S.
II
DIE METHODE DER TRAUMDEUTUNG
DIE ANALYSE EINES TRAUMMUSTERS
Die Überschrift, die ich meiner Abhandlung gegeben habe,
läßt erkennen, an welche Tradition in der Auffassung der Träume
ich anknüpfen möchte. Ich habe mir vorgesetzt zu zeigen, daß
Träume einer Deutung fähig sind, und Beiträge zur Klärung der
eben behandelten Traumprobleme werden sich mir nur als etwaiger
Nebengewinn bei der Erledigung meiner eigentlichen Aufgabe
ergeben können. Mit der Voraussetzung, daß Träume deutbar
sind, trete ich sofort in Widerspruch zu der herrschenden Traum-
lehre, ja zu allen Traumtheorien mit Ausnahme der Schernerschen,
denn „einen Traum deuten“ heißt, seinen „Sinn“ angeben, ihn
durch etwas ersetzen, was sich als vollwichtiges, gleichwertiges
Glied in die Verkettung unserer seelischen Aktionen einfügt. Wie
wir erfahren haben, lassen aber die wissenschaftlichen Theorien
des Traumes für ein Problem der Traumdeutung keinen Raum,
denn der Traum ist für sie überhaupt kein seelischer Akt, sondern
ein somatischer Vorgang, der sich durch Zeichen am seelischen
Apparat kundgibt. Anders hat sich zu allen Zeiten die Laien-
meinung benommen. Sie bedient sich ihres guten Rechtes, in
konsequent zu verfahren, und obwohl sie zugesteht, der Traum
sei unverständlich und absurd, kann sie sich doch nicht ent-
S.
101
schließen, dem Traume jede Bedeutung abzusprechen. Von einer
dunkeln Ahnung geleitet scheint sie doch anzunehmen, der Traum
habe einen Sinn, wiewohl einen verborgenen, er sei zum Ersatze
eines anderen Denkvorganges bestimmt, und es handle sich nur
darum, diesen Ersatz in richtiger Weise aufzudecken, um zur
verborgenen Bedeutung des Traumes zu gelangen.
Die Laienwelt hat sich darum von jeher bemüht, den Traum
zu „deuten“ und dabei zwei im Wesen verschiedene Methoden
versucht. Das erste dieser Verfahren faßt den Trauminhalt als
Ganzes ins Auge und sucht denselben durch einen anderen, ver-
ständlichen und in gewissen Hinsichten analogen Inhalt zu
ersetzen. Dies ist die symbolische Traumdeutung; sie scheitert
natürlich von vornherein an jenen Träumen, welche nicht bloß
unverständlich, sondern auch verworren erscheinen. Ein Beispiel
für ihr Verfahren gibt etwa die Auslegung, welche der biblische
Josef dem Traume des Pharao angedeihen ließ. Sieben fette Kühe,
nach denen sieben magere kommen, welche die ersteren auf-
zehren, das ist ein symbolischer Ersatz für die Vorhersagung von
sieben Hungerjahren im Lande Ägypten, welche allen Überfluß
aufzehren, den sieben fruchtbare Jahre geschaffen haben. Die
meisten der artefiziellen Träume, welche von Dichtern geschaffen
wurden, sind für solche symbolische Deutung bestimmt, denn sie
geben den vom Dichter gefaßten Gedanken in einer Verkleidung
wieder, die zu den aus der Erfahrung bekannten Charakteren
unseres Träumens passend gefunden wird. [E 1] Die Meinung, der
Traum beschäftige sich vorwiegend mit der Zukunft, deren Ge-
staltung er im voraus ahne – ein Rest der einst den Träumen
zuerkannten prophetischen Bedeutung – wird dann zum Motiv,
den durch symbolische Deutung gefundenen Sinn des Traumes
durch ein „es wird“ ins Futurum zu versetzen.
Wie man den Weg zu einer solchen symbolischen Deutung
findet, dazu läßt sich eine Unterweisung natürlich nicht geben.
Das Gelingen bleibt Sache des witzigen Einfalls, der unvermitteltenS.
102
Intuition, und darum konnte die Traumdeutung mittels Symbolik
sich zu einer Kunstübung erheben, die an eine besondere Be-
gabung gebunden schien. [E 2] Von solchem Anspruch hält sich die
andere der populären Methoden der Traumdeutung völlig ferne.
Man könnte sie als die „Chiffriermethode“ bezeichnen, da sie den
Traum wie eine Art von Geheimschrift behandelt, in der jedes
Zeichen nach einem feststehenden Schlüssel in ein anderes Zeichen
von bekannter Bedeutung übersetzt wird. Ich habe z. B. von
einem Brief geträumt, aber auch von einem Leichenbegängnis u. dgl.;
ich sehe nun in einem „Traumbuch“ nach und finde, daß
„Brief“ mit „Verdruß“, „Leichenbegängnis“ mit „Verlobung“ zu
übersetzen ist. Es bleibt mir dann überlassen, aus den Schlag
worten, die ich entziffert habe, einen Zusammenhang herzustellen,
den ich wiederum als zukünftig hinnehme. Eine interessante
Abänderung dieses Chiffrierverfahrens, durch welche dessen Cha
rakter als rein mechanische Übertragung einigermaßen korrigiert
wird, zeigt sich in der Schrift über Traumdeutung des Artemi
doros aus Daldis. [E 3] Hier wird nicht nur auf den Trauminhalt,
sondern auch auf die Person und die Lebensumstände des Träumers
Rücksicht genommen, so daß das nämliche Traumelement für
den Reichen, den Verheirateten, den Redner andere Bedeutung
hat als für den Armen, den Ledigen und etwa den Kauf-
mann. Das Wesentliche an diesem Verfahren ist nun, daß die
Deutungsarbeit nicht auf das Ganze des Traumes gerichtet wird,
sondern auf jedes Stück des Trauminhaltes für sich, als ob der
Traum ein Konglomerat wäre, in dem jeder Brocken Gestein
eine besondere Bestimmung verlangt. Es sind sicherlich die
unzusammmen-
hängenden und verworrenen Träume, von denen
der Antrieb zur Schöpfung der Chiffriermethode ausgegangen
ist. [E 4]Für die wissenschaftliche Behandlung des Themas kann die
Unbrauchbarkeit beider populärer Deutungsverfahren des Traumes
keinen Moment lang zweifelhaft sein. Die symbolische MethodeS.
103
Die „Chiffriermethode“
ist in ihrer Anwendung beschränkt und keiner allgemeinen
Darlegung fähig. Bei der Chiffriermethode käme alles darauf an,
daß der „Schlüssel“, das Traumbuch, verläßlich wäre, und dafür
fehlen alle Garantien. Man wäre versucht, den Philosophen und
Psychiatern recht zu geben und mit ihnen das Problem der
Traumdeutung als eine imaginäre Aufgabe zu streichen.1)Allein ich bin eines Bessern belehrt worden. Ich habe ein-
sehen müssen, daß hier wiederum einer jener nicht seltenen Fälle
vorliegt, in denen ein uralter, hartnäckig festgehaltener Volks-
glaube der Wahrheit der Dinge näher gekommen zu sein scheint
als das Urteil der heute geltenden Wissenschaft. Ich muß be-
haupten, daß der Traum wirklich eine Bedeutung hat, und daß
ein wissenschaftliches Verfahren der Traumdeutung möglich ist.
