• S.

    Wien 24.XI.87.

    Verehrter Freund u College

    Mein heutiger Brief hat zwar einen
    geschäftlichen Anlaß; ich muß ihn aber
    mit dem Beken̄tniß einleiten, daß ich
    mir Hoffnung auf Fortsetzung des Ver-
    kehrs mit Ihnen mache und daß Sie mir
    einen tiefen Eindruck zurückgelassen
    haben, der mich leicht dazu führen könnte
    Ihnen frei heraus zu sagen, ich in welche
    Rangordnung von Männern ich Sie
    stellen muß.

    Frau Dr Benedikt hat mich seit Ihrer
    Abreise consultirt und mir einige Pein
    des Entschließens verursacht. Ich bin
    endlich dazu gelangt, ihren Fall als keine –
    Neurose anzusehen. Nicht sowohl wegen
    des (jetzt nicht nachweisbaren) Fußklonus),

  • S.

    sondern weil ich die mir wertvollsten Ken̄-
    zeichen der Neurasthenie (um andere
    Neurosen kan̄ es sich doch nicht handeln)
    bei ihr nicht wiederfinde. Ich habe mich
    bei der oft so schwierigen Unterscheidung
    zwischen begin̄enden organischen und neurasthen-
    ischen Affektionen stets an ein Merkmal
    gehalten: der Neurasthenie darf die
    hypochondrische Alteration, die Angstpsychose
    nicht fehlen, welche – ob sie geläugnet
    oder zugestanden wird – sich durch
    das Übermaß neu auftauchender
    Empfindungen, also durch Paraesthesien
    verräth. An solchen Symptomen ist unser
    Fall recht arm. Sie kon̄te plötzlich
    nicht gehen, giebt aber von Sensationen
    nichts an als die Schwere der Beine
    nichts von dem Ziehen und Drücken in der
    Muskulatur, den vielfachen Schmerzen
    den correspondirenden Sensationen in anderen

  • S.

    Körpertheilen usw. Sie wissen, was ich meine.
    Der sog. Schwindel, der Jahre vorher auftrat
    stellt sich als ein Ohnmachtsartiger Zustand
    nicht als ein wirklicher Vertige heraus; ich
    kan̄ auch ihn nicht mit dem neurasthenischen
    Taumel beim Gehen zusam̄enbringen.

    Nach der anderen Seite der Diagnose
    – gegen die organische Erkrankung – ist mir
    folgendes eingefallen. Die Frau hatte
    vor 17 Jahren eine postdiphtheritische
    Lähmung der Beine gehabt. Eine solche
    überstandene Infektionserkrankung des
    Rückenmarks mag trotz anscheinender Heilung
    einen schwachen Punkt im Centralorgan
    zurücklassen, den Anstoß zu sehr langsamen
    Systemerkrankungen geben. Ich denke mir
    das ähnlich wie die Beziehung der Tabes
    zur Syphilis. Sie wissen ja auch, daß
    Marie in Paris die multiple Sklerose
    auf vorausgegangene akute Infektionen

  • S.

    zurückführt. Frau B. befand sich
    allem Anschein in der langsamen Decadence der Ernährung, 
    welche das Loos unserer Stadtfrauen nach
    mehreren Entbindungen ist. Das  punctum
    minimae resistentiae im Rückenmark
    began̄ unter solchen Verhältnißen zu revoltiren.

    Es geht ihr übrigens recht gut, besser als
    je seit Beginn der Erkrankung. Dieß ist
    das Resultat Ihres Speisezettels, mir
    bleibt wenig zu thun übrig. Ich habe eine
    galvanische Behandlg des Rückens begon̄en.

    – Nun von Anderem! Meine Kleine
    gedeiht, meine Frau erholt sich langsam.
    Ich bin gleichzeitig mit 3 Arbeiten beschäftigt,
    unter welchen auch die Gehirnanatomie ist
    Der Verleger ist bereit, sie zum nächsten
    Herbst auf den Markt zu bringen.

    Mit herzlichem Gruß
    Ihr Dr Sigm Freud