S.
[97]
III
DIE TENDENZEN DES WITZES
Als ich zu Ende des vorigen Abschnittes den Heineschen
Vergleich des katholischen Priesters mit einem Angestellten einer
Großhandlung und des protestantischen mit einem selbständigen
Kleinhändler niederschrieb, verspürte ich eine Hemmung, die mich
bestimmen wollte, dieses Gleichnis nicht zu verwenden. Ich sagte
mir, daß sich unter meinen Lesern wahrscheinlich einige befinden
würden, denen nicht nur die Religion, sondern auch deren Regie
und Personal ehrwürdig sind, diese Leser würden sich nur über
den Vergleich entrüsten und in einen Affektzustand geraten, der
ihnen jedes Interesse für die Unterscheidung raubt, ob das Gleichnis
an sich oder nur infolge irgend welcher Zutaten witzig erscheint.
Bei anderen Gleichnissen, z. B. dem benachbarten von dem ange-
nehmen Mondlicht, welches eine gewisse Philosophie auf die
Gegenstände wirft, wäre eine solche für unsere Untersuchung
störende Beeinflussung eines Teiles der Leser nicht zu besorgen.
Der frommgläubigste Mann bliebe in der Verfassung, sich ein
Urteil über unser Problem zu bilden.Es ist leicht, den Charakter des Witzes zu erraten, mit welchem
die Verschiedenheit der Reaktion auf den Witz beim Hörer zu-
sammenhängt. Der Witz ist das eine Mal Selbstzweck und dient
keiner besonderen Absicht, das andere Mal stellt er sich in denS.
98
Der Witz
Dienst einer solchen Absicht; er wird tendenziös. Nur derjenige
Witz, welcher eine Tendenz hat, läuft Gefahr, auf Personen zu
stoßen, die ihn nicht anhören wollen.Der nichttendenziöse Witz ist von Th. Vischer als „ab-
strakter“ Witz bezeichnet worden; ich ziehe es vor, ihn „harm-
losen“ Witz zu nennen.Da wir vorhin den Witz nach dem Material, an dem seine
Technik angreift, in Wort- und Gedankenwitz unterschieden haben,
obliegt es uns, die Beziehung dieser Einteilung zur neu vorge-
brachten zu untersuchen. Wort- und Gedankenwitz einerseits,
abstrakter und tendenziöser Witz anderseits stehen nun in keiner
Relation der Beeinflussung zueinander; es sind zwei voneinander
völlig unabhängige Einteilungen der witzigen Produktionen. Viel-
leicht könnte jemand den Eindruck empfangen haben, als seien
die harmlosen Witze vorwiegend Wortwitze, während die kom-
pliziertere Technik des Gedankenwitzes meist von starken Ten-
denzen in Dienst genommen wird; allein es gibt harmlose Witze,
die mit Wortspiel und Gleichklang arbeiten, und ebenso harmlose,
die sich aller Mittel des Gedankenwitzes bedienen. Nicht minder
leicht zu zeigen ist, daß der tendenziöse Witz der Technik nach
nichts anderes als ein Wortwitz zu sein braucht. So z. B. sind
Witze, die mit Eigennamen „spielen“, häufig von beleidigender,
verletzender Tendenz, sie gehören selbstredend zu den Wortwitzen.
Die harmlosesten aller Witze sind aber auch wieder Wortwitze,
z. B. die neuerdings beliebt gewordenen Schüttelreime, in denen
die mehrfache Verwendung desselben Materials mit einer ganz
eigentümlichen Modifikation die Technik darstellt:„Und weil er Geld in Menge hatte,
lag stets er in der Hängematte.“Es wird hoffentlich niemand in Abrede stellen, daß das Wohl-
gefallen an dieser Art von sonst anspruchslosen Reimen das näm-
liche ist, an dem wir den Witz erkennen.S.
Die Tendenzen des Witzes99
Gute Beispiele von abstrakten oder harmlosen Gedankenwitzen
findet man reichlich unter den Lichtenbergschen Vergleichen,
von denen wir einige bereits kennengelernt haben. Ich füge
einige weitere hinzu:„Sie hatten ein Oktavbändchen nach Göttingen ge-
schickt und an Leib und Seele einen Quartanten
wieder bekommen.“„Um dieses Gebäude gehörig aufzuführen, muß vor
allen Dingen ein guter Grund gelegt werden, und da
weiß ich keinen festeren, als wenn man über jede
Schicht pro gleich eine Schicht kontra aufträgt.“„Einer zeugt den Gedanken, der andere hebt ihn
aus der Taufe, der dritte zeugt Kinder mit ihm, der
vierte besucht ihn auf dem Sterbebette und der
fünfte begräbt ihn.“ (Gleichnis mit Unifizierung.)„Er glaubte nicht allein keine Gespenster, sondern
er fürchtete sich nicht einmal davor.“ Der Witz liegt
hier ausschließlich an der widersinnigen Darstellung, die das ge-
wöhnlich für geringer Geschätzte in den Komparativ setzt, das für
bedeutsamer Gehaltene zum Positiv nimmt. Mit Verzicht auf diese
witzige Einkleidung hieße es: es ist viel leichter, sich mit dem
Verstand über die Gespensterfurcht hinwegzusetzen, als sich ihrer
bei vorkommender Gelegenheit zu erwehren. Dies ist gar nicht
mehr witzig, wohl aber eine richtige und noch zu wenig ge-
würdigte psychologische Erkenntnis, die nämliche, der Lessing
in den bekannten Worten Ausdruck gibt:„Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten.“
Ich kann die Gelegenheit, die sich hier bietet, ergreifen, um
ein immerhin mögliches Mißverständnis wegzuräumen. „Harm-
loser“ oder „abstrakter“ Witz soll nämlich keineswegs gleich-
bedeutend sein mit „gehaltlosem“ Witz, sondern eben nur den
Gegensatz zu den später zu besprechenden „tendenziösen“ Witzen
bezeichnen. Wie obiges Beispiel zeigt, kann ein harmloser, d. i.
?*S.
100
tendenzloser Witz auch sehr gehaltvoll sein, etwas Wertvolles
aussagen. Der Gehalt eines Witzes ist aber vom Witz unabhängig
und ist der Gehalt des Gedankens, der hier durch eine besondere
Veranstaltung witzig ausgedrückt wird. Freilich so wie die Uhr-
macher ein besonders gutes Werk auch mit einem kostbaren
Gehäuse auszustatten pflegen, mag es auch beim Witz vorkommen,
daß die besten Witzleistungen gerade zur Einkleidung der gehalt-
vollsten Gedanken benützt werden.Wenn wir nun scharf auf die Unterscheidung von Gedanken-
gehalt und witziger Einkleidung beim Gedenkenwitz achten, so
gelangen wir zu einer Einsicht, welche uns viel Unsicherheit in
unserem Urteil über Witze aufzuklären vermag. Es stellt sich
nämlich, was doch überraschend ist, heraus, daß wir unser Wohl-
gefallen an einem Witz nach dem summierten Eindruck von
Gehalt und Witzleistung abgeben und uns durch den einen Faktor
über das Ausmaß des anderen geradezu täuschen lassen. Erst die
Reduktion des Witzes klärt uns die Urteilstäuschung auf.Das nämliche trifft übrigens auch beim Wortwitz zu. Wenn
wir hören: „Die Erfahrung besteht darin, daß man erfährt, was
man nicht wünscht erfahren zu haben“ — so sind wir ver-
blüfft, glauben eine neue Wahrheit zu vernehmen, und es dauert
eine Weile, bis wir in dieser Verkleidung die Plattheit: „Durch
Schaden wird man klug“ (K. Fischer) erkennen. Die treffliche
Witzleistung, die „Erfahrung“ nahezu allein durch die Anwendung
des Wortes „erfahren“ zu definieren, täuscht uns so, daß wir
den Gehalt des Satzes überschätzen. Ebenso ergeht es uns bei
dem Lichtenbergschen Unifizierungswitz vom „Januarius“
(S. 70), der uns weiter nichts zu sagen hat, als was wir längst
wissen, daß Neujahrswünsche so selten in Erfüllung gehen wie
andere Wünsche, und in vielen ähnlichen Fällen.Das Gegenteilige erfahren wir bei anderen Witzen, in denen
offenbar das Trefiende und Richtige des Gedankens uns gefangen-
nimmt, so daß wir den Satz einen glänzenden Witz heißen, währendS.
101
nur der Gedanke glänzend, die Witzleistung oft schwächlich ist.