Zur Kenntnis dieses Verfahrens bin ich auf folgende Weise
gelangt:Seit Jahren beschäftige ich mich mit der Auflösung gewisser
psychopathologischer Gebilde, der hysterischen Phobien, der
Zwangsvorstellungen u. a. in therapeutischer Absicht; seitdem ich
nämlich aus einer bedeutsamen Mitteilung von Josef Breuer
weiß, daß für diese als Krankheitssymptome empfundenen Bil-
dungen Auflösung und Lösung in eines zusammenfällt.2) Hat man
eine solche pathologische Vorstellung auf die Elemente zurück-
führen können, aus denen sie im Seelenleben des Kranken her-
vorgegangen ist, so ist diese auch zerfallen, der Kranke von ihr
befreit. Bei der Ohnmacht unserer sonstigen therapeutischen Be-
strebungen und angesichts der Rätselhaftigkeit dieser Zustände
erschien es mir verlockend, auf dem von Breuer eingeschlagenen
Wege trotz aller Schwierigkeiten bis zur vollen Aufklärung vor-
1)Nach Abschluß meines Manuskriptes ist mir eine Schrift von Stumpf zuge-
gangen, die in der Absicht zu erweisen, der Traum sei sinnvoll und deutbar, mit
meiner Arbeit zusammentrifft. Die Deutung geschieht aber mittels einer allegori-
sierenden Symbolik ohne Gewähr für Allgemeingültigkeit des Verfahrens.2)Breuer und Freud, Studien über Hysterie, Wien 1895. [Band I dieser Ge-
samtausgabe.]S.
104
zudringen. Wie sich die Technik des Verfahrens schließlich ge-
staltet hat, und welches die Ergebnisse der Bemühung gewesen
sind, darüber werde ich ein anderes Mal ausführlich Bericht zu
erstatten haben. Im Verlaufe dieser psychoanalytischen Studien
geriet ich auf die Traumdeutung. Die Patienten, die ich ver-
pflichtet hatte, mir alle Einfälle und Gedanken mitzuteilen, die
sich ihnen zu einem bestimmten Thema aufdrängten, erzählten
mir ihre Träume und lehrten mich so, daß ein Traum in die
psychische Verkettung eingeschoben sein kann, die von einer
pathologischen Idee her nach rückwärts in der Erinnerung zu
verfolgen ist. Es lag nun nahe, den Traum selbst wie ein Symptom
zu behandeln und die für letztere ausgearbeitete Methode der
Deutung auf ihn anzuwenden.Dazu bedarf es nun einer gewissen psychischen Vorbereitung
des Kranken. Man strebt zweierlei bei ihm an, eine Steigerung
seiner Aufmerksamkeit für seine psychischen Wahrnehmungen und
eine Ausschaltung der Kritik, mit der er die ihm auftauchenden
Gedanken sonst zu sichten pflegt. Zum Zwecke seiner Selbst-
beobachtung mit gesammelter Aufmerksamkeit ist es vorteilhaft,
daß er eine ruhige Lage einnimmt und die Augen schließt; den
Verzicht auf die Kritik der wahrgenommenen Gedankenbildungen
muß man ihm ausdrücklich auferlegen. Man sagt ihm also, der
Erfolg der Psychoanalyse hänge davon ab, daß er alles beachtet
und mitteilt, was ihm durch den Sinn geht, und nicht etwa
sich verleiten läßt, den einen Einfall zu unterdrücken, weil er
ihm unwichtig oder nicht zum Thema gehörig, den anderen,
weil er ihm unsinnig erscheint. Er müsse sich völlig unparteiisch
gegen seine Einfälle verhalten; denn gerade an der Kritik läge
es, wenn es ihm sonst nicht gelänge, die gesuchte Auflösung des
Traumes, der Zwangs- und Wahnidee u. dgl. zu finden.Bei den psychoanalytischen Arbeiten habe ich gemerkt, daß die
psychische Verfassung des Mannes, welcher nachdenkt, eine ganz
andere ist als die desjenigen, welcher seine psychischen VorgängeS.
105
beobachtet. Beim Nachdenken tritt eine psychische Aktion mehr
ins Spiel als bei der aufmerksamsten Selbstbeobachtung, wie es
auch die gespannte Miene und die in Falten gezogene Stirne des
Nachdenklichen im Gegensatz zur mimischen Ruhe des Selbst-
beobachters erweist. In beiden Fällen muß eine Sammlung der
Aufmerksamkeit vorhanden sein, aber der Nachdenkende übt
außerdem eine Kritik aus, infolge deren er einen Teil der ihm
aufsteigenden Einfälle verwirft, nachdem er sie wahrgenommen
hat, andere kurz abbricht, so daß er den Gedankenwegen nicht
folgt, welche sie öffnen würden, und gegen noch andere Ge-
danken weiß er sich so zu benehmen, daß sie überhaupt nicht
bewußt, also vor ihrer Wahrnehmung unterdrückt werden. Der
Selbstbeobachter hingegen hat nur die Mühe, die Kritik zu
unterdrücken; gelingt ihm dies, so kommt ihm eine Unzahl von
Einfällen zum Bewußtsein, die sonst unfaßbar geblieben wären.
Mit Hilfe dieses für die Selbstwahrnehmung neu gewonnenen
Materials läßt sich die Deutung der pathologischen Ideen sowie
der Traumgebilde vollziehen. Wie man sieht, handelt es sich
darum, einen psychischen Zustand herzustellen, der mit dem vor
dem Einschlafen (und sicherlich auch mit dem hypnotischen)
eine gewisse Analogie in der Verteilung der psychischen Energie
(der beweglichen Aufmerksamkeit) gemein hat. Beim Einschlafen
treten die „ungewollten Vorstellungen“ hervor durch den Nachlaß
einer gewissen willkürlichen (und gewiß auch kritischen)
Aktion, die wir auf den Ablauf unserer Vorstellungen einwirken
lassen; als den Grund dieses Nachlasses pflegen wir „Ermüdung“
anzugeben; die auftauchenden ungewollten Vorstellungen verwan-
deln sich in visuelle und akustische Bilder. (Vergleiche die Be-
merkungen von Schleiermacher u. a. S. 53.) [E 5] Bei dem Zu-
stand, den man zur Analyse der Träume und pathologischen
Ideen benützt, verzichtet man absichtlich und willkürlich auf
jene Aktivität und verwendet die ersparte psychische Energie
(oder ein Stück derselben) zur aufmerksamen Verfolgung der
S.
106
jetzt auftauchenden ungewollten Gedanken, die ihren Charakter
als Vorstellungen (dies der Unterschied gegen den Zustand beim
Einschlafen) beibehalten. Man macht so die „ungewollten“
Vorstellungen zu „gewollten“. [E 6]Es ist im allgemeinen nicht schwierig, sich selbst oder einen
anderen in den gewünschten Zustand der kritiklosen Selbstbe-
obachtung zu versetzen. Die meisten meiner Patienten bringen
es nach der ersten Unterweisung zustande; ich selbst kann es
sehr vollkommen, wenn ich mich dabei durch Niederschreiben
meiner Einfälle unterstütze. Der Betrag von psychischer Energie,
um den man so die kritische Tätigkeit herabsetzt, und mit
welchem man die Intensität der Selbstbeobachtung erhöhen kann,
schwankt erheblich je nach dem Thema, welches von der Auf-
merksamkeit fixiert werden soll.Der erste Schritt bei der Anwendung dieses Verfahrens lehrt
nun, daß man nicht den Traum als Ganzes, sondern nur die
einzelnen Teilstücke seines Inhaltes zum Objekt der Aufmerksam-
keit machen darf. Frage ich den noch nicht eingeübten Patienten:
Was fällt Ihnen zu diesem Traum ein? so weiß er in der Regel
nichts in seinem geistigen Blickfelde zu erfassen. Ich muß ihm
den Traum zerstückt vorlegen, dann liefert er mir zu jedem
Stück eine Reihe von Einfällen, die man als die „Hintergedanken“
dieser Traumpartie bezeichnen kann. In dieser ersten wichtigen
Bedingung weicht also die von mir geübte Methode der Traum-
deutung bereits von der populären, historisch und sagenhaft be-
rühmten Methode der Deutung durch Symbolik ab und nähert
sich der zweiten, der „Chiffriermethode“. Sie ist wie diese eine
Deutung en detail, nicht en masse; wie diese faßt sie den
Traum von vornherein als etwas Zusammengesetztes, als ein
Konglomerat von psychischen Bildungen auf.Im Verlaufe meiner Psychoanalysen bei Neurotikern habe ich
wohl bereits über tausend Träume zur Deutung gebracht, aber
dieses Material möchte ich hier nicht zur Einführung in dieS.
