S.
158
könne, und fügte hinzu: „Voriges Jahr, wie ich Wiwi ge-
macht habe, haben mir die Berta und die Olga zugesehen.“
Ich meine, das heißt, voriges Jahr war ihm dieses Zu-
schauen der Mädchen angenehm, jetzt aber nicht mehr. Die
Exhibitionslust unterliegt jetzt der Verdrängung. Daß der
Wunsch, Berta und Olga mögen ihm beim Wiwimachen zu-
schauen (oder ihn Wiwimachen lassen), jetzt im Leben ver-
drängt wird, ist die Erklärung für dessen Auftreten im
Traume, in dem er sich die hübsche Einkleidung durch das
Pfänderspiel geschaffen hat.—Ich beobachtete seither wieder-
holt, daß er beim Wiwimachen nicht gesehen werden will.“Ich bemerke hierzu nur, daß auch dieser Traum sich der
Regel fügt, die ich in der „Traumdeutung“ (Ges. Schrif-
ten, Bd. II, S. 348 f.) gegeben habe: Reden, die im Traume
vorkommen, stammen von gehörten oder selbstgehaltenen
Reden der nächstvorigen Tage ab.Aus der Zeit bald nach der Rückkehr nach Wien hat der
Vater noch eine Beobachtung fixiert: „Hans (41/2 Jahre)
sieht wieder zu, wie seine kleine Schwester gebadet wird,
und fängt an zu lachen. Man fragt ihn: „Warum lachst du?“
Hans: „Ich lache über den Wiwimacher der Hanna.“ –
„Warum?“ – „Weil der Wiwimacher so schön ist.“
„Die Antwort ist natürlich eine falsche. Der Wiwimacher
kam ihm eben komisch vor. Es ist übrigens das erstemal,
daß er den Unterschied zwischen männlichem und weib-
lichem Genitale in solcher Weise anerkennt, anstatt ihn zu
verleugnen.“II) Krankengeschichte und Analyse
„Geehrter Herr Professor! Ich sende Ihnen wieder ein
Stückchen Hans, diesmal leider Beiträge zu einer Kranken-
geschichte. Wie Sie daraus lesen, hat sich bei ihm in denS.
159
letzten Tagen eine nervöse Störung entwickelt, die mich
und meine Frau sehr beunruhigt, weil wir kein Mittel zu
ihrer Beseitigung finden konnten. Ich erbitte mir die Er-
laubnis, Sie morgen .... zu besuchen, habe Ihnen aber
.... das verfügbare Material schriftlich aufgezeichnet.“
„Sexuelle Übererregung durch Zärtlichkeit der Mutter
hat wohl den Grund gelegt, aber den Erreger der Störung
weiß ich nicht anzugeben. Die Furcht, daß ihn auf der
Gasse ein Pferd beißen werde, scheint irgendwie
damit zusammenzuhängen, daß er durch einen großen
Penis geschreckt ist – den großen Penis des Pferdes hat er,
wie Sie aus einer früheren Aufzeichnung wissen, schon
zeitig bemerkt, und er hat damals den Schluß gezogen, daß
die Mama, weil sie so groß ist, einen Wiwimacher haben
müsse wie ein Pferd.“„Brauchbares weiß ich damit nicht anzufangen. Hat er
irgendwo einen Exhibitionisten gesehen? Oder knüpft das
Ganze nur an die Mutter an? Es ist uns nicht angenehm,
daß er schon jetzt anfängt Rätsel aufzugeben. Abgesehen
von der Furcht, auf die Gasse zu gehen, und der abendlichen
Verstimmung ist er übrigens ganz der Alte, lustig, heiter.“Wir wollen uns weder die begreiflichen Sorgen noch die
ersten Erklärungsversuche des Vaters zu eigen machen,
sondern uns zunächst das mitgeteilte Material beschauen. Es
ist gar nicht unsere Aufgabe, einen Krankheitsfall gleich
zu „verstehen“, dies kann erst später gelingen, wenn wir
uns genug Eindrücke von ihm geholt haben. Vorläufig
lassen wir unser Urteil in Schwebe und nehmen alles zu
Beobachtende mit gleicher Aufmerksamkeit hin.Die ersten Mitteilungen aber, die aus den ersten Jänner-
tagen dieses Jahres, 1908, stammen, lauten:„Hans (43/4 Jahre) kommt morgens weinend auf und sagt
der Mama auf die Frage, warum er weine: „Wie ich ge-S.
160
schlafen hab', hab' ich gedacht, du bist fort und ich hab'
keine Mammi zum Schmeicheln (= liebkosen).“„Also ein Angsttraum.“
„Etwas Ähnliches habe ich schon im Sommer in Gmunden
bemerkt. Er wurde abends im Bette meist sehr weich ge-
stimmt und machte einmal die Bemerkung (ungefähr):
wenn ich aber keine Mammi hab', wenn du fortgehst, oder
ähnlich; ich habe den Wortlaut nicht in Erinnerung. Wenn
er in einer solchen elegischen Stimmung war, wurde er
leider immer von der Mama ins Bett genommen.“„Etwa am 5. Jänner kam er früh zur Mama ins Bett und
sagte bei diesem Anlasse: „Weißt du, was Tante M. ge-
sagt hat: „Er hat aber ein liebes Pischl.“8) (Tante M. hatte
vor 4 Wochen bei uns gewohnt; sie sah einmal zu, wie
meine Frau den Knaben badete, und sagte Obiges tatsäch-
lich leise zu meiner Frau. Hans hat es gehört und suchte
es zu verwerten.)“„Am 7. Jänner geht er mit dem Kindermädchen wie ge-
wöhnlich in den Stadtpark, fängt auf der Straße an zu
weinen und verlangt, daß man mit ihm nach Hause gehe, er
wolle mit der Mammi „schmeicheln“. Zu Hause befragt,
weshalb er nicht weiter gehen wollte und geweint hat, will
er es nicht sagen. Bis zum Abend ist er heiter wie gewöhn-
lich; abends bekommt er sichtlich Angst, weint und ist von
der Mama nicht fortzubringen; er will wieder schmeicheln.
Dann wird er wieder heiter und schläft gut.“„Am 8. Jänner will die Frau selbst mit ihm spazieren-
gehen, um zu sehen, was mit ihm los ist, und zwar nach
Schönbrunn, wohin er sehr gerne geht. Er fängt wieder an
8)Pischl = Genitale. Liebkosungen der Kindergenitalien in Wor-
ten oder auch Tätlichkeiten von seiten zärtlicher Verwandter, mit-
unter auch der Eltern selbst, gehören zu den gewöhnlichsten Vor-
kommnissen, von denen die Psychoanalysen voll sind.S.
161
zu weinen, will nicht weggehen, fürchtet sich. Schließlich
geht er doch, hat aber auf der Straße sichtlich Angst. Auf
der Rückfahrt von Schönbrunn sagt er nach vielem Sträu-
ben zur Mutter: „Ich hab’ mich gefürchtet, daß
mich ein Pferd beißen wird. (Tatsächlich wurde er
in Schönbrunn unruhig, als er ein Pferd sah.) Abends soll
er wieder einen ähnlichen Anfall bekommen haben wie
tags vorher, mit Verlangen zu schmeicheln. Man beruhigt
ihn. Er sagt weinend: „Ich weiß, ich werde morgen wieder
spazierengehen müssen“, und später: „Das Pferd wird ins
Zimmer kommen.“Am selben Tage fragt ihn die Mama: „Gibst du viel-
leicht die Hand zum Wiwimacher?“ Darauf sagt er: „Ja,
jeden Abend, wenn ich im Bett bin.“ Am nächsten Tage,
9. Jänner, wird er vor dem Nachmittagsschlaf gewarnt, die
Hand zum Wiwimacher zu geben. Nach dem Aufwachen
befragt, sagt er, er hat sie doch für kurze Zeit hingegeben.“
Dies wäre also der Anfang der Angst wie der Phobie.
Wir merken ja, daß wir guten Grund haben, die beiden
voneinander zu sondern. Das Material erscheint uns
übrigens zur Orientierung vollkommen ausreichend, und
kein anderer Zeitpunkt ist dem Verständnisse so günstig
wie ein solches, leider meist vernachlässigtes oder ver-
schwiegenes Anfangsstadium. Die Störung setzt mit ängst-
lich-zärtlichen Gedanken und dann mit einem Angsttraum
ein. Inhalt des letzteren: Die Mutter zu verlieren, so daß
er mit ihr nicht schmeicheln kann. Die Zärtlichkeit für
die Mutter muß sich also enorm gesteigert haben. Dies
das Grundphänomen des Zustandes. Erinnern wir uns noch
zur Bestätigung der beiden Verführungsversuche, die er
gegen die Mutter unternimmt, von denen der erste noch
in den Sommer fällt, der zweite, knapp vor dem Aus-
bruche der Straßenangst, einfach eine Empfehlung seines
Freud, Krankengeschichten IIS.
162
Genitales enthält. Diese gesteigerte Zärtlichkeit für die
Mutter ist es, die in Angst umschlägt, die, wie wir sagen,
der Verdrängung unterliegt. Wir wissen noch nicht, woher
der Anstoß zur Verdrängung stammt; vielleicht erfolgt
sie bloß aus der für das Kind nicht zu bewältigenden
Intensität der Regung, vielleicht wirken andere Mächte,
die wir noch nicht erkennen, dabei mit. Wir werden es
weiterhin erfahren. Diese, verdrängter erotischer Sehn-
sucht entsprechende Angst ist zunächst wie jede Kinder-
angst objektlos, noch Angst und nicht Furcht. Das Kind
kann nicht wissen, wovor es sich fürchtet, und wenn Hans
auf dem ersten Spaziergange mit dem Mädchen nicht sagen
will, wovor er sich fürchtet, so weiß er es eben noch nicht.
Er sagt, was er weiß, daß ihm die Mama auf der Straße
fehlt, mit der er schmeicheln kann, und daß er nicht von
der Mama weg will. Er verrät da in aller Aufrichtigkeit
den ersten Sinn seiner Abneigung gegen die Straße.
Auch seine, an zwei Abenden hintereinander vor dem
Schlafengehen wiederholten, ängstlichen und noch deutlich
zärtlich getönten Zustände beweisen, daß zu Beginn der
Erkrankung eine Phobie vor der Straße oder dem Spazier-
gange oder gar vor den Pferden noch gar nicht vorhanden
ist. Der abendliche Zustand würde dann unerklärlich; wer
denkt vor dem Zubettgehen an Straße und Spaziergang?
Hingegen ist es vollkommen durchsichtig, daß er abends
so ängstlich wird, wenn ihn vor dem Zubettgehen die
Libido, deren Objekt die Mutter ist und deren Ziel etwa
sein könnte, bei der Mutter zu schlafen, verstärkt über-
fällt. Er hat doch die Erfahrung gemacht, daß die Mutter
sich durch solche Stimmungen in Gmunden bewegen
ließ, ihn in ihr Bett zu nehmen, und er möchte dasselbe
hier in Wien erreichen. Nebenbei vergessen wir nicht daran,
daß er in Gmunden zeitweise mit der Mutter allein war,S.
163
da der Vater nicht die ganzen Ferien dort verbringen
konnte; ferner daß sich dort seine Zärtlichkeit auf eine
Reihe von Gespielen, Freunde, Freundinnen, verteilt hatte,
die ihm hier abgingen, so daß die Libido wieder ungeteilt
zur Mutter zurückkehren konnte.Die Angst entspricht also verdrängter Sehnsucht, aber
sie ist nicht dasselbe wie die Sehnsucht; die Verdrängung
steht auch für etwas. Die Sehnsucht läßt sich voll in Be-
friedigung verwandeln, wenn man ihr das ersehnte Objekt
zuführen; bei der Angst nützt diese Therapie nichts mehr,
sie bleibt, auch wenn die Sehnsucht befriedigt sein könnte,
sie ist nicht mehr voll in Libido zurückzuverwandeln; die
Libido wird durch irgend etwas in der Verdrängung
zurückgehalten.9) Dies zeigt sich bei Hans auf dem nächsten
Spaziergange, den die Mutter mit ihm macht. Er ist jetzt
mit der Mutter und hat doch Angst, d. h. ungestillte Sehn-
sucht nach ihr. Freilich, die Angst ist geringer, er läßt sich
ja doch zum Spaziergange bewegen, während er das
Dienstmädchen zum Umkehren gezwungen hat; auch ist
die Straße nicht der richtige Ort fürs „Schmeicheln“, oder
was der kleine Verliebte sonst möchte. Aber die Angst
hat die Probe bestanden und muß jetzt ein Objekt finden.
Auf diesem Spaziergange äußert er zunächst die Furcht,
daß ihn ein Pferd beißen werde. Woher das Material
dieser Phobie stammt? Wahrscheinlich aus jenen noch
unbekannten Komplexen, die zur Verdrängung beigetragen
haben und die Libido zur Mutter im verdrängten Zustand
erhalten. Das ist noch ein Rätsel des Falles, dessen weitere
Entwicklung wir nun verfolgen müssen, um die Lösung zu
9)Ehrlich gesagt, wir heißen eben eine ängstlich-sehnsüchtige
Empfindung von dem Momente an eine pathologische Angst, wenn
sie nicht mehr durch die Zuführung des ersehnten Objektes auf-
zuheben ist.S.
164
finden. Gewisse Anhaltspunkte, die wahrscheinlich verläß
lich sind, hat uns der Vater schon gegeben, daß er die
Pferde wegen ihrer großen Wiwimacher immer mit Inter-
esse beobachtet, daß er angenommen, die Mama müsse
einen Wiwimacher haben wie ein Pferd u. dgl. So könnte
man meinen, das Pferd sei nur ein Ersatz für die Mama.
Aber was soll es heißen, daß Hans am Abend die Furcht
äußert, das Pferd werde ins Zimmer kommen? Eine dumme
Angstidee eines kleinen Kindes, wird man sagen. Aber die
Neurose sagt nichts Dummes, so wenig wie der Traum.
Wir schimpfen immer dann, wenn wir nichts verstehen.
Das heißt, sich die Aufgabe leicht machen.Vor dieser Versuchung müssen wir uns noch in einem
andern Punkte hüten. Hans hat gestanden, daß er sich jede
Nacht vor dem Einschlafen zu Lustzwecken mit seinem
Penis beschäftigt. Nun, wird der Praktiker gerne sagen,
nun ist alles klar. Das Kind masturbiert, daher also die
Angst. Gemach! Daß das Kind sich masturbatorisch Lust-
gefühle erzeugt, erklärt uns seine Angst keineswegs, macht
sie vielmehr erst recht rätselhaft. Angstzustände werden
nicht durch Masturbation, überhaupt nicht durch Befriedi-
gung hervorgerufen. Nebenbei dürfen wir annehmen, daß
unser Hans, der jetzt 43/4 Jahre alt ist, sich dieses Ver-
gnügen gewiß schon seit einem Jahre (vgl. S. 145) all-
abendlich gönnt, und werden erfahren, daß er sich gerade
jetzt im Abgewöhnungskampfe befindet, was zur Ver-
drängung und Angstbildung besser paßt.Auch für die gute und gewiß sehr besorgte Mutter
müssen wir Partei nehmen. Der Vater beschuldigt sie,
nicht ohne einen Schein von Recht, daß sie durch über-
große Zärtlichkeit und allzu häufige Bereitwilligkeit, das
Kind ins Bett zu nehmen, den Ausbruch der Neurose herbei-
geführt; wir könnten ihr ebensowohl den Vorwurf machen,S.
165
daß sie durch ihre energische Abweisung seiner Werbungen
(„das ist eine Schweinerei“) den Eintritt der Verdrängung
beschleunigt habe. Aber sie spielt eine Schicksalsrolle und
hat einen schweren Stand.Ich verabrede mit dem Vater, daß er dem Knaben sagen
solle, das mit den Pferden sei eine Dummheit, weiter nichts.
Die Wahrheit sei, daß er die Mama so gern habe und von
ihr ins Bett genommen werden wolle. Weil ihn der Wiwi-
macher der Pferde so sehr interessiert habe, darum fürchte
er sich jetzt vor den Pferden. Er habe gemerkt, es sei
unrecht, sich mit dem Wiwimacher, auch mit dem eigenen,
so intensiv zu beschäftigen, und das sei eine ganz richtige
Einsicht. Ferner schlug ich dem Vater vor, den Weg der
sexuellen Aufklärung zu betreten. Da wir nach der Vor-
geschichte des Kleinen annehmen durften, seine Libido
hafte am Wunsche, den Wiwimacher der Mama zu sehen,
so solle er ihm dieses Ziel durch die Mitteilung entziehen,
daß die Mama und alle anderen weiblichen Wesen, wie
er ja von der Hanna wissen könne, – einen Wiwimacher
überhaupt nicht besitzen. Letztere Aufklärung sei bei
passender Gelegenheit im Anschlusse an irgendeine Frage
oder Äußerung von Hans zu erteilen.Die nächsten Nachrichten über unsern Hans umfassen die
Zeit vom 1. bis zum 17. März. Die monatlange Pause wird
bald ihre Erklärung finden.„Der Aufklärung10) folgt eine ruhigere Zeit, in der Hans
ohne besondere Schwierigkeit zu bewegen ist, täglich in
den Stadtpark spazieren-zugehen. Seine Furcht vor Pferden10)Was seine Angst bedeute; noch nichts über den Wiwimacher
der Frauen.S.
166
verwandelt sich mehr und mehr in den Zwang, auf Pferde
hinzusehen. Er sagt: „Ich muß auf die Pferde sehen und
dann fürchte ich mich.“„Nach einer Influenza, die ihn für zwei Wochen ans
Bett fesselt, verstärkt sich die Phobie wieder so sehr, daß
er nicht zu bewegen ist, auszugehen; höchstens geht er
auf den Balkon. Sonntags fährt er jede Woche mit mir
nach Lainz,1) weil an diesem Tage wenig Wagen auf der
Straße zu sehen sind und er zur Bahnstation nur einen
kurzen Weg hat. In Lainz weigert er sich einmal, aus
dem Garten heraus spazierenzugehen, weil ein Wagen vor
dem Garten steht. Nach einer weiteren Woche, die er zu
Hause bleiben muß, weil ihm die Mandeln geschnitten
wurden, verstärkt sich die Phobie wieder sehr. Er geht
zwar auf den Balkon, aber nicht spazieren, d. h. er kehrt,
wenn er zum Haustor kommt, rasch wieder um.“„Sonntag, den 1. März, entwickelt sich auf dem Wege
zum Bahnhofe folgendes Gespräch: Ich suche ihm wieder
zu erklären, daß Pferde nicht beißen. Er: „Aber weiße
Pferde beißen; in Gmunden ist ein weißes Pferd, das
beißt. Wenn man die Finger hinhält, beißt es.“ (Es fällt
mir auf, daß er sagt: die Finger anstatt: die Hand.) Er
erzählt dann folgende Geschichte, die ich hier zusammen
hängend müs-
sen, ist ein Wagen mit einem weißen Pferde vor ihrem
Hause gestanden, der das Gepäck auf die Bahn bringen
sollte. (Lizzi ist, wie er mir erzählt, ein Mäderl, das in
einem Nachbarhause wohnte.) Ihr Vater ist nahe beim
Pferde gestanden und das Pferd hat den Kopf hingewendet
(um ihn zu berühren), und er hat zur Lizzi gesagt: Gib
nicht die Finger zum weißen Pferd, sonst beißt
es dich.“ Ich sage darauf: „Du, mir scheint, das ist kein
Pferd, das beißt.“1)Vorort von Wien, wo die Großeltern wohnen.
S.
167
Pferd, was du meinst, sondern ein Wiwimacher, zu dem
man nicht die Hand geben soll.“Er: „Aber ein Wiwimacher beißt doch nicht.“
Ich: „Vielleicht doch“, worauf er mir lebhaft beweisen
will, daß es wirklich ein weißes Pferd war.12)Am 2. März sage ich ihm, wie er sich wieder fürchtet:
„Weißt du was? Die Dummheit“ – so nennt er seine
Phobie – „wird schwächer werden, wenn du öfter spa-
zierengehst. Jetzt ist sie so stark, weil du nicht aus dem
Hause herausgekommen bist, weil du krank warst.“Er: „O nein, sie ist so stark, weil ich immer wieder die
Hand zum Wiwimacher gebe jede Nacht.“Arzt und Patient, Vater und Sohn, treffen sich also
darin, der Onanieangewöhnung die Hauptrolle in der
Pathogenese des gegenwärtigen Zustandes zuzuschieben. Es
fehlt aber auch nicht an Anzeichen für die Bedeutung
anderer Momente.„Am 3. März ist bei uns ein neues Mädchen eingetreten,
das sein besonderes Wohlgefallen erregt. Da sie ihn beim
Zimmerreinigen aufsitzen läßt, nennt er sie nur „mein
Pferd“ und hält sie immer am Rock, „Hüoh“ rufend. Am
10. März etwa sagt er zu diesem Kindermädchen: „Wenn
Sie das oder das tun, müssen Sie sich ganz ausziehen, auch
das Hemd.“ (Er meint, zur Strafe, aber es ist leicht, da-
hinter den Wunsch zu erkennen.)Sie: „No, was ist da dran? So werd’ ich mir denken, ich hab’
kein Geld auf Kleider.“Er: „Aber das ist doch eine Schande, da sieht man doch den
Wiwimacher.“Die alte Neugierde, auf ein neues Objekt geworfen und,
12)Der Vater hat keinen Grund zu bezweifeln, daß Hans hier
eine wirkliche Begebenheit erzählt hat. – Die Juckempfindungen
an der Eichel, welche die Kinder zur Berührung veranlassen, wer-
den übrigens in der Regel so beschrieben: Es beißt mich.S.