Gerade bei den Lichtenbergschen Witzen ist der Gedanken-
kern häufig weit wertvoller als die Witzeinkleidung, auf welche
wir dann die Schätzung vom ersteren her unberechtigterweise
ausdehnen. So ist z. B. die Bemerkung über die „Fackel der
Wahrheit“ (S. 89) ein kaum witziger Vergleich, aber sie ist so
treffend, daß wir den Satz als einen besonders witzigen hervor-
heben möchten.Die Lichtenbergschen Witze sind vor allem durch ihren
Gedankeninhalt und ihre Treffsicherheit hervorragend. Goethe
hat mit Recht von diesem Autor gesagt, daß seine witzigen und
scherzhaften Einfälle geradezu Probleme verbergen, richtiger: an
die Lösung von Problemen streifen. Wenn er z. B. als witzigen
Einfall aufzeichnet:„Er las immer Agamemnon anstatt angenommen, so
sehr hatte er den Homer gelesen“ (technisch): Dummheit +
Wortgleichklang, so hat er damit nichts weniger als das Geheimnis
des Verlesens selbst aufgedeckt.1 Ähnlich ist der Witz, dessen
Technik (S. 62) uns wohl recht unbefriedigend erschienen ist:„Er wunderte sich, daß den Katzen gerade an der
Stelle zwei Löcher in den Pelz geschnitten wären,
wo sie die Augen hätten.“ Die Dummheit, die hier zur
Schau getragen wird, ist nur eine scheinbare; in Wirklichkeit
steckt hinter dieser einfältigen Bemerkung das große Problem
der Teleologie im tierischen Aufbau; es ist gar nicht so selbst-
verständlich, daß die Lidspalte sich dort öffnet, wo die Hornhaut
freiliegt, bis die Entwicklungsgeschichte uns dieses Zusammen-
treffen aufklärt.Wir wollen es im Gedächtnis behalten, daß wir von einem
witzigen Satz einen Gesamteindruck empfangen, in dem wir den
Anteil des Gedankeninhalts von dem Anteil der Witzarbeit nicht1) Vgl. meine „Psychopathologie des Alltagslebens“. 1904. 10. Aufl., 1923 [Ges.
Schriften, Bd. IV].S.
102
Der Witz
zu sondern vermögen; vielleicht findet sich später hiezu eine noch
bedeutsamere Parallele.*
Für unsere theoretische Aufklärung über das Wesen des Witzes
müssen uns die harmlosen Witze wertvoller sein als die tenden-
ziösen, die gehaltlosen wertvoller als die tiefsinnigen. Harmlose
und gehaltlose Wortspiele etwa werden uns das Problem des
Witzes in seiner reinsten Form entgegenbringen, weil wir bei
ihnen der Gefahr der Verwirrung durch die Tendenz und der
Urteilstäuschung durch den guten Sinn entgehen. An solchem
Material kann unsere Erkenntnis einen neuen Fortschritt machen.Ich wähle ein möglichst harmloses Beispiel von Wortwitz:
Ein Mädchen, welches während seiner Toilette die Ankündigung
eines Besuches erhält, klagt: „Ach wie schade, gerade wenn man
am anziehendsten ist, darf man sich nicht sehen lassen.“¹Da mir aber Bedenken aufsteigen, ob ich diesen Witz für
einen tendenzlosen auszugeben das Recht habe, ersetze ich ihn
durch einen anderen, herzlich einfältigen, der von solcher Ein-
wendung frei sein dürfte.In einem Hause, wo ich zu Gast geladen bin, wird zum Schluß
der Mahlzeit die Roulard genannte Mehlspeise gereicht, deren
Herstellung einiges Geschick bei der Köchin voraussetzt. „Zu
Hause gemacht?“ fragt darum einer der Gäste, und der Haus-
herr antwortet: „Ja, gewiß, ein Home-Roulard“ (Home-Rule).Wir wollen diesmal nicht die Technik des Witzes untersuchen,
sondern gedenken unsere Aufmerksamkeit einem anderen, dem
wichtigsten Momente zwar, zuzuwenden. Das Anhören dieses
improvisierten Witzes bereitete den Anwesenden ein — von mir
wie in ungezählten anderen Fällen kann die Lustempfindung des
Hörers nicht von der Tendenz und nicht vom Gedankeninhalt1) R. Kleinpaul, Die Rätsel der Sprache, 1890.
S.
Die Tendenzen des Witzes 103
des Witzes herrühren; es bleibt nichts übrig als diese Lust-
empfindung mit der Technik des Witzes in Zusammenhang zu
bringen. Die von uns vorhin beschriebenen technischen Mittel des
Witzes — die Verdichtung, Verschiebung, indirekte Darstellung usw.
— haben also das Vermögen, beim Hörer eine Lustempfindung
hervorzurufen, wenngleich wir noch gar nicht einsehen können,
wie ihnen dies Vermögen zukommen mag. Auf so leichte Art
gewinnen wir den zweiten Satz zur Aufklärung des Witzes; der
erste lautete (S. 15), daß der Charakter des Witzes an der Aus-
drucksform hängt. Besinnen wir uns noch, daß der zweite Satz
uns eigentlich nichts Neues gelehrt hat. Er isoliert nur, was
bereits in einer früher von uns gemachten Erfahrung enthalten
war. Wir erinnern ja, wenn es gelang, den Witz zu reduzieren,
d. h. mit sorgfältiger Erhaltung des Sinnes dessen Ausdruck durch
einen anderen zu ersetzen, so war damit nicht nur der Witz-
charakter, sondern auch der Lacheffekt, also das Vergnügen am
Witze, aufgehoben.Wir können hier nicht weitergehen, ohne uns vorerst mit
unseren philosophischen Autoritäten auseinanderzusetzen.Die Philosophen, welche den Witz dem Komischen zurechnen
und das Komische selbst in der Ästhetik abhandeln, charakterisieren
das ästhetische Vorstellen durch die Bedingung, daß wir dabei
nichts von und mit den Dingen wollen, die Dinge nicht brauchen,
um eines unserer großen Lebensbedürfnisse zu befriedigen, sondern
uns mit der Betrachtung derselben und dem Genuß der Vor-
stellung begnügen. „Dieser Genuß, diese Vorstellungsart ist die
rein ästhetische, die nur in sich beruht, nur in sich ihren Zweck
hat und keine anderen Lebenszwecke erfüllt“ (K. Fischer, S. 68).Wir setzen uns nun kaum in Widerspruch mit diesen Worten
K. Fischers, übersetzen vielleicht nur seinen Gedanken in unsere
Ausdrucksweise, wenn wir hervorheben, daß die witzige Tätigkeit
doch keine zweck- oder ziellose genannt werden darf, da sie sich
unverkennbar das Ziel gesteckt hat, Lust beim Hörer hervorzurufen.S.
104
Ich zweifle, ob wir irgend etwas zu unternehmen imstande sind,
wobei eine Absicht nicht in Betracht. kommt. Wenn wir unseren
seelischen Apparat gerade nicht zur Erfüllung einer der unent-
behrlichen Befriedigungen brauchen, lassen wir ihn selbst auf Lust
arbeiten, suchen wir Lust aus seiner eigenen Tätigkeit zu ziehen.
Ich vermute, daß dies überhaupt die Bedingung ist, der alles
ästhetische Vorstellen unterliegt, aber ich verstehe zu wenig von
der Ästhetik, um diesen Satz durchführen zu wollen; vom Witz
jedoch kann ich auf Grund der beiden vorhin gewonnenen Ein-
sichten behaupten, daß er eine Tätigkeit ist, welche darauf abzielt,
Lust aus den seelischen Vorgängen — intellektuellen oder an-
deren — zu gewinnen. Es gibt gewiß noch andere Tätigkeiten,
die dasselbe bezwecken. Vielleicht unterscheiden sie sich darin,
aus welchem Gebiete seelischer Tätigkeit sie Lust schöpfen wollen,
vielleicht durch die Methode, deren sie sich dabei bedienen. Wir
können das gegenwärtig nicht entscheiden; wir halten aber daran
fest, daß nun die Witztechnik und die sie teilweise beherrschende
ersparende Tendenz (S. 45) in Beziehung gebracht sind zur Er-
zeugung von Lust.Ehe wir aber darangehen, das Rätsel, wie die technischen
Mittel der Witzarbeit Lust beim Hörer erregen können, zu lösen,
wollen wir uns erinnern, daß wir zum Zwecke der Vereinfachung
und besseren Durchsichtigkeit die tendenziösen Witze ganz zur
Seite geschoben haben. Wir müssen doch aufzuklären suchen,
welches die Tendenzen des Witzes sind, und in welcher Weise
er diesen Tendenzen dient.Wir werden vor allem durch eine Beobachtung gemahnt, den
tendenziösen Witz bei der Untersuchung nach der Herkunft der
Lust am Witze nicht beiseite zu lassen. Die Lustwirkung des
harmlosen Witzes ist zumeist eine mäßige; ein deutliches Wohl-
gefallen, ein leichtes Lächeln ist zumeist alles, was er beim Hörer
zu erreichen vermag, und von diesem Effekt ist etwa noch ein
Teil auf Rechnung seines Gedankeninhalts zu setzen, wie wirS.