107
Technik und Lehre der Traumdeutung verwenden. Ganz abge-
sehen davon, daß ich mich dem Einwand aussetzen würde,
es seien ja die Träume von Neuropathen, die einen Rück-
schluß auf die Träume gesunder Menschen nicht gestatten, nötigt
mich ein anderer Grund zu deren Verwerfung. Das Thema, auf
welches diese Träume zielen, ist natürlich immer die Krankheits-
geschichte, welche der Neurose zugrunde liegt. Hiedurch würde
für jeden Traum ein überlanger Vorbericht und ein Eindringen
in das Wesen und die ätiologischen Bedingungen der Psycho-
neurosen erforderlich, Dinge, die an und für sich neu und im
höchsten Grade befremdlich sind, und so die Aufmerksamkeit vom
Traumproblem ablenken würden. Meine Absicht geht vielmehr
dahin, in der Traumauflösung eine Vorarbeit für die Erschließung
der schwierigeren Probleme der Neurosenpsychologie zu schaffen.
Verzichte ich aber auf die Träume der Neurotiker, mein Haupt-
material, so darf ich gegen den Rest nicht allzu wählerisch ver-
fahren. Es bleiben nur noch jene Träume, die mir gelegentlich
von gesunden Personen meiner Bekanntschaft erzählt worden sind,
oder die ich als Beispiele in der Literatur über das Traumleben
verzeichnet finde. Leider geht mir bei all diesen Träumen die
Analyse ab, ohne welche ich den Sinn des Traumes nicht finden
kann. Mein Verfahren ist ja nicht so bequem wie das der po-
pulären Chiffriermethode, welche den gegebenen Trauminhalt
nach einem fixierten Schlüssel übersetzt; ich bin vielmehr gefaßt
darauf, daß derselbe Trauminhalt bei verschiedenen Personen und
in verschiedenem Zusammenhang auch einen anderen Sinn ver-
bergen mag. Somit bin ich auf meine eigenen Träume angewiesen
als auf ein reichliches und bequemes Material, das von einer un-
gefähr normalen Person herrührt und sich auf mannigfache An-
lässe des täglichen Lebens bezieht. Man wird mir sicherlich
Zweifel in die Verläßlichkeit solcher „Selbstanalysen“ entgegen-
setzen. Die Willkür sei dabei keineswegs ausgeschlossen. Nach
meinem Urteil liegen die Verhältnisse bei der SelbstbeobachtungS.
108
eher günstiger als bei der Beobachtung anderer; jedenfalls darf
man versuchen, wie weit man in der Traumdeutung mit der
Selbstanalyse reicht. Andere Schwierigkeiten habe ich in meinem
eigenen Innern zu überwinden. Man hat eine begreifliche Scheu,
soviel Intimes aus seinem Seelenleben preiszugeben, weiß sich
dabei auch nicht gesichert vor der Mißdeutung der Fremden.
Aber darüber muß man sich hinaussetzen können. „Tout psycho-
logiste, schreibt Delboeuf, est obligé de faire l’aveu même de ses
faiblesses s’il croît par là jeter du jour sur quelque problème
obscur.“ Und auch beim Leser, darf ich annehmen, wird das an-
fängliche Interesse an den Indiskretionen, die ich begehen muß,
sehr bald der ausschließlichen Vertiefung in die hiedurch be-
leuchteten psychologischen Probleme Platz machen.Ich werde also einen meiner eigenen Träume hervor-
suchen und an ihm meine Deutungsweise erläutern. Jeder solche Traum
macht einen Vorbericht nötig. Nun muß ich aber den Leser
bitten, für eine ganze Weile meine Interessen zu den seinigen
zu machen und sich mit mir in die kleinsten Einzelheiten meines
Lebens zu versenken, denn solche Übertragung fordert gebieterisch
das Interesse für die versteckte Bedeutung der Träume.Vorbericht
Im Sommer 1895 hatte ich eine junge Dame psychoanalytisch
behandelt, die mir und den Meinigen freundschaftlich sehr nahe
stand. Man versteht es, daß solche Vermengung der Beziehungen
zur Quelle mannigfacher Erregungen für den Arzt werden kann,
zumal für den Psychotherapeuten. Das persönliche Interesse des
Arztes ist größer, seine Autorität geringer. Ein Mißerfolg droht
die alte Freundschaft mit den Angehörigen der Kranken zu
lockern. Die Kur endete mit einem teilweisen Erfolg, die Patientin
verlor ihre hysterische Angst, aber nicht alle ihre somatischen
Symptome. Ich war damals noch nicht recht sicher in den
Kriterien, welche die endgültige Erledigung einer hysterischenS.
109
Krankengeschichte bezeichnen, und mutete der Patientin eine
Lösung zu, die ihr nicht annehmbar erschien. In solcher Uneinig-
keit brachen wir der Sommerzeit wegen die Behandlung ab. –
Eines Tages besuchte mich ein jüngerer Kollege, einer meiner
nächsten Freunde, der die Patientin – Irma – und ihre
Familie in ihrem Landaufenthalt besucht hatte. Ich fragte ihn,
wie er sie gefunden habe, und bekam die Antwort: Es geht ihr
besser, aber nicht ganz gut. Ich weiß, daß mich die Worte meines
Freundes Otto oder der Ton, in dem sie gesprochen waren,
ärgerten. Ich glaubte einen Vorwurf herauszuhören, etwa daß
ich der Patientin zu viel versprochen hätte, und führte –
ob mit Recht oder Unrecht – die vermeintliche Parteinahme
Ottos gegen mich auf den Einfluß von Angehörigen der Kranken
zurück, die, wie ich annahm, meine Behandlung nie gerne ge-
sehen hatten. Übrigens wurde mir meine peinliche Empfindung
nicht klar, ich gab ihr auch keinen Ausdruck. Am selben Abend
schrieb ich noch die Krankengeschichte Irmas nieder, um sie, wie
zu meiner Rechtfertigung, dem Dr. M., einem gemeinsamen
Freunde, der damals tonangebenden Persönlichkeit in unserem
Kreise, zu übergeben. In der auf diesen Abend folgenden Nacht
(wohl eher am Morgen) hatte ich den nachstehenden Traum,
der unmittelbar nach dem Erwachen fixiert wurde. [E 7]Traum vom 23./24. Juli 1895
Eine große Halle – viele Gäste, die wir empfangen. –
Unter ihnen Irma, die ich sofort beiseite nehme, um gleichsam
ihren Brief zu beantworten, ihr Vorwürfe zu machen, daß sie die
„Lösung“ noch nicht akzeptiert. Ich sage ihr: Wenn du noch
Schmerzen hast, so ist es wirklich nur deine Schuld. – Sie ant-
wortet: Wenn du wüßtest, was ich für Schmerzen jetzt habe im
Hals, Magen und Leib, es schnürt mich zusammen. – Ich er-
schrecke und sehe sie an. Sie sieht bleich und gedunsen aus;
ich denke, am Ende übersehe ich da doch etwas Organisches. IchS.
