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[Das Original dieses Briefes liegt im Jüdischen Nationalmuseum der Universitätsbibliothek in Jerusalem. Der hier vorliegende Text ist eine Abschrift der Transkription von Gerhard Fichtner (Masson, Hg., 1896)].
27. 7.1904
Lieber Wilhelm!
Ich sehe, daß ich Dir mehr Recht lassen muß, als ich ursprünglich wollte denn es frappiert mich selbst, daß ich vergessen, wie sehr ich mich über den Schüler Swoboda beklagt, daß ich den Besuch Weiningers bei mir übergangen, den ich doch nicht vergessen. Letzteres Fakturn ist ganz so, wie Rie es Dir erzählt hat; das mir vorliegende Manuskript hatte zwar ganz anderen Wortlaut als das heute gedruckte Buch; ich habe mich auch wesentlich über das Kapitel Hysterie geschreckt, das ad captandam benevolentiam meam geschrieben war, aber der durchgehende Gesichtspunkt der Bisexualität war natürlich zu erkennen, und mir dürfte damals leid getan haben, daß ich durch Swoboda, was ich schon wußte, Deine Idee ihm ausgeliefert hatte. Im Zusammenwirken mit meinem eigenen Versuch, Dir diese Originalität zu entwenden, verstehe ich dann mein Benehmen gegen Weininger und mein weiteres Vergessen.
Ich glaube indeß nicht, daß ich damals hätte schreien sollen: Haltet den Dieb. Vor allem hätte es nichts genützt, denn der Dieb kann ebensowohl behaupten, es sei sein eigener Einfall; auch lassen sich Ideen nicht patentieren. Man kann sie zurückhalten – und tut sehr gut daran, wenn man auf seine Priorität Wert legt. Hat man sie von sich gelassen, gehen sie ihren eigenen Weg. Ferner war ich damals schon mit den Angaben der Literatur bekannt, in denen die Idee der Bisexualität zur Erklärung der Inversion herangezogen wird. Du wirst zugeben, daß ein findiger Kopf leicht auch von selbst den Schritt tun kann, die bisexuelle Anlage von einigen auf alle auszudehnen; wenngleich dieser Schritt Dein Novum ist.
Für mich persönlich warst Du stets (seit 1901) der Autor der Idee der Bisexualität; ich fürchte, Du wirst bei Durchsicht der Literatur fnden, daß viele wenigstens in Deine Nähe gekommen sind. Die Dir mitgeteilten Namen finde ich in meinem Manuskript, Bücher habe ich nicht mitgebracht, um Dir näheren Nachweis zu geben, Du wirst sie gewiß in der Psychopathia sexualis von Krafft-Ebing finden.
Ferner war ich sicher und bin es noch, daß ich Swoboda keine Details aus Deinen Mitteilungen angegeben habe. Die Allgemeinheit der bisexuellen Anlage ist alles, was in der Kur vorkommt und was ich dort brauche. Seit der Erfahrung, die im Alltagsleben freimütig mitgeteilt ist, habe ich die Ahnung bekommen, daß für einen von uns die Reue über unseren seinerzeit unbeschränkten Gedankenaustausch kommen könnte, und habe mich mit Erfolg bemüht, die Details Deiner Mitteilungen zu vergesse. Daß meine Freigiebigkeit oder Unvorsichtigkeit mit Deinem Eigentum geschaltet hat, habe ich mir offenbar damals dunkel zum Vorwurf gemacht wie heute mit voller Klarheit. Ich darf nur annehmen, daß die Schädigung, die Du von Weiningers Seite erfahren hast, sehr gering ist, denn sein Machwerk wird niemand ernst nehmen, und Du kannst, wenn es Dir der Mühe Wert ist, den Sachverhalt klarstellen. Das Stehlen ist nicht so leicht, wie Weininger sich's vorgestellt hat, damit tröste ich mich und möchte auch dich getröstet wissen.
Daß dieser Vorfall, bei dem Du mir Vorwürfe machst, eine lang eingeschlafene Korrespondenz wiedererweckt hat, bedauerst nicht Du allein, sondern auch ich. Es ist aber nicht meine Schuld, wenn Du Zeit und Lust zum Briefverkehr mit mir erst bei so kleinlichem Anlaß wiederfindest. Du hast eben in den letzten Jahren – das Alltagsleben ist die Grenze dafür – weder für mich noch für die Meinigen oder für meine Arbeiten mehr Interesse gezeigt. Ich habe es heuer schon verschmerzt und wenig Bedürfnis mehr darnach, mache Dir keinen Vorwurf und bitte Dich auch, nicht auf diesen Punkt zu antworten.
Ich habe ein anderes Anliegen. All mein Lebtag habe ich Anregungen ausgestreut, ohne zu fragen, was aus ihnen wird. Ich kann ohne Selbstkränkung zugestehen, daß ich dies und jenes von anderen gelernt habe. Aber ich habe mir nie Fremdes angeeignet als das Meinige, das können nur Leute wie Gärtner behaupten. Ich will auch jetzt mit der Bisexualität nicht in die Lage gegen Dich kommen, am wenigsten, seitdem Du in demselben Ding dem anderen Deine Anerkennung, mir Dein Mißfallen auszudrücken beliebst (Fall Swoboda). Du sollst also noch die Freundlichkeit haben, mir aus der jetzigen Verlegenheit zu helfen, indem Du die Bemerkungen über Bisexualität in meiner eben ausgefertigten Abhandlung zur Sexualtheorie in der Korrektur liest und sie bis zu Deiner Zufriedenheit änderst. Ich könnte einfacher die Publikation aufschieben, bis Du Deine Biologie der Öffentlichkeit übergeben hast. Aber ich weiß nicht, wann das sein wird. Meinetwegen wirst Du Dich kaum beeilen. Ich kann unterdes gar nichts tun, auch nicht einmal den Witz fertigmachen, der sich in einem entscheidenden Punkt auf etwas in der Sexualtheorie beruft. Ich habe auch nichts davon, wenn ich auf Deine Publikation warte, denn dann kann ich unmöglich dem Thema Bisexualität so ausweichen wie jetzt, dann muß ich Stellung nehmen und eventuell neue Arbeiten machen. Andererseits kommt bei mir von Bisexualität oder anderen Dingen, die ich Dir entlehnt habe, so wenig vor, daß ich Deinem Anteil mit wenigen Bemerkungen gerecht werden kann. Ich muß nur sicher sein, daß Du mit ihnen einverstanden bist und nicht Anlaß zu einem späteren Vorwurf darin findest.
Um diese Antwort bitte ich Dich also.
Mit herzlichem Gruß
Sigm
P.S. Möbius hat dem Buch von Weininger eine Broschüre gewidmet „Geschlecht und Unbescheidenheit", die ich natürlich auch nicht mitgenommen habe. Er nimmt darin allerlei von Weiningers Gedanken für sich in Anspruch. Es wird Dich gewiß interessieren nachzusehen, welche