• S.

    einer infantilen Neurose 85

    beide, zu Wölfen wurden. Die Mutter spielte ja den kastrier-
    ten Wolf, der die anderen auf sich aufsteigen ließ, der Vater
    den aufsteigenden. Seine Angst bezog sich aber, wie wir ihn
    versichern gehört haben, nur auf den stehenden Wolf, also
    auf den Vater. Ferner muß uns auffallen, daß die Angst, in
    die der Traum ausging, ein Vorbild in der Erzählung des
    Großvaters hatte. In dieser wird ja der kastrierte Wolf, der
    die andern auf sich hat steigen lassen, von Angst befallen,
    sowie er an die Tatsache seiner Schwanzlosigkeit erinnert
    wird, Es scheint also, daß er sich während des Traumvor-
    ganges mit der kastrierten Mutter identifizierte und sich nun
    gegen dieses Ergebnis sträubte. In hoffentlich zutreffender
    Übersetzung: Wenn du vom Vater befriedigt werden willst,
    mußt du dir wie die Mutter die Kastration gefallen lassen;
    das will ich aber nicht. Also ein deutlicher Protest der Männ-
    lichkeit! Machen wir uns übrigens klar, daß die Sexual-
    entwicklung des Falles, den wir hier verfolgen, für unsere
    Forschung den großen Nachteil hat, daß sie keine ungestörte
    ist. Sie wird zuerst durch die Verfiihrung entscheidend be-
    cinfluBt und nun durch die Szene der Koitusbeobachtung ab-
    gelenkt, die nachträglich wie eine zweite Verführung wirkt.

    V

    Einige Diskussionen

    Eisbär und Walfisch, hat man gesagt, können nicht mit-
    einander Krieg führen, weil sie, ein jeder auf sein Element
    beschränkt, nicht zueinander kommen. Ebenso unmöglich
    wird es mir, mit Arbeitern auf dem Gebiet der Psychologie
    oder der Neurotik zu diskutieren, die die Voraussetzungen
    der Psychoanalyse nicht anerkennen und ihre Ergebnisse für
    Artefakte halten. Daneben hat sich aber in den letzten Jahren
    eine Opposition von Anderen entwickelt, die, nach ihrem

  • S.

    86 Aus der Geschichte

    eigenen Vermeinen wenigstens, auf dem Boden der Analyse
    stehen, die Technik und Resultate derselben nicht bestreiten
    und sich nur für berechtigt halten, aus dem nåmlichen
    Material andere Folgerungen abzuleiten und es anderen Aui-
    fassungen zu unterzichen.

    Theoretischer Widerspruch ist aber zumeist unfruchtbar.
    Sowie man begonnen hat, sich von dem Material, aus dem
    man schöpfen soll, zu entfernen, läuft man Gefahr, sich an
    seinen Behauptungen zu berauschen und endlich Meinungen
    zu vertreten, denen jede Beobachtung widersprochen hätte.
    Es scheint mir darum ungleich zweckmäßiger, abweichende
    Auffassungen dadurch zu bekämpfen, daß man sie an ein-
    zelnen Fällen und Problemen erprobt.

    Ich habe oben (S. 74) ausgeführt, es werde gewiß für un-
    wahrscheinlich gehalten werden, „daß ein Kind in dem zarten
    Alter von 1% Jahren imstande sein sollte, die Wahrneh-
    mungen eines so komplizierten Vorganges in sich aufzunch-
    men und sie so getreu in seinem Unbewußten zu bewahren,
    zweitens, daß eine nachträglich zum Verständnis vor-
    dringende Bearbeitung dieses Materials zu vier Jahren mög-
    lich ist, und endlich, daß es durch irgend ein Verfahren
    gelingen sollte, die Einzelheiten einer solchen Szene, unter
    solchen Umständen erlebt und verstanden, in zusammen-
    hängender und überzeugender Weise bewußt zu machen“.

    Die letzte Frage ist eine rein faktische, Wer sich die Mühe
    nimmt, die Analyse mittels der vorgezeichneten Technik in
    solche Tiefen zu treiben, wird sich überzeugen, daß es sehr
    wohl möglich ist; wer es unterläft und in irgend einer
    höheren Schicht die Analyse unterbricht, hat sich des Urteils
    darüber begeben. Aber die Auffassung des von der Tiefen-
    analyse Erreichten ist damit nicht entschieden.