110
nehme sie zum Fenster und schaue ihr in den Hals. Dabei zeigt
sie etwas Sträuben wie die Frauen, die ein künstliches Gebiß
tragen. Ich denke mir, sie hat es doch nicht nötig. – Der Mund
geht dann auch gut auf, und ich finde rechts einen großen
weißen Fleck, und anderwärts sehe ich an merkwürdigen krausen
Gebilden, die offenbar den Nasenmuscheln nachgebildet sind, aus-
gedehnte weißgraue Schorfe. – Ich rufe schnell Dr. M. hinzu,
der die Untersuchung wiederholt und bestätigt . . . Dr. M. sieht
ganz anders aus als sonst; er ist sehr bleich, hinkt, ist am Kinn
bartlos . . . Mein Freund Otto steht jetzt auch neben ihr, und
Freund Leopold perkutiert sie über dem Leibchen und sagt: Sie
hat eine Dämpfung links unten, weist auch auf eine infiltrierte
Hautpartie an der linken Schulter hin (was ich trotz des Kleides
wie er spüre) . . . M. sagt: Kein Zweifel, es ist eine Infektion,
aber es macht nichts; es wird noch Dysenterie hinzukommen und
das Gift sich ausscheiden . . . Wir wissen auch unmittelbar,
woher die Infektion rührt. Freund Otto hat ihr unlängst, als sie
sich unwohl fühlte, eine Injektion gegeben mit einem Propylprä-
parat, Propylen . . . Propionsäure . . . Trimethylamin (dessen
Formel ich fettgedruckt vor mir sehe) . . . Man macht solche
Injektionen nicht so leichtfertig . . . Wahrscheinlich war auch
die Spritze nicht rein.Dieser Traum hat vor vielen anderen eines voraus. Es ist sofort
klar, an welche Ereignisse des letzten Tages er anknüpft, und
welches Thema er behandelt. Der Vorbericht gibt hierüber Aus-
kunft. Die Nachricht, die ich von Otto über Irmas Befinden er-
halten, die Krankengeschichte, an der ich bis tief in die Nacht
geschrieben, haben meine Seelentätigkeit auch während des
Schlafes beschäftigt. Trotzdem dürfte niemand, der den Vorbericht
und den Inhalt des Traumes zur Kenntnis genommen hat, ahnen
können, was der Traum bedeutet. Ich selbst weiß es auch nicht.
Ich wundere mich über die Krankheitssymptome, welche Irma im
Traum mir klagt, da es nicht dieselben sind, wegen welcher ichS.
111
sie behandelt habe. Ich lächle über die unsinnige Idee einer
Injektion mit Propionsäure und über den Trost, den Dr. M. aus-
spricht. Der Traum scheint mir gegen sein Ende hin dunkler
und gedrängter, als er zu Beginn ist. Um die Bedeutung von
alledem zu erfahren, muß ich mich zu einer eingehenden Analyse
entschließen.Analyse
Die Halle – viele Gäste, die wir empfangen. Wir wohnten
in diesem Sommer auf der Bellevue, einem einzelstehenden Hause
auf einem der Hügel, die sich an den Kahlenberg anschließen.
Dies Haus war ehemals zu einem Vergnügungslokal bestimmt,
hat hievon die ungewöhnlich hohen, hallenförmigen Räume. Der
Traum ist auch auf der Bellevue vorgefallen, und zwar wenige
Tage vor dem Geburtsfeste meiner Frau. Am Tage hatte meine
Frau die Erwartung ausgesprochen, zu ihrem Geburtstag würden
mehrere Freunde, und darunter auch Irma, als Gäste zu uns
kommen. Mein Traum antizipiert also diese Situation: Es ist der
Geburtstag meiner Frau und viele Leute, darunter Irma, werden
von uns als Gäste in der großen Halle der Bellevue empfangen.Ich mache Irma Vorwürfe, daß sie die Lösung nicht akzeptiert
hat; ich sage: Wenn du noch Schmerzen hast, ist es deine eigene
Schuld. Das hätte ich ihr auch im Wachen sagen können, oder
habe es ihr gesagt. Ich hatte damals die (später als unrichtig
erkannte) Meinung, daß meine Aufgabe sich darin erschöpfe, den
Kranken den verborgenen Sinn ihrer Symptome mitzuteilen; ob
sie diese Lösung dann annehmen oder nicht, wovon der Erfolg
abhängt, dafür sei ich nicht mehr verantwortlich. Ich bin diesem
jetzt glücklich überwundenen Irrtum dankbar dafür, daß er mir
die Existenz zu einer Zeit erleichtert, da ich in all meiner un-
vermeidlichen Ignoranz Heilerfolge produzieren sollte. – Ich
merke aber an dem Satz, den ich im Traume zu Irma spreche,
daß ich vor allem nicht Schuld sein will an den Schmerzen, die
sie noch hat.Wenn es Irmas eigene Schuld ist, dann kann es
S.
112
nicht meine sein. Sollte in dieser Richtung die Absicht des
Traumes zu suchen sein?Irmas Klagen; Schmerzen im Hals, Leib und Magen, es
schnürt sie zusammen. Schmerzen im Magen gehörten zum
Symptomkomplex meiner Patientin, sie waren aber nicht sehr
vordringlich; sie klagte eher über Empfindungen von Übelkeit
und Ekel. Schmerzen im Hals, im Leib, Schnüren in der Kehle
spielten bei ihr kaum eine Rolle. Ich wundere mich, warum
ich mich zu dieser Auswahl der Symptome im Traum ent-
schlossen habe, kann es auch für den Moment nicht finden.Sie sieht bleich und gedunsen aus. Meine Patientin war immer
rosig. Ich vermute, daß sich hier eine andere Person ihr unter-
schiebt.Ich erschrecke im Gedanken, daß ich doch eine organische
Affektion übersehen habe. Wie man mir gerne glauben wird,
eine nie erlöschende Angst beim Spezialisten, der fast ausschließlich
Neurotiker sieht, und der so viele Erscheinungen auf Hysterie zu
schieben gewohnt ist, welche andere Ärzte als organisch behandeln.
Anderseits beschleicht mich – ich weiß nicht woher – ein
leiser Zweifel, ob mein Erschrecken ganz ehrlich ist. Wenn die
Schmerzen Irmas organisch begründet sind, so bin ich wiederum
zu deren Heilung nicht verpflichtet. Meine Kur beseitigt ja nur
hysterische Schmerzen. Es kommt mir also eigentlich vor, als
sollte ich einen Irrtum in der Diagnose wünschen; dann wäre
der Vorwurf des Mißerfolges auch beseitigt.Ich nehme sie zum Fenster, um ihr in den Hals zu sehen.
Sie sträubt sich ein wenig wie die Frauen, die falsche Zähne
tragen. Ich denke mir, sie hat es ja doch nicht nötig. Bei Irma
hatte ich niemals Anlaß, die Mundhöhle zu inspizieren. Der
Vorgang im Traum erinnert mich an die vor einiger Zeit vor-
genommene Untersuchung einer Gouvernante, die zunächst den
Eindruck von jugendlicher Schönheit gemacht hatte, beim Öffnen
des Mundes aber gewisse Anstalten traf, um ihr Gebiß zu ver-S.
