-
S.
[Briefkopf VI Berlin] 12. 11. 24
Lieber Herr Professor,
Die Abendzeitung berichtet, daß der Bahnverkehr in Österreich heute Nacht wieder aufgenommen werden soll. Ich nehme das als Signal, um Ihnen endlich wieder zu schreiben. Der Brief wird aber keiner Antwort bedürfen!
Nach Max’ Rückkehr haben wir drei unter Hinzuziehung von Radó eine Besprechung gehabt. Wir sind alle der Meinung, daß die Lösung so günstig ist, wie sie unter den obwaltenden Umständen überhaupt sein konnte. Es bleibt das traurige Gefühl, daß wir am Ende einer fast zweijährigen Zeit des zunächst latenten, dann offenen Konfliktes zufrieden sein müssen, die Scheidung von Rank in bestimmter und doch nach außen hin möglichst un- auffälliger Form getroffen zu haben.
Wir haben einen unsrer Besten verloren, aber er war doch nur einer von uns. Im gleichen Zeitraum drohte uns ein andrer Verlust, und vor ihm sind wir glücklich bewahrt geblieben. Wir von der alten Garde, die um Sie, lieber Herr Professor, geblieben sind, werden sicher in unserm Eifer nicht nachlassen, Sie nach manchem Trüben recht viel Befriedigendes erleben zu lassen. In Kürze will ich Schritte tun, um den Rundbriefwechsel wiederherzustellen. Ich denke ihn mir so, -
S.
daß Berlin, Budapest und London mo- natlich einmal schreiben und daß ein 4. Exemplar jedes Mal an Sie, lieber Herr Professor, geht, ohne daß Sie in die Korrespondenz einzugreifen brauchen, also nur um Sie auf dem laufenden zu erhalten. Wollen Sie gelegentlich Ihre Meinung äußern, so wird es uns willkommen sein, soll aber nicht zu einer Verpflichtung werden. – Ich glaube, der wichtigste Erfolg der Auseinandersetzung in Wien wird sein, daß das Einvernehmen mit Ferenczi sich wiederherstellen wird.
Die Redaktion in Berlin denken wir uns so, daß Radó die eigentlichen, laufenden Arbeiten erledigt, unter ständigem Kontakt mit Max, daß aber Hanns und ich nach Bedarf mit ihnen zusammenkommen, um Wichtigeres zu besprechen.
Vor einigen Tagen war Pfister bei mir, der hier einen Vortrag zu halten hatte. Ich glaube, durch längeres Zusammensein mit ihm wirklich etwas im Sinne etwas wärmerer Beziehungen zu den Schweizern erreicht zu haben.
In Berlin geht die Entwicklung ihren ruhigen Gang. Die Kurse haben begonnen und scheinen alle gut zu gehen. Mein Kurs (Charakter-Entwicklung) hat ca. 40 Hörer, also recht viel für ein spezielles Thema.
Radó wird voraussichtlich am Samstag Mittag nach Wien fahren und Sonntag früh dort eintreffen. Er wird nach der Ankunft telephonisch fragen, wann Sie ihn bei sich sehen können. Meine Frau und ich hatten uns darauf gefreut, Ihre Gattin -
S.
an einem dieser Abende mit Ernst und Frau, van Emdens, Sachs und Lampl bei uns zu sehen. Leider hat der Streik diesen Plan durchkreuzt und wir wissen noch nicht, ob er sich wenigstens teilweise wird ausführen lassen.
Der alten Gewohnheit, in meinen Briefen auch das Wissenschaftliche zu erwähnen, das mich beschäftigt, will ich auch heute folgen. Gewiß erinnern Sie, lieber Herr Professor, sich einer Idee, die Sie mir auf dem Semmering, auf dem Heimweg von der Erdbeerjagd, mitteilten. Sie bezog sich auf die Herkunft des Weissagens aus den Eingeweiden. Ich wurde kürzlich in einer Analyse an Ihre Theorie erinnert. Bestimmte kannibalische Phantasien meines Patienten führten zu einer mutmaßlichen Wurzel des jüdischen Verbotes, Milch und Fleisch zusammen zu genießen. In jener Analyse erwies sich Milch als Anspielung auf die Mutter, Fleisch als Anspielung auf die typische Beiß-Kastrationsphantasie gegen den Vater. Das veranlaßte mich zum Nachdenken über jenes Verbot. Sein Ursprung ist doch die in ihrem Sinn rätselhafte, mehrmals wiederkehrende biblische Vorschrift: du sollst das Lämmchen nicht in der Milch seiner Mutter kochen. Diese Vorschrift untersagt das Töten und Verspeisen sogar eines Tieres in der ersten Zeit nach der Geburt, sichtlich -
S.
Bismarckallee 14
Berlin – Grunewald 14193
Deutschland
Berggasse 19
Wien 1090
Österreich
C15F8