    Die beiden anderen Bedenken stützen sich auf eine Gering-
    schitzung der frühinfantilen Eindrücke, denen so nachhaltige

  • S.

    einer infantilen Neurose 87

    Wirkungen nicht zugetraut werden. Sie wollen die Ver-
    ursachung der Neurosen fast ausschließlich in den ernsthaften
    Konflikten des späteren Lebens suchen, und nehmen an, die
    Bedeutsamkeit der Kindheit werde uns in der Analyse nur
    durch die Neigung der Neurotiker vorgespiegelt, ihre gegen-
    wårtigen Interessen in Reminiszenzen und Symbolen der
    frühen Vergangenheit auszudrücken, Mit solcher Ein-
    schätzung des infantilen Moments fiele manches weg, was
    zu den intimsten Eigentümlichkeiten der Analyse gehört hat,
    freilich auch vieles, was ihr Widerstände schafft und das
    Zutrauen der Außenstehenden entfremdet.

    Wir stellen also zur Diskussion die Auffassung ein, solche
    frühinfantile Szenen, wie sie eine erschôpfende Analyse der
    Neurosen, z. B. unseres Falles liefert, seien, nicht Reproduk-
    tionen realer Begebenheiten, denen man Einfluß auf die Ge-
    staltung des späteren Lebens und auf die Symptombildung
    zuschreiben dürfe, sondern Phantasiebildungen, die der Zeit
    der Reife ihre Anregung entnehmen, zur gewissermaßen sym-
    bolischen Vertretung realer Wünsche und Interessen bestimmt
    sind, und die einer regressiven Tendenz, einer Abwendung
    von den Aufgaben der Gegenwart ihre Entstehung ver-
    danken. Wenn dem so ist, dann kann man sich natürlich alle
    die befremdenden Zumutungen an das Seelenleben und die
    intellektuelle Leistung von Kindern im unmündigsten Alter
    ersparen.

    Dieser Auffassung kommt außer dem uns allen gemein-
    samen Wunsch nach Rationalisierung und Vereinfachung der
    schwierigen Aufgabe mancherlei Tatsichliches entgegen.
    Auch kann man im vorhinein ein Bedenken aus dem Wege
    räumen, welches sich gerade beim praktischen Analytiker
    erheben könnte. Man muß zugestehen, wenn die besprochene
    Auffassung dieser infantilen Szenen die richtige ist, dann
    wird an der Ausübung der Analyse zunächst nichts geändert.

  • S.

    88 Aus der Geschichte

    Hat der Neurotiker einmal die üble Eigentiimlichkeit, sein
    Interesse von der Gegenwart abzuwenden und es an solche
    regressive Ersatzbildungen seiner Phantasie zu heften, so
    kann man gar nichts anderes tun, als ihm auf seinen Wegen
    zu folgen und ihm diese unbewufiten Produktionen zum
    Bewußtsein zu bringen, denn sie sind, von ihrem realen Un-
    wert ganz abzusehen, fiir uns höchst wertvoll als die der-
    zeitigen Träger und Besitzer des Interesses, welches wir frei
    machen wollen, um es auf die Aufgaben der Gegenwart zu
    lenken. Die Analyse müßte genau ebenso verlaufen wie jene,
    die im naiven Zutrauen solche Phantasien für wahr nimmt.
    Erst am Ende der Analyse, nach der Aufdeckung dieser
    Phantasien, kime der Unterschied. Man wiirde dann dem
    Kranken sagen: „Nun gut; Ihre Neurose ist so verlaufen,
    als ob Sie in Ihren Kinderjahren solche Eindrücke emp-
    fangen und fortgesponnen hätten. Sie sehen wohl ein, daß
    dies nicht möglich ist. Es waren Produkte Ihrer Phantasie-
    titigkeit zur Ablenkung von realen Aufgaben, die Ihnen
    bevorstanden. Nun lassen Sie uns nachforschen, welches
    diese Aufgaben waren, und welche Verbindungswege zwischen
    diesen und Ihren Phantasien bestanden haben." Ein zweiter,
    dem realen Leben zugewendeter Abschnitt der Behandlung
    würde nach dieser Erledigung der infantilen Phantasien ein-
    setzen kónnen. B

    Eine Abkürzung dieses Weges, also eine Abinderung der
    bisher geübten psychoanalytischen Kur, wire technisch un-
    zulässig. Wenn man dem Kranken diese Phantasien nicht
    in ihrem vollen Umfange bewufit macht, kann man ihm
    die Verfügung über das an sie gebundene Interesse nicht
    geben. Wenn man ihn von ihnen ablenkt, sobald man ihre
    Existenz und allgemeinen Umrisse ahnt, unterstützt man nur
    das Werk der Verdrángung, durch das sie für alle Bemü-
    hungen des Kranken unantastbar geworden sind. Wenn man

  • S.

    einer infantilen Neurose 89

    sie ihm frühzeitig entwertet, etwa indem man ihm er-
    öffnet, es werde sich nur um Phantasien handeln, die ja keine
    reale Bedeutung haben, wird man nie seine Mitwirkung bereit
    finden, sie dem Bewußtsein zuzuführen. Die analytische
    Technik dürfte also bei korrektem Vorgehen: keine Anderung
    erfahren, wie immer man diese Infantilszenen einschätzt.