113
bergen. An diesen Fall knüpfen sich andere Erinnerungen an
ärztliche Untersuchungen und an kleine Geheimnisse, die dabei,
keinem von beiden zur Lust, enthüllt werden. – Sie hat es
doch nicht nötig, ist wohl zunächst ein Kompliment für Irma;
ich vermute aber noch eine andere Bedeutung. Man fühlt es bei
aufmerksamer Analyse, ob man die zu erwartenden Hintergedanken
erschöpft hat oder nicht. Die Art, wie Irma beim Fenster steht,
erinnert mich plötzlich an ein anderes Erlebnis. Irma besitzt eine
intime Freundin, die ich sehr hoch schätze. Als ich eines Abends
bei ihr einen Besuch machte, fand ich sie in der im Traum
reproduzierten Situation beim Fenster, und ihr Arzt, derselbe
Dr. M., erklärte, daß sie einen diphtheritischen Belag habe. Die
Person des Dr. M. und der Belag kehren ja im Fortgang des
Traumes wieder. Jetzt fällt mir ein, daß ich in den letzten
Monaten allen Grund bekommen habe, von dieser anderen Dame
anzunehmen, sie sei gleichfalls hysterisch. Ja, Irma selbst hat es
mir verraten. Was weiß ich aber von ihren Zuständen? Gerade
das eine, daß sie an hysterischem Würgen leidet wie meine Irma
im Traum. Ich habe also im Traum meine Patientin durch ihre
Freundin ersetzt. Jetzt erinnere ich mich, ich habe oft mit der
Vermutung gespielt, diese Dame könnte mich gleichfalls in
Anspruch nehmen, sie von ihren Symptomen zu befreien. Ich
hielt es aber dann selbst für unwahrscheinlich, denn sie ist von
sehr zurückhaltender Natur. Sie sträubt sich, wie es der Traum
zeigt. Eine andere Erklärung wäre, daß sie es nicht nötig
hat; sie hat sich wirklich bisher stark genug gezeigt, ihre Zu-
stände ohne fremde Hilfe zu beherrschen. Nun sind nur noch
einige Züge übrig, die ich weder bei Irma noch bei ihrer
Freundin unterbringen kann: bleich, gedunsen, falsche Zähne.
Die falschen Zähne führten mich auf jene Gouvernante; ich
fühle mich nun geneigt, mich mit schlechten Zähnen zu begnügen.
Dann fällt mir eine andere Person ein, auf welche jene Züge
anspielen können. Sie ist gleichfalls nicht meine Patientin, undS.
114
ich möchte sie nicht zur Patientin haben, da ich gemerkt habe,
daß sie sich vor mir geniert, und ich sie für keine gefügige
Kranke halte. Sie ist für gewöhnlich bleich, und als sie einmal
eine besonders gute Zeit hatte, war sie gedunsen.1) Ich habe also
meine Patientin Irma mit zwei anderen Personen verglichen, die
sich gleichfalls der Behandlung sträuben würden. Was kann es
für Sinn haben, daß ich sie im Traume mit ihrer Freundin ver-
tauscht habe? Etwa, daß ich sie vertauschen möchte; die andere
erweckt entweder bei mir stärkere Sympathien oder ich habe
eine höhere Meinung von ihrer Intelligenz. Ich halte nämlich
Irma für unklug, weil sie meine Lösung nicht akzeptiert. Die
andere wäre klüger, würde also eher nachgeben. Der Mund
geht dann auch gut auf; sie würde mehr erzählen als
Irma.2)Was ich im Halse sehe: einen weißen Fleck und verschorfte
Nasenmuscheln. Der weiße Fleck erinnert an Diphtheritis und
somit an Irmas Freundin, außerdem aber an die schwere Er-
krankung meiner ältesten Tochter vor nahezu zwei Jahren, und
an all den Schreck jener bösen Zeit. Die Schorfe an den Nasen-
muscheln mahnen an eine Sorge um meine eigene Gesundheit.
Ich gebrauchte damals häufig Kokain, um lästige Nasenschwellungen
zu unterdrücken, und hatte vor wenigen Tagen gehört, daß eine
Patientin, die es mir gleich tat, sich eine ausgedehnte Nekrose
der Nasenschleimhaut zugezogen hatte. Die Empfehlung des
Kokains, die 1885 von mir ausging, hat mir auch schwerwiegende
1)Auf diese dritte Person läßt sich auch die noch unaufgeklärte Klage über
Schmerzen im Leib zurückführen. Es handelt sich natürlich um meine eigene Frau;
die Leibschmerzen erinnern mich an einen der Anlässe, bei denen ihre Scheu mir
deutlich wurde. Ich muß mir eingestehen, daß ich Irma und meine Frau in diesem
Traume nicht sehr liebenswürdig behandle, aber zu meiner Entschuldigung sei
bemerkt, daß ich beide am Ideal der braven, gefügigen Patientin messe.2)Ich ahne, daß die Deutung dieses Stückes nicht weit genug geführt ist, um
allem verborgenen Sinn zu folgen. Wollte ich die Vergleichung der drei Frauen
fortsetzen, so käme ich weit ab. – Jeder Traum hat mindestens eine Stelle, an
welcher er unergründlich ist, gleichsam einen Nabel, durch den er mit dem Un-
erkannten zusammenhängt.S.
115
Vorwürfe eingetragen. Ein teurer, 1895 schon verstorbener Freund
hatte durch den Mißbrauch dieses Mittels seinen Untergang
beschleunigt.Ich rufe schnell Dr. M. hinzu, der die Untersuchung wieder-
holt. Das entspräche einfach der Stellung, die M. unter uns ein-
nahm. Aber das „schnell“ ist auffällig genug, um eine besondere
Erklärung zu fordern. Es erinnert mich an ein trauriges ärztliches
Erlebnis. Ich hatte einmal durch die fortgesetzte Ordination eines
Mittels, welches damals noch als harmlos galt (Sulfonal), eine
schwere Intoxikation bei einer Kranken hervorgerufen und wandte
mich dann eiligst an den erfahrenen älteren Kollegen um Beistand.
Daß ich diesen Fall wirklich im Auge habe, wird durch einen
Nebenumstand erhärtet. Die Kranke, welche der Intoxikation
erlag, führte denselben Namen wie meine älteste Tochter. Ich
hatte bis jetzt niemals daran gedacht; jetzt kommt es mir beinahe
wie eine Schicksalsvergeltung vor. Als sollte sich die Ersetzung
der Personen in anderem Sinne fortsetzen; diese Mathilde für
jene Mathilde; Aug’ um Aug’, Zahn um Zahn. Es ist, als ob ich
alle Gelegenheiten hervorsuchte, aus denen ich mir den Vorwurf
mangelnder ärztlicher Gewissenhaftigkeit machen kann.Dr. M. ist bleich, ohne Bart am Kinn und hinkt. Davon ist
soviel richtig, daß sein schlechtes Aussehen häufig die Sorge
seiner Freunde erweckt. Die beiden anderen Charaktere müssen
einer anderen Person angehören. Es fällt mir mein im Auslande
lebender älterer Bruder ein, der das Kinn rasiert trägt und dem,
wenn ich mich recht erinnere, der M. des Traumes im ganzen
ähnlich sah. Über ihn kam vor einigen Tagen die Nachricht,
daß er wegen einer arthritischen Erkrankung in der Hüfte hinke.
Es muß einen Grund haben, daß ich die beiden Personen im
Traume zu einer einzigen verschmelze. Ich erinnere mich wirklich,
daß ich gegen beide aus ähnlichen Gründen mißgestimmt war.
Beide hatten einen gewissen Vorschlag, den ich ihnen in der
letzten Zeit gemacht hatte, zurückgewiesen.S.
116
Freund Otto steht jetzt bei der Kranken und Freund Leopold
untersucht sie und weist eine Dämpfung links unten nach. Freund
Leopold ist gleichfalls Arzt, ein Verwandter von Otto. Das
Schicksal hat die beiden, da sie dieselbe Spezialität ausüben, zu
Konkurrenten gemacht, die man beständig miteinander vergleicht.
Sie haben mir beide Jahre hindurch assistiert, als ich noch eine
öffentliche Ordination für nervenkranke Kinder leitete. Szenen,
wie die im Traum reproduzierte, haben sich dort oftmals zuge-
tragen. Während ich mit Otto über die Diagnose eines Falles
debattierte, hatte Leopold das Kind neuerdings untersucht und
einen unerwarteten Beitrag zur Entscheidung beigebracht. Es
bestand eben zwischen ihnen eine ähnliche Charakterverschiedenheit
wie zwischen dem Inspektor Bräsig und seinem Freunde Karl.
