des ihm zukommenden Gewichtes besass. Dabei war das Klein-
    hirn makroskopisch normal, auch in seiner Consistenz nicht vermehrt (mikro-
    skopische Untersuchung ausständig). Vielleicht waren auch Theile des Hirn-
    stammes verkleinert.

    Die spastischen Erscheinungen des Marie’schen Symptomcomplexes
    treffen zusammen mit dem Befunde eines gewöhnlich normalen Rücken-

  • S.

    279

    markes; die so häufige Verknüpfung mit Augenstörungen harrt noch ihrer
    ersten Aufklärung. Für die Uebereinstimmung mancher Hauptsymptome
    dieser Krankheit mit solchen der Friedreich’schen Ataxie hat allerdings
    Londe eine annehmbare Auskunft gefunden; er sagt, die Ataxie sei das
    Zeichen der Erkrankung eines vom Rückenmark zum Kleinhirn ziehenden
    Systems, und der gleiche Effect müsse erfolgen, ob der spinale oder der
    cerebellare Antheil dieses Systems der erkrankte sei.
    An die Beziehungen der Friedreich’schen Krankheit zur
    Hérédoataxie cérébelleuse lassen sich einige weitere Bemerkungen an-
    knüpfen, die tief in das Wesen der Sache zu führen scheinen. Wir
    haben gehört, dass die Autoren Uebergangsformen zwischen den er-
    wähnten beiden Affectionen anerkannt haben. Zur Aufstellung dieser
    Mittelformen sind sie dadurch gelangt, dass sie von jeder klinischen
    Beobachtung den vollzähligen Symptomcomplex und von jedem Symptom
    die nämliche Ausprägung verlangten. Wenn wir in der vorhin gegebenen
    Zusammenstellung familiärer Affectionen mit dieser Forderung an die
    klinischen Formen herantreten, die sich innerhalb derselben Familie
    finden und wohl mit Sicherheit als Ausdruck der nämlichen Disposition
    aufzufassen sind, so werden wir belehrt, dass unsere Erwartung nicht zu
    erfüllen ist. Man nehme irgend eine der beschriebenen Familienkrank-
    heiten her, man wird sich überzeugen, dass das Alter des Krankheits-
    beginnes um grosse Zeiträume variirt, dass anscheinend charakteristische
    Züge des Symptomcomplexes (Nystagmus, Strabismus, Schwachsinn) bei
    einzelnen der geschwisterlichen Kranken ausgefallen sind, und dass
    dasselbe Symptom (Spasmen, Gangstörung, Sprachstörung) im einzelnen
    Falle in sehr verschiedener Intensität und selbst nach abweichender
    Richtung entwickelt sein kann. Man wird ferner finden, dass die bei
    Geschwistern natürliche Verschiedenheit des Alters und der Krankheits-
    phase die Abweichungen der Krankheitsbilder unter einander keineswegs
    völlig erklärt. Wenn dem so ist, wird man sich aber nicht verwundern
    dürfen, dass sich ähnliche Unterschiede herausstellen, wenn man Fälle
    der nämlichen Affection bei einander fremden Individuen mit einander
    vergleicht. Man hat viel Anlass dazu gerade bei der Friedreich’schen
    und Marie’schen Ataxie, da man hier zahlreich vereinzelt auftretende
    Krankheitsfälle findet, denen man doch die Identificirung mit den familiär
    vorkommenden nicht versagen kann. Das vereinzelte Vorkommen wider-
    spricht keineswegs der familiären Natur einer Affection, und wir haben
    diese Möglichkeit für alle Arten familiärer oder hereditärer Nervenkrank-
    heiten zugeben müssen.
    Die Unterschiede also, wegen deren die Autoren gewisse Beob-
    achtungen nicht zur typischen Friedreich’schen oder Marie’schen
    Ataxie rechnen, sondern als Mittelformen selbstständig machen, sind oft

  • S.

