• S.

    SF
    IX. BERGGASSE 19.

    3.1.97

    Mein theurer Wilhelm

    Wir werden nicht scheitern. Anstatt
    der Durchfahrt die wir suchen, dürften
    wir Meere auffinden, deren
    genauere Durchforschg Späteren
    erübrigen wird, aber wenn es
    uns nicht vorzeitig umbläst, wenn
    unsere Constitution es aushält,
    werden wir ankom̄en. Nous y
    arriverons. Gieb mir noch 10 Jahre
    u ich mache die Neurosen u die
    neue Psychologie fertig, Du kom̄st
    vielleicht mit weniger Zeit für
    Deine Organologie aus. Trotz der
    Beschwerden, auf die Du anspielst,
    hat uns beide doch kein NeuJahr
    so reich u so reif angetroffen.
    Wenn ich gerade keine Angst habe,
    nehme ich es noch im̄er mit allen
    Teufeln auf u Du ken̄st überhaupt

     

  • S.

    noch keine Angst.

    Du glaubst gewiß nicht, daß meine
    neurotischen Theorien so windig fundiert
    sind wie die Bemerkgen, die ich
    Dir zur Organologie mittheile.
    Hier fehlt mir alles Material,
    ich kann nur ahnen, dort auf
    meinem eigentlichen Gebiet
    stütze ich mich auf den solidesten
    Unterbau, den Du Dir denken
    kannst. Ich habe gewiß noch viel
    zu erfahren, so werden die
    Grenzen für die Entstehungszeiten
    der einzelnen Neurosen sich
    wahrscheinlich Correctur gefallen
    lassen müßen, wenn die Fälle
    abgeschlossen sind. Während der
    Arbeit widerstreben sie gerade
    der Zeitbestim̄g am heftigsten.
    Es rückt mir jetzt alles mehr
    in die erste Lebensepoche bis
    zu 3 Jahren. Von einem Patienten

     

  • S.

    mit Zw.vorstellgen, den ich nur durch
    7 M. behandelt hatte, bekam ich
    heuer keine weitere Nachricht.
    Gestern erfuhr ich von der Goldberger
    die es von Prof. Sulz weiß, daß
    dieser Mann in seine Heimat gereist
    ist, um sich Sicherheit über die Realität
    der von ihm erin̄erten Dingen zu
    holen u von der noch lebenden
    Verführerin (Am̄e, jetzt altes Weib)
    die volle Bestätigg bekam. Es
    soll ihm sehr gut gehen, einer
    gründlichen Heilg weicht er offenbar
    mit Hilfe dieser Besserg aus.
    Die Übereinstim̄g mit den von
    Krafft beschriebenen Perversionen
    ist eine neuer schätzbarer Realitäts-
    beweis.

    Auf dem nächsten Congreß werden
    hoffentlich wichtige Dingen zur

     

  • S.

    Sprache kom̄en. Ich denke, Ostern
    spätestens, etwa in Prag. Vielleicht
    habe ich bis dahin einen Fall zu
    Ende gebracht.

    Daß die Neurosen nicht tödten, muß
    wol zu übersetzen sein, daß die
    beiden m. u. f. Sexualstoffe nicht
    identisch sind mit anderen, deren
    Schicksale Du verfolgst, wiewol
    alle in 23 oder 28 Schüben ent-
    bunden werden. Die Grenze
    zwischen neurotischem u organischem
    möchte ich nicht gerne verwischen
    lassen. Deine Gleichstellg der
    Migraine und des Schlaganfalles
    kon̄te ich nach meinem Gefühl
    nur nach Form u Periode nicht
    nach Wesen, dh: Identität des
    Stoffes, gelten lassen. Wir
    wollen sehen, ob das zu halten
    ist.

     

  • S.

    Vor dem Abschnitt „Therapie“
    kom̄t das Citat: Flavit et dissipati
    sunt; vor der „Sexualität“ das
    Motto „Vom Him̄el durch die
    Welt zur Hölle“, wen̄ es so
    richtig citirt ist.

    Das Stück für Nothnagel soll in
    14 Tagen fertig vorliegen.

    Von der G. de B. kan̄ ich Dir auch
    einmal Nachricht geben. Deine
    Diagnose war ganz richtig. Hier
    der Indicienbeweis.
    Als Kind viel an Angst gelitten
    Mit 8-10 J. Fluor albus.
    Als Kind ein schmerzh Gefühl in Vagina,
    wenn sie die kleine Schwester
    prügelte. Dasselbe Gefühl heute,
    wen̄ sie von Greueln, Grausam-
    keiten liest u hört. Diese jüngste
    Schwester ist die einzige, die wie
    sie den Vater liebt, auch dasselbe

     

  • S.

    Leiden hat.

    Ein auffälliger Tic, sie macht einen
    Rüssel (vom Saugen)
    Sie leidet an Ekzem um den Mund
    u nicht heilenden Einrissen der
    Mundecken. Bei Nacht läuft
    ihr anfallsweise der Speichel zusam̄en,
    wonach dann die Einriße auftreten.
    (Ganz analoge Beobachtg habe ich bereits
    einmal auf das Saugen am Penis zurück-
    geführt.)
    In der Kindheit (12 J) bekam ich sie
    die Sprachhem̄g zum ersten Mal,
    als sie mit vollem Mund vor
    ihrer Lehrerin flüchtete.

    Ihr Vater hat ein ähnlich explosives
    Sprechen, als ob er den Mund
    voll hätte.

    Habeamus papam!

    Als ich ihr die Aufklärg entgegen-
    schleuderte, war sie zuerst gewon̄en,
    dann beging sie die Thorheit,

     

     

  • S.

    den Alten selbst zur Rede zu stellen
    der auf die ersten Anbahngen ent-
    rüstet ausrief: Soll ich das gar gewesen
    sein? u mit heiligen Eiden seine
    Unschuld beschwor.

    Sie befindet sich nun im heftigsten
    Sträuben, giebt an ihm zu glauben,
    bekundet aber ihre Identificirg
    mit ihm dadurch, daß sie unauf-
    richtig wird u falsche Eide schwört.
    Ich habe ihr das Wegschicken ange-
    droht u mich dabei überzeugt, daß
    sie ein gutes Stück Sicherheit
    das sie nicht anerken̄en will, bereits
    gewon̄en hat.

    Es war ihr nie so wol gegangen,
    wie am Tage, da ich ihr die Er-
    öffng machte. Nun erhoffe ich
    zur Begünstigg der Arbeit
    recht schlechte Zustände.

    Die Schmerzen im Bein scheint sie
    von der Mutter zu haben.

  • S.

    Ich freue mich jetzt auf die Lösg
    eines Falles, der gleichzeitig
    Einsicht in 2 Psychosen gestattet,
    die des kranken Verführers
    u die der später erkrankten
    vom Pat. Verführten. Der
    Fall hat auch organlogisches
    Interesse, wie Du sehen wirst.
    (orale Sexualorgane)

    Nun leb recht wol im
    neuen Jahr, bring Deiner
    lieben Frau meinen Dank
    u Robertchen meinen
    schönsten Onkelgruß,
    Dein Sigm.