168
wie es den Zeiten der Verdrängung zukommt, mit einer
moralisierenden Tendenz verdeckt!„Am 13. März früh sage ich zu Hans: „Weißt du, wenn
du nicht mehr die Hand zum Wiwimacher gibst, wird die
Dummheit schon schwächer werden.““Hans: „Aber ich geb’ die Hand nicht mehr zum Wiwimacher.“
Ich: „Aber du möchtest sie immer gern geben.“
Hans: „Ja, das schon, aber ‚möchten‘ ist nicht ‚tun‘, und ‚tun‘
ist nicht ‚möchten‘.“ (!!)Ich: „Damit du aber nicht möchtest, bekommst du heute einen
Sack zum Schlafen.“„Darauf gehen wir vors Haus. Er fürchtet sich zwar,
sagt aber, durch die Aussicht auf die Erleichterung des
Kampfes sichtlich gehoben: „No morgen, wenn ich den
Sack haben werde, wird die Dummheit weg sein.“ Er
fürchtet sich tatsächlich vor Pferden viel weniger und läßt
Wagen ziemlich ruhig vorüberfahren.“„Am nächsten Sonntag, 15. März, hatte Hans versprochen,
mit mir nach Lainz zu fahren. Er sträubt sich erst, endlich
geht er doch mit mir. Auf der Gasse fühlt er sich, da
wenige Wagen fahren, sichtlich wohl und sagte: „Das ist
gescheit, daß der liebe Gott das Pferd schon ausgelassen hat.“
Auf dem Wege erkläre ich ihm, daß seine Schwester keinen
Wiwimacher hat wie er. Mäderl und Frauen haben keinen
Wiwimacher. Die Mammi hat keinen, die Anna nicht usw.“Hans: „Hast du einen Wiwimacher?“
Ich: „Natürlich, was hast du denn geglaubt?“
Hans (nach einer Pause): „Wie machen aber Mäderl Wiwi,
wenn sie keinen Wiwimacher haben?“Ich: „Sie haben keinen solchen Wiwimacher wie du. Hast du
noch nicht gesehen, wenn die Hanna gebadet worden ist?“„Den ganzen Tag über ist er sehr lustig, fährt Schlitten
usw. Erst gegen Abend wird er wieder verstimmt und
scheint sich vor Pferden zu fürchten.“S.
169
„Abends ist der nervöse Anfall und das Bedürfnis nach
Schmeicheln schwächer als an früheren Tagen. Am nächsten
Tage wird er von der Mama in die Stadt mitgenommen,
hat auf der Gasse große Furcht. Tags darauf bleibt er zu
Hause und ist sehr lustig. Am nächsten Morgen kommt
er gegen 6 Uhr ängstlich auf. Auf die Frage, was er habe,
erzählt er: „Ich habe den Finger ganz wenig zum Wiwi-
macher gegeben. Da hab’ ich die Mammi ganz nackt im
Hemde gesehen und sie hat den Wiwimacher sehen lassen.
Ich hab’ der Grete,13) meiner Grete, gezeigt, was die Mama
macht, und hab’ ihr meinen Wiwimacher gezeigt. Dann
hab’ ich die Hand schnell vom Wiwimacher weggegeben.“
Auf meinen Einwand, es kann nur heißen: im Hemd oder
ganz nackt, sagt Hans: „Sie war im Hemd, aber das Hemd
war so kurz, daß ich den Wiwimacher gesehen hab’.“Das Ganze ist kein Traum, sondern eine, übrigens einem
Traume äquivalente Onanierphantasie. Was er die Mama
tun läßt, dient offenbar zu seiner Rechtfertigung: „Wenn
die Mammi den Wiwimacher zeigt, darf ich es auch.“Wir können aus dieser Phantasie zweierlei ersehen,
erstens, daß der Verweis der Mutter seinerzeit eine starke
Wirkung auf ihn geübt hat, zweitens, daß die Aufklärung,
Frauen hätten keinen Wiwimacher, von ihm zunächst nicht
akzeptiert wird. Er bedauert es, daß es so sein soll, und
hält in der Phantasie an ihm fest. Vielleicht hat er auch
seine Gründe, dem Vater fürs erste den Glauben zu ver-
sagen.*
Wochenbericht des Vaters: „Geehrter Herr Pro-
fessor! Anbei folgt die Fortsetzung der Geschichte unseres
Hans, ein ganz interessantes Stück. Vielleicht werde ich mir13)Grete ist eines der Gmundner Mäderl, von dem Hans gerade
jetzt phantasiert; er spricht und spielt mit ihr.S.
170
erlauben, Sie Montag in der Ordination aufzusuchen, und wo
möglich Hans mitbringen – vorausgesetzt, daß er geht. Ich
hab’ ihn heute gefragt: „Willst du Montag mit mir zu dem
Professor gehen, der dir die Dummheit wegnehmen kann?“
Er: „Nein.“
Ich: „Aber er hat ein sehr schönes Mäderl.“ – Darauf
hat er bereitwillig und freudig zugestimmt.“„Sonntag, 22. März. Um das Sonntagsprogramm zu er-
weitern, schlage ich Hans vor, zuerst nach Schönbrunn zu
fahren und erst mittags von dort nach Lainz. Er hat also
nicht bloß den Weg von der Wohnung zur Stadtbahnstation
Hauptzollamt zu Fuß zurückzulegen, sondern auch von
der Station Hietzing nach Schönbrunn und von dort wieder
zur Dampftramwaystation Hietzing, was er auch absolviert,
indem er, wenn Pferde kommen, eiligst wegschaut, da
ihm offenbar ängstlich zumute ist. Mit dem Wegschauen
befolgt er einen Rat der Mama.“„In Schönbrunn zeigt er Furcht vor Tieren, die er sonst
furchtlos angesehen hat. So will er in das Haus, in dem
sich die Giraffe befindet, absolut nicht hinein, will auch
zum Elefanten nicht, der ihm sonst viel Spaß gemacht hat.
Er fürchtet sich vor allen großen Tieren, während er sich
bei den kleinen sehr unterhält. Unter den Vögeln fürchtet
er diesmal auch den Pelikan, was er früher nie getan hat,
offenbar auch wegen seiner Größe.“„Ich sage ihm daraufhin: Weißt du, warum du dich vor den
großen Tieren fürchtest? Große Tiere haben einen großen Wiwi-
macher, und du fürchtest dich eigentlich vor dem großen Wiwi-
macher.“Hans: „Aber ich habe noch nie von den großen Tieren den
Wiwi-macher gesehen.“1414)Das ist falsch. Vergleiche seinen Ausruf beim Löwenkäfig,
S. 146. Wahrscheinlich beginnendes Vergessen infolge der Ver-
drängung.S.
171
Ich: „Aber vom Pferde doch, und das Pferd ist auch ein großes
Tier.“Hans: „Oh, vom Pferd oft. Einmal in Gmunden, wie der Wagen
vor dem Hause gestanden ist, einmal vor dem Hauptzollamt.“Ich: „Wie du klein warst, bist du wahrscheinlich in Gmunden
in einen Stall gegangen...“Hans (unterbrechend): „Ja, jeden Tag, wenn in Gmunden die
Pferde nach Haus gekommen sind, bin ich in den Stall gegangen.“Ich: „— und hast dich wahrscheinlich gefürchtet, wie du ein
mal den großen Wiwimacher vom Pferde gesehen hast, aber davor
brauchst du dich nicht zu fürchten. Große Tiere haben große
Wiwimacher, kleine Tiere kleine Wiwimacher.“Hans: „Und alle Menschen haben Wiwimacher, und der Wiwi-
macher wächst mit mir, wenn ich größer werde; er ist ja an-
gewachsen.“„Damit schloß das Gespräch. In den folgenden Tagen
scheint die Furcht wieder etwas größer; er traut sich kaum
vors Haustor, wohin man ihn nach dem Essen führt.“Hansens letzte Trostrede wirft ein Licht auf die Situa-
tion und gestattet uns, die Behauptungen des Vaters ein
wenig zu korrigieren. Es ist wahr, daß er bei den großen
Tieren Angst hat, weil er an deren großen Wiwimacher
denken muß, aber man kann eigentlich nicht sagen, daß
er sich vor dem großen Wiwimacher selbst fürchtet. Die
Vorstellung eines solchen war ihm früher entschieden lust-
betont, und er versuchte mit allem Eifer, sich dessen An-
blick zu verschaffen. Dies Vergnügen ist ihm seither ver-
leidet worden durch die allgemeine Verkehrung von Lust
in Unlust, die — auf noch nicht aufgeklärte Weise — seine
ganze Sexualforschung betroffen hat, und was uns deut-
licher ist, durch gewisse Erfahrungen und Erwägungen,
die zu peinlichen Ergebnissen führten. Aus seiner Tröstung:
Der Wiwimacher wächst mit mir, wenn ich größer werde,
läßt sich schließen, daß er bei seinen Beobachtungen be-
ständig verglichen hat und von der Größe seines eigenenS.
172
Wiwimachers sehr unbefriedigt geblieben ist. An diesen
Defekt erinnern ihn die großen Tiere, die ihm aus diesem
Grunde unangenehm sind. Weil aber der ganze Gedanken-
gang wahrscheinlich nicht klar bewußt werden kann, wan-
delt sich auch diese peinliche Empfindung in Angst, so
daß seine gegenwärtige Angst sich auf der ehemaligen
Lust wie auf der aktuellen Unlust aufbaut. Wenn einmal
der Angstzustand hergestellt ist, so zehrt die Angst alle
anderen Empfindungen auf; mit fortschreitender Verdrän-
gung, je mehr die schon bewußt gewesenen affekttragenden
Vorstellungen ins Unbewußte rücken, können sich alle
Affekte in Angst verwandeln.Die sonderbare Bemerkung Hansens: „er ist ja ange-
wachsen“, läßt im Zusammenhange der Tröstung vieles
erraten, was er nicht aussprechen kann, auch in dieser
Analyse nicht ausgesprochen hat. Ich ergänze da ein Stück
nach meinen Erfahrungen aus den Analysen Erwachsener,
aber ich hoffe, die Einschaltung wird nicht als eine ge-
waltsame und willkürliche beurteilt werden. „Er ist ja
angewachsen“: wenn das zum Trutze und Troste gedacht
ist, so läßt es an die alte Drohung der Mutter denken,
sie werde ihm den Wiwimacher abschneiden lassen, wenn
er fortfahre, sich mit ihm zu beschäftigen. Diese Drohung
blieb damals, als er 3½ Jahre alt war, wirkungslos. Er
antwortete ungerührt, dann werde er aber mit dem Popo
Wiwi machen. Es wäre durchaus das typische Verhalten,
wenn die Drohung mit der Kastration jetzt nachträg-
lich zur Wirkung käme und er jetzt, 1¼ Jahre später,
unter der Angst stünde, das teure Stück seines Ichs ein-
zubüßen. Man kann solche nachträgliche Wirkungen von
Geboten und Drohungen in der Kindheit bei anderen Er-
krankungsfällen beobachten, wo das Intervall ebensoviel
Dezennien und mehr umfaßt. Ja, ich kenne Fälle, in denenS.
173
der „nachträgliche Gehorsam“ der Verdrängung
den wesentlichen Anteil an der Determinierung der Krank-
heitssymptome hat.Die Aufklärung, die Hans vor kurzem erhalten hat,
daß Frauen wirklich keinen Wiwimacher haben, kann nur
erschütternd auf sein Selbstvertrauen und erweckend auf
den Kastrationskomplex gewirkt haben. Darum sträubte er
sich auch gegen sie und darum blieb ein therapeutischer
Erfolg dieser Mitteilung aus: Soll es also wirklich lebende
Wesen geben, die keinen Wiwimacher besitzen? Dann
wäre es ja nicht mehr so unglaublich, daß man ihm den
Wiwimacher wegnehmen, ihn gleichsam zum Weibe machen
könnte!15*
„In der Nacht vom 27. zum 28. überrascht uns Hans
dadurch, daß er mitten im Dunkel aus seinem Bette auf-
steht und zu uns ins Bett kommt. Sein Zimmer ist durch
ein Kabinett von unserem Schlafzimmer getrennt. Wir
fragen ihn, weshalb; ob er sich vielleicht gefürchtet habe.
Er sagt: „Nein, ich werde es morgen sagen“, schläft in
unserem Bette ein und wird dann in seines zurückgetragen.“15)Ich kann den Zusammenhang nicht so weit unterbrechen,
um darzutun, wieviel Typisches an diesen unbewußten Gedanken-
gängen ist, die ich hier dem kleinen Hans zumute. Der Kastras-
tionskomplex ist die tiefste unbewußte Wurzel des Antisemitismus,
denn schon in der Kinderstube hört der Knabe, daß dem Juden
etwas am Penis – er meint, ein Stück des Penis – abgeschnitten
werde, und dies gibt ihm das Recht, den Juden zu verachten. Auch
die Überhebung über das Weib hat keine stärkere unbewußte
Wurzel. Weininger, jener hochbegabte und sexuell gestörte
junge Philosoph, der nach seinem merkwürdigen Buche „Geschlecht
und Charakter“ sein Leben durch Selbstmord beendigte, hat in
einem vielbemerken Kapitel den Juden und das Weib mit der
gleichen Feindschaft bedacht und mit den nämlichen Schmähungen
überhäuft. Weininger stand als Neurotiker völlig unter der
Herrschaft infantiler Komplexe; die Beziehung zum Kastrations-
komplex ist das dem Juden und dem Weibe dort Gemeinsame.S.
174
„Am nächsten Tage nehme ich ihn ins Gebet, um zu
erfahren, weshalb er in der Nacht zu uns gekommen ist,
und es entwickelt sich nach einigem Sträuben folgender
Dialog, den ich sofort stenographisch festlege:Er: „In der Nacht war eine große und eine zerwutzte Giraffe
im Zimmer, und die große hat geschrien, weil ich ihr die zer-
wutzte lie weggenommen hab’. Dann hat sie aufgehört zu schreien,
und dann hab’ ich mich auf die zerwutzte Giraffe draufgesetzt.“
Ich, befremdet: „Was? Eine zerwutzte Giraffe? Wie war das?“
Er: „Ja.“ (Holt schnell ein Papier, wutzelt es zusammen und
sagt mir): „So war sie zerwutzelt.“
Ich: „Und du hast dich auf die zerwutzte Giraffe drauf-
gesetzt? Wie?“
„Er zeigt mir’s wieder, setzt sich auf die Erde.“
Ich: „Weshalb bist du ins Zimmer gekommen?“
Er: „Das weiß ich selber nicht.“
Ich: „Hast du dich gefürchtet?“
Er: „Nein, bestimmt nicht.“
Ich: „Hast du von den Giraffen geträumt?“
Er: „Nein, nicht geträumt; ich hab’ mir’s gedacht – das Ganze
hab’ ich mir gedacht – aufgekommen war ich schon früher.“
Ich: „Was soll das heißen: eine zerwutzte Giraffe? Du weißt
ja, daß man eine Giraffe nicht zusammendrücken kann wie ein
Stück Papier.“
Er: „Ich weiß ja. Ich hab’s halt geglaubt. Es gibt’s ja eh net
auf der Welt.16) Die zerwutzte ist ganz gelegen auf dem Fuß-
boden, und ich hab’ sie weggenommen, mit den Händen genommen.“
Ich: „Was, so eine große Giraffe kann man mit den Händen
nehmen?“
Er: „Die zerwutzte hab’ ich mit der Hand genommen.“
Ich: „Wo war die große unterdessen?“
Er: „Die große ist halt weiter weg gestanden.“
Ich: „Was hast du mit der zerwutzten gemacht?“
Er: „Ich hab’ sie ein bißchen in der Hand gehalten, bis die
große zu schreien aufgehört hat, und wie die große zum schreien
aufgehört hat, hab’ ich mich draufgesetzt.“
16)Hans sagt es ganz bestimmt in seiner Sprache, es war eine
Phantasie.S.
175
Ich: „Weshalb hat die große geschrien?“
Er: „Weil ich ihr die kleine weggenommen hab'.“ (Bemerkt,
daß ich alles notiere, und fragt: „Weshalb schreibst du das auf?“)
Ich: „Weil ich es einem Professor schicke, der dir die ‚Dumm-
heit‘ wegnehmen kann.“Er: „Aha, da hast du’s doch auch aufgeschrieben, daß sich die
Mammi das Hemd ausgezogen hat, und gibst das auch dem Pro-
fessor.“Ich: „Ja, der wird aber nicht verstehen, wie du glaubst, daß
man eine Giraffe zerwutzeln kann.“Er: „Sag ihm halt, ich weiß es selber nicht, und da wird er
nicht fragen; wenn er aber fragt, was die verwutzelte Giraffe ist,
kann er uns ja schreiben, und wir schreiben hin oder schreiben
wir gleich, ich weiß es selber nicht.“Ich: „Weshalb bist du aber in der Nacht gekommen?“
Er: „Das weiß ich nicht.“Ich: „Sag mir halt schnell, woran du jetzt denkst.“
Seine Wünsche
Er (humoristisch): „An einen Himbeersaft.“
Ich: „Was noch?“
Er: „Ein Gewehr zum Totschießen.17)
Ich: „Du hast es gewiß nicht geträumt?“
Er: „Sicher nicht; nein, ich weiß es ganz bestimmt.“Er erzählt weiter: „Die Mammi hat mich so lange gebeten,
ich soll ihr sagen, weshalb ich in der Nacht gekommen bin. Ich
hab’s aber nicht sagen wollen, weil ich mich zuerst vor der
Mammi geschämt hab‘.“Ich: „Weshalb?“
Er: „Das weiß ich nicht.“„Tatsächlich hat ihn meine Frau den ganzen Vormittag
inquiriert, bis er die Giraffengeschichte erzählt hat.“Am selben Tage noch findet der Vater die Auflösung
der Giraffenphantasie.„Die große Giraffe bin ich, respektive der große Penis
(der lange Hals), die zerwutzelte Giraffe meine Frau,17)Der Vater versucht hier in seiner Ratlosigkeit, die klassische
Technik der Psychoanalyse zu üben. Diese führt nicht weit, aber
was sie ergibt, kann doch im Lichte späterer Eröffnungen sinnvoll
werden.S.
176
respektive ihr Glied, was also der Erfolg der Auf-
klärung ist.“„Giraffe: vide Ausflug nach Schönbrunn. Übrigens hat
er ein Bild einer Giraffe und eines Elefanten über seinem
Bette hängen.“„Das Ganze ist die Reproduktion einer Szene, die sich
fast jeden Morgen in den letzten Tagen abgespielt hat.
Hans kommt in der Früh immer zu uns, und meine Frau
kann es dann nicht unterlassen, ihn für einige Minuten
zu sich ins Bett zu nehmen. Daraufhin fange ich immer
an, sie zu warnen, sie möge ihn nicht zu sich nehmen
(„die große hat geschrien, weil ich ihr die zerwutzelte
weggenommen hab“), und sie erwidert hie und da, wohl
gereizt, das sei doch ein Unsinn, die eine Minute sei doch
irrelevant usw. Hans bleibt dann eine kurze Zeit bei ihr.
(„Dann hat die große Giraffe aufgehört zu schreien und
dann hab’ ich mich auf die zerwutzelte Giraffe drauf-
gesetzt.“)„Die Lösung dieser ins Giraffenleben transponierten Ehe-
szene ist also: er hat in der Nacht Sehnsucht nach der
Mama bekommen, nach ihren Liebkosungen, ihrem Gliede,
und ist deshalb ins Schlafzimmer gekommen. Das Ganze
ist die Fortsetzung der Pferdefurcht.“Ich weiß der scharfsinnigen Deutung des Vaters nur
hinzuzufügen: „Das Draufsetzen“ ist wahrscheinlich
Hansens Darstellung des Besitzergreifens. Das Ganze
aber ist eine Trutzphantasie, die mit Befriedigung an den
Sieg über den väterlichen Widerstand anknüpft. „Schrei,
soviel du willst, die Mammi nimmt mich doch ins Bett
und die Mammi gehört mir.“ Es läßt sich also mit Recht
hinter ihr erraten, was der Vater vermutet: die Angst, daß
ihn die Mama nicht mag, weil sich sein Wiwimacher mit
dem des Vaters nicht messen kann.S.
