S.
ERGÄNZUNGEN ZU ABSCHNITT II
„DIE METHODE DER TRAUMDEUTUNG“Zu den Träumen bei Dichtern:
1
In einer Novelle „Gradiva“ des Dichters W. Jensen
entdeckte ich zufällig mehrere artifizielle Träume, die vollkommen
korrekt gebildet waren und sich deuten ließen, als wären sie
nicht erfunden, sondern von realen Personen geträumt worden.
Der Dichter bestätigte auf Anfrage von meiner Seite, daß ihm
meine Traumlehre fremd geblieben war. Ich habe diese Über-
einstimmung zwischen meiner Forschung und dem Schaffen des
Dichters als Beweis für die Richtigkeit meiner Traumanalyse
verwertet. („Der Wahn und die Träume in W. Jensens ,Gradiva‘“,
erstes Heft der von mir herausgegebenen „Schriften zur ange-
wandten Seelenkunde“, 1906, dritte Auflage 1924. Ges. Schriften,
Bd. IX.)2
Zur Traumdeutung mittels Symbolik:
Aristoteles hat sich dahin geäußert, der beste Traum-
deuter sei der, welcher Ähnlichkeiten am besten auffasse: denn
die Traumbilder seien, wie die Bilder im Wasser, durch die
Bewegung verzerrt, und der treffe am besten, der in dem ver-
zerrten Bild das Wahre zu erkennen vermöge (Büchsenschütz,
p. 65).3
Zu Artemidoros von Daldis:
Artemidoros aus Daldis, wahrscheinlich zu Anfang des
S.
Zu Abschnitt II 17 zweiten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung geboren, hat uns die
vollständigste und sorgfältigste Bearbeitung der Traumdeutung in
der griechisch-römischen Welt überliefert. Er legte, wie Th.
Gomperz hervorhebt, Wert darauf, die Deutung der Träume
auf Beobachtung und Erfahrung zu gründen und sonderte seine
Kunst strenge von anderen, trügerischen Künsten. Das Prinzip
seiner Deutungskunst ist nach der Darstellung von Gomperz
identisch mit der Magie, das Prinzip der Assoziation. Ein Traum-
ding bedeutet das, woran es erinnert. Wohlverstanden, woran es
den Traumdeuter erinnert! Eine nicht zu beherrschende Quelle
der Willkür und Unsicherheit ergibt sich dann aus dem Umstand,
daß das Traumelement den Deuter an verschiedene Dinge und
jeden an etwas anderes erinnern kann. Die Technik, die ich im
folgenden auseinandersetze, weicht von der antiken in dem einen
wesentlichen Punkte ab, daß sie dem Träumer selbst die Deutungs-
arbeit auferlegt. Sie will nicht berücksichtigen, was dem Traum-
deuter, sondern was dem Träumer zu dem betreffenden Element
des Traumes einfällt. — Nach neueren Berichten des Missionärs
Tfinkdjit (Anthropos 1913) nehmen aber auch die modernen
Traumdeuter des Orients die Mitwirkung des Träumers ausgiebig
in Anspruch. Der Gewährsmann erzählt von den Traumdeutern
bei den mesopotamischen Arabern: „Pour interprêter exactement
un songe, les oniromanciens les plus habiles s’informent de ceux
qui les consultent de toutes les circonstances qu’ils regardent
nécessaires pour la bonne explication . . . En un mot, nos oniro-
manciens ne laissent aucune circonstance leur échapper et ne
donnent l’interprétation désirée avant d’avoir parfaitement saisi et
reçu toutes les interrogations désirables.“ Unter diesen Fragen
befinden sich regelmäßig solche um genaue Angaben über die
nächsten Familienangehörigen (Eltern, Frau, Kinder) sowie die
typische Formel: habistine in hac nocte copulam conjugalem ante
vel post somnium? — „L’idée dominante dans l’interprétation des
songes consiste à expliquer le rêve par son opposé.“Freud, III.
S.