105
an geeigneten Beispielen (S. 99) bemerkt haben. Fast niemals
erzielt der tendenzlose Witz jene plötzlichen Ausbrüche von Ge-
lächter, die den tendenziösen so unwiderstehlich machen. Da die
Technik bei beiden die nämliche sein kann, darf in uns die
Vermutung rege werden, daß der tendenziöse Witz kraft seiner
Tendenz über Quellen der Lust verfügen müsse, zu denen der
harmlose Witz keinen Zugang hat.Die Tendenzen des Witzes sind nun leicht zu übersehen. Wo
der Witz nicht Selbstzweck, d. h. harmlos ist, stellt er sich in
den Dienst von nur zwei Tendenzen, die selbst eine Vereinigung
unter einen Gesichtspunkt zulassen, er ist entweder feind-
seliger Witz (der zur Aggression, Satire, Abwehr dient) oder
obszöner Witz (welcher der Entblößung dient). Von vorn-
herein ist wieder zu bemerken, daß die technische Art des
Witzes — ob Wort- oder Gedankenwitz — keine Relation zu
diesen beiden Tendenzen hat.Weitläufiger ist es nun, darzulegen, auf welche Weise der
Witz diesen Tendenzen dient. Ich möchte bei dieser Untersuchung
nicht den feindseligen, sondern den entblößenden Witz voran-
stellen. Dieser ist zwar weit seltener einer Untersuchung ge-
würdigt worden, als hätte sich hier eine Abneigung vom Stofflichen
aufs Sachliche übertragen, allein wir wollen uns hiedurch nicht
beirren lassen, da wir alsbald auf einen Grenzfall des Witzes
stoßen werden, der uns Aufklärung über mehr als einen dunklen
Punkt zu bringen verspricht.Man weiß, was unter der „Zote“ verstanden wird: Die be-
absichtigte Hervorhebung sexueller Tatsachen und Verhältnisse
durch die Rede. Indes diese Definition ist nicht stichhaltiger als
andere Definitionen. Ein Vortrag über die Anatomie der Sexual-
organe oder über die Physiologie der Zeugung braucht trotz
dieser Definition nicht einen einzigen Berührungspunkt mit der
Zote gemein zu haben. Es gehört noch dazu, daß die Zote an
eine bestimmte Person gerichtet werde, von der man sexuellS.
106 Der Witz
erregt wird, und die durch das Anhören der Zote von der Er-
regung des Redenden Kenntnis bekommen und dadurch selbst
sexuell erregt werden soll. Anstatt dieser Erregung mag sie auch
in Scham oder Verlegenheit gebracht werden, was nur eine
Reaktion gegen ihre Erregung und auf diesem Umwege ein
Eingeständnis derselben bedeutet. Die Zote ist also ursprünglich
an das Weib gerichtet und einem Verführungsversuch gleichzu-
setzen. Wenn sich dann ein Mann in Männergesellschaft mit dem
Erzählen oder Anhören von Zoten vergnügt, so ist die ursprüng-
liche Situation, die infolge sozialer Hemmnisse nicht verwirklicht
werden kann, dabei mit vorgestellt. Wer über die gehörte Zote
lacht, lacht wie ein Zuschauer bei einer sexuellen Aggression.Das Sexuelle, welches den Inhalt der Zote bildet, umfaßt mehr
als das bei beiden Geschlechtern Besondere, nämlich noch überdies
das beiden Geschlechtern Gemeinsame, auf das die Scham sich
erstreckt, also das Exkrementelle in seinem ganzen Umfang. Dies
ist aber der Umfang, den das Sexuelle im Kindesalter hat, wo
für die Vorstellung gleichsam eine Kloake existiert, innerhalb
deren Sexuelles und Exkrementelles schlecht oder gar nicht ge-
sondert werden.1 Überall im Gedankenbereich der Neurosen-
psychologie schließt das Sexuelle noch das Exkrementelle ein,
wird es im alten, infantilen, Sinne verstanden.Die Zote ist wie eine Entblößung der sexuell differenten
Person, an die sie gerichtet ist. Durch das Aussprechen der
obszönen Worte zwingt sie die angegriffene Person zur Vorstellung
des betreffenden Körperteiles oder der Verrichtung und zeigt ihr,
daß der Angreifer selbst sich solches vorstellt. Es ist nicht zu
bezweifeln, daß die Lust, das Sexuelle entblößt zu sehen, das
ursprüngliche Motiv der Zote ist.Es kann der Klärung nur förderlich sein, wenn wir hier bis
auf die Fundamente zurückgehen. Die Neigung, das Geschlechts-1) Siehe meine gleichzeitig erscheinenden „Drei Abhandlungen zur Sexual-
theorie“, 1905 [Ges. Schriften, Bd. V].S.
Die Tendenzen des Witzes107
besondere entblößt zu schauen, ist eine der ursprünglichen Kom-
ponenten unserer Libido. Sie ist selbst vielleicht bereits eine
Ersetzung, geht auf eine als primär zu supponierende Lust, das
Sexuelle zu berühren, zurück. Wie so häufig, hat das Schauen
das Tasten auch hier abgelöst.1 Die Schau- oder Tastlibido ist
bei jedermann in zweifacher Art, aktiv und passiv, männlich und
weiblich, vorhanden, und bildet sie sich je nach dem Überwiegen des
Geschlechtscharakters nach der einen oder der anderen Richtung
überwiegend aus. Bei jungen Kindern kann man die Neigung
zur Selbstentblößung leicht beobachten. Wo der Keim dieser
Neigung nicht das gewöhnliche Schicksal der Überlagerung und
Unterdrückung erfährt, da entwickelt er sich zu der als Exhi-
bitionsdrang bekannten Perversion erwachsener Männer. Beim
Weibe wird die passive Exhibitionsneigung fast regelmäßig durch
die großartige Reaktionsleistung der sexuellen Schamhaftigkeit
überlagert, aber nicht ohne daß ihr in der Kleidung ein Ausfalls-
pförtchen gespart bliebe. Wie dehnbar und nach Konvention und
Umständen variabel dann das der Frau als erlaubt verbliebene
Maß von Exhibition ist, brauche ich nur anzudeuten.Beim Manne bleibt ein hoher Grad dieser Strebuung als Teil-
stück der Libido bestehen und dient zur Einleitung des Geschlechts-
aktes. Wenn diese Strebuung sich bei der ersten Annäherung an
das Weib geltend macht, muß sie sich aus zwei Motiven der
Rede bedienen. Erstens um sich dem Weibe anzuzeigen, und
zweitens weil die Erweckung der Vorstellung durch die Rede das
Weib selbst in die korrespondierende Erregung versetzen und die
Neigung zur passiven Exhibition bei ihr erwecken kann. Diese
werbende Rede ist noch nicht die Zote, geht aber in sie über. Wo
nämlich die Bereitschaft des Weibes sich rasch einstellt, da ist
die obszöne Rede kurzlebig, sie weicht alsbald der sexuellen
Handlung. Anders, wenn auf die rasche Bereitschaft des Weibes
nicht zu rechnen ist, sondern an deren Statt die Abwehrreaktionen1) Molls Kontrektationstrieb (Untersuchungen über die Libido sexualis, 1898).
S.
108 Der Witz
desselben auftreten. Dann wird die sexuell erregende Rede als Zote
Selbstzweck; da die sexuelle Aggression in ihrem Fortschreiten
bis zum Akt aufgehalten ist, verweilt sie bei der Hervorrufung
der Erregung und zieht Lust aus den Anzeichen derselben beim
Weibe. Die Aggression ändert dabei wohl auch ihren Charakter
in dem nämlichen Sinne wie jede libidinöse Regung, der sich
ein Hindernis entgegengestellt; sie wird direkt feindselig, grausam,
ruft also die sadistische Komponente des Geschlechtstriebes gegen
das Hindernis zur Hilfe.Die Unnachgiebigkeit des Weibes ist also die nächste Be-
dingung für die Ausbildung der Zote, allerdings eine solche, die
bloß einen Aufschub zu bedeuten scheint und weitere Bemühung
nicht aussichtslos erscheinen läßt. Der ideale Fall eines der-
artigen Widerstandes beim Weibe ergibt sich bei der gleichzeitigen
Anwesenheit eines anderen Mannes, eines Dritten, denn dann ist
das sofortige Nachgeben des Weibes so gut wie ausgeschlossen.
Dieser Dritte gelangt bald zur größten Bedeutung für die Ent-
wicklung der Zote; zunächst ist aber von der Anwesenheit des
Weibes nicht abzusehen. Beim Landvolk oder im Wirtshaus des
kleinen Mannes kann man beobachten, daß erst das Hinzutreten
der Kellnerin oder der Wirtin die Zote zum Vorschein bringt;
auf höherer sozialer Stufe erst tritt das Gegenteil ein, macht die
Anwesenheit eines weiblichen Wesens der Zote ein Ende; die
Männer sparen sich diese Art der Unterhaltung, die ursprünglich
ein sich schämendes Weib voraussetzt, auf, bis sie allein „unter
sich“ sind. So wird allmählich anstatt des Weibes der Zuschauer,
jetzt Zuhörer, die Instanz, für welche die Zote bestimmt ist, und
diese nähert sich durch solche Wandlung bereits dem Charakter
des Witzes.Unsere Aufmerksamkeit kann von dieser Stelle an von zwei
Momenten in Anspruch genommen werden, von der Rolle des
Dritten, des Zuhörers, und von den inhaltlichen Bedingungen
der Zote selbst.S.
