S.
VII. Der Witz und die Arten des Komischen.
Wir haben uns den Problemen des Komischen auf eine un-
gewöhnliche Weise genähert. Es schien uns, daß der Witz, der
sonst als eine Unterart der Komik betrachtet wird, genug der
Kigentiimlichkeiten biete, um direkt in Angriff genommen zu
werden, und so sind wir seiner Beziehung zu der umfassenderen
Kategorie des Komischen, solange es uns möglich war, aus-
gewichen, nicht ohne unterwegs einige fürs Komische verwertbare
Hinweise aufzugreifen. Wir haben ohne Schwierigkeiten gefunden,
daB das Komische sich sozial anders verhilt als der Witz. Es
kann sich mit nur zwei Personen begniigen, der einen, die das
Komische findet, und der zweiten, an der es gefunden wird. Die
dritte Person, der das Komische mitgeteilt wird, verstärkt den
komischen Vorgang, fiigt aber nichts Neues zu ihm hinzu. Beim
Witz ist diese dritte Person zur Vollendung des lustbringenden
Vorganges unentbehrlich; dagegen kann die zweite wegfallen, wo
es sich nicht um tendenziôsen, aggressiven Witz handelt. Der Witz
wird gemacht, die Komik wird gefunden, und zwar zu allererst
an Personen, erst in weiterer Übertragung auch an Objekten,
Situationen u. dgl. Vom Witz wissen wir, daß nicht fremde
Personen, sondern die eigenen Denkvorginge die Quellen der zu
fordernden Lust in sich bergen. Wir haben ferner gehört, daß
der Witz gelegentlich unzugänglich gewordene Quellen der Komik
wieder zu eröffnen wei, und daß das Komische häufig dem Witz
als Fassade dient und ihm die sonst durch die bekannte Technik
herzustellende Vorlust ersetzt (S. 132). Es deutet dies alles gerade
nicht auf sehr einfache Beziehungen zwischen Witz und Komik
hin. Anderseits haben sich die Probleme des Komischen als so
komplizierte erwiesen, allen Lósungsbestrebungen der Philosophen
bisher so erfolgreich getrotzt, daß wir die Erwartung nicht auf-
recht erhalten können, wir würden ihrer gleichsam durch einen
Handstreich Meister werden, wenn wir von der Seite des Witzes
her an sie herankommen. Auch brachten wir fiir die Erforschung
des Witzes ein Instrument mit, welches anderen noch nicht ge-
dient hatte, die Kenntnis der Traumarbeit; zur Erkenntnis des
Komischen steht uns kein ähnlicher Vorteil zu Gebote, und wir
dürfen daher gewiirtig sein, daß wir vom Wesen der Komik nichtsS.
158 VII. Der Witz und die Arten des Komischen.
anderes erkennen werden, als was sich uns bereits im Witz ge-
zeigt hat, insofern derselbe dem Komischen zugehört und gewisse
Züge desselben unverändert oder modifiziert in seinem eigenen
Wesen führt.Diejenige Gattung des Komischen, welche dem Witze am
nächsten steht, ist das Naive. Das Naive wird wie das Komische
im allgemeinen gefunden, nicht wie der Witz gemacht, und zwar
kann das Naive überhaupt nicht gemacht werden, während beim
rein Komischen auch ein Komischmachen, ein Hervorrufen der
Komik in Betracht kommt. Das Naive muß sich ohne unser Dazu-
tun ergeben an den Reden und Handlungen anderer Personen, die
an der Stelle der zweiten Person beim Komischen oder beim
Witze stehen. Das Naive entsteht, wenn sich jemand über eine
Hemmung voll hinaussetzt, weil eine solche bei ihm nicht vor-
handen ist, wenn er sie also mühelos zu überwinden scheint.
Bedingung für die Wirkung des Naiven ist, daß uns bekannt sei,
er besitze diese Hemmung nicht, sonst heißen wir ihn nicht naiv,
sondern frech, lachen nicht über ihn, sondern sind über ihn ent-
rüstet. Die Wirkung des Naiven ist unwiderstehlich und scheint
dem Verständnis einfach. Ein von uns gewohnheitsmäßig ge-
machter Hemmungsaufwand wird durch das Anhören der naiven
Rede plötzlich unverwendbar und durch Lachen abgeführt; eine
Ablenkung der Aufmerksamkeit braucht es dabei nicht, wahr-
scheinlich, weil die Aufhebung der Hemmung direkt und nicht
durch Vermittlung einer angeregten Operation erfolgt. Wir ver-
halten uns dabei analog der dritten Person des Witzes, welcher
die Hemmungserparung ohne eigene Bemühung geschenkt wird.
Nach den Einblicken in die Genese der Hemmungen, welche
wir bei der Verfolgung der Entwicklung vom Spiel zum Witz
gewonnen haben, wird es uns nicht wundern, daß das Naive zu
allermeist am Kind gefunden wird, in weiterer Übertragung dann
beim ungebildeten Erwachsenen, den wir als kindlich betreffs seiner
intellektuellen Ausbildung auffassen können. Zum Vergleiche mit
dem Witze bieten sich naive Reden natürlich besser als naive
Handlungen, da Reden und nicht Handlungen die gewöhnlichen
Äußerungsformen des Witzes sind. Es ist nun bezeichnend, daß
man naive Reden wie die der Kinder ohne Zwang auch als „naive
Witze“ benennen kann. Die Übereinstimmung und die Begründung
der Verschiedenheit zwischen Witz und Naivität wird uns an
einigen Beispielen leicht ersichtlich werden.Ein 3¹/₂ jähriges Mädchen warnt seinen Bruder: „Du, iß nicht
soviel von dieser Speise, sonst wirst du krank werden und mußtS.
159
Das Naive.
Bubizin nehmen.“ „Bubizin?“ fragt die Mutter, „was ist denn das?“
„Wie ich krank war,“ rechtfertigt sich das Kind, „habe ich ja auch
Medizin nehmen müssen.“ Das Kind ist der Meinung, daß das
vom Arzt verschriebene Mittel Mädi—zin heißt, wenn es für das
Mädi bestimmt ist, und schließt, daß es Bubi—zin heißen wird,
wenn das Bubi es nehmen soll. Dies ist nun gemacht wie ein
Wortwitz, der mit der Technik des Gleichklangs arbeitet, und
könnte sich ja auch als wirklicher Witz zugetragen haben, in
welchem Falle wir ihm halb widerwillig ein Lächeln geschenkt
hätten. Als Beispiel einer Naivität scheint es uns ganz ausge-
zeichnet und macht uns laut lachen. Was stellt aber hier den
Unterschied zwischen dem Witz und dem Naiven her? Offenbar
nicht der Wortlaut oder die Technik, die für beide Möglichkeiten
die gleichen sind, sondern ein für den ersten Anblick von beiden
recht fern ab liegendes Moment. Es handelt sich nur darum, ob
wir annehmen, daß der Sprecher einen Witz beabsichtigt habe,
oder daß er — das Kind — im guten Glauben auf Grund seiner
unkorrigierten Unwissenheit einen ernsthaften Schluß habe ziehen
wollen. Nur der letztere Fall ist einer der Naivität. Auf ein
solches Sichhineinversetzen der anderen Person in den psychischen
Vorgang bei der produzierenden Person werden wir hier zuerst
aufmerksam gemacht.Die Untersuchung eines zweiten Beispieles wird diese Auf-
fassung bestätigen. Ein Geschwisterpaar, ein 12 jähriges Mädchen
und ein 10 jähriger Knabe führen ein von ihnen selbst komponiertes
Theaterstück vor einem Parterre von Onkeln und Tanten auf.
Die Szene stellt eine Hütte am Meeresstrande dar. Im ersten
Akt klagen die beiden Dichter-Schauspieler, ein armer Fischer
und sein braves Weib, über die harten Zeiten und den schlechten
Erwerb. Der Mann beschließt auf seinem Boot über das weite
Meer zu fahren, um anderswo den Reichtum zu suchen, und nach
einem zärtlichen Abschied der beiden wird der Vorgang zugezogen.
Der zweite Akt spielt einige Jahre später. Der Fischer ist als
reicher Mann mit einem großen Geldbeutel zurückgekehrt und
erzählt der Frau, die er vor der Hütte wartend antrifft, wie schön
es ihm draußen geglückt ist. Die Frau unterbricht ihn stolz:
Ich war aber auch nicht faul unterdessen, und öffnet seinen Blicken
die Hütte, auf deren Boden man zwölf große Puppen als Kinder
schlafen sieht... An dieser Stelle des Schauspieles wurden die
Darsteller durch ein sturmartiges Lachen der Zuschauer unter-
brochen, welches sie sich nicht erklären konnten. Sie starrten
verduzt auf die lieben Verwandten hin, die sich soweit anständigS.
160 VII. Der Witz und die Arten des Komischen.
benommen und gespannt zugehört hatten. Die Voraussetzung,
unter der dieses Lachen sich erklärt, ist die Annahme der Zu-
schauer, daß die jungen Dichter noch nichts von den Bedingungen
der Entstehung der Kinder wissen und darum glauben können,
eine Frau würde sich der in längerer Abwesenheit des Mannes
geborenen Nachkommenschaft rühmen und ein Mann sich mit ihr
freuen dürfen. Was die Dichter auf Grund solcher Unwissenheit
produzierten, kann man aber als Unsinn, als Absurdität bezeichnen.Ein drittes Beispiel wird uns eine noch andere Technik, die
wir beim Witze kennen gelernt haben, im Dienste des Naiven
zeigen. Für ein kleines Mädchen wird eine „Französin“ als
Gouvernante aufgenommen, deren Person aber nicht ihren Beifall
findet. Kaum daß die neu Engagierte sich entfernt hat, läßt
die Kleine ihre Kritik verlauten: „Das soll eine Französin sein!
Vielleicht heißt sie sich so, weil sie einmal bei einem Franzosen
gelegen ist!“ Dies könnte ein sogar erträglicher Witz sein —
Doppelsinn mit Zweideutigkeit oder zweideutiger Anspielung, wenn
das Kind von der Möglichkeit des Doppelsinnes eine Ahnung
gehabt hätte. In Wirklichkeit hatte sie nur eine oft gehörte
scherzhafte Behauptung der Unechtheit auf die ihr unsympathische
Fremde übertragen. („Das soll echtes Gold sein? Das ist viel-
leicht einmal bei Gold gelegen!“) Wegen dieser Unkenntnis des
Kindes, die den psychischen Vorgang bei den verstehenden Zu-
hörern so gründlich abändert, wird seine Rede eine naive. In-
folge dieser Bedingung gibt es aber auch ein mißverständlich
Naives; man kann beim Kind eine Unwissenheit annehmen, die
nicht mehr besteht, und Kinder pflegen sich häufig naiv zu stellen,
um sich einer Freiheit zu bedienen, die ihnen sonst nicht zu-
gestanden würde.An diesen Beispielen kann man die Stellung des Naiven
zwischen dem Witz und dem Komischen erläutern. Mit dem Witz
stimmt das Naive (der Rede) im Wortlaut und im Inhalt überein,
es bringt einen Wortmißbrauch, einen Unsinn oder eine Zote zu-
stande. Aber der psychische Vorgang in der ersten produzieren-
den Person, der uns beim Witze so viel des Interessanten und
Rätselhaften bot, entfällt hier völlig. Die naive Person vermeint
sich ihrer Ausdrucksmittel und Denkwege in normaler und ein-
facher Weise bedient zu haben und weiß nichts von einer Neben-
absicht; sie zieht aus der Produktion des Naiven auch keinen
Lustgewinn. Alle Charaktere des Naiven bestehen nur in der
Auffassung der anhörenden Person, die mit der dritten Person
des Witzes zusammenfällt. Die produzierende Person erzeugtS.
Das Naive dem Witze am nächsten.
161
ferner das Naive mühelos; die komplizierte Technik, die beim
Witz dazu bestimmt ist, die Hemmung durch die verständige
Kritik zu lähmen, entfällt bei ihr, weil sie diese Hemmung noch
nicht besitzt, so daß sie Unsinn und Zote unmittelbar und ohne
Kompromiß von sich geben kann. Insofern ist das Naive der
Grenzfall des Witzes, der sich herausstellt, wenn man in der Formel
der Witzbildung die Größe dieser Zensur auf Null heruntersetzt.War es für die Wirksamkeit des Witzes Bedingung, daß
beide Personen unter ungefähr gleichen Hemmungen oder inneren
Widerständen stehen, so läßt sich also als Bedingung des Naiven
erkennen, daß die eine Person Hemmungen besitze, deren die
andere entbehrt. Bei der mit Hemmungen versehenen Person
liegt die Auffassung des Naiven, ausschließlich bei ihr kommt der
Lustgewinn, den das Naive bringt, zu stande, und wir sind nahe
daran zu erraten, daß diese Lust durch Hemmungsaufhebung ent-
steht. Da die Lust des Witzes der nämlichen Herkunft ist, —
ein Kern von Wort- und Unsinnslust und eine Hülle von Auf-
hebungs- und Erleichterungslust, — so begründet diese ähnliche
Beziehung zur Hemmung die innere Verwandtschaft des Naiven
mit dem Witze. Bei beiden entsteht die Lust durch Aufhebung
von innerer Hemmung. Der psychische Vorgang bei der rezeptiven
Person (mit der beim Naiven unser Ich regelmäßig zusammen-
fällt, während wir uns beim Witz auch an die Stelle der produktiven
setzen können) ist aber im Falle des Naiven um soviel komplizier-
ter, als der bei der produktiven Person im Vergleich mit dem Witze
vereinfacht ist. Auf die rezeptive Person muß das gehörte Naive
einerseits wirken wie ein Witz, wofür gerade unsere Beispiele
Zeugnis ablegen können, denn ihr ist wie beim Witz die Auf-
hebung der Zensur durch die bloße Mühe des Anhörens ermög-
licht worden. Aber nur ein Teil der Lust, die das Naive schafft,
läßt diese Erklärung zu, ja selbst dieser wäre in anderen Fällen
des Naiven, z. B. beim Anhören von naiven Zoten gefährdet.
Man könnte auf eine naive Zote ohneweiters mit der nämlichen
Entrüstung reagieren, die sich etwa gegen die wirkliche Zote erhebt,
wenn nicht ein anderes Moment uns diese Entrüstung ersparen
und gleichzeitig den bedeutsameren Anteil der Lust am Naiven
liefern würde.Dieses andere Moment ist uns durch die vorhin erwähn-
te Bedingung gegeben, daß uns, um das Naive anzuerkennen, das
Fehlen der inneren Hemmung bei der produzierenden Person be-
kannt sein müsse. Nur wenn dies gesichert ist, lachen wir, anstatt
uns zu entrüsten. Wir ziehen also den psychischen Zustand derFreud. Der Witz. 4. Aufl.
11
S.
162 VII. Der Witz und die Arten des Komischen.
produzierenden Person in Betracht, versetzen uns in denselben,
suchen ihn zu verstehen, indem wir ihn mit dem unserigen ver-
gleichen. Aus solchem Sichhineinversetzen und Vergleichen resul-
tiert eine Ersparung von Aufwand, die wir durch Lachen abführen.Man könnte die einfachere Darstellung bevorzugen, durch
die Überlegung, daß die Person keine Hemmung zu überwinden
brauchte, werde unsere Entriistung überflüssig; das Lachen ge-
schehe also auf Kosten der ersparten Entrüstung. Um diese im
allgemeinen irreführende Auffassung fern zu halten, will ich zwei
Fille schirfer sondern, die ich in obiger Darstellung vereinigt
hatte. Das Naive, das vor uns hintritt, kann entweder von der
Natur des Witzes sein wie in unseren Beispielen, oder von der
Natur der Zote, des Anstófigen überhaupt, was dann besonders
zutreffen wird, wenn es sich nicht als Rede, sondern als Handlung
äußert. Dieser letztere Fall ist wirklich irreführend; man könnte
für ihn annehmen, die Lust entstehe aus der ersparten und um-
gewandelten Entriistung. Aber der erstere Fall ist der aufklirende.
Die naive Rede z. B. vom Bubizin, kann an sich wirken wie ein
geringer Witz und zur Entrüstung keinen Anlaß geben; es ist
dies gewiß der seltenere aber der reinere und bei weitem lehr-
reichere Fall. Soweit wir nun daran denken, daß das Kind die
Silben „Medi“ in „Medizin“ ernsthaft und ohne Nebenansicht für
identisch mit seinem eigenen Namen „Mädi“ gehalten hat, erfährt
die Lust am Gehörten eine Steigerung, die nichts mehr mit der
Witzeslust zu tun hat. Wir betrachten jetzt das Gesagte vom
zweierlei Standpunkten, einmal so, wie es sich beim Kind ergeben
hat, und dann so, wie sich es für uns ergeben würde, finden bei
diesem Vergleich, daß das Kind eine Identität gefunden, eine
Schranke überwunden hat, die für uns besteht, und dann geht
es etwa so weiter, als ob wir uns sagen würden: Wenn du das
Gehórte verstehen willst, kannst du dir den Aufwand für die
Einhaltung dieser Schranke ersparen. Der bei solchem Vergleich
frei gewordene Aufwand ist die Quelle der Lust am Naiven und
wird durch Lachen abgeführt; es ist allerdings der nämliche, den
wir sonst in Entrüstung verwandelt hätten, wenn das Verständnis
der produzierenden Person und hier auch die Natur des Gesagten
eine solche nicht ausschlößen. Nehmen wir aber den Fall des
naiven Witzes als vorbildlich für den anderen Fall des naiv
Anstößigen, so sehen wir, daß auch hier die Ersparung an Hem-
mung direkt aus der Vergleichung hervorgehen kann, daß wir
nicht notwendig haben, eine beginnende und dann erstickte Ent-
rüstung anzunehmen, und daß die letztere nur einer anderweitigenS.
