S.
Vorwort zur zweiten Auflage
Daß von diesem schwer lesbaren Bu-
che noch vor Vollendung des
ersten Jahrzehntes eine zweite Auflage notwendig geworden ist, verdanke
ich nicht dem Interesse der Fachkreise, an die ich mich in den vorstehenden
Sätzen gewendet hatte. Meine Kollegen von der Psychiatrie scheinen sich
keine Mühe gegeben zu haben, über das anfängliche Befremden hinauszu-
kommen, welches meine neuartige Auffassung des Traumes erwecken konnte,
und die Philosophen von Beruf, die nun einmal gewohnt sind, die Probleme
des Traumlebens als Anhang zu den Bewußtseinszuständen mit einigen –
meist den nämlichen – Sätzen abzuhandeln, haben offenbar nicht be-
merkt, daß man gerade an diesem Ende allerlei hervorziehen könne, was
zu einer gründlichen Umgestaltung unserer psychologischen Lehren führen
muß. Das Verhalten der wissenschaftlichen Buchkritik konnte nur zur
Erwartung berechtigen, daß Totgeschwiegenwerden das Schicksal dieses
meines Werkes sein müsse; auch die kleine Schar von wackeren Anhängern,
die meiner Führung in der ärztlichen Handhabung der Psychoanalyse
folgen und nach meinem Beispiel Träume deuten, um diese Deutungen
in der Behandlung von Neurotikern zu verwerten, hätte die erste Auflage
des Buches nicht erschöpft. So fühle ich mich denn jenem weiteren Kreise
von Gebildeten und Wißbegierigen verpflichtet, deren Teilnahme mir die
Aufforderung verschafft hat, die schwierige und für so vieles grundlegende
Arbeit nach neun Jahren von neuem vorzunehmen.Ich freue mich, sagen zu können, daß ich wenig zu verändern fand.
Ich habe hie und da neues Material eingeschaltet, aus meiner vermehrten
Erfahrung einzelne Einsichten hinzugefügt, an einigen wenigen Punkten
Umarbeitungen versucht; alles Wesentliche über den Traum und seine
Deutung sowie über die daraus ableitbaren psychologischen Lehrsätze ist
aber ungeändert geblieben; es hat wenigstens subjektiv die Probe der Zeit
bestanden. Wer meine anderen Arbeiten (über Ätiologie und Mechanismus
der Psychoneurosen) kennt, weiß, daß ich niemals Unfertiges für fertig
ausgegeben und mich stets bemüht habe, meine Aussagen nach meinen
fortschreitenden Einsichten abzuändern; auf dem Gebiet des Traumlebens
durfte ich bei meinen ersten Mitteilungen stehen bleiben. In den langen
Jahren meiner Arbeit an den Neurosenproblemen bin ich wiederholt ins
Schwanken geraten und an manchem irre geworden; dann war es immer
wieder die „Traumdeutung“, an der ich meine Sicherheit wiederfand.
Meine zahlreichen wissenschaftlichen Gegner zeigen also einen sicheren
Instinkt, wenn sie mir gerade auf das Gebiet der Traumforschung nicht
folgen wollen.S.
VI
Auch das Material dieses Buches, diese zum größten Teil durch
die Ereignisse entwerteten oder überholten eigenen Träume, an denen
ich die Regeln der Traumdeutung erläutert hatte, erwies bei der Revision
ein Beharrungsvermögen, das sich eingreifenden Änderungen widersetzte.
Für mich hat dieses Buch nämlich noch eine andere subjektive Bedeutung,
die ich erst nach seiner Beendigung verstehen konnte. Es erwies sich mir
als ein Stück meiner Selbstanalyse, als meine Reaktion auf den Tod meines
Vaters, also auf das bedeutsamste Ereignis, den einschneidendsten Verlust
im Leben eines Mannes. Nachdem ich dies erkannt hatte, fühlte ich mich
unfähig, die Spuren dieser Einwirkung zu verwischen. Für den Leser mag
es aber gleichgültig sein, an welchem Material er Träume würdigen und
deuten lernt.Wo ich eine unabweisbare Bemerkung nicht in den alten Zusammen-
hang einfügen konnte, habe ich ihre Herkunft von der zweiten Bearbeitung
durch eckige Klammern angedeutet*.Berchtesgaden, im Sommer 1908.
Vorwort zur dritten Auflage
Während zwischen der ersten und der zweiten Auflage dieses Buches
ein Zeitraum von neun Jahren verstrichen ist, hat sich das Bedürfnis einer
dritten bereits nach wenig mehr als einem Jahre bemerkbar gemacht. Ich
darf mich dieser Wandlung freuen; wenn ich aber vorhin die Vernach-
lässigung meines Werkes von Seite des Leser nicht als Beweis für dessen
Unwert gelten lassen wollte, kann ich das nunmehr zu Tage getretene
Interesse auch nicht als Beweis für seine Trefflichkeit verwerten.Der Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis hat auch die „Traum-
deutung“ nicht unberührt gelassen. Als ich sie 1899 niederschrieb, bestand
die „Sexualtheorie“ noch nicht, war die Analyse der komplizierteren Formen
von Psychoneurosen noch in ihren Anfängen. Die Deutung der Träume
sollte ein Hilfsmittel werden, um die psychologische Analyse der Neurosen
zu ermöglichen; seither hat das vertiefte Verständnis der Neurosen auf die
Auffassung des Traumes zurückgewirkt. Die Lehre von der Traumdeutung
selbst hat sich nach einer Richtung weiterentwickelt, auf welche in der
ersten Auflage dieses Buches nicht genug Akzent gefallen war. Durch eigene
Erfahrung wie durch die Arbeiten von W. Stekel und anderen habe
ich seither den Umfang und die Bedeutung der Symbolik im Traume
(oder vielmehr im unbewußten Denken) richtiger würdigen gelernt. So hat
sich im Laufe dieser Jahre vieles angesammelt, was Berücksichtigung ver-
langte. Ich habe versucht, diesen Neuerungen durch zahlreiche Einschaltungen*Diese wurden in den folgenden Auflagen wieder fallen gelassen.
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Die Traumdeutung 1900-001/1930