    Ich habe erwihnt, daf die Auffassung dieser Szenen als
    regressiver Phantasien manche tatsächlichen Momente zu
    ihrer Unterstützung anrufen kann. Vor allem das eine: Diese
    Infantilszenen werden in der Kur — soweit meine Erfahrung
    bis jetzt reicht — nicht als Erinnerungen reproduziert, sie
    sind Ergebnisse der Konstruktion. Gewiß wird manchem der
    Streit schon durch dieses eine Zugestindnis entschieden
    scheinen.

    Ich möchte nicht mißverstanden werden. Jeder Analytiker
    weiß und hat es unzählige Male erfahren, daß in einer ge-
    lungenen Kur der Patient eine ganze Anzahl spontaner Er-
    innerungen aus seinen Kinderjahren mitteilt, an deren Auf-
    tauchen — vielleicht erstmaligem Auftauchen — der Arzt
    sich völlig. unschuldig fühlt, indem er durch keinerlei Kon-
    struktionsversuch dem Kranken einen ähnlichen Inhalt nahe
    gelegt hat. Diese vorher unbewußten Erinnerungen müssen
    nicht einmal immer wahr sein; sie können es sein, aber sie
    sind oft gegen die Wahrheit entstellt, mit phantasierten
    Elementen durchsetzt, ganz ähnlich wie die spontan erhalten
    gebliebenen sogenannten Deckerinnerungen. Ich will nur
    sagen: Szenen, wie die bei meinem Patienten, aus so früher
    Zeit und mit solchem Inhalt, die dann eine so aufterordent-
    liche Bedeutung fiir die Geschichte des Falles beanspruchen,
    werden in der Regel nicht als Erinnerungen reproduziert, son-
    dern müssen schrittweise und mühselig aus einer Summe von
    Andeutungen erraten — konstruiert — werden. Es reicht
    auch für das Argument hin, wenn ich zugebe, daß solche

  • S.

    90 Aus der Geschichte

    Szenen bei den Fällen von Zwangsneurose nicht als Erinne-
    rung bewußt werden, oder wenn ich die Angabe auf den
    einen Fall, den wir hier studieren, beschrinke.

    Ich bin nun nicht der Meinung, daß diese Szenen notwen-
    digerweise Phantasien sein müßten, weil sie nicht als Er-
    innerungen wiederkommen. Es scheint mir durchaus der Er-
    innerung gleichwertig, daß sie sich — wie in unserem Falle
    — durch Träume ersetzen, deren Analyse regelmäßig zu der-
    selben Szene zurückführt, die in unermiidlicher Umarbeitung
    jedes Stiick ihres Inhalts reproduzieren. Tråumen ist ja auch
    ein Erinnern, wenn auch unter den Bedingungen der Nacht-
    zeit und der Traumbildung. Durch diese Wiederkehr in
    Träumen erkläre ich mir, daß sich bei den Patienten selbst
    allmåhlich eine sichere Uberzeugung von der Realitåt dieser
    Urszenen bildet, eine Uberzeugung, die der auf Erinnerung
    gegründeten in nichts nachsteht.**

    Die Gegner brauchen freilich den Kampf gegen diese
    Argumente nicht als aussichtslos aufzugeben. Tråume sind
    bekanntlich lenkbar. Und die Überzeugung des Analysierten
    kann ein Erfolg der Suggestion sein, fiir die immer noch eine
    Rolle im Kråftespiel der analytischen Behandlung gesucht
    wird. Der Psychotherapeut alten Schlages würde seinem
    Patienten suggerieren, daß er gesund ist, seine Hemmungen
    überwunden hat u. dgl. Der Psychoanalytiker aber, daß er
    als Kind dies oder jenes Erlebnis gehabt hat, das er jetzt

    21) Wie frühzeitig ich mich mit diesem Problem beschäftigt
    habe, mag eine Stelle aus der ersten Auflage meiner Traum-
    deutung (1900) beweisen. Dort heißt es S.126 zur Analyse der
    in einem Traum vorkommenden Rede: Das ist nicht mehr zu
    haben, diese Rede stammt von mir selbst; ich hatte ihr einige
    Tage vorher erklärt, „daß die ältesten Kindererlebnisse nicht
    mehr als solche zu haben sind, sondern durch „Übertra-
    gungen“ und Träume in der Analyse ersetzt werden.“

    22) Der Mechanismus des Traumes kann nicht beeinflußt werden,
    aber das Traummaterial läßt sich partiell kommandieren.

