Die Grenzen der Deutbarkeit 1900-001/1931.3

Freud, Sigmund (1900-001/1931.3): Die Grenzen der Deutbarkeit

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    DIE GRENZEN DER DEUTBARKEIT

    (1925)

    Die Frage, ob man von jedem Produkt des Traumlebens
    eine vollständige und gesicherte Übersetzung in die Ausdrucks-
    weise des Wachlebens (Deutung) geben kann, soll nicht ab-
    strakt behandelt werden, sondern unter Beziehung auf die
    Verhältnisse, unter denen man an der Traumdeutung arbeitet.

    Unsere geistigen Tätigkeiten streben entweder ein nützliches
    Ziel an oder unmittelbaren Lustgewinn. Im ersteren Falle
    sind es intellektuelle Entscheidungen, Vorbereitungen zu
    Handlungen oder Mitteilungen an andere; im anderen Falle
    nennen wir sie Spielen und Phantasieren. Bekanntlich ist auch
    das Nützliche nur ein Umweg zur lustvollen Befriedigung.
    Das Träumen ist nun eine Tätigkeit der zweiten Art, die ja
    entwicklungsgeschichtlich die ursprünglichere ist. Es ist irre-
    führend, zu sagen, das Träumen bemühe sich um die bevor-
    stehenden Aufgaben des Lebens oder suche Probleme der
    Tagesarbeit zu Ende zu führen. Darum kümmert sich das vor-
    bewußte Denken. Dem Träumen liegt solche nützliche Absicht
    ebenso ferne wie die der Vorbereitung einer Mitteilung an
    einen anderen. Wenn sich der Traum mit einer Aufgabe des
    Lebens beschäftigt, löst er sie so, wie es einem irrationellen
    Wunsch, und nicht so, wie es einer verständigen Überlegung
    entspricht. Nur eine nützliche Absicht, eine Funktion, muß
    man dem Traum zusprechen, er soll die Störung des Schlafes
    verhüten. Der Traum kann beschrieben werden als ein Stück
    Phantasieren im Dienste der Erhaltung des Schlafes.

    Es folgt daraus, daß es dem schlafenden Ich im ganzen
    gleichgültig ist, was während der Nacht geträumt wird, wenn
    der Traum nur leistet, was ihm aufgetragen ist, und daß die-
    jenigen Träume ihre Funktion am besten erfüllt haben, von

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    denen man nach dem Erwachen nichts zu sagen weiß. Wenn
    es so oft anders zugeht, wenn wir Träume erinnern, — auch
    über Jahre und Jahrzehnte, — so bedeutet dies jedesmal einen
    Einbruch des verdrängten Unbewußten ins normale Ich. Ohne
    solche Genugtuung hat das Verdrängte seine Hilfe zur Auf-
    hebung der drohenden Schlafstörung nicht leihen wollen. Wir
    wissen, es ist die Tatsache dieses Einbruchs, die dem Traum
    seine Bedeutung für die Psychopathologie verschafft. Wenn
    wir sein treibendes Motiv aufdecken können, erhalten wir un-
    vermutete Kunde von den verdrängten Regungen im Un-
    bewußten; andererseits, wenn wir seine Entstellungen rück-
    gängig machen, belauschen wir das vorbewußte Denken in
    Zuständen innerer Sammlung, die tagsüber das Bewußtsein
    nicht auf sich gezogen hätten. 

    Niemand kann die Traumdeutung als isolierte Tätigkeit
    üben; sie bleibt ein Stück der analytischen Arbeit. In dieser
    wenden wir je nach Bedarf unser Interesse bald dem vor-
    bewußten Trauminhalt, bald dem unbewußten Beitrag zur
    Traumbildung zu, vernachlässigen auch oft das eine Element
    zugunsten des anderen. Es nützte auch nichts, wenn jemand
    sich vornehmen wollte, Träume außerhalb der Analyse zu
    deuten. Er würde den Bedingungen der analytischen Situation
     doch nicht entgehen, und wenn er seine eigenen Träume bear-
    beitet, unternimmt er seine Selbstanalyse. Diese Bemerkung
    gilt nicht für den, der auf die Mitarbeit des Träumers ver-
    zichtet und die Deutung von Träumen durch intuitives Er-
    fassen erfahren will. Aber solche Traumdeutung ohne Rück-
    sicht auf die Assoziationen des Träumers bleibt auch im
    günstigsten Falle ein unwissen-
    schaftliches Virtuosenstück von sehr zweifelhaftem Wert.

