Die Traumdeutung1900-001/1911
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    [VII]

    Vorwort zur zweiten Auflage.

     

    Daß von diesem schwer lesbaren Buche noch vor Vollendung
    des ersten Jahrzehnts eine zweite Auflage notwendig geworden ist,
    verdanke ich nicht dem Interesse der Fachkreise, an die ich mich in
    den vorstehenden Sätzen gewendet hatte. Meine Kollegen von der
    Psychiatrie scheinen sich keine Mühe gegeben zu haben, über das
    anfängliche Befremden hinauszukommen, welches meine neuartige Auf-
    fassung des Traumes erwecken konnte, und die Philosophen von Beruf,
    die nun einmal gewöhnt sind, die Probleme des Traumlebens als An-
    hang zu den Bewußtseinszuständen mit einigen — meist den nämlichen
    — Sätzen abzuhandeln, haben offenbar nicht bemerkt, daß man gerade
    an diesem Ende allerlei hervorziehen könne, was zu einer gründlichen
    Umgestaltung unserer psychologischen Lehren führen muß. Das Ver-
    halten der wissenschaftlichen Buchkritik konnte nur die Erwartung
    berechtigen, daß Totgeschwiegenwerden das Schicksal dieses meines
    Werkes sein müsse; auch die kleine Schar von wackeren Anhängern,
    die meiner Führung in der ärztlichen Handhabung der Psychoanalyse
    folgen und nach meinem Beispiel Träume deuten, um diese Deutungen
    in der Behandlung von Neurotikern zu verwerten, hätte die erste
    Auflage des Buches nicht erschöpft. So fühle ich mich denn jenem
    weiteren Kreise von Gebildeten und Wißbegierigen verpflichtet, deren
    Teilnahme mir die Aufforderung verschafft hat, die schwierige und
    für so vieles grundlegende Arbeit nach neun Jahren von neuem vor-
    zunehmen.

    Ich freue mich sagen zu können, daß ich wenig zu verändern
    fand. Ich habe hie und da neues Material eingeschaltet, aus meiner
    vermehrten Erfahrung einzelne Einsichten hinzugefügt, an einigen
    wenigen Punkten Umarbeitungen versucht; alles Wesentliche über
    den Traum und seine Deutung sowie über die daraus ableitbaren
    psychologischen Lehrsätze ist aber ungeändert geblieben; es hat,
    wenigstens subjektiv, die Probe der Zeit bestanden. Wer meine anderen
    Arbeiten (über Ätiologie und Mechanismus der Psychoneurosen) kennt,
    weiß, daß ich niemals Unfertiges für fertig ausgegeben und mich
    stets bemüht habe, meine Aussagen nach meinen fortschreitenden
    Einsichten abzuändern; auf dem Gebiete des Traumlebens durfte ich
    bei meinen ersten Mitteilungen stehen bleiben. In den langen Jahren

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    VIII

    meiner Arbeit an den Neurosenproblemen bin ich wiederholt ins
    Schwanken geraten und an manchem irre geworden; dann war es
    immer wieder die „Traumdeutung“, an der ich meine Sicherheit
    wiederfand. Meine zahlreichen wissenschaftlichen Gegner zeigen also
    einen sicheren Instinkt, wenn sie mir gerade auf das Gebiet der
    Traumforschung nicht folgen wollen.

    Auch das Material dieses Buches, diese zum größten Teil durch
    die Ereignisse entwerteten oder überholten eigenen Träume, an denen
    ich die Regeln der Traumdeutung erläutert hatte, erwies bei der
    Revision ein Beharrungsvermögen, das sich eingreifenden Änderungen
    widersetzte. Für mich hat dieses Buch nämlich noch eine andere subjek-
    tive Bedeutung, die ich erst nach seiner Beendigung verstehen konnte.
    Es erwies sich mir als ein Stück meiner Selbstanalyse, als meine
    Reaktion auf den Tod meines Vaters, also auf das bedeutsamste Ereignis,
    den einschneidendsten Verlust im Leben eines Mannes. Nachdem ich
    dies erkannt hatte, fühlte ich mich unfähig, die Spuren dieser Ein-
    wirkung zu verwischen. Für den Leser mag es aber gleichgültig sein,
    an welchem Material er Träume würdigen und deuten lernt.

    Wo ich eine unabweisbare Bemerkung nicht in den alten Zu-
    sammenhang einfügen konnte, habe ich ihre Herkunft von der zweiten
    Bearbeitung durch eckige Klammern angedeutet.

    Berchtesgaden, im Sommer 1908.