177
Am nächsten Morgen holt sich der Vater die Bestätigung
seiner Deutung.„Sonntag, 29. März, fahre ich mit Hans nach Lainz. In
der Tür verabschiede ich mich von meiner Frau scherz-
haft: „Adieu, große Giraffe.“ Hans fragt: „Warum Gi-
raffe?“ Darauf ich: „Die Mammi ist die große Giraffe“,
worauf Hans sagt: „Nicht wahr, und die Hanna ist die
zerwutzelte Giraffe?“„Auf der Bahn erkläre ich ihm die Giraffenphantasie,
worauf er sagt: Ja, das ist richtig, und wie ich ihm sage,
ich sei die große Giraffe, der lange Hals habe ihn an
einen Wiwimacher erinnert, sagt er: „Die Mammi hat auch
einen Hals wie eine Giraffe, das hab’ ich gesehen, wie sie
sich den weißen Hals gewaschen hat.“18„Am Montag, 30. März, früh kommt Hans zu mir und
sagt: „Du, heut hab’ ich mir zwei Sachen gedacht. Die
erste? Ich bin mit dir in Schönbrunn gewesen bei den
Schafen, und dann sind wir unter den Stricken durch-
gekrochen, und das haben wir dann dem Wachmanne beim
Eingang des Gartens gesagt, und der hat uns zusammen-
gepackt.“ Das zweite hat er vergessen.„Ich bemerke dazu: Als wir am Sonntag zu den Schafen
gehen wollten, war dieser Raum durch einen Strick ab-
gesperrt, so daß wir nicht hingehen konnten. Hans war
sehr verwundert, daß man einen Raum nur mit einem
Stricke absperrt, unter dem man doch leicht durchschlüpfen
kann. Ich sagte ihm, anständige Menschen kriechen nicht
unter den Strick. Er meinte, es ist ja ganz leicht, worauf
ich erwiderte, es kann dann ein Wachmann kommen, der18)Hans bestätigt nur die Deutung der beiden Giraffen auf
Vater und Mutter, nicht die sexuelle Symbolik, die in der Giraffe
selbst eine Vertretung des Penis erblicken will. Wahrscheinlich hat
diese Symbolik recht, aber von Hans kann man wahrlich nicht
mehr verlangen.S.
178
einen fortführt. Am Eingange von Schönbrunn steht ein
Leibgardist, von dem ich Hans einmal gesagt habe, der
arretiert schlimme Kinder.“„Nach der Rückkehr von dem Besuche bei Ihnen, der
am selben Tage vorfiel, beichtete Hans noch ein Stückchen
Gelüste, Verbotenes zu tun. „Du, heut früh hab’ ich mir
wieder etwas gedacht.“ „Was?“ „Ich bin mit dir in der
Eisenbahn gefahren und wir haben ein Fenster zerschlagen
und der Wachmann hat uns mitgenommen.“Die richtige Fortsetzung der Giraffenphantasie. Er ahnt,
daß es verboten ist, sich in den Besitz der Mutter zu
setzen; er ist auf die Inzestschranke gestoßen. Aber er
hält es für verboten an sich. Bei den verbotenen Streichen,
die er in der Phantasie ausführt, ist jedesmal der Vater
dabei und wird mit ihm eingesperrt. Der Vater, meint er,
tut doch auch jenes rätselhafte Verbotene mit der Mutter,
das er sich durch etwas Gewalttätiges, wie das Zerschlagen
einer Fensterscheibe, durch das Eindringen in einen abge-
schlossenen Raum, ersetzt.An diesem Nachmittage besuchten mich Vater und Sohn
in meiner ärztlichen Ordination. Ich kannte den drolligen
Knirps schon und hatte ihn, der in seiner Selbstsicherheit
doch so liebenswürdig war, jedesmal gern gesehen. Ob er
sich meiner erinnerte, weiß ich nicht, aber er benahm sich
tadellos, wie ein ganz vernünftiges Mitglied der mensch-
lichen Gesellschaft. Die Konsultation war kurz. Der Vater
knüpfte daran an, daß trotz aller Aufklärungen die Angst
vor den Pferden sich noch nicht gemindert habe. Wir
mußten uns auch eingestehen, daß die Beziehungen zwischen
den Pferden, vor denen er sich ängstigte, und den auf-
gedeckten Regungen von Zärtlichkeit für die Mutter wenig
ausgiebige waren. Details, wie ich sie jetzt erfuhr, daß
ihn besonders geniere, was die Pferde vor den AugenS.
179
haben und das Schwarze um deren Mund, ließen sich von
dem aus, was wir wußten, gewiß nicht erklären. Aber
als ich die beiden so vor mir sitzen sah und dabei die
Schilderung seiner Angstpferde hörte, schoß mir ein wei-
teres Stück der Auflösung durch den Sinn, von dem ich ver-
stand, daß es gerade dem Vater entgehen konnte. Ich fragte
Hans scherzend, ob seine Pferde Augengläser tragen, was
er verneinte, dann, ob sein Vater Augengläser trage, was
er gegen alle Evidenz wiederum verneinte, ob er mit dem
Schwarzen um den „Mund“ den Schnurrbart meine, und
eröffnete ihm dann, er fürchte sich vor seinem Vater,
eben weil er die Mutter so lieb habe. Er müsse ja glauben,
daß ihm der Vater darob böse sei, aber das sei nicht wahr,
der Vater habe ihn doch gern, er könne ihm furchtlos
alles bekennen. Lange, ehe er auf der Welt war, hätte
ich schon gewußt, daß ein kleiner Hans kommen werde,
der seine Mutter so lieb hätte, daß er sich darum vor
dem Vater fürchten müßte, und hätte es seinem Vater er-
zählt. „Warum glaubst du denn, daß ich böse auf dich
bin“, unterbrach mich hier der Vater, „habe ich dich denn
je geschimpft oder geschlagen?“ „O ja, du hast mich ge-
schlagen“, verbesserte Hans. „Das ist nicht wahr. Wann
denn?“ „Heute vormittag“, mahnte der Kleine, und der
Vater erinnerte sich, daß Hans ihn ganz unerwartet mit
dem Kopfe in den Bauch gestoßen, worauf er ihm wie
reflektorisch einen Schlag mit der Hand gegeben. Es war
bemerkenswert, daß er dieses Detail nicht in den Zu-
sammenhang der Neurose aufgenommen hatte; er verstand
es aber jetzt als Ausdruck der feindseligen Disposition des
Kleinen gegen ihn, vielleicht auch als Äußerung des Be-
dürfnisses, sich dafür eine Bestrafung zu holen.19)19)Der Knabe wiederholte diese Reaktion gegen den Vater
später in deutlicherer und vollständigerer Weise, indem er demS.
180
Auf dem Heimgange fragte Hans den Vater: „Spricht
denn der Professor mit dem lieben Gott, daß er das alles
vorher wissen kann?“ Ich wäre auf diese Anerkennung
aus Kindermund außerordentlich stolz, wenn ich sie nicht
durch meine scherzhaften Prahlereien selbst provoziert
hätte. Ich erhielt von dieser Konsultation an fast täglich
Berichte über die Veränderungen im Befinden des kleinen
Patienten. Es stand nicht zu erwarten, daß er durch meine
Mitteilung mit einem Schlage angstfrei werden könnte,
aber es zeigte sich, daß ihm nun die Möglichkeit gegeben
war, seine unbewußten Produktionen vorzubringen und
seine Phobie abzuwickeln. Er führte von da an ein Pro-
gramm aus, das ich seinem Vater im vorhinein mitteilen
konnte.„Am 2. April ist die erste wesentliche Besserung
festzustellen. Während er bisher nie zu bewegen war, für
längere Zeit vors Haustor zu gehen, und immer, wenn
Pferde kamen, mit allen Zeichen des Schreckens zurück
ins Haus rannte, bleibt er diesmal eine Stunde vor dem
Haustore, auch wenn Wagen vorüberfahren, was bei uns
ziemlich häufig vorkommt. Hie und da läuft er, wenn er
von ferne einen Wagen kommen sieht, ins Haus, kehrt
jedoch sofort um, als ob er sich anders besinnen würde.
Es ist jedenfalls nur ein Rest von Angst vorhanden und
der Fortschritt seit der Aufklärung nicht zu verkennen.“„Abends sagt er: „Wenn wir schon vors Haustor gehen,
werden wir auch in den Stadtpark gehen.“„Am 3. April kommt er früh zu mir ins Bett, während
er die letzten Tage nicht mehr gekommen war und sogar
stolz auf diese Enthaltung schien.Ich frage: „Weshalb bist du denn heute gekommen?“
Vater zuerst einen Schlag auf die Hand gab und dann dieselbe
Hand zärtlich küßte.S.
181
Hans: „Bis ich mich nicht fürchten werde, werde ich nicht
mehr kommen.“Ich: „Du kommst also zu mir, weil du dich fürchtest?“
Hans: „Wenn ich nicht bei dir bin, fürchte ich mich; wenn ich
nicht bei dir im Bette bin, da fürcht’ ich mich. Bis ich mich nicht
mehr fürchten werde, komme ich nicht mehr.“Ich: „Du hast mich also gern, und dir ist bange, wenn du früh
in deinem Bette bist, deshalb kommst du zu mir?“Hans: „Ja. Warum hast du mir gesagt, ich hab’ die Mammi
gern, und ich fürcht’ mich deshalb, wenn ich dich gern
hab’?“Der Kleine zeigt hier eine wirklich überlegene Klarheit.
Er gibt zu erkennen, daß in ihm die Liebe zum Vater mit
der Feindseligkeit gegen den Vater infolge seiner Neben-
buhlerrolle bei der Mutter ringt, und macht dem Vater den
Vorwurf, daß er ihn bisher auf dieses Kräftespiel, das in
Angst auslaufen mußte, nicht aufmerksam gemacht hat.Der Vater versteht ihn noch nicht ganz, denn er holt sich
erst während dieser Unterhaltung die Überzeugung von
der Feindseligkeit des Kleinen gegen ihn, die ich bei
unserer Konsultation behauptet hatte. Das Folgende, das
ich doch unverändert mitteile, ist eigentlich bedeutsamer
für die Aufklärung des Vaters als für den kleinen Pa-
tienten.„Diesen Einwand habe ich leider nicht sofort nach seiner
Bedeutung aufgefaßt. Weil Hans die Mutter gerne hat,
will er mich offenbar weghaben, dann ist er an Vaters
Stelle. Dieser unterdrückte feindliche Wunsch wird zur
Angst um den Vater, und er kommt früh zu mir, um zu
sehen, ob ich fort bin. Ich habe das leider in diesem
Momente noch nicht verstanden und sage ihm:„Wenn du allein bist, ist dir halt bange nach mir, und du
kommst zu mir.“Hans: „Wenn du weg bist, fürcht’ ich mich, daß du nicht nach
Hause kommst.“S.
182
Ich: „Hab’ ich dir denn einmal gedroht, daß ich nicht nach
Hause komme?“
Hans: „Du nicht, aber die Mammi. Die Mammi hat mir gesagt,
daß sie nicht mehr kommt.“ (Wahrscheinlich war er schlimm, und
sie hat ihm mit dem Weggehen gedroht.)
Ich: „Das hat sie gesagt, weil du schlimm warst.“
Hans: „Ja.“
Ich: „Du fürchtest dich also, ich geh’ weg, weil du schlimm
warst, deshalb kommst du zu mir.“„Beim Frühstücke stehe ich vom Tische auf, worauf
Hans sagt: Vatti, renn mir nicht davon! Daß er „renn“
anstatt „lauf“ sagt, fällt mir auf, und ich repliziere: „Oha,
du fürchtest dich, das Pferd rennt dir davon.“ Wozu
er lacht.Wir wissen, daß dieses Stück der Angst Hansens doppelt
gefügt ist: Angst vor dem Vater und Angst um den Vater.
Die erstere stammt von der Feindseligkeit gegen den Vater,
die andere von dem Konflikte der Zärtlichkeit, die hier
reaktionsweise übertrieben wird, mit der Feindseligkeit.Der Vater setzt fort: „Das ist zweifellos der Anfang
eines wichtigen Stückes. Daß er sich höchstens vors Haus
traut, vom Hause aber nicht weggeht, daß er beim ersten
Anfalle der Angst auf der Hälfte des Weges umkehrt,
ist motiviert durch die Furcht, die Eltern nicht zu Hause
zu treffen, weil sie weggegangen sind. Er klebt am Hause
aus Liebe zur Mutter, er fürchtet sich, daß ich weggehe,
aus feindlichen Wünschen gegen mich, dann wäre er der
Vater.“„Im Sommer bin ich wiederholt von Gmunden nach
Wien weggefahren, weil es der Beruf erforderte, dann war
er der Vater. Ich erinnere daran, daß die Pferdeangst an
das Erlebnis in Gmunden anknüpft, als ein Pferd das
Gepäck der Lizzi auf den Bahnhof bringen sollte. Der
verdrängte Wunsch, ich solle auf den Bahnhof fahren, dannS.
183
ist er mit der Mutter allein („das Pferd soll wegfahren“),
wird dann zur Angst vor dem Wegfahren der Pferde,
und tatsächlich versetzt ihn nichts in größere Angst, als
wenn aus dem unserer Wohnung gegenüberliegenden Hofe
des Hauptzollamtes ein Wagen wegfährt, Pferde sich in
Bewegung setzen.“
„Dieses neue Stück (feindselige Gesinnungen gegen den
Vater) konnte erst herauskommen, nachdem er weiß, daß
ich nicht böse bin, weil er die Mama so gerne hat.“
„Nachmittags gehe ich wieder mit ihm vors Haustor; er
geht wieder vors Haus und bleibt auch daselbst, wennLagerhaus
Verladungsrampe
Wagen
Hofraum
Gitter
Einfahrtstor
Güter
Untere Viaduc-
gasseUnser Haus
Fig. 2.
Wagen fahren, nur bei einzelnen Wagen hat er Angst und
läuft in den Hausflur. Er erklärt mir auch: „Nicht alle
weißen Pferde beißen“; d. h.: durch die Analyse sind
bereits einige weiße Pferde als ‚Vatti‘ erkannt worden, die
beißen nicht mehr, allein es bleiben noch andere zum
Beißen.“
„Die Situation vor unserem Haustore ist folgende: Gegen
über ist das Lagerhaus des Verzehrungssteueramtes mit
einer Verladungsrampe, wo den ganzen Tag über Wagen
vorfahren, um Kisten u. dgl. abzuholen. Gegen die Straße
sperrt ein Gitter diesen Hofraum. Vis-à-vis von unserer
Wohnung ist das Einfahrtstor des Hofraumes (Fig. 2). IchS.
184
bemerke schon seit einigen Tagen, daß Hans sich besonders
fürchtet, wenn Wagen aus dem Hofe heraus-
fahren, wobei sie eine Schwenkung machen müssen. Ich
habe seinerzeit gefragt, warum er sich so fürchtet, worauf
er sagt: „Ich fürcht’ mich, daß die Pferde um-
fallen, wenn der Wagen umwendet (A).“ Ebenso
sehr fürchtet er sich, wenn Wagen, die bei der Verladungs-
rampe stehen, sich plötzlich in Bewegung setzen, um fort-
zufahren (B). Er fürchtet sich ferner (C) vor großen Last-
pferden mehr als vor kleinen Pferden, vor bäuerischen
Pferden mehr als vor eleganten (wie z. B. Fiaker-) Pferden.
Auch fürchtet er sich mehr, wenn ein Wagen schnell
vorüberfährt (D), als wenn die Pferde langsam daher-
trotten. Diese Differenzierungen sind natürlich erst in den
letzten Tagen deutlich hervorgetreten.“Ich möchte sagen, infolge der Analyse hat nicht nur der
Patient, sondern auch seine Phobie mehr Courage be-
kommen und wagt es sich zu zeigen.„Am 5. April kommt Hans wieder ins Schlafzimmer und
wird in sein Bett zurückgeschickt. Ich sage ihm: „So-
lange du früh ins Zimmer kommst, wird die Pferde-
angst nicht besser werden.“ Er trotzt aber und antwortet:
„Ich werde doch kommen, auch wenn ich mich fürchte.“
Er will sich also den Besuch bei der Mama nicht verbieten
lassen.“„Nach dem Frühstück sollen wir hinuntergehen. Hans
freut sich sehr darauf und plant, anstatt wie gewöhnlich
vor dem Haustore zu bleiben, über die Gasse in den Hof-
raum zu gehen, wo er oft genug Gassenbuben spielen sah.
Ich sage ihm, es werde mich freuen, wenn er hinübergehen
werde, und benütze die Gelegenheit, um zu fragen, wes-
halb er sich so fürchte, wenn die beladenen Wagen sich
an der Verladungsrampe in Bewegung setzen (B).“S.
185
Hans: „Ich fürcht’ mich, wenn ich am Wagen steh’ und der
Wagen geschwind wegfährt, und ich steh’ drauf, und ich will dort
auf das Brett gehen (die Verladungsrampe), und ich fahre mit
dem Wagen weg.“Ich: „Und wenn der Wagen steht? Dann fürchtest du dich
nicht? Weshalb nicht?“Hans: „Wenn der Wagen steht, geh’ ich geschwind auf den
Wagen und geh’ auf das Brett.“„(Hans plant also, über einen Wagen auf die Verladungsrampe
zu klettern und fürchtet sich, daß der Wagen davonfährt, wenn
er auf dem Wagen oben ist.)“Fig. 3.
Ich: „Fürchtest du dich vielleicht, daß du nicht mehr nach
Hause kommst, wenn du mit dem Wagen davonfährst?“Hans: „O nein; ich kann ja immer noch zur Mama kommen,
mit dem Wagen oder mit einem Fiaker. Ich kann ihm ja auch die
Hausnummer sagen.“Ich: „Also weshalb fürchtest du dich eigentlich?“
Hans: „Das weiß ich nicht, der Professor wird’s aber wissen.
Glaubst du, daß er es wissen wird?“Ich: „Warum willst du eigentlich hinüber aufs Brett?“
Hans: „Weil ich noch nie drüben war, und da hab’ ich so gern
wollen dort sein, und weißt du, warum ich hab’ wollen hingehen?
Weil ich hab’ wollen Gepäck aufladen und einladen und auf dem
Gepäcke dort hab’ ich wollen herumklettern. Da mag ich so gerne
herumklettern. Weißt du, von wem ich das Herumklettern gelernt
habe? Buben haben auf dem Gepäcke geklettert, und das hab’ ich
auch gesehen, und das will ich auch machen.“„Sein Wunsch ging nicht in Erfüllung, denn wenn Hans
sich auch wieder vors Haustor getraute, die wenigen SchritteS.
186
über die Gasse in den Hofraum wecken in ihm zu große
Widerstände, weil im Hofe fortwährend Wagen fahren.“Der Professor weiß auch nur, daß dieses beabsichtigte
Spiel Hansens mit den beladenen Wagen in eine sym-
bolische, ersetzende Beziehung zu einem andern Wunsche
geraten sein muß, von dem er noch nichts geäußert hat.
Aber dieser Wunsch ließe sich, wenn es nicht zu kühn
schiene, schon jetzt konstruieren.„Nachmittags gehen wir wieder vors Haustor, und zu-
rückgekehrt, frage ich Hans:„Vor welchen Pferden fürchtest du dich eigentlich am meisten?“
Hans: „Vor allen.“
Ich: „Das ist nicht wahr.“
Hans: „Am meisten fürcht’ ich mich vor den Pferden, die am
Munde so etwas haben.“Ich: „Was meinst du? Das Eisen,
das sie im Munde haben?“
Hans: „Nein, sie haben etwas
Schwarzes am Munde (deckt sei-
nen Mund mit der Hand zu).“
Ich: „Was, vielleicht einen
Schnurrbart?“
Hans (lacht): „O nein.“Fig. 4.
Ich: „Haben das alle?“
Hans: „Nein, nur einige.“
Ich: „Was ist das, was sie am Munde haben?“
Hans: „So etwas Schwarzes.“ – „Ich glaube, es ist in der
Realität das dicke Riemenzeug der Lastpferde über der Schnauze.“
„Auch vor einem Möbelwagen fürcht’ ich mich am meisten.“
Ich: „Warum?“
Hans: „Ich glaub’, wenn die Möbelpferde einen schweren Wa-
gen ziehen, fallen sie um.“
Ich: „Bei einem kleinen Wagen fürchtest du dich also nicht?“
Hans: „Nein, bei einem kleinen Wagen und einem Postwagen
fürcht’ ich mich nicht. Auch wenn ein Stellwagen kommt, fürcht’
ich mich am meisten.“
Ich: „Warum, weil er so groß ist?“S.
187
Hans: „Nein, weil einmal bei so einem Wagen ein Pferd um-
gefallen ist.“Ich: „Wann?“
Hans: „Einmal, wie ich mit der Mammi gegangen bin trotz der
‚Dummheit‘, wie ich die Weste gekauft hab‘.“„(Dies wird nachträglich von der Mutter bestätigt.)“
Ich: „Was hast du dir gedacht, wie das Pferd umgefallen ist?“
Hans: „Das wird jetzt immer sein. Alle Pferde werden beim
Stellwagen umfallen.“Ich: „Bei jedem Stellwagen?“
Hans: „Ja! Und auch beim Möbelwagen. Beim Möbelwagen
nicht so oft.“Ich: „Du hast damals die Dummheit schon gehabt?“
Hans: „Nein, ich hab‘ sie erst gekriegt. Wie das Pferd vom
Stellwagen umgefallen ist, hab‘ ich mich so sehr erschrocken, wirk-
lich! Wie ich gegangen bin, hab‘ ich sie gekriegt.“Ich: „Die Dummheit war doch, daß du dir gedacht hast, ein
Pferd wird dich beißen, und jetzt sagst du, du hast dich gefürchtet,
daß ein Pferd umfallen wird.“Hans: „Umfallen und beißen wird.“20)
Ich: „Weshalb bist du so erschrocken?“
Hans: „Weil das Pferd mit den Füßen so gemacht hat (legt sich
auf die Erde hin und macht mir das Zappeln vor). Ich hab‘ mich
erschrocken, weil es einen ‚Krawall‘ gemacht hat mit
den Füßen.“Ich: „Wo warst du damals mit der Mammi?“
Hans: „Zuerst am Eislaufplatze, dann im Kaffeehause, dann
eine Weste kaufen, dann beim Zuckerbäcker mit der Mammi und
dann nach Hause am Abend; da sind wir durch den Stadtpark
durchgegangen.“„(Das alles wird von meiner Frau bestätigt, auch daß unmittel-
bar nachher die Angst ausgebrochen ist).“Ich: „War das Pferd tot, wie es umgefallen ist?“
Hans: „Ja!“
Ich: „Woher weißt du das?“
20)Hans hat recht, so unwahrscheinlich diese Vereinigung auch
klingt. Der Zusammenhang ist nämlich, wie sich zeigen wird, daß
das Pferd (der Vater) ihn beißen werde wegen seines Wunsches,
daß es (der Vater) umfallen möge.S.