    280

    nicht erheblich als jene, welche zwischen den Krankheitsbildern der
    einzelnen Geschwister in die Augen fallen. So sonderte Fr. Schultze
    1894 eine Beobachtung bei drei Geschwistern von der echten Fried-
    reich'schen Krankheit ab, weil die locomotorische Ataxie in diesen
    Fällen sehr wenig, das Romberg'sche Symptom sehr deutlich aus-
    gebildet war. Durch die Geringfügigkeit der Ataxie näherten sich seine
    Fälle einem 1893 von Senator beschriebenen Falle, bei dem aber die
    Patellarreflexe bloss herabgesetzt und noch durch den Jendrassik'schen
    Handgriff hervorzurufen waren.

    Nonne theilte 1895 eine Reihe von Einzelbeobachtungen mit, die
    unter einander sehr ähnlich sind, durch die lebhaften Reflexe ihre
    Zugehörigkeit zum Marie'schen Typus bezogen, vom Autor aber
    abgesondert werden, weil sie eben nicht familiär sind, und weil sie sich
    in sehr frühem Kindesalter manifestirt haben. Wir dürfen nach
    den früheren Erwägungen annehmen, dass diese Charaktere eine Trennung
    nicht rechtfertigen. Unter einander weichen die vier Fälle Nonne's in
    folgenden Punkten von einem Gemeinsamen ab: Der erste Fall zeigt eine
    mässige Rigidität der Extremitätenmuskeln, einen höheren Grad von
    Gangstörung, lallende, krampfhafte Sprache, Andeutungen von Nystagmus
    und mässigen Schwachsinn; der zweite geringe Rigidität, besseren Gang,
    keinen Nystagmus; der dritte Muskelstarre wie Fall I, aber keinen
    Nystagmus (wie im Falle II); von beiden unterschied er sich durch die
    Intactheit der Intelligenz; der vierte Fall endlich wiederum, mit guter
    Intelligenz, hatte Nystagmus wie der erste. Das schwerste Symptom des
    Marie'schen Typus, die Opticusatrophie, fehlte in all diesen Fällen.

    Angesichts des Reichthums an derartigen Formen, welche eine
    cerebellare Ataxie mit Schwachsinn, Nystagmus, Sprachstörung, Augen-
    affectionen und spastischen Symptomen combiniren, wird man etwa geneigt
    sein, bis nicht anatomische Befunde weitere Aufklärung bringen, dem
    Anspruch auf genaue Erfüllung des Marie'schen Typus zu entsagen
    und vorderhand nur zwei Gruppirungen anzuerkennen: den alten
    Friedreich'schen Typus mit seinen Variationen, und ein spastisches
    Gegenstück, eine spastische Friedreich'sche Krankheit. Man kann
    sich fragen, wodurch nun diese beiden Krankheitsbilder sich von den
    Formen absondern, die wir als cerebrale Diplegien für die Infantile
    Cerebrallähmung in Anspruch nehmen. Die Antwort muss lauten: einzig
    durch den cerebellaren Symptomcomplex, die statische Ataxie und den
    schwankenden Gang. Nichts anderes als dies fehlt z. B. den Fällen von
    Pellizaeus, Freud und Higier, bei denen selbst die im Marie'schen
    Typus nicht constante Opticusatrophie auftritt.

    Es bietet einen weiteren Anlass zu principiellen Erörterungen, dass
    Krankheitsbilder ganz ähnlich wie das spastische Gegenstück zum

  • S.

    281

    Friedreich auch als erworbene Affectionen vorkommen. Von zwei
    Fällen dieser Art, die Nonne mittheilt, ist wenigstens der eine noch infantil,
    d. h. durch eine schwere, fieberhafte, mit Krämpfen und Unbesinnlich-
    keit einhergehende Erkrankung im 12. Lebensjahre bedingt. Der acht
    Jahre später beobachtete Patient zeigte sich geistig sehr beschränkt,
    schwankte beim Stehen, sein Gang war durch Schwanken und durch
    einen ataktischen Bewegungsüberschuss behindert, seine Handbewegungen
    waren deutlich ataktisch, die Sprache stossend und hastig; Nystagmus
    bestand zwar nicht, wohl aber Insufficienz der Augenbewegungen für die
    Extremstellungen. Die Sehnenreflexe waren sehr lebhaft, die Contouren
    der Muskeln rigid vorspringend, eigentliche Spannungen fehlten. Bei
    einem anderen Kranken hatte sich ein ähnliches Bild im 28. Lebens-
    jahre nach einer schweren Insolation (Kopfschmerz, Delirien, Bewusst-
    losigkeit) entwickelt, die Intelligenz war unversehrt geblieben. Es bestand
    hochgradige statische Ataxie, breitbeiniger, schwankender Gang, mässige
    Ataxie der Hände, stossende und hastige Sprache, Insufficienz der Augen-
    bewegungen, grosse Steigerung der Sehnenreflexe, aber keine Muskel-
    spannungen.