Die Tendenzen des Witzes109
Der tendenziöse Witz braucht im allgemeinen drei Personen,
außer der, die den Witz macht, eine zweite, die zum Objekt der
feindseligen oder sexuellen Aggression genommen wird, und eine
dritte, an der sich die Absicht des Witzes, Lust zu erzeugen,
erfüllt. Die tiefere Begründung für diese Verhältnisse werden wir
später aufzusuchen haben, vorläufig halten wir uns an die Tat-
sache, die sich ja darin bekundet, daß nicht, wer den Witz macht,
ihn auch belacht, also dessen Lustwirkung genießt, sondern der
untätige Zuhörer. In der nämlichen Relation befinden sich die
drei Personen bei der Zote. Man kann den Hergang so be-
schreiben: Der libidinöse Impuls des Ersten entfaltet, sowie er
die Befriedigung durch das Weib gehemmt findet, eine gegen
diese zweite Person feindselige Tendenz und ruft die ursprünglich
störende dritte Person zum Bundesgenossen auf. Durch die zotige
Rede des Ersten wird das Weib vor diesem Dritten entblößt, der
nun als Zuhörer — durch die mühelose Befriedigung seiner eigenen
Libido — bestochen wird.Es ist merkwürdig, daß solcher Zotenverkehr beim gemeinen
Volke so überaus beliebt und eine nie fehlende Betätigung heiterer
Stimmung ist. Beachtenswert ist aber auch, daß bei diesem kom-
plizierten Vorgang, der so viele Charaktere des tendenziösen Witzes
an sich trägt, an die Zote selbst keiner der formellen Ansprüche,
welche den Witz kennzeichnen, gestellt wird. Die unverhüllte
Nudität auszusprechen bereitet dem Ersten Vergnügen und macht
den Dritten lachen.Erst wenn wir zu feiner gebildeter Gesellschaft aufsteigen,
tritt die formelle Witzbedingung hinzu. Die Zote wird witzig und
wird nur geduldet, wenn sie witzig ist. Das technische Mittel,
dessen sie sich zumeist bedient, ist die Anspielung, d. h. die
Ersetzung durch ein Kleines, ein im entfernten Zusammenhang
Befindliches, welches der Hörer in seinem Vorstellen zur vollen und
direkten Obszönität rekonstruiert. Je größer das Mißverhältnis
zwischen dem in der Zote direkt Gegebenen und dem von ihrS.
110 Der Witz
im Hörer mit Notwendigkeit Angeregten ist, desto feiner wird der
Witz, desto höher darf er sich dann auch in die gute Gesellschaft
hinaufwagen. Außer der groben und der feinen Anspielung stehen
der witzigen Zote, wie leicht an Beispielen gezeigt werden kann,
alle anderen Mittel des Wort- und Gedankenwitzes zur Verfügung.Hier wird endlich greifbar, was der Witz im Dienste seiner
Tendenz leistet. Er ermöglicht die Befriedigung eines Triebes
(des lüsternen und feindseligen) gegen ein im Wege stehendes
Hindernis, er umgeht dieses Hindernis und schöpft somit Lust
aus einer durch das Hindernis unzugänglich gewordenen Lust-
quelle. Das im Wege stehende Hindernis ist eigentlich nichts
anderes als die der höheren Bildungs- und Gesellschaftsstufe ent-
sprechend gesteigerte Unfähigkeit des Weibes, das unverhüllte
Sexuelle zu ertragen. Das in der Ausgangssituation als anwesend
gedachte Weib wird eben weiterhin als anwesend beibehalten,
oder ihr Einfluß wirkt auch in ihrer Abwesenheit auf die Männer
einschüchternd fort. Man kann beobachten, wie Männer höherer
Stände durch die Gesellschaft niedrigstehender Mädchen sofort
veranlaßt werden, die witzige Zote in die einfache zurücksinken
zu lassen.Die Macht, welche dem Weibe und in geringerem Maße auch
dem Manne den Genuß der unverhüllten Obszönität erschwert
oder unmöglich macht, heißen wir die „Verdrängung“ und er-
kennen in ihr denselben psychischen Vorgang, der in ernsten
Krankheitsfällen ganze Komplexe von Regungen mitsamt deren
Abkömmlingen vom Bewußtsein fernehält, und sich als ein
Hauptfaktor der Verursachung bei den sogenannten Psychoneurosen
herausgestellt hat. Wir gestehen der Kultur und höheren Er-
ziehung einen großen Einfluß auf die Ausbildung der Verdrängung
zu und nehmen an, daß unter diesen Bedingungen eine Verän-
derung der psychischen Organisation zustande kommt, die auch als
ererbte Anlage mitgebracht werden kann, derzufolge sonst ange-
nehm Empfundenes nun als unannehmbar erscheint und mit allenS.
Die Tendenzen des Witzes
111
psychischen Kräften abgelehnt wird. Durch die Verdrängungsarbeit
der Kultur gehen primäre, jetzt aber von der Zensur in uns verwor-
fene, Genußmöglichkeiten verloren. Der Psyche des Menschen wird
aber alles Verzichten so sehr schwer, und so finden wir, daß der
tendenziöse Witz ein Mittel abgibt, den Verzicht rückgängig zu
machen, das Verlorene wieder zu gewinnen. Wenn wir über einen
feinen obszönen Witz lachen, so lachen wir über das nämliche,
was den Bauer bei einer groben Zote lachen macht; die Lust
stammt in beiden Fällen aus der nämlichen Quelle; über die grobe
Zote zu lachen, brächten wir aber nicht zustande, wir würden
uns schämen, oder sie erschiene uns ekelhaft; wir können erst
lachen, wenn uns der Witz seine Hilfe geliehen hat.Es scheint sich uns also zu bestätigen, was wir eingangs ver-
mutet haben, daß der tendenziöse Witz über andere Quellen
der Lust verfügt als der harmlose, bei dem alle Lust irgendwie
an die Technik geknüpft ist. Wir können auch von neuem hervor-
heben, daß wir beim tendenziösen Witz außerstande sind, durch
unsere Empfindung zu unterscheiden, welcher Anteil der Lust aus
den Quellen der Technik, welcher aus denen der Tendenz her-
rührt. Wir wissen also streng genommen nicht, worüber wir
lachen. Bei allen obszönen Witzen unterliegen wir grellen Urteils-
täuschungen über die „Güte“ des Witzes, soweit dieselbe von
formalen Bedingungen abhängt; die Technik dieser Witze ist oft
recht ärmlich, ihr Lacherfolg ein ungeheurer.*
Wir wollen nun untersuchen, ob die Rolle des Witzes im
Dienst der feindseligen Tendenz die nämliche ist.
Von vornherein stoßen wir hier auf dieselben Bedingungen.
Die feindseligen Impulse gegen unsere Nebenmenschen unterliegen
seit unserer individuellen Kindheit wie seit den Kinderzeiten
menschlicher Kultur den nämlichen Einschränkungen, der näm-
lichen fortschreitenden Verdrängung wie unsere sexuellen Stre-S.
S.
113
Wir sind nun auf die Rolle des Witzes bei der feindseligen
Aggression vorbereitet. Der Witz wird uns gestatten, Lächerliches
am Feind zu verwerten, das wir entgegenstehender Hindernisse
wegen nicht laut oder nicht bewußt vorbringen durften, wird also
wiederum Einschränkungen umgehen und unzugäng-
lich gewordene Lustquellen eröffnen. Er wird ferner
den Hörer durch seinen Lustgewinn bestechen, ohne strengste
Prüfung unsere Partei zu nehmen, wie wir selbst andere Male,
vom harmlosen Witz bestochen, den Gehalt des witzig ausgedrückten
Satzes zu überschätzen pflegten. „Die Lacher auf seine Seite
ziehen“, sagt mit vollkommen zutreffendem Ausdruck unsere
Sprache.Man fasse z. B. die über den vorigen Abschnitt zerstreuten
Witze des Herrn N. ins Auge. Es sind sämtlich Schmähungen.