188
Hans: „Weil ich’s gesehen hab’ (lacht). Nein, es war gar nicht
tot.“Ich: „Vielleicht hast du dir gedacht, daß es tot ist.“
Hans: „Nein, gewiß nicht. Ich hab’s nur im Spaße gesagt.“
„(Seine Miene war aber damals ernst.)“„Da er müde ist, lasse ich ihn laufen. Er erzählt mir
nur noch, daß er sich zuerst vor Stellwagenpferden, dann
vor allen anderen und zuletzt erst vor Möbelwagenpferden
gefürchtet habe.“Auf dem Rückwege nach Lainz noch einige Fragen:
Ich: „Wie das Stellwagenpferd gefallen ist, was für Farbe hat
es gehabt? Weiß, rot, braun, grau?“Hans: „Schwarz, beide Pferde waren schwarz.“
Ich: „War es groß oder klein?“
Hans: „Groß.“
Ich: „Dick oder dünn?“
Hans: „Dick, sehr groß und dick.“
Ich: „Hast du, wie das Pferd gefallen ist, an den Vatti ge-
dacht?“Hans: „Vielleicht. Ja. Es ist möglich.“
Der Vater mag an manchen Stellen ohne Erfolg geforscht
haben; aber es schadet nichts, eine solche Phobie, die man
gerne nach ihrem neuen Objekte benennen möchte, aus der
Nähe kennenzulernen. Wir erfahren so, wie diffus sie
eigentlich ist. Sie geht auf Pferde und auf Wagen, darauf,
daß Pferde fallen und daß sie beißen, auf Pferde be-
sonderer Beschaffenheit, auf Wagen, die schwer beladen
sind. Verraten wir gleich, daß alle diese Eigentümlichkeiten
daher rühren, daß die Angst ursprünglich gar nicht den
Pferden galt, sondern sekundär auf sie transponiert wurde
und sich nun an den Stellen des Pferdekomplexes fixierte,
die sich zu gewissen Übertragungen geeignet zeigten. Ein
wesentliches Ergebnis der Inquisition des Vaters müssen
wir besonders anerkennen. Wir haben den aktuellen An-
laß erfahren, nach welchem die Phobie ausbrach. Dies war,S.
189
als der Knabe ein großes schweres Pferd fallen sah, und
wenigstens eine der Deutungen dieses Eindruckes scheint
die vom Vater betonte zu sein, daß Hans damals den
Wunsch verspürte, der Vater möge so fallen – und tot
sein. Die ernste Miene bei der Erzählung galt wohl diesem
unbewußten Sinne. Ob nicht noch anderer Sinn sich da
hinter verbirgt? Und was soll das Krawallmachen mit den
Beinen bedeuten?*
„Hans spielt seit einiger Zeit im Zimmer Pferd, rennt
herum, fällt nieder, zappelt mit den Füßen, wiehert. Einmal
bindet er sich ein Sackerl wie einen Futtersack um. Wieder
holt läuft er auf mich zu und beißt mich.“
Er akzeptiert so die letzten Deutungen entschiedener,
als er es mit Worten kann, natürlich aber mit Rollenver-
tauschung, da das Spiel im Dienste einer Wunschphantasie
steht. Also er ist das Pferd, er beißt den Vater, übrigens
identifiziert er sich dabei mit dem Vater.
„Seit zwei Tagen bemerke ich, daß Hans sich in ent-
schiedenster Weise gegen mich auflehnt, nicht frech, son-
dern ganz lustig. Ist es, weil er sich vor mir, dem Pferde,
nicht mehr fürchtet?“
„6. April. Am Nachmittage mit Hans vor dem Hause.
Ich frage ihn bei allen Pferden, ob er bei ihnen das
„Schwarze am Munde“ sieht; er verneint es bei allen. Ich
frage ihn, wie das Schwarze eigentlich ausschaut; er sagt,
es ist schwarzes Eisen. Meine erste Vermutung, er meine
die dicken Lederriemen des Geschirres bei den Lastpferden,
bestätigt sich also nicht. Ich frage, ob das „Schwarze“ an
einen Schnurrbart erinnert; er sagt: nur durch die Farbe.
Was es in Wirklichkeit ist, weiß ich bis jetzt also nicht.“
„Die Furcht ist geringer; er wagt sich diesmal schon bisS.
190
zum Nachbarhause, kehrt aber schnell um, wenn er in der
Ferne Pferdetraben hört. Als ein Wagen bei unserem Haus-
tore vorfährt und hält, gerät er in Angst und läuft ins
Haus, da das Pferd mit dem Fuße scharrt. Ich frage ihn,
weshalb er sich fürchte, ob er sich vielleicht ängstige, weil
es so gemacht habe (stampfe mit dem Fuße auf). Er sagt:
„Mach’ doch keinen solchen Krawall mit den Füßen!“
Vergleiche dazu die Äußerung über das gefallene Stell-
wagenpferd.“„Besonders schreckt ihn das Vorüberfahren eines Möbel-
wagens. Er läuft dann ins Hausinnere. Ich frage ihn gleich-
gültig: „Sieht so ein Möbelwagen eigentlich nicht wie ein
Stellwagen aus?“ Er sagt nichts. Ich wiederhole die Frage.
Er sagt dann: „Na natürlich, sonst würde ich mich nicht
so vor einem Möbelwagen fürchten.“„7. April. Heute frage ich wieder, wie das „Schwarze
am Munde“ der Pferde aussieht. Hans sagt: wie ein Maul-
korb. Das Merkwürdige ist, daß seit 3 Tagen kein Pferd
vorüberkommt, an dem er diesen „Maulkorb“ konstatieren
kann; ich selbst habe bei keinem Spaziergange ein solches
Pferd gesehen, obzwar Hans beteuert, daß es solche gebe.
Ich vermute, daß ihn wirklich eine Art von Kopfzäumung
der Pferde – das dicke Riemenzeug um den Mund etwa –
an einen Schnurrbart erinnert hat und daß mit meiner
Andeutung auch diese Furcht verschwunden ist.“„Die Besserung Hansens ist konstant, der Radius seines
Aktionskreises mit dem Haustore als Zentrum größer; er
unternimmt sogar das für ihn bisher unmögliche Kunst-
stück, aufs Trottoir vis-à-vis hinüberzulaufen. Alle Furcht,
die übrig ist, hängt mit der Stellwagenszene zusammen,
deren Sinn mir allerdings noch nicht klar ist.“„9. April. Heute früh kommt Hans dazu, wie ich mich
mit entblößtem Oberkörper wasche.“S.
191
Hans: „Vatti, du bist aber schön, so weiß!“
Ich: „Nicht wahr, wie ein weißes Pferd.“
Hans: „Nur der Schnurrbart ist schwarz (fortfahrend). Oder ist
es vielleicht der schwarze Maulkorb?“Ich erzähle ihm dann, daß ich am Abende vorher beim
Professor war, und sage: „Der will einiges wissen“, worauf
Hans: „Da bin ich aber neugierig.“Ich sage ihm, ich weiß, bei welcher Gelegenheit er mit
den Füßen Krawall macht. Er unterbricht mich: „Nicht
wahr, wenn ich einen „Zurn“ habe oder wenn ich Lumpf
machen soll und lieber spielen will. (Im Zorne hat er
allerdings die Gewohnheit, mit den Füßen Krawall zu
machen, d. h.: aufzustampfen. – „Lumpf machen“ bedeutet,
auf die große Seite gehen. Als Hans klein war, sagte er
eines Tages, vom Topfe aufstehend: „Schau den Lumpf.“
[Er meinte: Strumpf wegen der Form und der Farbe.]
Diese Bezeichnung ist geblieben bis heute. – In ganz
frühen Zeiten, wenn er auf den Topf gesetzt werden sollte
und sich weigerte, das Spiel stehenzulassen, stampfte er
wütend mit den Füßen auf, zappelte und warf sich even-
tuell auch auf den Boden.)„Du zappelst auch mit den Füßen, wenn du Wiwimachen sollst
und nicht gehen willst, weil du lieber spielen möchtest.“
Er: „Du, ich muß Wiwi machen“ – und geht hinaus, wohl als
Bestätigung.Der Vater hatte bei seinem Besuche die Frage an mich
gerichtet, woran wohl das Zappeln mit den Füßen beim
gefallenen Pferde Hans erinnert haben möchte, und ich
hatte vorgebracht, daß dies wohl seine eigene Reaktion
bei zurückgehaltenem Harndrange gewesen sein könnte.
Das bestätigt nun Hans durch das Wiederauftreten des
Harndranges im Gespräche und fügt noch andere Be-
deutungen des Krawallmachens mit den Füßen hinzu.S.
192
„Dann gehen wir vors Haustor. Er sagt mir, als ein
Kohlenwagen kommt: „Du, vor einem Kohlenwagen fürchte
ich mich auch stark.“ Ich: „Vielleicht, weil er auch so
groß ist wie ein Stellwagen.“ Hans: „Ja, und weil er so
schwer beladen ist, und die Pferde haben soviel zu ziehen
und können leicht fallen. Wenn ein Wagen leer ist, fürcht’
ich mich nicht.“ Tatsächlich versetzt ihn, wie schon früher
konstatiert, nur Schwerfuhrwerk in Angst.“Bei alledem ist die Situation recht undurchsichtig. Die
Analyse macht wenig Fortschritte; ihre Darstellung, fürchte
ich, wird dem Leser bald langweilig werden. Indes, es gibt
in jeder Psychoanalyse solche dunklen Zeiten. Hans begibt
sich jetzt bald auf ein von uns nicht in Erwartung ge-
zogenes Gebiet.*
„Ich komme nach Hause und spreche mit meiner Frau,
die verschiedene Einkäufe gemacht hat und sie mir zeigt.
Darunter ist eine gelbe Unterhose. Hans sagt einige Male:
„Pfui!“, wirft sich auf die Erde und spuckt aus. Meine
Frau sagt, er habe das schon einige Male getan, sowie er
die Hose gesehen habe.“Ich frage: „Warum sagst du Pfui?“
Hans: „Wegen der Hose.“
Ich: „Warum, wegen der Farbe, weil sie gelb ist und an Wiwi
oder an Lumpf erinnert?“Hans: „Lumpf ist ja nicht gelb, er ist weiß oder schwarz.“ –
Unmittelbar darauf: „Du, macht man leicht Lumpf, wenn man
Käse ißt?“ (Das hatte ich einmal gesagt, als er mich fragte, wozu
ich Käse esse.)Ich: „Ja.“
Hans: „Deshalb gehst du immer früh gleich Lumpf machen?
Ich möchte so gerne Käse auf Butterbrot essen.“„Gestern schon fragte er mich, als er auf der Gasse
S.
193
herumsprang: „Du, nicht wahr, wenn man soviel herum-
springt, macht man leicht Lumpf?“ – Seit jeher macht
sein Stuhlgang Schwierigkeiten, Kindermeth und Klistiere
werden häufig gebraucht. Einmal war seine habituelle Ver-
stopfung so stark, daß meine Frau Dr. L. um Rat fragte.
Dieser meinte, Hans werde überfüttert, was ja auch stimmte,
und empfahl mäßigere Kost, was den Zustand auch sofort
behob. In der letzten Zeit trat Verstopfung wieder häufiger
auf.“Nach dem Essen sage ich: „Wir werden dem Professor wieder
schreiben“, und er diktierte mir: „Wie ich die gelbe Hose ge-
sehen habe, habe ich gesagt: Pfui, da spei’ ich, hab’ mich nieder-
geworfen, hab’ die Augen zugemacht und hab’ nicht geschaut.“
Ich: „Warum?“
Hans: „Weil ich die gelbe Hose gesehen habe, und bei der
schwarzen Hose21) habe ich auch so etwas gemacht. Die schwarze
ist auch so eine Hose, nur schwarz war sie.“ (Sich unterbrechend.)
„Du, ich bin froh; wenn ich dem Professor schreiben kann, bin
ich immer so froh.“
Ich: „Weshalb hast du Pfui gesagt? Hast du dich geekelt?“
Hans: „Ja, weil ich das gesehen hab’. Ich hab’ geglaubt, ich
muß Lumpf machen.“
Ich: „Warum?“
Hans: „Ich weiß nicht.“
Ich: „Wann hast du die schwarze Hose gesehen?“
Hans: „Einmal, wie die Anna (unser Mädchen) längst da war
– bei der Mama – sie hat sie erst vom Kaufen nach Hause
gebracht.“ (Diese Angabe wird von meiner Frau bestätigt.)
Ich: „Hast du dich auch geekelt?“
Hans: „Ja.“
Ich: „Hast du die Mammi in einer solchen Hose gesehen?“
Hans: „Nein.“
Ich: „Wenn sie sich angezogen hat?“
Hans: „Die gelbe hab’ ich schon einmal gesehen, wie sie sie
gekauft hat (Widerspruch! Wie die Mama die gelbe gekauft hat,21)„Meine Frau ist seit einigen Wochen im Besitze einer
schwarzen Reformhose für Radfahrpartien.“S.
194
hat er sie zum erstenmal gesehen). Die schwarze hat sie heute
auch an (richtig!), weil ich gesehen hab’, wie sie in der Früh sie
sich ausgezogen hat.“Ich: „Was? In der Früh hat sie sich die schwarze Hose aus-
gezogen?“Hans: „In der Früh, wie sie weggegangen ist, hat sie sich die
schwarze Hose ausgezogen, und wie sie gekommen ist, hat sie sich
noch einmal die schwarze angezogen.“Ich frage meine Frau, weil mir dies unsinnig vorkommt. Sie
sagt auch, das ist gar nicht wahr; sie hat beim Weggehen natürlich
nicht die Hose gewechselt.Ich frage Hans sofort: „Du hast doch erzählt, die Mammi hat
sich eine schwarze Hose angezogen, und wie sie weggegangen ist,
hat sie sie ausgezogen, und wie sie gekommen ist, hat sie sie noch
einmal angezogen. Die Mammi sagt aber, das ist nicht wahr.“Hans: „Mir scheint, ich hab’ vielleicht vergessen, daß sie sie
nicht ausgezogen hat. (Unwillig.) Laß mich endlich in Ruh’.“Zur Erläuterung dieser Hosengeschichte bemerke ich
nun: Hans heuchelt offenbar, wenn er sich so froh stellt,
daß er nun über diese Angelegenheit Rede stehen darf.
Am Ende wirft er die Maske ab und wird grob gegen
seinen Vater. Es handelt sich um Dinge, die ihm früher
viel Lust bereitet haben und deren er sich jetzt nach
eingetretener Verdrängung sehr schämt, zu ekeln vorgibt.
Er lügt geradezu, um dem beobachteten Hosenwechsel der
Mama andere Veranlassungen unterzuschieben; in Wirk-
lichkeit gehört das An-
und Ausziehen der Hose in den
„Lumpf“-Zusammenhang. Der Vater weiß genau, worauf
es hier ankommt und was Hans verbergen will.„Ich frage meine Frau, ob Hans öfter dabei war, wenn
sie sich aufs Klosett begab. Sie sagt: Ja, oft, er „penzt“
so lange, bis sie es ihm erlaubt; das täten alle Kinder.“Wir wollen uns aber die heute bereits verdrängte Lust,
die Mama beim Lumpfmachen zu sehen, gut merken.„Wir gehen vors Haus. Er ist sehr lustig, und wie er
S.
195
fortwährend gleichsam als Pferd herumhopst, frage ich:
„Du, wer ist eigentlich ein Stellwagenpferd? Ich, du oder
die Mammi?“Hans (sofort): „Ich, ich bin ein junges Pferd.“
„Als er in der stärksten Angstzeit Pferde springen sah,
Angst hatte und mich fragte, warum sie das täten, sagte
ich, um ihn zu beruhigen: „Weißt du, das sind junge
Pferde, die springen halt wie die jungen Buben. Du springst
ja auch und bist ein Bub.“ Seither, wenn er Pferde springen
sieht, sagt er: „Das ist wahr, das sind junge Pferde!““Auf der Treppe frage ich beim Heraufgehen fast gedankenlos:
„Hast du in Gmunden mit den Kindern Pferdl gespielt?“
Er: „Ja! (Nachdenklich.) Mir scheint, da hab’ ich die Dumm-
heit gekriegt.“Ich: „Wer war das Pferdl?“
Er: „Ich, und die Berta war der Kutscher.“
Ich: „Bist du vielleicht gefallen, wie du Pferdl warst?“
Hans: „Nein! Wenn die Berta gesagt hat: Hüh, bin ich schnell
gelaufen, sogar gerannt.“22)Ich: „Stellwagen habt ihr nie gespielt?“
Hans: „Nein, gewöhnlichen Wagen und Pferd ohne Wagen.
Wenn das Pferd einen Wagen hat, kann es ja auch ohne Wagen
gehen, und der Wagen kann ja zu Hause sein.“
Ich: „Habt ihr oft Pferdl gespielt?“
Hans: „Sehr oft. Der Fritzl (wie bekannt auch ein Hausherr-
kind) ist auch einmal Pferdl gewesen und der Franzl Kutscher,
und der Fritzl ist so stark gelaufen, und auf einmal ist er auf
einen Stein getreten und hat geblutet.“
Ich: „Ist er vielleicht gefallen?“
Hans: „Nein, er hat den Fuß in ein Wasser hineingegeben, und
dann hat er sich ein Tuch daraufgegeben.“23)
Ich: „Warst du oft Pferd?“
Hans: „O ja.“
Ich: „Und da hast du die Dummheit gekriegt.“22)„Er hatte auch ein Pferdchenspiel mit Glöckchen.“
23)Siehe darüber später. Der Vater vermutet ganz richtig, daß
Fritzl damals gefallen ist.S.
196
Hans: „Weil sie immer gesagt haben: „wegen dem Pferd“ und
„wegen dem Pferd“ (er betont das ‚wegen‘), und so hab‘ ich viel
leicht, weil sie so geredet haben, ‚wegen dem Pferd‘, hab‘ ich
vielleicht die Dummheit gekriegt.“24)Der Vater forscht eine Weile fruchtlos auf anderen
Pfaden.Ich: „Haben sie was erzählt vom Pferde?“
Hans: „Ja!“
Ich: „Was?“
Hans: „Ich hab’s vergessen.“
Ich: „Haben sie vielleicht erzählt vom Wiwimacher?“
Hans: „O nein!“
Ich: „Hast du dich dort schon vor dem Pferde gefürchtet?“
Hans: „O nein, ich hab‘ mich gar nicht gefürchtet.“
Ich: „Hat vielleicht die Berta davon gesprochen, daß ein
Pferd…“Hans (unterbrechend): „Wiwi macht? Nein!“
„Am 10. April knüpfe ich an das gestrige Gespräch an
und will wissen, was das „wegen dem Pferde“ bedeutet
habe. Hans weiß sich nicht zu erinnern, er weiß nur, daß
früh mehrere Kinder vor dem Haustore gestanden sind und
„wegen dem Pferde, wegen dem Pferde“ gesagt haben. Er
selbst war dabei. Wie ich dringender werde, erklärt er,
sie hätten gar nicht „wegen dem Pferde“ gesagt, er habe
sich falsch erinnert.“Ich: „Ihr waret doch auch oft im Stalle, da habt ihr ge-
sehen…“24)Ich erläutere, Hans will nicht behaupten, daß er damals
die Dummheit gekriegt hat, sondern im Zusammenhange da-
mit. Es muß ja wohl so zugehen, die Theorie fordert es, daß
dasselbe einmal Gegenstand einer hohen Lust war, was heute das
Objekt der Phobie ist. Und dann ergänze ich für ihn, was das
Kind ja nicht zu sagen weiß, daß das Wörtchen „wegen“ der
Ausbreitung der Phobie vom Pferde auf die Wagen (oder wie
Hans zu hören und zu sprechen gewohnt ist: Wagen) den Weg
eröffnet hat. Man darf nie daran vergessen, um wieviel dinglicher
das Kind die Worte behandelt als der Erwachsene, wie bedeu-
tungsvoll ihm darum Wortgleichklänge sind.S.