    Die Unabhängigkeit dieses cerebellär-spastischen Krankheitsbildes
    von der Aetiologie, der Umstand, dass es ebensowohl in Folge endogener
    Bedingtheit wie nach extrauterinen Einwirkungen auftreten kann, stellt
    eine Analogie mit den klinischen Typen der Infan-tilen Cerebrallähmung
    her, für welche, wie wir erfahren haben, dieselbe Freiheit gilt. Wir
    werden hiedurch aufmerksam gemacht, dass diese Krankheitsbilder ihre
    besonderen topischen oder besser: topisch-functionellen Bedingungen haben
    und darum verdienen, in der Nosographie festgehalten zu werden. Es ist
    auch nicht abzulehnen, dass der Umfang der Infan-tilen Cerebrallähmung
    dahin erweitert werden mag, dass er sich auf den klinischen Ausdruck
    von Kleinhirnaffectionen ebenso erstrecke wie auf den der Grosshirn-
    erkrankungen. Nach allem bisher Vorgebrachten werden wir den wesent-
    lichen Unterschied zwischen Infantiler Cerebrallähmung und den familiären
    Affectionen nicht in die Symptomatik verlegen, sondern in die Aetiologie,
    welche bei den letzteren durch ein endogenes, bei der Infan-tilen Cerebral-
    lähmung durch ein accidentelles Moment dargestellt wird.

    Wir haben im vorigen Abschnitt einen Gesichtspunkt kennen ge-
    lernt, der uns bedeutsamer erschien als die topographische Scheidung in
    Rückenmarks- und Gehirnerkrankung, die streng genommen nur für die
    accidentellen Erkrankungen des Nervensystems interessant ist. Die Er-
    kenntniss vom Zerfall des gesammten Nervensystems in einzelne Neurone,
    die über die topographischen Grenzen hinwegsetzen, hat uns darüber
    aufgeklärt, dass eine im Rückenmark localisirte Läsion unter Umständen
    dieselben Symptome liefern kann wie eine im Gehirn localisirte, wenn

  • S.

    282

    Familiäre und hereditäre Formen.

    nämlich beidemal dieselben aus dem Gehirn in’s Rückenmark reichenden
    Neurone ergriffen sind. Somit stellt sich ganz allgemein die Aufgabe, die
    klinischen Bilder anders als bisher anatomisch umzudeuten, nicht auf die
    erkrankte Localität aus ihnen zu schliessen, sondern zunächst auf die
    Individualität der erkrankten Neurone. Wir sind von der Möglichkeit,
    dieser Aufgabe zu genügen, selbstverständlich noch weit entfernt. Zur
    Würdigung der hereditären Affectionen würde aber auch diese Correctur
    noch nicht hinreichen. Eine Erkrankung kann systematisch sein oder mit
    der Erkrankung einer Gruppe gleichartiger Neurone zusammenfallen und
    doch ihrer Natur nach accidentell sein. Die accidentelle, der Organisation
    des Nervensystems im Wesen fremde Schädlichkeit hat dann eben ein ein-
    zelnes Neuronsystem direct befallen.

    Bei den hereditären Nervenerkrankungen scheint die Annahme
    einer accidentellen Aetiologie ausgeschlossen; wie käme sonst bei mehreren
    Personen die nämliche Krankheit zu Stande? Die Schädlichkeit muss
    sich hier umgesetzt haben in eine dem Nervensystem inhärente Eigen-
    schaft, die bei den mannigfachsten Anlässen zur Erkrankung des Systems
    führt. Die Anzahl und Auswahl der so disponirten Neuronsysteme be-
    dingt dann die Eigenart der hereditären Affectionen und die in ihnen
    zum Ausdruck gelangende Symptomcombination. Das Gebiet ist aber noch
    so dunkel, dass man diesen Gedankengang nicht weiter verfolgen kann.

