Die Traumdeutung 1900-001/1930
  • S.

    Vorwort zur zweiten Auflage

    Daß von diesem schwer lesbaren Bu-
    che noch vor Vollendung des
    ersten Jahrzehntes eine zweite Auflage notwendig geworden ist, verdanke
    ich nicht dem Interesse der Fachkreise, an die ich mich in den vorstehenden
    Sätzen gewendet hatte. Meine Kollegen von der Psychiatrie scheinen sich
    keine Mühe gegeben zu haben, über das anfängliche Befremden hinauszu-
    kommen, welches meine neuartige Auffassung des Traumes erwecken konnte,
    und die Philosophen von Beruf, die nun einmal gewohnt sind, die Probleme
    des Traumlebens als Anhang zu den Bewußtseinszuständen mit einigen –
    meist den nämlichen – Sätzen abzuhandeln, haben offenbar nicht be-
    merkt, daß man gerade an diesem Ende allerlei hervorziehen könne, was
    zu einer gründlichen Umgestaltung unserer psychologischen Lehren führen
    muß. Das Verhalten der wissenschaftlichen Buchkritik konnte nur zur
    Erwartung berechtigen, daß Totgeschwiegenwerden das Schicksal dieses
    meines Werkes sein müsse; auch die kleine Schar von wackeren Anhängern,
    die meiner Führung in der ärztlichen Handhabung der Psychoanalyse
    folgen und nach meinem Beispiel Träume deuten, um diese Deutungen
    in der Behandlung von Neurotikern zu verwerten, hätte die erste Auflage
    des Buches nicht erschöpft. So fühle ich mich denn jenem weiteren Kreise
    von Gebildeten und Wißbegierigen verpflichtet, deren Teilnahme mir die
    Aufforderung verschafft hat, die schwierige und für so vieles grundlegende
    Arbeit nach neun Jahren von neuem vorzunehmen.

    Ich freue mich, sagen zu können, daß ich wenig zu verändern fand.
    Ich habe hie und da neues Material eingeschaltet, aus meiner vermehrten
    Erfahrung einzelne Einsichten hinzugefügt, an einigen wenigen Punkten
    Umarbeitungen versucht; alles Wesentliche über den Traum und seine
    Deutung sowie über die daraus ableitbaren psychologischen Lehrsätze ist
    aber ungeändert geblieben; es hat wenigstens subjektiv die Probe der Zeit
    bestanden. Wer meine anderen Arbeiten (über Ätiologie und Mechanismus
    der Psychoneurosen) kennt, weiß, daß ich niemals Unfertiges für fertig
    ausgegeben und mich stets bemüht habe, meine Aussagen nach meinen
    fortschreitenden Einsichten abzuändern; auf dem Gebiet des Traumlebens
    durfte ich bei meinen ersten Mitteilungen stehen bleiben. In den langen
    Jahren meiner Arbeit an den Neurosenproblemen bin ich wiederholt ins
    Schwanken geraten und an manchem irre geworden; dann war es immer
    wieder die „Traumdeutung“, an der ich meine Sicherheit wiederfand.
    Meine zahlreichen wissenschaftlichen Gegner zeigen also einen sicheren
    Instinkt, wenn sie mir gerade auf das Gebiet der Traumforschung nicht
    folgen wollen.

  • S.

    VI

    Auch das Material dieses Buches, diese zum größten Teil durch
    die Ereignisse entwerteten oder überholten eigenen Träume, an denen
    ich die Regeln der Traumdeutung erläutert hatte, erwies bei der Revision
    ein Beharrungsvermögen, das sich eingreifenden Änderungen widersetzte.
    Für mich hat dieses Buch nämlich noch eine andere subjektive Bedeutung,
    die ich erst nach seiner Beendigung verstehen konnte. Es erwies sich mir
    als ein Stück meiner Selbstanalyse, als meine Reaktion auf den Tod meines
    Vaters, also auf das bedeutsamste Ereignis, den einschneidendsten Verlust
    im Leben eines Mannes. Nachdem ich dies erkannt hatte, fühlte ich mich
    unfähig, die Spuren dieser Einwirkung zu verwischen. Für den Leser mag
    es aber gleichgültig sein, an welchem Material er Träume würdigen und
    deuten lernt.

    Wo ich eine unabweisbare Bemerkung nicht in den alten Zusammen-
    hang einfügen konnte, habe ich ihre Herkunft von der zweiten Bearbeitung
    durch eckige Klammern angedeutet*.

    Berchtesgaden, im Sommer 1908.


    Vorwort zur dritten Auflage

    Während zwischen der ersten und der zweiten Auflage dieses Buches
    ein Zeitraum von neun Jahren verstrichen ist, hat sich das Bedürfnis einer
    dritten bereits nach wenig mehr als einem Jahre bemerkbar gemacht. Ich
    darf mich dieser Wandlung freuen; wenn ich aber vorhin die Vernach-
    lässigung meines Werkes von Seite des Leser nicht als Beweis für dessen
    Unwert gelten lassen wollte, kann ich das nunmehr zu Tage getretene
    Interesse auch nicht als Beweis für seine Trefflichkeit verwerten.

    Der Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis hat auch die „Traum-
    deutung“ nicht unberührt gelassen. Als ich sie 1899 niederschrieb, bestand
    die „Sexualtheorie“ noch nicht, war die Analyse der komplizierteren Formen
    von Psychoneurosen noch in ihren Anfängen. Die Deutung der Träume
    sollte ein Hilfsmittel werden, um die psychologische Analyse der Neurosen
    zu ermöglichen; seither hat das vertiefte Verständnis der Neurosen auf die
    Auffassung des Traumes zurückgewirkt. Die Lehre von der Traumdeutung
    selbst hat sich nach einer Richtung weiterentwickelt, auf welche in der
    ersten Auflage dieses Buches nicht genug Akzent gefallen war. Durch eigene
    Erfahrung wie durch die Arbeiten von W. Stekel und anderen habe
    ich seither den Umfang und die Bedeutung der Symbolik im Traume
    (oder vielmehr im unbewußten Denken) richtiger würdigen gelernt. So hat
    sich im Laufe dieser Jahre vieles angesammelt, was Berücksichtigung ver-
    langte. Ich habe versucht, diesen Neuerungen durch zahlreiche Einschaltungen

    *Diese wurden in den folgenden Auflagen wieder fallen gelassen.