197
wiß vom Pferde gesprochen.“ – „Wir haben nicht ge-
sprochen.“ – „Wovon habt ihr gesprochen?“ – „Von
nichts.“ – „Soviel Kinder waret ihr, und ihr habt von
nichts gesprochen?“ – „Etwas haben wir schon gespro-
chen, aber nicht vom Pferde.“ – „Was denn?“ – „Das
weiß ich jetzt nicht mehr.“„Ich lasse das fallen, weil die Widerstände offenbar zu
groß sind,25) und frage:„Mit der Berta hast du gern gespielt?“
Er: „Ja, sehr gern, mit der Olga nicht; weißt, was die Olga
getan hat? Die Grete droben hat mir einmal einen Papierball ge-
schenkt, und die Olga hat ihn ganz zerrissen. Die Berta hätt’ mir
den Ball nie zerrissen. Mit der Berta hab’ ich sehr gern gespielt.“Ich: „Hast du gesehen, wie der Wiwimacher von der Berta
aussieht?“Er: „Nein, vom Pferde aber, weil ich immer im Stalle war, und
da hab’ ich vom Pferde den Wiwimacher gesehen.“Ich: „Und da warst du neugierig, wie sieht der Wiwimacher
von der Berta und von der Mammi aus?“Er: „Ja!“
„Ich erinnere ihn daran, daß er mir einmal geklagt hat, die
Mäderl wollen immer zuschauen, wenn er Wiwi macht.“Er: „Die Berta hat mir auch immer zugeschaut (durchaus nicht
gekränkt, sondern sehr befriedigt), öfters. Wo der kleine Garten
ist, wo die Rettiche sind, hab’ ich Wiwi gemacht, und sie ist vor
dem Haustore gestanden und hat hergeschaut.“Ich: „Und wenn sie Wiwi gemacht hat, hast du zugeschaut?“
Er: „Sie ist ja aufs Klosett gegangen.“
Ich: „Und du warst neugierig?“
Er: „Ich war ja im Klosett drinnen, wenn sie drin war.“
(Das stimmt; die Hausleute haben es uns einmal erzählt, und
ich erinnere mich, wir haben es Hans verboten.)Ich: „Hast du ihr gesagt, du willst hineingehen?“
Er: „Ich bin allein hineingegangen und weil die Berta erlaubt
hat. Es ist ja keine Schande.“25)Es ist da nämlich nichts anderes zu holen als die Wort-
anknüpfung, die dem Vater entgeht. Ein gutes Beispiel von den
Bedingungen, unter denen die analytische Bemühung fehlschlägt.S.
198
Ich: „Und du hättest gerne den Wiwimacher gesehen.“
Er: „Ja, ich hab’ ihn aber nicht gesehen.“
„Ich erinnere ihn an den Gmundner Traum: Was soll das
Pfand in meiner Hand usw., und frage: Hast du in Gmunden ge-
wünscht, daß dich die Berta Wiwi machen lassen soll?“
Er: „Gesagt hab’ ich ihr nie.“
Ich: „Warum hast du’s ihr nie gesagt?“
Er: „Weil ich nicht daran gedenkt hab’. (Sich unterbrechend.)
Wenn ich alles dem Professor schreib’, wird die Dummheit sehr
bald vorüber sein, nicht wahr?“
Ich: „Warum hast du gewünscht, daß die Berta dich Wiwi
machen lassen soll?“
Er: „Ich weiß nicht. Weil sie zugeschaut hat.“
Ich: „Hast du dir gedacht, sie soll die Hand zum Wiwimacher
geben?“
Er: „Ja. (Ablenkend.) In Gmunden war’s sehr lustig. In dem
kleinen Garten, wo die Rettige drin sind, ist ein kleiner Sand-
haufen, dort spiel’ ich mit der Schaufel.“
(Das ist der Garten, wo er immer Wiwi gemacht hat.)
Ich: „Hast du in Gmunden, wenn du im Bette gelegen bist, die
Hand zum Wiwimacher gegeben?“
Er: „Nein, noch nicht. In Gmunden hab’ ich so gut geschlafen,
daß ich gar nicht daran gedenkt hab’. Nur in der –gasse 26) und
jetzt hab’ ich’s getan.“
Ich: „Die Berta hat aber nie die Hand zu deinem Wiwimacher
gegeben?“
Er: „Sie hat es nie getan, nein, weil ich ihr’s nie gesagt hab’.“
Ich: „Wann hast du dir’s denn gewünscht?“
Er: „Einen Tag halt in Gmunden.“
Ich: „Nur einmal?“
Er: „Ja, öfters.“
Ich: „Immer, wenn du Wiwi gemacht hast, hat sie hergeschaut;
sie war vielleicht neugierig, wie du Wiwi machen tust.“
Er: „Vielleicht war sie neugierig, wie mein Wiwimacher aus-
sieht.“
Ich: „Du warst aber auch neugierig; nur auf die Berta?“
Er: „Auf die Berta, auf die Olga.“
Ich: „Auf wen noch?“26)In der früheren Wohnung vor dem Umzuge.
S.
199
Er: „Auf niemand andern.“
Ich: „Das ist ja nicht wahr. Auf die Mammi auch.“
Er: „Auf die Mammi schon.“
Ich: „Jetzt bist du doch nicht mehr neugierig. Du weißt doch,
wie der Wiwimacher der Hanna ausschaut?“
Er: „Er wird aber wachsen, nicht?“27)
Ich: „Ja gewiß, aber wann er wächst, wird er nicht ausschaun
wie deiner.“
Er: „Das weiß ich. Er wird so sein [sc. wie er jetzt ist], nur
größer.“
Ich: „Warst du neugierig in Gmunden, wenn die Mama sich
ausgezogen hat?“
Er: „Ja, auch bei der Hanna beim Baden hab’ ich den Wiwi-
macher gesehen.“
Ich: „Bei der Mammi auch?“
Er: „Nein!“
Ich: „Du hast dich geekelt, wenn du die Hose von der Mammi
gesehen hast.“
Er: „Nur wenn ich die schwarze gesehen hab’, wenn sie sie ge-
kauft hat, dann spei’ ich, aber wenn sie sich die Hose anzieht oder
auszieht, dann spei’ ich nicht. Dann spei’ ich, weil die
schwarze Hose doch schwarz ist wie ein Lumpf
und die gelbe wie ein Wiwi, und da glaub’ ich, ich
muß Wiwi machen. Wenn die Mammi die Hose trägt, dann
seh’ ich sie nicht, dann hat sie doch die Kleider vor.“
Ich: „Und wenn sie sich die Kleider auszieht?“
Er: „Dann spei’ ich nicht. Wenn sie aber neu ist, dann sieht sie
aus wie ein Lumpf. Wenn sie alt ist, geht die Farbe herunter, und
sie wird schmutzig. Wenn man sie gekauft hat, ist sie ganz rein,
zu Hause hat man sie schon schmutzig gemacht. Wenn sie gekauft
ist, ist sie neu, und wenn sie nicht gekauft ist, ist sie alt.“
Ich: „Vor der alten ekelt dich also nicht?“
Er: „Wenn sie alt ist, ist sie ja viel schwärzer als ein Lumpf,
nicht wahr? Ein bissel schwärzer ist sie.“28)
27)Er will die Sicherheit haben, daß sein eigener Wiwimacher
wachsen wird.28)Unser Hans ringt da mit einem Thema, das er nicht dar-
zustellen weiß, und wir haben es schwer, ihn zu verstehen. Viel-
leicht meint er, daß die Hosen die Ekelerinnerung nur dann er-S.
200
Ich: „Mit der Mammi warst du oft im Klosett?“
Er: „Sehr oft.“
Ich: „Da hast du dich geekelt?“
Er: „Ja . . . Nein!“
Ich: „Du bist gerne dabei, wenn die Mammi Wiwi oder Lumpf
macht?“
Er: „Sehr gerne.“
Ich: „Warum so gerne?“
Er: „Das weiß ich nicht.“
Ich: „Weil du glaubst, daß du den Wiwimacher sehen wirst.“
Er: „Ja, das glaub’ ich auch.“
Ich: „Warum willst du aber in Lainz nie ins Klosett gehen?“
(Er bittet in Lainz immer, ich soll ihn nicht ins Klosettfüh-
ren; er fürchtete sich einmal vor dem Lärme, den das herabstür-
zende Spülwasser macht.)
Er: „Vielleicht, weil es einen Krawall macht, wenn man
herunterzieht.“
Ich: „Da fürchtest du dich.“
Er: „Ja!“
Ich: „Und in unserem Klosett hier?“
Er: „Hier nicht. In Lainz erschreck’ ich, wenn du herunterläßt.
Wenn ich drin bin und es geht herunter, dann erschrecke ich
auch.“Um mir zu zeigen, daß er sich in unserer Wohnung nicht
fürchte, fordert er mich auf, ins Klosett zu gehen und die
Wasserspülung in Bewegung zu setzen. Dann erklärt er
mir:
„Zuerst ist ein starker, dann ein lockerer Krawall (wenn das
Wasser herabstürzt). Wenn es einen starken Krawall macht, bleib’
ich lieber drin, wenn es einen schwachen macht, geh’ ich lieber
hinaus.“
Ich: „Weil du dich fürchtest?“
Er: „Weil ich immer so gerne mag einen starken Krawall
sehen (korrigiert sich), hören, und da bleib’ ich lieber drin, daß
ich ihn fest hör’.“wecken, wenn er sie für sich sieht; sobald sie am Leibe der Mutter
sind, bringt er sie nicht mehr mit Lumpf oder Wiwi in Zusammen-
hang, dann interessieren sie ihn in anderer Weise.S.
201
Ich: „Woran erinnert dich ein starker Krawall?“
Er: „Daß ich im Klosett Lumpf machen muß.“ (Also dasselbe
wie die schwarze Hose.)
Ich: „Warum?“
Er: „Ich weiß nicht. Ich weiß es, ein starker Krawall hört sich
so an, wie wenn man Lumpf macht. Ein großer Krawall erinnert
an Lumpf, ein kleiner an Wiwi.“ (Vgl. die schwarze und die gelbe
Hose.)
Ich: „Du, hat das Stellwagenpferd nicht dieselbe Farbe gehabt
wie ein Lumpf?“ (Es war nach seiner Angabe schwarz.)
Er (sehr betroffen): „Ja!“Ich muß da einige Worte einschalten. Der Vater fragt
zu viel und forscht nach eigenen Vorsätzen, anstatt den
Kleinen sich äußern zu lassen. Dadurch wird die Analyse
undurchsichtig und unsicher. Hans geht seinen eigenen Weg
und leistet nichts, wenn man ihn von diesem ablocken will.
Sein Interesse ist jetzt offenbar bei Lumpf und Wiwi, wir
wissen nicht, weshalb. Die Krawallgeschichte ist so wenig
befriedigend aufgeklärt wie die mit der gelben und schwar-
zen Hose. Ich vermute, sein scharfes Ohr hat die Ver-
schiedenheit der Geräusche, wenn ein Mann oder ein Weib
uriniert, sehr wohl bemerkt. Die Analyse hat das Mate-
rial aber etwas künstlich in den Gegensatz der beiden Be-
dürfnisse gepreßt. Dem Leser, der noch selbst keine Ana-
lyse gemacht hat, kann ich nur den Rat geben, nicht alles
sogleich verstehen zu wollen, sondern allem, was kommt,
eine gewisse unparteiische Aufmerksamkeit zu schenken und
das Weitere abzuwarten.*
„11. April. Heute früh kommt Hans wieder ins Zimmer
und wird, wie in allen den letzten Tagen, hinausgewiesen.“
„Später erzählt er: „Du, ich hab’ mir was gedacht:
„Ich bin in der Badewanne,29) da kommt der Schlosser29)„Hans wird von der Mama gebadet.“
S.
202
und schraubt sie los.30) Da nimmt er einen großen Bohrer
und stoßt mich in den Bauch.“Der Vater übersetzt sich diese Phantasie. „Ich bin im
Bette bei der Mama. Da kommt der Papa und treibt mich
weg. Mit seinem großen Penis verdrängt er mich von der
Mama.“Wir wollen unser Urteil noch aufgeschoben halten.
„Ferner erzählt er etwas zweites, was er sich aus
gedacht: Wir fahren im Zuge nach Gmunden. In der Station
ziehen wir die Kleider an, werden damit aber nicht fertig,
und der Zug fährt mit uns davon. – Später frage ich:„Hast du schon einmal ein Pferd Lumpf machen gesehen?“
Hans: „Ja, sehr oft.“Ich: „Macht es einen starken Krawall beim Lumpfmachen?“
Hans: „Ja!“Ich: „An was erinnert dich der Krawall?“
Hans: „Wie wenn der Lumpf in den Topf fällt.“„Das Stellwagenpferd, das umfällt und Krawall mit den
Füßen macht, ist wohl – ein Lumpf, der herabfällt und
dabei Geräusch macht. Die Furcht vor der Defäkation, die
Furcht vor schwerbeladenen Wagen ist überhaupt gleich
der Furcht vor schwerbeladenem Bauche.“Auf diesen Umwegen dämmert dem Vater der richtige
Sachverhalt.*
„11. April. Hans sagt beim Mittagessen: „Wenn wir nur
in Gmunden eine Badewanne hätten, damit ich nicht in die
Badeanstalt gehen muß.“ Er wurde in Gmunden nämlich,
um ihn warm zu baden, immer in die nahe gelegene Bade-
anstalt geführt, wogegen er mit heftigem Weinen zu pro-
testieren pflegte. Auch in Wien schreit er immer, wenn er30)„Um sie in Reparatur zu nehmen.“
S.
203
zum Baden in die große Wanne gesetzt oder gelegt wird.
Er muß knieend oder stehend gebadet werden.“Diese Rede Hansens, der nun anfängt, der Analyse durch
selbständige Äußerungen Nahrung zu geben, stellt die Ver-
bindung zwischen seinen beiden letzten Phantasien (vom
Schlosser, der die Badewanne abschraubt, und von der
mißglückten Reise nach Gmunden) her. Der Vater hatte
mit Recht aus letzterer eine Abneigung gegen Gmunden er-
schlossen. Übrigens wieder eine gute Mahnung daran, daß
man das aus dem Unbewußten Auftauchende nicht mit
Hilfe des Vorhergegangenen, sondern des Nachkommenden
zu verstehen hat.Ich frage ihn, ob und wovor er sich fürchtet.
Hans: „Weil ich hineinfall‘.“
Ich: „Warum hast du dich aber nie gefürchtet, wenn du in der
kleinen Badewanne gebadet worden bist?“Hans: „Da bin ich ja gesessen, da hab‘ ich mich nicht legen
können, die war ja zu klein.“Ich: „Wenn du in Gmunden Schinakel gefahren bist, hast du
dich nicht gefürchtet, daß du ins Wasser fällst?“Hans: „Nein, weil ich mich angehalten hab‘, und da kann ich
nicht hineinfallen. Ich fürcht‘ mich nur in der großen Badewanne,
daß ich hineinfall‘.“Ich: „Da badet dich doch die Mama. Fürchtest du dich, daß
dich die Mammi ins Wasser werfen wird?“Hans: „Daß sie die Hände weggeben wird und ich falle ins
Wasser mit dem Kopf.“Ich: „Du weißt doch, die Mammi hat dich lieb, sie wird doch
nicht die Hände weggeben.“Hans: „Ich hab‘s halt geglaubt.“
Ich: „Warum?“
Hans: „Das weiß ich bestimmt nicht.“
Ich: „Vielleicht weil du schlimm warst und du geglaubt hast,
daß sie dich nicht mehr gerne hat?“Hans: „Ja!“
Ich: „Wenn du dabei warst, wie die Mammi die Hanna ge-
S.
204
badet hat, hast du vielleicht gewünscht, sie soll die Hand loslassen,
damit die Hanna hineinfällt?“
Hans: „Ja.“Wir glauben, dies hat der Vater sehr richtig erraten.
*
„12. April. Auf der Rückfahrt von Lainz in der zweiten
Klasse sagt Hans, wie er die schwarzen Lederpolster sieht:
„Pfui, da spei’ ich, bei den schwarzen Hosen und den
schwarzen Pferden spei’ ich auch, weil ich muß Lumpf
machen.“Ich: „Hast du vielleicht bei der Mammi etwas Schwarzes ge-
sehen, was dich erschreckt hat?“
Hans: „Ja.“
Ich: „Was denn?“
Hans: „Ich weiß nicht. Eine schwarze Bluse oder schwarze
Strümpfe.“
Ich: „Vielleicht beim Wiwimacher schwarze Haare, wenn du
neugierig warst und hingeschaut hast.“
Hans (entschuldigend): „Aber den Wiwimacher hab’ ich nicht
gesehen.“Als er sich wieder einmal fürchtete, wie aus dem Hoftor vis-
à-vis ein Wagen fuhr, fragte ich: „Sieht dieses Tor nicht aus wie
ein Podl?“
Er: „Und die Pferde sind die Lumpfe!“Seitdem sagt er immer, wenn er einen Wagen heraus-
fahren sieht: „Schau, ein ‚Lumpfi‘ kommt.“ Die Form
Lumpfi ist ihm sonst ganz fremd, sie klingt wie ein Kose-
wort. Meine Schwägerin heißt ihr Kind immer „Wumpfi“.„Am 13. April sieht er in der Suppe ein Stück Leber und
sagt: „Pfui, ein Lumpf.“ Auch faschiertes Fleisch ißt er
sichtlich ungern wegen der Form und Farbe, die ihn an
einen Lumpf erinnern.“„Abends erzählt meine Frau, Hans sei auf dem Balkon
S.
205
gewesen und habe dann gesagt: „Ich hab’ gedacht, die
Hanna ist am Balkon gewesen und ist hinuntergefallen.“
Ich hatte ihm öfter gesagt, er soll, wenn die Hanna auf
dem Balkon ist, achtgeben, daß sie nicht zu nah ans Ge-
länder kommt, das von einem sezessionistischen Schlosser
höchst ungeschickt – mit großen Öffnungen, die ich erst
mit einem Drahtnetz verkleinern lassen mußte – konstru-
iert worden ist. Der verdrängte Wunsch Hansens ist sehr
durchsichtig. Die Mama fragt ihn, ob es ihm lieber wäre,
wenn die Hanna nicht da wäre, was er bejaht.“„14. April. Das Thema Hanna steht im Vordergrund. Er
hatte, wie aus früheren Aufzeichnungen erinnerlich, gegen
das neugeborene Kind, das ihm einen Teil der Liebe der
Eltern raubte, eine große Aversion, die auch jetzt noch
nicht ganz geschwunden und durch übergroße Zärtlichkeit
nur zum Teil überkompensiert ist.31 Er äußerte sich öfter
schon, der Storch solle kein Kind mehr bringen, wir sollen
ihm Geld geben, daß er keines mehr aus der großen
Kiste, worin die Kinder sind, bringe. (Vgl. die Furcht
vor dem Möbelwagen. Sieht nicht ein Stellwagen wie eine
große Kiste aus?) Die Hanna mache soviel Geschrei, das
sei ihm lästig.“„Einmal sagt er plötzlich: „Kannst du dich erinnern, wie
die Hanna gekommen ist? Sie ist bei der Mammi im Bette
gelegen, so lieb und brav.“ (Dieses Lob hat verdächtig
falsch geklungen!)“„Dann unten vor dem Hause. Es ist abermals ein großer
Fortschritt zu bemerken. Selbst Lastwagen flößen ihm ge-
ringere Furcht ein. Einmal ruft er fast freudig: „Da
kommt ein Pferd mit was Schwarzem am Munde“, und ich31)Wenn das Thema „Hanna“ das Thema „Lumpf“ direkt ab-
löst, so leuchtet uns der Grund dafür endlich ein. Die Hanna ist
selbst ein „Lumpf“, Kinder sind Lumpfe!S.
206
kann endlich konstatieren, daß es ein Pferd mit einem
Maulkorbe aus Leder ist. Hans hat aber gar keine Angst
vor diesem Pferde.“„Einmal schlägt er mit seinem Stocke auf das Pflaster
und fragt: „Du, ist da ein Mann unten… einer, der be-
graben ist…, oder gibt’s das nur am Friedhofe?“ Ihn
beschäftigt also nicht nur das Rätsel des Lebens, sondern
auch das des Todes.“Zurückgekehrt sehe ich eine Kiste im Vorzimmer stehen, und
Hans sagt: „Hanna ist in so einer Kiste nach Gmunden mit
gefahren. Immer wenn wir nach Gmunden gefahren sind, ist sie
mitgefahren in der Kiste. Du glaubst mir schon wieder nicht?
Wirklich, Vatti. Glaub mir. Wir haben eine große Kiste gekriegt,
und da sind lauter Kinder drin, in der Badewanne sitzen sie drin.
(In der Kiste ist eine kleine Badewanne eingepackt worden.) Ich
hab’ sie hineingesetzt, wirklich. Ich kann mich gut erinnern.“32)Ich: „Was kannst du dich erinnern?“
Hans: „Daß die Hanna in der Kiste gefahren ist, weil ich’s
nicht vergessen hab’. Mein Ehrenwort!“Ich: „Aber voriges Jahr ist doch die Hanna im Coupé mit-
gefahren.“Hans: „Aber immer früher ist sie in der Kiste
mitgefahren.“Ich: „Hat die Mammi nicht die Kiste gehabt?“
Hans: „Ja, die Mammi hat sie gehabt!“
Ich: „Wo denn?“
Hans: „Zu Hause am Boden.“
Ich: „Hat sie sie vielleicht mit sich herumgetragen?“33)
32)Er beginnt nun zu phantasieren. Wir erfahren, daß Kiste
und Badewanne ihm das gleiche bedeuten, Vertretungen des
Raumes, in dem sich die Kinder befinden. Beachten wir seine
wiederholten Beteuerungen!33)Die Kiste ist natürlich der Mutterleib. Der Vater will Hans
andeuten, daß er dies versteht. Auch das Kästchen, in dem die
Helden des Mythus ausgesetzt werden, von König Sargon von
Agade an, ist nichts anderes. – [Zusatz 1923:] Vgl. Ranks
Studie: Der Mythus von der Geburt des Helden 1909 (zweite Auf-
lage 1922).S.
207
Hans: „Nein! Wenn wir jetzt nach Gmunden fahren, wird die
Hanna auch in der Kiste fahren.“
Ich: „Wie ist sie denn aus der Kiste herausgekommen?“
Hans: „Man hat sie herausgenommen.“
Ich: „Die Mammi?“
Hans: „Ich und die Mammi, dann sind wir in den Wagen ein-
gestiegen, und die Hanna ist am Pferde geritten, und der Kutscher
hat ‚Hüöh‘ gesagt. Der Kutscher war am Bocke. Warst du mit?