Die Quelle der komischen Lust beim Naiven. 163
Verwendung des frei gewordenen Aufwandes entspricht, gegen
welche beim Witze komplizierte Schutzeinrichtungen erforderlich
waren.Dieser Vergleich, diese Ersparung an Aufwand beim Sich-
hineinversetzen in den seelischen Vorgang der produzierenden
Person, können für das Naive nur dann eine Bedeutung be-
anspruchen, wenn sie nicht ihm allein zukommen. In der Tat
entsteht bei uns die Vermutung, daß dieser dem Witz völlig fremde
Mechanismus ein Stück, vielleicht das wesentliche Stück des psy-
chischen Vorganges beim Komischen ist. Von dieser Seite —
es ist gewiß die wichtigste Ansicht des Naiven — stellt sich das
Naive also als eine Art des Komischen dar. Was bei unseren
Beispielen von naiven Reden zur Witzeslust dazukommt, ist
„komische“ Lust. Von dieser wären wir geneigt ganz allgemein an-
zunehmen, daß sie durch ersparten Aufwand bei Vergleichung
der Äußerungen eines anderen mit den unserigen entstehe. Da
wir aber hier vor weit ausgreifenden Anschauungen stehen, wollen
wir vorerst die Würdigung des Naiven abschließen. Das Naive
wäre also eine Art des Komischen, insofern seine Lust aus der
Aufwanddifferenz entspringt, die sich beim Verstehenwollen des
anderen ergibt, und es näherte sich dem Witz durch die Bedingung,
daß der bei der Vergleichung ersparte Aufwand ein Hemmungs-
aufwand sein muß.*)Stellen wir noch rasch einige Übereinstimmungen und Unter-
scheidungen fest zwischen den Begriffen, zu denen wir zuletzt
gelangt sind, und jenen, die seit langem in der Psychologie der
Komik genannt werden. Das Sichhineinversetzen, Verstehenwollen
ist offenbar nichts anderes als das „komische Leihen“, das seit
Jean Paul in der Analyse des Komischen eine Rolle spielt; das
„Vergleichen“ des seelischen Vorganges beim anderen mit dem
eigenen entspricht dem „psychologischen Kontrast“, für den wir
hier endlich eine Stelle finden, nachdem wir beim Witze mit ihm
nichts anzufangen wußten. In der Erklärung der komischen Lust
weichen wir aber von vielen Autoren ab, bei denen die Lust durch
das Hin- und Herschwanken der Aufmerksamkeit zwischen den
kontrastierenden Vorstellungen entstehen soll. Wir wüßten einen
solchen Mechanismus der Lust nicht zu begreifen, wir weisen darauf*) Ich habe hier überall das Naive mit dem Naivkomischen identifiziert,
was gewiß nicht allgemein zulässig ist. Aber es genügt unseren Absichten,
die Charaktere des Naiven am „naiven Witz“ und an der „naiven Zote“
zu studieren. Ein weiteres Eingehen würde die Absicht voraussetzen, von
hier aus das Wesen des Komischen zu ergründen.11*
S.
164 VII. Der Witz und die Arten des Komischen.
hin, daß bei der Vergleichung der Kontraste sich eine Aufwand-
differenz herausstellt, welche, wenn sie keine andere Verwendung
erfährt, abfuhrfähig und dadurch Lustquelle wird.*)An das Problem des Komischen selbst wagen wir uns nur
mit Bangen heran. Es wäre vermessen zu erwarten, daß unsere
Bemühungen etwas Entscheidendes zu dessen Lösung beitragen
könnten, nachdem die Arbeiten einer großen Reihe von ausgezeich-
neten Denkern eine allseitig befriedigende Aufklärung nicht ergeben
haben. Wir beabsichtigen wirklich nichts anderes als jene Gesichts-
punkte, die sich uns als wertvoll für den Witz erwiesen haben,
eine Strecke weit ins Gebiet des Komischen zu verfolgen.Das Komische ergibt sich zunächst als ein unbeabsichtigter
Fund aus den sozialen Beziehungen der Menschen. Es wird an
Personen gefunden, und zwar an deren Bewegungen, Formen,
Handlungen und Charakterzügen, wahrscheinlich ursprünglich nur
an den körperlichen, später auch an den seelischen Eigenschaften
derselben, beziehungsweise an deren Äußerungen. Durch eine sehr
gebräuchliche Art von Personifizierung werden dann auch Tiere
und unbelebte Objekte komisch. Das Komische ist indes der
Ablösung von den Personen fähig, indem die Bedingung erkannt
wird, unter welcher eine Person komisch erscheint. So entsteht
das Komische der Situation, und mit solcher Erkenntnis ist die
Möglichkeit vorhanden, eine Person nach Belieben komisch zu
machen, indem man sie in Situationen versetzt, in denen ihrem
Tun diese Bedingungen des Komischen anhängen. Die Entdeckung,
daß man es in seiner Macht hat, einen anderen komisch zu machen,
eröffnet den Zugang zu ungeahntem Gewinn an komischer Lust
und gibt einer hochausgebildeten Technik den Ursprung. Man
kann auch sich selbst ebensowohl komisch machen wie andere.
Die Mittel, die zum Komischmachen dienen, sind: die Versetzung
in komische Situationen, die Nachahmung, Verkleidung, Entlarvung,
Karikatur, Parodie und Travestie u. a. Wie selbstverständlich
können diese Techniken in den Dienst feindseliger und aggressiver
Tendenzen treten. Man kann eine Person komisch machen, um sie
verächtlich werden zu lassen, um ihr den Anspruch auf Würde*) Auch Bergson (Le rire, 1904) weist (S. 99) eine solche Ableitung
der komischen Lust, die unverkennbar durch das Bestreben beeinflußt
worden ist, eine Analogie mit dem Lachen des Gekitzelten zu schaffen,
mit guten Argumenten ab. — Auf einem ganz anderen Niveau steht die
Erklärung der komischen Lust bei Lipps, die im Zusammenhange mit
seiner Auffassung des Komischen als eines „unerwarteten Kleinen“ dar-
zustellen wäre.S.
Vorkommen und Ursprungsgebiete des Komischen. 165
und Autorität zu benehmen. Aber selbst wenn solche Absicht dem
Komischmachen regelmäßig zugrunde läge, brauchte dies nicht
der Sinn des spontan Komischen zu sein.Aus dieser ungeordneten Übersicht über das Vorkommen des
Komischen ersehen wir bereits, daß ihm ein sehr ausgedehntes
Ursprungsgebiet zugesprochen werden muß, und daß so speziali-
sierte Bedingungen wie z. B. beim Naiven beim Komischen nicht
zu erwarten sind. Um der für das Komische gültigen Bedingung
auf die Spur zu kommen, ist die Wahl eines Ausgangsfalles das
Bedeutsamste; wir wählen die Komik der Bewegungen, weil wir
uns erinnern, daß die primitivste Bühnendarstellung, die der
Pantomime, sich dieses Mittels bedient, um uns lachen zu machen.
Die Antwort, warum wir über die Bewegungen der Clowns lachen,
würde lauten, weil sie uns übermäßig und unzweckmäßig erscheinen.
Wir lachen über einen allzu großen Aufwand. Suchen wir die
Bedingung außerhalb der künstlich gemachten Komik, also dort,
wo sie sich unabsichtlich finden läßt. Die Bewegungen des Kindes
erscheinen uns nicht komisch, obwohl das Kind zappelt und springt.
Komisch ist es dagegen, wenn das Kind beim Schreibenlernen
die herausgestreckte Zunge die Bewegungen des Federstiels mit-
machen läßt; wir sehen in diesen Mitbewegungen einen über-
flüssigen Bewegungsaufwand, den wir uns bei der gleichen Tätig-
keit ersparen würden. In gleicher Weise sind uns andere Mit-
bewegungen oder auch bloß übermäßig gesteigerte Ausdrucks-
bewegungen komisch auch bei Erwachsenen. So sind ganz reine
Fälle dieser Art von Komik die Bewegungen, die der Kegel-
schieber ausführt, nachdem er die Kugel entlassen hat, solange
er ihren Lauf verfolgt, als könnte er diesen noch nachträglich
regulieren; so sind alle Grimassen komisch, welche den normalen
Ausdruck der Gemütsbewegungen übertreiben, auch dann, wenn
sie unwillkürlich erfolgen wie bei an Veitstanz (Chorea St. Viti)
leidenden Personen; so werden die leidenschaftlichen Bewegungen
eines modernen Dirigenten jedem Unmusikalischen komisch er-
scheinen, der ihre Notwendigkeit nicht zu verstehen weiß. Ja,
von dieser Komik der Bewegungen zweigt das Komische der
Körperformen und Gesichtszüge ab, indem diese aufgefaßt werden,
als seien sie das Ergebnis einer zu weit getriebenen und zweck-
losen Bewegung. Aufgerissene Augen, eine hakenförmig zum
Mund abgebogene Nase, abstehende Ohren, ein Buckel, all der-
gleichen wirkt wahrscheinlich nur komisch, insofern die Be-
wegungen vorgestellt werden, die zum Zustandekommen dieser
Züge notwendig wären, wobei Nase, Ohren und andere Körper-S.
166
VII. Der Witz und die Arten des Komischen.
teile der Vorstellung beweglicher gelten, als sie es in Wirklichkeit
sind. Es ist ohne Zweifel komisch, wenn jemand „mit den Ohren
wackeln“ kann, und es wäre ganz gewiß noch komischer, wenn
er die Nase heben oder senken könnte. Ein gutes Stück der
komischen Wirkung, welche die Tiere auf uns äußern, kommt
von der Wahrnehmung solcher Bewegungen an ihnen, die wir
nicht nachahmen können.Auf welche Weise gelangen wir aber zum Lachen, wenn wir
die Bewegungen eines anderen als übermäßig und unzweckmäßig
erkannt haben? Auf dem Wege der Vergleichung, meine ich,
zwischen der am anderen beobachteten Bewegung und jener, die
ich selbst an ihrer statt ausgeführt hätte. Die beiden Verglichenen
müssen natürlich auf gleiches Maß gesetzt werden, und dieses Maß
ist mein, mit der Vorstellung der Bewegung in dem einen wie im
anderen Falle verbundener, Innervationsaufwand. Diese Behaup-
tung bedarf der Erläuterung und weiterer Ausführung.Was wir hier in Beziehung zueinander setzen, ist einerseits
der psychische Aufwand bei einem gewissen Vorstellen und ander-
seits der Inhalt dieses Vorgestellten. Unsere Behauptung geht
dahin, daß der erstere nicht allgemein und prinzipiell unabhängig
sei vom letzteren, vom Vorstellungsinhalt, insbesondere daß die
Vorstellung eines Großen einen Mehraufwand gegen die eines
Kleinen erfordere. Solange es sich nur um die Vorstellung ver-
schieden großer Bewegungen handelt, dürfte uns die theoretische
Begründung unseres Satzes und sein Erweis durch die Beobach-
tung keine Schwierigkeiten bereiten. Es wird sich zeigen, daß
in diesem Falle eine Eigenschaft der Vorstellung tatsächlich mit
einer Eigenschaft des Vorgestellten zusammenfällt, obwohl die
Psychologie uns sonst vor solcher Verwechslung warnt.Die Vorstellung von einer bestimmt großen Bewegung habe
ich erworben, indem ich diese Bewegung ausführte oder nach-
ahmte, und bei dieser Aktion habe ich in meinen Innervations-
empfindungen ein Maß für diese Bewegung kennen gelernt.*)Wenn ich nun eine ähnliche, mehr oder minder große Be-
wegung bei einem anderen wahrnehme, wird der sicherste Weg*) Die Erinnerung an diesen Innervationsaufwand wird das wesent-
liche Stück der Vorstellung von dieser Bewegung bleiben, und es wird
immer Denkweisen in meinem Seelenleben geben, bei welchen die Vor-
stellung durch nichts anderes als diesen Aufwand repräsentiert wird. In
anderen Zusammenhängen mag ja ein Ersatz dieses Elements durch andere,
z. B. durch die visuellen Vorstellungen des Bewegungszieles, durch die
Wortvorstellung, eintreten, und bei gewissen Arten des abstrakten Denkens
wird ein Zeichen anstatt des vollen Inhalts der Vorstellung genügen.S.
Komik der Bewegung. — Vorstellungsmimik. 167
zum Verständnis — zur Apperzeption — derselben sein, daß ich
sie nachahmend ausführe, und dann kann ich durch den Ver-
gleich entscheiden, bei welcher Bewegung mein Aufwand größer
war. Ein solcher Drang zur Nachahmung tritt gewiß beim Wahr-
nehmen von Bewegungen auf. In Wirklichkeit aber führe ich
die Nachahmung nicht durch, so wenig wie ich noch buchstabiere,
wenn ich durch das Buchstabieren das Lesen erlernt habe. An
Stelle der Nachahmung der Bewegung durch meine Muskeln
setze ich das Vorstellen derselben vermittels meiner Erinnerungs-
spuren an die Aufwände bei ähnlichen Bewegungen. Das Vor-
stellen oder „Denken“ unterscheidet sich vom Handeln oder
Ausführen vor allem dadurch, daß es sehr viel geringere Be-
setzungsenergien in Verschiebung bringt und den Hauptaufwand
vom Abfluß zurückhält. Auf welche Weise wird aber das quanti-
tative Moment — das mehr oder minder Große — der wahr-
genommenen Bewegung in der Vorstellung zum Ausdruck gebracht?
Und wenn eine Darstellung der Quantität in der aus Qualitäten
zusammengesetzten Vorstellung wegfällt, wie kann ich dann die
Vorstellungen verschieden großer Bewegungen unterscheiden, den
Vergleich anstellen, auf den es hier ankommt?Hier weist uns die Physiologie den Weg, indem sie uns lehrt,
daß auch während des Vorstellens Innervationen zu den Muskeln
ablaufen, die freilich nur einem bescheidenen Aufwand entsprechen.
Es liegt aber jetzt sehr nahe anzunehmen, daß dieser das Vor-
stellen begleitende Innervationsaufwand zur Darstellung des quanti-
tativen Faktors der Vorstellung verwendet wird, daß er größer
ist, wenn eine große Bewegung vorgestellt wird, als wenn es
sich um eine kleine handelt. Die Vorstellung der größeren Be-
wegung wäre also hier wirklich die größere, d. h. von größerem
Aufwand begleitete Vorstellung.Die Beobachtung zeigt nun unmittelbar, daß die Menschen
gewöhnt sind, das Groß und Klein in ihren Vorstellungsinhalten
durch mannigfachen Aufwand in einer Art von Vorstellungs-
mimik zum Ausdruck zu bringen.Wenn ein Kind oder ein Mann aus dem Volke oder ein
Angehöriger gewisser Rassen etwas mitteilt oder schildert, so kann
man leicht sehen, daß er sich nicht damit begnügt, seine Vor-
stellung durch die Wahl klarer Worte dem Hörer deutlich zu
machen, sondern daß er auch den Inhalt derselben in seinen
Ausdrucksbewegungen darstellt; er verbindet die mimische mit der
wörtlichen Darstellung. Er bezeichnet zumal die Quantitäten und
Intensitäten. „Ein hoher Berg“, dabei hebt er die Hand über seinenS.
168 VII. Der Witz und die Arten des Komischen.
Kopf; „ein kleiner Zwerg“, dabei hält er sie nahe an den Boden.
Er mag es sich abgewöhnt haben, mit den Händen zu malen,
so wird er es darum doch mit der Stimme tun, und wenn er sich
auch darin beherrscht, so mag man wetten, daß er bei der
Schilderung von etwas Großem die Augen aufreißt und bei der Darstellung von etwas Kleinem die Augen zusammendrückt. Es sind
nicht seine Affekte, die er so äußert, sondern wirklich der Inhalt
des von ihm Vorgestellten.Soll man nun annehmen, daß dies Bedürfnis nach Mimik
erst durch die Anforderung der Mitteilung geweckt wird, während
doch ein gutes Stück dieser Darstellungsweise der Aufmerksamkeit des Hörers überhaupt entgeht? Ich glaube vielmehr, daß
diese Mimik, wenn auch minder lebhaft, abgesehen von jeder
Mitteilung besteht, daß sie auch zustande kommt, wenn die
Person für sich allein vorstellt, etwas anschaulich denkt; daß diese
Person dann das Groß und Klein an ihrem Körper ebenso wie
während der Rede zum Ausdruck bringt, durch veränderte Innervation an ihren Gesichtszügen und Sinnesorganen wenigstens. Ja ich
kann mir denken, daß die dem Inhalt des Vorgestellten konsensuelle Körperinnervation der Beginn und Ursprung der Mimik zu
Mitteilungszwecken war; sie brauchte ja nur gesteigert, dem
anderen auffällig gemacht zu werden, um dieser Absicht dienen
zu können. Wenn ich so die Ansicht vertrete, daß zu dem „Ausdruck der Gemütsbewegungen“, der als körperliche Nebenwirkung
seelischer Vorgänge bekannt ist, dieser „Ausdruck des Vorstellungsinhalts“ hinzugefügt werden sollte, so ist mir gewiß klar,
daß meine auf die Kategorie des Großen und Kleinen bezüglichen
Bemerkungen das Thema nicht erschöpfen. Ich wüßte selbst noch
mancherlei dazu zu tun, noch ehe man zu den Spannungsphänomenen gelangt, durch welche eine Person die Sammlung ihrer
Aufmerksamkeit und das Niveau der Abstraktion, auf dem ihr
Denken eben verweilt, körperlich anzeigt. Ich halte den Gegenstand für recht bedeutsam und glaube, daß die Verfolgung der
Vorstellungsmimik auf anderen Gebieten der Ästhetik ähnlich
nützlich sein dürfte wie hier für das Verständnis des Komischen.Um nun zur Komik der Bewegung zurückzukehren, wiederhole
ich, daß mit der Wahrnehmung einer bestimmten Bewegung der
Impuls zu ihrer Vorstellung durch einen gewissen Aufwand gegeben sein wird. Ich mache also beim „Verstehenwollen“, bei
der Apperzeption dieser Bewegung einen gewissen Aufwand, verhalte mich bei diesem Stück des seelischen Vorganges ganz so,
als ob ich mich an die Stelle der beobachteten Person versetzte.S.
Der Vergleich zweier Aufwände als Lustquelle. 169
Wahrscheinlich gleichzeitig fasse ich aber das Ziel dieser Be-
wegung ins Auge und kann durch frühere Erfahrung das Maß
von Aufwand abschätzen, welches zur Erreichung dieses Zieles
erforderlich ist. Ich sehe dabei von der beobachteten Person ab
und benehme mich so, als ob ich selbst das Ziel der Bewegung
erreichen wollte. Diese beiden Vorstellungsmöglichkeiten kommen
auf einen Vergleich der beobachteten mit meiner eigenen Be-
wegung hinaus. Bei einer übermäßigen und unzweckmäßigen
Bewegung des anderen wird mein Mehraufwand fürs Verständnis
in statu nascendi, gleichsam in der Mobilmachung gehemmt, als
überflüssig erklärt und ist für weitere Verwendung, eventuell für
die Abfuhr durch Lachen, frei. Dieser Art wäre, wenn andere
günstige Bedingungen hinzutreten, die Entstehung der Lust an
der komischen Bewegung, ein bei der Vergleichung mit der eigenen
Bewegung als Überschuß unverwendbar gewordener Innervations-
aufwand.Wir merken nun, daß wir unsere Erörterungen nach zwei
verschiedenen Richtungen fortzusetzen haben, erstens, um die
Bedingungen für die Abfuhr des Überschusses festzustellen,
zweitens um zu prüfen, ob die anderen Fälle des Komischen sich
ähnlich fassen lassen wie das Komische der Bewegung.Wir wenden uns der letzteren Aufgabe zuerst zu und ziehen
nach dem Komischen der Bewegung und Handlung das Komische
in Betracht, das an den geistigen Leistungen und Charakterzügen
des anderen gefunden wird.Wir können den komischen Unsinn, wie er von unwissenden
Kandidaten im Examen produziert wird, zum Muster der Gattung
nehmen; schwieriger ist es wohl, von den Charakterzügen ein ein-
faches Beispiel zu geben. Es darf uns nicht irre machen, daß
Unsinn und Dummheit, die so häufig komisch wirken, doch nicht
in allen Fällen als komisch empfunden werden, ebenso wie die
nämlichen Charaktere, über die wir das eine Mal als komisch
lachen, andere Male uns als verächtlich oder hassenswert er-
scheinen können. Diese Tatsache, der Rechnung zu tragen wir
nicht vergessen dürfen, deutet doch nur darauf hin, daß für die
komische Wirkung noch andere Verhältnisse als die der uns
bekannten Vergleichung in Betracht kommen, Bedingungen, denen
wir in anderem Zusammenhange nachspüren können.Das Komische, das an geistigen und seelischen Eigenschaften
eines anderen gefunden wird, ist offenbar wiederum Ergebnis
einer Vergleichung zwischen ihm und meinem Ich, aber merk-
würdigerweise einer Vergleichung, die zumeist das entgegengesetzteS.