Es ist, als wollte Herr N. laut schreien: Aber der Ackerbau-
minister ist ja selber ein Ochs! Laßt mich in Ruhe mit dem ***;
der platzt ja vor Eitelkeit! Etwas Langweiligeres als die Aufsätze
dieses Historikers über Napoleon in Österreich habe ich über-
haupt noch nicht gelesen! Aber der Hochstand seiner Persön-
lichkeit macht es ihm unmöglich, diese seine Urteile in dieser
Form von sich zu geben. Sie nehmen darum den Witz zur
Hilfe, welcher ihnen eine Aufnahme heim Hörer sichert, die
sie trotz ihres etwaigen Wahrheitsgehalts in unwitziger Form
niemals gefunden hätten. Einer dieser Witze ist besonders lehr-
reich, der vom „roten Fadian“, vielleicht der überwältigendste von
allen. Was nötigt uns daran zum Lachen und lenkt unser Interesse
von der Frage, ob dem armen Schriftsteller Unrecht geschehen
ist oder nicht, so vollständig ab? Gewiß die witzige Form, der
Witz also; aber über was lachen wir dabei? Ohne Zweifel über
die Person selbst, die uns als „roter Fadian“ vorgeführt wird,
und insbesondere über ihre Rothaarigkeit. Körperliche Gebrechen
zu verlachen hat sich der Gebildete abgewöhnt, auch zählt für
hn die Rothaarigkeit nicht zu den lachenswürdigen Körperfehlern.S.
114
Der Witz
Wohl aber gilt sie dafür beim Schulknaben und beim gemeinen
Volk, ja auch noch auf der Bildungsstufe gewisser kommunaler
und parlamentarischer Vertreter. Und nun hat dieser Witz des
Herrn N. es auf die kunstvollste Weise ermöglicht, daß wir, er-
wachsene und feinfühlige Leute, über die roten Haare des Histo-
rikers X. lachen wie die Schulknaben. Es lag dies gewiß nicht
in der Absicht des Herrn N.; aber es ist sehr zweifelhaft, ob
jemand, der seinen Witz walten läßt, dessen genaue Absicht
kennen muß.War in diesen Fällen das Hindernis für die Aggression, welches
der Witz umgehen half, ein innerliches — die ästhetische Auf-
lehnung gegen die Schmähung, — so kann es andere Male rein
äußerlicher Natur sein. So in dem Falle, wenn Serenissimus den
Fremden, dessen Ähnlichkeit mit seiner eigenen Person ihm
auffällt, fragt: War seine Mutter einmal in der Residenz? Und
die schlagfertige Antwort darauf lautet: Nein, aber mein Vater.
Der Gefragte möchte gewiß den Frechen niederschlagen, der es
wagt, durch solche Anspielung dem Andenken der geliebten Mutter
Schmach anzutun; aber dieser Freche ist Serenissimus, den man
nicht niederschlagen, nicht einmal beleidigen darf, wenn man diese
Rache nicht mit seiner ganzen Existenz erkaufen will. Es hieße
also die Beleidigung schweigend herunterwürgen; aber zum Glück
zeigt der Witz den Weg, sie ungefährdet zu vergelten, indem
man mit dem technischen Mittel der Unifizierung die Anspielung
aufnimmt und gegen den Angreifer wendet. Der Eindruck des
Witzigen wird hier so sehr von der Tendenz bestimmt, daß wir
angesichts der witzigen Entgegnung zu vergessen neigen, daß die
Frage des Angreifers selbst durch Anspielung witzig ist.Die Verhinderung der Schmähung oder beleidigenden Ent-
gegnung durch äußere Umstände ist ein so häufiger Fall, daß
der tendenziöse Witz mit ganz besonderer Vorliebe zur Ermög-
lichung der Aggression oder der Kritik gegen Höhergestellte, die
Autorität in Anspruch nehmen, verwendet wird. Der Witz stelltS.
Die Tendenzen des Witzes 115
dann eine Auflehnung gegen solche Autorität, eine Befreiung von
dem Drucke derselben dar. In diesem Moment liegt ja auch der
Reiz der Karikatur, über welche wir selbst dann lachen, wenn
sie schlecht geraten ist, bloß weil wir ihr die Auflehnung gegen
die Autorität als Verdienst anrechnen.Wenn wir im Auge behalten, daß der tendenziöse Witz sich
so sehr zum Angriff auf Großes, Würdiges und Mächtiges eignet,
das durch innerliche Hemmungen oder äußerliche Umstände gegen
direkte Herabsetzung geschützt ist, so werden wir zu einer be-
sonderen Auffassung gewisser Gruppen von Witzen gedrängt, die
sich mit minderwertigen und ohnmächtigen Personen abzugeben
scheinen. Ich meine die Heiratsvermittlergeschichten, von denen
wir einzelne bei der Untersuchung der mannigfaltigen Techniken
des Gedankenwitzes kennengelernt haben. In einigen derselben,
z. B. in den Beispielen „Taub ist sie auch“ und „Wer borgt denn
den Leuten was!“ ist der Vermittler als ein unvorsichtiger und
gedankenloser Mensch verlacht worden, der dadurch komisch wird,
daß ihm die Wahrheit gleichsam automatisch entwischt. Aber
reimt sich einerseits das, was wir von der Natur des tendenziösen
Witzes erfahren haben, und anderseits die Größe unseres Wohl-
gefallens an diesen Geschichten mit der Armseligkeit der Personen
zusammen, über die der Witz zu lachen scheint? Sind das des
Witzes würdige Gegner? Geht es nicht vielmehr so zu, daß der
Witz die Vermittler nur vorschiebt, um etwas Bedeutsameres zu
treffen, daß er, wie das Sprichwort sagt, auf den Sack schlägt,
während er den Esel meint? Diese Auffassung ist wirklich nicht
abzuweisen.Die obige Deutung der Vermittlergeschichten läßt eine Fort-
setzung zu. Es ist wahr, daß ich auf dieselbe nicht einzugehen
brauche, daß ich mich begnügen kann, in diesen Geschichten
„Schwänke“ zu sehen und ihnen den Charakter des Witzes
abzusprechen. Eine solche subjektive Bedingtheit des Witzes
besteht also auch; wir sind jetzt auf sie aufmerksam geworden8*
S.
116 Der Witz
und werden sie späterhin untersuchen müssen. Sie besagt, daß
nur das ein Witz ist, was ich als einen Witz gelten lasse. Was
für mich ein Witz ist, kann für einen anderen bloß eine komische
Geschichte sein. Gestattet aber ein Witz diesen Zweifel, so kann
es nur daher rühren, daß er eine Schauseite, eine — in unseren
Fällen komische — Fassade hat, an welcher sich der Blick des
einen ersättigt, während ein anderer versuchen kann, hinter die-
selbe zu spähen. Der Verdacht darf auch rege werden, daß diese
Fassade dazu bestimmt ist, den prüfenden Blick zu blenden, daß
solche Geschichten also etwas zu verbergen haben.Jedenfalls, wenn unsere Vermittlergeschichten Witze sind, so
sind sie um so bessere Witze, weil sie dank ihrer Fassade im-
stande sind zu verbergen, nicht nur, was sie zu sagen haben,
sondern auch, daß sie etwas — Verbotenes — zu sagen haben.
Die Fortsetzung der Deutung aber, welche dies Verborgene auf-
deckt und diese Geschichten mit komischer Fassade als tendenziöse
Witze entlarvt, wäre folgende: Jeder, der sich die Wahrheit so
in einem unbewachten Moment entschlüpfen läßt, ist eigentlich
froh darüber, daß er der Verstellung ledig wird. Das ist eine
richtige und tief reichende psychologische Einsicht. Ohne solche
innerliche Zustimmung läßt sich niemand von dem Automatismus,
der hier die Wahrheit an den Tag bringt, übermannen.¹ Hiemit
wandelt sich aber die lächerliche Person des Schadchen in eine
bedauernswert sympathische. Wie selig muß der Mann sein, die
Last der Verstellung endlich abwerfen zu können, wenn er sofort
die erste Gelegenheit benützt, um das letzte Stück der Wahrheit
herauszuschreien! Sowie er merkt, daß die Sache verloren ist,
daß die Braut dem jungen Manne nicht gefällt, verrät er gern,
daß sie noch einen versteckten Fehler hat, der jenem nicht auf-
gefallen ist, oder er bedient sich des Anlasses, ein für ein Detail1 Es ist derselbe Mechanismus, der das „Versprechen“ und andere Phänomene des
Selbstverrats beherrscht. Siehe „Zur Psychopathologie des Alltagslebens“ [Ges.
Schriften, Bd. IV].S.