Die Mammi weiß es sogar. Die Mammi weiß es nicht, sie hat es
schon wieder vergessen, aber nichts ihr sagen!“
„Ich lasse mir alles wiederholen.“
Hans: „Dann ist die Hanna ausgestiegen.“
Ich: „Sie hat noch gar nicht gehen können.“
Hans: „Wir haben sie dann heruntergehoben.“
Ich: „Wie hat sie denn am Pferde sitzen können, sie hat ja
voriges Jahr noch gar nicht sitzen können.“
Hans: „O ja, sie hat schon gesessen und hat gerufen ‚Hüöh‘
und gepeitscht ‚Hüöh, hüöh‘ mit der Peitsche, die ich früher ge-
habt hab‘. Das Pferd hat gar keinen Steigbügel gehabt, und die
Hanna hat geritten; Vatti, aber nicht im Spaße vielleicht.“
Was soll dieser hartnäckig festgehaltene Unsinn? Oh, es
ist kein Unsinn, es ist Parodie und Hansens Rache an
seinem Vater. Es heißt soviel als: Kannst du mir zu-
muten, daß ich glauben soll, der Storch habe
die Hanna im Oktober gebracht, wo ich doch
den großen Leib der Mutter schon im Sommer,
wie wir nach Gmunden gefahren sind, bemerkt
hab‘, so kann ich verlangen, daß du mir meine
Lügen glaubst. Was kann die Behauptung, daß die
Hanna schon im vorigen Sommer „in der Kiste“ nach
Gmunden mitgefahren ist, anderes bedeuten als sein Wis-
sen um die Gravidität der Mutter? Daß er die Wieder-
holung dieser Fahrt in der Kiste für jedes folgende Jahr in
Aussicht stellt, entspricht einer häufigen Form des Auf-
tauchens eines unbewußten Gedankens aus der Vergangen-
heit, oder es hat spezielle Gründe und drückt seine AngstS.
208
aus, eine solche Gravidität zur nächsten Sommerreise
wiederholt zu sehen. Wir haben jetzt auch erfahren, durch
welchen Zusammenhang ihm die Reise nach Gmunden ver-
leidet war, was seine zweite Phantasie andeutete.„Später frage ich ihn, wie die Hanna nach ihrer Geburt
eigentlich ins Bett der Mama gekommen ist.“Da kann er nun loslegen und den Vater „frotzeln“.
Hans: „Die Hanna ist halt gekommen. Die Frau Kraus (die
Hebamme) hat sie ins Bett gelegt. Sie hat ja nicht gehen können.
Aber der Storch hat sie im Schnabel getragen. Gehen hat sie ja
nicht können. (In einem Zuge fortfahrend.) Der Storch ist bis im
Gang gegangen auf der Stiegen, und dann hat er geklopft, und da
haben alle geschlafen, und er hat den richtigen Schlüssel gehabt
und hat aufgesperrt und hat die Hanna in dein34) Bett gelegt,
und die Mammi hat geschlafen – nein, der Storch hat sie in ihr
Bett gelegt. Es war schon ganz Nacht, und dann hat sie der
Storch ganz ruhig ins Bett gelegt, hat gar nicht gestrampelt, und
dann hat er sich den Hut genommen, und dann ist er wieder weg-
gegangen. Nein, Hut hat er nicht gehabt.“Ich: „Wer hat sich den Hut genommen? Der Doktor vielleicht?“
Hans: „Dann ist der Storch weggegangen, nach Hause gegangen,
und dann hat er angeläutet, und alle Leute im Hause haben nicht
mehr geschlafen. Aber erzähl das nicht der Mammi und der
Tinni (der Köchin). Das ist Geheimnis!“Ich: „Hast du die Hanna gerne?“
Hans: „O ja, sehr gerne.“Ich: „Wäre es dir lieber, wenn die Hanna nicht auf die Welt
gekommen wäre, oder ist es dir lieber, daß sie auf der Welt ist?“
Hans: „Mir wär’ lieber, daß sie nicht auf die Welt gekommen
wär’.“Ich: „Warum?“
Hans: „Wenigstens schreit sie nicht so, und ich kann das
Schreien nicht aushalten.“Ich: „Du schreist ja selbst.“
Hans: „Die Hanna schreit ja auch.“34)Hohn natürlich! Sowie die spätere Bitte, der Mama nichts
von dem Geheimnis zu verraten.S.
209
Ich: „Warum kannst du es nicht aushalten?“
Hans: „Weil sie so stark schreit.“
Ich: „Aber sie schreit ja gar nicht.“
Hans: „Wenn man sie am nackten Popo haut, dann schreit sie.“
Ich: „Hast du sie einmal gehaut?“
Hans: „Wenn die Mammi sie auf den Popo haut, dann schreit sie.“
Ich: „Das hast du nicht gerne?“
Hans: „Nein… Warum? Weil sie so einen Krawall macht mit
dem Schreien.“Ich: „Wenn du lieber hättest, daß sie nicht auf der Welt wär‘,
hast du sie ja gar nicht gern.“Hans: „Hm, hm“ (zustimmend).
Ich: „Deshalb hast du gedacht, wenn die Mammi sie badet,
wenn sie die Hände weggeben möcht‘, dann möchte sie ins Wasser
fallen…“Hans (ergänzt): „– und sterben.“
Ich: „Und du wärst dann allein mit der Mammi. Und ein
braver Bub wünscht das doch nicht.“Hans: „Aber denken darf er’s.“
Ich: „Das ist aber nicht gut.“
Hans: „Wenn er’s denken tut, ist es doch gut, da-
mit man’s dem Professor schreibt.“35)Später sag‘ ich ihm: „Weißt du, wenn die Hanna größer sein
wird und wird sprechen können, wirst du sie schon lieber haben.“Hans: „O nein. Ich hab‘ sie ja lieb. Wenn sie im Herbst groß
sein wird, werd‘ ich mit ihr ganz allein in den Stadtpark gehen
und werd‘ ihr alles erklären.“„Wie ich mit einer weiteren Aufklärung anfangen will, unter-
bricht er mich, wahrscheinlich, um mir zu erklären, daß es nicht
so schlimm ist, wenn er der Hanna den Tod wünscht.“Hans: „Du, sie war doch schon längst auf der Welt, auch wie
sie noch nicht da war. Beim Storche war sie doch auch auf der
Welt.“Ich: „Nein, beim Storche war sie vielleicht doch nicht.“
Hans: „Wer hat sie denn gebracht? Der Storch hat sie gehabt.“
Ich: „Woher hat er sie denn gebracht?“
Hans: „Na, von ihm.“
35)Wacker, kleiner Hans! Ich wünschte mir bei keinem Er-
wachsenen ein besseres Verständnis der Psychoanalyse.S.
210
Ich: „Wo hat er sie denn gehabt?“
Hans: „In der Kiste, in der Storchenkiste.“
Ich: „Wie sieht denn die Kiste aus?“
Hans: „Rot. Rot angestrichen.“ (Blut?)
Ich: „Wer hat dir’s denn gesagt?“
Hans: „Die Mammi – ich hab’ mir’s gedacht – im Buche
steht’s.“
Ich: „In welchem Buche?“
Hans: „Im Bilderbuche.“ (Ich lasse mir sein erstes Bilderbuch
bringen. Dort ist ein Storchennest mit Störchen abgebildet auf
einem roten Kamin. Das ist die Kiste; sonderbarerweise ist auf
demselben Blatt ein Pferd zu sehen, das beschlagen wird. In die
Kiste verlegt Hans die Kinder, da er sie im Neste nicht findet.)
Ich: „Was hat denn der Storch mit ihr gemacht?“
Hans: „Dann hat er die Hanna hergebracht. Im Schnabel. Weißt,
der Storch, der in Schönbrunn ist, der in den Schirm beißt.“
(Reminiszenz an einen kleinen Vorfall in Schönbrunn.)
Ich: „Hast du gesehen, wie der Storch die Hanna gebracht hat?“
Hans: „Du, da hab’ ich doch noch geschlafen. In der Früh kann
kein Storch ein Mäderl oder einen Buben bringen.“
Ich: „Warum?“
Hans: „Das kann er nicht. Das kann ein Storch nicht. Weißt
warum? Daß die Leute nicht sehen, und auf einmal, wenn Früh ist,
ist ein Mäderl da.“36
Ich: „Du warst aber damals doch neugierig, wie das der Storch
gemacht hat?“
Hans: „O ja!“
Ich: „Wie hat die Hanna ausgesehen, wie sie gekommen ist?“
Hans (falsch): „Ganz weiß und lieb. Wie goldig.“
Ich: „Wie du sie aber das erstemal gesehen hast, hat sie dir
aber nicht gefallen.“
Hans: „O sehr!“
36Man halte sich über Hansens Inkonsequenz nicht auf. Im
vorigen Gespräch ist der Unglaube an den Storch aus seinem Un
bewußten zum Vorschein gekommen, der mit seiner Erbitterung
gegen den geheimtuerischen Vater verknüpft war. Jetzt ist er
ruhiger geworden und antwortet mit offiziellen Gedanken, in
denen er sich für die vielen mit der Storchhypothese verbundenen
Schwierigkeiten Erklärungen zurechtgemacht hat.S.
211
Ich: „Du warst doch überrascht, daß sie so klein ist?“
Hans: „Ja!“
Ich: „Wie klein war sie?“
Hans: „Wie ein junger Storch.“
Ich: „Wie war’s noch? Wie ein Lumpf vielleicht?“
Hans: „O nein, ein Lumpf ist viel größer ... bissel kleiner,
wie die Hanna wirklich.“Ich hatte dem Vater vorhergesagt, daß die Phobie des
Kleinen sich auf die Gedanken und Wünsche aus Anlaß der
Geburt des Schwesterchens werde zurückführen lassen, aber
ich hatte versäumt, ihn aufmerksam zu machen, daß ein
Kind ein „Lumpf“ für die infantile Sexualtheorie sei, so
daß Hans den Exkrementalkomplex passieren werde. Aus
dieser meiner Nachlässigkeit entsprang die zeitweise Ver-
dunkelung der Kur. Jetzt nach erfolgter Klärung versucht
der Vater, Hans über diesen wichtigen Punkt ein zweites
Mal zu vernehmen.„Am nächsten Tage lasse ich mir die gestern erzählte
Geschichte nochmals wiederholen. Hans erzählt: „Die Hanna
ist in der großen Kiste nach Gmunden gefahren, und die
Mammi im Coupé, und die Hanna ist im Lastzuge mit der
Kiste gefahren, und dann, wie wir in Gmunden waren,
haben ich und die Mammi die Hanna herausgehoben,
haben sie aufs Pferd gesetzt. Der Kutscher war am Bocke,
und die Hanna hat die vorige (vorjährige) Peitsche gehabt
und hat das Pferd gepeitscht und hat immer gesagt:
„Hühoh“, und das war immer lustig, und der Kutscher hat
auch gepeitscht. – Der Kutscher hat gar nicht gepeitscht,
weil die Hanna die Peitsche gehabt hat. – Der Kutscher
hat die Zügel gehabt – auch die Zügel hat die Hanna ge-
habt (wir sind jedesmal mit einem Wagen von der Bahn
zum Hause gefahren; Hans sucht hier Wirklichkeit und
Phantasie in Übereinstimmung zu bringen). In Gmunden
haben wir die Hanna vom Pferde heruntergehoben, und sieS.
212
ist allein über die Stiege gegangen.“ (Als Hanna voriges
Jahr in Gmunden war, war sie 8 Monate alt. Ein Jahr
früher, worauf sich offenbar Hans’ Phantasie bezieht, waren
bei der Ankunft in Gmunden 5 Monate der Gravidität ver-
strichen.)Ich: „Das vorige Jahr war die Hanna schon da.“
Hans: „Voriges Jahr ist sie im Wagen gefahren, aber ein Jahr
vorher, wie sie bei uns auf der Welt war…“
Ich: „Bei uns war sie schon?“
Hans: „Ja, du bist doch schon immer gekommen, mit mir
Schinakel zu fahren, und die Anna hat dich bedient.“
Ich: „Das war aber nicht voriges Jahr, da war die Hanna noch
gar nicht auf der Welt.“
Hans: „Ja, da war sie auf der Welt. Wie sie erst in der
Kiste gefahren ist, hat sie schon laufen können, schon ‚Anna‘
sagen.“ (Das kann sie erst seit vier Monaten.)
Ich: „Aber da war sie doch noch gar nicht bei uns.“
Hans: „O ja, da war sie doch beim Storche.“
Ich: „Wie alt ist denn die Hanna?“
Hans: „Sie wird im Herbste zwei Jahre. Die Hanna war doch
da, du weißt es doch.“
Ich: „Und wann war sie beim Storche in der Storchenkiste?“
Hans: „Schon lange, bevor sie in der Kiste gefahren ist. Schon
sehr lange.“
Ich: „Wie lange kann denn die Hanna gehen? Wie sie in
Gmunden war, hat sie noch nicht gehen können.“
Hans: „Voriges Jahr nicht, sonst schon.“
Ich: „Die Hanna war doch nur einmal in Gmunden.“
Hans: „Nein! Sie war zweimal; ja, das ist richtig. Ich kann
mich sehr gut erinnern. Frag nur die Mammi, die wird dir’s
schon sagen.“
Ich: „Das ist doch nicht wahr.“
Hans: „Ja, das ist wahr. Wie sie in Gmunden das erste-
mal war, hat sie gehen und reiten können, und spä-
ter hat man sie tragen müssen. – Nein, später ist sie erst
geritten, und voriges Jahr hat man sie tragen müssen.“
Ich: „Sie geht aber doch erst ganz kurze Zeit. In Gmunden
hat sie nicht gehen können.“S.
213
Hans: „Ja, schreib’s nur auf. Ich kann mich ganz gut erinnern.
– Warum lachst du?“Ich: „Weil du ein Schwindler bist, weil du ganz gut weißt, daß
die Hanna nur einmal in Gmunden war.“Hans: „Nein, das ist nicht wahr. Das erstemal ist sie auf
dem Pferde geritten… und das zweitemal“ (wird offenbar un-
sicher).Ich: „War das Pferd vielleicht die Mammi?“
Hans: „Nein, ein wirkliches Pferd, beim Einspänner.“
Ich: „Wir sind doch immer mit einem Zweispänner gefahren.“
Hans: „So war’s halt ein Fiaker.“
Ich: „Was hat die Hanna in der Kiste gegessen?“
Hans: „Man hat ihr ein Butterbrot und Hering und Rettich (ein
Gmundner Nachtmahl) hineingegeben, und daweil die Hanna ge-
fahren ist, hat sie sich das Butterbrot aufgeschmiert und hat
fünfzigmal gegessen.“Ich: „Hat die Hanna nicht geschrien?“
Hans: „Nein!“
Ich: „Was hat sie denn gemacht?“
Hans: „Ganz ruhig drin gesessen.“
Ich: „Hat sie nicht gestoßen?“
Hans: „Nein, sie hat fortwährend gegessen und hat sich nicht
einmal gerührt. Zwei große Häfen Kaffee hat sie ausgetrunken –
bis in der Früh war alles weg, und den Mist hat sie in der Kiste
gelassen, die Blätter von den zwei Rettichen und ein Messer zum
Rettichschneiden; sie hat alles zusammengeputzt wie ein Has’, in
einer Minute, und sie war fertig. Das war eine Hetz’. Ich und die
Hanna bin sogar mitgefahren in der Kiste, ich hab’ in der Kiste
geschlafen die ganze Nacht (wir sind vor zwei Jahren tatsächlich
in der Nacht nach Gmunden gefahren), und die Mammi ist im
Coupé gefahren. Immer haben wir gegessen auch im Wagen, das
war eine Gaude. – Sie ist gar nicht am Pferde geritten (er ist
jetzt unsicher geworden, weil er weiß, daß wir im Zweispänner
gefahren sind) … sie ist im Wagen gesessen. Das ist das Richtige,
aber ganz allein bin ich und die Hanna gefahren … die Mammi
ist auf dem Pferde geritten, die Karolin’ (unser Mädchen vom
vorigen Jahre) auf dem andern… Du, was ich dir da erzähl’,
ist nicht einmal wahr.“Ich: „Was ist nicht wahr?“
S.
214
Hans: „Alles nicht. Du, wir setzen sie und mich in die Kiste,37)
und ich werde in die Kiste Wiwi machen. Ich werd’ halt in die
Hosen Wiwi machen, liegt mir gar nichts dran, ist gar keine
Schand’. Du, das ist aber kein Spaß, aber lustig ist es schon!“
Er erzählt dann die Geschichte, wie der Storch gekommen ist,
wie gestern, nur nicht, daß er beim Weggehen den Hut genommen
hat.
Ich: „Wo hat der Storch den Türschlüssel gehabt?“
Hans: „In der Tasche.“
Ich: „Wo hat denn der Storch eine Tasche?“
Hans: „Im Schnabel.“
Ich: „Im Schnabel hat er ihn gehabt! Ich hab’ noch keinen
Storch gesehen, der einen Schlüssel im Schnabel gehabt hat.“
Hans: „Wie hat er denn hineinkommen können? Wie kommt
denn der Storch von der Tür hinein? Das ist ja nicht wahr, ich
hab’ mich nur geirrt, der Storch läutet an, und jemand macht auf.“
Ich: „Wie läutet er denn?“
Hans: „Auf der Glocke.“
Ich: „Wie macht er das?“
Hans: „Er nimmt den Schnabel und drückt mit dem Schnabel an.“
Ich: „Und er hat die Tür wieder zugemacht?“
Hans: „Nein, ein Dienstmädchen hat sie zugemacht. Die war ja
schon auf, die hat ihm aufgemacht und zugemacht.“
Ich: „Wo ist der Storch zu Hause?“
Hans: „Wo? In der Kiste, wo er die Mäderl hat. In Schönbrunn
vielleicht.“
Ich: „Ich hab’ in Schönbrunn keine Kiste gesehen.“
Hans: „Die wird halt weiter weg sein. – Weißt, wie der Storch
die Kiste aufmacht? Er nimmt den Schnabel – die Kiste hat auch
einen Schlüssel – er nimmt den Schnabel und eins (eine Schnabel-
hälfte) läßt er auf und sperrt so auf (demonstriert es mir am
Schreibtischschlosse). Das ist ja auch ein Henkel.“
Ich: „Ist so ein Mäderl nicht zu schwer für ihn?“
Hans: „O nein!“
Ich: „Du, sieht ein Stellwagen nicht wie eine Storchenkiste aus?“
Hans: „Ja!“
Ich: „Und ein Möbelwagen?“37)Die Kiste für das Gmundner Gepäck, die im Vorzimmer
steht.S.
215
Hans: „Ein Gsindelwerkwagen (Gsindelwerk: Schimpfwort für
unartige Kinder) auch.“*
„17. April. Gestern hat Hans seinen lange geplanten Vor-
satz ausgeführt und ist in den Hof vis-à-vis hinübergegan-
gen. Heute wollte er es nicht tun, weil gerade gegenüber
dem Einfahrtstore ein Wagen an der Ausladerampe stand.
Er sagte mir:„Wenn dort ein Wagen steht, so fürcht’ ich mich, daß ich die
Pferde necken werde, und sie fallen um und machen mit
den Füßen Krawall.“Ich: „Wie neckt man denn Pferde?“
Hans: „Wenn man mit ihnen schimpft, dann neckt man sie,
wenn man Hühü schreit.“38)Ich: „Hast du Pferde schon geneckt?“
Hans: „Ja, schon öfter. Fürchten tu ich mich, daß ich’s tu, aber
wahr ist es nicht.“Ich: „Hast du schon in Gmunden Pferde geneckt?“
Hans: „Nein!“
Ich: „Du neckst aber gerne Pferde?“
Hans: „O ja, sehr gerne!“
Ich: „Möchtest du sie gerne peitschen?“
Hans: „Ja!“
Ich: „Möchtest du die Pferde so schlagen, wie die Mammi die
Hanna? Das hast du ja auch gerne.“Hans: „Den Pferden schadet es ja nichts, wenn man sie schlägt.
(So hab’ ich ihm seinerzeit gesagt, um seine Furcht vor dem Peit-
schen der Pferde zu mäßigen.) Ich hab’s einmal wirklich getan.
Ich hab’ einmal die Peitsche gehabt und hab’ das Pferd gepeitscht,
und es ist umgefallen und hat mit den Füßen Krawall gemacht.“Ich: „Wann?“
Hans: „In Gmunden.“
Ich: „Ein wirkliches Pferd? Das am Wagen angespannt war?“
Hans: „Es war außer’m Wagen.“
Ich: „Wo war’s denn?“
38)„Es hat ihm oft große Furcht eingejagt, wenn Kutscher die
Pferde schlugen und Hü schrien.“S.
216
Hans: „Ich hab’s halt gehalten, daß es nicht davonrennen soll.“
(Das klang natürlich alles unwahrscheinlich.)
Ich: „Wo war das?“
Hans: „Beim Brunnen.“
Ich: „Wer hat’s dir erlaubt? Hat’s der Kutscher dort stehen
lassen?“
Hans: „Halt ein Pferd vom Stalle.“
Ich: „Wie ist es zum Brunnen gekommen?“
Hans: „Ich hab’s hingeführt.“
Ich: „Woher? Aus dem Stalle?“
Hans: „Ich hab’s herausgeführt, weil ich es hab’ wollen peit-
schen.“
Ich: „War im Stalle niemand?“
Hans: „O ja, der Loisl“ (der Kutscher in Gmunden).