18 Ergänzungen zur Traumdeutung 4
Weiteres über die Traumdeutung der Alten:
Dr. Alfred Robitsek macht mich darauf aufmerksam, daß die
orientalischen Traumbücher, von denen die unsrigen klägliche
Abklatsche sind, die Deutung der Traumelemente meist nach
dem Gleichklang und der Ähnlichkeit der Worte vornehmen. Da
diese Verwandtschaften bei der Übersetzung in unsere Sprache
verloren gehen müssen, würde daher die Unbegreiflichkeit der
Ersetzungen in unseren populären „Traumbüchern“ stammen. —
Über diese außerordentliche Bedeutung des Wortspieles und der
Wortspielerei in den alten orientalischen Kulturen mag man sich
aus den Schriften Hugo Wincklers unterrichten. Das schönste
Beispiel einer Traumdeutung, welches uns aus dem Altertum
überliefert ist, beruht auf einer Wortspielerei. Artemidoros
erzählt (p. 255): „Es scheint mir aber auch Aristandros
dem Alexandros von Makedonien eine gar glückliche Aus-
legung gegeben zu haben, als dieser Tyros eingeschlossen hielt
und belagerte und wegen des großen Zeitverlustes, unwillig und
betrübt, das Gefühl hatte, er sehe einen Satyros auf seinem
Schilde tanzen; zufällig befand sich Aristandros in der
Nähe von Tyros und im Geleite des Königs, der die Syrer
bekriegte. Indem er nun das Wort Satyros in σὰ und Τύρος zer-
legte, bewirkte er, daß der König die Belagerung nachdrücklicher
in Angriff nahm, so daß er Herr der Stadt wurde.“ (Σὰ — Τύρος
= dein ist Tyros.) — Übrigens hängt der Traum so innig am
sprachlichen Ausdruck, daß Ferenczi mit Recht bemerken
kann, jede Sprache habe ihre eigene Traumsprache. Ein Traum
ist in der Regel unübersetzbar in andere Sprachen und ein Buch
wie das vorliegende, meinte ich, darum auch. Nichtsdestoweniger
ist es Dr. A. A. Brill in New York gelungen, eine englische
Übersetzung der „Traumdeutung“ zu schaffen (London 1913,
George Allen & Co.). Lopez Ballesteros hat 1925 eineS.
Zu Abschnitt II 19 spanische Übertragung gegeben, eine russische erschien 1913 in
Moskau, eine ungarische und eine französische sind in Vorbereitung.5
Zur Verwandlung der Vorstellungen in Traumbilder:
H. Silberer hat aus der direkten Beobachtung dieser
Umsetzung von Vorstellungen in Gesichtsbilder wichtige Beiträge
zur Deutung der Träume gewonnen. (Jahrbuch f. psychoanalyt.
Forschungen I u. II, 1909 u. ff.)6
Zur Methode der kritiklosen Selbstbeobachtung:
Die hier geforderte Einstellung auf anscheinend „freisteigende“
Einfälle mit Verzicht auf die sonst gegen diese geübte Kritik
scheint manchen Personen nicht leicht zu werden. Die „unge-
wollten Gedanken“ pflegen den heftigsten Widerstand, der sie
am Auftauchen hindern will, zu entfesseln. Wenn wir aber
unserem großen Dichterphilosophen Fr. Schiller Glauben
schenken, muß eine ganz ähnliche Einstellung auch die Bedingung
der dichterischen Produktion enthalten. An einer Stelle seines
Briefwechsels mit Körner, deren Aufspürung Otto Rank zu
danken ist, antwortet Schiller auf die Klage seines Freundes
über seine mangelnde Produktivität: „Der Grund deiner Klage
liegt, wie mir scheint, in dem Zwange, den dein Verstand deiner
Imagination auflegt. Ich muß hier einen Gedanken hinwerfen
und ihn durch ein Gleichnis versinnlichen. Es scheint nicht gut
und dem Schöpfungswerke der Seele nachteilig zu sein, wenn
der Verstand die zuströmenden Ideen, gleichsam an den Toren
schon, zu scharf mustert. Eine Idee kann, isoliert betrachtet, sehr
unbeträchtlich und sehr abenteuerlich sein, aber vielleicht wird
sie durch eine, die nach ihr kommt, wichtig, vielleicht kann sie
in einer gewissen Verbindung mit anderen, die vielleicht ebenso
abgeschmackt scheinen, ein sehr zweckmäßiges Glied abgeben: —2*
S.
20 Ergänzungen zur Traumdeutung Alles das kann der Verstand nicht beurteilen, wenn er sie nicht
so lange festhält, bis er sie in Verbindung mit diesen anderen
angeschaut hat. Bei einem schöpferischen Kopfe hingegen, däucht
mir, hat der Verstand seine Wache von den Toren zurückgezogen,
die Ideen stürzen pêle-mêle herein, und alsdann erst übersieht
und mustert er den großen Haufen. — Ihr Herren Kritiker, und
wie Ihr Euch sonst nennt, schämt oder fürchtet Euch vor dem
augenblicklichen, vorübergehenden Wahnwitze, der sich bei allen
eigenen Schöpfern findet und dessen längere oder kürzere Dauer
den denkenden Künstler von dem Träumer unterscheidet. Daher
Eure Klagen über Unfruchtbarkeit, weil Ihr zu früh verwerft
und zu strenge sondert.“ (Brief vom 1. Dezember 1788.)Und doch ist ein „solches Zurückziehen der Wache von den
Toren des Verstandes“, wie Schiller es nennt, ein derartiges
sich in den Zustand der kritiklosen Selbstbeobachtung Versetzen
keineswegs schwer.7
Zum Traum von Irmas Injektion:
Es ist dies der erste Traum, den ich einer eingehenden Deutung
unterzog.
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Ergänzungen und Zusatzkapitel zur Traumdeutung1900-001/1925.3
1900-001/1925/2