170 VII. Der Witz und die Arten des Komischen.
Resultat geliefert hat wie im Falle der komischen Bewegung oder
Handlung. In diesem letzteren Falle war es komisch, wenn der
andere sich mehr Aufwand auferlegt hatte, als ich zu gebrauchen
glaubte; im Falle der seelischen Leistung wird es hingegen
komisch, wenn der andere sich Aufwand erspart hat, den ich
für unerläßlich halte, denn Unsinn und Dummheit sind ja Minder-
leistungen. Im ersteren Falle lache ich, weil er es sich zu schwer,
im letzteren, weil ers sich zu leicht gemacht hat. Es kommt also
scheinbar für die komische Wirkung nur auf die Differenz zwischen
den beiden Besetzungsaufwänden — dem der „Einfühlung“ und
dem des Ichs — an und nicht darauf, zu wessen Gunsten diese
Differenz aussagt. Diese unser Urteil zunächst verwirrende
Sonderbarkeit schwindet aber, wenn man in Erwägung zieht, daß
es in der Richtung unserer persönlichen Entwicklung zu einer
höheren Kulturstufe liegt, unsere Muskelarbeit einzuschränken und
unsere Gedankenarbeit zu steigern. Durch Erhöhung unseres
Denkaufwandes erzielen wir eine Verringerung unseres Bewegungs-
aufwandes für die nämliche Leistung, von welchem Kulturerfolg
ja unsere Maschinen Zeugnis ablegen.*)Es fügt sich also einem einheitlichen Verständnis, wenn der-
jenige uns komisch erscheint, der für seine körperlichen Leistungen
zuviel und für seine seelischen Leistungen zu wenig Aufwand im
Vergleich mit uns treibt, und es ist nicht abzuzuweisen, daß unser
Lachen in diesen beiden Fällen der Ausdruck der lustvoll emp-
fundenen Überlegenheit ist, die wir uns ihm gegenüber zusprechen.
Wenn das Verhältnis sich in beiden Fällen umkehrt, der somatische
Aufwand des anderen geringer und sein seelischer größer ge-
funden wird als der unserige, dann lachen wir nicht mehr, dann
staunen und bewundern wir.**)Der hier erörterte Ursprung der komischen Lust aus der
Vergleichung der anderen Person mit dem eigenen Ich — aus
der Differenz zwischen dem Einfühlungsaufwand und dem eigenen
— ist wahrscheinlich der genetisch bedeutsamste. Sicher steht
aber, daß er nicht der einzige geblieben ist. Wir haben irgend
einmal gelernt, von solcher Vergleichung zwischen dem anderen
und dem Ich abzusehen und die lustbringende Differenz uns von*) „Was man nicht im Kopfe hat,“ sagt das Sprichwort, „muß man
in den Beinen haben.“
**) Diese durchgehende Gegensätzlichkeit in den Bedingungen des
Komischen, daß bald ein Zuviel, bald ein Zuwenig als die Quelle der
komischen Lust erscheint, hat zur Verwirrung des Problems nicht wenig
beigetragen. Vgl. Lipps (l. c., S. 47).S.
Situationskomik, 171
nur einer Seite her zu holen, sei es von der Einfühlung her, sei
es aus den Vorgängen im eigenen Ich, womit der Beweis erbracht
ist, daB das Gefühl der Überlegenheit keine wesentliche Beziehung
zur komischen Lust hat. Eine Vergleichung ist für die Entstehung
dieser Lust unentbehrlich; wir finden, daß diese Vergleichung statt
hat zwischen zwei rasch aufeinander folgenden und auf dieselbe
Leistung bezüglichen Besetzungsaufwänden, die wir entweder auf
dem Wege der Einfühlung in den anderen bei uns herstellen
oder ohne solche Beziehung in unseren eigenen seelischen Vor-
gängen finden. Der erste Fall, bei dem die andere Person also
noch eine Rolle spielt, nur nicht ihr Vergleich mit unserem Ich,
ergibt sich, wenn die lustbringende Differenz der Besetzungsauf-
wände hergestellt wird durch äußere Einflüsse, die wir als
„Situation“ zusammenfassen können, weshalb diese Art Komik auch
Situationskomik genannt wird. Die Eigenschaften der Person,
welche das Komische liefert, kommen dabei nicht hauptsüchlich
in Betracht; wir lachen, auch wenn wir uns sagen müssen, daß
wir in derselben Situation das nümliche hätten tun müssen. Wir
ziehen hier die Komik aus dem Verhältnis des Menschen zur
oft übermächtigen Außenwelt, als welche sich für die seelischen
Vorgünge im Menschen auch die Konventionen und Notwendig-
keiten der Gesellschaft, ja selbst seine eigenen leiblichen Bedürf-
nisse darstellen. Ein typischer Fall der letzten Art ist es, wenn
jemand in einer Titigkeit, die seine seelischen Kráfte in Anspruch
nimmt, plötzlich gestört wird durch einen Schmerz oder ein ex-
krementelles Bedürfnis. Der Gegensatz, welcher uns bei der Ein-
fühlung die komische Differenz liefert, ist der zwischen dem hohen
Interesse vor der Stórung und dem minimalen, welches er nach
Eintritt der Störung noch für seine seelische Tätigkeit übrig hat.
Die Person, die uns diese Differenz liefert, wird uns wiederum
als eine unterlegene komisch; sie ist aber nur unterlegen im Ver-
gleiche mit ihrem früheren Ich und nicht im Vergleiche zu uns,
da wir wissen, daB wir uns im gleichen Falle nicht anders be-
nehmen könnten. Es ist aber bemerkenswert, daß wir dieses
Unterliegen des Menschen nur im Falle der Einfühlung, also beim
anderen komisch finden kónnen, wihrend wir selbst im Falle
solcher und ähnlicher Verlegenheiten uns nur peinlicher Gefühle
bewußt würden. Wahrscheinlich ermöglicht uns erst dieses Fern-
halten des Peinlichen von unserer Person, die aus der Vergleichung
der wechselnden Besetzungen sich ergebende Differenz als eine
lustvolle zu genießen. ;Die andere Quelle des Komischen, die wir in unseren eigenen
S.
172 VII. Der Witz und die Arten des Komischen.
Besetzungswandlungen finden, liegt in unseren Beziehungen zum
Zukünftigen, welches wir gewöhnt sind durch unsere Erwartungs-
vorstellungen zu antizipieren. Ich nehme an, daß ein quantitativ
bestimmter Aufwand unserer jedesmaligen Erwartungsvorstellung
zugrunde liegt, der sich also im Falle der Enttäuschung um eine
bestimmte Differenz vermindert, und berufe mich hier wiederum
auf die vorhin gemachten Bemerkungen über „Vorstellungsmimik“!
Es scheint mir aber leichter, den wirklich mobil gemachten Be-
setzungsaufwand für die Fälle der Erwartung zu erweisen. Es
ist für eine Reihe von Fällen ganz offenkundig, daß motorische
Vorbereitungen den Ausdruck der Erwartung bilden, zunächst für
alle Fälle, in denen das erwartete Ereignis Ansprüche an meine
Motilität stellt, und diese Vorbereitungen sind ohneweiters
quantitativ bestimmbar. Wenn ich einen Ball aufzufangen erwarte,
der mir zugeworfen wird, so versetze ich meinen Körper in
Spannungen, die ihn befähigen sollen, dem Anprall des Balls
Stand zu halten, und die überschüssigen Bewegungen, die ich
mache, wenn sich der aufgefangene Ball als zu leicht erweist,
machen mich den Zuschauern komisch. Ich habe mich durch
die Erwartung zu einem übermäßigen Bewegungsaufwand ver-
führen lassen. Desgleichen, wenn ich z. B. eine für schwer ge-
haltene Frucht aus einem Korb hebe, die aber zu meiner Täuschung
hohl, aus Wachs nachgeahmt ist. Meine Hand verrät durch
ihr Emporschnellen, daß ich eine für den Zweck übergroße Inner-
vation vorbereitet hatte, und ich werde dafür verlacht. Ja es gibt
wenigstens einen Fall, in welchem der Erwartungsaufwand durch
das physiologische Experiment am Tier unmittelbar meßbar auf-
gezeigt werden kann. In den P a w l o f schen Versuchen über
Speichelsekretionen werden Hunden, denen eine Speichelfistel an-
gelegt worden ist, verschiedene Nahrungsmittel vorgezeigt, und die
abgesonderten Mengen Speichel schwanken dann, je nachdem die
Versuchsbedingungen die Erwartungen des Hundes, mit dem Vor-
gezeigten gefüttert zu werden, bestärkt oder getäuscht haben.Auch wo das Erwartete bloß Ansprüche an meine Sinnes-
organe und nicht an meine Motilität stellt, darf ich annehmen,
daß die Erwartung sich in einer gewissen motorischen Veraus-
gabung zur Spannung der Sinne, zur Abhaltung anderer nicht
erwarteter Eindrücke äußert, und darf überhaupt die Einstellung
der Aufmerksamkeit als eine motorische Leistung, die einem
gewissen Aufwand gleichkommt, auffassen. Ich darf ferner vor-
aussetzen, daß die vorbereitende Tätigkeit der Erwartung nicht
unabhängig sein wird von der Größe des erwarteten Eindrucks,S.
Erwartungskomik. 173
sondern daß ich das Groß oder Klein derselben mimisch durch
einen größeren oder kleineren Vorbereitungsaufwand darstellen
werde wie im Falle der Mitteilung und im Falle des Denkens
ohne zu erwarten. Der Erwartungsaufwand wird sich allerdings
aus mehreren Komponenten zusammensetzen, und auch für meine
Enttäuschung wird verschiedenes in Betracht kommen, nicht nur
ob das Eingetroffene sinnlich größer oder kleiner ist als das
Erwartete, sondern auch, ob es des großen Interesses würdig ist,
welches ich für die Erwartung aufgeboten hatte. Ich werde auf
diese Weise etwa dazu angeleitet, außer dem Aufwand für die
Darstellung von Groß und Klein (der Vorstellungsmimik), den
Aufwand für die Spannung der Aufmerksamkeit (Erwartungsauf-
wand) und bei anderen Fällen überdies den Abstraktionsaufwand
in Betracht zu ziehen. Aber diese anderen Arten von Aufwand
lassen sich leicht auf den für Groß und Klein zurückführen, da
ja das Interessantere, das Erhabenere und selbst das Abstraktere
nur besonders qualifizierte Spezialfälle des Größeren sind. Nehmen
wir hinzu, daß nach Lipps u. a. der quantitative — und
nicht der qualitative — Kontrast in erster Linie als Quelle der
komischen Lust angesehen wird, so werden wir im ganzen damit
zufrieden sein, daß wir das Komische der Bewegung zum Aus-
gangspunkt unserer Untersuchung gewählt haben.In Ausführung des Kantschen Satzes, „das Komische sei
eine in nichts zergangene Erwartung“, hat Lipps in seinem hier
wiederholt zitierten Buche den Versuch gemacht, die komische
Lust ganz allgemein aus der Erwartung abzuleiten. Trotz der
vielen lehrreichen und wertvollen Ergebnisse, welche dieser Ver-
such zu Tage gefördert hat, möchte ich aber der von anderen
Autoren geäußerten Kritik beipflichten, daß Lipps das Ursprungs-
gebiet des Komischen um vieles zu eng gefaßt hat und dessen
Phänomene seiner Formel nicht ohne großen Zwang unterwerfen
konnte.Die Menschen haben sich nicht damit begnügt, das Komische
zu genießen, wo sie im Erleben darauf stoßen, sondern darnach
gestrebt, es absichtlich herzustellen, und man erfährt mehr vom
Wesen des Komischen, wenn man die Mittel studiert, welche zum
Komischmachen dienen. Man kann vor allem das Komische an
seiner eigenen Person zur Erheiterung anderer hervorrufen, z. B.
indem man sich ungeschickt oder dumm stellt. Man erzeugt dann
die Komik genau so, als ob man es wirklich wäre, indem man
die Bedingung der Vergleichung, die zur Aufwanddifferenz führt,S.
174 VII. Der Witz und die Arten des Komischen.
erfüllt; man macht sich selbst aber nicht lächerlich oder verächtlich
dadurch, sondern kann unter Umständen sogar Bewunderung
erzielen. Das Gefühl der Überlegenheit kommt beim anderen
nicht zustande, wenn er weiß, daß man sich bloß verstellt hat,
und dies gibt einen guten neuerlichen Beweis für die prinzipielle
Unabhängigkeit der Komik vom Überlegenheitsgefühl.Als Mittel, einen anderen komisch zu machen, dient vor allem
die Versetzung in Situationen, in denen man infolge der mensch-
lichen Abhängigkeit von äußeren Verhältnissen, insbesondere
sozialen Momenten komisch wird, ohne Rücksicht auf die per-
sönlichen Eigenschaften des Betroffenen, also die Ausnützung der
Situationskomik. Diese Versetzung in eine komische Situation mag
eine reale sein (a practical joke), indem man jemandem ein
Bein stellt, so daß er wie ein Ungeschickter hinfällt, ihn dumm
erscheinen läßt, dadurch daß man seine Gläubigkeit ausnützt, ihm
etwas Unsinniges einzureden sucht u. dgl., oder sie kann durch
Rede oder Spiel fingiert werden. Es ist ein gutes Hilfsmittel
der Aggression, in deren Dienst sich das Komischmachen zu stellen
pflegt, daß die komische Lust unabhängig ist von der Realität
der komischen Situation, so daß jeder eigentlich wehrlos dem
Komischgemachtwerden ausgesetzt ist.Es gibt aber noch andere Mittel zum Komischmachen, die
eine besondere Würdigung verdienen und zum Teil auch neue
Ursprünge der komischen Lust aufzeigen. Hieher gehört z. B. die
N a c h a h m u n g, die dem Hörer eine ganz außerordentliche Lust
gewährt und ihren Gegenstand komisch macht, auch wenn sie
sich von der karikierenden Übertreibung noch ferne hält. Es ist
viel leichter, die komische Wirkung der K a r i k a t u r als die der
bloßen Nachahmung zu ergründen. Karikatur, Parodie und
Travestie, sowie deren praktisches Gegenstück: die Entlarvung,
richten sich gegen Person und Objekte, die Autorität und
Respekt beanspruchen, in irgend einem Sinne e r h a b e n sind.
Es sind Verfahren zur Herabsetzung, wie der glückliche Ausdruck
der deutschen Sprache besagt.*) Das Erhabene ist ein Großes
im übertragenen, im psychischen Sinne, und ich möchte die An-
nahme machen oder vielmehr erneuern, daß dasselbe wie das
somatisch Große durch einen Mehraufwand dargestellt wird. Es
gehört wenig Beobachtung dazu, um festzustellen, daß ich, wenn*) Degradation. A. Bain (The emotions and the will, 2. edit. 1865,
sagt: The occasion of the Ludicrous is the degradation of some person
or interest, possessing dignity, in circumstances that excite no other strong
emotion“ (S. 248).S.
Die Karikatur. — Der Aufwand fürs Erhabene. 175
ich vom Erhabenen rede, meine Stimme anders innerviere, andere
Mienen mache und meine ganze Körperhaltung gleichsam in Ein-
klang mit der Würde dessen zu bringen suche, was ich vorstelle.
Ich lege mir einen feierlichen Zwang auf, nicht viel anders, als
wenn ich mich in die Gegenwart einer erhabenen Persönlichkeit,
eines Monarchen, eines Fürsten der Wissenschaft begeben soll.
Ich werde kaum irre gehen, wenn ich annehme, daß diese andere
Innervation der Vorstellungsmimik einem Mehraufwand entspricht.
Den dritten Fall eines solchen Mehraufwandes finde ich wohl,
wenn ich mich in abstrakten Gedankengängen anstatt in den
gewohnten konkreten und plastischen Vorstellungen ergehe. Wenn
nun die besprochenen Verfahren zur Herabsetzung des Erhabenen
mich dieses wie ein Gewöhnliches vorstellen lassen, bei dem ich
mich nicht zusammennehmen muß, in dessen idealer Gegen-
wart ich es mir „kommod“ machen kann, wie die militärische
Formel lautet, ersparen sie mir den Mehraufwand des feierlichen
Zwanges, und der Vergleich dieser durch die Einführung angeregten
Vorstellungsweise mit der bisher gewohnten, die sich gleichzeitig
herzustellen sucht, schafft wiederum die Aufwandsdifferenz, die
durch Lachen abgeführt werden kann.Die Karikatur stellt die Herabsetzung bekanntlich her, indem
sie aus dem Gesamtausdrucke des erhabenen Objekts einen ein-
zelnen an sich komischen Zug heraushebt, welcher übersehen werden
mußte, solange er nur im Gesamtbilde wahrnehmbar war. Durch
dessen Isolierung kann nun ein komischer Effekt erzielt werden,
der sich auf das Ganze in unserer Erinnerung erstreckt. Bedingung
ist dabei, daß nicht die Anwesenheit des Erhabenen selbst uns in
der Disposition der Ehrerbietung festhalte. Wo ein solcher über-
sehener komischer Zug in Wirklichkeit fehlt, da schafft ihn die
Karikatur unbedenklich durch die Übertreibung eines an sich nicht
komischen. Es ist wiederum kennzeichnend für den Ursprung der
komischen Lust, daß der Effekt der Karikatur durch solche Ver-
fälschung der Wirklichkeit nicht wesentlich beeinträchtigt wird.
Parodie und Travestie erreichen die Herabsetzung des
Erhabenen auf andere Weise, indem sie die Einheitlichkeit zwischen
den uns bekannten Charakteren von Personen und deren Reden
und Handlungen zerstören, entweder die erhabenen Personen oder
deren Äußerungen durch niedrige ersetzen. Darin unterscheiden
sie sich von der Karikatur, nicht aber durch den Mechanismus der
Produktion von komischer Lust. Der nämliche Mechanismus gilt
auch noch für die Entlarvung, die nur dort in Betracht kommt,
wo jemand Würde und Autorität durch einen Trug an sich gerissenS.