    Übt man die Traumdeutung nach dem einzigen techni-
    schen Verfahren, das sich rechtfertigen läßt, so merkt man bald,
    daß der Erfolg durchaus von der Widerstands-
    spannung

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    zwischen dem erwachten Ich und dem verdrängten Unbe-
    wußten abhängig ist. Die Arbeit unter „hohem Widerstands-
    druck“ erfordert selbst, wie ich an anderer Stelle auseinander-
    gesetzt habe, ein anderes Verhalten des Analytikers als bei
    geringem Druck. In der Analyse hat man es durch lange Zeiten
    mit starken Widerständen zu tun, die noch nicht bekannt sind,
    die jedenfalls nicht überwunden werden können, solange sie
    unbekannt bleiben. Es ist also nicht zu verwundern, daß man
    von den Traumproduktionen des Patienten nur einen ge-
    wissen Anteil und auch diesen meist nicht vollständig über-
    setzen und verwerten kann. Auch wenn man durch die eigene
    Geübtheit in die Lage kommt, viele Träume zu verstehen, zu
    deren Deutung der Träumer wenig Beiträge geliefert hat, soll
    man gemahnt bleiben, daß die Sicherheit solcher Deutung in
    Frage steht, und wird Bedenken tragen, seine Vermutung dem
    Patienten aufzudrängen.   

    Kritische Einwendungen werden nun sagen: Wenn man
    nicht alle Träume, die man bearbeitet, zur Deutung bringt,
    soll man auch nicht mehr behaupten, als man vertreten kann,
    und sich mit der Aussage begnügen, einzelne Träume seien
    durch Deutung als sinnreich zu erkennen, von anderen wisse
    man es nicht. Allein gerade die Abhängigkeit des Deutungs-
    erfolges vom Widerstand enthebt den Analytiker einer solchen
    Bescheidenheit. Er kann die Erfahrung machen, daß ein
    anfangs unverständlicher Traum noch in derselben Stunde
    durchsichtig wird, nachdem es gelungen ist, einen Widerstand
    des Träumers durch eine glückliche Aussprache zu beseitigen.
    Plötzlich fällt ihm dann ein bisher vergessenes Traumstück
    ein, das den Schlüssel zur Deutung bringt, oder es stellt sich
    eine neue Assoziation ein, mit deren Hilfe das Dunkel sich
    lichtet. Es kommt auch vor, daß man nach Monaten und
    Jahren analytischer Bemühung auf einen Traum zurückgreift,
    der zu Anfang der Behandlung unsinnig und unverständlich

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    erschien, und der nun durch die seither gewonnenen Einsichten
    eine völlige Klärung erfährt. Nimmt man aus der Theorie
    des Traumes das Argument hinzu, daß die vorbildlichen
    Traumleistungen der Kinder durchwegs sinnvoll und leicht
    deutbar sind, so wird man sich zur Behauptung berechtigt
    finden, der Traum sei ganz allgemein ein deutbares psychisches
    Gebilde, wenngleich die Situation nicht immer die Deutung
    zu geben gestattet.

    Wenn man die Deutung eines Traumes gefunden hat, ist
    es nicht immer leicht zu entscheiden, ob sie eine „vollständige“
    ist, d. h. ob nicht auch andere vorbewußte Gedanken sich
    durch denselben Traum Ausdruck verschafft haben. Als er-
    wiesen hat dann jener Sinn zu gelten, der sich auf die Einfälle
    des Träumers und die Einschätzung der Situation berufen
    kann, ohne daß man darum den anderen Sinn jedesmal ab-
    weisen dürfte. Er bleibt möglich, wenn auch unerwiesen; man
    muß sich mit der Tatsache einer solchen Vieldeutigkeit der
    Träume befreunden. Diese ist übrigens nicht jedesmal einer
    Unvollkommenheit der Deutungsarbeit zur Last zu legen,
    sie kann ebensowohl an den latenten Traumgedanken selbst
    haften. Der Fall, daß wir unsicher bleiben, ob eine Äußerung,
    die wir gehört, eine Auskunft, die wir erhalten haben, diese
    oder jene Auslegung zulassen, außer ihrem offenbaren Sinn
    noch etwas anderes andeuten, ereignet sich ja auch im Wach-
    leben und außerhalb der Situation der Traumdeutung.

    Zu wenig untersucht sind die interessanten Vorkommnisse,
    daß derselbe manifeste Trauminhalt gleichzeitig einer kon-
    kreten Vorstellungsreihe und einer abstrakten Gedankenfolge,
    die an erstere angelehnt ist, Ausdruck gibt. Der Traumarbeit
    macht es natürlich Schwierigkeiten, die Vorstellungsmittel für
    abstrakte Gedanken zu finden.

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