• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Dozent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19

    1. 5. 98
    Theurer Wilhelm

    Das mit den zwei Zeigern der Lebens-
    uhr klingt wieder so vertraut u 
    selbstverständlich, daß es eine uner-
    hörte Neuigkeit u wunderschöne
    Wahrheit sein dürfte. Der Mai ist
    gekom̄en, also Ende Mai werde
    ich's hören. Ich bin wie verschmachtet,
    irgend ein Quell in mir trocknet
    ei, und alles Empfinden wird so dürr 
    Ich will nicht zuviel beschreiben; es
    sähe sonst dem Klagen zu sehr gleich 
    Du wirst mir sagen, ob es das Alter,
    ob nur eine der vielen periodischen
    Schwankungen ist.

    Es macht mir den Eindruck, als ob
    Du das Geschlecht Deines nächsten Kindes
    bestim̄t hättest, so daß dießmal Paulinchen
    eine Wahrheit werden könnte.

    Das Buch von Schenk soll schon erschienen
    sein, ich erwarte so wenig davon,
    daß ich es nicht zu lesen gesucht habe.

  • S.

    Nach den Andeutungen, die ich erfahren,
    ist es ein kurzsichtiger Stuss.

    Das Datum des Geburtstages bildete
    ich mir ein, besser zu wissen, als die
    es mir sagten. Eine Bestätigg, daß
    ich mir keine Zahl merken kann.

    Ich danke Dir sehr, daß Du mit meiner
    Alten so liebenswürdig warst. Sie
    ist ganz gehoben davon wiedergekom̄en.
    Ich wußte im̄er, da Du bei aller
    anscheinendsten Energie eines
    der gutmütigsten unter den
    Menschenkindern bist. Um Paschkis
    brauchst Du Dir wirklich keine
    Gedanken zu machen. Das hat
    nichts Besseres verdient. Ich glaube
    auch nicht, daß es mir je leid thun
    wird. Übrigens ist auch Oscar
    meinem Beispiel spontan gefolgt.

    Anbei Caput III vom Traum.
    Du wirst mich etwas ungenießbar
    finden, ich bin ganz im Traum
    und darin ganz blöde. Ich habe
    jetzt das Stück Psychologie, bei dem

  • S.

    ich stecken geblieben war, geschrieben,
    aber es gefällt mir nicht, wird auch nicht
    stehen bleiben. Der Abschnitt, den
    Du jetzt in Händen hast, ist stylistisch
    noch ganz roh u in einzelnen Stücken
    schlecht, dh. leblos dargestellt. Die darin
    gelassenen Lükken in Betreff der
    somatischen Anregungen z Traum
    müßen noch stärker hervorgehoben
    werden. Ich erwarte natürlich, daß Du
    mir verschiedene kräftige Worte
    dazu sagst, wen̄ wir uns wieder-
    sehen. Die Ergebnisse halte ich für
    richtig.

    Ich möchte irgendeine kräftige Anregung
    haben. Ich bin, wie ich unlängst jemand
    von sich sagen hörte, eine Maschine auf
    zehn Athmosphären Druck gespannt, und
    bei 2 Athm laufe ich heiß. Ich habe es
    heuer noch kaum zum Gefühl der Er-
    müdung gebracht, sonst schnappe ich
    um diese Zeit längst nach Erholung.
    Ich habe nicht viel u was ich habe,
    plagt mich weniger.

  • S.

    Meine intellektuelle Arbeit leiten habe
    ich nie können; somit geht meine
    Muße unbenützt verloren.
    Welche Auffrischg werden die paar
    Tage zu Pfingsten für mich sein.
    Martha will nicht gerne nach Berlin 
    sie denkt sich, daß Du das Kind
    zu Pfingsten hier sehen u dan̄
    vielleicht die nothwendige Rachen-
    operation, die hier Hajek vollziehen
    kann, anordnen wirst. Ich lasse
    Dir u ihr natürlich freie Hand.
    Die anderen Kinder werden
    mit Tante Minna schon in Aussee
    sein, wenn Ihr ankom̄t. Annerl
    entwickelt sich reizend, sie ist
    vom Typus Martin, körperlich und
    geistig. Martin's Dichterei u Selbst-
    ironie dabei ist höchst amüsant.

    Ich grüße Dich herzlich u 
    hoffe vor Pfingsten noch
    mehrmals von Dir zu hören
    Dein Sigm