    Frägt man nun, inwieweit klinisches Bild und anatomischer Befund
    diesen vermutheten Neurondispositionen Ausdruck geben können, so
    drängen sich folgende Erwägungen auf: Das klinische Bild enthält nichts
    anderes als Functionsstörungen; diese wären eindeutig, wenn jede
    Functionsstörung auf den Functionsausfall eines bestimmten Neuronsystems
    zu beziehen wäre. Allein dies ist sicherlich nicht der Fall; Functionen
    sind im Allgemeinen Resultanten aus dem Zusammenwirken mehrerer
    Neuronsysteme; die Zeichen der Störung, welche wir am klinischen
    Object wahrnehmen können, sind der Anzahl nach wenige; jedes dieser
    Zeichen (pathologisches Symptome) mag durch mehr als eine Weise der
    Störung im Ansatz der functionellen Componenten hervorgebracht werden.
    Die Symptome sind also vieldeutig in Bezug auf die ihnen zu Grunde
    liegenden Neuronaffectionen.

    Das Verhältniss zwischen den Neuronerankungen, in denen wir
    das Wesen der hereditären Affectionen suchen, und den dabei gefundenen
    anatomischen Veränderungen wird wahrscheinlich durch zwei Momente
    verwirrt. Erstens wird die Localisation der anatomischen Befunde durch
    den Umstand entwerthet, dass die Neuronsysteme in Folge derselben
    Disposition an verschiedenen Stellen ihres ausgedehnten Verlaufes er-
    kranken können; verschieden localisirte Befunde werden sich also unter
    Umständen mit demselben Krankheitsbild und der nämlichen Begründung

  • S.

    283

    in Neurondispositionen vertragen. Zweitens ist es, wie Erb angedeutet
    hat, sehr wohl möglich, dass nicht alle Arten von Neuroaffectionen, die
    sich functionell wohl bemerkbar machen, auch greifbare – oder wenigstens
    für unsere heutige Technik kenntliche – Veränderungen des anatomischen
    Bildes ergeben. Wenn sich aber so viele schwer fassbare Bedingungen
    zwischen dem wesentlichen Inhalt der hereditären Erkrankung und deren
    klinischem und anatomischem Ausdruck einschieben, dann ist beim Rück-
    schluss aus letzteren auf die erstere grosse Zurückhaltung geboten, und
    der Versuch, die hereditäre Affection durch ihren Sectionsbefund zu
    charakterisiren, gar völlig unerlaubt.

    Es ist eine Anwendung des eben Gesagten, wenn man sich dagegen
    sträubt, die pathologische Anatomie etwa der Strümpell’schen Spinal-
    paralyse auf die infantilen Erkrankungen, wie in den Fällen von
    Souques, v. Krafft-Ebing u. s. w., zu übertragen. Die Möglichkeit,
    dass in ihnen die gleiche anatomische Veränderung vorliegt, kann nicht
    bezweifelt werden, aber eine Berechtigung liegt für diese Annahme nicht
    vor. Das klinische Bild dieser Fälle ist für eine Entscheidung allzu
    dürftig und vieldeutig; mehr lässt sich darüber nicht sagen. Dass diesen
    Fällen Symptome von intellectueller Schwäche und Strabismus abgehen,
    macht ihre Auffassung als Cerebralerkrankungen unsicher, beweist aber
    nichts für ihre Natur als Spinalerkrankung. Wir haben gesehen, dass
    unter mehreren Geschwistern, also bei identischer Affection (Fälle von
    Ganghofner) Strabismus vorhanden sein oder fehlen kann, so dass der
    eine dieser Fälle, wenn er isolirt vorkäme, nach der Argumentation der
    Autoren zur spinalen Starre gerechnet werden müsste. Abwesenheit aller
    Zeichen von intellectueller Schädigung, ja übergute Entwicklung der
    Intelligenz, zeigen die Fälle z. B. von Freud, deren complicirtes Bild
    eine Erklärung durch Rückenmarkserkrankung ausschliesst. Ebenso wissen
    wir aus der Klinik der nicht familiären Formen von infantiler Cerebral-
    lähmung, dass volle Intelligenz selbst bei schwerer Ausprägung einer
    allgemeinen Starre nicht selten gefunden wird.