Die Tendenzen des Witzes 117
entscheidendes Argument anzuführen, um dabei den Leuten, in
deren Dienst er arbeitet, seine Verachtung auszudrücken: Ich
bitt' Sie, wer borgt denn den Leuten was! Die ganze Lächerlichkeit
fällt nun auf die in der Geschichte nur gestreiften Eltern,
die solchen Schwindel für gestattet halten, um nur ihre Töchter
an den Mann zu bringen, auf die Erbärmlichkeit der Mädchen,
die sich unter solchen Veranstaltungen verheiraten lassen, auf die
Unwürdigkeit der Ehen, die nach solchen Einleitungen geschlossen
werden. Der Vermittler ist der richtige Mann, der solche Kritik
zum Ausdruck bringen darf, denn er weiß am meisten von diesen
Mißbräuchen, er darf sie aber nicht laut verkünden, denn er ist
ein armer Mann, der gerade nur von deren Ausnützung leben
kann. In einem ähnlichen Konflikt befindet sich aber auch der
Volksgeist, der diese und ähnliche Geschichten geschaffen hat;
denn er weiß, die Heiligkeit der geschlossenen Ehen leidet arg
durch den Hinweis auf die Vorgänge bei der Eheschließung.Erinnern wir uns auch der Bemerkung bei der Untersuchung
der Witztechnik, daß Widersinn im Witz häufig Spott und Kritik
in dem Gedanken hinter dem Witz ersetzen, worin es die Witzarbeit
übrigens der Traumarbeit gleichtut; wir finden diesen Sachverhalt
hier von neuem bestätigt. Daß Spott und Kritik nicht
der Person des Vermittlers gelten, der in den vorigen Beispielen
nur als der Prügelknabe des Witzes auftritt, wird durch eine
andere Reihe von Witzen erwiesen, in denen der Vermittler ganz
im Gegenteile als überlegene Person gezeichnet ist, deren Dialektik
sich jeder Schwierigkeit gewachsen erweist. Es sind Geschichten
mit logischer anstatt der komischen Fassade, sophistische Gedankenwitze.
In einer derselben (S. 66) weiß der Vermittler den Fehler
der Braut, daß sie hinkt, hinwegzudisputieren. Es sei wenigstens
eine „fertige Sache“, eine andere Frau mit geraden Gliedern sei
hingegen in beständiger Gefahr hinzuzufallen und sich ein Bein
zu brechen, und dann kämen die Krankheit, die Schmerzen, die
Behandlungskosten, die man sich bei der bereits Hinkenden erspare.S.
118 Der Witz
Oder in einer anderen Geschichte weiß er eine ganze Reihe von
Ausstellungen des Bewerbers an der Braut, jede einzeln mit guten
Argumenten, zurückzuweisen, um ihm dann bei der letzten,
unbeschönbaren, entgegenzuhalten: Was wollen Sie, gar kein'
Fehler soll sie haben?, als ob von den früheren Einwendungen
nicht doch ein notwendiger Rest übrig geblieben wäre. Es ist
nicht schwer, bei beiden Beispielen die schwache Stelle in der
Argumentation nachzuweisen; wir haben dies auch bei der Unter-
suchung der Technik getan. Aber nun interessiert uns etwas
anderes. Wenn der Rede des Vermittlers so starker logischer
Schein geliehen wird, der sich bei sorgfältiger Prüfung als Schein
zu erkennen gibt, so ist die Wahrheit dahinter, daß der Witz
dem Vermittler recht gibt; der Gedanke getraut sich nicht, ihm
ernsthaft recht zu geben, ersetzt diesen Ernst durch den Schein,
den der Witz vorbringt, aber der Scherz verrät hier wie so häufig
den Ernst. Wir werden nicht irregehen, wenn wir von all den
Geschichten mit logischer Fassade annehmen, daß sie das wirklich
meinen, was sie mit absichtlich fehlerhafter Begründung behaupten.
Erst diese Verwendung des Sophismas zur versteckten Darstellung
der Wahrheit verleiht ihm den Charakter des Witzes, der also
hauptsächlich von der Tendenz abhängt. Was in beiden Geschichten
angedeutet werden soll, ist nämlich, daß der Bewerber sich wirk-
lich lächerlich macht, wenn er die einzelnen Vorzüge der Braut
so sorgsam zusammensucht, die doch alle hinfällig sind, und wenn er
dabei vergißt, daß er vorbereitet sein muß, ein Menschenkind mit
unvermeidlichen Fehlern zu seinem Weibe zu machen, während doch
die einzige Eigenschaft, welche die Ehe mit der mehr oder minder
mangelhaften Persönlichkeit der Frau erträglich machen würde, die
gegenseitige Zuneigung und Bereitwilligkeit zur liebevollen An-
passung wäre, von der bei dem ganzen Handel nicht die Rede ist.Die in diesen Beispielen enthaltene Verspottung des Ehewerbers,
bei welcher nun der Vermittler ganz passend die Rolle des Über-
legenen spielt, wird in anderen Geschichten weit deutlicher zumS.
Die Tendenzen des Witzes
119
Ausdruck gebracht. Je deutlicher diese Geschichten sind, desto
weniger von Witztechnik enthalten sie; sie sind gleichsam nur
Grenzfälle des Witzes, mit dessen Technik sie nur mehr die
Fassadenbildung gemeinsam haben. Infolge der gleichen Tendenz
und des Versteckens derselben hinter der Fassade kommt ihnen
aber die volle Wirkung des Witzes zu. Die Armut an technischen
Mitteln läßt außerdem verstehen, daß viele Witze dieser Art das
komische Element des Jargons, das ähnlich der Witztechnik wirkt,
nicht ohne starke Einbuße entbehren können.Eine solche Geschichte, die bei aller Kraft des tendenziösen
Witzes nichts mehr von dessen Technik erkennen läßt, ist die
folgende: Der Vermittler fragt: „Was verlangen Sie von Ihrer
Braut?“ — Antwort: „Schön muß sie sein, reich muß sie sein
und gebildet.“ — „Gut,“ sagt der Vermittler, „aber daraus mach’
ich drei Partien.“ Hier wird der Verweis dem Manne direkt er-
teilt, nicht mehr in der Einkleidung eines Witzes.In den bisherigen Beispielen richtete sich die verhüllte Aggression
noch gegen Personen, in den Vermittlerwitzen gegen alle Parteien,
die an dem Handel der Eheschließung beteiligt sind: Braut,
Bräutigam und deren Eltern. Die Angriffsobjekte des Witzes können
aber ebensowohl Institutionen sein, Personen, insofern sie Träger
derselben sind, Satzungen der Moral oder der Religion, Lebens-
anschauungen, die ein solches Ansehen genießen, daß der Ein-
spruch gegen sie nicht anders als in der Maske eines Witzes, und
zwar eines durch seine Fassade gedeckten Witzes auftreten kann.
Mögen der Themata wenige sein, auf die dieser tendenziöse Witz
abzielt, seine Formen und Einkleidungen sind äußerst mannig-
faltig. Ich glaube, wir tun recht, diese Gattung von tendenziösem
Witz durch einen besonderen Namen auszuzeichnen. Welcher Name
der geeignete ist, wird sich ergeben, nachdem wir einige Beispiele
dieser Gattung gedeutet haben.Ich erinnere an die beiden Geschichten vom verarmten Gour-
mand, der bei „Lachs mit Mayonnaise“ betroffen wird, und vomS.
120
trunksüchtigen Lehrer, die wir als sophistische Verschiebungswitze
kennen gelernt haben, und führe deren Deutung fort. Wir haben
seitdem gehört, daß, wenn der Schein der Logik an die Fassade
einer Geschichte geheftet ist, der Gedanke wohl im Ernst sagen
möchte: Der Mann hat recht, des entgegenstehenden Widerspruches
wegen aber sich nicht getraut, dem Menue anders recht zu
geben als in einem Punkte, in dem sein Unrecht leicht nach-
zuweisen ist. Die gewählte „Pointe“ ist das richtige Kompromiß
zwischen seinem Recht und seinem Unrecht, was freilich keine
Entscheidung ist, aber wohl dem Konflikt in uns selbst entspricht.
Die beiden Geschichten sind einfach epikureisch, sie sagen: Ja,
der Mann hat recht, es gibt nichts Höheres als den Genuß, und
es ist ziemlich gleichgültig, auf welche Art man sich ihn ver-
schafft. Das klingt furchtbar unmoralisch und ist wohl auch nicht
viel besser, aber im Grunde ist es nichts anderes als das „Carpe
diem“ des Poeten, der sich auf die Unsicherheit des Lebens
und auf die Unfruchtbarkeit der tugendhaften Entsagung beruft.
Wenn die Idee, daß der Mann im Witz von „Lachs mit Mayonnaise“
recht haben soll, auf uns so abstoßend wirkt, so rührt dies nur
von der Illustration der Wahrheit an einem Genuß niedrigster
Art, der uns sehr entbehrlich scheint, her. In Wirklichkeit hat
jeder von uns Stunden und Zeiten gehabt, in denen er dieser
Lebensphilosophie ihr Recht zugestenden und der Morallehre
vorgehalten hat, daß sie nur zu fordern verstand, ohne zu ent-
schädigen. Seitdem die Anweisung auf das Jenseits, in dem sich
alle Entsagung durch Befriedigung lohnen soll, von uns nicht mehr
geglaubt wird — es gibt übrigens sehr wenig Fromme, wenn man
die Entsagung zum Kennzeichen des Glaubens macht, — seitdem
wird das „Carpe diem“ zur ernsten Mahnung. Ich will die Be-
friedigung gern eufschieben, aber weiß ich denn, ob ich morgen
noch da sein werde?„Di doman’ non c’è certezza.“1
1) Lorenzo dei Medici.