Ich: „Hat er dir’s erlaubt?“
Hans: „Ich hab’ mit ihm lieb geredet, und er hat gesagt, ich
darf es tun.“
Ich: „Was hast du ihm gesagt?“
Hans: „Ob ich das Pferd nehmen darf und peitschen und
schreien. Er hat gesagt, ja.“
Ich: „Hast du’s viel gepeitscht?“
Hans: „Was ich dir da erzähl’, ist gar nicht wahr.“
Ich: „Was ist davon wahr?“
Hans: „Nix ist davon wahr, das hab’ ich dir nur im Spaße
erzählt.“
Ich: „Du hast nie ein Pferd aus dem Stalle geführt?“
Hans: „O nein!“
Ich: „Gewünscht hast du dir’s.“
Hans: „Oh, gewünscht schon, gedacht hab’ ich mir’s.“
Ich: „In Gmunden?“
Hans: „Nein, erst hier. In der Früh hab’ ich mir’s schon ge-
dacht, wie ich ganz angezogen war; nein, in der Früh im Bette.“
Ich: „Warum hast du mir’s nie erzählt?“
Hans: „Ich hab’ nicht dran gedacht.“
Ich: „Du hast dir’s gedacht, weil du auf die Straßen gesehen
hast.“
Hans: „Ja!“
Ich: „Wen möchtest du eigentlich gerne schlagen, die Mammi,
die Hanna oder mich?“S.
217
Hans: „Die Mammi.“
Ich: „Warum?“
Hans: „Ich möcht’ sie halt schlagen.“
Ich: „Wann hast du gesehen, daß jemand eine Mammi schlägt?“
Hans: „Ich hab’s noch nie gesehen, in meinem Leben nie.“
Ich: „Und du möchtest es halt doch machen. Wie möchtest du
das tun?“Hans: „Mit dem Pracker.“ (Mit dem Pracker droht die Mama
öfter ihn zu schlagen.)„Für heute mußte ich das Gespräch abbrechen.“
„Auf der Gasse erklärte mir Hans: Stellwagen, Möbel-
wagen, Kohlenwagen seien Storchkistenwagen.“Das heißt also: gravide Frauen. Die sadistische Anwand-
lung unmittelbar vorher kann nicht außer Zusammenhang
mit unserem Thema sein.*
„21. April. Heute früh erzählt Hans, er habe sich ge-
dacht: „Ein Zug war in Lainz, und ich bin mit der Lain-
zer Großmama nach Hauptzollamt gefahren. Du warst
noch nicht herunter von der Brücke und der zweite Zug
war schon in St. Veit. Wie du heruntergekommen bist, war
der Zug schon da, und da sind wir eingestiegen.“„(Gestern war Hans in Lainz. Um auf den Einsteige-
perron zu kommen, muß man über eine Brücke gehen. Von
dem Perron sieht man die Schienen entlang bis zur Station
St. Veit. Die Sache ist etwas undeutlich. Ursprünglich hat
sich Hans wohl gedacht: er ist mit dem ersten Zuge, den
ich versäumt habe, davongefahren, dann ist aus Unter-
St. Veit ein zweiter Zug gekommen, mit dem ich nach-
gefahren bin. Ein Stück dieser Ausreißerphantasie hat er
entstellt, so daß er schließlich sagt: Wir sind beide erst
mit dem zweiten Zuge weggefahren.“„Diese Phantasie steht in Beziehung zu der letzten un-
S.
218
gedeuteten, die davon handelt, wir hätten in Gmunden zu-
viel Zeit verbraucht, um die Kleider in der Bahn anzu-
ziehen, und der Zug wäre davongefahren.“„Nachmittag vor dem Haus. Hans läuft plötzlich ins
Haus, als ein Wagen mit zwei Pferden kommt, an dem ich
nichts Außergewöhnliches bemerken kann. Ich frage ihn,
was er hat. Er sagt: „Ich fürchte mich, weil die Pferde so
stolz sind, daß sie umfallen.“ (Die Pferde wurden vom
Kutscher scharf am Zügel gehalten, so daß sie in kurzem
Schritte gingen, die Köpfe hochhaltend – sie hatten wirk-
lich einen stolzen Gang.)“„Ich frage ihn, wer denn eigentlich so stolz sei.“
Er: „Du, wenn ich ins Bett zur Mammi komm‘.“
Ich: „Du wünschest also, ich soll umfallen?“
Er: „Ja, du sollst als Nackter (er meint: barfüßig wie seinerzeit
Fritzl) auf einen Stein anstoßen, und da soll Blut fließen, und
wenigstens kann ich mit der Mammi ein bißchen allein sein. Wenn
du in die Wohnung heraufkommst, kann ich geschwind weglaufen
von der Mammi, daß du’s nicht siehst.“Ich: „Kannst du dich erinnern, wer sich am Steine angestoßen
hat?“Er: „Ja, der Fritzl.“
Ich: „Wie der Fritzl hingefallen ist, was hast du dir ge-
dacht?39)“Er: „Daß du am Steine hinfliegen sollst.“
Ich: „Du möchtest also gerne zur Mammi?“
Er: „Ja!“
Ich: „Weshalb schimpf‘ ich denn eigentlich?“
Er: „Das weiß ich nicht.“ (!!)
Ich: „Warum?“
Er: „Weil du eifern tust.“
Ich: „Das ist doch nicht wahr!“
Er: „Ja, das ist wahr, du tust eifern, das weiß ich. Das muß
wahr sein.“39)Fritzl ist also tatsächlich gefallen, was er seinerzeit ge-
leugnet hat.S.
219
„Meine Erklärung, daß nur kleine Buben zur Mammi ins
Bett kommen, große in ihrem eigenen Bett schlafen, hat
ihm also nicht sehr imponiert.“„Ich vermute, daß der Wunsch, das Pferd zu „necken“
i. e. schlagen, anschreien, nicht, wie er angab, auf die
Mama, sondern auf mich geht. Er hat die Mama wohl nur
vorgeschoben, weil er mir das andere nicht eingestehen
wollte. In den letzten Tagen ist er von besonderer Zärt-
lichkeit gegen mich.“Mit der Überlegenheit, die man „nachträglich“ so leicht
erwirbt, wollen wir den Vater korrigieren, daß der Wunsch
Hansens, das Pferd zu „necken“, doppelt gefügt ist, zu
sammengesetzt aus einem dunkeln, sadistischen Gelüste auf
die Mutter und einem klaren Rachedrange gegen den
Vater. Der letztere konnte nicht eher reproduziert werden,
als bis im Zusammenhange des Graviditätskomplexes das
erstere an die Reihe gekommen war. Bei der Bildung der
Phobie aus den unbewußten Gedanken findet ja eine Ver-
dichtung statt; darum kann der Weg der Analyse niemals
den Entwicklungsgang der Neurose wiederholen.*
„22. April. Heute früh hat sich Hans wieder etwas ge-
dacht: „Ein Gassenbube ist auf dem Wagerl gefahren, und
der Kondukteur ist gekommen und hat den Buben ganz
nackt ausgezogen und bis in der Früh dort stehenlassen,
und in der Früh hat der Bub dem Kondukteur 50 000 Gul-
den gegeben, damit er mit dem Wagerl fahren darf.“„(Vis-à-vis von uns fährt die Nordbahn. Auf einem Stock-
geleise steht eine Draisine, auf der Hans einmal einen
Gassenbuben fahren sah, was er auch tun wollte. Ich habe
ihm gesagt, das dürfe man nicht, sonst käme der Kon-S.
220
dukteur. Ein zweites Element der Phantasie ist der ver-
drängte Nacktheitswunsch.)“Wir merken schon seit einiger Zeit, daß Hansens Phan-
tasie „im Zeichen des Verkehres“ schafft und konsequenter-
weise vom Pferde, das den Wagen zieht, zur Eisenbahn
fortschreitet. So gesellt sich ja auch zu jeder Straßen-
phobie mit der Zeit die Eisenbahnangst hinzu.„Mittags höre ich, daß Hans den ganzen Vormittag
mit einer Gummipuppe gespielt habe, die er Grete
nannte. Er hat durch die Öffnung, in der einmal das
kleine Blechpfeifchen befestigt war, ein kleines
Taschenmesser hineingesteckt und ihr dann die Füße
voneinandergerissen, um das Messer heraus-
fallen zu lassen. Dem Kindermädchen sagte er, zwi-
schen die Füße der Puppe zeigend: „Schau, hier
ist der Wiwimacher!“Ich: „Was hast du denn heute eigentlich mit der Puppe ge-
spielt?“Er: „Ich hab’ die Füße auseinandergerissen, weißt warum? Weil
ein Messerl drin war, was die Mammi gehabt hat. Das hab’ ich
hineingegeben, wo der Kopf quietscht, und dann hab’ ich die Füß’
auseinandergerissen, und dort ist es hinausgegangen.“Ich: „Weshalb hast du die Füße auseinandergerissen? Damit du
den Wiwimacher sehen kannst?“Er: „Er war ja auch zuerst da, da hab’ ich ihn auch sehen
können.“Ich: „Weshalb hast du das Messer hineingegeben?“
Er: „Ich weiß es nicht.“
Ich: „Wie sieht denn das Messerl aus?“
Er bringt es mir.
Ich: „Hast du dir gedacht, es ist vielleicht ein kleines Kind?“
Er: „Nein, ich hab’ mir gar nichts gedacht, aber der Storch
hat, mir scheint, einmal ein kleines Kind gekriegt – oder wer.“Ich: „Wann?“
Er: „Einmal. Ich hab’s gehört, oder hab’ ich’s gar nicht gehört,
oder hab’ ich mich verredet?“S.
221
Ich: „Was heißt verredet?“
Er: „Es ist nicht wahr.“
Ich: „Alles, was man sagt, ist ein bissel wahr.“
Er: „No ja, ein bißchen.“
Ich (nach einem Übergange): „Wie hast du dir gedacht, kom-
men die Hendl auf die Welt?“
Er: „Der Storch laßt sie halt wachsen, der Storch laßt die
Hendl wachsen – nein, der liebe Gott.“
Ich erkläre ihm, daß die Hendl Eier legen und aus den Eiern
wieder Hendl kommen.
Hans lacht.
Ich: „Warum lachst du?“
Er: „Weil mir’s gefällt, was du mir da erzählst.“
Er sagt, er habe das bereits gesehen.
Ich: „Wo denn?“
Hans: „Bei dir!“
Ich: „Wo hab’ ich ein Ei gelegt?“
Hans: „In Gmunden, ins Gras hast du ein Ei gelegt, und auf
einmal ist ein Hendl aufgesprungen. Du hast einmal ein Ei gelegt,
das weiß ich, das weiß ich ganz bestimmt. Weil mir’s die Mammi
gesagt hat.“
Ich: „Ich werde die Mammi fragen, ob das wahr ist.“
Hans: „Das ist gar nicht wahr, aber ich hab’ schon einmal ein
Ei gelegt, da ist ein Hendl aufgesprungen.“
Ich: „Wo?“
Hans: „In Gmunden habe ich mich ins Gras gelegt, nein ge-
kniet, und da haben die Kinder gar nicht hergeschaut, und auf
einmal in der Früh hab’ ich gesagt: Suchts, Kinder, gestern hab’
ich ein Ei gelegt! Und auf einmal haben sie geschaut, und auf
einmal haben sie ein Ei gesehen, und aus dem ist ein kleiner
Hans gekommen. Was lachst du denn? Die Mammi weiß es nicht,
und die Karolin’ weiß es nicht, weil niemand zugeschaut hat, und
auf einmal hab’ ich ein Ei gelegt, und auf einmal war’s da. Wirk-
lich. Vatti, wann wächst ein Hendl aus dem Ei? Wenn man es
stehen läßt? Muß man das essen?“
Ich erkläre ihm das.
Hans: „No ja, lassen’s wir bei der Henne, dann wächst ein
Hendl. Packen wir’s in die Kiste und lassen wir’s nach Gmunden
fahren.“S.
222
Hans hat die Leitung der Analyse mit einem kühnen
Griffe an sich gerissen, da die Eltern mit den längst be-
rechtigten Aufklärungen zögerten, und in einer glänzenden
Symptomhandlung mitgeteilt: „Seht ihr, so stelle ich
mir eine Geburt vor.“ Was er dem Dienstmädchen
über den Sinn seines Spieles mit der Puppe gesagt, war
nicht aufrichtig; dem Vater gegenüber weist er es direkt
ab, daß er nur den Wiwimacher sehen wollte. Nachdem
ihm der Vater gleichsam als Abschlagszahlung die Ent-
stehung der Hühnchen aus dem Ei erzählt hat, vereinigen
sich seine Unbefriedigung, sein Mißtrauen und sein Besser-
wissen zu einer herrlichen Persiflage, die sich in seinen
letzten Worten zu einer deutlichen Anspielung auf die
Geburt der Schwester steigert.Ich: „Was hast du mit der Puppe gespielt?“
Hans: „Ich hab’ ihr Grete gesagt.“
Ich: „Warum?“
Hans: „Weil ich ihr Grete gesagt hab’.“
Ich: „Wie hast du dich gespielt?“
Hans: „Ich hab’ sie halt so gepflegt wie ein wirkliches Kind.“
Ich: „Möchtest du gerne ein kleines Mäderl haben?“
Hans: „O ja. Warum nicht? Ich mag eins kriegen, aber die
Mammi darf keines kriegen, ich mag’s nicht.“
(Er hat sich schon oft so ausgesprochen. Er fürchtet durch ein
drittes Kind noch weiter verkürzt zu werden.)
Ich: „Es bekommt doch nur eine Frau ein Kind.“
Hans: „Ich krieg’ ein Mäderl.“
Ich: „Wo kriegst du es denn her?“
Hans: „No, vom Storch. Er nimmt das Mäderl heraus,
und das Mäderl legt auf einmal ein Ei, und aus dem Ei kommt
dann noch eine Hanna heraus, noch eine Hanna. Aus der Hanna
kommt noch eine Hanna. Nein, es kommt eine Hanna heraus.“
Ich: „Du möchtest gerne ein Mäderl haben.“
Hans: „Ja, nächstes Jahr krieg’ ich eins, das wird
auch Hanna heißen.“
Ich: „Warum soll denn die Mammi kein Mäderl bekommen?“S.
223
Hans: „Weil ich einmal ein Mäderl mag.“
Ich: „Du kannst aber kein Mäderl bekommen.“
Hans: „O ja, ein Bub kriegt ein Mäderl, und ein Mäderl kriegt
einen Bub40)
en.“
Ich: „Ein Bub bekommt keine Kinder. Kinder bekommen nur
Frauen, Mammis.“
Hans: „Warum denn ich nicht?“
Ich: „Weil der liebe Gott es so eingerichtet hat.“
Hans: „Warum kriegst denn du keines? O ja, du wirst schon
eins kriegen, nur warten.“
Ich: „Da kann ich lang warten.“
Hans: „Ich gehör’ doch dir.“
Ich: „Aber die Mammi hat dich auf die Welt gebracht. Du
gehörst dann der Mammi und mir.“
Hans: „Gehört die Hanna mir oder der Mammi?“
Ich: „Der Mammi.“
Hans: „Nein, mir. Warum denn nicht mir und der
Mammi?“
Ich: „Die Hanna gehört mir, der Mammi und dir.“
Hans: „Na also!“Ein wesentliches Stück fehlt natürlich dem Kinde im
Verständnisse der Sexualbeziehungen, solange das weib-
liche Genitale unentdeckt ist.*
„Am 24. April wird Hans von mir und meiner Frau so
weit aufgeklärt, daß Kinder in der Mammi wachsen und
dann, was große Schmerzen bereite, mittels Drückens wie
ein „Lumpf“ in die Welt gesetzt werden.“„Nachmittags sind wir vor dem Haus. Es ist bei ihm
eine sichtliche Erleichterung eingetreten, er läuft Wagen
nach, und nur der Umstand, daß er sich aus der Nähe des
Haupttores nicht wegtraut, respektive zu keinem größeren
Spaziergange zu bewegen ist, verrät den Rest von Angst.“40)Wiederum ein Stück infantiler Sexualtheorie mit ungeahntem
Sinne.S.
224
„Am 25. April rennt mir Hans mit dem Kopfe in den
Bauch, was er schon früher einmal getan hat. Ich frage
ihn, ob er eine Ziege ist.“
Er sagt: „Ja ein Wieder (Widder).“ – „Wo er einen Widder
gesehen hat?“
Er: „In Gmunden, der Fritzl hat einen ge-
ein kleines, lebendes Schaf zum Spielen gehabt.“
Ich: „Von dem Lamperl mußt du mir erzählen, was hat es
gemacht?“
Hans: „Du weißt, das Fräulein Mizzi (eine Lehrerin, die im
Hause wohnte) hat immer die Hanna auf das Lamperl gesetzt, da
hat es aber nicht aufstehen können, da hat es nicht stoßen können.
Wenn man hingeht, stößt es schon, weil es Hörner hat. Der Fritzl
tut’s halt an der Schnur führen und an einen Baum anbinden. Er
bindet’s immer an einen Baum an.“
Ich: „Hat das Lamperl dich gestoßen?“
Hans: „Hinaufgesprungen ist es auf mich, der Fritzl hat mich
einmal hingegeben… ich bin einmal hingegangen und hab’s nicht
gewußt, und auf einmal ist es auf mich hinaufgesprungen. Das
war so lustig – erschrocken bin ich nicht.“
Das ist gewiß unwahr.
Ich: „Hast du den Vatti gern?“
Hans: „O ja.“
Ich: „Vielleicht auch nicht?“
Hans (spielt mit einem kleinen Pferderl. In diesem Moment
fällt das Pferdl um. Er schreit): „Das Pferdl ist umgefallen!
Siehst du, wie’s Krawall macht!“
Ich: „Etwas ärgert dich am Vatti, daß ihn die Mammi gern
hat.“
Hans: „Nein.“
Ich: „Weshalb weinst du also immer, wenn die Mammi mir
einen Kuß gibt? Weil du eifersüchtig bist.“
Hans: „Das schon.“
Ich: „Was möchtest du denn machen, wenn du der Vatti wärst.“
Hans: „Und du der Hans? – Da möcht’ ich dich jeden Sonntag
nach Lainz fahren, nein, auch jeden Wochentag. Wenn ich der
Vatti wär’, wär’ ich gar brav.“
Ich: „Was möchtest du mit der Mammi machen?“
Hans: „Auch nach Lainz mitnehmen.“S.
225
Ich: „Was sonst noch?“
Hans: „Nix.“
Ich: „Weshalb bist du denn eifersüchtig?“
Hans: „Das weiß ich nicht.“
Ich: „In Gmunden warst du auch eifersüchtig?“
Hans: „In Gmunden nicht (das ist nicht wahr). In Gmunden
hab’ ich meine Sachen gehabt, einen Garten hab’ ich in Gmunden
gehabt und auch Kinder.“
Ich: „Kannst du dich erinnern, wie die Kuh das Kalberl be-
kommen hat?“
Hans: „O ja. Es ist mit einem Wagen dahergekommen (– das
hat man ihm wohl damals in Gmunden gesagt; auch ein Stoß
gegen die Storchtheorie –), und eine andere Kuh hat es aus dem
Podl herausgedrückt.“ (Das ist bereits die Frucht der Aufklärung,
die er mit der „Wagerltheorie“ in Einklang bringen will.)
Ich: „Das ist ja nicht wahr, daß es mit einem Wagerl gekom-
men ist; es ist aus der Kuh gekommen, die im Stalle war.“
Hans bestreitet es, sagt, er habe den Wagen in der Früh ge-
sehen. Ich mache ihn aufmerksam, daß man ihm das wahrschein-
lich erzählt hat, daß das Kalberl im Wagen gekommen sei. Er gibt
es schließlich zu: „Es hat mir’s wahrscheinlich die Berta gesagt
oder nein – oder vielleicht der Hausherr. Er war dabei, und es
war doch Nacht, deshalb ist es doch wahr, wie ich’s dir sage, oder
mir scheint, es hat mir’s niemand gesagt, ich hab’ mir’s in der
Nacht gedacht.Das Kalberl wurde, wenn ich nicht irre, im Wagen weggeführt;
daher die Verwechslung.Ich: „Warum hast du dir nicht gedacht, der Storch hat’s ge-
bracht?“
Hans: „Das hab’ ich mir nicht denken wollen.“
Ich: „Aber, daß die Hanna der Storch gebracht hat, hast du
dir gedacht?“
Hans: „In der Früh (der Entbindung) hab’ ich mir’s gedacht.
– Du, Vatti, war der Herr Reisenbichler (der Hausherr) dabei,
wie das Kalberl von der Kuh gekommen ist?“41
Ich: „Ich weiß nicht. Glaubst du?“41)Hans, der Grund hat, gegen die Mitteilungen der Erwachse-
nen mißtrauisch zu sein, erwägt hier, ob der Hausherr glaub-
würdiger sei als der Vater.Freud, Krankengeschichten
S.