    Für die Auffassung der Mehrzahl von Fällen paraplegischer Starre
    erschien uns massgebend, dass eine fortlaufende Reihe von Uebergangs-
    formen diese (übrigens recht seltenen) „reinen“ Fälle spastischer Para-
    plegie mit den sicher cerebralen Formen von Allgemeiner Starre ver-
    bindet. Man kann, wenn man will, dasselbe Argument auch für die
    hereditären Fälle von paraplegischer Starre geltend machen; bereits die
    vorstehende Zusammenstellung enthält das Material, um eine ähnliche
    Reihe, die in „reiner“ paraplegischer Starre endigt, bei den familiären
    infantilen Affectionen zu bilden. Hier können also nur Sectionsbefunde die
    Entscheidung bringen, deren Deutung unter den oben vorgebrachten
    Gesichtspunkten erfolgen muss.

  • S.

    284

    Das Studium der familiären Formen ist nicht ohne Frucht für die
    Auffassung der Infantilen Cerebrallähmung im Ganzen. Es belegt zunächst
    die Nothwendigkeit, vorläufig an den durch die Beobachtung gegebenen
    Krankheitsbildern festzuhalten, da die Möglichkeit eines vollgiltigen Er-
    satzes derselben durch pathologisch-anatomische Daten unwahrscheinlich
    ist. Sodann erfahren wir, dass ganz ähnliche Krankheitsbilder der func-
    tionelle Ausdruck von entfernt liegenden, in der Organisation des Central-
    organes enthaltenen Krankheitsursachen sein können. Es ist die Frage,
    ob man diese Erklärung der hereditären Formen im grossen Ausmass
    auf die vereinzelt vorkommenden Fälle von Infantiler Cerebrallähmung
    übertragen darf. Die später erworbenen Fälle, sowie die Geburtslähmungen
    (Little’sche Krankheit) scheinen sich als accidentelle Erkrankungen
    einer solchen Auffassung von vorneherein zu entziehen; allein mit dem
    Fortschritt unserer Einsicht scheint sich die Reichhaltigkeit dieser beiden
    ätiologischen Gruppen bei der Infantilen Cerebrallähmung stetig zu ver-
    ringern; wir sind aufmerksam geworden, wie häufig ein scheinbar extra-
    uterin bedingter Fall von Erkrankung richtiger als pränatal bedingt erkannt
    wird, und die Bedeutung der Little’schen Momente für die Geburtslähmung
    mussten wir gleichfalls zu Gunsten congenitaler Momente einschränken.

    Da alle hereditären, besser endogenen, Affectionen des Nerven-
    systems auch vereinzelt vorkommen, wäre man versucht, von dem Inhalte
    der Infantilen Cerebrallähmung den grösseren Antheil zu den hereditären,
    also endogenen Krankheiten zu schlagen. Man wird hievon aber durch
    ein Bedenken abgehalten: die familiären Formen zeigen, so wenige auch
    von ihnen bis jetzt bekannt sind, eine grosse Buntheit der Symptome;
    die vereinzelten Fälle sind auf wenige und gleichförmige klinische Typen
    beschränkt.

    Es ist darum mehr wahrscheinlich, dass wir in den Formen von
    Infantiler Cerebrallähmung wirklich Erkrankungen mit accidenteller
    Aetiologie vor uns haben. Um Missverständnisse zu verhüten, betonen
    wir, dass „congenital“ und „pränatal bedingt“ nicht identisch zu sein
    braucht mit „endogen verursacht“ in dem Sinne, den wir der Aetiologie
    der familiären Formen gegeben haben. Es kann sich bei der Infantilen
    Cerebrallähmung handeln um die directe Einwirkung accidenteller d. h. der
    Organisation des Nervensystems fremder Momente, die aber schon im
    Intrauterinleben stattfindet. Vielmehr könnten wir uns den Gegensatz
    von endogener und accidenteller Verursachung etwa an dem Beispiel
    der Syphilis näher bringen, die das einemal als directe exogene Aetiologie
    Krankheitsbilder in Folge von Gumma, Meningitis, Endarteritis hervor-
    ruft, anderemal als endogene Aetiologie die parasyphilitischen Affectionen
    (Tabes, progressive Paralyse) durch noch unbekannte Vermittlung er-
    zeugt.

  • S.