  • S.

    einer infantilen Neurose 91

    erinnern miisse, um gesund zu werden. Das wire der Unter-
    schied zwischen beiden.

    Machen wir uns klar, daß dieser letzte Erklärungsversuch
    der Gegner auf eine weit griindlichere Erledigung der In-
    fantilszenen hinausläuft, als anfangs angekündigt wurde. Sie
    sollten nicht Wirklichkeiten sein, sondern Phantasien. Nun
    wird es offenbar: nicht Phantasien des Kranken, sondern des
    Analytikers selbst, die er aus irgend welchen persönlichen
    Komplexen dem Analysierten aufdrängt. Der Analytiker frei-
    lich, der diesen Vorwurf hørt, wird sich zu seiner Be-
    ruhigung vorführen, wie allmählich die Konstruktion dieser
    angeblich von ihm eingegebenen Phantasie zustande-
    gekommen ist, wie unabhångig sich doch deren Ausgestaltung
    in vielen Punkten von der årztlichen Anregung benommen
    hat, wie von einer gewissen Phase der Behandlung an alles
    auf sie hin zu konvergieren schien, und wie nun in der
    Synthese die verschiedensten merkwiirdigen Erfolge von ihr
    ausstrahlen, wie die großen und die kleinsten Probleme und
    Sonderbarkeiten der Krankengeschichte ihre Lösung in der
    einen Annahme fanden, und wird geltend machen, daß er
    sich nicht den Scharfsinn zutraut, eine Begebenheit auszu-
    hecken, welche alle diese Ansprüche in einem erfüllen kann.
    Aber auch dieses Plaidoyer wird nicht auf den anderen Teil
    wirken, der die Analyse nicht selbst erlebt hat. Raffinierte
    Selbsttäuschung — wird es ven der einen Seite lauten,
    Stumpfheit der Beurteilung — von der anderen; eine Ent-
    scheidung wird nicht zu fällen sein.

    Wenden wir uns zu cinem anderen Moment, welches die
    gegnerische Auffassung der konstruierten Infantilszenen unter-
    stützt. Es ist folgendes: Alle die Prozesse, welche zur Auf-
    klirung dieser fraglichen Bildungen als Phantasien heran-
    gezogen worden sind, bestehen wirklich und sind als bedeu-
    tungsvoll anzuerkennen. Die Abwendung des Interesses von

  • S.

    92 Aus der Geschichte

    den Aufgaben des realen Lebens? die Existenz von Phan-
    tasien als Ersatzbildungen für die unterlassenen Aktionen,
    die regressive "Tendenz, die sich in diesen Schópfungen aus-
    spricht, — regressiv in mehr als einem Sinne, insofern gleich-
    zeitig ein Zurückweichen vor dem Leben und ein Zurück-
    greifen auf die Vergangenheit eintritt, — all das trifft zu
    und läßt sich regelmäßig durch die Analyse bestätigen. Man
    sollte meinen, es würde auch hinreichen, die in Rede stehen-
    den angeblichen friihinfantilen Reminiszenzen aufzukliren,
    und diese Erklärung hätte nach den ökonomischen Prinzipien
    der Wissenschaft das Vorrecht vor einer anderen, die ohne
    neüe und befremdliche Annahmen nicht ausreichen kann.

    Ich gestatte mir, an dieser Stelle darauf aufmerksam zu
    machen, daß die Widersprüche in der heutigen psychoanaly-
    tischen Literatur gewöhnlich nach dem Prinzip des pars pro
    toto angefertigt werden. Man greift aus einem hoch zusam-
    mengesetzten Ensemble einen Anteil der wirksamen Faktoren
    heraus, proklamiert diesen als die Wahrheit und widerspricht
    nun zu dessen Gunsten dem anderen Anteil und dem Ganzen.
    Sieht man etwa näher zu, welcher Gruppe dieser Vorzug
    zugefallen ist, so findet man, es ist die, welche das bereits
    anderswoher Bekannte enthält oder sich am ehesten ihm
    anschließt. So bei Jung die Aktualität und die Regression,
    bei Adler die egoistischen Motive. Zurückgelassen, als Irr-
    tum verworfen, wird aber gerade das, was an der Psycho-
    analyse neu ist und ihr eigentümlich zukommt. Auf diesem
    Wege lassen sich die revolutionären Vorstöße der unbequemen
    Psychoanalyse am leichtesten zurückweisen.

    Es ist nicht überflüssig hervorzuheben, daß keines der
    Momente, welche die gegnerische Auffassung zum Verständnis
    der Kindheitsszenen heranzieht, von Jung als Neuheit ge-

    23) Ich ziehe aus guten Gründen vor zu sagen: Die Abwendung
    der Libido von den aktuellen Konflikten.