176 VII. Der Witz und die Arten des Komischen.
hat, die ihm in der Wirklichkeit abgenommen werden müssen.
Den komischen Effekt der Entlarvung haben wir durch einige
Beispiele beim Witze kennen gelernt, z. B. in jener Geschichte
von der vornehmen Dame, die in den ersten Geburtswehen: Ah,
mon dieu ruft, welcher der Arzt aber nicht eher Beistand leisten will,
als bis sie Ai, waih geschrien hat. Nachdem wir nun die Charaktere
des Komischen kennen gelernt haben, können wir nicht mehr
bestreiten, daß diese Geschichte eigentlich ein Beispiel von
komischer Entlarvung ist und keinen berechtigten Anspruch hat, ein
Witz geheißen zu werden. An den Witz erinnert sie bloß durch
die Inszenierung, durch das technische Mittel der „Darstellung
durch ein Kleinstes“, hier also den Schrei, der zur Indikations-
stellung ausreichend gefunden wird. Es bleibt indes bestehen,
daß unser Sprachgefühl, wenn wir es zur Entscheidung anrufen,
sich nicht dagegen sträubt, eine solche Geschichte einen Witz zu
heißen. Wir mögen die Erklärung hiefür in der Überlegung
finden, daß der Sprachgebrauch nicht von der wissenschaftlichen
Einsicht in das Wesen des Witzes ausgeht, welche wir uns in
dieser mühseligen Untersuchung erworben haben. Da es zu den
Leistungen des Witzes gehört, verdeckte Quellen der komischen
Lust wieder zugänglich zu machen (S. 87), kann in lockerer
Analogie jeder Kunstgriff, der nicht offenkundige Komik an den
Tag bringt, ein Witz genannt werden. Dies letztere trifft aber
vorzugsweise für die Entlarvung zu, wie auch sonst für andere
Methoden des Komischmachens.*)Zur „Entlarvung“ kann man auch jene uns schon be-
kannten Verfahren zum Komischmachen rechnen, welche die Würde
des einzelnen Menschen herabsetzen, indem sie auf seine allgemein
menschliche Gebrechlichkeit, besonders aber auf die Abhängigkeit
seiner seelischen Leistungen von körperlichen Bedürfnissen auf-
merksam machen. Die Entlarvung wird dann gleichbedeutend mit
der Mahnung: Dieser und jener gleich einem Halbgott Bewunderte
ist doch auch nur ein Mensch wie ich und du. Ferner gehören
alle Bemühungen hieher, hinter dem Reichtum und der schein-
baren Freiheit der psychischen Leistungen den monotonen psy-
chischen Automatismus bloßzulegen. Wir haben Beispiele von
solchen „Entlarvungen“ bei den Heiratsvermittlerwitzen kennen
gelernt und wohl damals den Zweifel gefühlt, ob wir diese Ge-*) „So heißt überhaupt Witz jedes bewußte und geschickte Hervorrufen
der Komik, sei es der Komik der Anschauung oder der Situation. Natür-
lich können wir auch diesen Begriff des Witzes hier nicht brauchen.“
Lipps, l. c. S. 78.S.
Die Entlarvung. ⑰⑦
schichten mit Recht zu den Witzen rechnen. Wir können, nun
mit größerer Sicherheit entscheiden, daß die Anekdote von dem
Echo, welches alle Behauptungen des Heiratsvermittlers bekräftigt
und zuletzt auch dessen Zugestindnis, die Braut habe einen Hocker,
mit dem Ausrufe verstirkt: Aber, was fiir einen Hocker! im wesent-
lichen eine komische Geschichte ist, ein Beispiel von Entlarvung
des psychischen Automatismus. Die komische Geschichte dient
aber hier doch nur als Fassade; fiir jedermann, der auf den
verborgenen Sinn der Heiratsvermittleranekdoten achten will, bleibt
das Ganze ein vortrefflich inszenierter Witz. Wer nicht soweit
eindringt, bleibt bei der komischen Geschichte stehen. Ähnliches
gilt für den anderen Witz vom Heiratsvermittler, der, um einen
Einwand zu widerlegen, schließlich durch den Ausruf: „Aber ich
bitte Sie, wer wird denn solchen Leuten etwas leihen!“ die Wahr-
heit zugesteht; eine komische Entlarvung als Fassade fiir einen
Witz. Doch ist der Charakter des Witzes hier weit unverkenn-
barer, denn die Rede des Vermittlers ist gleichzeitig eine Dar-
stellung durchs Gegenteil. Indem er beweisen will, daß die Leute
reich sind, beweist er zugleich, daß sie nicht reich, sondern sehr
arm sind. Witz und Komik kombinieren sich hier und lehren uns,
daß die nämliche Aussage zugleich witzig und komisch sein kann.Wir ergreifen gern die Gelegenheit, von der Komik der Ent-
larvung auf den Witz zurückzugehen, da ja die Klärung des
Verhältnisses zwischen Witz und Komik, nicht die Wesensbestim-
mung des Komischen unsere eigentliche Aufgabe ist. Wir reihen
darum dem Falle der Aufdeckung des psychischen Automatismus,
für den uns das Gefühl, ob etwas komisch oder witzig sei, im
Stiche gelassen hat, einen anderen an, in dem gleichfalls Witz
und Komik sich miteinander verwirren, den Fall der Unsinns-
witze. Unsere Untersuchung wird uns aber schließlich zeigen,
daß für diesen zweiten Fall das Zusammentreffen von Witz und
Komik theoretisch ableitbar ist.Wir haben bei der Erörterung der Witztechniken gefunden,
daß das Gewährenlassen solcher Denkweisen, wie sie im Un-
bewußten üblich sind, und die im BewuBten nur als ,,Denkfehler“
beurteilt werden können, das technische Mittel sehr vieler Witze
ist, an deren Witzcharakter wir dann doch wieder zweifeln
konnten, so daß wir geneigt waren, sie einfach als komische Ge-
schichten zu klassifizieren. Wir konnten zu keiner Entscheidung
über unseren Zweifel gelangen, weil uns zunächst der wesentliche
Charakter des Witzes nicht bekannt war. Später fanden wir diesen,
durch die Analogie mit der Traumarbeit geleitet, in der Kompromiß-Freud, Der Witz. 4. Aufl. 12
S.
178 VII. Der Witz und die Arten des Komischen.
leistung der Witzarbeit zwischen den Anforderungen der vernünf-
tigen Kritik und dem Trieb, auf die alte Wort- und Unsinnslust
nicht zu verzichten. Was so als Kompromiß zustande kam, wenn
der vorbewußte Ansatz des Gedankens für einen Moment der
unbewußten Bearbeitung überlassen wurde, genügte in allen
Fällen beiderlei Ansprüchen, präsentierte sich aber der Kritik in
verschiedenen Formen und mußte sich verschiedene Beurteilungen
von ihr gefallen lassen. Es war dem Witz das eine Mal gelungen,
sich die Form eines bedeutungslosen aber immerhin zulässigen
Satzes zu erschleichen, das andere Mal sich im Ausdruck eines
wertvollen Gedankens einzuschmuggeln; im Grenzfall der Kom-
promißleistung aber hatte er auf die Befriedigung der Kritik ver-
zichtet und war, trotzend auf die Lustquellen, über die er ver-
fügte, als barer Unsinn vor ihr erschienen, hatte sich nicht ge-
scheut, ihren Widerspruch wachzurufen, weil er darauf rechnen
konnte, daß der Hörer die Verunstaltung seines Ausdrucks durch
die unbewußte Bearbeitung redressieren und ihm so seinen Sinn
wiedergeben würde.
In welchem Falle wird nun der Witz vor der Kritik als
Unsinn erscheinen? Besonders dann, wenn er sich jener Denk-
weisen bedient, die im Unbewußten üblich, im bewußten Denken
verpönt sind, also der Denkfehler. Gewisse der Denkweisen des
Unbewußten sind nämlich auch für das Bewußte erhalten ge-
blieben, z. B. manche Arten der indirekten Darstellung, die An-
spielung usw., wenngleich deren bewußter Gebrauch größeren
Beschränkungen unterliegt. Mit diesen Techniken wird der Witz
bei der Kritik keinen oder geringen Anstoß erregen; dieser Erfolg
tritt erst ein, wenn er sich auch jener Mittel als Technik bedient,
von denen das bewußte Denken nichts mehr wissen will. Der
Witz kann den Anstoß immer noch vermeiden, wenn er den
angewandten Denkfehler verhüllt, ihn mit einem Schein von Logik
verkleidet wie in der Geschichte von Torte und Likör, Lachs mit
Mayonnaise und ähnlichen. Bringt er den Denkfehler aber un-
verhüllt, so ist der Einspruch der Kritik gewiß.
In diesem Falle kommt dem Witz nun etwas anderes zu-
gute. Die Denkfehler, die er als Denkweisen des Unbewußten
für seine Technik benützt, erscheinen der Kritik — wenn auch
nicht regelmäßig so — als komisch. Das bewußte Gewährenlassen
der unbewußten und als fehlerhaft verworfenen Denkweisen ist
ein Mittel zur Erzeugung der komischen Lust, und dies ist leicht
zu verstehen, denn zur Herstellung der vorbewußten Besetzung
bedarf es gewiß eines größeren Aufwandes als zum Gewähren-S.
Fälle des Zusammentreffens von Witz und Komik. 179
lassen der unbewußten. Indem wir beim Anhören des wie im
Unbewußten gebildeten Gedankens diesen mit seiner Korrektur
vergleichen, ergibt sich für uns die Aufwanddifferenz, aus welcher
die komische Lust hervorgeht. Ein Witz, der sich solcher Denk-
fehler als Technik bedient und darum unsinnig erscheint, kann
also gleichzeitig komisch wirken. Kommen wir dem Witze nicht
auf die Spur, so erübrigt uns wiederum nur die komische Ge-
schichte, der Schwank.Die Geschichte vom geborgten Kessel, der bei der Zurück-
stellung ein Loch hatte, wobei sich der Entlehner verantwortete,
erstens habe er überhaupt keinen Kessel geborgt, zweitens sei
dieser schon bei der Entlehnung durchlöchert gewesen, und drittens
habe er ihn unversehrt, ohne Loch, zurückgestellt (S. 48), ist ein
vortreffliches Beispiel einer rein komischen Wirkung durch Ge-
währenlassen unbewußter Denkweise. Gerade dieses einander
Aufheben von mehreren Gedanken, von denen jeder für sich gut
motiviert ist, fällt im Unbewußten weg. Der Traum, an dem
ja die Denkweisen des Unbewußten manifest werden, kennt dem-
entsprechend auch kein Entweder — oder,*) nur ein gleichzeitiges
Nebeneinander. In jenem Traumbeispiel meiner Traumdeutung,
das ich trotz seiner Komplikation zum Muster für die Deutungs-
arbeit gewählt habe,**) suche ich mich von dem Vorwurf zu ent-
lasten, daß ich die Schmerzen einer Patientin nicht durch psy-
chische Kur zum Verschwinden gebracht habe. Meine Begrün-
dungen lauten: 1. sie sei selbst an ihrem Kranksein schuld, weil
sie meine Lösung nicht annehmen wolle, 2. ihre Schmerzen seien
organischer Herkunft, gehen mich also gar nichts an, 3. ihre
Schmerzen hängen mit ihrer Witwenschaft zusammen, an der ich
ja nicht schuld bin, 4. ihre Schmerzen rühren von einer Injektion
mit verunreinigter Spritze her, die ihr ein anderer gegeben hat.
Alle diese Gründe stehen nun so nebeneinander, als schlöße nicht
der eine den anderen aus. Ich müßte für das „Und“ des Traumes
ein „Entweder — oder“ einsetzen, um dem Vorwurf des Unsinns
zu entgehen.Eine ähnliche komische Geschichte wäre die, daß sich in
einem ungarischen Dorf der Schmied ein todwürdiges Verbrechen
habe zu Schulden kommen lassen, der Bürgermeister aber habe
beschlossen, zur Sühne nicht den Schmied, sondern einen Schneider
aufhängen zu lassen, denn es wären zwei Schneider im Dorfe
ansässig, aber kein anderer Schmied, und Sühne müßte sein.*) Dies wird höchstens vom Erzähler als Deutung eingesetzt.
**) L. c. S. 83. (6. Aufl. S. 74 u. f.)12*
S.
180 VII. Der Witz und die Arten des Komischen.
Eine solche Verschiebung von der Person des Schuldigen auf
einen anderen widerspricht natürlich allen Gesetzen bewußter
Logik, keineswegs aber der Denkweise des Unbewußten. Ich
stehe nicht an, diese Geschichte komisch zu heißen, und doch habe
ich die vom Kessel unter den Witzen angeführt. Ich gebe nun zu,
daß auch letztere viel richtiger als „komisch“ denn als witzig zu
bezeichnen ist. Ich verstehe aber nun, wie es zugeht, daß mein
sonst so sicheres Gefühl mich im Zweifel lassen kann, ob diese
Geschichte komisch oder witzig ist. Es ist dies der Fall, in dem
ich nach dem Gefühl die Entscheidung nicht treffen kann, wenn
nämlich die Komik durch Aufdeckung der dem Unbewußten aus-
schließlich eigenen Denkweisen entsteht. Eine derartige Geschichte
kann komisch und witzig zugleich sein; sie wird mir aber den
Eindruck des Witzigen machen, auch wenn sie bloß komisch ist,
weil die Verwendung der Denkfehler des Unbewußten mich an
den Witz mahnt, ebenso wie vorhin (S. 176) die Veranstaltungen
zur Aufdeckung verborgener Komik.Ich muß Wert darauf legen, diesen heikelsten Punkt meiner
Auseinandersetzungen, das Verhältnis des Witzes zur Komik,
klar zu stellen, und will darum das Gesagte durch einige negative
Sätze ergänzen. Zunächst kann ich darauf aufmerksam machen,
daß der hier behandelte Fall des Zusammentreffens von Witz und
Komik mit dem vorigen (S. 177) nicht identisch ist. Es ist dies
zwar eine feinere Unterscheidung, aber sie ist mit Sicherheit zu
machen. Im vorigen Falle rührte die Komik von der Aufdeckung
des psychischen Automatismus her. Dieser ist nun keineswegs
dem Unbewußten allein eigentümlich und spielt auch keine auf-
fällige Rolle unter den Techniken des Witzes. Die Entlarvung
tritt nur zufällig zum Witze in Beziehung, indem sie einer anderen
Technik des Witzes, z. B. der Darstellung durch das Gegenteil
dient. Im Falle des Gewährlassens unbewußter Denkweisen ist
aber das Zusammentreffen von Witz und Komik ein notwendiges,
weil dasselbe Mittel, das bei der ersten Person des Witzes zur
Technik der Lustentbindung verwendet wird, seiner Natur nach
bei der dritten Person komische Lust erzeugt.Man könnte in die Versuchung geraten, diesen letzten Fall
zu verallgemeinern, und die Beziehung des Witzes zur Komik darin
suchen, daß die Wirkung des Witzes auf die dritte Person nach
dem Mechanismus der komischen Lust erfolgt. Aber davon ist
keine Rede, die Berührung mit dem Komischen trifft keineswegs
für alle oder auch nur die meisten Witze zu; in den meisten Fällen
sind Witz und Komik vielmehr reinlich zu scheiden. So oft esS.
Zusammentreffen von Witz und Komik. 181
dem Witz gelingt, dem Anschein des Unsinnigen zu entgehen, also
bei den meisten Doppelsinn- und Anspielungswitzen, ist von einer
dem Komischen ähnlichen Wirkung beim Hörer nichts zu ent-
decken. Man mache die Probe an den früher mitgeteilten Bei-
spielen oder an einigen neuen, die ich anführen kann.Glückwunschtelegramm zum 70. Geburtstag eines Spielers:
„Trente et quarante.“ (Wortzerteilung mit Anspielung.)Hevesi beschreibt einmal den Prozeß der Tabakfabrikation:
„Die hellgelben Blätter ... wurden da in eine Beize getunkt
und in dieser Tunke gebeizt.“ (Mehrfache Verwendung des
nämlichen Materials.)Madame de Maintenon wurde Mme. de Maintenant
genannt. (Namensmodifikation.)Prof. Kästner sagt zu einem Prinzen, der sich während
einer Demonstration vor das Fernrohr gestellt: „Mein Prinz, ich
weiß wohl, daß Sie durchläuchtig sind, aber Sie sind nicht
durchsichtig.Graf Andrassy wurde der Minister des schönen
Äußeren genannt.Man könnte ferner glauben, daß wenigstens alle Witze mit
Unsinnfassade komisch erscheinen und so wirken müssen. Allein
ich erinnere hier daran, daß solche Witze sehr oft eine andere
Wirkung auf den Hörer haben, Verblüffung und Neigung zur
Ablehnung hervorrufen (siehe S. 119). Es kommt also offenbar
darauf an, ob der Unsinn des Witzes als komischer oder als
gemeiner, barer Unsinn erscheint, wofür wir die Bedingung noch
nicht erforscht haben. Wir verbleiben demnach bei dem Schlusse,
daß der Witz seiner Natur nach vom Komischen zu sondern ist
und nur einerseits in gewissen speziellen Fällen, anderseits in der
Tendenz, Lust aus intellektuellen Quellen zu gewinnen, mit ihm
zusammentrifft.Während dieser Untersuchungen über die Beziehungen von
Witz und Komik enthüllt sich uns nun jener Unterschied, den
wir als den bedeutsamsten betonen müssen, und der gleichzeitig
auf einen psychologischen Hauptcharakter der Komik hinweist.
Die Quelle der Lust des Witzes mußten wir in das Unbewußte
verlegen; keine Veranlassung zur gleichen Lokalisation ist für das
Komische erfindlich. Vielmehr deuten alle Analysen, die wir bisher
angestellt haben, darauf hin, daß die Quelle der komischen Lust
die Vergleichung zweier Aufwände ist, die wir beide dem Vor-
bewußten zuordnen müssen. Witz und Komik unterscheiden sichS.