Der eine tat sich durch „Fixigkeit“ hervor, der andere war
langsam, bedächtig, aber gründlich. Wenn ich im Traume Otto
und den vorsichtigen Leopold einander gegenüberstelle, so geschieht
es offenbar, um Leopold herauszustreichen. Es ist ein ähnliches
Vergleichen wie oben zwischen der unfolgsamen Patientin Irma und
ihrer für klüger gehaltenen Freundin. Ich merke jetzt auch eines
der Gleise, auf denen sich die Gedankenverbindung im Traume
fortschiebt: vom kranken Kind zum Kinderkrankeninstitut. –
Die Dämpfung links unten macht mir den Eindruck, als ent-
spräche sie allen Details eines einzelnen Falles, in dem mich
Leopold durch seine Gründlichkeit frappiert hat. Es schwebt mir
außerdem etwas vor wie eine metastatische Affektion, aber es
könnte auch eine Beziehung zu der Patientin sein, die ich an
Stelle von Irma haben möchte. Diese Dame imitiert nämlich,
soweit ich es übersehen kann, eine Tuberkulose.
Eine infiltrierte Hautpartie an der linken Schulter. Ich weiß
sofort, das ist mein eigener Schulterrheumatismus, den ich regel-
mäßig verspüre, wenn ich bis tief in die Nacht wach geblieben
bin. Der Wortlaut im Traume klingt auch so zweideutig: was
ich … wie er spüre. Am eigenen Körper spüre, ist gemeint.S.
117
Übrigens fällt mir auf, wie ungewöhnlich die Bezeichnung
„infiltrierte Hautpartie“ klingt. An die „Infiltration links hinten
oben“ sind wir gewöhnt; die bezöge sich auf die Lunge und
somit wieder auf Tuberkulose.Trotz des Kleides. Das ist allerdings nur eine Einschaltung.
Die Kinder im Krankeninstitut untersuchten wir natürlich ent-
kleidet; es ist irgendein Gegensatz zur Art, wie man erwachsene
weibliche Patienten untersuchen muß. Von einem hervorragenden
Kliniker pflegte man zu erzählen, daß er seine Patienten stets
nur durch die Kleider physikalisch untersucht habe. Das weitere
ist mir dunkel, ich habe, offen gesagt, keine Neigung, mich hier
tiefer einzulassen.Dr. M. sagt: Es ist eine Infektion, aber es macht nichts. Es
wird noch Dysenterie hinzukommen und das Gift sich ausscheiden.
Das erscheint mir zuerst lächerlich, muß aber doch, wie alles
andere, sorgfältig zerlegt werden. Näher betrachtet zeigt es doch
eine Art von Sinn. Was ich an der Patientin gefunden habe, war
eine lokale Diphtheritis. Aus der Zeit der Erkrankung meiner
Tochter erinnere ich mich an die Diskussion über Diphtheritis
und Diphtherie. Letztere ist die Allgemeininfektion, die von der
lokalen Diphtheritis ausgeht. Eine solche Allgemeininfektion weist
Leopold durch die Dämpfung nach, welche also an metastatische
Herde denken läßt. Ich glaube zwar, daß gerade bei Diphtherie
derartige Metastasen nicht vorkommen. Sie erinnern mich eher an
Pyämie.Es macht nichts, ist ein Trost. Ich meine, er fügt sich folgender-
maßen ein: Das letzte Stück des Traumes hat den Inhalt ge-
bracht, daß die Schmerzen der Patientin von einer schweren
organischen Affektion herrühren. Es ahnt mir, daß ich auch damit
nur die Schuld von mir abwälzen will. Für den Fortbestand
diphtheritischer Leiden kann die psychische Kur nicht verant-
wortlich gemacht werden. Nun geniert es mich doch, daß ich
Irma ein so schweres Leiden andichte, einzig und allein, um michS.
118
zu entlasten. Es sieht so grausam aus. Ich brauche also eine
Versicherung des guten Ausganges, und es scheint mir nicht übel
gewählt, daß ich den Trost gerade der Person des Dr. M. in den
Mund lege. Ich erhebe mich aber hier über den Traum, was der
Aufklärung bedarf.Warum ist dieser Trost aber so unsinnig?
Dysenterie: Irgendeine fernliegende theoretische Vorstellung,
daß Krankheitsstoffe durch den Darm entfernt werden können.
Will ich mich damit über den Reichtum des Dr. M. an weit
hergeholten Erklärungen, sonderbaren pathologischen Verknüp-
fungen lustig machen? Zu Dysenterie fällt mir noch etwas
anderes ein. Vor einigen Monaten hatte ich einen jungen Mann
mit merkwürdigen Stuhlbeschwerden übernommen, den andere
Kollegen als einen Fall von „Anämie mit Unterernährung“1) be-
handelt hatten. Ich erkannte, daß es sich um eine Hysterie handle,
wollte meine Psychotherapie nicht an ihm versuchen und schickte
ihn auf eine Seereise. Nun bekam ich vor einigen Tagen einen
verzweifelten Brief von ihm aus Ägypten, daß er dort einen
neuen Anfall durchgemacht, den der Arzt für Dysenterie erklärt
habe. Ich vermute zwar, die Diagnose ist nur ein Irrtum des
unwissenden Kollegen, der sich von der Hysterie äffen läßt; aber
ich konnte mir doch die Vorwürfe nicht ersparen, daß ich den
Kranken in die Lage versetzt, sich zu seiner hysterischen Darm-
affektion etwa noch eine organische zu holen. Dysenterie klingt
ferner an Diphtherie an, welcher Name ††† im Traum nicht
genannt wird.Ja, es muß so sein, daß ich mich mit der tröstlichen Prognose:
Es wird noch Dysenterie hinzukommen usw. über Dr. M. lustig
mache, denn ich entsinne mich, daß er einmal vor Jahren etwas
ganz Ähnliches von einem anderen Kollegen lachend erzählt hat.
Er war zur Konsultation mit diesem Kollegen bei einem schwer
Kranken berufen worden und fühlte sich veranlaßt, dem anderen,
der sehr hoffnungsfreudig schien, vorzuhalten, daß er beim Pa-S.
119
tienten Eiweiß im Harn finde. Der Kollege ließ sich aber nicht
irremachen, sondern antwortete beruhigt: Das macht nichts.
Herr Kollege, der Eiweiß wird sich schon ausscheiden! – Es
ist mir also nicht mehr zweifelhaft, daß in diesem Stück des
Traumes ein Hohn auf die der Hysterie unwissenden Kollegen
enthalten ist. Wie zur Bestätigung fährt mir jetzt durch den
Sinn: Weiß denn Dr. M., daß die Erscheinungen bei seiner Pa-
tientin, der Freundin Irmas, welche eine Tuberkulose befürchten
lassen, auch auf Hysterie beruhen? Hat er diese Hysterie erkannt,
oder ist er ihr „aufgesessen“?Welches Motiv kann ich aber haben, diesen Freund so schlecht
zu behandeln? Das ist sehr einfach: Dr. M. ist mit meiner „Lö-
sung“ bei Irma so wenig einverstanden wie Irma selbst. Ich habe
also in diesem Traum bereits an zwei Personen Rache genommen,
an Irma mit den Worten: Wenn du noch Schmerzen hast, ist
es deine eigene Schuld, und an Dr. M. mit dem Wortlaut der
ihm in den Mund gelegten unsinnigen Tröstung.Wir wissen unmittelbar, woher die Infektion rührt. Dies un-
mittelbare Wissen im Traume ist sehr merkwürdig. Eben vorhin
wußten wir es noch nicht, da die Infektion erst durch Leopold
nachgewiesen wurde.Freund Otto hat ihr, als sie sich unwohl fühlte, eine Injektion
gegeben. Otto hatte wirklich erzählt, daß er in der kurzen Zeit
seiner Anwesenheit bei Irmas Familie ins benachbarte Hotel ge-
holt wurde, um dort jemandem, der sich plötzlich unwohl fühlte,
eine Injektion zu machen. Die Injektionen erinnern mich wieder
an den unglücklichen Freund, der sich mit Kokain vergiftet hat.