  • S.

    einer infantilen Neurose 93

    lehrt zu werden brauchte. Der aktuelle Konflikt, die Abwen-
    dung von der Realität, die Ersatzbefriedigung in der Phan-
    tasie, die Regression auf Material der Vergangenheit, dies
    alles hat, und zwar in der nåmlichen Zusammenfiigung, viel-
    leicht mit geringer Abånderung der Terminologie, von jeher
    einen integrierenden Bestandteil meiner eigenen Lehre ge-
    bildet. Es war nicht das Ganze derselben, nur der Anteil der
    Verursachung, der von der Realitåt her zur Neurosenbildung
    in regressiver Richtung einwirkt. Ich habe daneben noch
    Raum gelassen fiir einen zweiten progredienten Einfluß, der
    von den Kindheitseindriicken her wirkt, der vom Leben
    zuriickweichenden Libido den Weg weist und die sonst un-
    klårliche Regression auf die Kindheit verstehen läßt. So wirken
    die beiden Momente nach meiner Auffassung bei der
    Symptombildung zusammen, aber ein früheres Zusammen-
    wirken scheint mir ebenso bedeutungsvoll. Ich behaupte,
    daß der Kindheitscinfluf sich bereits in
    der Anfangssituation der Neurosenbil-
    dung fühlbar macht, indem er in entschei-
    dender Weise mitbestimmt, ob und an
    welcher Stelle das Individuum in der
    Bewältigung. der realen Probleme des
    Lebens versagt:

    Im Streit steht also die Bedeutung des infantilen Moments.
    Die Aufgabe geht dahin, einen Fall zu finden, der diese Be-
    deutung, jedem Zweifel entzogen, erweisen kann. Ein solcher
    ist aber der Krankheitsfall, den wir hier so ausführlich be-
    handeln, der durch den Charakter ausgezeichnet ist, daß der
    Neurose im späteren Leben eine Neurose in frühen Jahren
    der Kindheit vorhergeht. Gerade darum habe ich ja diesen
    Fall zur Mitteilung gewählt. Sollte jemand ihn etwa darum
    ablehnen wollen, weil ihm die Tierphobie nicht wichtig ge-
    nug erscheint, um als selbständige Neurose anerkannt zu

  • S.

    94 Aus der Geschichte

    werden, so will ich ihn darauf verweisen, daß ohne Inter-
    vall an diese Phobie ein Zwangszeremoniell, Zwangshand-
    lungen und Gedanken anschließen, von denen in den folgen-
    den Abschnitten dieser Schrift die Rede sein wird.

    Eine neurotische Erkrankung im vierten und fünften Jahr
    der Kindheit beweist vor allem, daß die infantilen Erlebnisse
    fiir sich allein imstande sind, eine Neurose zu produzieren,
    ohne daß es dazu der Flucht vor einer im Leben gestellten
    Aufgabe bediirfte. Man wird einwenden, daß auch an das
    Kind unausgesetzt Aufgaben herantreten, denen es sich viel-
    leicht entziehen möchte. Das ist richtig, aber das Leben eines
    Kindes vor der Schulzeit ist leicht zu übersehen, man kann
    ja untersuchen, ob sich eine die Verursachung der Neurose
    bestimmende „Aufgabe“ darin findet. Man entdeckt aber
    nichts anderes als Triebregungen, deren Befriedigung dem
    Kind unmöglich, deren Bewältigung es nicht gewachsen ist,
    und die Quellen, aus denen diese fließen.

    Die enorme Verkürzung des Intervalls zwischen dem Aus-
    bruch der Neurose und der Zeit der in Rede stehenden Kind-
    heitserlebnisse läßt, wie zu erwarten stand, das regressive
    Stück der Verursachung aufs äußerste einschrumpfen und
    bringt den progredienten Anteil derselben, den Einfluß frü-
    herer Eindrücke, unverdeckt zum Vorschein, Von diesem
    Verhältnis wird diese Krankengeschichte, wie ich hoffe, ein
    deutliches Bild geben. Auf die Frage nach der Natur der
    Urszenen oder frühesten in der Analyse eruierten Kindheits-
    erlebnisse gibt die Kindheitsneurose noch aus anderen Grün-
    den eine entscheidende Antwort.