182 VII. Der Witz und die Arten des Komischen.
vor allem in der psychischen Lokalisation; der Witz ist sozu-
sagen der Beitrag zur Komik aus dem Bereich des
Unbewußten.Wir brauchen uns nicht zu beschuldigen, daß wir uns in eine
Abschweifung eingelassen haben, da ja das Verhältnis des Witzes
zur Komik der Anlaß ist, welcher uns zur Untersuchung des
Komischen gedrängt hat. Es ist aber wohl an der Zeit, daß wir
zu unserem dermaligen Thema zurückkehren, zur Behandlung der
Mittel, welche dem Komischmachen dienen. Wir haben die Er-
örterung der Karikatur und der Entlarvung vorausgeschickt, weil
wir aus ihnen beiden einige Anknüpfungen für die Analyse der
Komik der Nachahmung entnehmen können. Die Nach-
ahmung ist wohl zumeist mit Karikatur, Übertreibung einiger sonst
nicht auffälliger Züge versetzt und trägt auch den Charakter der
Herabsetzung an sich. Doch scheint ihr Wesen hiemit nicht er-
schöpft; es ist unleugbar, daß sie an sich eine außerordentlich
ergiebige Quelle der komischen Lust darstellt, indem wir gerade
über die Treue der Nachahmung besonders lachen. Es ist nicht
leicht, hiefür eine befriedigende Aufklärung zu geben, wenn man
sich nicht der Ansicht von Bergson*) anschließen will, durch
welche die Komik der Nachahmung nahe an die durch Auf-
deckung des psychischen Automatismus herangerückt wird.
Bergson meint, daß alles dasjenige komisch wirkt, was bei
einer lebenden Person an einen unbelebten Mechanismus denken
läßt. Seine Formel hiefür lautet: „Mécanisation de la vie.“ Er
erklärt die Komik der Nachahmung, indem er an ein Problem
anknüpft, welches Pascal in seinen „Pensées“ aufgestellt, warum
man bei der Vergleichung zweier ähnlicher Gesichter lache, von
denen keines an sich komisch wirke. „Das Lebende soll sich nach
unserer Erwartung niemals völlig ähnlich wiederholen. Wo wir
solche Wiederholung finden, vermuten wir jedesmal einen
Mechanismus, der hinter diesem Lebenden steckt.“ Wenn man
zwei Gesichter von zu weitgehender Ähnlichkeit sieht, denkt man
an zwei Abdrücke aus derselben Form oder an ein ähnliches
Verfahren der mechanischen Herstellung. Kurz die Ursache des
Lachens wäre in diesen Fällen die Abweichung des Lebenden
gegen das Leblose hin; wir können sagen, die Degradierung des
Lebenden zum Leblosen (l. c., S. 35). Wenn wir diese einschmeicheln-
den Ausführungen Bergsons gelten lassen, fällt es uns übrigens*) Bergson, Le rire, essai sur la signification du comique. 3me
édition, Paris 1904.S.
Komik der Nachahmung. 183
nicht schwer, seine Ansicht unserer eigenen Formel zu unterwerfen.
Durch die Erfahrung belehrt, daß jedes Lebende ein anderes ist
und eine Art von Aufwand von unserem Verständnis fordert,
finden wir uns enttäuscht, wenn wir infolge vollkommener Über-
einstimmung oder täuschender Nachahmung keines neuen Auf-
wandes bedürfen. Wir sind aber enttäuscht im Sinne der Erleich-
terung, und der überflüssig gewordene Erwartungsaufwand wird
durch Lachen abgeführt. Die nämliche Formel würde auch alle
bei Bergson gewürdigten Fälle der komischen Erstarrung
(raideur), der professionellen Gewohnheiten, fixen Ideen und bei
jedem Anlaß wiederholten Redensarten decken. Alle diese Fälle
würden auf den Vergleich des Erwartungsaufwandes mit dem zum
Verständnis des sich gleich Gebliebenen erforderlichen ausgehen,
wobei die größere Erwartung sich auf die Beobachtung der indi-
viduellen Mannigfaltigkeit und Plastizität des Lebenden stützt. Bei
der Nachahmung wäre also nicht die Situations-, sondern die
Erwartungskomik die Quelle der komischen Lust.
Da wir die komische Lust allgemein von einer Vergleichung
ableiten, obliegt es uns, auch das Komische des Vergleichs selbst
zu untersuchen, welcher ja gleichfalls als Mittel zum Komisch-
machen dient. Unser Interesse für diese Frage wird eine Steigerung
erfahren, wenn wir uns erinnern, daß uns oft auch im Falle des
Gleichnisses das „Gefühl“, ob etwas ein Witz oder bloß komisch
zu nennen sei, im Stiche zu lassen pflegt (s. S. 67).
Das Thema verdiente freilich mehr Sorgfalt, als wir ihm von
unserem Interesse her zuteil werden lassen können. Die Haupt-
eigenschaft, nach welcher wir beim Gleichnis fragen, ist, ob das-
selbe treffend ist, d. h. ob es auf eine wirklich vorhandene
Übereinstimmung zweier verschiedener Objekte aufmerksam macht.
Die ursprüngliche Lust am Wiederfinden des Gleichen (Groos,
S. 103) ist nicht das einzige Motiv, welches den Gebrauch der
Vergleichung begünstigt; es kommt hinzu, daß das Gleichnis einer
Verwendung fähig ist, welche eine Erleichterung der intellektuellen
Arbeit mit sich bringt, wenn man nämlich, wie zumeist üblich,
das Unbekanntere mit dem Bekannteren, das Abstrakte mit dem
Konkreten vergleicht und durch diesen Vergleich das Fremdere
und Schwierigere erläutert. Mit jeder solchen Vergleichung speziell
des Abstrakten mit dem Sachlichen ist eine gewisse Herabsetzung
und eine gewisse Ersparung an Abstraktionsaufwand (im Sinne
einer Vorstellungsmimik) verbunden, doch reicht dieselbe natürlich
nicht hin, um den Charakter des Komischen deutlich hervor-
treten zu lassen. Dieser taucht nicht plötzlich, sondern allmählichS.
184 VII. Der Witz und die Arten des Komischen.
aus der Erleichterungslust der Vergleichung auf; es gibt reichlich
Fälle, die bloß ans Komische streifen, bei denen man zweifeln
könnte, ob sie den komischen Charakter zeigen. Unzweifelhaft
komisch wird die Vergleichnung, wenn der Niveauunterschied des
Abstraktionsaufwandes zwischen beiden Verglichenen sich steigert,
wenn etwas Ernstes und Fremdes, insbesondere intellektueller oder
moralischer Natur, in den Vergleich mit etwas Banalem und
Niedrigem gezogen wird. Die vorherige Erleichterungslust und der
Beitrag aus den Bedingungen der Vorstellungsmimik mögen etwa
den allmählichen, durch quantitative Verhältnisse bestimmten Über-
gang des allgemein Lustvollen in das Komische bei der Vergleichung
erklären. Ich gehe wohl Mißverständnissen aus dem Wege, indem
ich hervorhebe, daß ich die komische Lust beim Gleichnis nicht
aus dem Kontrast der beiden Verglichenen, sondern aus der Diffe-
renz der beiden Abstraktionsaufwände ableite. Das schwer zu
fassende Fremde, Abstrakte, eigentlich intellektuell Erhabene wird
nun durch die behauptete Übereinstimmung mit einem vertrauten
Niedrigen, bei dessen Vorstellung jeder Abstraktionsaufwand weg-
fällt, selbst als etwas ebenso Niedriges entlarvt. Die Komik der
Vergleichung reduziert sich also auf einen Fall von Degradierung.
Der Vergleich kann nun, wie wir früher gesehen haben, witzig
sein ohne die Spur von komischer Beimengung, dann nämlich,
wenn er gerade der Herabsetzung ausweicht. So ist der Vergleich
der Wahrheit mit einer Fackel, die man nicht durch ein Gedränge
tragen kann, ohne jemandem den Bart zu versengen, rein witzig,
weil er eine erloschene Redensart (,,Die Fackel der Wahrheit“)
vollwertig nimmt und gar nicht komisch, weil die Fackel als Objekt
einer gewissen Vornehmheit, obwohl sie ein konkreter Gegen-
stand ist, nicht entbehrt. Ein Vergleich kann aber leicht eben-
sowohl witzig sein als auch komisch, und zwar das eine unabhängig
vom anderen, indem die Vergleichung ein Behelf für gewisse
Techniken des Witzes, z. B. die Unifizierung oder die Anspielung
wird. So ist der Nestroy sche Vergleich der Erinnerung mit
einem „Magazin“ (S. 70) gleichzeitig komisch und witzig, ersteres
wegen der außerordentlichen Herabsetzung, die sich der psycho-
logische Begriff im Vergleich mit einem „Magazin“ gefallen lassen
muß, das andere aber, weil der, welcher den Vergleich gebraucht,
ein Kommis ist, in dieser Vergleichung also eine ganz unerwartete
Unifizierung zwischen der Psychologie und seiner Berufstätigkeit
herstellt. Die Heine sche Zeile „Bis mir endlich alle Knöpfe
rissen an der Hose der Geduld“ erscheint zunächst bloß als ein
ausgezeichnetes Beispiel eines komisch erniedrigenden Vergleichs;S.
185
Vergleichung. — Komik der Rede.
bei näherer Überlegung muß man ihr aber auch den Charakter
des Witzigen zugestehen, da der Vergleich als Mittel der Anspielung
ins Bereich des Obszönen einschlägt und es so zustande bringt,
die Lust am Obszönen frei zu machen. Aus dem nämlichen
Material entsteht für uns durch ein freilich nicht ganz zufälliges
Zusammentreffen gleichzeitig komischer und witziger Lustgewinn;
mögen die Bedingungen des einen auch die Entstehung des anderen
fördern, für das „Gefühl“, welches uns angeben soll, ob hier Witz
oder Komik vorliegt, ist solche Vereinigung ein verwirrender Ein-
fluß, und erst eine von der Lustdisposition unabhängig gewordene
aufmerksame Untersuchung kann die Entscheidung bringen.So verlockend es wäre, diesen intimeren Bedingtheiten des
komischen Lustgewinnes nachzuspüren, so muß doch der Autor
sich vorhalten, daß weder seine Vorbildung noch sein täglicher
Beruf ihn berechtigen, seine Untersuchungen weit hinaus über die
Sphäre des Witzes zu erstrecken, und darf eingestehen, daß gerade
das Thema der komischen Vergleichung ihm seine Inkompetenz
fühlbar macht.Wir lassen uns also gern daran mahnen, daß viele Autoren
die scharfe begriffliche und sachliche Scheidung zwischen Witz
und Komik nicht anerkennen, zu der wir uns veranlaßt sahen, und
daß diese den Witz einfach als das „Komische der Rede“ oder
„der Worte“ hinstellen. Zur Prüfung dieser Ansicht wollen wir uns
je ein Beispiel von absichtlicher und von unfreiwilliger Komik
der Rede für den Vergleich mit dem Witze auswählen. Wir haben
bereits an einer früheren Stelle bemerkt, daß wir uns sehr wohl
imstande glauben, komische Rede von witziger Rede zu unter-
scheiden.„Mit einer Gabel und mit Müh’
zog ihn die Mutter aus der Brüh’“,ist bloß komisch; Heines Satz von den vier Kasten der Be-
völkerung Göttingens:Professoren, Studenten, Philister und Vieh
ist aber exquisit witzig.
Für die absichtliche Komik der Rede nehme ich Stetten-
heims „Wippchen“ als Muster. Man nennt Stettenheim
witzig, weil er in besonderem Grade die Geschicklichkeit besitzt,
das Komische hervorzurufen. Der Witz, den man „hat“, im
Gegensatz zu dem, den man „macht“, ist in der Tat durch diese
Fähigkeit zutreffend bestimmt. Es ist unleugbar, daß die Briefe
des Bernauer Korrespondenten Wippchen auch witzig sind, in-S.
186 VII. Der Witz und die Arten des Komischen.
soferne sie reichlich Witze jeder Art, darunter ernsthaft gelungene
(„festlich entkleidet“ von einer Parade bei Wilden) eingestreut
enthalten; was diesen Produktionen aber ihren eigentümlichen
Charakter verleiht, sind nicht diese vereinzelten Witze, sondern
das in ihnen fast überreichlich quellende Komische der Rede.
„Wippchen“ ist gewiß eine ursprünglich satirisch gemeinte Figur,
eine Modifikation des G. Freytagschen Schmock, einer jener
Ungebildeten, die mit dem Bildungsschatz der Nation Handel und
Mißbrauch treiben, aber das Behagen an den bei ihrer Darstellung
erzielten komischen Effekten hat beim Autor offenbar die satirische
Tendenz allmählich in den Hintergrund gedrängt. Die Produk-
tionen Wippchens sind zum großen Teil „komischer Unsinn“;
der durch Häufung solcher Leistungen erzielten Luststimmung hat
sich der Autor — übrigens mit Recht — bedient, um neben
durchaus Zulässigem allerlei Abgeschmacktes vorzubringen, was
für sich allein nicht zu vertragen wäre. Der Unsinn Wippchens
erscheint nun als ein spezifischer infolge einer besonderen Technik.
Faßt man diese „Witze“ näher ins Auge, so fallen einige
Gattungen besonders auf, die der ganzen Produktion ihr Gepräge
geben. Wippchen bedient sich vorwiegend der Zusammensetzungen
(Verschmelzungen), der Modifikationen bekannter Redensarten und
Zitate und der Ersetzungen einzelner banaler Elemente in diesen
durch meist anspruchsvollere, höherwertige Ausdrucksmittel. Das
geht allerdings nahe an die Techniken des Witzes heran.
Verschmelzungen sind z. B. (aus der Vorrede und den ersten
Seiten der ganzen Reihe ausgesucht):
„Die Türkei hat Geld wie Heu am Meere“; was aus den
beiden Redensarten:„Geld wie Heu“
„Geld wie Sand am Meere“ zusammen-
geflickt ist. Oder: „Ich bin nichts mehr als eine entlaubte Säule,
die von entschwundener Pracht zeugt“, verdichtet aus „entlaubter
Stamm“ und „eine Säule, die usw.“ Oder: „Wo ist der Ariadne-
faden, der aus der Skylla dieses Augiasstalles herausleitet?“, wozu
dreierlei griechische Sagen je ein Element beigesteuert haben.
Die Modifikationen und Ersetzungen kann man ohne viel
Zwang zusammenfassen; ihr Charakter ergibt sich aus nachstehen-
den Wippchen eigentümlichen Beispielen, in denen regelmäßig
ein anderer, geläufiger, meist banaler, zum Gemeinplatz herab-
gesunkener Wortlaut durchschimmert:
„Mir Papier und Tinte höher zu hängen.“ Man sagt: einem
den Brotkorb höher hängen bildlich für: einen unter erschwerendeS.
Komik der Rede. 187
Bedingungen versetzen. Warum sollte man dieses Bild also nicht
auf anderes Material erstrecken dürfen?„Schlachten, in denen die Russen einmal den Kürzeren, ein-
mal den Längeren ziehen.“ Nur die erstere Redensart ist be-
kanntlich im Gebrauche; nach der Ableitung derselben wäre es
sogar nicht unsinnig, auch die andere in Aufnahme zu bringen.„Schon früh regte sich in mir der Pegasus.“ Mit dem
Rückersatz „der Dichter“ ist dies eine durch häufigen Gebrauch
bereits entwertete selbstbiographische Wendung. „Pegasus“ eignet
sich zwar nicht zum Ersatz für „Dichter“, steht aber in Gedanken-
relation zu ihm und ist ein hochklingendes Wort.„So durchlebte ich dornenvolle Kinderschuhe.“
Durchaus ein Bildnis anstatt eines einfachen Wortes. „Die
Kinderschuhe austreten“ ist eines der Bilder, die mit dem Begriff
Kindheit zusammenhängen.Aus der Fülle anderer Produktionen Wippchens kann man
manche als Beispiele reiner Komik hervorheben, z. B. als komische
Enttäuschung: Stundenlang wogte das Gefecht, endlich blieb es
unentschieden, oder als komische Entlarvung (der Unwissenheit):
Klio, die Meduse der Geschichte; Zitate wie: Habent sua fata
morgana. Unser Interesse wecken aber eher die Verschmelzungen
und Modifikationen, weil sie bekannte Techniken des Witzes wieder-
bringen. Man vergleiche z. B. zu den Modifikationen Witze wie:
Er hat eine große Zukunft hinter sich, — Er hat ein Ideal vor
dem Kopf —, die Lichtenbergschen Modifikationswitze: Neue
Bäder heilen gut u. dgl. Sind die Produktionen Wippchens mit.
der gleichen Technik nun Witze zu heißen, oder wodurch unter-
scheiden sie sich von solchen ?Es ist gewiß nicht schwierig, darauf zu antworten. Erinnern
wir uns daran, daß der Witz dem Hörer ein Doppelgesicht zeigt,
ihn zu zwei verschiedenen Auffassungen zwingt. Bei den Unsinns-
witzen, wie die letzterwähnten, lautet die eine Auffassung, die nur
den Wortlaut berücksichtigt, er sei ein Unsinn; die andere, die
den Andeutungen folgend beim Hörer den Weg durch das Un-
bewufte zurücklegt, findet den ausgezeichneten Sinn. Bei den
witzähnlichen Produktionen Wippchens ist das eine der Angesichte
des Witzes leer, wie verkümmert; ein Januskopf, aber nur ein
Angesicht ausgebildet. Man gerät auf nichts, wenn man sich von
der Technik ins Unbewußte verlocken läßt. Aus den Verschmel-
zungen wird man zu keinem Fall geführt, in dem die beiden Ver-
schmolzenen wirklich einen neuen Sinn ergeben; diese fallen beiS.
188 VII. Der Witz und die Arten des Komischen.
einem Versuch der Analyse gänzlich auseinander. Die Modifika-
tionen und Ersetzungen führen wie beim Witz auf einen gebräuch-
lichen und bekannten Wortlaut, aber die Modifikation oder Er-
setzung sagt selbst nichts anderes und in der Regel auch nichts
Mögliches oder Brauchbares. Es bleibt also für diese „Witze“
nur die eine Auffassung als Unsinn übrig. Man kann nun nach
Belieben darüber entscheiden, ob man solche Produktionen, die
sich von einem der wesentlichsten Charaktere des Witzes frei
gemacht haben, „schlechte“ Witze oder überhaupt nicht Witze
heißen will.Unzweifelhaft machen solche verkümmerte Witze einen
komischen Effekt, den wir uns auf mehr als eine Weise zurecht-
legen können. Entweder entsteht die Komik aus der Aufdeckung
der Denkweisen des Unbewußten wie in früher betrachteten Fällen,
oder es ist der Vergleich mit dem vollkommenen Witz, aus dem die
Lust hervorgeht. Es hindert uns nichts anzunehmen, daß beiderlei
Entstehungsweisen der komischen Lust hier zusammentreffen.
