• S.

    Wien 28.6.92

    Liebster Freud

    Ich habe keine Gelegenheit
    gehabt anders als in der Erin-
    nerung auf den schönen
    Abend zurückzukom̄en, an dem
    ich Dich unter den Deinigen
    neben Deiner Braut sah.
    Du weißt meine Achtung vor
    Deiner Diagnostik hat sich
    seither nur noch gesteigert
    und wen̄ ich im „Umwälzen der
    Ern̄erung" auf Dich gestoßen bin,
    tauchte mir die beruhigende
    Vorstellung auf, Der ist
    jetzt besorgt u gut aufgehoben.
    Diese Sicherheit war auch für
    meinen Briefverkehr mit
    Dir maßgebend. Du wirst

  • S.

    sie nicht mißverstehen.

    Anlaß zum Schreiben bietet mir
    das Ereigniß, daß Breuer
    sich bereit erklärt hat, die
    Theorie vom Abreagieren und
    unsere sonstigen gemeinsamenr
    ¿i¿?e über Hysterie auch
    gemeinsam zum öffentlichen
    ausführlichen Ausdruck zu
    bringen. Ein Stück davon,
    das ich erst allein schreiben
    wollte, ist fertig u wäre Dir
    unter anderen Verhältnißen
    sicherlich mitgetheilt worden.

    Die Lieferung Charcot, die
    ich Dir heute schicke, sonst
    wohgelungen, kränkt mich
    durch mehrere stehengebliebene
    Accent- und Sprachfehler in

  • S.

    den wenigen französischen Worten.
    Schlamperei!

    Ich höre, daß Du jetzt Gegenbesuch
    erwartest. Ich hoffe, Du wirst
    die Gnade haben, mir einen
    Wink zu geben, mit welchem Ding
    in Deiner neuen Einrichtung
    ich meine und meiner Frau
    herzliche Wünsche für das junge
    Haus associiren darf.

    Herzlichsten Gruß für Dich, Deine
    Ida und die Eltern, die mich so
    unverdient freundschaftlich
    aufgenom̄en haben, von Deinem

    Sigm Freud

    Frau Gomperz plagt mich sehr mit
    Zweifeln, wie sie Deine Mühe bei
    Rudi vergelten soll.