    Nehmen wir als unwidersprochene Voraussetzung an, daß
    eine solche Urszene technisch richtig entwickelt worden sei,
    daß sie unerläßlich sei zur zusammenfassenden Lösung aller
    Rätsel, welche uns die Symptomatik der Kindheitserkrankung
    aufgibt, daß alle Wirkungen von ihr ausstrahlen, wie alle

  • S.

    einer infantilen Neurose 95

    Fäden der Analyse zu ihr hingeführt haben, so ist es mit
    Rücksicht auf ihren Inhalt unmöglich, daß sie etwas anderes
    sei als die Reproduktion einer vom Kinde erlebten Realität.
    Denn das Kind kann wie auch der Erwachsene Phantasien
    nur produzieren mit irgendwo erworbenem Material; die
    Wege dieser Erwerbung sind dem Kinde zum Teil (wie die
    Lektüre) verschlossen, der für die Erwerbung zu Gebote
    stehende Zeitraum ist kurz und leicht nach solchen Quellen
    zu durchforschen.

    In unserem Falle enthålt die Urszene das Bild des ge-
    schlechtlichen Verkehrs zwischen den Eltern in einer fiir
    gewisse Beobachtungen besonders günstigen Stellung. Es
    würde nun gar nichts für die Realität dieser Szene beweisen,
    wenn wir sie bei einem Kranken fänden, dessen Symptome,
    also die Wirkungen der Szene, irgendwann in seinem späteren
    Leben hervorgetreten wären. Ein solcher kann zu den ver-
    schiedensten Zeitpunkten des langen Intervalls die Eindrücke,
    Vorstellungen und Kenntnisse erworben haben, die er dann
    in ein Phantasiebild verwandelt, in seine Kindheit zurück-
    projiziert und an seine Eltern heftet. Aber wenn die Wirkun-
    gen einer solchen Szene im vierten und fünften Lebensjahr
    hervortreten, so muß das Kind diese Szene in noch früherem
    Alter mitangesehen haben. Dann bleiben aber alle die be-
    fremdenden Folgerungen aufrecht, die sich uns aus der
    Analyse der infantilen Neurose ergeben haben. Es sei denn,
    es wolle jemand annehmen, der Patient habe nicht nur diese
    Urszene unbewuftt phantasiert, sondern ebenso seine
    Charakterveránderung, seine Wolfsangst und seinen religiósen
    Zwang konfabuliert, welcher Auskunft aber sein sonstiges
    nüchternes Wesen und die direkte "Tradition in seiner Familie
    widersprechen würde. Es muß also dabei bleiben, — ich sehe
    keine andere Möglichkeit, — entweder ist die von seiner
    Kindheitsneurose ausgehende Analyse überhaupt ein Wahn-

  • S.

    96 Aus der Geschichte

    witz, oder es ist alles so richtig, wie ich es oben dargestellt
    habe.

    Wir haben an einer früheren Stelle auch an der Zwei-
    deutigkeit Anstoß genommen, daß des Patienten Vorliebe fiir
    die weiblichen Nates und für den Koitus in derjenigen
    Stellung, bei der diese besonders hervortreten, eine Ableitung
    von dem beobachteten Koitus der Eltern zu fordern schien,
    während doch solche Bevorzugung ein allgemeiner Zug der
    zur Zwangsneurose disponierten archaischen Konstitutionen
    ist. Hier bietet sich eine nahe liegende Auskunft, die den
    Widerspruch als Überdeterminierung löst. Die Person, an
    welcher er diese Position beim Koitus beobachtet, war doch
    sein leiblicher Vater, von dem er diese konstitutionelle Vor-
    liebe auch ererbt haben konnte. Weder die spätere Krankheit
    des Vaters noch die Familiengeschichte sprechen dagegen; ein
    Vatersbruder ist, wie bereits erwähnt, in einem Zustand ge-
    storben, der als Ausgang eines schweren Zwangsleidens auf-
    gefaßt werden muß.

    Wir erinnern uns in diesem Zusammenhange, daß die
    Schwester bei der Verführung des 3% jährigen Knaben gegen
    die brave alte Kinderfrau die sonderbare Verleumdung aus-
    gesprochen, sie stelle alle Leute auf den Kopf und greife ihnen
    dann an die Genitalien.” Es mußte sich uns da die Idee auf-
    drängen, daß vielleicht auch die Schwester in ähnlich zartem
    Alter dieselbe Szene mitangesehen wie später der Bruder und
    sich daher die Anregung für das Auf-den-Kopf-stellen beim
    sexuellen Akt geholt hätte. Diese Annahme brächte auch
    einen Hinweis auf eine Quelle ihrer eigenen sexuellen Vor-
    eiligkeit.

    [Ich hatte ursprünglich nicht die Absicht, die Diskussion
    über den Realwert der ,,Urszenen“ an dieser Stelle weiter zu

    24) Vgl. S. 51.