    285

    Es scheint, als ob an dieser Stelle zweckmässig eine der Begrenzun-
    gen für den Begriff der Infantilen Cerebrallähmung festgelegt werden
    könnte. Die Infantile Cerebrallähmung würde so bestimmt als die Zu-
    sammenfassung aller Affectionen des Gehirns im kindlichen Alter, welche
    durch directe Einwirkung accidenteller Aetiologien entstehen, sei es, dass
    diese noch in der Fötalperiode oder nach der Geburt vorfallen, ein einziges
    Nervensystem oder mehrere betreffen. Insoferne die Ergriffenheit eines
    einzigen Nervensystems hervortritt, muss sich eine Aehnlichkeit mit den
    wirklich endogenen, systematischen Affectionen des Nervensystemes be-
    merkbar machen. Das klinisch Gemeinsame all der so vereinigten Formen
    läge in den Charakteren, welche als Eigenthümlichkeiten der Entwicklungs-
    hemmung, der Ausgleichung, des Verlaufes, der Reaction zwischen Neu-
    roglia und Nervensubstanz sich unmittelbar aus dem infantilen Zustande
    des Nervensystems ableiten lassen.

    Auszuschliessen aus dieser Zusammenfassung wären nur jene Fälle
    accidenteller Erkrankung, in denen diese gemeinsamen Charaktere durch
    die besondere Natur des Krankheitsprocesses überwältigt werden, wie
    dies beim Tumor, bei der tuberculösen Meningitis, theilweise bei der
    Lues cerebri der Fall ist, also im Allgemeinen bei stürmischen, rasch
    ablaufenden Erkrankungen, die der Eigenart des infantilen Gehirnes nicht
    die Zeit und Macht zur Aeusserung gönnen.

    Die Abgrenzung der Infantilen Cerebrallähmung gegen die Gehirn-
    erkrankungen der Erwachsenen darf eine unsichere bleiben, da ja die
    Kindheit nicht durch einen Zeitmoment von der Reife geschieden ist,
    sondern in einem längeren Entwicklungsstadium in sie übergeht. Am
    meisten zur Klärung der hier gegebenen Definition würde es beitragen,
    könnte man sich anschaulich machen, auf welchem Wege eine accidentelle
    Schädlichkeit sich in einen Organisationsfehler des Nervensystems oder
    gewisser Organe desselben umsetzt, und durch welche Formel diese nun
    endogen gewordene Krankheitsursache auszudrücken ist.

    Alle anderen Bemühungen, die klinische Einheit der Infantilen Cerebral-
    lähmung aufzulösen und sie zu ersetzen durch eine grössere Anzahl von
    Krankheitsbildern mit einheitlicher Aetiologie oder gleichartigem anatomi-
    schen Befund, scheinen an praktischen wie an principiellen Schwierig-
    keiten scheitern zu müssen. An praktischen, weil beim einzelnen Falle
    die Aetiologie oder der Initialprocess nur selten mit Sicherheit festzu-
    stellen ist, und weil die klinischen Zeichen der Fälle weder zur Aetiologie,
    noch zum anatomischen Befund eine constante Beziehung zeigen, den
    Rückschluss auf diese also auch nicht gestatten. Als principielles Hemm-
    niss wird man es empfinden, dass man bei jedem solchen Versuch
    klinisch Aehnliches auseinander reissen, Unähnliches vereinigen muss, und
    dass man dabei den gemeinsamen Charakteren nicht Rechnung tragen

  • S.

    286

    kann, welche aus der Unfertigkeit und Entwicklungsfähigkeit des infantilen
    Centralorgans entspringen und uns bedeutsam genug erscheinen, um die
    ganze Gruppe mannigfaltiger Affectionen von verschiedener Herkunft und
    anatomischer Begründung zusammenzuhalten. Es wäre gewiss bequemer
    und eine grössere Befriedigung für den ärztlichen Beurtheiler, wenn es
    anders wäre, aber die Entscheidung liegt hier nicht bei uns, sondern an
    der klinischen Gestaltung des Krankheitsbildes; wenn dieses sich nicht
    nach Aetiologie und pathologischer Anatomie differenzirt zeigen will,
    bleibt uns nichts anderes übrig, als es als Ganzes anzunehmen.