Ich hatte ihm das Mittel nur zur internen Anwendung während
der Morphiumentziehung geraten; er machte sich aber unverzüg-
lich Kokaininjektionen.Mit einem Propylpräparat . . . Propylen . . . Propionsäure.
Wie komme ich nur dazu? Am selben Abend, nach welchem ich
an der Krankengeschichte geschrieben und darauf geträumt hatte,S.
120
öffnete meine Frau eine Flasche Likör, auf welcher „Ananas“1)
zu lesen stand und die ein Geschenk unseres Freundes Otto war.
Er hat nämlich die Gewohnheit, bei allen möglichen Anlässen zu
schenken; hoffentlich wird er einmal durch eine Frau davon kuriert.
Diesem Likör entströmte ein solcher Fuselgeruch, daß ich mich
weigerte, davon zu kosten. Meine Frau meinte: Diese Flasche
schenken wir den Dienstleuten, und ich, noch vorsichtiger, unter-
sagte es mit der menschenfreundlichen Bemerkung, sie sollen sich
auch nicht vergiften. Der Fuselgeruch (Amyl . . .) hat nun offen-
bar bei mir die Erinnerung an die ganze Reihe: Propyl,
Methyl usw. geweckt, die für den Traum die Propylenpräparate
lieferte. Ich habe dabei allerdings eine Substitution vorgenommen,
Propyl geträumt, nachdem ich Amyl gerochen, aber derartige
Substitutionen sind vielleicht gerade in der organischen Chemie
gestattet.Trimethylamin. Von diesem Körper sehe ich im Traume die
chemische Formel, was jedenfalls eine große Anstrengung meines
Gedächtnisses bezeugt, und zwar ist die Formel fett gedruckt, als
wollte man aus dem Kontext etwas als ganz besonders wichtig
herausheben. Worauf führt mich nun Trimethylamin, auf das ich
in solcher Weise aufmerksam gemacht werde? Auf ein Gespräch
mit einem anderen Freunde, der seit Jahren um all meine kei-
menden Arbeiten weiß, wie ich um die seinigen. Er hatte mir
damals gewisse Ideen zu einer Sexualchemie mitgeteilt und unter
anderem erwähnt, eines der Produkte des Sexualstoffwechsels glaube
er im Trimethylamin zu erkennen. Dieser Körper führt mich
also auf die Sexualität, auf jenes Moment, dem ich für die Ent-
stehung der nervösen Affektionen, welche ich heilen will, die
größte Bedeutung beilege. Meine Patientin Irma ist eine jugend-
liche Witwe; wenn es mir darum zu tun ist, den Mißerfolg der
Kur bei ihr zu entschuldigen, werde ich mich wohl am besten1)„Ananas“ enthält übrigens einen merkwürdigen Anklang an den Familien-
namen meiner Patientin Irma.S.
121
auf diese Tatsache berufen, an welcher ihre Freunde gern ändern
möchten. Wie merkwürdig übrigens ein solcher Traum gefügt
ist! Die andere, welche ich an Irmas Statt im Traume zur Pa-
tientin habe, ist auch eine junge Witwe.Ich ahne, warum die Formel Trimethylamin im Traume sich
so breit gemacht hat. Es kommt soviel Wichtiges in diesem einen
Wort zusammen: Trimethylamin ist nicht nur eine Anspielung
auf das übermächtige Moment der Sexualität, sondern auch auf
eine Person, an deren Zustimmung ich mich mit Befriedigung
erinnere, wenn ich mich mit meinen Ansichten verlassen fühle.
Sollte dieser Freund, der in meinem Leben eine so große Rolle
spielt, in dem Gedanken-
zusammenhang des Traumes weiter nicht
vorkommen? Doch; er ist ein besonderer Kenner der Wirkungen,
welche von Affektionen der Nase und ihrer Nebenhöhlen ausgehen,
und hat der Wissenschaft einige höchst merkwürdige Beziehungen
der Nasenmuscheln zu den weiblichen Sexualorganen eröffnet.
(Die drei krausen Gebilde im Hals bei Irma.) Ich habe Irma von
ihm untersuchen lassen, ob ihre Magenschmerzen etwa nasalen
Urprungs sind. Er leidet aber selbst an Naseneiterungen, die mir
Sorge bereiten, und darauf spielt wohl die Pyämie an, die mir
bei den Metastasen des Traumes vorschwebt.Man macht solche Injektionen nicht so leichtfertig. Hier wird
der Vorwurf der Leichtfertigkeit unmittelbar gegen Freund Otto
geschleudert. Ich glaube, etwas Ähnliches habe ich mir am Nach-
mittage gedacht, als er durch Wort und Blick seine Parteinahme
gegen mich zu bezeugen schien. Es war etwa: Wie leicht er
sich beeinflussen läßt; wie leicht er mit seinem Urteil fertig
wird. – Außerdem deutet mir der obenstehende Satz wiederum
auf den verstorbenen Freund, der sich so rasch zu Kokaininjek-
tionen entschloß. Ich hatte Injektionen mit dem Mittel, wie ge-
sagt, gar nicht beabsichtigt. Bei dem Vorwurf, den ich gegen
Otto erhebe, leichtfertig mit jenen chemischen Stoffen umzugehen,
merke ich, daß ich wieder die Geschichte jener unglücklichen-
S.
122
Mathilde berühre, aus der derselbe Vorwurf gegen mich hervor-
geht. Ich sammle hier offenbar Beispiele für meine Gewissen-
haftigkeit, aber auch fürs Gegenteil.
Wahrscheinlich war auch die Spritze nicht rein. Noch ein Vor-
wurf gegen Otto, der aber anderswoher stammt. Gestern traf ich
zufällig den Sohn einer zweiundachtzigjährigen Dame, der ich
täglich zwei Morphiuminjektionen geben muß. Sie ist gegenwärtig
auf dem Lande, und ich hörte über sie, daß sie an einer Venen-
entzündung leide. Ich dachte sofort daran, es handle sich um ein
Infiltrat durch Verunreinigung der Spritze. Es ist mein Stolz, daß
ich ihr in zwei Jahren nicht ein einziges Infiltrat gemacht habe;
es ist freilich meine beständige Sorge, ob die Spritze auch rein
ist. Ich bin eben gewissenhaft. Von der Venenentzündung komme
ich wieder auf meine Frau, die in einer Schwangerschaft an
Venenstauungen gelitten, und nun tauchen in meiner Erinnerung
drei ähnliche Situationen, mit meiner Frau, mit Irma und der
verstorbenen Mathilde auf, deren Identität mir offenbar das
Recht gegeben hat, die drei Personen im Traum füreinander
einzusetzen.*
Ich habe nun die Traumdeutung vollendet. Während dieser
Arbeit hatte ich Mühe, mich all der Einfälle zu erwehren, zu
denen der Vergleich zwischen dem Trauminhalt und den dahinter
versteckten Traumgedanken die Anregung geben mußte. Auch
ist mir unterdes der „Sinn“ des Traumes aufgegangen. Ich habe
eine Absicht gemerkt, welche durch den Traum verwirklicht wird
und die das Motiv des Träumens gewesen sein muß. Der Traum
erfüllt einige Wünsche, welche durch die Ereignisse des letzten
Abends (die Nachricht Ottos, die Niederschrift der Krankenge-
schichte) in mir rege gemacht worden sind. Das Ergebnis des
Traumes ist nämlich, daß ich nicht Schuld bin an dem noch
vorhandenen Leiden Irmas, und daß Otto daran Schuld ist. Nun
hat mich Otto durch seine Bemerkung über Irmas unvollkommeneS.