  • S.

    einer infantilen Neurose 97

    führen, aber da ich unterdes veranla&t worden bin, dieses
    Thema in meinen „Vorlesungen zur Einführung in die Psycho-
    analyse“ in breiterem Zusammenhange und nicht mehr in
    polemischer Absicht zu behandeln, so wire es irreführend,
    wollte ich die Anwendung der dort bestimmenden Gesichts-
    punkte auf den uns hier vorliegenden Fall unterlassen. Ich
    setze also ergánzend und berichtigend fort: Es ist doch noch
    eine andere Auffassung der dem Traume zu Grunde liegenden
    Urszene möglich, welche die vorhin getroffene Entscheidung
    um ein gutes Stück ablenkt und uns mancher Schwierigkeiten
    überhebt. Die Lehre, welche die Infantilszenen zu regressiven
    Symbolen herabdrücken will, wird zwar auch bei dieser
    Modifikation nichts gewinnen; sie scheint mir überhaupt durch
    diese — wie durch jede andere — Analyse einer Kinder-
    neurose endgültig erledigt.

    Ich meine nämlich, man kann sich den Sachverhalt auch
    in folgender Art zurechtlegen. Auf die Annahme, daf das
    Kind einen Koitus beobachtet, durch dessen Anblick es die
    Überzeugung gewonnen, daß die Kastration mehr sein könne
    als eine leere Drohung, kónnen wir nicht verzichten; auch
    lift uns die Bedeutung, welche spáterhin den Stellungen von
    Mann und Weib für die Angstentwicklung und als Liebes-
    bedingung zukommt, keine andere Wahl, als zu schließen, es
    müsse ein coitus a tergo, more ferarum, gewesen sein. Aber
    ein anderes Moment ist nicht so unersetzlich und mag fallen
    gelassen werden. Es war vielleicht nicht ein Koitus der Eltern,
    sondern ein Tierkoitus, den das Kind beobachtet und dann
    auf die Eltern geschoben, als ob es erschlossen hitte, die
    Eltern machten es auch nicht anders.

    Dieser Auffassung kommt vor allem zu gute, daß die
    Wölfe des Traumes ja eigentlich Schåferhunde sind und auch
    in der Zeichnung als solche erscheinen. Kurz vor dem Traum
    war der Knabe wiederholt zu den Schafherden mitgenommen

    7 Freud, Schriften zur Neurosenlehre

  • S.

    98 Aus der Geschichte

    worden, wo er solche große weiße Hunde sehen und sie wahr-
    scheinlich auch beim Koitus beobachten konnte. Ich möchte
    auch die Dreizahl, die der Triumer ohne jede weitere
    Motivierung hinstellte, hicher beziehen und annehmen, es sei
    ihm im Gedächtnis geblieben, daß er drei solcher Beobachtun-
    gen an den Schäferhunden gemacht. Was in der erwartungs-
    vollen Erregtheit seiner Traumnacht hinzukam, war dann die
    Ubertragung des kiirzlich gewonnenen Erinnerungsbildes mit
    allen seinen Einzelheiten auf die Eltern, wodurch aber erst
    jene mächtigen Affektwirkungen ermöglicht wurden. Es gab
    jetzt ein nachträgliches Verständnis jener vielleicht vor
    wenigen Wochen oder Monaten empfangenen Eindrücke, ein
    Vorgang, wie ihn vielleicht jeder von uns an sich selbst
    erlebt haben mag. Die Übertragung von den koitierenden
    Hunden auf die Eltern vollzog sich nun nicht mittels eines
    an Worte gebundenen SchluBverfahrens, sondern indem eine
    reale Szene vom Beisammensein der Eltern in der Erinnerung
    aufgesucht wurde, welche sich mit der Koitussituation ver-
    schmelzen ließ. Alle in der Traumanalyse behaupteten Details
    der Szene mochten genau reproduziert sein. Es war wirklich
    an einem Sommernachmittag, wihrend das Kind an Malaria
    litt, die Eltern waren in weißer Kleidung beide anwesend, als
    das Kind aus seinem Schlaf erwachte, aber — die Szene war
    harmlos. Das Übrige hatte der spätere Wunsch des Wiß-
    begierigen, auch die Eltern bei ihrem Liebesverkehr zu be-
    lauschen, auf Grund seiner Erfahrungen an den Hunden hin-
    zugefügt, und nun entfaltete die so phantasierte Szene alle
    die Wirkungen, die wir ihr nachgesagt haben, die nåmlichen,
    als ob sie durchaus real gewesen und nicht aus zwei Bestand-
    teilen, einem früheren indifferenten und einem späteren, höchst
    eindrucksvollen, zusammengekleistert worden wäre.