Es ist nicht abzuweisen, daß gerade die unzulängliche Anlehnung
an den Witz den Unsinn hier zu einem komischen Unsinn macht.Es gibt nämlich andere leicht zu durchschauende Fälle, in
denen solche Unzulänglichkeit durch den Vergleich mit dem zu
Leistenden den Unsinn unwiderstehlich komisch werden läßt. Das
Gegenstück des Witzes, das Rätsel, kann uns hiefür vielleicht
bessere Beispiele als der Witz selbst geben. Eine Scherzfrage lautet
z. B.: Was ist das: Es hängt an der Wand und man kann sich
an ihm die Hände abtrocknen? Es wäre ein dummes Rätsel, wenn
die Antwort lauten würde: Ein Handtuch. Diese Antwort wird
vielmehr zurückgewiesen. — Nein, ein Hering. — Aber um Gottes-
willen, heißt dann der entsetzte Einwand, ein Hering hängt doch
nicht an der Wand. — Du kannst ihn ja hinhängen. — Aber
wer wird sich denn an einem Hering die Hände abtrocknen? —
Nun, sagt die beschwichtigende Antwort, du mußt ja nicht. —
Diese durch zwei typische Verschiebungen gegebene Aufklärung
zeigt, wieviel dieser Frage zu einem wirklichen Rätsel fehlt, und
wegen dieser absoluten Unzulänglichkeit erscheint sie anstatt bloß
unsinnig dumm — unwiderstehlich komisch. Auf solche Weise,
durch Nichteinhaltung wesentlicher Bedingungen können also Witz,
Rätsel und anderes, die an sich komische Lust nicht ergeben,
zu Quellen komischer Lust gemacht werden.Noch geringere Schwierigkeiten bereitet dem Verständnis der
Fall der unfreiwilligen Komik der Rede, den wir etwa in denS.
189
Komik des Unzulänglichen.
Gedichten der Friederike Kempner*) in uns beliebender
Häufigkeit verwirklicht finden können.Gegen die Vivisektion.
Ein unbekanntes Band der Seelen kettet
Den Menschen an das arme Tier.
Das Tier hat einen Willen — ergo Seele —
Wenn auch 'ne kleinere als wir.Oder ein Gespräch zwischen zärtlichen Ehegatten: (,,Der
Kontrast“)„Wie glücklich bin ich,“ ruft sie leise,
„Auch ich,“ sagt lauter ihr Gemahl,
„Es macht mich deine Art und Weise
Sehr stolz auf meine gute Wahl!“Hier ist nun nichts, was an den Witz erinnert. Ohne Zweifel
ist es aber die Unzulänglichkeit dieser „Dichtungen“, die sie
komisch macht, die ganz außerordentliche Plumpheit ihrer Aus-
drucksweise, die an die alltäglichsten oder dem Zeitungsstil ent-
nommenen Redensarten gebunden ist, die einfältige Beschränkt-
heit ihrer Gedanken, das Fehlen jeder Spur von poetischer Denk-
oder Redeweise. Bei alledem ist es nicht selbstverständlich, daß
wir die Gedichte der Kempner komisch finden; viele ähnliche
Produktionen finden wir bloß herzlich schlecht, belachen sie nicht,
sondern ärgern uns über sie. Gerade die Größe des Abstandes
von unseren Anforderungen an ein Gedicht drängt aber zur komi-
schen Auffassung; wo diese Differenz geringer ausfiele, wären wir
eher zur Kritik als zum Lachen geneigt. Ferner wird die komische
Wirkung bei den Gedichten der Kempner durch andere Neben-
umstände gesichert, durch die unverkennbare gute Absicht der
Verfasserin, und durch eine gewisse unseren Spott oder unseren
Ärger entwaffnende Gefühlsinnigkeit, die wir hinter ihren hilflosen
Phrasen verspüren. Wir werden hier an ein Problem gemahnt,
dessen Würdigung wir uns aufgeschoben haben. Die Aufwands-
differenz ist gewiß die Grundbedingung der komischen Lust, aber
die Beobachtung zeigt, daß aus solcher Differenz nicht jedesmal
Lust hervorgeht. Welche Bedingungen müssen hinzukommen oder
welche Störungen hintangehalten werden, damit die komische
Lust sich aus der Aufwandsdifferenz wirklich ergeben könne? Ehe
wir uns aber der Beantwortung dieser Frage zuwenden, wollen
wir als Abschluß der vorigen Erörterungen feststellen, daß das
Komische der Rede nicht zusammenfällt mit dem Witz, der Witz
also etwas anderes sein muß als das Komische der Rede.*) Sechste Auflage, Berlin 1891.
S.
190 VII. Der Witz und die Arten des Komischen,
Im Begriffe, nun an die Beantwortung der letztgestellten Frage,
nach den Bedingungen der Entstehung komischer Lust aus der
Aufwandsdifferenz heranzutreten, dürfen wir uns eine Erleichterung
gestatten, die uns selbst nicht anders als zur Lust gereichen kann.
Die genaue Beantwortung dieser Frage wiire identisch mit einer
erschôpfenden Darstellung der Natur des Komischen, zu der wir
uns weder die Fähigkeit noch die Befugnis zusprechen können.
Wir werden uns wiederum damit begniigen, das Problem des
Komischen nur so weit zu beleuchten, bis es sich deutlich von dem
des Witzes abhebt.Allen Theorien des Komischen ist von ihren Kritikern der
Einwurf gemacht worden, daß ihre Definition das für die Komik
Wesentliche übersieht. Das Komische beruht auf einem Vor-
stellungskontrast; ja, insofern dieser Kontrast komisch und nicht
anders wirkt. Das Gefühl der Komik rührt vom Zergehen einer
Erwartung her; ja, wenn diese Enttäuschung nicht gerade peinlich
ist. Die Einwiirfe sind ohne Zweifel berechtigt, aber man iiber-
schätzt sie, wenn man aus ihnen schließt, daß das wesentliche
Kennzeichen des Komischen bisher der Auffassung entschlüpft ist.
Was die Allgemeingültigkeit jener Definitionen beeinträchtigt, sind
Bedingungen, die für die Entstehung der komischen Lust unerläB-
lich sind, ohne daB man das Wesen der Komik in ibnen suchen
miifte. Die Abweisung der Einwendungen und die Aufklirung
der Widerspriiche gegen die Definitionen des Komischen wird uns
allerdings erst leicht, wenn wir die komische Lust aus der Ver-
gleichsdifferenz zweier Aufwånde hervorgehen lassen. Die komische
Lust und der Effekt, an dem sie erkannt wird, das Lachen,
können erst dann entstehen, wenn diese Differenz unverwendbar
und abfuhrfåhig wird. Wir gewinnen keinen Lusteffekt, sondern
höchstens ein flüchtiges Lustgefiihl, an dem der komische Charakter
nicht hervortritt, wenn die Differenz, sobald sie erkannt wird,
eine andere Verwendung erfährt. Wie beim Witz besondere Ver-
anstaltungen getroffen sein miissen, um die anderweitige Verwendung
des als überflüssig erkannten Aufwandes zu verhüten, so kann
auch die komische Lust nur unter Verhältnissen entstehen, welche
diese letztere Bedingung erfüllen. Die Fille, in denen in unserem
Vorstellungsleben solche Aufwandsdifferenzen entstehen, sind da-
her ungemein zahlreich; die Fille, in denen das Komische aus
ihnen hervorgeht, vergleichsweise recht selten.Zwei Bemerkungen dringen sich dem Beobachter auf, der
die Bedingungen für die Entstehung des Komischen aus der Auf-
wandsdifferenz auch nur flüchtig iiberblickt, erstens daß es FilleS.
Bedingungen der Isolierung des Komischen. 191
gibt, in denen sich die Komik regelmäßig und wie notwendig
einstellt, und im Gegensatze zu ihnen andere, in denen dies durch-
aus von den Bedingungen des Falles und dem Standpunkt des
Beobachters abhängig erscheint; zweitens aber, daß ungewöhnlich
große Differenzen sehr häufig ungünstige Bedingungen durch-
brechen, so daß das komische Gefühl diesen zum Trotz entsteht.
Man könnte mit Bezug auf den ersten Punkt zwei Klassen auf-
stellen, die des unabweisbar Komischen und die des gelegentlich
Komischen, obwohl man von vornherein darauf verzichten müßte,
in der ersten Klasse die Unabweisbarkeit des Komischen frei von
Ausnahmen zu finden. Es wäre verlockend, den für beide Klassen
maßgebenden Bedingungen nachzugehen.Wesentlich für die zweite Klasse gelten die Bedingungen, von
denen man einen Teil als die „Isolierung“ des komischen Falles
zusammengefaßt hat. Eine nähere Zerlegung macht etwa folgende
Verhältnisse kenntlich:a) Die günstigste Bedingung für die Entstehung der komischen
Lust ergibt die allgemein heitere Stimmung, in welcher man „zum
Lachen aufgelegt“ ist. Bei toxischer Heiterstimmung erscheint
fast alles komisch, wahrscheinlich durch Vergleich mit dem Auf-
wande in normaler Verfassung. Witz, Komik und alle ähnlichen
Methoden des Lustgewinnes aus seelischer Tätigkeit sind ja weiter
nichts als Wege, um diese heitere Stimmung — Euphorie —, wenn
sie nicht als allgemeine Disposition der Psyche vorhanden ist, von
einem einzelnen Punkte aus wiederzugewinnen.b) Ähnlich begünstigend wirkt die Erwartung des Komischen,
die Einstellung auf die komische Lust. Daher reichen bei der
Absicht komisch zu machen, wenn sie vom anderen geteilt wird,
Differenzen von so geringer Höhe aus, daß sie wahrscheinlich
übersehen worden wären, wenn sie sich im absichtslosen Erleben
ereignet hätten. Wer eine komische Lektüre vornimmt oder zu
einer Posse ins Theater geht, dankt es dieser Absicht, daß er
dann über Dinge lacht, die in seinem gewöhnlichen Leben kaum
einen Fall des Komischen für ihn ergeben hätten. Er lacht zuletzt
bei der Erinnerung gelacht zu haben, bei der Erwartung zu lachen,
wenn er den komischen Darsteller erst auftreten sieht, ehe dieser
den Versuch unternehmen konnte, ihn zum Lachen zu bringen.
Man gesteht darum auch zu, daß man sich nachträglich schämt,
worüber man im Theater lachen konnte.c) Ungünstige Bedingungen für die Komik ergeben sich aus
der Art der seelischen Tätigkeit, welche das Individuum im
Moment beschäftigt. Vorstellungs- oder Denkarbeit, welche ernsteS.
192 VII. Der Witz und die Arten des Komischen.
Ziele verfolgt, stört die Abfuhrfähigkeit der Besetzungen, deren
sie ja für ihre Verschiebungen bedarf, so daß nur unerwartet
große Aufwandsdifferenzen zur komischen Lust durchbrechen
können. Der Komik ungünstig sind ganz besonders alle Weisen
des Denkvorganges, die sich vom Anschaulichen weit genug ent-
fernen, um die Vorstellungsmimik aufhören zu lassen; bei ab-
straktem Nachdenken ist für die Komik überhaupt kein Raum
mehr, außer wenn diese Denkweise plötzlich unterbrochen wird.d) Die Gelegenheit zur Entbindung komischer Lust schwindet
auch, wenn die Aufmerksamkeit gerade auf die Vergleichung
eingestellt ist, aus welcher die Komik hervorgehen kann. Unter
solchen Umständen verliert seine komische Kraft, was sonst am
sichersten komisch wirkt. Eine Bewegung oder eine geistige
Leistung kann nicht komisch für den werden, dessen Interesse
eben darauf gerichtet ist, sie mit einem ihm klar vorschwebenden
Maße zu vergleichen. So findet der Prüfer den Unsinn nicht
komisch, den der Examinierte in seiner Unwissenheit produziert;
er ärgert sich über ihn, während die Kollegen des Geprüften,
die sich weit mehr dafür interessieren, welches Geschick dieser
haben wird, als wieviel er weiß, denselben Unsinn herzlich be-
lachen. Der Turn- oder Tanzlehrer hat nur selten ein Auge für
das Komische der Bewegungen bei seinen Schülern, und dem
Prediger entgeht durchaus das Komische an den Charakterfehlern
der Menschen, das der Lustspieldichter so wirksam herauszufinden
weiß. Der komische Prozeß verträgt nicht die Übersetzung
durch die Aufmerksamkeit, er muß durchaus unbeachtet vor sich
gehen können, übrigens darin dem Witze ganz ähnlich. Es wider-
spräche aber der Nomenklatur der „Bewußtseinsvorgänge“, deren
ich mich in der „Traumdeutung“ mit gutem Grunde bedient habe,
wollte man ihn einen notwendigerweise unbewußten nennen.
Er gehört vielmehr dem Vorbewußten an, und man kann
für solche Vorgänge, die sich im Vorbewußten abspielen und der
Aufmerksamkeitsbesetzung, mit welcher Bewußtsein verbunden ist,
entbehren, passend den Namen „automatische“ verwenden. Der
Prozeß der Vergleichung der Aufwände muß automatisch bleiben,
wenn er komische Lust erzeugen soll.e) Es ist überaus störend für die Komik, wenn der Fall, aus
dem sie entstehen soll, gleichzeitig zu starker Affektentbindung
Anlaß gibt. Die Abfuhr der wirksamen Differenz ist dann in
der Regel ausgeschlossen. Affekte, Disposition und Einstellung
des Individuums im jeweiligen Falle lassen es verständlich werden,
daß das Komische mit dem Standpunkt der einzelnen Person auf-S.
Die Abfuhr störende Bedingungen. 193
taucht oder schwindet, daß es ein absolut Komisches nur in Aus-
nahmsfällen gibt. Die Abhängigkeit oder Relativität des Komischen
ist darum weit größer als die des Witzes, der sich niemals ergibt,
der regelmäßig gemacht wird, und bei dessen Herstellung bereits
auf die Bedingungen, unter denen er Annahme findet, geachtet
werden kann. Die Affektentwicklung ist aber die intensivste unter
den die Komik störenden Bedingungen und wird in dieser Be-
deutung von keiner Seite verkannt.*) Man sagt darum, das
komische Gefühl käme am ehesten in halbwegs indifferenten Fällen
ohne stärkere Gefühls- oder Interessenbeteiligung zustande. Doch
kann man gerade in Fällen mit Affektentbindung eine besonders
starke Aufwandsdifferenz den Automatismus der Abfuhr herstellen
sehen. Wenn der Oberst Butler die Mahnungen Octavios
„bitterlachend“ mit dem Ausruf beantwortet:
„Dank vom Haus Österreich!“so hat seine Erbitterung das Lachen nicht verhindert, welches
der Erinnerung an die Enttäuschung gilt, die er erfahren zu haben
glaubt, und anderseits kann die Größe dieser Enttäuschung vom
Dichter nicht eindrucksvoller geschildert werden, als indem er sie
fähig zeigt, mitten im Sturm der entfesselten Affekte ein Lachen
zu erzwingen. Ich würde meinen, daß diese Erklärung für alle
Fälle anwendbar ist, in denen das Lachen bei anderen als lust-
vollen Gelegenheiten und mit intensiven peinlichen oder gespannten
Affekten gemeinsam vorkommt.f) Wenn wir noch hinzufügen, daß die Entwicklung der komi-
schen Lust durch jede andere lustvolle Zutat zum Falle wie durch
eine Art von Kontaktwirkung gefördert werden kann (nach Art
des Verlustprinzips beim tendenziösen Witze), so haben wir die
Bedingungen der komischen Lust gewiß nicht vollständig, aber
doch für unsere Absicht hinreichend erörtert. Wir sehen dann,
daß diesen Bedingungen sowie der Inkonstanz und Abhängigkeit
des komischen Effekts keine andere Annahme so leicht genügt
wie die Ableitung der komischen Lust von der Abfuhr einer
Differenz, welche unter den wechselndsten Verhältnissen einer
anderen Verwendung als der Abfuhr unterliegen kann.Eine eingehendere Würdigung verdiente noch das Komische
des Sexuellen und Obszönen, das wir hier aber nur mit wenigen
Bemerkungen streifen wollen. Den Ausgangspunkt würde auch
hier die Entblößung bilden. Eine zufällige Entblößung wirkt auf*) „Du hast leicht lachen, dich geht es nicht weiter an.“
Freud. Der Witz. 4. Aufl.13
S.
194
VII. Der Witz und die Arten des Komischen.
uns komisch, weil wir die Leichtigkeit, mit welcher wir den
Anblick genießen, mit dem großen Aufwand vergleichen, der sonst
zur Erreichung dieses Zieles erforderlich wäre. Der Fall nähert
sich so dem des Naiv-komischen, ist aber einfacher als dieser.
Jede Entblößung, zu deren Zuschauer — oder Zuhörer im Falle
der Zote — wir von Seite eines Dritten gemacht werden, gilt
gleich einem Komischmachen der entblößten Person. Wir haben
gehört, daß es Aufgabe des Witzes wird, die Zote zu ersetzen
und so eine verloren gegangene Quelle komischer Lust wieder
zu eröffnen. Hingegen ist das Belauschen einer Entblößung für
den Lauschenden kein Fall von Komik, weil die eigene Anstrengung
dabei die Bedingung der komischen Lust aufhebt; es bleibt hier
nur die sexuelle Lust am Erschauten übrig. In der Erzählung
des Lauschers an einen anderen wird die belauschte Person
wiederum komisch, weil der Gesichtspunkt vorwiegt, daß sie den
Aufwand unterlassen hat, der zur Verhüllung ihres Geheimen am
Platze gewesen wäre. Sonst ergeben sich aus dem Bereiche des
Sexuellen und Obszönen die reichlichsten Gelegenheiten zum Ge-
winne komischer Lust neben der lustvollen sexuellen Erregtheit,
insofern der Mensch in seiner Abhängigkeit von körperlichen
Bedürfnissen gezeigt (Herabsetzung) oder hinter dem Anspruch
der seelischen Liebe die leibliche Anforderung aufgedeckt werden
kann (Entlarvung).Eine Aufforderung, auch das Verständnis des Komischen in
seiner Psychogenese zu suchen, hat sich überraschender Weise aus
dem schönen und lebensfrischen Buche von Bergson (Le rire)
ergeben. Bergson, dessen Formeln zur Erfassung des komischen
Charakters uns bereits bekannt geworden sind — „mécani-
sation de la vie“, „substitution quelconque de l’artificiel au naturel“
— gerät durch naheliegende Gedankenverbindung vom Automatis-
mus auf den Automaten und sucht eine Reihe von komischen
Effekten auf die verblaßte Erinnerung an ein Kinderspielzeug
zurückzuführen. In diesem Zusammenhange erhebt er sich ein-
mal zu einem Standpunkt, den er allerdings bald wieder verläßt;
er sucht das Komische von der Nachwirkung der Kinderfreuden
abzuleiten. „Peut-être même devrions-nous pousser la simplification
plus loin encore, remonter à nos souvenirs les plus anciens,
chercher dans les jeux qui amusèrent l’enfant, la première ébauche
des combinaisons qui font rire l’homme... Trop souvent surtout
nous méconnaissons ce qu’il y a d’encore enfantin, pour ainsi
dire, dans la plupart de nos émotions joyeuses“ (S. 68 u. ff.).S.