123
Heilung geärgert, der Traum rächt mich an ihm, indem er den
Vorwurf auf ihn selbst zurückwendet. Von der Verantwortung für
Irmas Befinden spricht der Traum mich frei, indem er dasselbe
auf andere Momente (gleich eine ganze Reihe von Begründun-
gen) zurückführt. Der Traum stellt einen gewissen Sachverhalt so dar,
wie ich ihn wünschen möchte; sein Inhalt ist also eine
Wunscherfüllung, sein Motiv ein Wunsch.Soviel springt in die Augen. Aber auch von den Details des
Traumes wird mir manches unter dem Gesichtspunkte der Wunsch-
erfüllung verständlich. Ich räche mich nicht nur an Otto für
seine voreilige Parteinahme gegen mich, indem ich ihm eine vor-
eilige ärztliche Handlung zuschiebe (die Injektion), sondern ich
nehme auch Rache an ihm für den schlechten Likör, der nach
Fusel duftet, und ich finde im Traum einen Ausdruck, der beide
Vorwürfe vereint: die Injektion mit einem Propylenpräpa-
rat. Ich bin noch nicht befriedigt, sondern setze meine Rache fort, indem
ich ihm seinen verläßlicheren Konkurrenten gegenüber-
stelle. Ich scheine damit zu sagen: Der ist mir lieber als du. Otto ist aber
nicht der einzige, der die Schwere meines Zornes zu fühlen hat.
Ich räche mich auch an der unfolgsamen Patientin, indem ich
sie mit einer klügeren, gefügigeren vertausche. Ich lasse auch
dem Dr. M. seinen Widerspruch nicht ruhig hingehen, sondern
drücke ihm in einer deutlichen Anspielung meine Meinung aus,
daß er der Sache als ein Unwissender gegenüber-
steht („Es wird Dysenterie hinzutreten etc.“). Ja, mir scheint, ich appelliere von
ihm weg an einen anderen, Besserwissen-
den (meinen Freund, der mir vom Trimethylamin erzählt hat), wie ich von Irma an
ihre Freundin, von Otto an Leopold mich gewendet habe. Schafft
mir diese Personen weg, ersetzt sie mir durch drei andere meiner
Wahl, dann bin ich der Vorwürfe ledig, die ich nicht verdient
haben will! Die Grundlosigkeit dieser Vorwürfe selbst wird mir
im Traume auf die weitläufigste Art erwiesen. Irmas Schmerzen
fallen nicht mir zu Last, denn sie ist selbst schuld an ihnen,S.
124
in dem sie meine Lösung anzunehmen verweigert. Irmas Schmerzen
gehen mich nichts an, denn sie sind organischer Natur, durch
eine psychische Kur gar nicht heilbar. Irmas Leiden erklären sich
befriedigend durch ihre Witwenschaft (Trimethylamin!), woran
ich ja nichts ändern kann. Irmas Leiden ist durch eine unvor-
sichtige Injektion von seiten Ottos hervorgerufen worden mit
einem dazu nicht geeigneten Stoff, wie ich sie nie gemacht hätte.
Irmas Leiden rührt von einer Injektion mit unreiner Spritze her
wie die Venenentzündung meiner alten Dame, während ich bei
meinen Injektionen niemals etwas anstelle. Ich merke zwar, diese
Erklärungen für Irmas Leiden, die darin zusammentreffen, mich
zu entlasten, stimmen untereinander nicht zusammen, ja sie
schließen einander aus. Das ganze Plaidoyer — nichts anderes
ist dieser Traum — erinnert lebhaft an die Verteidigung des
Mannes, der von seinem Nachbarn angeklagt war, ihm einen Kessel
in schadhaftem Zustande zurückgegeben zu haben. Erstens habe
er ihn unversehrt zurückgebracht, zweitens war der Kessel schon
durchlöchert, als er ihn entlehnte, drittens hat er nie einen
Kessel vom Nachbarn entlehnt. Aber um so besser; wenn nur eine
dieser drei Verteidigungsarten als stichhältig erkannt wird, muß der
Mann freigesprochen werden.
Es spielen in den Traum noch andere Themata hinein, deren
Beziehung zu meiner Entlastung von Irmas Krankheit nicht so
durchsichtig ist: Die Krankheit meiner Tochter und die einer
gleichnamigen Patientin, die Kokainschädlichkeit, die Affektion
meines in Ägypten reisenden Patienten, die Sorge um die Ge-
sundheit meiner Frau, meines Bruders, des Dr. M., meine eigenen
Körperbeschwerden, die Sorge um den abwesenden Freund, der
an Naseneiterungen leidet. Doch wenn ich all das ins Auge fasse,
fügt es sich zu einem einzigen Gedankenkreis zusammen, etwa
mit der Etikette: Sorge um die Gesundheit, eigene und fremde,
ärztliche Gewissenhaftigkeit. Ich erinnere mich an eine unklare
peinliche Empfindung, als mir Otto die Nachricht von Irmas Be--S.
125
finden brachte. Aus dem im Traume mitspielenden Gedankenkreis
möchte ich nachträglich den Ausdruck für diese flüchtige Empfin-
dung einsetzen. Es ist, als ob er mir gesagt hätte: Du nimmst
deine ärztlichen Pflichten nicht ernsthaft genug, bist nicht ge-
wissenhaft, hältst nicht, was du versprichst. Daraufhin hätte sich
mir jener Gedankenkreis zur Verfügung gestellt, damit ich den
Nachweis erbringen könne, in wie hohem Grade ich gewissenhaft
bin, wie sehr mir die Gesundheit meiner Angehörigen, Freunde
und Patienten am Herzen liegt. Bemerkenswerterweise sind
unter diesem Gedankenmaterial auch peinliche Erinnerungen, die
eher für die meinem Freund Otto zugeschriebene Beschuldigung
als für meine Entschuldigung sprechen. Das Material ist gleich-
sam unparteiisch, aber der Zusammenhang dieses breiteren Stoffes,
auf dem der Traum ruht, mit dem engeren Thema des Traumes,
aus dem der Wunsch hervorgegangen ist, an Irmas Krankheit
unschuldig zu sein, ist doch unverkennbar.Ich will nicht behaupten, daß ich den Sinn dieses Traumes
vollständig aufgedeckt habe, daß seine Deutung eine lückenlose ist.
Ich könnte noch lange bei ihm verweilen, weitere Aufklärungen
aus ihm entnehmen und neue Rätsel erörtern, die er aufwerfen heißt.
Ich kenne selbst die Stellen, von denen aus weitere Gedanken-
zusammenhänge zu verfolgen sind; aber Rücksichten, wie sie bei
jedem eigenen Traum in Betracht kommen, halten mich von der
Deutungsarbeit ab. Wer mit dem Tadel für solche Reserve rasch bei
der Hand ist, der möge nur selbst versuchen, aufrichtiger zu sein
als ich. Ich begnüge mich für den Moment mit der einen neu ge-
wonnenen Erkenntnis: Wenn man die hier angezeigte Methode der
Traumdeutung befolgt, findet man, daß der Traum wirklich einen Sinn
hat und keineswegs der Ausdruck einer zerbröckelten Hirntätigkeit
ist, wie die Autoren wollen. Nach vollendeter Deutungsarbeit
läßt sich der Traum als eine Wunscherfüllung erkennen.
You are here
Die Traumdeutung1900-001/1925.2
1900-001/1925/2