S.
Die Tendenzen des Witzes
101
Ich will gern auf alle von der Gesellschaft verpönten Wege
der Befriedigung verzichten, aber bin ich sicher, daß mir die
Gesellschaft diese Entsagung lohnen wird, indem sie mir — wenn
auch mit einem gewissen Aufschub — einen der erlaubten Wege
öffnet? Es läßt sich laut sagen, was diese Witze flüstern, daß
die Wünsche und Begierden des Menschen ein Recht haben, sich
vernehmbar zu machen neben der anspruchsvollen und rücksichts-
losen Moral, und es ist in unseren Tagen in nachdrücklichen und
packenden Sätzen gesagt worden, daß diese Moral nur die eigen-
nützige Vorschrift der wenigen Reichen und Mächtigen ist, welche
jederzeit ohne Aufschub ihre Wünsche befriedigen können. So-
lange die Heilkunst es nicht weiter gebracht hat, unser Leben
zu sichern, und solange die sozialen Einrichtungen nicht mehr
dazu tun, es erfreulicher zu gestalten, so lange kann die Stimme
in uns, die sich gegen die Moralanforderungen auflehnt, nicht
erstickt werden. Jeder ehrliche Mensch wird wenigstens bei sich
dieses Zugeständnis endlich machen. Die Entscheidung in diesem
Konflikt ist erst auf dem Umwege über eine neue Einsicht
möglich. Man muß sein Leben so an das anderer knüpfen, sich so
innig mit anderen identifizieren können, daß die Verkürzung der
eigenen Lebensdauer überwindbar wird, und man darf die
Forderungen der eigenen Bedürfnisse nicht unrechtmäßig erfüllen,
sondern muß sie unerfüllt lassen, weil nur der Fortbestand so
vieler unerfüllter Forderungen die Macht entwickeln kann, die
gesellschaftliche Ordnung abzuändern. Aber nicht alle persönlichen
Bedürfnisse lassen sich in solcher Art verschieben und auf andere
übertragen, und eine allgemein- und endgültige Lösung des
Konflikts gibt es nicht.Wir wissen nun, wie wir Witze wie die letztgedeuteten zu
benennen haben; es sind zynische Witze, was sie verhüllen,
sind Zynismen.Unter den Institutionen, die der zynische Witz anzugreifen
pflegt, ist keine wichtiger, eindringlicher durch MoralvorschriftenS.
122 Der Witz
geschützt, aber dennoch zum Angriff einladender als das Institut
der Ehe, dem also auch die meisten zynischen Witze gelten.
Kein Anspruch ist ja persönlicher als der auf sexuelle Freiheit,
und nirgends hat die Kultur eine stärkere Unterdrückung zu üben
versucht als auf dem Gebiete der Sexualität. Für unsere Ab-
sichten mag ein einziges Beispiel genügen, die auf S. 84 erwähnte
„Eintragung in das Stammbuch des Prinzen Karneval“:
„Eine Frau ist wie ein Regenschirm — man nimmt sich
dann doch einen Komfortabel.“
Die komplizierte Technik dieses Beispiels haben wir bereits
erörtert: ein verblüffender, anscheinend unmöglicher Vergleich,
der aber, wie wir jetzt sehen, an sich nicht witzig ist, ferner eine
Anspielung (Komfortabel = öffentliches Fuhrwerk) und als stärk-
stes technisches Mittel eine die Unverständlichkeit erhöhende
Auslassung. Die Vergleichung wäre in folgender Art auszuführen:
Man heiratet, um sich gegen die Anfechtungen der Sinnlichkeit
zu sichern, und dann stellt sich doch heraus, daß die Ehe keine
Befriedigung eines etwas stärkeren Bedürfnisses gestattet, gerade-
so wie man einen Regenschirm mitnimmt, um sich gegen den
Regen zu schützen, und dann im Regen doch naß wird. In
beiden Fällen muß man sich um stärkeren Schutz umsehen, hier
öffentliches Fuhrwerk, dort für Geld zugängliche Frauen nehmen.
Jetzt ist der Witz fast völlig durch Zynismus ersetzt. Daß die
Ehe nicht die Veranstaltung ist, die Sexualität des Mannes zu
befriedigen, getraut man sich nicht laut und öffentlich zu sagen,
wenn man nicht etwa von der Wahrheitsliebe und dem Reform-
eifer eines Christian v. Ehrenfels1 dazu gedrängt wird.
Die Stärke dieses Witzes liegt nun darin, daß er es doch — auf
allerlei Umwegen — gesagt hat.
Ein für den tendenziösen Witz besonders günstiger Fall wird
hergestellt, wenn die beabsichtigte Kritik der Auflehnung sich1) S. dessen Aufsätze in der Politisch-anthropologischen Revue II, 1905.
S.
Die Tendenzen des Witzes
123
gegen die eigene Person richtet, vorsichtiger ausgedrückt, eine
Person, an der die eigene Anteil hat, eine Sammelperson also,
das eigene Volk zum Beispiel. Diese Bedingung der Selbstkritik
mag uns erklären, daß gerade auf dem Boden des jüdischen Volks-
lebens eine Anzahl der trefflichsten Witze erwachsen sind, von
denen wir ja hier reichliche Proben gegeben haben. Es sind
Geschichten, die von Juden geschaffen und gegen jüdische Eigen-
tümlichkeiten gerichtet sind. Die Witze, die von Fremden über
Juden gemacht werden, sind zu allermeist brutale Schwänke, in
denen der Witz durch die Tatsache erspart wird, daß der Jude
den Fremden als komische Figur gilt. Auch die Judenwitze, die
von Juden herrühren, geben dies zu, aber sie kennen ihre wirklichen
Fehler wie deren Zusammenhang mit ihren Vorzügen, und der
Anteil der eigenen Person an dem zu Tadelnden schafft die sonst
schwierig herzustellende subjektive Bedingung der Witzarbeit. Ich
weiß übrigens nicht, ob es sonst noch häufig vorkommt, daß sich
ein Volk in solchem Ausmaß über sein eigenes Wesen lustig macht.Als Beispiel hierfür kann ich auf die S. 86 erwähnte Geschichte
hinweisen, wie ein Jude in der Eisenbahn sofort alle Dezens des
Betragens aufgibt, nachdem er den Ankömmling im Coupé als
Glaubensgenossen erkannt hat. Wir haben diesen Witz als Beleg
für die Veranschaulichung durch ein Detail, Darstellung durch
ein Kleinstes, kennengelernt; er soll die demokratische Denkungs-
art der Juden schildern, die keinen Unterschied von Herren und
Knechten anerkennt, aber leider auch Disziplin und Zusammen-
wirken stört. Eine andere, besonders interessante Reihe von Witzen
schildert die Beziehungen der armen und der reichen Juden zu
einander; ihre Helden sind der „Schnorrer“ und der mildtätige
Hausherr oder der Baron. Der Schnorrer, der alle Sonntage in
demselben Haus als Gast zugelassen wird, erscheint eines Tages
in Begleitung eines unbekannten jungen Mannes, der Miene macht,
sich mit zu Tische zu setzen. Wer ist das? fragt der Hausherr
und erhält die Antwort: Das ist mein Schwiegersohn seit vorigerS.
124
Woche; ich hab' ihm die Kost versprochen das erste Jahr. Die
Tendenz dieser Geschichten ist stets die niimliche; sie wird in
folgender am deutlichsten hervortreten: Der Schnorrer bettelt
beim Baron um das Geld für eine Badereise nach Ostende; der
Arzt hat ihm wegen seiner Beschwerden ein Seebad empfohlen.
Der Baron findet, Ostende sei ein besonders kostspieliger Auf-
enthalt; ein wohlfeilerer würde es auch tun. Aber der Schnorrer
lehnt den Vorschlag mit den Worten ab: Herr Baron, für meine
Gesundheit ist mir nichts zu teuer. Das ist ein prächtiger Ver-
schiebungswitz, den wir als Muster für seine Gattung hätten
nehmen können. Der Baron will offenbar sein Geld ersparen,
der Schnorrer antwortet aber, als sei das Geld des Barons sein
eigenes, das er dann allerdings minder hochschätzen darf als seine
Gesundheit. Man wird hier aufgefordert, über die Frechheit des
Anspruchs zu lachen, aber diese Witze sind ausnahmsweise nicht
mit einer das Verständnis irreführenden Fassade ausgestattet. Die
Wahrheit dahinter ist, daß der Schnorrer, der das Geld des
Reichen in Gedanken wie eigenes behandelt, nach den heiligen
Vorschriften der Juden wirklich fast das Recht zu dieser Verwechs-
lung hat. Natürlich richtet sich die Auflehnung‚ die diesen Witz
geschaffen hat, gegen das selbst den Frommen schwer bedrückende
Gesetz.Eine andere Geschichte erzählt: Ein Schnorrer begegnet auf
der Treppe des Reichen einen Genossen im Gewerbe, der ihm
abrät, seinen Weg fortzusetzen. „Geh heute nicht hinauf, der
Baron ist heute schlecht aufgelegt, er gibt niemand mehr als
einen Gulden.“ — „Ich werde doch hinaufgehen“, sagt der erste
Schnorrer. „Warum soll ich ihm den einen Gulden schenken?