    Es ist sofort ersichtlich, um wieviel das Maß der uns zu-
    gemuteten Glaubensleistung erleichtert wird. Wir brauchen

  • S.

    einer infantilen Neurose 99

    nicht mehr anzunehmen, daß die Eltern den Koitus in Gegen-
    wart des, wenn auch sehr jugendlichen, Kindes vollzogen
    haben, was fiir viele von uns eine unliebsame Vorstellung ist.
    Der Betrag der Nachtråglichkeit wird sehr herabgesetzt; sie
    bezieht sich jetzt nur auf einige Monate des vierten Lebens-
    jahres und greift iiberhaupt nicht in die dunkeln ersten Kind-
    heitsjahre zuriick. An dem Verhalten des Kindes, welches von
    den Hunden auf die Eltern überträgt und sich vor dem Wolf
    anstatt vor dem Vater fiirchtet, bleibt kaum etwas Be-
    fremdliches. Es befindet sich ja in der Entwicklungphase
    seiner Weltanschauung, die in „Totem und Tabu“ als die
    Wiederkehr des Totemismus gekennzeichnet worden ist. Die
    Lehre, welche die Urszenen der Neurosen durch Zurück-
    phantasieren aus spiteren Zeiten aufkliren will, scheint in
    unserer Beobachtung trotz des zarten Alters von vier Jahren
    bei unserem Neurotiker eine starke Unterstützung zu finden.
    So jung er ist, so hat er es doch zu stande gebracht, einen
    Eindruck aus dem vierten Jahr durch ein phantasiertes
    Trauma mit 1% Jahren zu ersetzen; diese Regression erscheint
    aber weder rätselhaft noch tendenziós. Die Szene, die herzu-
    stellen war, mußte gewisse Bedingungen erfüllen, welche in-
    folge der Lebensumstände des Tråumers gerade nur in dieser
    frühen Zeit zu finden waren, wie z. B. die eine, daß er sich
    im Schlafzimmer der Eltern im Bette befand.

    Für die Richtigkeit der hier vorgeschlagenen Auffassung
    wird es aber den meisten Lesern geradezu‘ entscheidend
    scheinen, was ich aus den analytischen Ergebnissen an anderen
    Fillen hinzugeben kann. Die Szene einer Beobachtung des
    Sexualverkehrs der Eltern in sehr früher Kindheit — sei sie
    nun reale Erinnerung oder Phantasie — ist in den Analysen
    neurotischer Menschenkinder wahrlich keine Seltenheit. Viel-
    leicht findet sie sich ebenso häufig bei den nicht neurotisch
    Gewordenen. Vielleicht gehórt sie zum regelmäßigen Bestand

    7

  • S.

    100 Aus der Geschichte

    ihres 一 bewuften oder unbewufiten 一 Erinnerungsschatzes.
    So oft ich aber eine solche Szene durch Analyse entwickeln
    konnte, zeigte sie dieselbe Eigentümlichkeit, die uns auch bei
    unserem Patienten stutzig machte, sie bezog sich auf den
    coitus a tergo, der allein dem Zuschauer die Inspektion der
    Genitalien ermöglicht. Da braucht man wohl nicht linger zu
    bezweifeln, daß es sich nur um eine Phantasie handelt, dic
    vielleicht regelmäßig durch die Beobachtung des tierischen
    Sexualverkehrs angeregt wird. Ja noch mehr; ich habe an-
    gedeutet, daß meine Darstellung der ,Urszene“ unvollständig
    geblieben ist, indem ich mir für später aufsparte mitzuteilen,
    auf welche Weise das Kind den Verkehr der Eltern stört. Ich
    muß jetzt hinzufügen, daß auch die Art dieser Störung in
    allen Fällen die nämliche ist.

    Ich kann mir denken, daß ich mich jetzt schweren Ver-
    dächtigungen von Seiten der Leser dieser Krankengeschichte
    ausgesetzt habe. Wenn mir diese Argumente zu Gunsten einer
    solchen Auffassung der ,,Urszene“ zu Gebote standen, wie
    könnte ich es überhaupt verantworten, zuerst eine so absurd
    erscheinende andere zu vertreten? Oder sollte ich im Inter-
    vall zwischen der ersten Niederschrift der Krankengeschichte
    und diesem Zusatz jene neuen Erfahrungen gemacht haben,
    die mich zur Abänderung meiner anfänglichen Auffassung
    genötigt haben, und wollte dies aus irgend welchen Motiven
    nicht eingestehen? Ich gestehe dafür etwas anderes ein: daß
    ich die Absicht habe, die Diskussion über den Realwert der
    Urszene diesmal mit einem non liquet zu beschließen. Diese
    Krankengeschichte ist noch nicht zu Ende; in ihrem weiteren
    Verlauf wird ein Moment auftauchen, welches die Sicherheit
    stört, deren wir uns jetzt zu erfreuen glauben. Dann wird
    wohl nichts anderes übrig bleiben als der Verweis auf die
    Stellen in meinen „Vorlesungen“, in denen ich das Problem
    der Urphantasien oder Urszenen behandelt habe.]