226
Hans: „Ich glaub’ schon… Vatti, hast du schon öfter gesehen,
wie ein Pferd etwas Schwarzes am Mund hat?“
Ich: „Ich hab’s schon öfter gesehen auf der Straße in Gmunden.“42)
Ich: „In Gmunden warst du oft im Bett bei der Mammi?“
Hans: „Ja.“
Ich: „Und dann hast dir gedacht, du bist der Vatti?“
Hans: „Ja.“
Ich: „Und dann hast du dich vor dem Vatti gefürchtet?“
Hans: „Du weißt ja alles, ich hab’ nichts gewußt.“
Ich: „Wie der Fritzl gefallen ist, hast du dir gedacht, wenn der
Vatti so fallen möchte, und wie dich das Lamperl gestoßen hat,
wenn es den Vatti stoßen möcht’. Kannst du dich an das Begräbnis
in Gmunden erinnern?“ (Das erste Begräbnis, das Hans sah. Er
erinnert sich öfter daran, eine zweifellose Deckerinnerung.)
Hans: „Ja, was war da?“
Ich: „Da hast du gedacht, wenn der Vatti sterben möcht’, wärst
du der Vatti.“
Hans: „Ja.“
Ich: „Vor welchen Wagen fürchtest du dich eigentlich noch?“
Hans: „Vor allen.“
Ich: „Das ist doch nicht wahr.“
Hans: „Vor Fiakern, Einspännern nicht. Vor Stellwagen, vor
Gepäckwagen, aber nur, wenn sie aufgeladen haben, wenn sie aber
leer sind, nicht. Wenn es ein Pferd ist und voll aufgeladen hat,
da fürcht’ ich mich, und wenn’s zwei Pferde sind und voll auf-
geladen haben, da fürcht’ ich mich nicht.“
Ich: „Vor den Stellwagen fürchtest du dich, weil drin soviel
Leute sind?“
Hans: „Weil am Dach soviel Gepäck ist.“
Ich: „Hat die Mammi, wie sie die Hanna bekommen hat, nicht
auch voll aufgeladen?“
Hans: „Die Mammi wird wieder voll aufgeladen sein, wenn sie
wieder einmal eins haben wird, bis wieder eins wachsen wird, bis
wieder eins drin sein wird.“
Ich: „Das möchtest du halt gern.“
Hans: „Ja.“42)Der Zusammenhang ist der: Das mit dem Schwarzen am
Munde der Pferde hat ihm der Vater lange nicht glauben wollen,
bis es sich endlich hat verifizieren lassen.S.
227
Ich: „Du hast gesagt, du willst nicht, daß die Mammi noch ein
Kind bekommen soll.“Hans: „So wird sie halt nicht mehr aufgeladen sein. Die Mammi
hat gesagt, wenn die Mammi keins will, will’s der liebe Gott auch
nicht. Wird die Mammi auch keins wollen, so wird sie keins be-
kommen.“ (Hans hat natürlich gestern auch gefragt, ob in der
Mammi noch Kinder sind. Ich habe ihm gesagt, nein, wenn der
liebe Gott nicht will, wird’s in ihr auch nicht wachsen.)Hans: „Aber die Mammi hat mir gesagt, wenn sie nicht will,
wird keins mehr wachsen, und du sagst, wenn der liebe Gott nicht
will.“Ich sagte ihm also, daß es so ist, wie ich gesagt habe, worauf
er bemerkt: „Du warst doch dabei? Du weißt es gewiß besser.“ –
Er stellte also die Mama zur Rede, und die stellte die Konkordanz
her, indem sie erklärte, wenn sie nicht wolle, wolle auch der liebe
Gott nicht.43)Ich: „Mir scheint, du wünschest doch, die Mammi soll ein Kind
bekommen?“Hans: „Aber haben will ich’s nicht.“
Ich: „Aber du wünschest es?“
Hans: „Wünschen schon.“
Ich: „Weißt du, warum du es wünschest? Weil du gern der
Vatti sein möchtest?“Hans: „Ja . . . Wie ist die Geschicht’?“
Ich: „Welche Geschicht’?“
Hans: „Ein Vatti kriegt doch kein Kind, wie ist die Geschicht’
dann, wenn ich gern der Vatti sein möcht’?“Ich: „Du möchtest der Vatti sein und mit der Mammi verhei-
ratet sein, möchtest so groß sein wie ich und einen Schnurrbart
haben, und möchtest, daß die Mammi ein Kind bekommen soll.“Hans: „Vatti, und bis ich verheiratet sein werde, werde ich nur
eines kriegen, wenn ich will, wenn ich mit der Mammi verheiratet
sein werde, und wenn ich kein Kind will, will der liebe Gott auch
nicht, wenn ich geheiratet hab’.“Ich: „Möchtest du gern mit der Mammi verheiratet sein?“
Hans: „O ja.“
43)Ce que femme veut Dieu veut. Hans hat hier in seinem
Scharfsinne wieder ein sehr ernsthaftes Problem entdeckt.S.
228
Man merkt es deutlich, wie das Glück in der Phantasie
noch durch die Unsicherheit über die Rolle des Vaters und
die Zweifel an der Beherrschung des Kinderkriegens gestört
wird.*
„Am Abend desselben Tages sagt Hans, wie er ins Bett
gelegt wird, zu mir: „Du, weißt du, was ich jetzt mach‘?
Jetzt sprech‘ ich noch bis 10 Uhr mit der Grete, die ist bei
mir im Bett. Immer sind meine Kinder bei mir im Bett.
Kannst du mir sagen, wie das ist?“ – Da er schon sehr
schläfrig ist, verspreche ich ihm, wir würden das morgen
aufschreiben, und er schläft ein.“„Aus den früheren Aufzeichnungen ergibt sich, daß Hans
seit seiner Rückkehr von Gmunden immer von seinen „Kin-
dern“ phantasiert, er führt mit ihnen Gespräche usw.44)„Am 26. April frage ich ihn also, warum er denn immer
von seinen Kindern spricht.“Hans: „Warum? Weil ich so gerne Kinder haben mag,
aber ich wünsch‘ mir’s nie, haben mag ich sie nicht.45)Ich: „Hast du dir immer vorgestellt, die Berta, die Olga usw.
sind deine Kinder?“Hans: „Ja, der Franzl, der Fritzl und der Paul (sein Gespiele
in Lainz) auch und die Lodi.“ Ein fingierter Name. Sein Lieblings-
kind, von dem er am öftesten spricht. – Ich betone hier, daß die
Persönlichkeit der Lodi nicht erst seit einigen Tagen, seit dem
Datum der letzten Aufklärung (24. April) besteht.44)Es ist keine Nötigung, hier bei Hans einen femininen Zug
von Sehnsucht nach Kinderhaben anzunehmen. Da er seine beseli-
genden Erlebnisse als Kind bei der Mutter gehabt hat, wiederholt
er diese nun in aktiver Rolle, wobei er selbst die Mutter spielen
muß.45)Der so auffällige Widerspruch ist der zwischen Phantasie
und Wirklichkeit – wünschen und haben. Er weiß, daß er in
Wirklichkeit Kind ist, da würden ihn andere Kinder nur stören,
in der Phantasie ist er Mutter und braucht Kinder, mit denen er
die selbst erlebten Zärtlichkeiten wiederholen kann.S.
229
Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben
Ich: „Wer ist die Lodi? Ist sie in Gmunden?“
Hans: „Nein.“
Ich: „Gibt’s eine Lodi?“
Hans: „Ja, ich kenn’ sie schon.“
Ich: „Welche denn?“
Hans: „Die da, die ich hab‘.“
Ich: „Wie sieht sie denn aus?“
Hans: „Wie? Schwarze Augen, schwarze Haare-
einmal mit der Mariedl (in Gmunden) getroffen, wie ich in die
Stadt gegangen bin.“
Wie ich Näheres wissen will, stellt sich heraus, daß dies er-
funden ist.46
Ich: „Du hast also gedacht, du bist die Mammi?“
Hans: „Ich war auch wirklich die Mammi.“
Ich: „Was hast du denn mit den Kindern gemacht?“
Hans: „Bei mir hab’ ich sie schlafen lassen, Mädeln und Buben.“
Ich: „Jeden Tag!“
Hans: „Na freilich.“
Ich: „Hast du mit ihnen gesprochen?“
Hans: „Wenn alle Kinder nicht ins Bett hineingegangen sind,
habe ich welche Kinder aufs Sofa gelegt und welche in den Kin-
derwagen gesetzt; wenn noch übriggeblieben sind, hab’ ich sie am
Boden getragen und in die Kiste gelegt, da waren noch Kinder,
und ich hab’ sie in die andere Kiste gelegt.“
Ich: „Also die Storchenkinderkisten sind am Boden gestanden?“
Hans: „Ja.“
Ich: „Wann hast du die Kinder bekommen? War die Hanna
schon auf der Welt?“
Hans: „Ja, schon lange.“
Ich: „Aber von wem hast du dir gedacht, daß du die Kinder
bekommen hast?“
Hans: „No, von mir.“47
Ich: „Damals hast du aber noch gar nicht gewußt, daß die
Kinder von einem kommen.“
46) Es könnte doch sein, daß Hans eine zufällige Begegnung in
Gmunden zum Ideal erhoben hat, das übrigens in der Farbe von
Augen und Haaren der Mutter nachgebildet ist.47) Hans kann nicht anders als vom Standpunkte des Auto-
erotismus antworten.S.
230
Hans: „Ich hab’ mir gedacht, der Storch hat sie gebracht.“
(Offenbar Lüge und Ausflucht.)48
Ich: „Gestern war die Grete bei dir, aber du weißt doch schon,
daß ein Bub keine Kinder haben kann.“
Hans: „No ja, ich glaub’s aber doch.“
Ich: „Wie bist du auf den Namen Lodi gekommen? So heißt
doch kein Mäderl. Vielleicht Lotti?“
Hans: „O nein, Lodi. Ich weiß nicht, aber ein schöner Name
ist es doch.“
Ich (scherzend): „Meinst du vielleicht eine Schokolodi?“
Hans (sofort): „Nein, eine Saffalodi49… weil ich so gern
Wurst essen tu, Salami auch.“
Ich: „Du, sieht eine Saffalodi nicht wie ein Lumpf aus?“
Hans: „Ja!“
Ich: „Wie sieht denn ein Lumpf aus?“
Hans: „Schwarz. Weißt (zeigt auf meine Augenbrauen und
Schnurrbart), wie das und das.“
Ich: „Wie noch? Rund wie eine Saffaladi?“
Hans: „Ja.“
Ich: „Wenn du am Topf gesessen bist und ein Lumpf gekom-
men ist, hast du dir gedacht, daß du ein Kind bekommst?“
Hans (lachend): „Ja, in der **gasse schon und auch hier.“
Ich: „Weißt du, wie die Stellwagenpferde umgefallen sind? Der
Wagen sieht doch wie eine Kinderkiste aus, und wenn das schwarze
Pferd umgefallen ist, war es so…“
Hans (ergänzend): „Wie wenn man ein Kind bekommt.“
Ich: „Und was hast du dir gedacht, wie es mit den Füßen Kra-
wall gemacht hat?“
Hans: „Na, wenn ich mich nicht will am Topf setzen und lieber
spielen, dann mach’ ich so mit den Füßen Krawall.“ (Er stampft
mit den Füßen auf.)„Daher interessierte es ihn so sehr, ob man gern oder
ungern Kinder bekommt.“„Hans spielt heute fortwährend Gepäckkisten auf- und
abladen, wünscht sich auch einen Leiterwagen mit solchen48Es sind Phantasie-, d. h. Onaniekinder.
49„Saffaladi = Zervelatwurst. Meine Frau erzählt gern, daß
ihre Tante immer Soffilodi sagt, das mag er gehört haben.“S.
231
Kisten als Spielzeug. Im Hofe des Hauptzollamtes gegen
über interessierte ihn am meisten das Auf-
und Abladen der Wagen. Er erschrak auch am heftigsten, wenn ein
Wagen aufgeladen hatte und fortfahren sollte. „Die Pferde
werden fallen.“50) Die Türen des Hauptzollamtsschuppens
nannte er „Loch“ (das erste, zweite, dritte … Loch).
Jetzt sagt er „Podlloch“.„Die Angst ist fast gänzlich geschwunden, nur will er
in der Nähe des Hauses bleiben, um einen Rückzug zu
haben, wenn er sich fürchten sollte. Er flüchtet aber nie
mehr ins Haus hinein, bleibt immer auf der Straße. Be-
kanntlich hat das Kranksein damit begonnen, daß er auf
dem Spaziergange weinend umkehrte, und als man ihn ein
zweites Mal zwang, spazierenzugehen, nur bis zur Stadt-
bahnstation „Hauptzollamt“ ging, von der aus man unsere
Wohnung noch sieht. Bei der Entbindung der Frau war er
natürlich von ihr getrennt, und die jetzige Angst, die ihn
hindert, die Nähe des Hauses aufzugeben, ist noch die da-
malige Sehnsucht.“*
„30. April. Da Hans wieder mit seinen imaginären Kin-
dern spielt, sage ich ihm:„Wieso leben denn deine Kinder noch? Du weißt ja, daß ein
Bub keine Kinder bekommen kann.“Hans: „Das weiß ich. Früher war ich die Mammi, jetzt bin
ich der Vatti.“Ich: „Und wer ist die Mammi zu den Kindern?“
Hans: „No, die Mammi, und du bist der Großvatti.“
Ich: „Also du möchtest so groß sein wie ich, mit der Mammi
verheiratet sein, und sie soll dann Kinder bekommen.“Hans: „Ja, das möcht‘ ich, und die Lainzerin (meine Mutter)
ist dann die Großmammi.“50)Heißt man es nicht „niederkommen“, wenn eine Frau gebärt?
S.
232
Es geht alles gut aus. Der kleine Ödipus hat eine glück-
lichere Lösung gefunden, als vom Schicksal vorgeschrieben
ist. Er gönnt seinem Vater, anstatt ihn zu beseitigen, das-
selbe Glück, das er für sich verlangt; er ernennt ihn zum
Großvater und verheiratet auch ihn mit der eigenen Mutter.*
Am 1. Mai kommt Hans mittags zu mir und sagt: „Weißt
was? Schreiben wir was für den Professor auf.“Ich: „Was denn?“
Hans: „Vormittag war ich mit allen meinen Kindern auf dem
Klosett. Zuerst hab’ ich Lumpf gemacht und Wiwi, und sie haben
zugeschaut. Dann hab’ ich sie aufs Klosett gesetzt, und sie haben
Wiwi und Lumpf gemacht, und ich hab’ ihnen den Podl mit Papier
ausgewischt. Weißt warum? Weil ich so gerne Kinder haben
möcht’, dann möcht’ ich ihnen alles tun, sie aufs Klosett führen,
ihnen den Podl abputzen, halt alles, was man mit Kindern tut.“Es wird nach dem Geständnisse dieser Phantasie wohl
kaum angehen, die an die exkrementellen Funktionen ge-
knüpfte Lust bei Hans in Abrede zu stellen.„Nachmittags wagt er sich zum erstenmal in den Stadt-
park. Da es 1. Mai ist, fahren wohl weniger Wagen als
sonst, immerhin genug, die ihn bisher abgeschreckt haben.
Er ist sehr stolz auf seine Leistung, und ich muß mit ihm
nach der Jause noch einmal in den Stadtpark gehen. Auf
dem Wege treffen wir einen Stellwagen, den er mir zeigt:
„Schau, einen Storchenkistenwagen!“ Wenn er, wie geplant
ist, morgen mit mir wieder in den Stadtpark geht, kann
man die Krankheit wohl als geheilt ansehen.“„Am 2. Mai früh kommt Hans: „Du, ich hab’ mir heute
was gedacht.“ Zuerst hat er’s vergessen, später erzählt er
unter beträchtlichen Widerständen: „Es ist der Installateur
gekommen und hat mir mit einer Zange zuerst den Podl
weggenommen und hat mir dann einen andern gegeben undS.
233
dann den Wiwimacher. Er hat gesagt: Laß den Podl sehen,
und ich hab’ mich umdrehen müssen, und er hat ihn weg-
genommen, und dann hat er gesagt: Laß den Wiwimacher.
sehen.“Der Vater erfaßt den Charakter der Wunschphantasie
und zweifelt keinen Moment an der einzig gestatteten Deu-
tung.Ich: „Er hat dir einen größeren Wiwimacher und einen
größeren Podl gegeben.“Hans: „Ja.“
Ich: „Wie der Vatti sie hat, weil du gerne der Vatti sein
möchtest?“Hans: „Ja, und so einen Schnurrbart wie du möcht’ ich auch
haben und solche Haare.“ (Deutet auf die Haare an meiner Brust.)„Die Deutung der vor einiger Zeit erzählten Phantasie:
Der Installateur ist gekommen und hat die Badewanne ab-
geschraubt und hat mir dann einen Bohrer in den Bauch
eingesetzt, rektifiziert sich demnach: Die große Bade-
wanne bedeutet den „Podl“, der Bohrer oder Schrauben-
zieher, wie damals schon gedeutet, den Wiwimacher.51) Es
sind identische Phantasien. Es eröffnet sich auch ein neuer
Zugang zu Hansens Furcht vor der großen Badewanne, die
übrigens auch bereits abgenommen hat. Es ist ihm unlieb,
daß sein „Podl“ zu klein ist für die große Wanne.“In den nächsten Tagen nimmt die Mutter wiederholt das
51)Vielleicht darf man hinzusetzen, daß der „Bohrer“ nicht
ohne Beziehung auf das Wort „geboren“, „Geburt“ gewählt wor-
den ist. Das Kind würde so zwischen „gebohrt“ und „geboren“
keinen Unterschied machen. Ich akzeptiere diese mir von einem
kundigen Kollegen mitgeteilte Vermutung, weiß aber nicht zu
sagen, ob hier ein tieferer allgemeiner Zusammenhang oder die
Ausnützung eines dem Deutschen eigentümlichen Sprachzufalles
vorliegt. Auch Prometheus (Pramantha), der Menschenschöpfer, ist
etymologisch der „Bohrer“. Vgl. Abraham, Traum und Mythus.
4. Heft der „Schriften zur angewandten Seelenkunde“, 1908.S.
234
Wort, um ihrer Freude über die Herstellung des Kleinen
Ausdruck zu geben.*
Nachtrag des Vaters eine Woche später:
„Geehrter Herr Professor! Ich möchte die Kranken-
geschichte Hansens noch durch folgendes ergänzen:
1) Die Remission nach der ersten Aufklärung war nicht
so vollständig, wie ich sie vielleicht dargestellt habe. Hans
ging allerdings spazieren, aber nur gezwungen und mit
großer Angst. Einmal ging er mit mir bis zur Station
„Hauptzollamt“, von wo man noch die Wohnung sieht, und
war nicht weiter zu bringen.
2) Ad: Himbeersaft, Schießgewehr. Himbeersaft be-
kommt Hans bei der Verstopfung. Schießen und Scheißen
ist eine auch ihm geläufige Wortvertauschung.
3) Als Hans aus unserem Schlafzimmer in ein eigenes
Zimmer separiert wurde, war er ungefähr 4 Jahre alt.
4) Ein Rest ist noch jetzt da, der sich nicht mehr in
Furcht, sondern in normalem Fragtrieb äußert. Die Fra-
gen beziehen sich meist darauf, woraus die Dinge ver-
fertigt sind (Tramways, Maschinen usw.), wer die Dinge
macht usw. Charakteristisch für die meisten Fragen ist,
daß Hans fragt, obzwar er sich die Antwort bereits selbst
gegeben hat. Er will sich nur vergewissern. Als er mich
einmal mit Fragen zu sehr ermüdet hatte und ich ihm
sagte: „Glaubst du denn, daß ich dir auf alles antworten
kann, was du fragst?“ meinte er: „No, ich hab’ geglaubt,
weil du das vom Pferd gewußt hast, daß du das auch
weißt.“
5) Von der Krankheit spricht Hans nur mehr historisch:
„Damals, wie ich die Dummheit gehabt hab’.“
6) Der ungelöste Rest ist der, daß Hans sich den KopfS.
235
Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben
zerbricht, was der Vater mit dem Kinde zu tun hat, da
doch die Mutter das Kind zur Welt bringt. Man kann das
aus den Fragen schließen, wie: „Nicht wahr, ich gehör’
auch dir.“ (Er meint, nicht nur der Mutter.) Das: wieso
er mir gehört, ist ihm nicht klar. Dagegen habe ich keinen
direkten Beweis, daß er, wie Sie meinen, einen Koitus der
Eltern belauscht hätte.7) Bei einer Darstellung müßte vielleicht doch auf die
Heftigkeit der Angst aufmerksam gemacht werden, da man
sonst sagen würde: „Hätte man ihn nur ordentlich durch
geprügelt, so wäre er schon spazierengegangen.“*
Ich setze abschließend hinzu: Mit der letzten Phantasie
Hansens war auch die vom Kastrationskomplex stammende
Angst überwunden, die peinliche Erwartung ins Beglückende
gewendet. Ja, der Arzt, Installateur usw. kommt, er nimmt
den Penis ab, aber nur um einen größeren dafür zu geben.
Im übrigen mag unser kleiner Forscher nur frühzeitig die
Erfahrung machen, daß alles Wissen Stückwerk ist, und
daß auf jeder Stufe ein ungelöster Rest bleibt.III) Epikrise
Nach drei Richtungen werde ich nun diese Beobachtung
von der Entwicklung und Lösung einer Phobie bei einem
noch nicht fünfjährigen Knaben zu prüfen haben: erstens,
inwieweit sie die Behauptungen unterstützt, die ich in den
„Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“, 1905, aufgestellt
habe; zweitens, was sie zum Verständnis der so häufigen
Krankheitsform zu leisten vermag; drittens, was sich ihr
etwa zur Aufklärung des kindlichen Seelenlebens und zur
Kritik unserer Erziehungsabsichten abgewinnen läßt.
You are here
Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben1909-002/1932
1909-002/1932/2