Schenkt er mir ’was ?“Dieser Witz bedient sich der Technik des Widersinnes, indem
er den Schnorrer in demselben Moment behaupten läßt, der
Baron schenke ihm nichts, in dem er sich anschickt, um das
Geschenk zu betteln. Aber der Widersinn ist nur ein scheinbarer;S.
Die Tendenzen des Witzes 125
es ist beinahe richtig, daß ihm der Reiche nichts schenkt, da er
durch das Gesetz verpflichtet ist, ihm Almosen zu geben, und
ihm, strenge genommen, dankbar sein muß, daß er ihm die
Gelegenheit zum Wohltun verschafft. Die gemeine, bürgerliche
Auffassung des Almosens liegt hier mit der religiösen im Streit;
sie revoltiert offen gegen die religiöse in der Geschichte vom
Baron, der, durch die Leidenserzählung des Schnorrers tief ergriffen,
seinen Dienern schellt: Werfts ihn hinaus; er bricht mir das
Herz! Diese offene Darlegung der Tendenz stellt wieder einen
Grenzfall des Witzes her. Von der nicht mehr witzigen Klage:
„Es ist wirklich kein Vorzug, ein Reicher unter Juden zu sein.
Das fremde Elend läßt einen nicht zum Genuß des eigenen
Glückes kommen“, entfernen sich diese letzten Geschichten fast
nur durch die Veranschaulichung in einer einzelnen Situation.Von einem tief pessimistischen Zynismus zeugen andere Ge-
schichten, die technisch wiederum Grenzfalle des Witzes darstellen,
wie die nachstehende: Ein Schwerhöriger konsultiert den Arzt,
der die richtige Diagnose macht, der Patient trinke wahrscheinlich
zu viel Branntwein und sei darum taub. Er rät ihm davon ab,
der Schwerhörige verspricht den Rat zu beherzigen. Nach einer
Weile trifft ihn der Arzt auf der Straße und fragt ihn laut, wie
es ihm gehe. Ich danke, ist die Antwort. Sie brauchen nicht so
zu schreien, Herr Doktor, ich habe das Trinken aufgegeben und
hör' wieder gut. Nach einer weiteren Weile wiederholt sich die
Begegnung. Der Doktor fragt mit gewöhnlicher Stimme nach
seinem Befinden, merkt aber, daß er nicht verstanden wird. Wie?
Was? — Mir scheint, Sie trinken wieder Branntwein, schreit
ihm der Doktor ins Ohr, und darum hören Sie wieder nichts.
Sie können recht haben, antwortet der Schwerhörige. Ich hab'
wieder angefangen zu trinken Branntwein, aber ich will Ihnen
sagen: warum. Solange ich nicht getrunken hab', hab' ich gehört;
aber alles, was ich gehört, war nicht so gut wie der Branntwein. —
Technisch ist dieser Witz nichts anderes als eine Veranschaulichung;S.
126
Der Witz
der Jargon, die Künste der Erzählung müssen dazu dienen, das
Lachen zu erwecken, aber dahinter lauert die traurige Frage:
Hat der Mann mit seiner Wahl nicht recht?Es ist das mannigfaltige hoffnungslose Elend des Juden, auf
welches diese pessimistischen Geschichten anspielen, die ich
dieses Zusammenhanges wegen dem tendenziösen Witz an-
reihen muß.Andere in ähnlichem Sinne zynische Witze, und zwar nicht
nur Judengeschichten, greifen religiöse Dogmen und den Gottes-
glauben selber an. Die Geschichte vom „Kück des Rabbi“, deren
Technik in dem Denkfehler der Gleichstellung von Phantasie und
Wirklichkeit bestand (auch die Auffassung als Verschiebung wäre
haltbar), ist ein solcher zynischer oder kritischer Witz, der sich
gegen die Wundertäter und gewiß auch gegen den Wunderglauben
richtet. Einen direkt blasphemischen Witz soll Heine in der
Situation des Sterbenden gemacht haben. Als der freundliche
Priester ihn auf Gottes Gnade verwies und ihm Hoffnung machte,
daß er bei Gott Vergebung für seine Sünden finden werde, soll
er geantwortet haben: Bien sûr, qu'il me pardonnera; c'est son
métier. Das ist ein herabsetzender Vergleich, technisch etwa
nur vom Werte einer Anspielung, denn ein métier, Geschäft oder
Beruf, hat etwa ein Handwerker oder ein Arzt, und zwar hat
er nur ein einziges métier. Die Stärke des Witzes liegt aber in
seiner Tendenz. Er soll nichts anderes sagen als: Gewiß wird
er mir verzeihen, dazu ist er ja da, zu keinem anderen Zweck
habe ich ihn mir angeschafft (wie man sich seinen Arzt, seinen
Advokaten hält). Und so regt sich noch in dem machtlos daliegenden
Sterbenden das Bewußtsein, daß er sich Gott erschaffen und ihn
mit Macht ausgestattet hat, um sich seiner bei Gelegenheit zu
bedienen. Das vermeintliche Geschöpf gibt sich noch kurz vor
seiner Vernichtung als den Schöpfer zu erkennen.*
S.
Die Tendenzen des Witzes
127
Zu den bisher behandelten Gattungen des tendenziösen Witzes,
dem entblößenden oder obszönen,
dem aggressiven (feindseligen),
dem zynischen (kritischen, blasphemischen),
möchte ich als vierte und seltenste eine neue anreihen, deren
Charakter durch ein gutes Beispiel erläutert werden soll.Zwei Juden treffen sich im Eisenbahnwagen einer galizischen
Station. „Wohin fährst du?“ fragt der eine. „Nach Krakau“, ist
die Antwort. „Sieh’ her, was du für Lügner bist“, braust der
andere auf. „Wenn du sagst, du fährst nach Krakau, willst du
doch, daß ich glauben soll, du fährst nach Lemberg. Nun weiß
ich aber, daß du wirklich fährst nach Krakau. Also warum
lügst du?“Diese kostbare Geschichte, die den Eindruck übergroßer Spitz-
findigkeit macht, wirkt offenbar durch die Technik des Wider-
sinnes. Der Zweite soll sich Lüge vorwerfen lassen, weil er mit-
geteilt, er fahre nach Krakau, was in Wahrheit sein Reiseziel ist!
Dieses starke technische Mittel — der Widersinn — ist aber hier mit
einer anderen Technik gepaart, der Darstellung durch das Gegen-
teil, denn nach der unwidersprochenen Behauptung des Ersten
lügt der andere, wenn er die Wahrheit sagt, und sagt die Wahr-
heit mit einer Lüge. Der ernstere Gehalt dieses Witzes ist aber
die Frage nach den Bedingungen der Wahrheit; der Witz deutet
wiederum auf ein Problem und nützt die Unsicherheit eines
unserer gebräuchlichsten Begriffe aus. Ist es Wahrheit, wenn
man die Dinge so beschreibt, wie sie sind, und sich nicht darum
kümmert, wie der Hörer das Gesagte auffassen wird? Oder ist
dies nur jesuitische Wahrheit, und besteht die echte Wahrhaftig-
keit nicht viel mehr darin, auf den Zuhörer Rücksicht zu nehmen,
und ihm ein getreues Abbild seines eigenen Wissens zu vermitteln?
Ich halte Witze dieser Art für genug verschieden von den anderen,
um ihnen eine besondere Stellung anzuweisen. Was sie angreifen,
ist nicht eine Person oder eine Institution, sondern die SicherheitS.
128
unserer Erkenntnis selbst, eines unserer spekulativen Güter. Der
Name „skeptische“ Witze würde also für sie der ent-
sprechende sein.*
Wir haben im Verlaufe unserer Erörterungen über die Ten-
denzen des Witzes vielleicht mancherlei Aufklärungen gewonnen
und gewiß reichliche Anregungen zu weiteren Untersuchungen
gefunden; aber die Ergebnisse dieses Abschnittes setzen sich mit
denen des vorigen zu einem schwierigen Problem zusammen.
Wenn es richtig ist, daß die Lust, die der Witz bringt, einerseits
an der Technik, anderseits an der Tendenz haftet, unter welchem
gemeinsamen Gesichtspunkt lassen sich etwa diese zwei so ver-
schiedenen Lustquellen des Witzes vereinen?
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A. Analytischer Teil1905-003/1925/M1