Psychogenese des Komischen. 195
Da wir nun den Witz bis auf ein durch die verståndige Kritik
versagtes Kinderspiel mit Worten und Gedanken zuriickverfolgt
haben, muß es uns verlocken, auch diesen von Bergson ver-
muteten infantilen Wurzeln des Komischen nachzuspiiren.Wirklich stoBen wir auf eine ganze Reihe von Beziehungen,
die uns vielversprechend erscheinen, wenn wir das Verhåltnis der
Komik zum Kinde untersuchen. Das Kind selbst erscheint uns
keineswegs komisch, obwohl sein Wesen alle die Bedingungen
erfållt, die beim Vergleiche mit dem unserigen eine komische
Differenz ergeben: Den übermäßigen Bewegungs- wie den ge-
ringen geistigen Aufwand, die Beherrschung der seelischen
Leistungen durch die körperlichen Funktionen und andere Züge.
Das Kind wirkt auf uns nur dann komisch, wenn es sich nicht
als Kind, sondern als ernsthafter Erwachsener gebärdet, und dann
in der gleichen Weise wie andere sich verkleidende Personen;
solange es aber das Wesen des Kindes beibehält, bereitet uns
seine Wahrnehmung eine reine, vielleicht ans Komische an-
klingende Lust. Wir heißen es naiv, insofern es uns seine Hem-
mungslosigkeit zeigt, und naiv-komisch jene seiner Äußerungen,
die wir bei einem anderen als obszön oder als witzig beurteilt
hätten.Anderseits geht dem Kinde das Gefühl für Komik ab. Dieser
Satz scheint nicht mehr zu besagen, als daß das komische Gefühl
sich erst im Laufe der seelischen Entwicklung irgendeinmal
einstellt wie so manches andere, und das wäre nun keineswegs
merkwürdig, zumal da man zugestehen muß, daß es in Jahren,
die man dem Kindesalter zurechnen muß, bereits deutlich hervor-
tritt. Aber es läßt sich doch zeigen, daß die Behauptung, dem
Kinde fehle das Gefühl des Komischen, mehr enthält als eine
Selbstverständlichkeit. Zunächst wird es leicht, einzusehen, daß es
nicht anders sein kann, wenn unsere Auffassung richtig ist, welche
das komische Gefühl von einer beim Verstehen des anderen sich
ergebenden Aufwandsdifferenz ableitet. Wählen wir wiederum das
Komische der Bewegung als Beispiel. Der Vergleich, der die
Differenz liefert, lautet in bewußte Formeln gebracht: So macht
es der, und: So würde ich es machen, so habe ich es gemacht.
Dem Kinde fehlt aber der im zweiten Satze enthaltene Maßstab,
es versteht einfach durch Nachahmung, es macht es ebenso. Die
Erziehung des Kindes beschenkt dasselbe mit dem Standard: So
sollst du es machen; bedient es sich desselben num bei der Ver-
gleichung, so liegt ihm der Schluß nahe: Der hat es nicht recht
gemacht, und: Ich kann es besser. In diesem Falle lacht es den13*
S.
196 VIL Der Witz und die Arten des Komischen.
anderen aus, es verlacht ihn im Gefühle seiner Überlegenheit. Es
steht nichts im Wege, auch dieses Lachen von der Aufwands-
differenz abzuleiten, aber nach der Analogie mit den bei uns sich
ereignenden Fällen von Verlachen dürfen wir schließen, daß beim
Uberlegenheitslachen des Kindes das komische Gefühl nicht ver-
spiirt wird. Es ist ein Lachen reiner Lust. Wo bei uns das
Urteil der eigenen Überlegenheit sich deutlich einstellt, da
lächeln wir bloß anstatt zu lachen, oder wenn wir lachen, können
wir dies Bewußtwerden unserer Überlegenheit doch vom Komischen,
das uns lachen macht, deutlich unterscheiden.Es ist wahrscheinlich richtig zu sagen, das Kind lache aus
reiner Lust unter verschiedenen Umständen, die wir als „komisch“
empfinden und nicht zu motivieren verstehen, während die Motive
des Kindes klare und angebbare sind. Wenn z. B. jemand auf
der Straße ausgleitet und hinfällt, so lachen wir, weil dieser Ein-
druck — unbekannt warum — komisch ist. Das Kind lacht im
gleichen Falle aus Überlegenheitsgefühl oder aus Schadenfreude:
Du bist gefallen, und ich nicht. Gewisse Lustmotive des Kindes
‚scheinen uns Erwachsenen verloren zu gehen, dafür verspüren wir
unter den gleichen Bedingungen das „komische“ Gefühl als Ersatz
für das Verlorene.Dürfte man verallgemeinern, so erschiene es recht verlockend,
den gesuchten spezifischen Charakter des Komischen in die Er-
weckung des Infantilen zu verlegen, das Komische als das wieder-
gewonnene „Verlorene Kinderlachen zu erfassen. Man könnte dann
‚sagen, ich lache jedesmal über eine Aufwandsdifferenz zwischen
dem anderen und mir, wenn ich in dem anderen das Kind wieder-
finde. Oder genauer ausgedrückt, der vollständige Vergleich, der
zum Komischen führt, würde lauten:So macht es der — Ich mache es anders —
Der macht es so, wie ich es als Kind gemacht habe.
Dieses Lachen gälte also jedesmal dem Vergleich zwischen
dem Ich des Erwachsenen und dem Ich als Kind. Selbst die
Ungleichsinnigkeit der komischen Differenz, daß mir bald das
Mehr, bald das Minder des Aufwandes komisch erscheint, würde
mit der infantilen Bedingung stimmen; das Komische ist dabei
tatsächlich stets auf der Seite des Infantilen.Es widerspricht dem nicht, daß das Kind selbst als Objekt
der Vergleichung mir keinen komischen, sondern einen rein lust-
vollen Eindruck macht; auch nicht, daß dieser Vergleich mit dem
Infantilen nur dann komisch wirkt, wenn eine andere Verwendung
der Differenz vermieden wird. Denn dabei kommen die BedingungenS.
Das Infantile und die Komik. 197
der Abfuhr in Betracht. Alles was einen psychischen Vorgang
in einen Zusammenhang einschließt, wirkt der Abfuhr der über-
schüssigen Besetzung entgegen und führt diese einer anderen Ver-
wendung zu; was einen psychischen Akt isoliert, begünstigt die
Abfuhr. Die bewußte Einstellung auf das Kind als Vergleichs-
person macht daher die Abfuhr unmöglich, die zur komischen
Lust erforderlich ist; nur bei vorbewußter Besetzung ergibt sich
eine ähnliche Annäherung an die Isolierung, wie wir sie übrigens
auch den seelischen Vorgängen im Kinde zuschreiben dürfen.
Der Zusatz zum Vergleiche: So hab' ich es als Kind auch gemacht,
von dem die komische Wirkung ausginge, käme also für mittlere
Differenzen erst dann in Betracht, wenn kein anderer Zusammen-
hang sich des frei gewordenen Überschusses bemächtigen könnte.Verweilen wir noch bei dem Versuch, das Wesen des Komi-
schen in der vorbewußten Anknüpfung an das Infantile zu finden,
so müssen wir einen Schritt über Bergson hinaus tun und zu-
geben, daß der das Komische ergebende Vergleich nicht etwa
alte Kinderlust und Kinderspiel erwecken müsse, sondern daß
es hinreiche, wenn er an kindliches Wesen überhaupt, vielleicht
selbst an Kinderleid rühre. Wir entfernen uns hierin von Berg-
son, bleiben aber im Einklang mit uns selbst, wenn wir die
komische Lust nicht auf erinnerte Lust, sondern immer wieder
auf einen Vergleich beziehen. Vielleicht, daß die Fälle der ersteren
Art das regelmäßig und unwiderstehlich Komische einigermaßen
decken. Ziehen wir hier das vorhin angeführte Schema der
komischen Möglichkeiten heran. Wir sagten, die komische Differenz
würde gefunden entwedera) durch einen Vergleich zwischen dem anderen und dem Ich,
oder b) durch einen Vergleich ganz innerhalb des anderen,
oder c) durch einen Vergleich ganz innerhalb des Ichs.Im ersteren Falle erschiene der andere mir als Kind, im
zweiten ließe er sich selbst zum Kind herab, im dritten fände ich
das Kind in mir selbst. Zum ersten Falle gehören das Komische
der Bewegung und der Formen, der geistigen Leistung und des
Charakters; das entsprechende Infantile wären der Bewegungsdrang
und die geistige und sittliche Minderentwicklung des Kindes, so
daß etwa der Dumme mir komisch würde, insofern er mich an
ein faules, der Böse, insofern er an ein schlimmes Kind mahnt.
Von einer dem Erwachsenen verloren gegangenen Kinderlust
könnte man nur das eine Mal reden, wo die dem Kind eigene
Bewegungsfreudigkeit in Betracht kommt.S.
198 VII. Der Witz und die Arten des Komischen.
Der zweite Fall, bei welchem die Komik ganz auf „Ein-
fühlung“ beruht, umfaßt die zahlreichsten Möglichkeiten, die
Komik der Situation, der Übertreibung (Karikatur), der Nach-
ahmung, der Herabsetzung und der Entlarvung. Es ist derjenige
Fall, dem die Einführung des infantilen Gesichtspunktes am meisten
zustatten kommt. Denn die Situationskomik gründet sich zumeist
auf Verlegenheiten, in denen wir die Hilflosigkeit des Kindes
wiederfinden; die ärgste dieser Verlegenheiten, die Störung an-
derer Leistungen durch die gebieterischen Anforderungen der
natürlichen Bedürfnisse entspricht der dem Kinde noch mangeln-
den Beherrschung der leiblichen Funktionen. Wo die Situations-
komik durch Wiederholungen wirkt, stützt sie sich auf die dem
Kinde eigentümliche Lust an fortgesetzter Wiederholung (Fragen,
Geschichten erzählen), durch die es dem Erwachsenen zur Plage
wird. Die Übertreibung, welche auch dem Erwachsenen noch
Lust bereitet, insofern sie eine Rechtfertigung vor dessen Kritik
zu finden weiß, hängt mit der eigentümlichen Maßlosigkeit des
Kindes, mit dessen Unkenntnis aller quantitativen Beziehungen
zusammen, die es ja später kennen lernt als die qualitativen. Maß-
halten, Ermäßigung auch der erlaubten Regungen ist eine späte
Frucht der Erziehung und wird durch gegenseitige Hemmung der
in einen Zusammenhang aufgenommenen seelischen Tätigkeiten
gewonnen. Wo dieser Zusammenhang geschwächt wird, im Un-
bewußten des Traumes, beim Monoideismus der Psychoneurosen
tritt die Unmäßigkeit des Kindes wieder hervor.Die Komik der Nachahmung hatte unserem Verständnis relativ
große Schwierigkeiten bereitet, solange wir das infantile Moment
dabei außer Acht ließen. Die Nachahmung ist aber die beste
Kunst des Kindes und das treibende Motiv der meisten seiner
Spiele. Der Ehrgeiz des Kindes zielt weit weniger auf die Aus-
zeichnung unter seinesgleichen als auf die Nachahmung der Großen.
Von dem Verhältnis des Kindes zu den Erwachsenen hängt auch
die Komik der Herabsetzung ab, der die Herablassung des Er-
wachsenen im Kinderleben entspricht. Wenig anderes kann dem
Kinde größere Lust bereiten, als wenn der Große sich zu ihm
herabläßt, auf seine drückende Überlegenheit verzichtet und wie
seinesgleichen mit ihm spielt. Die Erleichterung, die dem Kinde
reine Lust schafft, wird beim Erwachsenen als Herabsetzung zu
einem Mittel des Komischmachens und zu einer Quelle komischer
Lust. Von der Entlarvung wissen wir, daß sie auf die Herab-
setzung zurückgeht.Am meisten stößt auf Schwierigkeiten die infantile Begrün-
S.
Der Humor. 199
dung des dritten Falles, der Komik der Erwartung, was wohl
erklärt, daß jene Autoren, welche diesen Fall in ihrer Auffassung
des Komischen vorangestellt haben, keinen Anlaß fanden, das
infantile Moment fir die Komik in Betracht zu ziehen. Das
Komische der Erwartung liegt dem Kinde wohl am fernsten, die
Fähigkeit, dieses zu erfassen, tritt bei ihm am spåtesten auf. Das
Kind wird in den meisten derartigen Fällen, die dem Erwachsenen
komisch diinken, wahrscheinlich nur Enttäuschung empfinden,
Man könnte aber an die Erwartungsseligkeit und Leichtgläubig-
keit des Kindes anknüpfen, um zu verstehen, daß man sich „als
Kind“ komisch vorkommt, wenn man der komischen Enttäuschung
unterliegt.Ergäbe sich nun auch aus dem Vorstehenden eine gewisse
Wahrscheinlichkeit für eine Übersetzung des komischen Gefühls,
die etwa lauten könnte: Komisch ist das, was sich für den Er-
wachsenen nicht schickt, so fühle ich mich doch, vermöge meiner
ganzen Stellung zum komischen Problem, nicht kühn genug,
diesen letzten Satz mit ähnlichem Ernst wie die vorhin aufge-
stellten zu verteidigen. Ich mag nicht entscheiden, ob die Herab-
setzung zum Kinde nur ein Spezialfall der komischen Herabsetzung
ist, oder ob alle Komik im Grunde auf einer Herabsetzung zum
Kinde beruht.*)Eine Untersuchung, die das Komische noch so flüchtig be-
handelt, wäre in arger Weise unvollständig, wenn sie nicht
wenigstens einige Bemerkungen für den Humor übrig hätte. Die
Wesensverwandtschaft zwischen beiden ist so wenig zweifelhaft,
daß ein Erklärungsversuch des Komischen mindestens eine Kom-
ponente zum Verständnis des Humors abgeben muß. Soviel des
Treffenden und Erhebenden auch zur Wertschätzung des Humors
vorgebracht worden ist, der, selbst eine der höchsten psychischen
Leistungen, auch die besondere Gunst der Denker genießt, so
können wir doch dem Versuche nicht ausweichen, sein Wesen
durch eine Annäherung an die Formeln für den Witz und für
das Komische auszudrücken.Wir haben gehört, daß die Entbindung peinlicher Affekte das
stärkste Hindernis der komischen Wirkung ist. Sowie die zweck-*( Daß die komische Lust ihre Quelle im „quantitativen Kontrast
im Vergleich von Klein und Groß hat, welcher schließlich auch die wesent-
liche Relation des Kindes zum Erwachsenen ausdrückt, dies wäre in der
Tat ein seltsames Zusammentreffen, wenn das Komische weiter nichts mit
dem Infantilen zu tun hätte.S.
200 VII. Der Witz und die Arten des Komischen.
lose Bewegung Schaden stiftet, die Dummheit zum Unheil führt,
die Enttäuschung Schmerz bereitet, ist es mit der Möglichkeit
eines komischen Effekts zu Ende, für den wenigstens, der sich
solcher Unlust nicht erwehren kann, selbst von ihr betroffen wird
oder an ihr Anteil nehmen muß, während der Unbeteiligte durch
sein Verhalten bezeugt, daß in der Situation des betreffenden
Falles alles enthalten ist, was für eine komische Wirkung erfordert
wird. Der Humor ist nun ein Mittel, um die Lust trotz der sie
störenden peinlichen Affekte zu gewinnen; er tritt für diese Affekt-
entwicklung ein, setzt sich an die Stelle derselben. Seine Be-
dingung ist gegeben, wenn eine Situation vorliegt, in welcher wir
unseren Gewohnheiten gemäß versucht sind, peinlichen Affekt zu
entbinden, und wenn nun Motive auf uns einwirken, um diesen
Affekt in statu nascendi zu unterdrücken. In den eben angeführten
Fällen könnte also die vom Schaden, Schmerz usw. betroffene
Person humoristische Lust gewinnen, während die unbeteiligte aus
komischer Lust lacht. Die Lust des Humors entsteht dann, wir
können nicht anders sagen, auf Kosten dieser unterbliebenen Affekt-
entbindung, sie geht aus erspartem Affektaufwand hervor.Der Humor ist die genügsamste unter den Arten des Komischen;
sein Vorgang vollendet sich bereits in einer einzigen Person,
die Teilnahme einer anderen fügt nichts Neues zu ihm hinzu.Ich kann den Genuß der in mir entstandenen humoristischen Lust
für mich behalten, ohne mich zur Mitteilung gedrängt zu fühlen.
Es ist nicht leicht zu sagen, was bei der Erzeugung der humo-
ristischen Lust in der einen Person vorgeht; man gewinnt aber
eine gewisse Einsicht, wenn man die Fälle des mitgeteilten oder
nachgefühlten Humors untersucht, in denen ich durch das Ver-
ständnis der humoristischen Person zur gleichen Lust wie sie ge-
lange.Der größte Fall des Humors, der sogenannte Galgen-
humor, mag uns darüber belehren. Der Spitzbube, der am Montag
zur Exekution geführt wird, äußert: „Na, diese Woche fängt gut
an.“ Das ist eigentlich ein Witz, denn die Bemerkung ist an sich
ganz zutreffend, anderseits in ganz unsinniger Weise deplaciert,
da es weitere Ereignisse in dieser Woche für ihn nicht geben
wird.Es gehört aber Humor dazu, einen solchen Witz zu machen,
d. h. über alles hinwegzusehen, was diesen Wochenbeginn vor
anderen auszeichnet, den Unterschied zu leugnen, aus dem sich
Motive zu ganz besonderen Gefühlsregungen ergeben könnten.Derselbe Fall, wenn er sich auf dem Wege zur Hinrichtung ein
Halstuch für seinen bloßen Hals ausbittet, um sich nicht zu
verkühlen, eine Vorsicht, die sonst ganz lobenswert wäre, bei demS.
Ersparer Affektaufwand.
201
nahe bevorstehenden Schicksal dieses Halses aber ungeheuer über-
flüssig und gleichgültig ist. Man muß sagen, es steckt etwas wie
Seelengröße in dieser „Blague“, in solchem Festhalten seines ge-
wohnten Wesens und Abwenden von dem, was dieses Wesen um-
werfen und zur Verzweiflung treiben sollte. Diese Art von Groß-
artigkeit des Humors tritt dann unverkennbar in Fällen hervor,
in denen unsere Bewunderung keine Hemmung an den Umständen
der humoristischen Person findet.In V. Hugos Hernani ist der Bandit, der sich in eine
Verschwörung gegen seinen König, Karl I. von Spanien und
Karl V. als deutscher Kaiser, eingelassen hat, in die Hände dieses
seines großmächtigen Feindes gefallen; er sieht sein Schicksal als
überführter Hochverräter voraus, sein Kopf wird fallen. Aber diese
Voraussicht hält ihn nicht ab, sich als erbberechtigten Grande von
Spanien erkennen zu geben und zu erklären, daß er auf kein
Vorrecht eines solchen zu verzichten gedenke. Ein Grande von
Spanien durfte in Gegenwart seines königlichen Herrn sein Haupt
bedecken. Nun gut:„Nos têtes ont le droit
De tomber couvertes devant de toi.“Dies ist großartiger Humor, und wenn wir als Hörer dabei nicht
lachen, so geschieht es, weil unsere Bewunderung die humoristische
Lust deckt. Im Falle des Spitzbuben, der sich auf dem Wege
zum Galgen nicht verhüllen will, lachen wir aus vollem Halse.
Die Situation, die den Delinquenten zur Verzweiflung treiben sollte,
könnte bei uns intensives Mitleid erregen; aber dies Mitleid wird
gehemmt, weil wir verstehen, daß er, der näher Betroffene, sich
aus der Situation nichts macht. Infolge dieses Verständnisses wird
der Aufwand zum Mitleid, der schon in uns bereit war, unverwend-
bar, und wir lachen ihn ab. Die Gleichgültigkeit des Spitzbuben,
von der wir aber merken, daß sie ihn einen großen Aufwand
von psychischer Arbeit gekostet hat, steckt uns gleichsam an.Erspartes Mitleid ist eine der häufigsten Quellen der humo-
ristischen Lust. Der Humor Mark Twains arbeitet gewöhn-
lich mit diesem Mechanismus. Wenn er uns aus dem Leben seines
Bruders erzählt, wie dieser als Angestellter einer großen Wegbau-
unternehmung durch die vorzeitige Explosion einer Mine in die
Luft zu fliegen kam, um weit entfernt von seinem Arbeitsorte
wieder zur Erde zu kommen, so werden unvermeidlich Regungen
des Mitgefühls für den Verunglückten in uns wach; wir möchten
fragen, ob ihm bei seinem Unfall kein Schaden geschehen ist;S.
202 VII. Der Witz und die Arten des Komischen.
aber die Fortsetzung der Geschichte, daB dem Bruder ein halber
Tag Arbeitslohn abgezogen wurde „wegen Entfernung vom Arbeits-
orte“ lenkt uns vollständig vom Mitleid ab und macht uns beinahe
ebenso hartherzig wie jene Unternehmer, ebenso gleichgültig gegen
die etwaige Gesundheitsschädigung des Bruders. Ein andermal legt
uns Mark Twain seinen Stammbaum vor, den er etwa bis auf
einen Gefährten des Kolumbus zurückführt. Nachdem uns aber
der Charakter dieses Ahnen geschildert wurde, dessen ganzes
Gepäck aus mehreren Wäschestücken besteht, von denen jedes
eine andere Marke trägt, können wir nicht anders als auf Kosten
der ersparten Pietät lachen, in welche wir uns zu Beginn dieser
Familiengeschichte zu versetzen gedachten. Der Mechanismus der
humoristischen Lust wird dabei nicht durch unser Wissen gestört,
daß diese Ahnengeschichte eine fingierte ist, und daß diese Fiktion
der satirischen Tendenz dient, die Schönfärberei, die sich in solchen
Mitteilungen anderer kundgibt, bloßzustellen; er ist ebenso un-
abhängig von der Realitätsbedingung wie im Falle des Komisch-
machens. Eine andere Geschichte von Mark Twain, die berich-
tet, wie sein Bruder sich ein unterirdisches Quartier herstellte,
in das er Bett, Tisch und Lampe brachte, und das als Dach ein
großes, in der Mitte durchlöchertes Stück Segeltuch bekam, wie
aber in der Nacht, nachdem die Stube fertig geworden, eine heim-
getriebene Kuh durch die Öffnung der Decke auf den Tisch herab-
fiel und die Lampe auslöschte, wie der Bruder geduldig mithalf,
das Tier hinaufzubefördern und die Einrichtung wiederherzustellen,
wie er das gleiche tat, als sich die gleiche Störung in der nächsten
Nacht wiederholte und dann jede weitere Nacht; eine solche Ge-
schichte wird durch ihre Wiederholung komisch. Mark Twain
beschließt sie aber mit der Mitteilung, der Bruder habe endlich
in der 46. Nacht, als wiederum die Kuh herabfiel, bemerkt:
Die Sache fange an, monoton zu werden, und da können wir
unsere humoristische Lust nicht zurückhalten, denn wir hätten
längst zu hören erwartet, wie sich der Bruder über dies hartnäckige
Malheur — geärgert. Den kleinen Humor, den wir etwa selbst
in unserem Leben aufbringen, produzieren wir in der Regel auf
Kosten des Ärgers, anstatt uns zu ärgern.*)*) Die großartige humoristische Wirkung einer Figur wie des dicken
Ritters Sir John Falstaff beruht auf ersparter Verachtung und Ent-
rüstung. Wir erkennen zwar in ihm den unwirdigen Schlemmer und
Hochstapler, aber unsere Verurteilung wird durch eine ganze Reihe von
Momenten entwaffnet. Wir verstehen, daß er sich genau so kennt, wie
wir ihn beurteilen; er imponiert uns durch seinen Witz, und außerdem übt
seine körperliche Mißgestalt eine Kontaktwirkung zu Gunsten einer komi-S.
Arten des Humors.
203
Die Arten des Humors sind außerordentlich mannigfach je
nach der Natur der Gefühlserregung, die zu Gunsten des Humors
erspart wird: Mitleid, Ärger, Schmerz, Rührung usw. Die Reihe
derselben erscheint auch unabgeschlossen, weil das Reich des
Humors immer weitere Ausdehnung erfährt, wenn es dem Künstler
oder Schriftsteller gelingt, bisher noch unbezwungene Gefühls-
regungen humoristisch zu bändigen, sie durch ähnliche Kunstgriffe
wie in den vorigen Beispielen zur Quelle humoristischer Lust zu
machen. Die Künstler des „Simplicissimus“, z. B. haben Er-
staunliches darin geleistet, den Humor auf Kosten von Grausen und
Ekel zu gewinnen. Die Erscheinungsformen des Humors werden
übrigens durch zwei Eigentümlichkeiten bestimmt, die mit den
Bedingungen seiner Entstehung zusammenhängen. Der Humor
kann erstens mit dem Witz oder einer anderen Art des Komischen
verschmolzen auftreten, wobei ihm die Aufgabe zufällt, eine in
der Situation enthaltene Möglichkeit von Affektentwicklung, die
ein Hindernis für die Lustwirkung wäre, zu beseitigen. Er kann
zweitens diese Affektentwicklung gänzlich aufheben oder bloß par-schen Auffassung seiner Person anstatt einer ernsthaften aus, als ob
unsere Anforderungen von Moral und Ehre von einem so dicken Bauch
abprallen müßten. Sein Treiben ist im ganzen harmlos und wird durch
die komische Niedrigkeit der von ihm Betrogenen fast entschuldigt. Wir
geben zu, daß der Arme bemüht sein darf zu leben und zu genießen wie
ein anderer, und bemitleiden ihn fast, weil wir ihn in den Hauptsituationen
als Spielzeug in den Händen eines ihm weit Überlegenen finden. Darum
können wir ihm nicht gram werden und schlagen alles, was wir bei ihm an
Entrüstung ersparen, zur komischen Lust, die er sonst bereitet, hinzu.
Sir John's eigener Humor geht eigentlich aus der Überlegenheit eines
Ich's hervor, dem weder seine leiblichen noch seine moralischen Defekte
die Heiterkeit und Sicherheit rauben können.Der geistreiche Ritter Don Quijote de la Mancha ist hingegen
eine Gestalt, die selbst keinen Humor besitzt und uns in ihrem Ernst eine
Lust bereitet, die man eine humoristische nennen könnte, obwohl deren
Mechanismus eine wichtige Abweichung von dem des Humors erkennen
läßt. Don Quijote ist ursprünglich eine rein komische Figur, ein großes
Kind, dem die Phantasien seiner Ritterbücher zu Kopfe gestiegen sind.
Es ist bekannt, daß der Dichter anfangs nichts anderes mit ihm wollte,
und daß das Geschöpf allmählich weit über die ersten Absichten des
Schöpfers hinauswuchs. Nachdem aber der Dichter diese lächerliche Person
mit der tiefsten Weisheit und den edelsten Absichten ausgestattet und sie
zum symbolischen Vertreter eines Idealismus gemacht hat, der an die
Verwirklichung seiner Ziele glaubt, Pflichten ernst und Versprechen wört-
lich nimmt, hört diese Person auf, komisch zu wirken. Ähnlich wie sonst
die humoristische Lust durch Verhinderung einer Gefühlserregung entsteht,
sie hier durch Störung der komischen Lust. Doch entfernen wir uns mit
diesen Beispielen bereits merklich von den einfachen Fällen des Humors.S.
204 VII. Der Witz und die Arten des Komischen.
tiell, was sogar der häufigere Fall ist, weil die leichtere Leistung,
und die verschiedenen Formen des „gebrochenen“*) Humors, den
Humor, der unter Tränen lächelt, ergibt. Er entzieht dem Affekt
einen Teil seiner Energie und gibt ihm dafür den humoristischen
Beiklang.Die durch Nachfühlen gewonnene humoristische Lust ent-
springt, wie man an obigen Beispielen merken konnte, einer be-
sonderen, der Verschiebung vergleichbaren Technik, durch welche
die bereit gehaltene Affektentbindung enttäuscht und die Be-
setzung auf anderes, nicht selten Nebensächliches gelenkt wird.
Für das Verständnis des Vorganges, durch welchen in der humo-
ristischen Person selbst die Verschiebung von der Affektentwicklung
weg vor sich geht, ist aber hiemit nichts gewonnen. Wir sehen,
daß der Empfänger den Schöpfer des Humors in seinen seelischen
Vorgängen nachahmt, erfahren dabei aber nichts über die Kräfte,
welche diesen Vorgang bei letzterem ermöglichen.Man kann nur sagen, wenn es jemandem gelingt, sich z. B.
über einen schmerzlichen Affekt hinwegzusetzen, indem er sich die
Größe der Weltinteressen als Gegensatz zur eigenen Kleinheit vor-
hält, so sehen wir darin keine Leistung des Humors, sondern des
philosophischen Denkens und haben auch keinen Lustgewinn, wenn
wir uns in seinen Gedankengang hineinversetzen. Die humoristische
Verschiebung ist also in der Beleuchtung der bewußten Aufmerk-
samkeit ebenso unmöglich wie die komische Vergleichung; sie ist
wie diese an die Bedingung, vorbewußt oder automatisch zu bleiben,
gebunden.Zu einigem Aufschluß über die humoristische Verschiebung
gelangt man, wenn man sie im Lichte eines Abwehrvorganges
betrachtet. Die Abwehrvorgänge sind die psychischen Korrelate
des Fluchtreflexes und verfolgen die Aufgabe, die Entstehung von
Unlust aus inneren Quellen zu verhüten; in der Erfüllung dieser
Aufgabe dienen sie dem seelischen Geschehen als eine automatische
Regulierung, die sich schließlich allerdings als schädlich heraus-
stellt und darum der Beherrschung durch das bewußte Denken
unterworfen werden muß. Eine bestimmte Art dieser Abwehr,
die mißglückte Verdrängung, habe ich als den wirkenden Mechanis-
mus für die Entstehung der Psychoneurosen nachgewiesen. Der
Humor kann nun als die höchststehende dieser Abwehrleistungen
aufgefaßt werden. Er verschmäht es, den mit dem peinlichen
Affekt verknüpften Vorstellungsinhalt der bewußten Aufmerksam-*) Ein Terminus, der in der Ästhetik von Fr. Th. Vischer in ganz
anderem Sinne verwendet wird.S.
Stellung des Humors zu Witz und Komik. 205
keit zu entziehen, wie es die Verdrängung tut, und überwindet
somit den Abwehrautomatismus; er bringt dies zustande, indem
er die Mittel findet, der bereit gehaltenen Unlustentbindung ihre
Energie zu entziehen und diese durch Abfuhr in Lust zu verwandeln.
Es ist selbst denkbar, daß wiederum der Zusammenhang mit dem
Infantilen ihm die Mittel zu dieser Leistung zur Verfügung stellt.
Im Kinderleben allein hat es intensive peinliche Affekte gegeben,
über welche der Erwachsene heute lächeln würde, wie er als
Humorist über seine gegenwärtigen peinlichen Affekte lacht. Die
Erhebung seines Ichs, von welcher die humoristische Verschiebung
Zeugnis ablegt — deren Übersetzung doch lauten würde: Ich
bin zu groß(artig), als daß diese Anlässe mich peinlich berühren
sollten —, könnte er wohl aus der Vergleichung seines gegen-
wärtigen Ichs mit seinem kindlichen entnehmen. Einigermaßen
unterstützt wird diese Auffassung durch die Rolle, die dem In-
fantilen bei den neurotischen Verdrängungsvorgängen zufällt.Im ganzen steht der Humor dem Komischen näher als dem
Witz. Er hat mit jenem auch die psychische Lokalisation im
Vorbewußten gemeinsam, während der Witz, wie wir annehmen
mußten, als Kompromiß zwischen Unbewußtem und Vorbewußtem
gebildet wird. Dafür hat er keinen Anteil an einem eigentüm-
lichen Charakter, in welchem Witz und Komik sich treffen, den
wir vielleicht bisher nicht scharf genug hervorgehoben haben. Es
ist Bedingung für die Entstehung des Komischen, daß wir ver-
anlaßt werden, gleichzeitig oder in rascher Aufein-
anderfolge für die nämliche Vorstellungsleistung zweierlei
verschiedene Vorstellungsweisen anzuwenden, zwischen denen dann
die „Vergleichung“ statt hat, und die komische Differenz sich
ergibt. Solche Aufwandsdifferenzen entstehen zwischen dem
Fremden und dem Eigenen, dem Gewohnten und dem Veränderten,
dem Erwarteten und dem Eingetroffenen.*)Beim Witz kommt die Differenz zwischen zwei sich gleich-
zeitig ergebenden Auffassungsweisen, die mit verschiedenem Auf-
wand arbeiten, für den Vorgang beim Witzhörer in Betracht. Die
eine dieser beiden Auffassungen macht, den im Witze enthaltenen
Andeutungen folgend, den Weg des Gedankens durch das Un-
bewußte nach, die andere verbleibt an der Oberfläche und stellt den*) Wenn man sich nicht scheut, dem Begriff Erwartung einigen Zwang
anzutun, kann man nach dem Vorgange von Lipps ein sehr großes Gebiet
des Komischen der Erwartungskomik zurechnen, aber gerade die wahr-
scheinlich ursprünglichsten Fälle der Komik, die aus der Vergleichung
eines fremden Aufwandes mit dem eigenen hervorgehen, würden sich dieser
Zusammenfassung am wenigsten fügen.S.
206 VII. Der Witz und die Arten des Komischen.
Witz wie einen sonstigen aus dem Vorbewußten bewußt gewordenen
Wortlaut vor. Es wäre vielleicht keine unberechtigte Darstellung,
wenn man die Lust des angehörten Witzes aus der Differenz
dieser beiden Vorstellungsweisen ableiten würde.*)Wir sagen hier vom Witze das nämliche aus, was wir als
seine Janusköpfigkeit beschrieben haben, solange uns die Be-
ziehung zwischen Witz und Komik noch unerledigt erschien.**)Beim Humor verwischt sich der hier in den Vordergrund
gerückte Charakter. Wir verspüren zwar die humoristische Lust,
wo eine Gefühlsregung vermieden wird, die wir als eine der
Situation gewohnheitsmäßig zugeordnete erwartet hätten, und in-
sofern fällt auch der Humor unter den erweiterten Begriff der
Erwartungskomik. Aber es handelt sich beim Humor nicht mehr
um zwei verschiedene Vorstellungsweisen desselben Inhalts; daß
die Situation durch die zu vermeidende Gefühlserregung mit Un-
lustcharakter beherrscht wird, macht der Vergleichbarkeit mit dem
Charakter beim Komischen und beim Witze ein Ende. Die humo-
ristische Verschiebung ist eigentlich ein Fall jener andersartigen
Verwendung eines frei gewordenen Aufwandes, der sich als so
gefährlich für die komische Wirkung herausgestellt hat.Wir stehen nun am Ende unserer Aufgabe, nachdem wir den
Mechanismus der humoristischen Lust auf eine analoge Formel
zurückgeführt haben wie für die komische Lust und den Witz.
Die Lust des Witzes schien uns aus erspartem Hemmungs-*) Man kann an dieser Formel ohneweiters festhalten, denn sie
läuft auf nichts heraus, was im Widerspruch zu früheren Erörterungen
stünde. Die Differenz zwischen den beiden Aufwänden muß sich im wesent-
lichen auf den ersparten Hemmungsaufwand reduzieren. Das Fehlen dieser
Hemmungserparung beim Komischen und der Wegfall des quantitativen
Kontrastes beim Witze würden, bei aller Übereinstimmung im Charakter
der zweierlei Vorstellungsarbeit für die nämliche Auffassung, den Unter-
schied des komischen Gefühls vom Eindruck des Witzes bedingen.**) Die Eigentümlichkeit der „Double face“ ist den Autoren natürlich
nicht entgangen. Mélinand, dem ich obigen Ausdruck entnahm (Pourquoi
rit-on? Revue des deux mondes, Februar, 1895), faßt die Bedingung für das
Lachen in folgende Formel: Ce qui fait rire, c’est ce qui est à la fois,
d’un côté, absurde et de l’autre, familier. Die Formel paßt auf den Witz
besser als aufs Komische, deckt aber auch den ersteren nicht ganz. —
Bergson (l. c., S. 98) definiert die komische Situation durch die „inter-
férence des series“: „Une situation est toujours comique quand elle
appartient en même temps à deux séries d’événements absolument indé-
pendantes, et qu’elle peut s’interpréter à la fois dans deux sens tout
différents.“ — Für Lipps ist die Komik „die Größe und Kleinheit
desselben“.S.
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Die Formeln für Witz, Komik, Humor.
aufwand hervorzugehen, die der Komik aus erspartem Vor-
stellungs-(Besetzungs-)aufwand, und die des Humors aus er-
spartem Gefühlsaufwand. In allen drei Arbeitsweisen
unseres seelischen Apparats stammt die Lust von einer Ersparung;
alle drei kommen darin überein, daß sie Methoden darstellen, um
aus der seelischen Tätigkeit eine Lust wiederzugewinnen, welche
eigentlich erst durch die Entwicklung dieser Tätigkeit verloren
gegangen ist. Denn die Euphorie, welche wir auf diesen Wegen
zu erreichen streben, ist nichts anderes als die Stimmung einer
Lebenszeit, in welcher wir unsere psychische Arbeit überhaupt mit
geringem Aufwand zu bestreiten pflegten, die Stimmung unserer
Kindheit, in der wir das Komische nicht kannten, des Witzes nicht
fähig waren und den Humor nicht brauchten, um uns im Leben
glücklich zu fühlen.
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C. Theoretischer Teil1905-003/1925/M3
1905-003/1925/7